Aufklärung

 

 

 

1.1.2004

"Aufklärung ist eine Metapher. Die darin enthaltene Metapher des „Lichts“ lässt sich unterschiedlich verwenden. ... In der islamischen Welt lautet die Frage: Brauchen wir eine von außerhalb unserer Kultur kommende Aufklärung? ...

Einem sehr einflussreichen islamistischen Autor zufolge muss es geschützte Gebiete geben, genauer gesagt „Sicherheitszonen“, die nicht im Bereich intellektueller Diskussionen oder akademischer Forschung liegen. Diese Sicherheitszonen sind durch die Religion vor jedem Denken geschützt. Es handelt sich um die nicht bestreitbaren und unbezweifelbaren Glaubenssätze. ...

Was als „wahrer“ islamischer Glaube ausgegeben wird, ist jedoch die Interpretation einer bestimmten theologischen Schule, der „orthodoxen“. ... Die orthodoxe Theologie wurde im Laufe der Geschichte von den meisten muslimischen Staaten einfach deswegen als politische Ideologie übernommen, weil sie den „Gehorsam“ als religiöse Pflicht betont. Die politischen Herrscher vereinen damit auf subtile oder explizite Weise politische und religiöse Autorität in einer Hand. Da alle Arten von Freiheit die Diktatur gefährden und dem geistigen Absolutismus Widerstand leisten, werden die Ausdrücke Gedankenfreiheit, Säkularismus und Aufklärung mindestens mit Vorsicht betrachtet, wenn sie nicht rundheraus verworfen werden, weil sie allesamt Hervorbringungen westlicher Kultur und europäischer Zivilisation sind, die den Grundlagen islamischer Zivilisation und Kultur elementar widersprächen. Andernfalls würden die Muslime ihre Identität verlieren und von ihren historischen Feinden nicht nur beherrscht und manipuliert, sondern absorbiert werden. Um gewöhnliche Muslime davon zu überzeugen, dass sie keine andere Chance haben, als an der reinen islamischen Identität festzuhalten, werden der Koran und die Traditionen des Propheten Mohammed zur einzigen Quelle des Lichts und damit zur alleinigen Quelle der Aufklärung erklärt.

... Das Kapitel 24 des Korans, wo Gott als „Licht der Himmel und der Erde“ beschrieben wird, trägt den Titel Licht. Die poetische Struktur dieses Gottesbildes war Gegenstand theosophischer und mystischer Interpretationen und stiftete den Begriff „islamischer Aufklärung“. Sie wird von der rationalen Theologie der so genannten Mutasiliten verkörpert. Mutasiliten waren Muslime, die sich im 9. Jahrhundert von den herrschenden Diskursen absonderten. Sie entwickelten eine Reihe erkenntnistheoretischer Prinzipien, um ein rationales Verständnis und eine rationale Deutung der Welt, des Menschen, Gottes und seiner Offenbarung zu gewährleisten.

Das erste Prinzip besagt, dass die Erkenntnis von dieser Welt auszugehen hat. Wir können von der anderen, „ungesehenen, metaphysischen“ Welt nur sprechen aufgrund von Hinweisen, die uns von der offensichtlichen Realität dieser „gesehenen“ Welt geliefert werden.

Das zweite Prinzip besagt, dass alle Menschen, gleich welcher Rasse, Hautfarbe, Religion, Sprache oder Kultur, mit dem notwendigen Erkenntnisvermögen, dem „notwendigen Intellekt“ ausgestattet sind. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Fähigkeit, durch Reflexion von der Ebene notwendigen Wissens zur Ebene erworbenen Wissens fortzuschreiten. Dieser Akt der Reflexion besteht entweder in Deduktion oder Induktion, das heißt in der Untersuchung von Beweisen oder Indizien.

Gott zu erkennen ist eine religiöse Pflicht. Die Gotteserkenntnis ist auch das allerhöchste Ziel intellektueller Reflexion. Gott stattete den Menschen mit Intellekt aus, das heißt, er befähigte ihn zur Reflexion, damit er unabhängig von der göttlichen Offenbarung wahre Erkenntnis über Gott erlangen kann. Gott und seine Attribute können nur durch Reflexion und erworbenes Wissen erkannt werden, nicht durch unmittelbares oder geoffenbartes Wissen.

...

Der Traditionalismus [birgt] die Möglichkeit von Fehlern, weil er nur zwei Möglichkeiten hat: Entweder man folgt allen Traditionen, gleichgültig, wie widersprüchlich sie sind, oder man trifft eine Wahl und akzeptiert einige, während man andere ablehnt. Wenn man aber gewählt hat, kann man niemals sicher sein, die richtige Wahl getroffen zu haben, weil es kein Kriterium dafür gibt. ...

Das dritte Prinzip ist die Ablehnung der Idee des Konsenses oder der Mehrheitsmeinung, weil sie keineswegs offensichtlich wahr ist. Mohammeds Anhänger zum Beispiel waren anfänglich eine kleine Minderheit, trotzdem ist ihre Überzeugung wahr. Die Berufung auf die Autorität der Tradition führt zu einer endlosen Kette von Fehlern. Weder die Autorität der Mehrheit noch die Autorität eines anderen Traditionalismus kann die Richtigkeit der Traditionsbefolgung verbürgen.

Die Mutasiliten entwickelten zu diesem Zweck eine Theorie des Verhältnisses zwischen dem Menschen, der Sprache und dem heiligen Text, mit der sie zwischen dem göttlichen Wort und der menschlichen Vernunft eine Brücke schlagen wollten. ... Die Beziehung zwischen dem Bezeichnendem und dem Bezeichneten existiert in allen natürlichen Sprachen nur durch menschliche Konvention. ... Die Mutasiliten vertraten den Standpunkt, dass das göttliche Wort etwas sei, was sich auf die menschliche Sprache einstelle. Die Sprache sei eine Hervorbringung des Menschen, und das göttliche Wort halte sich an die Regeln und Formen der menschlichen Sprache. Diese These half ihnen, ihre Theorie zu stützen, wonach der Korantext nicht die ewige, wörtliche Äußerung Gottes darstelle. Er ist eine von Gottes Schöpfungen. ...

Die europäische Invasion der arabischen und muslimischen Welt provozierte zunächst eine Reaktion, die die europäische Moderne akzeptierte, um die politische Aggression besser bekämpfen zu können. Erst mit der Entwicklung der Beziehung zwischen Europa und der muslimischen Welt gewann der Traditionalismus allmählich an Boden. Die intellektuelle Reaktion beschränkte sich aber vorerst darauf, die islamische Kultur gegen einige Orientalisten zu verteidigen, die dem Islam selbst Rückständigkeit zuschrieben, anstatt sie den sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Voraussetzungen anzulasten. ...

Mohammed Abduh (1849–1905) gilt als Vater des modernen islamischen Denkens, weil er die Debatte über Aufklärung und Rationalität ins Leben rief. Auf welche Frage hatte er zu antworten? Das Europa der Aufklärung im 18. Jahrhundert und das Europa des Imperialismus im 19. Jahrhundert stellten für die muslimische Welt im Allgemeinen und die arabische Welt im Besonderen eine komplizierte Herausforderung dar. Europa zeigte ein Doppelgesicht: als aggressiver, bewaffneter Feind und als wissenschaftlich hoch entwickelter Geist. Um den Feind bekämpfen zu können, übernahm man die Militärtechnik des Westens. Auch Naturwissenschaft und Technik konnten übernommen werden, weil ihr Import keine Gefahr darstellte. Als Äquivalent zu Rationalismus und Aufklärung wurde die klassische islamische Theologie und Philosophie – insbesondere der Mutasiliten und von Averroës – bemüht. Die Strategie bestand darin, das eine vom Westen und das andere aus der Vergangenheit zu übernehmen. ...

Erst die Abschaffung des Kalifats in der Türkei im Jahr 1924 eröffnete den Streit um die Trennung von Religion und Staat, der bis heute die Anhänger der modernen Zivilgesellschaft und jene, die vom theokratischen Staat träumen, entzweit. Im Jahr 1928 wurde in Ägypten von Hassan al-Banna die „Muslimbruderschaft“ als Reformbewegung ausgerufen, um die Gesellschaft auf den Weg des Islams zurückzubringen.

Die Trennung von Muslims und Hindus auf der indischen Halbinsel, die Gründung des islamischen Staates Pakistan und die Gründung Israels riefen eine starke, reaktionäre Bewegung hervor. Ihr Ziel war es, das Kalifat wieder zu errichten, um die Muslime im Kampf gegen ihre Feinde zu stärken. Die arabische Niederlage gegen Israel 1967, die das Scheitern aller panarabisch-sozialistischen Revolutionen deutlich machte, und die erfolgreiche iranische Erhebung gegen den Schah im Jahr 1979 verschafften dem Schlagwort „Der Islam ist die Lösung“ weitere Zuversicht. Die beiden Golfkriege verstärkten die feindselige Tendenz, die sich nicht mehr allein gegen den politischen Westen, sondern gegen die „Moderne“ als westliche Erfindung überhaupt richtet.

In den frühen sechziger Jahren betonte Sayyid Qutb, der Begründer des jüngsten muslimischen Fundamentalimus, dieselbe Trennung zwischen Naturwissenschaft und Technik des Westens einerseits und Theologie, Philosophie, Sozial- und Geisteswissenschaften andererseits. Könnten Muslime zum Beispiel die Psychologie Sigmund Freuds oder gar moderne linguistische Theorien übernehmen? Für Qutb sollten sie das selbstverständlich nicht. Sie haben ihre eigene islamische Psychologie, islamische Soziologie, islamische Geschichtsschreibung. Aus fundamentalistischer Sicht ist die Geschichte kein akademisches Wissensgebiet, das über allgemeingültige oder übliche Untersuchungsmethoden verfügt. ...

Von dieser Auffassung geht die Ideologie aus, die für eine Islamisierung des Wissens eintritt anstatt für eine Modernisierung islamischen Denkens....

Was die Metapher der Aufklärung angeht, so predigt der neuere islamische Diskurs zwar die Aufklärung des Herzens, des Geistes, der Seele, nicht aber eine Aufklärung zum Zweck weltlicher Interessen. Die weltliche Aufklärung, wird behauptet, sei das Hauptanliegen des Westens, und ihr Ergebnis seien alle Formen spiritueller Verdorbenheit. In dieser Sicht ist der Westen Madonna, Michael Jackson, er ist Ehebruch, Homosexualität und so weiter. Darum wird anstelle der Demokratie die islamische shûra, die Ratsversammlung, gefordert, denn Demokratie bedeutet Autorität des Volkes „demos“, wohingegen die shûra auf „nomos“, der Autorität Gottes beruht.

Obwohl Abduh in der Lage war, eine gewisse Unterscheidung zwischen dem aufgeklärten und dem imperialistischen Westen zu machen, kommt diese Unterscheidung im modernen islamischen Denken überhaupt nicht mehr vor. Vielmehr sieht es sich vor folgendem Problem: Wenn wir die westliche Weltanschauung übernehmen, kommen wir in Bedrängnis, weil Gott dem Westen zufolge das Universum zwar geschaffen haben mag, es aber lediglich schuf und in Bewegung setzte, während es sich jetzt nach eigenen Gesetzen bewegt. Für traditionelle Muslime hingegen ist Gott immer tätig, er steuert das Universum und greift ein. Was immer geschieht, geschieht infolge von Gottes Eingreifen. Dieser Weltsicht entspricht eine weitere Metapher, derzufolge erstens Gott den Menschen schuf; zweitens der Mensch eine Maschine ist; drittens, weil Gott der Schöpfer ist, er auch am besten weiß, was für diese Maschine gut ist. Daraus ist zu schließen, dass die Anweisungen Gottes stets befolgt werden sollten, um die Maschine, den Menschen, am Laufen zu halten.

...

Tatsache ist freilich, dass sich der islamische Diskurs so manche westliche Kritik an der Moderne zu eigen macht, um seine eigene Ideologie zu rechtfertigen. So stellt er den Westen als ein Beispiel für Ungerechtigkeit, Verdorbenheit, schlechtes Funktionieren hin. Der historische Prozess, der von der Aufklärung zum Imperialismus und jüngst von einer Welt zweier Supermächte zu einer Suprematie amerikanischer Politik geschritten ist, hilft dabei. ...

Die Missachtung grundlegender Rechte intellektueller Freiheit in der Vergangenheit wie in der Gegenwart ermöglichte es den politischen Autoritäten, der breiten Öffentlichkeit ihre bevorzugten Ideen mit inquisitorischen Mitteln aufzuzwingen. In der Geschichte der Muslime pflegten politische Machthaber schon immer in das geistige Leben einzugreifen, um einige Ideen gegen andere durchzusetzen und bestimmte theologische Gruppen gegen andere zu unterstützen. ..."

Aus dem Englischen von Karin Wördemann

 

Gottesbilder

8.1.2004

Wage es, dich einzufühlen. Wage die Empathie.
Ja, das ist der Kernpunkt.
Und man könnte jetzt statt wagen auch sagen,
beobachte, merke, dass du sie längst hast.
Denn eine Grundströmung in den Menschen
ist dieses unbestechliche Empfinden,
dass Elend in der Welt in Wirklichkeit in unserem emotionalen Grundwasserspiegel vorkommt.
Darin sind wir ahnungsvolle Wesen.

 

Alexander Kluge in der ZEIT

 

Einfühlen

27.1.2004

Vor vierzig Jahren verfasste der ägyptische Denker Sayyid Qutb "Meilensteine", eines der philosophischen Urdokumente des islamistischen Terrorismus. Seine Doktrin überrascht durch das antiautoritäre Freiheitspathos, mit der sie sich als Alternative zu Kommerz, Götzendienst und innerer Leere präsentiert

VON ROBERT MISIK (TAZ)

"Sayyid Qutb selbst war eine irritierende Figur. 1906 in einem kleinen Dorf am Nil in eine wohlhabende und sehr weltlich orientierte Familie hineingeboren, entwickelte er sich zu einem der einflussreichsten islamischen Denker des 20. Jahrhunderts. ...

Ende der Vierzigerjahre schickt ihn die ägyptische Regierung auf einen dreijährigen Studienaufenthalt in die USA. Er tut sich auf Universitäten, in Jazzclubs und in Kirchen um. Irgendetwas Grundlegendes muss in ihm in dieser Zeit vorgegangen sein: ein tiefer Kulturschock oder eine demütigende Enttäuschung angesichts der amerikanischen Moderne, die einen radikalen Sinneswandel einleitete. ... Er schließt sich der politischen Bewegung der Muslimbrüder an und wird gewissermaßen ihr Chefideologe. ...

Die Jahre im Gefängnis bilden Qutbs produktivste Zeit. Hier verfasst er seinen umfassenden Koran-Kommentar "Im Schatten des Korans", dessen englische Übersetzung acht Bände zählt. Und er schreibt "Meilensteine", den wohl einflussreichsten Text des radikalen Islamismus, der auch auf vielen moderat-muslimischen Homepages zu finden ist.

In diesem "Meisterwerk" wird, fein ziseliert und über viele tausend Seiten hinweg, eine theologische Kritik der Gegenwart entwickelt, die aus der Lektüre des Korans heraus die Perspektive eines "echten Lebens" eröffnet, frei von Materialismus und Götzendienst. Eine Art neuer Mensch wird hier entworfen, tugendhaft und nicht entfremdet, der niemandem mehr untersteht: keinem Staat und keinem Klerus, nur Gott.

In den "Meilensteinen" von 1964, entstanden zwei Jahre vor seinem gewaltsamen Tod, wird die Kritik dann artikulierter. Die gesamte gegenwärtige Welt, in Ost wie in West, nennt Sayyid Qutb schlicht Jahiliyya: ein Ausdruck, der im offiziellen religiösen Diskurs eigentlich die vorislamische Zeit bezeichnet, die nach koranischer Lesart von Dekadenz und Vielgötterei geprägt gewesen sein soll. Nach Qutb ist jede Gesellschaft "jahili", so das Adjektiv, die sich nicht unter die Herrschaft Gottes begibt. Im Prinzip ist "jede Gesellschaft, die heute existiert, jahilisch". Auch jene Gesellschaften in der islamischen Welt mithin, die von nominell muslimischen Herrschern regiert werden, aber nicht den islamischen Gesetzen folgt.

Es ist eine Welt, in der Qutb nichts als Dekadenz und "moralische Degeneration der Gesellschaft" erkennt. Er klingt dabei nicht besonders bigott, sondern analysiert vielmehr den Mangel an menschlicher Würde und an Respekt der Menschen voreinander. Wenn er über das moderne Leben schreibt, dass "alle menschlichen Werte auf dem Altar der materiellen Produktion geopfert werden", dann beschreibt er ein Unbehagen, das viele klar denkende Menschen in der modernen Welt teilen.

Die Gründe für die Malaise sind laut Qutb in frühen wie in heutigen Tagen dieselben: "die Begierden" der Menschen und dass sie "sich selbst am wichtigsten nehmen". Die Menschen werden "vulgär", der Kapitalismus mit seiner "materialistischen Attitüde (…) tötet allen Geist ab".

Der Islam mit seiner radikalen Beziehung zum einen, alleinigen Gott ist aus solcher Perspektive das Gegengift zu Vielgötterei, zu Götzendienst, zur Unterwerfung - sei es unter die Gebote des Kommerzes oder die Herrschaft von Tyrannen. "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet", lautet seine Schlüsselformel. Der Islam, so verstanden, ist eine Lebensart, ein Way of Life: die einzige Weise, in der der Mensch frei werden kann, weil er nur in der wahrhaft islamischen Gesellschaft niemand anderem dient als Gott. Bis heute versuchen sich islamische Fundamentalisten daher, mit einigem Erfolg, als die globale antimaterialistische Kraft schlechthin zu präsentieren.

Manche Beobachter haben deshalb den extremistischen Islamismus, auch wenn er in der Praxis die Unterwerfung unter religiöse Führer und die Scharia fordert, mit den Worten "Anarcho-Islamismus" zu charakterisieren versucht. Erstaunlich, aber wahr, denn die Lehre Qutbs tritt mit einem großen Freiheitspathos zutage. Der Begriff der Freiheit ist ihr zentral: die Freiheit von der Unterwerfung unter die Gesetze Pharaos (womit jeder weltliche Herrscher gemeint ist). Unterwerfung unter die Scharia ist Freiheit, denn die Scharia kommt von Gott. Unterwerfung unter weltliche Gesetze, und seien sie von frei gewählten Parlamenten beschlossen, ist Unfreiheit, denn diese Gesetze wurden von Menschen gemacht. Indem er sich Gott unterstellt, wirft der Mensch die Ketten weltlicher Knechtschaft ab.

Um das Reich der Jahiliyya zu zerstören und eine islamische Gesellschaft zu errichten, müssen die Gläubigen zum Vorbild der "einzigartigen koranischen Generation" zurückkehren, der Gemeinschaft Mohammeds. "Unser Ziel ist es, erst uns zu ändern und dann die Gesellschaft." Zu diesem Zweck muss zunächst eine Avantgarde entstehen: eine "aktive, harmonische, kooperative Gruppe", die in ihren Gesellschaften für den Islam kämpft. Und die versucht, den Islam - "die einzig zivilisierte Gesellschaft" - über den Erdball zu verbreiten. "Das Leben, das ihr lebt, ist niedrig", werde man den Ungläubigen zurufen, im Orient wie im Okzident. Und man werde sie, wenn sie sich der Sache Gottes entgegenstellen, bekämpfen, so Qutb. Denn der Islam ist eine "universelle Freiheitserklärung" und darum eine Herausforderung für all jene Gesellschaften, in denen Menschen die göttlichen Attribute usurpiert haben. Die Muslime haben den Dschihad zu führen, und zwar nicht nur defensiv, sondern auch offensiv. Wie der Koran befiehlt: "Kämpft gegen die Freunde Satans."

... Wenn man Qutbs Schriften liest - die ruhige Eindringlichkeit seiner theologischen Studien, die Vehemenz, mit der er seine Lehre von der politisch-aktivistischen Religiosität verficht -, dann bekommt man eine Ahnung davon, was radikale junge Muslime daran fasziniert: die Art, mit der ein "echtes Leben" gegen das verdorbene, niedrige Leben der kapitalistischen Moderne in Stellung gebracht wird. Eine Art, die mit abendländischen Spielarten des Nihilismus verwandt ist. Die Bilder eines eminenten Befreiungsaktes, die er wachruft. Der heroische Aktivismus einer islamischen Avantgarde, die er beschwört und die bei Kennern leninistischer Rhetorik gewiss Erinnerungen wachruft.

Die Verachtung, die er dem frömmlerischen Konservativismus gemäßigter Muslime gegenüber hegt, die mahnen, man müsse sich an die Gesetze halten und der Dschihad diene nur zur Verteidigung. Da kann man sich leicht ausmalen, wie eine radikale Jugend mit diesem Vokabular Konflikte mit ihrer Elterngeneration austrägt. Das Gefühl einer spirituellen Leere, die Gewissheit, dass das "echte Leben" woanders ist, die Sehnsucht nach einem großen Moment der Reinigung: Sie begründen die Anziehungskraft des radikalen Islamismus.

Natürlich steht Qutb nur für eine Spielart des Islamismus. ... Und gewiss stellt Qutbs radikal antiautoritärer Islamismus, der weder die Autorität weltlicher noch die einer traditionell-religiösen Führerschaft akzeptiert, innerhalb der Geistesgeschichte des Islam eine Art Häresie dar.

Aber alle Spielarten des islamischen Fundamentalismus speisen sich aus demselben Unbehagen: aus dem Gefühl einer seltsamen islamischen Größe und Moral, die mit der Realität, der Rückständigkeit und Abhängigkeit der islamischen Gesellschaften nur schwer in Einklang zu bringen ist. Ihre Gedanken haben, auch wenn die militanten Dschihad-Gruppen isoliert bleiben, eine Streuwirkung über den engen Kreis der Fundamentalisten hinaus. Und sie zeichnen sich durch eine antijüdische Militanz aus, wie sie gerade in muslimischen Gesellschaften jahrhundertelang unbekannt war. Viel ist in diesem islamistischen Diskurs plötzlich von der "Heimtücke der Juden", dem "verräterischen Volk", die Rede.

Prinzipiell judenfeindliche Stellen finden sich schon im Koran. Dort heißt es in einer Sure sogar, die Juden stammen von Affen und Schweinen ab. Doch dies hat jahrhundertelang keine große Rolle gespielt im Verhältnis der Religionen. Erst im letzten Jahrhundert hat der moderne Islamismus die antijüdischen Traditionen revitalisiert und mit dem modernen Antisemitismus und Antizionismus vermengt. "Der erbitterte Krieg, den die Juden gegen den Islam angezettelt haben", tobe seit 14 Jahrhunderten, behauptete Sayyid Qutb plötzlich. "Die Juden waren es, die die Polytheisten aufhetzten."

Im islamistischen Diskurs werden die Juden als Volk mit sklavischem Charakter angesehen. Sie seien Speichellecker, wenn sie schwach, dafür aber brutal und arrogant, sobald sie mächtig sind. Nur wenige Muslime werden mit jedem einzelnen Argument von Leuten wie Qutb übereinstimmen. Aber viele dürften wohl einige seiner Schlüsse teilen und gewissermaßen den Klang der Argumentationsreihe eingängig finden."

 

Fundamentalismus

Die Situation der arabischen Kultur vom syrischen Philosophen              Dr. Sadik J. Al-Azmim (Oktober 2003)


"Ich möchte indes gleich sagen, dass ich nicht vorhabe, über den 11. September, den "kranken Mann" und ähnliche Themen zu sprechen, oder, wie es für Araber oft typisch ist, mich in feierlichen Lobpreisungen unserer glorreichen Vergangenheit und der Rezitation jener alten Weisheit zu ergehen, laut der das moderne Europa doch eigentlich uns alles zu verdanken hat: Averra, die hoch stehende Kultur und Zivilisation des muslimischen Andalusiens, die arabischen Errungenschaften in Wissenschaft, Mathematik und Philosophie, und so weiter und so fort.

Stattdessen möchte ich einige hoffentlich aufschlussreiche Kommentare, erhellende Beobachtungen und nützliche Klarstellungen zur arabischen Kultur im Hier und Jetzt präsentieren. Denn im Gegensatz zur herrschenden Vorstellung in der nicht-arabischen Welt, besonders im Westen,
sind Kultur, Denken, Theorien, Literatur und Kunst unserer Region keineswegs so politisch konform, religiös-dogmatisch und geistig steril, wie es von außen und manchmal sogar auch von innen aus gesehen den Anschein hat. Und nichts von dem, was derzeit überall auf der Welt über die Rückkehr des Islam, den Aufstieg des Fundamentalismus, Islamismus und aller möglicher rückwärts gerichteter Ideologien gesagt wird, kann an dieser Tatsache das Geringste ändern.

Gewaltsam in eine moderne Welt gezwungen

Die moderne arabische Kultur ist dem Wesen nach ein langwieriger, hartnäckiger Versuch, (a) eine
Antwort auf eine Moderne zu finden, die von Europa erfunden wurde, und (b) sich so schnell und funktionell wie möglich an eine dynamische moderne Welt anzupassen, die ursprünglich von eben diesem selben Europa geschaffen und gestaltet wurde, wobei die Araber, Muslime, Chinesen, Hindus und sonstigen Nicht-Europäer nicht nur nicht gefragt wurden, sondern auch die Zeche zahlen mussten. Die Höhe- und Tiefpunkte, die Leiden und Schmerzen, die Erfolge und Fehlschläge, der Widerstand und die Kämpfe, die Gefühle von Hass und Animosität, die diesen langen Anpassungsprozess immer wieder gekennzeichnet haben, gehen auf die Tatsache zurück, dass die Araber seinerzeit gegen ihren Willen und Widerstand gewaltsam in diese neue moderne Welt hineingezwungen wurden, und dass die Moderne ihnen sodann kraft überlegener Macht, Effizienz und Leistungsfähigkeit von außen aufgenötigt wurde.

Das hat dazu geführt, dass die arabische Kultur und Geschichte heute ohne Europa gar nicht mehr denkbar ist. Tatsächlich hat das
gewaltsame Eindringen Europas in die arabische Welt zu einem einschneidenden und definitiven Bruch mit unserer Vergangenheit geführt, den ich nur mit dem nicht weniger endgültigen und definitiven Bruch vergleichen kann, den die gewaltsame arabische Intervention in die Geschichte und Kultur des sassanidischen Persien im Jahr 637 bewirkte. Und ebenso wie die Geschichte Persiens nach dieser Eroberung nicht mehr ohne die Araber und deren plötzliches Vordringen in die farsische Region gedacht werden kann, ist auch die Geschichte und Kultur der arabischen Welt nach der europäischen Invasion nicht mehr ohne Europa, die Moderne und beider plötzliches Vordringen in die arabische Region zu verstehen, ein Vordringen, das mit allem aufräumte, was nicht genügend Lebens- und Widerstandskraft besaß.

Diese Geschichte erklärt die vielfältigen Neurosen, narzisstischen Verletzungen, Minderwertigkeitskomplexe, Trugbilder, kompensatorischen Täuschungen und Erscheinungsformen von Abenteurertum, Verantwortungslosigkeit und verzweifelter Gewalt, wie man sie in der modernen arabischen Geschichte, Kultur und Ideenwelt bis heute so häufig vorfindet.

Antworten finden auf die Realität

Genau deshalb beschäftigen sich die besten Vertreter der heutigen arabischen Kultur, Literatur, Poesie, Kunst, Kritik und Theorie auf vielfältigste Art damit, Antworten auf diese schmerzlichen Realitäten zu finden, indem sie sie demaskieren, entlarven, vermitteln, erklären und gegen sie revoltieren. Und das ist wahrlich kein Wunder, angesichts all dieser Realitäten mit all ihren lähmenden Widersprüchen, Spannungen, Paradoxien und Anomalien, all ihren Rationalisierungen tief sitzender, ritualisierter und ineinander verschachtelter Komplexe emotional höchst aufgeladener Überzeugungen, Wertungen, Bilder und Praktiken, die ihrerseits alle möglichen überkommenen Illusionen, überlebten Haltungen und Einrichtungen sowie anachronistischen Lebens-, Denk-, Regierungs- und Handlungsformen als etwas Geheiligtes, Unantastbares und Unveränderliches erscheinen lassen.

Aus diesem Grund standen Themen wie religiöse und gesellschaftliche Reform, Modernisierung, Liberalisierung, Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit, Säkularismus, Liberalismus und Sozialismus, Demokratie, Toleranz, Freiheit, Despotismus und Bürgerrechte spätestens seit der kurzen Besetzung Ägyptens durch Napoleon Bonaparte im Jahre 1798 allesamt in der ein oder anderen Form auf der Agenda der modernen Geschichte und Kultur sowie des modernen Denkens und Handelns in der arabischen Welt.

Und mehr noch: Spätestens seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts waren und sind dies die brennenden Fragen, um die die arabische Kultur, das arabische Denken, die arabische Kritik, die arabische Literatur und die arabische Selbstbefragung ununterbrochen kreisen und die sie so gut und angemessen wie irgend möglich zu beantworten suchen.

Reformation, Renaissance, Aufklärung

Tatsächlich war in der folgenden Periode Leben, Kultur und Denken der arabischen Welt die Blütezeit der großen Bewegung für liberale Reformen und eine großzügigere Auslegung der Religion, einer Bewegung, die von Wissenschaftlern, Forschern und Historikern in Ost und West mit Bezeichnungen wie Erwachen, Renaissance, religiöse Reformation, liberales Experiment, muslimische Moderne, liberale Ära des modernen arabischen Denkens und so weiter und so fort belegt worden ist.

Und tatsächlich vereinte diese Bewegung all diese Aspekte in sich: eine theologisch-rechtliche Reformation, eine literarisch-intellektuelle Renaissance, eine neue, von Wissenschaft und Vernunft geprägte Aufklärung und darüber hinaus auch eine politisch-ideologische Erneuerung.

Aber da die moderne arabische Geschichte und das moderne arabische Denken keineswegs ohne Ausstrahlung sind, rief diese große Reformbewegung zugleich eine
starke Reaktion in Gestalt einer Gegenreformation und einer muslimisch-fundamentalistischen Bewegung hervor. Diese Bewegung fand ihren Kristallisationspunkt im Jahr 1928 in Ägypten in der Gründung der Bewegung der Muslimbrüder, der Mutter aller Fundamentalismen in der arabischen Welt und darüber hinaus auch in einigen weiteren muslimischen Ländern und Gesellschaften.

Islamistische Gegenbewegung

Dass es gerade im Jahr 1928 zur Geburt der organisierten Form dieser Gegenreaktion kam, war kein Zufall, sondern hing damit zusammen, dass die ursprüngliche Reformbewegung in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, besonders nach der berühmten ägyptischen Revolution gegen die britische Kolonialherrschaft, in Leben, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Recht Ägyptens und der anderen arabischen Länder rasch und massiv an Boden gewonnen hatte. So bricht auch in Nagib Machfus’ Romantrilogie über das Leben in Kairo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der diktatorische, männerbeherrschte muslimische Haushalt genau zum Zeitpunkt des Ausbruchs der großen ägyptischen Revolution rettungslos zusammen. Die religiöse Gegenreaktion hingegen definierte sich naturgemäß essenziell als Antireformation, Antirenaissance, Antiaufklärung und Antierneuerung, und zwar als all dies zugleich.

Konzept der "Authentizität"

Diese Gegenreformation bildete dann später die Basis für die Popularität des machtvollen Konzepts der "Authentizität", eines Konzepts, das schließlich zu den großen arabischen Debatten der sechziger und siebziger Jahre über Begriffspaare wie "Altes versus Neues", "Authentizität versus Verankerung in der Jetztzeit", "Erbe versus Erneuerung", "Identität versus Moderne", "Religion versus Säkularität" führte. Damals schien die arabische Welt angesichts dieser Gegensätze und ihrer Extreme wie Hamlet dramatisch zu schwanken, zu zögern, zu zaudern und hin und her zu oszillieren. Die Debatten waren stark von der Leidenschaft des Elementaren, der brütenden Intellektualität kopflastigen Disputs und der lyrischen Empfindsamkeit des Poetischen geprägt. Wie in Shakespeares berühmtestem Drama schien es den Arabern im Lauf dieser heftigen geistigen Gefechte, als sei "die Zeit aus den Fugen", und als sei auch in ihrem "Staate etwas faul", und auch die Frage, ob sie die Urheber ihres Schicksals seien oder ob "eine Gottheit ihre Zwecke formt", kehrte mit einer tragischen Intensität zurück, die ihresgleichen suchte.

Die existenzielle Angst, die im Hintergrund all dieser Auseinandersetzungen, Fragen, Gewissensbefragungen, Untersuchungen und Neubewertungen lag, erwies sich als intellektuell produktiv, kulturell bereichernd, künstlerisch stimulierend und politisch subversiv.

Suche nach Lösungen

Ein wichtiges Zeugnis dieser aufwühlenden Entwicklungen sind die vielen dicken Bände historisch-philosophischer Studien, die sich zum Ziel setzten, all diese brennenden Fragen und Probleme grundlegend und definitiv, ja, mit dem messianischen Impetus endgültiger Lösungen zu behandeln. Ein anderes wichtiges Beispiel sind die bedeutenden Interventionen, Impulse, Diskussionen und Beiträge, die das arabische Denken und die arabische Kultur zu den großen Debatten und Kontroversen beigesteuert haben, die die Welt im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts in Atem gehalten haben: den Debatten über den Orientalismus, über die islamische Revolution im Iran, über den Fundamentalismus, über Salman Rushdie, über das Thema Islam und Terrorismus, über Islam und Moderne, über das Ende der Geschichte und den Zusammenstoß der Kulturen sowie über Zivilgesellschaft und Demokratie.

Ich möchte schließen, indem ich, als engagierter arabischer Wissenschaftler und öffentlich tätiger Intellektueller, meinen Stolz und meine Befriedigung darüber zum Ausdruck bringe, dass es während des Leidensweges Salman Rushdies und des damit verbundenen weltweiten Aufruhrs in der gesamten arabischen Welt zu keiner Zeit Gewalttätigkeiten, Mordaufrufe oder Aufforderungen zur Befolgung der Fatwa gegen Rushdie gegeben hat. Tatsächlich war die arabische Welt, und hier wiederum besonders der Mashrek, der einzige Teil der internationalen muslimischen Gemeinde, in dem es zu einer echten, breiten und intensiven Debatte über die Satanischen Verse kam. Aus dieser Debatte ging ein Vorschlag hervor, der die arabische Intelligenz dazu aufrief, von nun an einem neuen
Ehrenkodex zu folgen: Während unsere Vorfahren nach dem Prinzip Auge um Auge und Zahn um Zahn handelten, werden wir uns von nun an nach dem Prinzip "Ein Buch für ein Buch, ein Gedicht für ein Gedicht, ein Roman für einen Roman" richten.

Sadik J. Al-Azm

Der Vortrag wurde am 9. Oktober 2003 auf der Pressekonferenz zum Thema 'Die arabische Welt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2004' gehalten.

Arabische Antworten

Residenztheater
Wintergarten

 

 

 

Genussort I

12.2.2004

Aufklärung

 

KANT

200. Todestag von Emanuel Kant

 

In Südkorea haben Mediziner als Erste menschliche Embryonen kloniert und daraus Stammzellen entwickelt

Friedrich Dürrenmatt hat es gewusst, viele Kritiker der Stammzellforschung haben es vorhergesagt und manch ein fortschrittsgläubiger Wissenschaftler wird es erhofft haben: Der „Fortschritt“ ist unaufhaltsam und auch umstrittene Ideen kann niemand in Schach halten. Es wird immer jemanden geben, der diese Ideen umzusetzen versucht.

Nun haben südkoreanische Wissenschaftler 30 menschliche Embryonen geklont und nach wenigen Tagen in einer Kulturschale zerstört, um daraus Stammzellen für die Gewebezucht zu gewinnen. Ähnliche Arbeiten waren zuvor an Tieren gemacht worden. Zumindest gab es keine Beweise dafür, dass die Technik des therapeutischen Klonens auch beim Menschen funktioniert und zur Gewinnung von Stammzellen taugt. In der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Science berichten Forscher um den Tiermediziner Woo Suk Hwang von der Nationaluniversität in Seoul heute als erste öffentlich, wie sie die in Deutschland verbotene Methode angewandt haben. Sie erklären dabei im Detail, welche Probleme dabei überwunden wurden. „Unsere Methode öffnet eine Tür, um diese besonders entwickelten Zellen in der Transplantationsmedizin zu nutzen“, begründete Hwang sein Vorgehen.

 

 

05.03.2004

Karl Rahner

geb. 5.3.1904

gest. 30.3.1984

"In dieser namenlosen und weglosen Weite unseres Bewußtseins wohnt der, den wir Gott nennen. Das Geheimnis schlechthin, das man Gott nennt, ist nicht ein besonderes, besonders eigentümliches, gegenständliches Stück Wirklichkeit, das wir zu den übrigen Wirklichkeiten unserer nennenden und ordnenden Erfahrung hinzufügen und in sie einfügen, er ist der umfassende, nie umfaßte Grund und die Voraussetzung von unserer Erfahrung und von deren Gegenständen"

Karl Rahner, Sohn eines Studienrates, wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Er hatte sechs Geschwister, die alle eine höhere Schule besuchten.
Nach dem Abitur 1922 trat er dem Jesuitenorden bei. Er studierte zunächst Philosophie in Tisis/Feldkirch und Pullach, unterrichtete dann Latein und begann 1929 das Theologiestudium in Valkenburg/Holland. Die Priesterweihe erhielt er 1932 in München.
1934 ging er nach Freiburg, um dort weiter Philosophie zu studieren, und ab 1936 lehrte er in Innsbruck.
Nach dem Zweiten Weltkrieg unterrichtete er zunächst in Pullach, bevor er 1948 wieder nach Innsbruck zurückkehrte und dort bis 1964 blieb. Danach übernahm er den religionsphilosophischen Lehrstuhl in München. Diesen verließ er aber schon 1967 für einen Ruf aus Münster, bevor er 1971 in den Ruhestand nach München zurückkehrte. Fortan führte er ein sehr bewegtes Leben, voll von Vorträgen, Interviews und Diskussionen. 1981 zog er wieder nach Innsbruck. Am 30. März 1984, kurz vor Mitternacht, starb er. Seine letzte Ruhe fand er in der Krypta der Innsbrucker Jesuitenkirche.
Rahner versuchte zeit seines Lebens die Botschaft des Glaubens neu auszudrücken, sie zeitgemäß zu machen. Dabei geriet er nicht selten in Konflikt mit seinen Vorgesetzten.

Glyptothek
Innenhof

 

12.3.2004

 

Genussort II

 

16.3.2004


Ordnung ist die Lust der Vernunft,
aber die Unordnung ist die Wonne der Phantasie.

(Paul Claudel)

30.3.2004


WUNDERBAR    =    ALLER WUNDER BAR

 

Das Wunder ist das Selbstverständliche

 

Ein Weiser ist, wer über alles staunt. (Andre Gide)

15.4.2004

 

.....

Trink weiter, du, der an den Sternen nimmt

Des Lebens Maß, die Arme breite weit

und spür in deines Durstes Herrlichkeit

die Herkunft, die zu keinem Maße stimmt -

als zu der goldnen Traube über dir

in deiner Nächte dunkelstem Spalier.

 

Stefan  Andres (1906 bis 1970) - 1962

 

1. Mai 2004

Europäische Flagge






EUROPA

3. August 2004

Normal ist, was alle aus Angst tun.

5. September 2004

Mörike 1832

Verborgenheit

Lass, o Welt, o lass mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Lasst dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Was ich traute weiss ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Traenen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.

Oft bin ich mir kaum bewusst,
Und die helle Freude zuecket
Durch die Schwere, so mich druecket
Wonniglich in meiner Brust.

Lass, o Welt, o lass mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Lasst dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!