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1.1.2004 |
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"Aufklärung ist eine Metapher. Die darin enthaltene Metapher des „Lichts“ lässt sich unterschiedlich verwenden. ... In der islamischen Welt lautet die Frage: Brauchen wir eine von außerhalb unserer Kultur kommende Aufklärung? ... Einem sehr einflussreichen islamistischen Autor zufolge muss es geschützte Gebiete geben, genauer gesagt „Sicherheitszonen“, die nicht im Bereich intellektueller Diskussionen oder akademischer Forschung liegen. Diese Sicherheitszonen sind durch die Religion vor jedem Denken geschützt. Es handelt sich um die nicht bestreitbaren und unbezweifelbaren Glaubenssätze. ... Was als „wahrer“ islamischer Glaube ausgegeben wird, ist jedoch die Interpretation einer bestimmten theologischen Schule, der „orthodoxen“. ... Die orthodoxe Theologie wurde im Laufe der Geschichte von den meisten muslimischen Staaten einfach deswegen als politische Ideologie übernommen, weil sie den „Gehorsam“ als religiöse Pflicht betont. Die politischen Herrscher vereinen damit auf subtile oder explizite Weise politische und religiöse Autorität in einer Hand. Da alle Arten von Freiheit die Diktatur gefährden und dem geistigen Absolutismus Widerstand leisten, werden die Ausdrücke Gedankenfreiheit, Säkularismus und Aufklärung mindestens mit Vorsicht betrachtet, wenn sie nicht rundheraus verworfen werden, weil sie allesamt Hervorbringungen westlicher Kultur und europäischer Zivilisation sind, die den Grundlagen islamischer Zivilisation und Kultur elementar widersprächen. Andernfalls würden die Muslime ihre Identität verlieren und von ihren historischen Feinden nicht nur beherrscht und manipuliert, sondern absorbiert werden. Um gewöhnliche Muslime davon zu überzeugen, dass sie keine andere Chance haben, als an der reinen islamischen Identität festzuhalten, werden der Koran und die Traditionen des Propheten Mohammed zur einzigen Quelle des Lichts und damit zur alleinigen Quelle der Aufklärung erklärt. ... Das Kapitel 24 des Korans, wo Gott als „Licht der Himmel und der Erde“ beschrieben wird, trägt den Titel Licht. Die poetische Struktur dieses Gottesbildes war Gegenstand theosophischer und mystischer Interpretationen und stiftete den Begriff „islamischer Aufklärung“. Sie wird von der rationalen Theologie der so genannten Mutasiliten verkörpert. Mutasiliten waren Muslime, die sich im 9. Jahrhundert von den herrschenden Diskursen absonderten. Sie entwickelten eine Reihe erkenntnistheoretischer Prinzipien, um ein rationales Verständnis und eine rationale Deutung der Welt, des Menschen, Gottes und seiner Offenbarung zu gewährleisten. Das erste Prinzip besagt, dass die Erkenntnis von dieser Welt auszugehen hat. Wir können von der anderen, „ungesehenen, metaphysischen“ Welt nur sprechen aufgrund von Hinweisen, die uns von der offensichtlichen Realität dieser „gesehenen“ Welt geliefert werden. Das zweite Prinzip besagt, dass alle Menschen, gleich welcher Rasse, Hautfarbe, Religion, Sprache oder Kultur, mit dem notwendigen Erkenntnisvermögen, dem „notwendigen Intellekt“ ausgestattet sind. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Fähigkeit, durch Reflexion von der Ebene notwendigen Wissens zur Ebene erworbenen Wissens fortzuschreiten. Dieser Akt der Reflexion besteht entweder in Deduktion oder Induktion, das heißt in der Untersuchung von Beweisen oder Indizien. Gott zu erkennen ist eine religiöse Pflicht. Die Gotteserkenntnis ist auch das allerhöchste Ziel intellektueller Reflexion. Gott stattete den Menschen mit Intellekt aus, das heißt, er befähigte ihn zur Reflexion, damit er unabhängig von der göttlichen Offenbarung wahre Erkenntnis über Gott erlangen kann. Gott und seine Attribute können nur durch Reflexion und erworbenes Wissen erkannt werden, nicht durch unmittelbares oder geoffenbartes Wissen. ... Der Traditionalismus [birgt] die Möglichkeit von Fehlern, weil er nur zwei Möglichkeiten hat: Entweder man folgt allen Traditionen, gleichgültig, wie widersprüchlich sie sind, oder man trifft eine Wahl und akzeptiert einige, während man andere ablehnt. Wenn man aber gewählt hat, kann man niemals sicher sein, die richtige Wahl getroffen zu haben, weil es kein Kriterium dafür gibt. ... Das dritte Prinzip ist die Ablehnung der Idee des Konsenses oder der Mehrheitsmeinung, weil sie keineswegs offensichtlich wahr ist. Mohammeds Anhänger zum Beispiel waren anfänglich eine kleine Minderheit, trotzdem ist ihre Überzeugung wahr. Die Berufung auf die Autorität der Tradition führt zu einer endlosen Kette von Fehlern. Weder die Autorität der Mehrheit noch die Autorität eines anderen Traditionalismus kann die Richtigkeit der Traditionsbefolgung verbürgen. Die Mutasiliten entwickelten zu diesem Zweck eine Theorie des Verhältnisses zwischen dem Menschen, der Sprache und dem heiligen Text, mit der sie zwischen dem göttlichen Wort und der menschlichen Vernunft eine Brücke schlagen wollten. ... Die Beziehung zwischen dem Bezeichnendem und dem Bezeichneten existiert in allen natürlichen Sprachen nur durch menschliche Konvention. ... Die Mutasiliten vertraten den Standpunkt, dass das göttliche Wort etwas sei, was sich auf die menschliche Sprache einstelle. Die Sprache sei eine Hervorbringung des Menschen, und das göttliche Wort halte sich an die Regeln und Formen der menschlichen Sprache. Diese These half ihnen, ihre Theorie zu stützen, wonach der Korantext nicht die ewige, wörtliche Äußerung Gottes darstelle. Er ist eine von Gottes Schöpfungen. ... Die europäische Invasion der arabischen und muslimischen Welt provozierte zunächst eine Reaktion, die die europäische Moderne akzeptierte, um die politische Aggression besser bekämpfen zu können. Erst mit der Entwicklung der Beziehung zwischen Europa und der muslimischen Welt gewann der Traditionalismus allmählich an Boden. Die intellektuelle Reaktion beschränkte sich aber vorerst darauf, die islamische Kultur gegen einige Orientalisten zu verteidigen, die dem Islam selbst Rückständigkeit zuschrieben, anstatt sie den sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Voraussetzungen anzulasten. ... Mohammed Abduh (1849–1905) gilt als Vater des modernen islamischen Denkens, weil er die Debatte über Aufklärung und Rationalität ins Leben rief. Auf welche Frage hatte er zu antworten? Das Europa der Aufklärung im 18. Jahrhundert und das Europa des Imperialismus im 19. Jahrhundert stellten für die muslimische Welt im Allgemeinen und die arabische Welt im Besonderen eine komplizierte Herausforderung dar. Europa zeigte ein Doppelgesicht: als aggressiver, bewaffneter Feind und als wissenschaftlich hoch entwickelter Geist. Um den Feind bekämpfen zu können, übernahm man die Militärtechnik des Westens. Auch Naturwissenschaft und Technik konnten übernommen werden, weil ihr Import keine Gefahr darstellte. Als Äquivalent zu Rationalismus und Aufklärung wurde die klassische islamische Theologie und Philosophie – insbesondere der Mutasiliten und von Averroës – bemüht. Die Strategie bestand darin, das eine vom Westen und das andere aus der Vergangenheit zu übernehmen. ... Erst die Abschaffung des Kalifats in der Türkei im Jahr 1924 eröffnete den Streit um die Trennung von Religion und Staat, der bis heute die Anhänger der modernen Zivilgesellschaft und jene, die vom theokratischen Staat träumen, entzweit. Im Jahr 1928 wurde in Ägypten von Hassan al-Banna die „Muslimbruderschaft“ als Reformbewegung ausgerufen, um die Gesellschaft auf den Weg des Islams zurückzubringen. Die Trennung von Muslims und Hindus auf der indischen Halbinsel, die Gründung des islamischen Staates Pakistan und die Gründung Israels riefen eine starke, reaktionäre Bewegung hervor. Ihr Ziel war es, das Kalifat wieder zu errichten, um die Muslime im Kampf gegen ihre Feinde zu stärken. Die arabische Niederlage gegen Israel 1967, die das Scheitern aller panarabisch-sozialistischen Revolutionen deutlich machte, und die erfolgreiche iranische Erhebung gegen den Schah im Jahr 1979 verschafften dem Schlagwort „Der Islam ist die Lösung“ weitere Zuversicht. Die beiden Golfkriege verstärkten die feindselige Tendenz, die sich nicht mehr allein gegen den politischen Westen, sondern gegen die „Moderne“ als westliche Erfindung überhaupt richtet. In den frühen sechziger Jahren betonte Sayyid Qutb, der Begründer des jüngsten muslimischen Fundamentalimus, dieselbe Trennung zwischen Naturwissenschaft und Technik des Westens einerseits und Theologie, Philosophie, Sozial- und Geisteswissenschaften andererseits. Könnten Muslime zum Beispiel die Psychologie Sigmund Freuds oder gar moderne linguistische Theorien übernehmen? Für Qutb sollten sie das selbstverständlich nicht. Sie haben ihre eigene islamische Psychologie, islamische Soziologie, islamische Geschichtsschreibung. Aus fundamentalistischer Sicht ist die Geschichte kein akademisches Wissensgebiet, das über allgemeingültige oder übliche Untersuchungsmethoden verfügt. ... Von dieser Auffassung geht die Ideologie aus, die für eine Islamisierung des Wissens eintritt anstatt für eine Modernisierung islamischen Denkens.... Was die Metapher der Aufklärung angeht, so predigt der neuere islamische Diskurs zwar die Aufklärung des Herzens, des Geistes, der Seele, nicht aber eine Aufklärung zum Zweck weltlicher Interessen. Die weltliche Aufklärung, wird behauptet, sei das Hauptanliegen des Westens, und ihr Ergebnis seien alle Formen spiritueller Verdorbenheit. In dieser Sicht ist der Westen Madonna, Michael Jackson, er ist Ehebruch, Homosexualität und so weiter. Darum wird anstelle der Demokratie die islamische shûra, die Ratsversammlung, gefordert, denn Demokratie bedeutet Autorität des Volkes „demos“, wohingegen die shûra auf „nomos“, der Autorität Gottes beruht. Obwohl Abduh in der Lage war, eine gewisse Unterscheidung zwischen dem aufgeklärten und dem imperialistischen Westen zu machen, kommt diese Unterscheidung im modernen islamischen Denken überhaupt nicht mehr vor. Vielmehr sieht es sich vor folgendem Problem: Wenn wir die westliche Weltanschauung übernehmen, kommen wir in Bedrängnis, weil Gott dem Westen zufolge das Universum zwar geschaffen haben mag, es aber lediglich schuf und in Bewegung setzte, während es sich jetzt nach eigenen Gesetzen bewegt. Für traditionelle Muslime hingegen ist Gott immer tätig, er steuert das Universum und greift ein. Was immer geschieht, geschieht infolge von Gottes Eingreifen. Dieser Weltsicht entspricht eine weitere Metapher, derzufolge erstens Gott den Menschen schuf; zweitens der Mensch eine Maschine ist; drittens, weil Gott der Schöpfer ist, er auch am besten weiß, was für diese Maschine gut ist. Daraus ist zu schließen, dass die Anweisungen Gottes stets befolgt werden sollten, um die Maschine, den Menschen, am Laufen zu halten. ... Tatsache ist freilich, dass sich der islamische Diskurs so manche westliche Kritik an der Moderne zu eigen macht, um seine eigene Ideologie zu rechtfertigen. So stellt er den Westen als ein Beispiel für Ungerechtigkeit, Verdorbenheit, schlechtes Funktionieren hin. Der historische Prozess, der von der Aufklärung zum Imperialismus und jüngst von einer Welt zweier Supermächte zu einer Suprematie amerikanischer Politik geschritten ist, hilft dabei. ... Die Missachtung grundlegender Rechte intellektueller Freiheit in der Vergangenheit wie in der Gegenwart ermöglichte es den politischen Autoritäten, der breiten Öffentlichkeit ihre bevorzugten Ideen mit inquisitorischen Mitteln aufzuzwingen. In der Geschichte der Muslime pflegten politische Machthaber schon immer in das geistige Leben einzugreifen, um einige Ideen gegen andere durchzusetzen und bestimmte theologische Gruppen gegen andere zu unterstützen. ..." Aus dem Englischen von Karin Wördemann
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8.1.2004 |
Wage
es, dich einzufühlen. Wage die Empathie.
Alexander Kluge in der ZEIT
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27.1.2004 |
Vor vierzig Jahren verfasste der ägyptische Denker Sayyid Qutb "Meilensteine", eines der philosophischen Urdokumente des islamistischen Terrorismus. Seine Doktrin überrascht durch das antiautoritäre Freiheitspathos, mit der sie sich als Alternative zu Kommerz, Götzendienst und innerer Leere präsentiertVON ROBERT MISIK (TAZ) "Sayyid Qutb selbst war eine irritierende Figur. 1906 in einem kleinen Dorf am Nil in eine wohlhabende und sehr weltlich orientierte Familie hineingeboren, entwickelte er sich zu einem der einflussreichsten islamischen Denker des 20. Jahrhunderts. ... Ende der Vierzigerjahre schickt ihn die ägyptische Regierung auf einen dreijährigen Studienaufenthalt in die USA. Er tut sich auf Universitäten, in Jazzclubs und in Kirchen um. Irgendetwas Grundlegendes muss in ihm in dieser Zeit vorgegangen sein: ein tiefer Kulturschock oder eine demütigende Enttäuschung angesichts der amerikanischen Moderne, die einen radikalen Sinneswandel einleitete. ... Er schließt sich der politischen Bewegung der Muslimbrüder an und wird gewissermaßen ihr Chefideologe. ... Die Jahre im Gefängnis bilden Qutbs produktivste Zeit. Hier verfasst er seinen umfassenden Koran-Kommentar "Im Schatten des Korans", dessen englische Übersetzung acht Bände zählt. Und er schreibt "Meilensteine", den wohl einflussreichsten Text des radikalen Islamismus, der auch auf vielen moderat-muslimischen Homepages zu finden ist. In diesem "Meisterwerk" wird, fein ziseliert und über viele tausend Seiten hinweg, eine theologische Kritik der Gegenwart entwickelt, die aus der Lektüre des Korans heraus die Perspektive eines "echten Lebens" eröffnet, frei von Materialismus und Götzendienst. Eine Art neuer Mensch wird hier entworfen, tugendhaft und nicht entfremdet, der niemandem mehr untersteht: keinem Staat und keinem Klerus, nur Gott. In den "Meilensteinen" von 1964, entstanden zwei Jahre vor seinem gewaltsamen Tod, wird die Kritik dann artikulierter. Die gesamte gegenwärtige Welt, in Ost wie in West, nennt Sayyid Qutb schlicht Jahiliyya: ein Ausdruck, der im offiziellen religiösen Diskurs eigentlich die vorislamische Zeit bezeichnet, die nach koranischer Lesart von Dekadenz und Vielgötterei geprägt gewesen sein soll. Nach Qutb ist jede Gesellschaft "jahili", so das Adjektiv, die sich nicht unter die Herrschaft Gottes begibt. Im Prinzip ist "jede Gesellschaft, die heute existiert, jahilisch". Auch jene Gesellschaften in der islamischen Welt mithin, die von nominell muslimischen Herrschern regiert werden, aber nicht den islamischen Gesetzen folgt. Es ist eine Welt, in der Qutb nichts als Dekadenz und "moralische Degeneration der Gesellschaft" erkennt. Er klingt dabei nicht besonders bigott, sondern analysiert vielmehr den Mangel an menschlicher Würde und an Respekt der Menschen voreinander. Wenn er über das moderne Leben schreibt, dass "alle menschlichen Werte auf dem Altar der materiellen Produktion geopfert werden", dann beschreibt er ein Unbehagen, das viele klar denkende Menschen in der modernen Welt teilen. Die Gründe für die Malaise sind laut Qutb in frühen wie in heutigen Tagen dieselben: "die Begierden" der Menschen und dass sie "sich selbst am wichtigsten nehmen". Die Menschen werden "vulgär", der Kapitalismus mit seiner "materialistischen Attitüde (…) tötet allen Geist ab". Der Islam mit seiner radikalen Beziehung zum einen, alleinigen Gott ist aus solcher Perspektive das Gegengift zu Vielgötterei, zu Götzendienst, zur Unterwerfung - sei es unter die Gebote des Kommerzes oder die Herrschaft von Tyrannen. "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet", lautet seine Schlüsselformel. Der Islam, so verstanden, ist eine Lebensart, ein Way of Life: die einzige Weise, in der der Mensch frei werden kann, weil er nur in der wahrhaft islamischen Gesellschaft niemand anderem dient als Gott. Bis heute versuchen sich islamische Fundamentalisten daher, mit einigem Erfolg, als die globale antimaterialistische Kraft schlechthin zu präsentieren. Manche Beobachter haben deshalb den extremistischen Islamismus, auch wenn er in der Praxis die Unterwerfung unter religiöse Führer und die Scharia fordert, mit den Worten "Anarcho-Islamismus" zu charakterisieren versucht. Erstaunlich, aber wahr, denn die Lehre Qutbs tritt mit einem großen Freiheitspathos zutage. Der Begriff der Freiheit ist ihr zentral: die Freiheit von der Unterwerfung unter die Gesetze Pharaos (womit jeder weltliche Herrscher gemeint ist). Unterwerfung unter die Scharia ist Freiheit, denn die Scharia kommt von Gott. Unterwerfung unter weltliche Gesetze, und seien sie von frei gewählten Parlamenten beschlossen, ist Unfreiheit, denn diese Gesetze wurden von Menschen gemacht. Indem er sich Gott unterstellt, wirft der Mensch die Ketten weltlicher Knechtschaft ab. Um das Reich der Jahiliyya zu zerstören und eine islamische Gesellschaft zu errichten, müssen die Gläubigen zum Vorbild der "einzigartigen koranischen Generation" zurückkehren, der Gemeinschaft Mohammeds. "Unser Ziel ist es, erst uns zu ändern und dann die Gesellschaft." Zu diesem Zweck muss zunächst eine Avantgarde entstehen: eine "aktive, harmonische, kooperative Gruppe", die in ihren Gesellschaften für den Islam kämpft. Und die versucht, den Islam - "die einzig zivilisierte Gesellschaft" - über den Erdball zu verbreiten. "Das Leben, das ihr lebt, ist niedrig", werde man den Ungläubigen zurufen, im Orient wie im Okzident. Und man werde sie, wenn sie sich der Sache Gottes entgegenstellen, bekämpfen, so Qutb. Denn der Islam ist eine "universelle Freiheitserklärung" und darum eine Herausforderung für all jene Gesellschaften, in denen Menschen die göttlichen Attribute usurpiert haben. Die Muslime haben den Dschihad zu führen, und zwar nicht nur defensiv, sondern auch offensiv. Wie der Koran befiehlt: "Kämpft gegen die Freunde Satans." ... Wenn man Qutbs Schriften liest - die ruhige Eindringlichkeit seiner theologischen Studien, die Vehemenz, mit der er seine Lehre von der politisch-aktivistischen Religiosität verficht -, dann bekommt man eine Ahnung davon, was radikale junge Muslime daran fasziniert: die Art, mit der ein "echtes Leben" gegen das verdorbene, niedrige Leben der kapitalistischen Moderne in Stellung gebracht wird. Eine Art, die mit abendländischen Spielarten des Nihilismus verwandt ist. Die Bilder eines eminenten Befreiungsaktes, die er wachruft. Der heroische Aktivismus einer islamischen Avantgarde, die er beschwört und die bei Kennern leninistischer Rhetorik gewiss Erinnerungen wachruft. Die Verachtung, die er dem frömmlerischen Konservativismus gemäßigter Muslime gegenüber hegt, die mahnen, man müsse sich an die Gesetze halten und der Dschihad diene nur zur Verteidigung. Da kann man sich leicht ausmalen, wie eine radikale Jugend mit diesem Vokabular Konflikte mit ihrer Elterngeneration austrägt. Das Gefühl einer spirituellen Leere, die Gewissheit, dass das "echte Leben" woanders ist, die Sehnsucht nach einem großen Moment der Reinigung: Sie begründen die Anziehungskraft des radikalen Islamismus. Natürlich steht Qutb nur für eine Spielart des Islamismus. ... Und gewiss stellt Qutbs radikal antiautoritärer Islamismus, der weder die Autorität weltlicher noch die einer traditionell-religiösen Führerschaft akzeptiert, innerhalb der Geistesgeschichte des Islam eine Art Häresie dar. Aber alle Spielarten des islamischen Fundamentalismus speisen sich aus demselben Unbehagen: aus dem Gefühl einer seltsamen islamischen Größe und Moral, die mit der Realität, der Rückständigkeit und Abhängigkeit der islamischen Gesellschaften nur schwer in Einklang zu bringen ist. Ihre Gedanken haben, auch wenn die militanten Dschihad-Gruppen isoliert bleiben, eine Streuwirkung über den engen Kreis der Fundamentalisten hinaus. Und sie zeichnen sich durch eine antijüdische Militanz aus, wie sie gerade in muslimischen Gesellschaften jahrhundertelang unbekannt war. Viel ist in diesem islamistischen Diskurs plötzlich von der "Heimtücke der Juden", dem "verräterischen Volk", die Rede. Prinzipiell judenfeindliche Stellen finden sich schon im Koran. Dort heißt es in einer Sure sogar, die Juden stammen von Affen und Schweinen ab. Doch dies hat jahrhundertelang keine große Rolle gespielt im Verhältnis der Religionen. Erst im letzten Jahrhundert hat der moderne Islamismus die antijüdischen Traditionen revitalisiert und mit dem modernen Antisemitismus und Antizionismus vermengt. "Der erbitterte Krieg, den die Juden gegen den Islam angezettelt haben", tobe seit 14 Jahrhunderten, behauptete Sayyid Qutb plötzlich. "Die Juden waren es, die die Polytheisten aufhetzten." Im islamistischen Diskurs werden die Juden als Volk mit sklavischem Charakter angesehen. Sie seien Speichellecker, wenn sie schwach, dafür aber brutal und arrogant, sobald sie mächtig sind. Nur wenige Muslime werden mit jedem einzelnen Argument von Leuten wie Qutb übereinstimmen. Aber viele dürften wohl einige seiner Schlüsse teilen und gewissermaßen den Klang der Argumentationsreihe eingängig finden."
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Die Situation der arabischen Kultur vom syrischen Philosophen Dr. Sadik J. Al-Azmim (Oktober 2003)
Reformation, Renaissance, Aufklärung Tatsächlich
war in der folgenden Periode Leben, Kultur und Denken der arabischen Welt
die Blütezeit der großen Bewegung für liberale Reformen und eine großzügigere
Auslegung der Religion, einer Bewegung, die von Wissenschaftlern, Forschern
und Historikern in Ost und West mit Bezeichnungen wie Erwachen, Renaissance,
religiöse Reformation, liberales Experiment, muslimische Moderne, liberale
Ära des modernen arabischen Denkens und so weiter und so fort belegt worden
ist. |
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Residenztheater
Genussort I |
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12.2.2004 Aufklärung
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200. Todestag von Emanuel Kant | ||||||
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In Südkorea haben Mediziner als Erste menschliche Embryonen kloniert und daraus Stammzellen entwickelt Friedrich Dürrenmatt hat es gewusst, viele Kritiker der Stammzellforschung haben es vorhergesagt und manch ein fortschrittsgläubiger Wissenschaftler wird es erhofft haben: Der „Fortschritt“ ist unaufhaltsam und auch umstrittene Ideen kann niemand in Schach halten. Es wird immer jemanden geben, der diese Ideen umzusetzen versucht. Nun haben südkoreanische Wissenschaftler 30 menschliche Embryonen geklont und nach wenigen Tagen in einer Kulturschale zerstört, um daraus Stammzellen für die Gewebezucht zu gewinnen. Ähnliche Arbeiten waren zuvor an Tieren gemacht worden. Zumindest gab es keine Beweise dafür, dass die Technik des therapeutischen Klonens auch beim Menschen funktioniert und zur Gewinnung von Stammzellen taugt. In der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Science berichten Forscher um den Tiermediziner Woo Suk Hwang von der Nationaluniversität in Seoul heute als erste öffentlich, wie sie die in Deutschland verbotene Methode angewandt haben. Sie erklären dabei im Detail, welche Probleme dabei überwunden wurden. „Unsere Methode öffnet eine Tür, um diese besonders entwickelten Zellen in der Transplantationsmedizin zu nutzen“, begründete Hwang sein Vorgehen.
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geb. 5.3.1904 gest. 30.3.1984 |
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"In dieser namenlosen und weglosen Weite unseres Bewußtseins wohnt der, den wir Gott nennen. Das Geheimnis schlechthin, das man Gott nennt, ist nicht ein besonderes, besonders eigentümliches, gegenständliches Stück Wirklichkeit, das wir zu den übrigen Wirklichkeiten unserer nennenden und ordnenden Erfahrung hinzufügen und in sie einfügen, er ist der umfassende, nie umfaßte Grund und die Voraussetzung von unserer Erfahrung und von deren Gegenständen" |
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Karl Rahner, Sohn
eines Studienrates, wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Er hatte sechs
Geschwister, die alle eine höhere Schule besuchten. |
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Glyptothek
12.3.2004
Genussort II
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16.3.2004 |
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30.3.2004 |
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Das Wunder ist das Selbstverständliche
Ein Weiser ist, wer über alles staunt. (Andre Gide) |
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15.4.2004
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..... Trink weiter, du, der an den Sternen nimmt Des Lebens Maß, die Arme breite weit und spür in deines Durstes Herrlichkeit die Herkunft, die zu keinem Maße stimmt - als zu der goldnen Traube über dir in deiner Nächte dunkelstem Spalier.
Stefan Andres (1906 bis 1970) - 1962
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1.
Mai 2004 |
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3. August 2004 |
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Normal ist, was alle aus Angst tun. |
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5. September 2004 |
Mörike 1832VerborgenheitLass,
o Welt, o lass mich sein! Was
ich traute weiss ich nicht, Oft
bin ich mir kaum bewusst, Lass,
o Welt, o lass mich sein!
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