Z E I T

   
                                   
                                   
                 

    Z

               
                                   
                                   
                                   
                                   
                                   
 

 

   T       E
                                   
                                   
                                   
                                   
                                   
                      I                

 

 ANFANG

MITTE

ENDE

                         

  O

 GESTERN

AUGENBLICK

MORGEN

 

Sich länger Zeit lassen

 - ein paar Gedanken zum Zeitwohlstand -

Es gilt ein Maß für die richtige Geschwindigkeit des Lebensgestaltung zu finden. 
Durch Zeit lassen schenkt man sich Zeit und gewinnt Einsichten.
Zeit lassen ist der Schlüssel zu den Geheimnissen der Künste. 
Will man den richtigen Augenblick, die passende Stunde erwischen, 
muss man warten können.
Durch Unterbrechen des Zeitablaufs kann die Zeit in Sinneinheiten strukturiert werden. 
So gewinnen wir eine bessere Orientierung.
Umwege sind Wege zur Kreativität und führen zu schönen Überraschungen.
Wir verlieren viel, wenn wir Zeit mit Geldmaßstäben bewerten. 
Das Miteinandersein, ein Gespräch läßt sich nicht messen.
Wenn es uns gelingt Routiniertes schneller abzuwickeln, sollte dies mit der Vorfreude auf den anstehenden Zeitgenuß verbunden werden.
Zeitrhythmen entlasten von permanenten Druck zu Entscheidungen und schenken Entspannung. 
Vergessen sie die Uhrzeit, schenken sie sich erlebte Zeit. 
Sie werden erleben, die Zeit dehnt sich. Sie leben länger.

 

 

 

.

 

Augenblick

Stunde

Tag

Woche

Mondlauf

Jahr

Sonnenlauf

Sphärenlauf

.

.     .

.     .     .

 

Wie ist es denkbar, die Ewigkeit zum Nächsten, zum Heute zu machen?

Wie sähe eine solche Vorwegnahme der Zukunft in den Augenblick, eine richtige Umschaffung der Ewigkeit in ein Heute aus?

Wenn wir sonst nichts von der Ewigkeit wissen, dies ist sicher: das sie das Un-vergängliche ist.

Das unvergängliche Heute -aber ist es nicht wie jeder Augenblick pfeilschnell verflogen? und soll nun unvergänglich sein?

Da bleibt nur ein Ausweg: der Augenblick, den wir suchen, muß, indem er verflogen ist, im gleichen Augenblick schon wieder beginnen, im Versinken muß er schon wieder anheben; sein Vergehen muß zugleich ein Wiederangehen sein.

 

Franz Rosenzweig - Aus: Stern der Erlösung S. 322

 

Dazu genügt nicht, daß er [der Augenblick] immer neu kommt. Er darf nicht neu kommen, er muß wiederkommen. Er muß wirklich der gleiche Augenblick sein.

Die bloße Unerschöpflichkeit des Gebährens ändert nichts an der Vergänglichkeit der Welt, ja mehrt sie noch. So muß dieser Augenblick mehr zu seinem Inhalt haben als den bloßen Augenblick.

Der Augen-blick zeigt dem Auge, so oft es sich öffnet, immer Neues. Das Neue, das wir suchen, muß ein Nunc stans sein, kein verfliegender also, sondern ein "stehender" Augenblick.

Ein solches stehendes Jetzt heißt man zum Unterschied vom Augenblick: Stunde.

Die Stunde, weil sie stehend ist, kann in sich selber schon die Vielfältigkeit des Alten und Neuen, den Reichtum der Augenblicke haben; ihr Ende kann wieder in ihren Anfang münden, weil sie eine Mitte, nein viele Augenblicke der Mitte zwischen ihrem Anfang und ihrem Ende hat.

Mit Anfang, Mitte, Ende kann sie werden, was die bloße Abfolge einzelner immer neuer Augenblicke nie werden kann: ein in sich zurücklaufender Kreis.

Nun kann sie in sich selber reich an Augenblicken und dich immer wieder sich selber gleich sein. Indem eine Stunde herum ist, beginnt nicht bloß "eine neue" Stunde, wie ein neuer Augenblick den alten ablöst, sondern es beginnt "wieder eine" Stunde.

Dies Wiederbeginnen aber wäre der Stunde nicht möglich, wenn sie bloß eine Folge von Augenblicken wäre, wie sie es in ihrer Mitte ja wirklich ist, sondern nur weil sie Anfang und Ende hat.

 

 

 

J. Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 4, Schwabe: Basel 1976

kairos, (griech. kairos)

I.

1. Ausgehend von der in mythischer Mentalität wurzelnden Überzeugung, daß alles Geschehen einer schicksalshaft festgelegten Symmetrie unterliegt, bezeichnen die frühgriechischen Weisen und Dichter (besonders HESIOD und PINDAR) mit Kairos (...) die durch eine Gunst der Natur (oder Gottheit) ausgezeichnete Stelle im Raum (zunächst) und Zeit (später), deren Erkenntnis und Nutzung dem menschlichen Handeln Gelingen verspricht.

Der Vergöttlichung des Kairos bei ION VON CHIOS [1] entspricht im philosophischen Bereich das besondere Interesse, das die Schule des Pythagoras dem Kairos entgegenbringt: Mit dem Vollendungsideal der Siebenzahl identifiziert [2], d.h. als Grundmaß kosmischer Rhythmen verehrt, wird er zum Inbegriff des Ebenmäßigen und Glückenden, von woher wiederum sein Auftauchen in den Bereichen von Arbeit, Wettkampf und Gesang zu verstehen ist. GORGIAS erhebt den Kairos zu einem wichtigen Topos der Rhetorik, zur Norm einer auf das Interesse des Augenblicks gerichteten Überredungstechnik. Vom Naturzeitmaß zusehends zu einem vom Menschen berechenbaren Ideal des ethisch und ästhetisch Angemessenen relativiert, erhält der Kairos erst bei PLATON seine transsubjektive Verankerung zurück: In der metaphysisch unterbauten Ethik [...] figuriert das Kairos [...] als Inbegriff von Grenze, Vollkommenheit, Einheit und Glück [3], als das alle hiesige Angemessenheit ermöglichende Urmaß (das z.B. auch das <plötzliche> , d.h. zeitlose Umschlagen von Sein und Nichtsein zumeßbar macht [4]).

2.

Solcher sozusagen transzendenten Hoch-Zeitigkeit setzt ARISTOTELES wieder das an der sophistischen Rhetorik orientierte, aber nicht nur in menschliches Ermessen gestellte Ideal empirischer Rechtzeitigkeit entgegen. Im Rahmen seiner Kritik an Platons Idee des Guten definiert er den Kairos als das Gute in der Kategorie der Zeit, als das günstige Wann [...] [5]. Neben dem Aspekt des Tauglichen und Geeigneten (an der Zeit) betont er daher auch den des Vollendeten und Erfüllenden; so könnte man neben dem passenden Anfangspunkt einer Handlung auch deren Kulmination (entweder in der Mitte oder am Ende) mit <Kairos> bezeichnen, um den inzeptiven, kulminativen und finitiven Kairos zu unterscheiden. Allen Prozessen in Natur und Handeln ist vom ersten Beweger her eine Tendenz auf Ein- und Zuordnung mitgegeben, die auch im Menschen naturhaft arbeitet als das instinktive Aufspüren von Sinnvollem, Seinsangemessenem, Gestalthaftem. Regel für die Orientierung in Einzelfällen ist die Annahme, daß alle Situationen als untereinander verbunden gelten, einen Zusammenhang eventueller Konvergenzen (von Naturgeschehen und menschlichem Handeln) bilden, in der der Einzelne sich durch Erfahrung einfühlen lernt; da ein System von Vorschriften, eine Kasuistik, in einer <Situationsethik> fehlt, ist es für die Wahl des rechten Moments charakteristisch, daß die unvorhersehbaren Erfordernisse des Augenblicks die an sich sinnwidrigsten Aktionen zu sinnvollen, weil rechtzeitig unternommenen Handlungen werden lassen [6]. So spricht Aristoteles zwar von einer <Wissenschaft des Kairos> [7] - und sein Schüler Theophrast soll denn auch eine Kairologie der Politik verfaßt haben - fügt aber gleich hinzu, daß die verschiedenen Einzelwissenschaften (verstanden als Techniken der gegenseitigen Anpassung von Mitteln und Zielen) den Kairos je verschieden bestimmen werden; sie haben aber in der Kategorie des <Notwendigen im Kontingenten> eine das praktische Wissen ermöglichende Konstante. Jenseits des sophistischen <Opportunismus> der totalen Verfügbarkeit der geeigneten Augenblicke kalkuliert die <Nikomachische Ethik> der Unsicherheitsfaktor [...] mit ein, der die Sichtung [...] und die Bestimmung [...] der richtigen Zeit zu einer Art experimentellen Stochastik werden läßt. Zwar gilt es als Zeichen praktischer Weisheit, wenn vor jeder Aktion das Wann mitbedacht wird [8] - das zu früh oder zu spät Getane entwertet die Praxis -, aber gerade die kluge Ausmittelung situativer Möglichkeiten stößt auf ein Element des Unverfügbaren, das andererseits erst die Bedingung des Möglichkeit von Glück [...] zu sein scheint, ein Element von <Gunst>, dessen Erleben als zeitlos (und plötzlich) charakterisiert wird [9]; solch ein <göttlicher> Kairos [10] wäre die Maßeinheit für alles an ihm gemessene Gelingen: Das herausgehobene [...] verhält sich dann zur ganzen Handlung wie das Maß zum Abmeßbaren oder wie das Glücken zur Verwirklichung des Möglichen.

3.

Diese an der Maßethik orientierte Kairologie wird von den Stoikern weiter ausgebaut [11]: Das Sicheinpassen in Naturabläufe, die Anmessung von pysikalischem und ethischem Jetzt (commendatio), wird zur Maxime des Handelns; dem Ideal der [...] tritt die [...] als das unbedingt zu Meidende gegenüber. In der Auslegung dessen, was in einem jeweiligen Moment mit Bezug auf das Zeitganze gegeben, d.h. aktualisierbar ist, in der Ansetzung des Jetzt als Zeichen (von Vergangenem und Zukünftigem), d.h. von einer ewig wiederkehrenden, gleichgültigen Augenblicksfolge, sieht der Stoiker eben jene beglückende Erkenntnis <meiner> Stelle innerhalb des Ganzen sich artikulieren, die schon PHILOLAOS mit dem Wesen von Philosophie gleichgesetzt haben soll [12].

__________________________________________-

Anmerkungen: [1] ION VON CHIOS, nach PAUSANIAS V, 14, 9. - [2] Schule des Pythagoras, nach AROSTOTELES, Met. 985 b 27. - [3] PLATON, Phileb. 24 a-d. - [4] Vgl. Parmenides 126 e. - [5] ARISTOTELES, Eth. Nic. 1095 a 26. - [6] a.a.O. 1110 a 13. - [7] 1096 a 32. - [8] 1104 a 8. - [9] 1174 b 5. - [10] Vgl. aber Anal. pr. I, 48 b 35. - [11] Vgl. V.GOLDSCHMIDT: Le système stoïcien et l'idée du temps (Paris 1969) bes. 168-211. - [12] PHILOLAOS, VS 1, 419.
Literaturhinweis: M. KERKHOFF: Zum antiken Begriff des K., Z. philos. Forsch. 27 (1973) 256-274.

 

II.

Durch den Berliner Kreis der Religiösen Sozialisten (Kairos-Kreis) wird der Begriff <Kairos> um 1920 in die theologische Diskussion eingeführt. Er bedeutet im Gegensatz zu Chronos (<die formale Zeit>) [1] die rechte, die gefüllte Zeit. P. TILLICH findet den Sprachgebrauch zwar bei den Griechen vorgeformt [2], sieht ihn aber erst im neuen Testament zur vollen Entfaltung kommen. Die zentrale Stelle für das Verständnis des Begriffs ist Mk. 1, 15.

Kairos als Fülle der Zeit bedeutet, daß das Unbedingte in einem bestimmten Moment der Geschichte in die Zeit einbricht und sie mit einem unbedingten Gehalt und mit einer unbedingten Forderung erfüllt [3]. In diesem Sinn wird der Begriff in der Auseinandersetzung mit den Problemen der Utopie aufgenommen: Die Idee des Kairos <enthält das Hereinbrechen der Ewigkeit in die Zeit, den unbedingten Entscheidungs- und Schicksalscharakter dieses geschichtlichen Augenblicks, aber sie enthält zugleich das Bewußtsein, daß es keinen Zustand der Ewigkeit in der Zeit geben kann, daß das Ewige wesenmäßig das in die Zeit hereinbrechende, aber nie das in der Zeit Fixierbare ist> [4]. Der Kairos wird vom Propheten angekündigt, der eine Zeit in ihrer Tiefe existentiell erlebt; der Prophet steht in dialektischer Beziehung zum Kairos-Bewußtsein: Einerseits ist dieses ihm vorgegeben, andererseits schafft er es durch seine Botschaft. Er treibt die Geschichte vorwärts in Richtung auf eine neue Theonomie. Kairos bezeichnet zwar den Übergang von einer autonomen zu einer theonomen Kulturepoche, inhaltlich aber sind Kairos und Theonomie nahezu identisch.

Vom Kairos kann man in dreifacher Weise reden. <Kairos in seinem einzigartigen und universalen Sinn ist für den christlichen Glauben das Erscheinen Jesu als des <Christus>. Kairos in seinem allgemeinen und speziellen Sinn ist für den Geschichtsphilosophen jeder Wendepunkt in der Geschichte, in dem das Ewige das Zeitliche richtet und umwandelt. Kairos in seinem besonderen Sinn für uns, in seinem für unsere augenblickliche Lage entscheidenden Charakter ist das Hereinbrechen einer neuen Theonomie auf dem Boden einer profanierten und entleerten autonomen Kultur> [5].

Die dritte Bedeutung des Begriffs tritt bei Tillich in den späteren Jahren zurück. Es gibt den einen zentralen Kairos, die Erscheinung des Christus, der durch viele Kairoi vorbereitet war und dem viele andere folgen: <Der <große Kairos> bedarf auch vieler <kleiner Kairos>, damit er von der ihm folgenden Entwicklung rezipiert werden kann.> Der Begriff Kairos <wird heute als Bezeichnung einer prophetischen Geschichtsdeutung gebraucht, die die <Zeichen der Zeit> sehen und die Geschichte als Ganzes verstehen will> [6].

Im breiteren Sprachgebrauch wird der Begriff heute sowohl im Sinne von <rechte Zeit> [7] als auch synonym zu <Gottes Zeit> und <Heilsgeschichte> verwandt [8].

_____________________________

Anmerkungen: [1] P. TILLICH: K. (1922). Ges. Werke 6 (1963) 9ff. - [2] Vgl. dazu Theol. Wb. zum NT, hg. KITTEL 3, 456ff. - [3] P. TILLICH: Grundlinien des Relig. Sozialismus (1923). Ges. Werke 2 (1962) 94. - [4] K. (1926) a.a.O. [1] 35. - [5] a.a.O. 24. - [6] K. (1958) a.a.O. [1] 138f. - [7] H. THIELICKE: Theol. Ethik 1 (1958) 443. - [8] a.a.O. 459.
E. AMELUNG

 

ICH HABE GELERNT, DIE PHÄNOMENE ZEIT UND UHRZEIT AUSEINANDERZUHALTEN. 

DIE UHRZEIT, DIE DAS LEBEN GLIEDERN UND EINTEILEN SOLL, DIE ES ÜBERSCHAUBAR UND REGISTRIERBAR MACHEN WILL, IST DIE SCHLIMMSTE PLAGE, DIE DIE MENSCHEN ERFUNDEN HABEN.

DIE ZEIT DAGEGEN LÄSST UNS RAUM UND MÖGLICHKEITEN; VON DER ZEIT IST DAS LEBEN NICHT BEGRENZT, SONDERN MIT IHR IST ES AUSGESTATTET ZU EINER KAUM FASSBAREN VIELFALT. 

André Krellmann

 

WissenschaftsForum Petersberg über Zeit

"Wir sind auf dem Weg in die Nonstop-Gesellschaft. Der Mensch von heute ist immer auf "standby" - allzeit erreichbar, allzeit bereit. Wer auf der Höhe der Zeit bleiben will, muss mit ihr Schritt halten. Informationen gehen in "Echtzeit" um die Welt. Nachrichten, Märkte, Angebote - alles gilt es zugleich im Auge zu behalten. Ob an der Börse oder bei Ebay: Der Zeitspielraum schrumpft auf den Augenblick, es geht um das perfekte Timing. Ein Auftraggeber will, dass das bestellte System sofort geliefert und in drei statt bisher zehn Tagen eingeführt wird. Firmenchefs müssen Rendite bringen, möglichst sofort und nicht in ferner Zukunft. So tickt das System, das uns gleichzeitig zu unserem Wohlstand verhilft. Temposteigerung ist modern. Das Lebenstempo hat sich in den letzten 200 Jahren verdoppelt Die Beschleunigung der - eigentlich nicht zu beschleunigen - Zeit hat dabei unsere ganze Welt erfasst. Fußgänger hetzen immer schneller durch die Straßen. Ein Schwein, das vor 100 Jahren noch mit drei Jahren geschlachtet wurde, ist heute in sechs Monaten schlachtreif. "Zeitsparmaschinen" bestimmen den Alltag: Mikrowellen, Waschmaschinen, Autos, Flugzeuge. Aber gewinnen wir wirklich Zeit? Die Zeit, die wir einsparen wollen, verschwindet, weil wir "Frei"-Zeit wieder füllen. Am Ende sind uns die Folgen vertraut: Burn-outs, Schlafstörungen, Depressionen, Angst- und Erschöpfungszustände. Schon Kinder fühlen sich zunehmend unter Zeitdruck. Wo also ist, auf lange Frist gesehen, der Gewinn? Der Internet-Buchhändler Amazon bietet mehr als 300 verschiedene Ratgeber zum Zeitmanagement an, Hilfen zur Jagd nach der verlorenen Zeit. Dabei merken wir oft nicht, dass der Verlust der Zeit vor allem ein Verlust an gemeinsam verbrachter Zeit ist. Private und soziale Rhythmen lösen sich auf."

 

3 SEKUNDEN GEGENWART

Erkenntnisse von Prof. Ernst Pöppel, LMU München

Die Zeit fließt nicht kontinuierlich! Die Zeit im Gehirn stößt sich pulsartig voran. Die Reize der Sinne - Sehen, Tasten, Hören, Riechen . . . - spielen dabei eine große Rolle. Sie werden im Gehirn unterschiedlich lang verarbeitet. Doch bewertet das Gehirn als "gleichzeitig", was innerhalb von dreißig tausendstel Sekunden zusammenkommt. Viele Nervenzellen arbeiten dabei schwingungsartig miteinander. Zeitfluß  entsteht als 
Aneinanderreihung solcher  Systemzustände.

Was ist aber Gegenwart? Die Menschen aller Kulturen und Sprachen nehmen etwa drei Sekunden als Gegenwart war. Daran orientieren sie den Rhythmus der Sprache und den Aufbau von Satz-Sinneinheiten. Auch Klang, Musik, Takt orientieren sich an diesem Gegenwartsfenster. Drei Sekunden werden als "Jetzt" erlebt. Das große Wunder der Zeit entsteht aus Zeitlosigkeit, eine eigene Art der ständigen Erschaffung aus dem Nichts.

Quelle:  CiG 32/1999



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ÜBER DIE ZEITEN


Messiaen über den Rhythmus und die Zeit

" Das Studium des Rhythmus muß mit dem Studium der Zeit beginnen. ... Ich erklärte meinen Schülern all die übereinandergeschichteten Zeiten, die uns umgeben ... die verschiedenen Zeiten, die im Menschen zusammenleben, die physiologische Zeit, die psychologische Zeit ... Vorher hatte ich mich mit den Gruppierungen der Silben und Verse in der griechischen Metrik beschäftigt, mit Arsis und Thesis in den gregorianischen Neumen, mit der Akzentsetzung bei Mozart und Debussy, mit der rhythmischen Abnutzung bei Beethoven, mit den rhythmischen Gestalten im 'Sacre du Printemps'. Ich habe vor allem lange über ... die Rhythmen der verschiedenen Provinzen des alten Indien nachgedacht und über ihren wunderbaren Reichtum an Gestalt und Ausdruckskraft..."
(Messiaen bei seinem Vortrag bei der Brüsseler Weltausstellung 1958)



VARIATIONEN ÜBER DIE ZEITEN



Hans Blumenberg  hat in seinem Buch "Lebenszeit und Weltzeit" das Auseinaderklaffen zwischen Lebenszeit und Weltzeit thematisiert.
Weltzeit sind die Jahrmilliarden, die sich die Natur für ihre Bewegungen in Zeit und Raum nimmt um Gestalten zu finde, jenseits aller lebensweltlichen Vorstellungen von Länge und Größe. Weltzeit ist aber auch ein offener Horizont von Möglichkeiten, der sich dem Menschen als Projektionsfläche für ihre ins unermessliche Sehnsüchte, Wünsche, Hoffungen.

Werden diese Projektionen von der Welt eingelöst oder stellt sich Enttäuschungen ein?
Blumenberg sieht eine unüberbrückbare Rivalität zwischen Lebens- und Weltzeit und stellt nur noch das Zerspringen der auseinanderklaffenden Scherenblätter fest.

Was ist zu tun, wenn wir auf dem Weg durch unser kurzes Leben merken, dass wir immer weniger Zeit für immer mehr Möglichkeiten haben?

Wir haben die Tendenz, die Kürze der Lebenszeit vor allen durch viele kleine und auch größere Beschleunigungen im täglichen Leben wettzumachen. Wenn die täglichen Reibungsverluste vermindert werden könnten, dann könnte die "Musszeit", die jeder Mensch zu seiner Lebenserhaltung aufzubringen hat, so verringert werden, dass die "Kannzeit" anwächst und damit ein Gewinn an Lebensqualität erzielt werden kann. Mit "Kannzeit" ist wohl nicht die Freizeit der Spaßgesellschaft, sondern eher die selbstbestimmte "Eigenzeit" gemeint, in der dann in Ruhe und Geduld die Wünsche und Vorstellungen verwirklicht werden könnten.

Aber führen die zeitsparenden Technologien wirklich zu mehr Eigenzeit?
Ist es nicht so, dass die Technologien immer schneller neue Ansprüche hervorbringen, vor deren Maßlosigkeit jede "Kannzeit" versagt.

Odo Marquard ("Zukunft braucht Herkunft") spricht von der kleinen "Zeitlücke", in der sich die Menschen auf der Erde einrichten müssen. Sie reicht in der Regel für Änderungen im Weltmaßstab nicht aus, auch wenn sie lauthals angekündigt werden. Denn schon wenn man einiges verändern will, muß man das meiste unangetastet liegen lassen, sonst misslingt auch das wenige, das tatsächlich veränderbar ist.

Was ist zu tun, wenn sich doch das tägliche Hasten nicht auszahlt, wenn doch der Tod immer schneller zur Stelle ist als fast alle gewünschten und geplanten Veränderungen.
Marquard empfiehlt einen "Sinn für Langsamkeiten" zu entwickeln, denn nur mit Langsamkeiten im Gepäck , gewinnen wir das Augenmaß für diejenigen Veränderungen, die zugleich wünschenswert und erreichbar sind. In die Schnelligkeiten der modernen Welt sind möglichst viele Langsamkeiten mit List einzuschmuggeln. Alles Neue veraltet viel schneller als Altes, weil es ohnehin ständig durch Neueres überholt wird, und daher nach kurzem Neuigkeitswert bald viel älter erscheint als das wirklich Alte. Und wenn somit das Neueste immer am schnellsten zum Alten wird, dann steigt auch für das Alte, wenn es in Ehren gealtert ist, die Chance, bald wieder das Neueste zu sein.

Diese Gedanken sind einem Vortrag von Harald Weinrich (Professor für Romanistik am Collège de France, Paris) entnommen, den er bei der Katholischen Akademie in München (2004) hielt.

Blicke vom Neuen zum Alten

(Blick durch die Stahlskulptur des baskischen Bildhauer Eduardo Chillida 1924 bis 2002
 - Buscando la Luz 1997 - zur Alten Pinakothek)

Norberto Bobbio - Vom Alter - De senectute

"Ich habe gelernt, man brauche sich nicht soviel einzubilden, auch wenn die Kapelle für einen spielt. Auch für dich, wie für alle andern, wird die Stunde kommen, da nicht die Musikkapelle, sondern die Glocke tönen wird." Der das vor zehn Jahren schrieb, ist am 9. Januar 2004 im Alter von 94 Jahren gestorben, luzid, bis in seine letzten Tage: Norberto Bobbio, der Rechtsphilosoph und Rechtshistoriker, der sich aber bis vor zwei Jahren durchaus polemisch zu politischen Tagesfragen äußerte. Nach dem Tod seiner Frau Valeria Cova im Jahr 2001, die er vor 60 Jahren geheiratet hatte, verstummte er. Er äußerte sich ergreifend über seinen Zustand eines allmählichen Todes zu Lebzeiten: Freunde und Feinde der eigenen Generation nicht mehr am Leben, er selbst ein Anachronismus. Bobbio wurde am 18. Oktober 1909 in Turin geboren, war schon 86, nein: erst 86, als er, wie Cicero, seinen Essay über das Alter schrieb.

Aus seinem Werk "Vom Alter"

"Die Welt der alten Menschen, aller alten Menschen, ist in mehr oder weniger ausgeprägter Form die Welt der Erinnerung. Man sagt: am Ende bis du das, was du gedacht, geliebt, vollbracht hast. Ich möchte hinzufügen: du bist das, was du erinnerst. ... Die Erinnerungen, die du bewahrt und nicht in die ausgelöscht hast sind deine Reichtümer, und du bist nun ihr einziger Wächter. Möge es die gestattet sein, so lange zu leben, wie die Erinnerungen dich noch nicht fliehen und du dich in sie flüchten kannst. Die Dimension, in der der alte Mensch lebt, ist die Vergangenheit. Die Zeitspanne, die die Zukunft noch für ihn bereithält, ist zu kurz, als daß er sich Gedanken um das machen müßte, was kommen wird. ...
Geh deinen Weg in Gedanken noch einmal. Die Erinnerungen werden dir helfen. Aber die Erinnerungen werden nicht auftauchen, wenn du nicht hingehst, sie in den entferntesten Winkeln deines Gedächtnisses aufzustöbern. Das Erinnern ist eine geistige Tätigkeit, die du oft scheust, weil sie mühevoll oder peinlich ist. Doch es ist eine heilsame Tätigkeit. .... Die Straße durch die Felder, über die wir als Jungen liefen, um zu einer etwas abgelegenen Molkerei zu kommen, könnte ich in jedem Abschnitt, in jedem einzelnen Stein beschreiben....In dem Moment, da du sie dir ins Gedächtnis zurückrufst, läßt du sie wieder leben, einen Moment wenigstens, und damit sind sie nicht gänzlich tot, sind nicht vollkommen im Nichts verschwunden."
. . .
"...Was das Alter von den Jugendjahren unterscheidet ist das Langsamerwerden der Bewegungen des Körpers und des Geistes. Das Leben des Alten spielt sich im Zeitlupentempo ab. ...Die Langsamkeit... erregt eher Bedauern als nachsichtiges Mitleid. Es ist das natürliche Schicksal des Alten, daß er zurückbleibt, während die anderen weitergehen. ... Wenn er spricht und dabei nach Worten sucht, hört man ihm vielleicht sogar respektvoll zu, verrät aber eine gewisse Ungeduld. Auch die Ideen bilden sich langsamer. Und die, die noch hervorkommen, sind immer die gleichen. Wie langweilig? ... Er wiederholt sich, ohne es zu merken, denn auch der Mechanismus seines Gedächtnisses arbeitet nicht mehr reibungslos. Er erinnert sich nicht mehr daran, daß er das gleiche, mit fast den gleichen Worten im letzten Jahr, vor einem Monat, und ... sogar gestern schon einmal gesagt hat. ... Mehr als das Neue fesselt mich die Information, die sich wiederholt, die Idee, die mir längst bekannt ist, die erfreuliche Bestätigung dessen, was ich mir vor vielen Jahren angeeignet habe. Der neue Gedanke erscheint fast wie ein Eindringling, der versucht, einen bereits überfüllten Raum zu betreten, in dem es keinen Platz mehr gibt. ...
Wer in den letzten Lebensabschnitt eingetreten ist, macht die Erfahrung, die ihn mal mehr, mal weniger erschrecken wird: Es ist der Gegensatz zwischen Langsamkeit, zu der er gezwungen ist, wenn er seine tägliche Arbeit verrichtet..., und dem unvermeidlichen Nahen des Endes. ... Die Grenzen kenne ich wohl, aber ich akzeptiere sie nicht. Ich gestehe meine Grenzen ein, aber nur, weil ich nicht anders kann."
. . .
"Die Welt der Zukunft ist offen für die Einbildungskraft, und sie gehört dir nicht mehr. Die Welt der Vergangenheit dagegen ist die Welt, wo du dich mit Hilfe der Erinnerung in dich selbst zurückziehen kannst, zu dir selbst kommen kannst, rekonstruieren kannst, wie deine Persönlichkeit sich in der ununterbrochenen Reihe aller miteinander verbundenen Taten in deinem Leben gebildet und offenbart hat, es ist die Welt, wo du dich verurtelst, dich freisprichst, dich verdammst, und wo du, wenn der Lebensweg kurz vor seinem Abschluß steht, auch versuchen kannst, eine endgültige Bilanz zu ziehen. ... Die Zeit des Gedächtnisses verläuft in umgekehrter Richtung zur realen Zeit: je lebendiger die Erinnerungen sind, die im Gedächtnis auftauchen, desto weiter liegen diese Ereignisse in der Vergangenheit. ... Versäume es nicht weiterzugraben. Jedes Gesicht, jede Geste, jedes Wort, jeder noch so weit entfernte Gesang, die du wiederfindest, obwohl sie für immer verloren schienen, helfen die zu überleben."



 

DENN ZEIT IST WIE EIN WIRT NACH HEUT'GER MODE,
DER LAU DEM GAST DIE HAND DRÜCKT, WENN ER SCHEIDET,
DOCH AUSGESTRECKTEN ARMS, ALS WOLLT' ER FLIEGEN,
UMSCHLINGT DEN, WELCHER EINTRITT.
STETS LÄCHELT WILLKOMM', LEBEWOHL GEHT SEUFZEND.

NIE HOFFE WERT FÜR DAS, WAS WAR, DEN LOHN;
DENN SCHÖNHEIT, WITZ
GEBURT, VERDIENST, WOHLTAT, ALLE SIND SIE KNECHTE
DER NEIDSCHEN, VERLEUMDUNGSSÜCHT'GEN ZEIT.

NATUR MACHT HIERIN ALLE MENSCHEN GLEICH;
EINSTIMMIG PREIST MAN NEUGEBORNEN TAND,
WARD ER AUCH AUS VERGANGNEM NUR GEFORMT,
UND SCHÄTZT DEN STAUB. EIN WENIG ÜBERGOLDET,
WEIT MEHR ALS GOLD, EIN WENIG ÜBERSTÄUBT.

DIE GEGENWART RÜHMT GEGENWÄRT'GES NUR.




Priamus / Nestor Barbara Nüsse    Hektor / Agamemnon Hans Kremer  
Paris / Menelaus Bernd Grawert   
Troilus Oliver Mallison
Thersites Joel Harmsen
   Andromache / Cassandra / Kalchas Annette Paulmann   
Cressida Julia Jentsch   
Achilles Christoph Luser
Ajax Peter Brombacher   
Ulysses Wolfgang Pregler
Diomedes Stefan Merki
   Patroklus Frederik Tidén

Regie Luk Perceval    Licht Max Keller