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MUSIKTHEATER IN 16 SZENEN VON JÖRG UND ROLAND |
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| PATRIZIA | BRUNO | MILTON | JUSTINE | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| SALOME KAMMER | DALE DUESING | TÖLZER KNABENCHOR | RICHARD SALTER | JULIA REMPE | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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PETER RUNDEL |
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FALK RICHTER |
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| 1. SZENE | ROT UND DAS BLAU | DER NACHT AM HIMMEL | WIRD ZU VIOLETT | UND PURPUR | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 2. SZENE | UNSERE ZUKUNFT IST | GLÄNZEND | WIR ÜBERHOLEN DIE | GESAMTE KONKURRENZ | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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3 SZENE |
ICH ABER GLAUBE | AUF UNS KOMMT | EINE KATASTROPHE | ZU | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 4. SZENE | SIE IST -SIE IST PERFEKT | SIE IST GANZ NEU | UND DABEI IST SIE | AUS FAST NICHTS | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 5. SZENE | DIE HAUT / DAS BLUT | DAS HERZ / DIE ADERN | DIE LEBER / DIE NIEREN | DIE LUNGE / DIE MILZ | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 6. SZENE | SIE IST EIN PERFEKTER | SOLDAT DES FORTSCHRITTS | SIE HAT NUR EINEN MANGEL | SIE KENNT DEN SCHMERZ | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 7. SZENE | WAS ABER WÄCHST | IN IHREM KOPF | WENN ICH DAS WÜSSTE | DAS LENKEN KÖNNTE | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 8. SZENE | ICH - DU | DICH HABE | ICH DICH | KENN ICH DICH ? | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Bruce Naumann | ![]() |
Double Poke in the Eye II (1985) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 9. SZENE | WAS IST DAS IN MIR | WIE EIN BILD DAS IN MIR IST | EIN BILD VON IHM | ALLES TUT WEH IN MIR | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 10. SZENE | UNTER DER STRAßE | LIEGEN DIE LEITUNGEN | WANDERN WORTE | WÄHREND KALT DER MOND | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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11. SZENE |
BRUNO UND ICH | UND NOCHMAL ICH | ICH BIN DOPPELT | MEIN SPIEGELBILD | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 12. SZENE | WAS TUT SIE DA ? | WAS TUT SIE DA? | JUSTINE UND BRUNO | KÜSSEN SICH | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 13. SZENE | WAS SAGTEST DU ? | ICH SAGTE NICHTS | ICH WEIß NICHT WER DU BIST | ABER ICH LIEBE DICH | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 14.SZENE | GENETISCHER CODE | TRAGE ICH BEI MIR GEDRUCKT | SCHWARZ AUF WEIß | WIR TRUDELN , STÜRZEN AB | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 15. SZENE | JUSTINE WEINT | IST DAS AUCH BLUT? | DAS IST NICHTS WEITER | WASSER UND ETWAS SALZ | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 16. SZENE | DU BIST NUR EIN IRRTUM | EINE MASCHINE, EIN FEHLER | WENN ICH KEIN MENSCH BIN | DANN WILL ICH STERBEN | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Nun kann man dem ungeheuer talentierten und obendrein noch ungeheuer fleißigen Widmann thematisch wohl prinzipiell alles vorlegen, denn Widmann verfügt über eine Gabe, die man das fotografische Gehör nennen könnte. Keiner in der jungen Szene hat die Altvorderen der Avantgarde und ihre Ticks und Tricks stimmenimitatorisch so gut drauf wie er. Bisschen geballter Ligeti gefällig? Kollege kommt gleich. Darf es vielleicht ein wenig Maulhurerei wie bei Dieter Schnebel sein? Aber immer doch. Weite Fläche Zeit in der Manier von Peter Eötvös gefällig? Hätten wir hier. Den wirklich unverkennbaren Widmann-Sound, eine Mischung aus allerbestem klassischem Handwerk und atonaler Keckheit (Komik auch), kennt man bisher vorzugsweise von den großen Werken für Klarinette und zwei kleineren Opernversuchen. Jetzt aber stimmt fast bis zum Schluss auf einen Schlag beinahe alles: Timing, Instrumentierung, operndramatischer Sinn – und das richtige Gefühl für Sänger hat Widmann auch. Zwar bringt er sein Quartett mit viertel- oder dritteltönigen Sequenzen an den Rand dessen, was singbar ist, doch macht er keine Monstrosität daraus: Alles Vokale wird mit fast Straussschem Instinkt für den Effekt von Widmann getragen. Der Librettist Roland Schimmelpfennig wiederum, früher an den Münchner Kammerspielen und im Moment bei der Berliner Schaubühne Hausautor (Arabische Nacht), verblendet in Das Gesicht im Spiegel Börsen-, Wissenschafts- und Computerslang und experimentiert ansonsten hauptsächlich mit seiner eigenen, assoziativen Sprache. Er zieht unter der Handlung einen zweiten theatralischen Rätsel-Boden ein, von dort hört man immer wieder die Bühnenwelt von gestern rumoren. So weit nämlich ist der Klon Justine nicht entfernt vom Homunculus im Faust II, der schließlich am Muschelthron der Galatee zerschellt und den Liebestod findet. Was bei Goethe jedoch am Rand passiert (und bei Offenbachs Puppe Olympia in Hoffmanns Erzählungen Episode bleibt), rückt hier in die Mitte. Dem Schicksal der Justine, in München mit der überragend spielfreudigen Sopranistin Julia Rampe besetzt, gilt die ganze Fürsorge der Aufführung, schließlich lässt sich hier trefflich und musiktheatralisch ergiebig demonstrieren, was eine Metamorphose ist. Aus einem zunächst nur Buchstaben stotternden Produkt der Firma Biotec (Inhaber: Patrizia und Bruno) und seines Schöpfers Milton (leicht trottelig und einsteinhaft: Richard Salter) wird ein perfekter menschlicher Unmensch: Justine sieht aus wie Patrizia in jungen Jahren, ist schmerzempfindlich, aber unverletzlich – und darf sogar lieben. Sterben darf Justine nicht. Zwanzig Tölzer Knaben Es mindert den ziemlich hohen Rang von Widmanns Komposition und Schimmelpfennigs Text kaum, wenn man beiden auf den Kopf zusagt, dass sie wesentlich mehr am Bauch der Geschichte interessiert sind als an deren Überbau: Die zwanzig umtriebigen (und musikalisch umwerfenden) Tölzer Knaben zum Beispiel, alle gleich blond perückt und immer entweder einen Computer oder mindestens die Zeitschrift Capital mit sich führend, sind Beiwerk der Regie. Falk Richter entledigt sich seiner Aufgabe mit kühlem Sinn für Videoarrangements über der realen Spielfläche. Für die Menschen findet er dazwischen schon noch ein Plätzchen. Jörg Widmann jedoch will eigentlich mehr von ihnen als wechselnde Standorte. Er sucht Archetypen, nicht Spielmaterial. Bereits der musikalische Beginn lässt aufhorchen, wenn aus allerleisestem Streichernuscheldialog ein großes C wird und heraufschwimmt und danach mit geradezu rheingoldhafter Beflissenheit als Ostinato in Wellentälern badet. Widmann landet denn auch über kurz oder lang und trotz großer Intervallsprünge, traumhafter Flageolets und knirschsicherer Rhythmik (bestens herauspräpariert mit dem Bayerischen Staatsorchester von Peter Rundel) bei den Grundmustern der großen, alten Oper, die nicht totzukriegen sind: Liebe. Tod. Verklärung. Am Ende wird es ein wenig dünn bei Widmann, was zum einen daran liegen mag, dass Justine nicht Isolde sein darf, da ist der Klon vor. Außerdem soll die Druckertinte der Partitur noch ziemlich feucht gewesen sein, eine Geschichte, aus der sich bestimmt mal eine schöne Legende basteln lässt. Widmann nämlich ist der Typ, der Opern schreiben könnte, nach denen die Leute auch heute noch verrückt werden. Vorerst hat man deshalb mal: Respekt.
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" . . . UMDÜSTERT . . . " |
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"Nicht
nur, dass der 34-jährige, höchst produktive, erfolgreiche und
originelle Musiker mit seinem aufregend von tiefsten Seelenqualen
kündenden Stück " ... umdüstert . . . " für Kammerensemble
(1999-2000) als Komponist prominent vertreten war, auch der
Instrumentalist stand buchstäblich im Rampenlicht - mit Pierre Boulez
phantastischem "Dialogue de l'ombre double" (1984) für
Klarinette und Tonband. Ganz allein auf der sich immer wieder
aufhellenden Bühne spielte Widmann faszinierend virtuos für sich
allein sechs "Strophen", um im Dunkeln während diverser
"Übergänge" gleichsam wie die Zuhörer seinem Schatten in
Gestalt von zuvor aufgenommenen Passagen zu lauschen, die ebenso
beunruhigend wie faszinierend durch den Raum wanderten. Die klassische
Schönheit der Klarinetentriller, - koloraturen und -figurationen war
frappierend, und nur selten mischte sich eine Dissonanz oder Schwebung
ins Spiel, bis das Ganze mit eigentümlich fahlen Sinuston endete. Klaus Kalchschmid in der SZ vom 25.4.07 |
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"Kiefer hat [Widmann] als Partner auserkoren, die erhabene Weltendzeitdämmerung mit Klängen auszustatten, und der im Programmbuch abgedruckte Briefwechsel dokumentiert, wie der Großkünstler den Jungkomponisten einschwört, alles Lebendige und Dramatische wegzulassen. »Deine wunderbaren Klangfarben müssen ergrauen und vergeheimnist werden«, schreibt Kiefer. Widmann scheint sich mit seiner Partitur auch auf die Vorgaben einzulassen. Mit tonlosen Anblasgeräuschen schält sich die siebzigminütige großorchestrale Klangszenerie aus der Stille, bleibt lange Zeit amorph in ihren Erscheinungsformen, setzt auf die ätherischen Klangfarben eines Trios aus Glasharmonika, Akkordeon und Klarinette, akzentuiert pathetisch das Grollen der großen Trommel und geräuschhaftes Reiben von Bogenholz auf Kontrabasssaiten. Widmanns Zeitmaß ist ein Ewigkeitsadagio, der Duktus der Musik ist flächig, gedeckelt, gründelnd. Und passagenweise hat man das Gefühl, hier schreibe einer nahe am Klischee einer Anselm-Kiefer-Musik. Aber mitten hinein in das Vergänglichkeitsraunen erklingen irritierende Vitalitätsschübe, Solopassagen der Klarinette und einer Geige, jähe Orchesteraufschwünge, hell schimmernde Farben. Als wolle sich das Orchester (unter der Leitung des Komponisten) von der Kieferschen Asche nicht vollständig bedecken lassen. Es sind die stärksten Momente des Abends. Weil man spürt, dass Musik gar nicht anders kann, als der »Negation des Seins« entgegenzuwirken." ZEIT vom 16.7.2009 von Claus Spahn
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