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OLIVIER MESSIAEN |
Saint-François d'Assise |
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DER HEILIGE FRANZ VON ASSISI |
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2. AKT |
SECHSTES BILD : DIE VOGELPREDIGT |
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BRUDER MASSEO Heute morgen, als ich, aus den Carceri kommend, auf der von Olivenbäumen und Zypressen umsäumten Straße ging, habe ich einen ganz sanften Gesang gehört, eine rasche und zarte Melodie, wie ein dünnes Bächlein: so, als ob man eine Kette von sehr kostbaren Perlen löste. . . . Es ist Frühling! Viele Vögel singen heute . . . FRANZISKUS Ein Lobpreis! Ein Ausrufezeichen! Eine Insel wie ein Ausrufezeichen! . . . Eine Insel im Meer, jenseits alle Meere! Dort, wo die Blätter rot, die Tauben grün und die Bäume weiß sind; dort, wo das Meer vom Grün zum Blau und vom Violett zum Grün wechselt wie das Schimmern eines Opals! Denn auch die Vögle der Inseln, auch sie brauchen wir, um der Aufforderung des Psalmes nachzukommen: und die Inseln sollen lobpreisen! Ich habe es im Traum geschaut . . . BRUDER MASSEO Und dieser da, der sich irrt? Er singt die absteigende Tonleiter vor der aufsteigenden! FRANZISKUS . . . Auch wir werden nach der Auferstehung die Himmelsleiter emporsteigen, und es wird scheinen, als stiegen wir an ihnen herab . . . Alles Schöne muss zur Freiheit, zur Freiheit der Herrlichkeit gelangen. Unsere Brüder, die Vögle, erwarten jenen Tag, . . . an dem Christus alle Kreaturen vereinigen wird: die der Erde und die des Himmels! Ihr Vögel, meine Brüder, zu allen Zeiten und an allen Orten, lobet euren Schöpfer. Er hat euch die Freiheit des Fliegens gegeben und damit die Eigenschaft uneingeschränkter Bewegung erahnen lassen. . . . Er hat euch gestattet, so wunderbar zu singen, so dass ihr ohne Worte sprecht, wie in der Sprache der Engel, allein durch die Musik. Er liebt euch, Er, der euch soviel Gutes tut! Ihr Vögel, meine Brüder, lobet den Herrn, und ich sende euch den Segen, das Zeichen des Kreuzes! BRUDER MASSEO . . . Hast Du bemerkt, Vater, dass sie in vier Gruppen davongeflogen sind? FRANZISKUS . . . Gegen Osten, gegen Westen, gegen Süden, gegen Norden: die vier Richtungen des Kreuzes . . . . . . vergiss nicht das gute Beispiel, das und diese Vögel geben: Sie haben nichts, und Gott nährt sie doch. Verlassen wir uns über de Sorge um unser Leben auf die göttliche Vorsehung: Suchen wir das himmlische Königreich . . . und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird uns hinzugegeben werden.
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"Die Natur und die Vogelgesänge - das sind meine Leidenschaften. Sie sind auch meine Refugien. In den düsteren Stunden, wenn ich mir meiner Nutzlosigkeit brutal bewußt werde und mir alle musikalischen Sprachen - die klassischen, exotischen, antiken, modernen und ultramodernen - auf das bewunderungswürdige Ergebnis geduldigen Suchens reduziert erscheinen, ohne daß hinter den Noten etwas stünde, das soviel Arbeit rechtfertigte: Was bleibt dann anderes zu tun, als sein wahres Antlitz irgendwo im Wald, auf den Feldern, im Gebirge, am Meeresstrand, im Kreise der Vögel wiederzufinden ? Dort ist für mich Musik. Eine freie, anonyme Musik, improvisiert zum eigenen Vergnügen, um die aufgehende Sonne zu begrüßen, die Geliebte zu verführen, um allen zuzurufen, daß dieser Ast oder dieses Feld nur mir gehört, um jeglichen Streit, jegliche Meinungsverschiedenheiten oder Rivalität zu beenden, daß Übermaß an Energie loszuwerden, das in dem Gefühl der Liebe und in der Lebensfreude brodelt, um Zeit und Raum zu durchschneiden, mit seinen Habitatsnachbarn ausgiebig und glücklich sich fügende Kontrapunkte entstehen zu lassen, um sich müde in den Schlaf zu singen oder, wenn der Abend kommt, von einem Stück Leben Abschied zu nehmen. Göttlich spricht Rilke: "Musik: Atem der Statuen: Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen enden. [An die Musik 11./12. Januar 1918]. Der Vogelgesang steht noch über diesem Traum des Dichters. Vor allem steht er weit über dem Musiker, der ihn aufzuzeichnen versucht. Und wenn schon ! Die Ornithologie ist eine Wissenschaft, und wie jede Wissenschaft zieht sie Arbeit und Schwierigkeiten mit sich . . . "
Zitiert nach: Thomas Daniel Schlee, Dietrich Kämper (Hrsg.), Oliver Messiaen - ´Das himmlische Jerusalem - S. 157 f.
Lebendige Leitmotive " . . . aber das Nützlichste von allem, was mich am meisten erneuerte, war, glaube ich, mein Umgang mit den Vögeln. Das hat viele zum Lachen gebracht, weil sie glauben, da es kleine Tiere sind, handele es sich um niedere Tierarten. Das ist vollkommen idiotisch . . . Als ich mich mit den Vögeln befaßte, habe ich begriffen, daß der Mensch nicht so viele Dinge selbst erfunden hat, sondern daß vorher schon viele Dinge um uns herum in der Natur existierten - nur, man hat sie nie gehört. Man hat viel von Tonarten und Modi geredet - die Vögel haben sie. Man hat auch von der Unterteilung der kleinen Intervalle - Dritttel-, Viertel - Töne - gesprochen: die Vögel machen sie. Auch hat man seit Wagner viel von Leitmotiven gesprochen: jeder Vogel ist ein lebendiges Leitmotiv, weil er seine eigene Ästhetik und sein eigenes Thema hat. Man spricht heute auch viel von aleatorischer Musik: das Erwachen der Vögel, die alle zusammen singen, ist ein aleatorisches Phänomen, sie machen viel kollektive Improvisation, und auch Glissandi, wie bei Xenaxis. Ich habe den Eindruck, daß sie alles gefunden haben, sogar die Mischungen von Klangfarben, die man heute sucht. . . . indem ich in die Natur ging und dem Gesang der Vögel zuhörte - das hat mir erlaubt, mich zu erneuern in meinen melodischen Linien. meinen Kontrapunkten, meinen Klangfarben und meiner Orchestrierung."
Aus dem Interview von Almut Rößler mit Olivier Messiaen: abgedruckt in "Münchner Messiaentage 1988" |