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Zur Acht:
Entzweiung
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Leitartikel
am 24.12.2003 in der Süddeutschen Zeitung
Wann
bist Du lieb, lieber Gott?
VON
HERIBERT PRANTL
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Diese
Weihnachtsgeschichte steht nicht bei Lukas und auch nicht
bei Peter Rosegger. Sie handelt nicht von der Freude über
Gott, sondern davon, wie man an ihm verzweifelt. Sie
handelt davon, wie der vom Engel versprochene „Friede
auf Erden“ real ausschaut. Sie spielt nicht im Stall zu
Bethlehem, sondern in einer Baracke zu Auschwitz. Dort
sitzen die übrig gebliebenen Mitglieder eines
Rabbinatsgerichts und machen ihrem Gott den Prozess. Sie
sitzen zu Gericht über ihn wegen des Blutbades unter
seinen Kindern, sie erheben Anklage gegen ihn wegen
Feindseligkeit, Grausamkeit und Gleichgültigkeit. Im
Morgengrauen wird das Urteil verkündet: „Wegen der
ungeheuerlichen Unterlassungen, die er sich an seinen
Kindern hat zuschulden kommen lassen, wird der Heilige,
gelobt sei er, mit sofortiger Wirkung aus der Gemeinschaft
ausgestoßen.“
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Wenn Menschen verzweifeln
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Wer
hat hier gefrevelt, die Ankläger oder der Angeklagte?
Warum lässt Gott, wenn er denn existiert, Vernichtung und
Ausrottung zu? Warum fällt er dem Bösen nicht in den
Arm? Es ist eine Frage, die sich durch die
Menschheitsgeschichte zieht – die Frage, mit der sich
Luther, Leibniz und Kant gequält haben. Der Prophet
Jesajas zitiert diesen Gott so: „Ich bilde das Licht und
schaffe die Finsternis, ich wirke Heil und schaffe
Unheil.“ Dieses Selbstbekenntnis lässt wenig Raum für
die Verteidigung Gottes. Wo ist die göttliche Güte,
Gerechtigkeit, Allmacht? Wo ist sie in den israelischen
Cafés, in denen sich Selbstmörder in die Luft sprengen,
wo in den Dörfern Afghanistans und den Wohnsiedlungen des
Irak, auf die die amerikanischen Bomben fallen, wo in den
Folterkellern der Diktatoren? Wo ist sie, wenn Menschen an
dem Leid verzweifeln, das über sie kommt?
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Auf
der Suche nach Antwort stößt man auf die Varianten, die
Epikur vor über 2000 Jahren entwickelt hat: „Entweder
will Gott die Übel beseitigen und er kann es nicht, oder
er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und
will es. Wenn er es nun will und nicht kann, so ist er
schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und
nicht will, so ist er missgünstig, was Gott fremd ist.
Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist er sowohl
missgünstig wie auch schwach und dann auch nicht Gott.
Wenn er aber will und kann, was allein für Gott sich
ziemt: Woher kommen dann die Übel, warum nimmt er sie
nicht weg?“
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In
ein paar Tagen werden die JahresRückblicke erscheinen.
Man wird darin die fast schon wieder vergessenen
Katastrophen finden, die Terroranschläge und Flugzeugabstürze,
die Toten in Tschetschenien, Irak und Israel, die
Verirrungen der Politik, die verbrannten Astronauten,
erschossenen Ministerpräsidenten, die in Bussen verunglückten
Touristen, die Kriegsbilanz der USA und einen Hinweis auf
die drei Millionen, die im Jahr des Herrn 2003 an Aids
verreckt sind. Ein Hinweis auf Gott, der, wie das
Kirchenlied meint, „alles so herrlich regieret“, wird
fehlen, unter anderem deshalb, weil auch so ein Rückblick
zeigt, dass von herrlichem Regieren nicht die Rede sein
kann. Man hat sich heute zwar nicht an Sonnen- und
Mondfinsternisse gewöhnt, sehr wohl aber an die
Gottesfinsternis. Auch die glühendsten Verfechter eines
Gottesbezugs in der EU-Verfassung tun sich schwer mit der
Erklärung, was dieser Gott eigentlich macht. Sie tun sich
so schwer wie der Pfarrer bei einer Beerdigung, wenn er
sagt, dass „Gott unseren Bruder abberufen hat“, obwohl
er weiß, dass es nicht Gott, sondern ein besoffener
Autofahrer war. Die Gewissheit, dass das schon alles
seinen Sinn hat, wie sie der Dichter Paul Gerhardt hatte,
ist verloren gegangen Angesichts der Trümmer seines im
Dreißigjährigen Krieg niedergebrannten Hauses hatte der
sich hingesetzt und das Lied geschrieben: „Die güldene
Sonne / bringt Freud und Wonne.“ Sein Kollege Wolfgang
Borchert hatte 300 Jahre später diese Glaubensgewissheit
nicht mehr. Er fragte im Namen seiner Generation, die aus
dem Hitler-Krieg in die zertrümmerte Heimat zurückkam:
„Wann bist Du eigentlich lieb, lieber Gott? Warst Du
lieb, als Du meinen Jungen, der gerade ein Jahr alt war,
als Du meinen Jungen von einer brüllenden Bombe zerreißen
ließest? “
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Wann
ist er eigentlich lieb, der liebe Gott? Offensichtlich an
Weihnachten. Da ist er das liebe Christkind, da ist er
klein, unkompliziert, unschuldig, possierlich. Da ist er
Kind, Gott in nuce sozusagen, entwicklungsfähig, aber
noch nicht strafmündig. Dieses Kind kann man also nicht
anklagen, nicht haftbar machen, man kann es nur anhimmeln
– und die Probleme, die man mit dem großen Gott hat,
hat man mit dem kleinen in der Krippe nicht. Die dunklen
Seiten Gottes (so der Titel eines tiefgründigen zweibändigen
Werkes der Theologieprofessoren Walter Dietrich und
Christian Link) sind bei dem Kind in der Krippe noch nicht
sichtbar. Man kann ihm deshalb alles anhängen, was man für
schön hält: Lametta, Kugeln, Weihnachtswünsche.
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Der
große Gott ist ein schwieriger Gott, ein oft zorniger, rächender,
grausamer. An ungefähr tausend Stellen des Alten
Testaments ist davon die Rede, das der Zorn Jahwes
entbrennt, dass er wie ein fressendes Feuer Gericht hält
und mit Vernichtung droht. Und wenn man Psalmen liest,
dann schaudert es einen. „Der Gerechte wird seine Füße
baden in der Gottlosen Blut“, heißt es da, und: „Wohl
dem, der Dir vergilt, was du uns getan! Wohl dem, der
deine Kindlein packt und am Felsen zerschmettert!“ Wenn
man heute solche Texte einem unbefangenen Amerikaner
vorlegt, er würde darauf tippen, einen Text von Bin Laden
vor sich zu haben. Und dann wieder Gebote von so hohem
Anspruch, dass der Mensch darunter zerbricht: „Liebe
deine Feinde!“ Die Rachepsalmen, die Rachephantasien, so
sagen es die Theologen, sind ein Aufschrei der Unterdrückten:
Ein Gott, auf dem man Rachegefühle abladen darf, sei ja
auch menschlicher als der, der Feindesliebe verlangt. Das
Gottesbild der Bibel ist so schillernd wie die Realität
des „Friedens auf Erden“.
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Es
verlangt von dem, der an Gott glaubt, entweder ungeheuere
Naivität oder ein ungeheueres Ringen – so wie im
Abschiedsbrief des Jossel Rakover im Warschauer Ghetto:
„Ich kann dich nicht loben für die Taten, die Du
duldest. Ich segne und lobe Dich für Deine schreckliche
Größe.Wie gewaltig muss Deine Größe sein, wenn sogar
das, was jetzt geschieht, auf Dich keinen entscheidenden
Eindruck macht.“
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Das
Aufbegehren gegen Gott ist ein menschliches Begehren. Das
Aufbegehren gegen menschenverachtende Politik und gegen
frivole Profitgier ist ein weihnachtliches. Weihnachten
ist das Fest, in dem sich Gott klein macht, auf dass die
Menschen verstehen, dass sie das Überwinden der von ihnen
angerichteten Katastrophen nicht Gott dem Herrn überlassen
können. So gesehen ist Weihnachten gar nicht so
possierlich. Es verlangt ziemlich viel: orare et laborare
– beten und arbeiten an einer besseren Welt.
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Die
eingangs zitierte Aufzeichnung vom Prozess gegen Gott in
der Baracke von Auschwitz endet so: Es war zunächst, als
hielte der Kosmos den Atem an. „Kommt“, seufzte dann
schließlich der Rabbi, „jetzt gehen wir beten“.
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