MARIA

IN
ST. ULRICH
SEEG

           EINE SEITE VON THEODOR FREY AUS DER REIHE SEEG IM ALLGÄU

IN ST. ULRICH 
KÖNNEN SIE DIE HEILSGESCHICHTE
IN DEN DARSTELLUNGEN 
DER HEILIGEN MARIA ERFAHREN. 
DIESE SEITEN SOLLEN IHNEN DAZU ANREGUNGEN GEBEN. 

Soweit keine anderslautenden Hinweise erfolgen, sind die Bilder Ausschnitte von Photos, die Erwin Reiter, Haslach für den Kirchenführer von Karl Pörnbacher " Die Pfarrkirche St. Ulrich in Seeg" (Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg) fotografierte.
Ich danke sehr für die Bereitschaft, diese Bilder verwenden zu dürfen.



Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.


Novalis
Freiherr Georg Philipp Friedrich Leopold 
von Hardenberg, 1772 - 1801





Foto Heinrich Scherbaum jun. (Ausschnitt)




MARIA IMMACULATA 

Das Fresko der Maria Immaculata (um 1690) unter der Westempore zeigt beeindruckend, wie der Maler ausgehend von der Weltkugel, über die Schlange des Paradieses mit dem Apfel im Rachen und der Mondsichel zu den Füßen,  bis zur Taube des Geistes, die Heilsgeschichte  schwungvoll gestaltete. Die Anordnung der Sichel über dem Schlangenhaupt lässt dieses Detail diabolisch erscheinen.
Maria, das Zepter der Himmelskönig elegant haltend, ist mit einem Blumenkranz bekrönt.



MARIA I
MMACULATA , "die Unbefleckte", besagt, dass Maria im Hinblick auf die spätere Gottesmutterschaft frei vom Makel der Urschuld, der Erbsünde, empfangen wurde.

Wie in der bildenden Kunst üblich wird Maria mit einem linken Fuß auf dem Kopf der Schlange, die sich um die als Weltkugel  Erde ringelt, dargestellt. Sie symbolisiert die Erbsünde und das daraus folgende Böse . Mit dem zweiten rechten Fuß steht Maria auf einer Mondsichel. 

Dieses Darstellungsform findet sich besonders ausgeprägt in der Statue (ca. 1720) an der Südwand vor dem Hochaltar und im mittleren vorderen Bild unter der Westempore (um 1690). 



In der Seeger Kirche gibt es verschiedene Darstellungen der Mondsichelmadonna, bei denen der Erdball fehlt und nur der Mond als himmlisches Symbol Marias dargestellt wird. Die Darstellung, im besonderen der Sternenkranz, orientiert sich an der Apokalyptischen Frau aus der Offenbarung des Johannes.

Und es geschah ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau mit der Sonne bekleidet und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.

Apokalypse 12,1

Die zwölf Sterne wird als der Tierkreis, die Sonne als Christus, der sich verändernde Mond als die Vergänglichkeit der Welt interpretiert. Im Weib wird Maria, später auch ein Symbol für die Kirche gesehen.


Das Zepter weist auf Maria als Himmelskönigin hin. Diese Verbindung ist in der Seeger Kirche besonders häufig zu sehen.
In dieser Darstellungsform wird Maria auch als "Königin des Himmels" (regina coeli) bezeichnet.

DARSTELLUNGEN DER MARIA MIT MONDSICHEL 

Hauptaltarblatt von J.B. Enderle mit Maria als Fürsprecherin für die Seeger Bürger.  Maria wird hier idealtypisch im rötlichen Gewand mit blauem wehendem Mantel dargestellt. Der Hl. Ulrich zeigt auf die dargebrachten glühenden Herzen der Seeger.
Maria ist wie bei den anderen Darstellungen bekrönt.

Die Krönung Marias durch die Dreifaltigkeit ist am rechten Seitenaltar (Balthasar Riepp zugeschrieben) zu sehen. Auch hier findet sich das Mondsichelmotiv, der Sternenkranz und das weiße Kleid mit Goldborten wieder. In der Erdensphäre sind eine Vielzahl von Menschen, auch Apostel und Heilige versammelt.

Fotos von Heinrich Scherbaum jun. (Ausschnitt)

An der oberen linken Brüstung der Westempore findet sich fast eine Dublette des Hauptaltarbildes.  Hier wird das Zepter elegant, aber fast beiläufig gehalten. Nicht die würdevolle, sondern die den Nöten der Menschen ihr Ohr schenkende Maria steht hier im Vordergrund.

In dieser zweiten Darstellung an der rechten Westempore verzichtet Enderle auf die Darstellung des Jesuskindes und des Zepters. Maria wendet sich hier mit offenen Armen einer kranken Mutter zu. Die Kinder sind im Dunkeln zu erkennen.

Im Hauptfresko stellt J.B. Enderle Maria als Fürsprecherin, der das Symbol der Reinheit - eine Lilie - gereicht wird, dar. Um diese Reinheit zu unterstreichen,  ist hier das Gewand in heller Farbe gehalten. Die Mondsichel ist nach unten offen gestaltet und stellt sich so gegen den Halbmond auf den brechenden Masten der türkischen Schiffe.

 

Der Darstellung fehlt aber alles Martialische. Maria zeigt zwar auf das Kampf geschehen auf der Erde, überlässt das Eingreifen aber einem kleinen Putto. 
Im Gegensatz zu anderen Marien- darstellung in der Auseinandersetzung mit den Türken (hier mehr . . . ) wird die heitere Grundstimmung nicht aufgegeben.

 

 

 

DARSTELLUNG DES MARIENLEBENS 

 

Maria lernt Lesen Marias Verlobung Die Verkündigung

Foto Heinrich Scherbaum jun.

In der Seeger Kirche kann das Leben Marias in alles Phasen miterlebt werden. Die doch recht seltene Darstellung,  wie die  jugendliche  Maria, bereits mit einem achteckigen Sternenkreis hervorgehoben,  unter Anleitung ihrer Eltern Anna und Joachim das Lesen lernt,  ist unter der Westempore (rechts vorne) zu sehen. Beachtenswert ist die Sprache der Hände und die delikate Darstellung des Blumenschmucks - wohl auch Rosen -  in einer vergoldeten Vase. Eine kleines Meisterwerk!

 

Interessant ist die Darstellung der Verlobung von Josef und Maria. Eine Überlieferung berichtet, dass Josef aus dem Stamme Davids,  als einer von zwölf Auserwählten der zwölf Stämme Israels, ihre Stäbe zum Orakel in den Tempel brachten. Nur der Stab Josefs erblühte.  Auch die Seitenfigur am linken Seitenaltar von Franz Ignaz Buder zeigt den hl. Josef mit dem blühenden Stab. 

Nach mosaischem und jüdischem Recht  ist die Verlobung ein erster Rechtsakt innerhalb der ehelichen Verbindung von Mann und Frau.  Nach der Mischna wird eine Frau  erworben durch Geld, Vertrag oder Kohabitation (Beischlaf).  Die Verlobung ist mit der Verpflichtung zur späteren Eheschließung verbunden.
Auch hier sehen wir eine wunderbare Darstellung einer Blumenschale.

Maria, vom Lichtstrahl getroffen, wird in einer ergebenen Haltung dargestellt. Der große Religionsphilosoph Eugen Biser fragt, was dieses Bild uns zu sagen hat, wenn wir unseren Glauben als einen kritisch reflektierenden und letztlich verstehenden zu verantworten haben. Biser bezieht sich auf Paulus, der aussagt, dass Gottes Sohn "dem Fleische nach dem Geschlechte Davids entstammt, der aber dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist zum Gottessohn mit Macht durch die Auferstehung von den Toten." Die Evangelien erzählen die Lebens- geschichte im Grunde von ihrem Endziel, der Auferstehung, her.  Die Geburt wird im "Stil eines Gleichnisses" erzählt, "dem nach einem theologischen Grundsatz keine Lehraussagen entnommen werden können. Über das WIE dieser wunderbaren Geburt sagt es so wenig wie die Erzählung vom göttlichen Sechs-Tage-Werk von der tatsächlichen Entstehung des Universums."

  

 

 

Mariä Heimsuchung Anbetung der Hirten Flucht nach Ägypten

Foto Heinrich Scherbaum jun.

Die Base Elisabeth empfängt Maria an der Haustür und bittet sie herein. Im Hintergrund sind Josef und Zacharias in einem angeregten Gespräch. Zacharias war  Priester und der Vater von Johannes dem Täufer. Im Islam wird er als Prophet angesehen. Die Geburt Johannes wird dem alten Zacharias durch den Engel Gabriel verkündet. Weil er dem Engel aber nicht glaubte wird er stumm und kommt erst dann wieder zur Stimme, als er die Namensgebung bei der Beschneidung akzeptierte. Er sprach dann das Benediktus.

" . . . Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens."

 

ZUM MAGNIFCAT . . .

Maria nach der Geburt im Stall von Betlehem (bet ist das Wort für „Haus“,  lahm steht im Arabischen für „Fleisch“, im Hebräischen dagegen für „Brot“, in manchen Dialekten auch für „Fisch“). Das Fresko von J.B. Enderle zeigt die Anbetung der Hirte an der Decke des südlichen Oratoriums in einer wunderbar durchlichtete Darstellung, die mit leichtem Strich aufgetragen ist. Zu den Füßen von Maria ist im Dunkeln,  ein auf dem Rücken liegendes, an einen Stock gebundenes Lamm zu sehen. Ein deutlicher Hinweis auf das Lamm Gottes und das Kreuzesopfer. Die Weihnachtsgeschichte ist von der Ostererzählung nicht loszulösen sondern von ihr her zu begreifen..

Eine  Beschreibung der Flucht findet sich in den neutestamentlichen Apokryphen (z.B. Pseudo-Matthäus- Evangelium). Sie wird ausgelöst durch den drohenden Betlehemitischen Kindermord (Mt 2, 16 - 18) durch König Herodes (37 - 4 v. Chr.). Auch wenn es für beides keine historischen Belege gibt so wird dieser Erzählung doch einen symbolischen Gehalt zu geschrieben, da auch das israelische Volk nach Ägypten verbannt war. In der romantischen Seeger Darstellung ist eine Bergwelt mit Halbmond und Sterne,  eine in sich gekehrte Maria und ein hellwaches Jesuskind zu sehen.

 

Flucht nach Ägypten
 Johann Caspar Popp (um 1701/03)

 

Maria mit ihrem toten Sohn  Die Tugenden Mariens


MARIENLOB  
von Gertrud 
von le Fort

In der 14. Kreuzwegstation stellt J.B. Enderle Maria, als die vom  Schmerz durchbohrte Mutter mit ihren Sohn zu ihren Füßen dar. Ihr Gesichts zeigt aber einen fast verklärten Ausdruck. Dramatisch zeigt der obere Bereich die verdunkelte Sonne. 

 

Eine weiter Pietadarstellung aus dem Jahre 1907 findet sich im südlichen Vorzeichen.

In den Kartuschen sind mit allegorischen Frauengestalten die Tugenden Marias dargestellt. Hier die Demut mit dem Text "Er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut." Hier schließt sich der Kreis zur der Verkündigung der Empfängnis des Sohnes. 

Im unteren Bereich ist symbolhaft das aufschauende Lamm dargestellt.  J.B. Enderle hat uns hier ein ausgezeichnetes Beispiel eines Ton in Ton Freskos geschenkt.




MAGNIFICAT

Zeichnung TAM

Der Evangelist Lukas berichtet, wie Maria wenige Tage nach der Verheißung der Geburt des Gottessohnes durch den Engel Gabriel ihre Verwandte Elisabeth besucht. Bei der Begrüßung wird Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und preist Maria und ihr Kind. Darauf stimmt Maria einen Lobgesang an, der nach dem Anfangswort der lateinischen Fassung "Magnificat" heißt:

 

Meine Seele preist die Größe des Herrn,

und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,

und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht

über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:

Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron

und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben

und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an

und denkt an sein Erbarmen,

das er unseren Vätern verheißen hat,

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

 

Zeichnung TAM

 

 

MARIENLOB  von Gertrud von le Fort

 

Die du vom Geist des Friedens gegrüßt wurdest,
erbitte uns den Frieden -
die du das Wort des Friedens in dich aufnahmst,
erbitte uns den Frieden -
die du das heil'ge Kind des Friedens zur Welt geboren hast,
erbitte uns den Frieden -
Du Helferin des Allversöhners,
du Willige des Allverzeihers,
du Hingegebene an sein ewiges Erbarmen,
erbitte uns den Frieden.

Freue dich, Jungfrau Maria, Tochter meiner Erde, Schwester meiner Seele, 
freue dich, du Freude meiner Freude!
Ich bin ein Wandern durch die Nächte, aber du bist ein Haus unter Sternen!
Ich bin eine durstige Schale, aber du bist ein offnes Meer des Herrn !
Freu dich, Jungfrau Maria:
Selig preis' ich, die dich selig preisen !

Nie mehr soll ein Menschenkind verzagen.
Ich bin eine einige Liebe, ich will immerdar zu allen sprechen:
Eine von euch hat der Herr erhöht !
Freu dich Jungfrau Maria,
Flügel meiner Erde,
Krone meiner Seele.
Freud dich, du Freude meiner Freude;
Selig preis' ich, die dich selig preisen !


 

 

Maria wurde beim Kampf gegen Eroberungen der Osmanen und Türken immer wieder zur Hilfe gerufen. So bereits 1480, als die Türken die Johannesfestung auf Rhodos stürmen wollten, so bei der ersten Belagerung Wiens (1529) und bei der Seeschlacht von Lepanto (1571). Als die  Siegesnachricht verkündet wurde, rief PIUS V. das Fest "Beatae Mariae Virginis de Victoria" aus, das an jedem ersten Sonntag im Oktober gefeiert werden sollte. Nach der zweiten Wienbelagerung (1683), die 30 Tage nach Mariä Himmelfahrt für die Christen entschieden worden war, ordnete Papst INNOZENZ XI. das Gnadenfest Mariä Namen an. Die bildliche Darstellung Marias änderte sich in dieser Zeit. Die Mondsichel tritt in eine bedeutsame Beziehung zum Sieg über den türkischen Halbmond. Das Gesicht des Mondes wird teilweise sogar als das eines Osmanen gestaltet. Interessant ist, dass die Universität Passau die kriegerische Madonna erst 1950 zu ihrem Symbol gewählt hat. Das Emblem stellt "Maria mit dem Kinde, welche das Böse besiegt" dar.

 

 

Maria vom Siege im Siegel der Universität Passau







 

"Was heute am christlichen Glauben interessiert, ist Erfahrung anstelle von dogmatischer Belehrung, Poesie anstelle richtiger Begriffe. Unübertreffliches Beispiel für einen Erfahrungsweg ist das junge Mädchen Maria. Es wäre unredlich, Maria als geistiges Eigentum des Katholizismus zu verstehen. Martin Luther war, was viele nicht wissen, ein Verehrer Mariens. Bei der Beschäftigung mit Maria bekommen Gefühle Raum, Trauer, Sehnsucht, Poesie - Bereiche, die im protestantischen Glauben lange ausgeklammert und verdächtigt worden sind. Für Hildegunde Wöller kann Maria zum Inbegriff der Würde und Schönheit des Menschen werden. Gemeinsam mit dem Flötisten Hans-Jürgen Hufeisen, der traditionelle Marienlieder bearbeitet hat, will sie einen neuen Blick auf Maria werfen."

Aus dem Ankündigungstext einer Sendung des Bayerischen Rundfunks (3. 2. 2008)