TOPOGRAPHIE DES SEINS


TOPOGRAPHISCHE ERKENNTNIS
Es scheint mir nicht, ... dass wir die Gesetze verstehen, unter denen sich die Wiederkunft der Vergangenheit vollzieht, doch ist es mir immer mehr, als gäbe es überhaupt keine Zeit, sondern nur verschiedene, nach einer höheren Stereometrie  ineinander verschachtelte Räume, zwischen denen die Lebendigen und die Toten, je nachdem es ihnen zumute ist, hin und her gehen können.

(W.G. Sebald  : Austerlitz. München 2001, 165)

München

Jüdisches Leben

Alte Pinakothek

Neue Pinakothek

Pinakothek
der Moderne

 

München -Maxvorstadt

Schellingstraße

Friedhof 
St. Georg
Bogenhausen

Allgäu

Seeg/Allgäu

Seiten erst im Aufbau

 

"

 

 

P I N A K  O  T   H    E     K         D     E     R        M      O      D      E       R       N       E

 

"Die neue Pinakothek der Moderne ist ein Museum, das zu dem ausschließlichen Zweck entworfen wurde, Kunst betrachten zu können. Dieser Umstand macht es zu einer Seltenheit unter den jüngst vollendeten Museen ... Münchens Vorzeigeprojekt für moderne Kunst stellt einen der außergewöhnlichsten Museumskomplexe der Welt dar ... Es ist groß, aber zugleich löscht es sich selbst aus - ein 'unsichtbares' Gebäude: von außen ein farbloser Schuhkarton, innen ein Traum subtil proportionierter, schattenloser(???) und zuckerweißer Galerien, die von einer luftigen, dreistöckigen Rotunde abzweigen ...(Peter Schjeldahl in der Ausgabe des "New Yorker" vom 13.1.2003)

 

Saal der Expressionisten

Franz Marc

Wassily Kandinsky (1913)

 

 

 

 

 

 

 



































 

 

 


 

 

 

Das Expressive ist eine Art rote Narbe, welche sich durch die ganze Kunstgeschichte der Moderne bis in unsere Gegenwart zieht - Expressiv - das meint: Extremformen der Befindlichkeit, auf die Leinwand gewühlt.

 

Vertreter:
El Greco
van Gogh

Gauguin

Ensor

Munch

Kirchner

Nolde

Beckmann

Baselitz

Kiefer

Junge Wilde

Henze über München

... mehr über Henze

Die Kulturstadt München, ihr Publikum, das Fluidum, ihre Kultur, ihre Geschichte: Ich betrachte das alles mit der ratlosen Faszination des benachteiligten Norddeutschen und teile die resignierte Bewunderung des übervorteilten Italieners, ich schau es von oben bis unten an - und ich begreife: Dies ist die Hauptstadt nicht meines, sondern eines anderen, des Bayerischen Landes! Es hat eine märchenhafte Geschichte und eine Art Folklore, der nichts gleichzusetzen ist auf dieser Welt, und sie ist, trotz aller phänomenologischen Exzentrik doch wirklich echt und wahr, nicht künstlich aufgemacht. Das hat wohl auch was mit der sprachlichen Bodenbeschaffenheit, mit der geologischen Lage und der Religion zu tun, der katholischen, deren Ausübung und Auswirkungen überall deutlich zu sehen und zu spüren sind, mehr wohl als in irgendeinem anderen europäischen Lande außer vielleicht Irland, Katholisch Westfalen und dem Vatikanstaat. ... Am besten gefallen mir das gebildete bürgerliche Publikum und die kunstverständigen Leute. ... Es ist der groß- und residenzstädtische Grundton, der mich da anzieht, das Tempo, die Energie, das Fortschrittliche in der urbanen Sozialpolitik, das Gefühl, sich in einem modernen demokratisch funktionierenden System zu bewegen, auf dessen Leistungen und Absicherungen man sich verlassen kann. Es gibt hier auch weniger Manifestationen von Ausländerfeindlichkeit als andernorts, find ich - man hat aus der Geschichte gelernt: Man muß sich einer Anzahl ehemaliger Mitbürger schämen für immer, und man muß die Wiederkehr solchen Gesindels für alle Zeiten ablehnen und Verhindern. Die Münchner, die Bayern im allgemeinen sind dazu prädestiniert und sind natürlich wohl auch ein wenig toleranter den Andersdenkenden und -glaubenden gegenüber als gewisse Vertreter anderer germanischer Stämme, oder liege ich da ganz falsch? Übersehe ich was?

Am meisten gefällt mir in München, wie hier und da inm Frühjahr die blühenden Kastanienbäume und der Weißdorn im Flusse sich verdoppeln und wie ihre unteren Äste sich ins Wasser neigen, in den Strom, der sie kühlt und wiegt. Der Duft blühender Bäume in Nymphenburg und Schleißheim erinnert mich an lang zurückliegende Episoden freundlicher, leutseliger Natur, an Jausen und Spaziergänge. Zuweilen fröstelt man mitten im Sonnenschein. Wenn man nun einfach immer weiter geradeheraus schritte, wäre man schon recht bald im ganz Offenen, auf dem Hochplateau mit seinem Ackerland, den Bauersleuten, mit ihren in voller Opulenz stehenden, wohlgestriegelten und elektrisch beschälten und gemolkenen Haustieren, und könnte auch, kurz hinterm Gelände des ehemaligen KZ Dachau, ohne Zweigleinknacken und mit Gänsehaut den ersehnten Wald betreten und wilden Tieren begegnen, die alle ganz scheu und verstört sind und um ihr Leben bangen und rennen bei unserem Anblick, weil sie so eine wahnsinnige und absolut berechtigte Angst vor uns haben.

Aus Hans Werner Henze - Reiselieder mit böhmischen Quinten - S.567 ff.

München - Englischer Garten

Der Chinesische Turm wurde 1789/1790 nach dem Entwurf von Joseph Frey von Johann Baptist Lechner errichtet. Vorbild des 25 m hohen Holzbaus war die doppelt so hohe "Große Pagode" im königlichen Schlossgarten in London, die sich wiederum an einer Porzellanpagode in den Gärten eines chinesischen Kaisers orientierte.  Im Juli 1944 brannte der Turm nach einem Bombenangriff ab, 1952 wurde er originalgetreu wieder aufgebaut. 

zum Karussell im Englischen Garten

 

Dreifaltigkeitskirche um 1714


17.3.2004 - Vorfrühling im Englischen Garten


 

Jüdisches Leben

Die Steine mit Leben zu füllen

Heute setzen wir das Zeichen eines Neubeginns: Jüdisches Leben in München und das Gedächtnis des 9. November

 Von Michael Brenner

   

Es gibt Tage, an denen der Kalender gleichsam symbolisch den Grundgehalt nationaler Erzählstrukturen festschreibt. In der jüdischen Geschichte gebührt diese Ehre dem 9. Tag des Sommermonats Aw. Der jüdischen Tradition zufolge wurden an diesem Tag sowohl der Erste wie auch der Zweite Tempel in Jerusalem zerstört, fiel am Ende des Bar-Kochba-Aufstands gegen die Römer im Jahre 135 die Festung Betar und – als wäre dies nicht genug der Katastrophen – lief angeblich im Jahre 1492 die Frist für die spanischen Juden ab, sich für Taufe und damit Verbleib in der Heimat oder aber fürs Exil und damit Verbleib im Glauben zu entscheiden. Bis heute begehen fromme Juden diesen Tag als Trauer- und Fasttag.

 

 

Es ist der 9. Tag des Monats November, der die deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert en miniature beschreibt. Als ob es für einen Tag in der deutschen Geschichte nicht reichte, dass ein Kaiser abdankt, ein Putsch scheitert, die Synagogen brennen, die Mauer fällt. Wäre die Bombe am Münchner St. Jakobsplatz explodiert, hätte der deutsche „nine/eleven“ noch eine weitere tragische Komponente erhalten. Doch denken wir nicht nur an jene bekannten Ereignisse in den Jahren 1918, 1923, 1938 und 1989! Vergessen wir nicht, dass der 9. November auch in der Geschichte der alten Bundesrepublik aufgrund seiner Vergangenheit immer wieder Anlass zu symbolischen Handlungen gab. Es ist der Tag, an dem man schon seit Jahrzehnten Grundsteine für Synagogen legt (bereits 1957 für das Gemeindezentrum in der Berliner Fasanenstraße und seitdem allerorts) und an dem man bundesweit Gedenkreden hält (die – wie am 9. November 1988 – auch schon mal den Rücktritt eines Bundestagspräsidenten auslösen können).

 

 

Der verflixte 9. November steht nun also auch für den Neubeginn jüdischen Lebens in München. Hier wird, allen Drohungen zum Trotz, das neue Gemeindezentrum erbaut werden. Wenn am St. Jakobsplatz ein weiterer Grundstein für den Wiederaufbau jüdischen Lebens in der Bundesrepublik gelegt wird, dann mag man sich auch daran erinnern, dass für München und seine jüdische Bevölkerung der 9. November seine ganz besondere Bedeutung hatte.

 

 

1918

 

 

Als in Berlin Prinz Max am 9. November 1918 die Abdankung des Hohenzollers meldete, waren die Wittelsbacher schon gestürzt. Am Tag zuvor hatte Kurt Eisner in München als erster Ministerpräsident einer bayerischen Republik die Regierungsgeschäfte übernommen. Eisner war nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde, aber seine jüdische Herkunft hatte er niemals verleugnet. Von ihm ist der Spruch überliefert, solange es noch Judenhass gebe, solange wollte er ein Jude bleiben. Diese Art von Trotzjudentum war in der jüdischen Gemeinde nicht unbedingt beliebt, zudem stieß sein Sozialismus dort nicht auf große Zustimmung. Da es im Kaiserreich keine jüdischen Minister gegeben hatte, fürchtete man gerade in der Umsturzsituation, dass die gesamte jüdische Gemeinde Leidtragende einer Gegenrevolution werde. In der Allgemeinen Zeitung des Judentums hieß es dazu: „Es ist die alte Geschichte, dass gerade die Männer, die sich am weitesten aus dem Judentum herausgestellt haben, stets als Kronzeugen gegen uns angeführt werden.“

 

 

Noch deutlicher distanzierte sich der Sprecher der Münchner jüdischen Orthodoxie, Sigmund Fraenkel, wenig später in einem offenen Brief von den jüdischen Protagonisten der kurzlebigen Räterepubliken wie Ernst Toller, Erich Mühsam und Gustav Landauer: „Unsere Hände sind rein von den Gräueln des Chaos und von dem Jammer und Leid, das Ihre Politik über Bayerns zukünftige Entwicklung heraufbeschwören muss.“ Wenig bekannt ist auch, dass Münchner Juden sich auf allen Seiten der Fronten befanden, dass die beiden jüdischen Rechtspraktikanten Franz Gutmann und Walter Löwenfeld am Palmsonntag versuchten, die Räteregierung zu stürzen und dass sogar der Eisner-Mörder Graf Arco mütterlicherseits aus der Familie Oppenheim stammte.

 

 

1923

 

 

Der 9. November fünf Jahre später war zweifellos ein Münchner Ereignis, auch wenn Hitlers gescheiterter Putsch an der Feldherrenhalle selbstverständlich weit über München hinaus einschneidende Konsequenzen gehabt hätte. Doch es bedurfte gar nicht des Erfolgs von Hitler, um im selben Jahr zahlreiche jüdische Familien polnischer Staatsbürgerschaft aus München und anderen Teilen Bayerns auszuweisen. Diese Maßnahmen waren dem 9. November bereits vorausgegangen und von der Regierung von Kahr in einer Atmosphäre zunehmender Judenfeindlichkeit initiiert worden. Hierzu gehörte auch der akademische Antisemitismus, der den Chemiker und Nobelpreisträger Richard Willstätter 1925 von seiner Münchner Professur zurücktreten ließ. Ein anderer Münchner Jude, Lion Feuchtwanger, hielt den Geist dieser Zeit in seinem Roman „Erfolg“ fest. Dennoch wäre es gewiss verkürzt, nur diese Seite jüdischen Lebens im München der Weimarer Jahre zu sehen. Noch 1932, als der FC Bayern mit seinem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer und seinem Trainer Richard „Littl“ Dombi, der als Richard Kohn geboren wurde, seine erste Deutsche Meisterschaft feierte, glaubten viele an die Möglichkeit der Integration.

 

 

1938

 

 

Spätestens am 9. November des Jahres 1938 war dieser Traum ausgeträumt. Doch auch hier waren für Münchens Juden bereits die entscheidenden Ereignisse vorausgegangen. Die Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße konnte im Novemberpogrom nicht mehr in Flammen aufgehen, da die Nationalsozialisten sie bereits im Juni davor „aus verkehrstechnischen Gründen“ abgerissen hatten. Im Stürmer hieß es dazu: „Ein Schandfleck verschwindet“.

 

 

Wie bereits fünfzehn Jahre vorher, wurden auch hier die Ereignisse des 9. November mit der Abschiebung polnischer Juden eingeleitet. Am 27. und 28. Oktober wurden die Münchner Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und wenig später über die Grenze gebracht, wo sich die polnische Regierung zunächst weigerte, sie aufzunehmen.

 

 

In der Pogromnacht freilich brennen noch die orthodoxe „Ohel-Jakob-Synagoge“ in der Herzog-Rudolf Synagoge, wird die Synagoge der osteuropäischen Juden in der Reichenbachstraße verwüstet, werden Geschäfte jüdischer Eigentümer zerstört und wenig später die jüdischen Männer nach Dachau gebracht.

 

 

Anzeige aus dem "Völkischen Beobachter" vom 2.12.1938





Hintergrund:

Am Vormittag des 7. November 1938 hatte in der Deutschen Botschaft in Paris der 17jährige Herschel Seidel Grünspan (Grynszpan) den 29jährigen deutschen Gesandtschaftsrat Dr. Ernst Eduard vom Rath erschossen. Für Hitler und Konsorten bildete die Tat des jungen Juden den willkommenen Anlass, um in ganz Deutschland in der "Kristallnacht" die Synagogen in Flammen aufgehen zu lassen, jüdische Geschäfte zu plündern und die ohnehin fast schon unerträglichen Bedingungen, unter denen die jüdischen Bürger leben mussten, weiterhin zu verschärfen.

 

1989

 

 

Die Nachkriegsgeschichte jüdischen Lebens in München begann bereits 1945, als hier das Zentrum der Holocaustüberlebenden entstand, die auf dem Weg nach Israel oder in die Vereinigten Staaten in der amerikanischen Zone halt machten. Doch ohne den Fall der Mauer am 9. November 1989 wäre es wohl auch hier eine Geschichte ohne langfristige Perspektive geblieben. Damals öffneten sich auch die Tore für Juden aus der Sowjetunion, denen jahrzehntelang jeder Zugang zu jüdischer Kultur und Religion verwehrt war. Die Zahl der in Deutschland lebenden Mitglieder jüdischer Gemeinden hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts von 30 000 auf über 100 000 erhöht. In München hat sich die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde mehr als verdoppelt und ist heute bei etwa 9 000 nahezu auf dem gleichen Stand wie vor 1933. Dass die vorhandenen Gemeindeeinrichtungen den neuen Gegebenheiten nicht mehr entsprachen, führte zum Beschluss, ein neues jüdisches Gemeindezentrum entstehen zu lassen. Es ist dies eine späte Entscheidung. Bereits Jahrzehnte früher entstanden ähnliche Neubauten in Berlin, Frankfurt und andernorts. München erhält als letzte große jüdische Gemeinde in Deutschland ein neues Zentrum und setzt damit das Signal für einen Aufbruch

 

 

2003

 

 

Ein (vorerst?) letzter 9. November. Ein neues Haus ist noch keine Garantie für einen Neuanfang, zumal dann, wenn es schon in die Luft gejagt werden sollte, bevor es überhaupt steht. Die Steine mit Leben zu füllen wird eine schwierigere Aufgabe sein, als sie zu einem Gebäude zu formen. Jeder weiß, dass man auch in Zukunft jüdische Einrichtungen in München, ebenso wie in Mailand oder Madrid, nicht am Davidstern, sondern an Absperrungen und Polizeischutz erkennen wird. Ein Narr, wer auch heute noch die brüchige Zukunft jüdischen Lebens verkennt.

 

 

Und dennoch: Es gibt keine Alternative zum Neuanfang. In den verstaubten Räumen, in der Hinterhofatmosphäre weiterzuwursteln, würde ebenso ein Signal setzen: nämlich keine Zukunft zu planen. Der Jakobsplatz darf nicht zum Präsentierteller werden, zum Schaufenster, durch das man – verblendet durch Klezmerromantik und falsche Schuldgefühle – eine neue jüdische Szene wahrnehmen will. Das Jüdische Gemeindezentrum dient in erster Linie den Bedürfnissen der Münchner Juden. Es liegt aber auch an ihnen, dass es zur Attraktion für alle Münchner wird. Wenn der Blick in die Zukunft gerichtet wird und wenn trotz aller weiterhin bestehenden Drohungen das neue Haus ein offenes, vielschichtiges Haus sein wird, in dem Museum und Restaurant und Kulturzentrum allen Münchnern Heimat werden, dann mag tatsächlich auch ein Bau Zeichen setzen.

 

 

Um Haaresbreite wäre der 9. November 2003 in München zu einem neuen 9. Aw geworden. Es liegt an den jüdischen wie nichtjüdischen Münchnern, diesen 9. November stattdessen als Tag des Aufbruchs und Neubeginns, als einen Tag, an dem auch in München Mauern fielen, in ihren Kalender einzuschreiben.

 

 

Der Autor lehrt Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München.

   

Bauernhaus bei Bogenhausen 1790/1800 - Johann Georg von Dillis - 1759 Schwindkirchen/Erding - 1841 München
Franz von Kobell - Blick vom Isarhochufer  nach München
Großer wilder Birnbaum im Garten des Wirtshauses "Zum Lettinger" an der heutigen Isartalstraße von Carl August Lebschée 1800-1877
 

Allgäu

Winfried Sebald   I   Gerhard Köpf   I   Christian Wagner   I   Theo Waigel   I   Markus Pfeiffer   I

 

Winfried G. Sebald wurde am 18.5.1944 in Wertach (Allgäu) als zweites Kind von Georg und Rosa Sebald geboren. Bis zu seinem 9. Lebensjahr wohnte die Familie bei Seefelder Ulrich und später über der Gaststätte von Pepi Steinlehner in Wertach. Nach dem Umzug nach Sonthofen besuchte er das Gymnasium in Immenstadt und Oberstdorf. In seinem Werk "Schwindel. Gefühle" beschreibt er auch seine Kindheit in Wertach. Er kam am 14.12.2001 bei einem Autounfall ums Leben. 

Auszüge aus seinem Buch "Schwindel.Gefühle"

 

" Gegen Mittag ...erreichte der Bus mit dem letzten Fahrgast das Zollamt von Oberjoch. Das Wetter hatte inzwischen wieder umgeschlagen. Eine dunkle, ins Schwarzfarbene übergehende Wolkendecke lag über dem ganzen Tannheimer Tal, das einen niedergedrückten, lichtlosen und gottverlassenen Eindruck machte. Nirgends rührte sich das geringste. ... Auf der einen Seite stiegen die Berge in den Nebel hinein, auf der anderen dehnte sich eine nasse Moorwiese, und dahinter erhob sich aus dem Vilsgrund herauf der kegelförmige, aus nichts als aus schwarzblauen Fichten bestehende Pfrontner Wald. Der diensthabende Zöllner, der, wie er mir sagte, in Maria Rain zu hause war, versprach mir, meine Tasche nach Feierabend, wenn er auf der Heimfahrt durch W. komme, für mich im Engelwirt abzuladen. Ich konnte also, ..., bloß mit dem kleine ledernen Rucksack über der Schulter durch die ans Niemandsland grenzenden Moorwiesen und den Alpsteigtobel hinab nach Krummenbach und von dort über Unterjoch, die Pfeiffermühle und das Enge Plätt nach W. hinausgehen. ...

Das letzte Tageslicht war im schwinden, als ich ins enge Plätt kam. Linker Hand war der Fluß, zur Rechten die triefenden Felswände, aus denen man um die Jahrhundertwende die Straße herausgesprengt hatte. Oberhalb, voraus und bald auch hinter mir nichts als die unbeweglichen schwarzen Tannenwälder. Das letzte Wegstück zog sich tatsächlich so endlos lange hin, wie ich es von früher in Erinnerung hatte. ...

Als ich aus dem Plätt herauskam, war es auch draußen Nacht geworden. Aus den Wiesen stiegen die wei0en Nebel, und drunten an dem nunmehr ein gutes Stück weit entfernten Flußlauf erhob sich die schwarze Sägmühle, die im fünfziger Jahr, unmittelbar nach meiner Einschulung, mit ihrem gesamten Holzlager in einem großen, das ganze Tal erleuchtenden Feuer niedergebrannt war. ... Auf der steinernen Brücke kurz vor den ersten Häusern von W. blieb ich lange stehen, horchte auf das gleichmäßige Rauschen der Ach und schaute in die nun alles umgebende Finsternis. ...

Gut dreißig Jahre war ich nicht mehr in W. gewesen. Obzwar im Verlauf dieser langen Zeit - eine längere Zeit gab es für mich überhaupt nicht - viele der mit W. verbundenen Örtlichkeiten wie das Altachmoos, der Pfarrwald, die Allee nach Haslach hinaus, das Wasserwerk, der Pestfriedhof von Petersthal oder das Haus des buckligen Dopfer in der Schray in meinen Tag- und Nachtträumen beständig wiederkehrten und mir jetzt vertrauter schienen, als sie es vormals gewesen waren, lag das Dorf, wie ich mir bei meiner späten Ankunft dachte, weiter für mich in der Fremde als jeder andere denkbare Ort.  In gewissem inn war es mir eine Beruhigung, daß ich jetzt, bei meinem ersten Rundgang durch die in einem bleichen Licht daliegenden Straßen, alles von Grund auf verändert fand. Das Haus des Forstverwalters, eine geschindelte kleine Villa mit einem Hirschgeweih und der Jahreszahl 1913 über dem Eingang, hatte samt dem kleinen Baumgarten einem Ferien heim Platz gemacht, das Spritzenhaus mit dem schönen jalousierten Turm, in dem die Feuerwehrschläuche hingen in stiller Erwartung der nächsten Brandkatastrophe, stand nicht mehr, die Bauernhöfe waren ausnahmslos umgebaut und aufgestockt, der Pfarrhof, das Kaplanhaus, die Schule, das Bürgermeisteramt,...die Käsküche, das Armenhaus, die Kurz- und Kolonialwarenhandlung von Michael Mayr, all das war auf das gründlichste renoviert, wo nicht gar vollends verschwunden. "

 

 

 

Vortrag des Schriftstellers W. G. Sebald zur Eröffnung des ersten Literaturhauses in Baden-Württembergs (19.11.2001)

Ich sehe uns noch in der Vorweihnachtszeit des neunundvierziger Jahrs in unserer Stube über dem Engelwirt in Wertach sitzen. Die Schwester ist damals acht, ich selber bin fünf gewesen, und beide hatten wir uns noch nicht recht an den Vater gewöhnt, der seit seiner Rückkehr aus der französischen Kriegsgefangenschaft im Februar 1947 wochentags in der Kreisstadt Sonthofen als Angestellter (wie er sich ausdrückte) beschäftigt und immer nur von Samstag- bis Sonntagmittag zu Hause war. Vor uns auf dem Stubentisch aufgeschlagen lag der neue Quelle-Katalog, der erste, den ich zu Gesicht bekommen hatte, mit seinem mir märchenhaft erscheinenden Warenangebot, aus dem dann im Verlauf des Abends und nach längeren Diskussionen, in denen der Vater seinen Vernunftstandpunkt durchsetzte, für die Kinder je ein paar Kamelhaarhausschuhe mit Blechschnallen ausgesucht wurde. Reißverschlüsse waren, glaube ich, zu jener Zeit noch ziemlich rar.

Immerhin wurde als Zugabe zu den Kamelhaarhausschuhen ein so genanntes Städtequartett bestellt, mit dem wir dann die Wintermonate hindurch oft gespielt haben, sei es, wenn der Vater zu Hause war, sei es mit einem anderen Gast. Hast du Oldenburg, hast du Wuppertal oder hast du Worms, haben wir etwa gefragt, und an solchen Namen, die ich noch nie gehört hatte zuvor, habe ich lesen gelernt. Ich entsinne mich, dass ich mir unter diesen Namen, die so ganz anders waren als Kranzegg, Jungholz und Unterjoch, auch später lang nichts vorstellen konnte als das, was auf den jeweiligen Spielkarten abgebildet war, also zum Beispiel Roland der Riese, die Porta Nigra, der Kölner Dom, das Krantor von Danzig oder die schönen Bürgerhäuser rings um einen Hauptplatz in Breslau.

Tatsächlich war in dem Städtequartett, wie aus meiner aus der Erinnerung geholten Aufstellung erhellt und worüber ich mir seinerzeit naturgemäß keine Gedanken machte, Deutschland noch ungeteilt, und nicht nur ungeteilt ist es gewesen, sondern auch unzerstört, denn die gleichmäßig dunkelbraunen Abbilder der Städte, die früh in mir die Idee erweckten von einem finsteren Vaterland, diese Bilder zeigten die deutschen Städte ausnahmslos so, wie sie vor dem Krieg gewesen waren: das verwinkelte Giebelwerk unter der Nürnberger Burg, die Fachwerkhäuser von Braunschweig, das Holstentor vor der Lübecker Altstadt, den Zwinger und die Brühlschen Terrassen.

Das Städtequartett stand aber nicht nur am Anfang meiner Laufbahn als Leser, sondern auch am Anfang der in mir bald nach meiner Einschulung zum Ausbruch gekommenen Erdkundemanie, eines in meiner weiteren Lebensentwicklung stets zwanghafter werdenden Topografismus, dem ich, über Atlanten und Faltblätter jeder Art gebeugt, endlose Stunden geopfert habe. Auch Stuttgart habe ich, inspiriert von dem Städtequartett, bald auf der Karte gesucht. Ich sah, dass es, verglichen mit den anderen deutschen Städten, nicht allzu weit entfernt war von uns. Aber was es für eine Reise dorthin wäre, das konnte ich mir nicht ausmalen, ebenso wenig wie es ausschauen mochte in dieser Stadt, denn jedesmal, wenn ich an Stuttgart dachte, sah ich bloß den auf einer der Spielkarten abgebildeten Stuttgarter Hauptbahnhof, jene von dem Baumeister Paul Bonatz, wie ich später erfuhr, vor dem Ersten Weltkrieg entworfene und bald darauf fertig gestellte Natursteinbastion, die in ihrem kantigen Brutalismus einiges schon vorwegnahm von dem, was später noch kommen sollte, vielleicht sogar, wenn ein derart absurder Gedankensprung erlaubt ist, die paar Zeilen, die ein, der ungelenken Schrift nach zu schließen, ungefähr fünfzehnjähriges englisches Schulmädchen von einem Ferienaufenthalt in Stuttgart an eine Mrs. J. Winn in Saltburn in der Grafschaft Yorkshire geschrieben hat auf der Rückseite einer Ansichtskarte, die mir Ende der sechziger Jahre in einem Brockenhaus der Heilsarmee in Manchester in die Hände gefallen ist und die, neben drei anderen Stuttgarter Hochbauten, den Bonatz-Bahnhof zeigt, seltsamerweise in genau der gleichen Perspektive, wie er dargestellt gewesen ist in unserem längst verloren gegangenen deutschen Städtequartett.

Betty, so hieß das in Stuttgart den Sommer verbringende Mädchen, schreibt unter dem Datum des 10. August 1939, also knapp drei Wochen vor dem so genannten Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – mein Vater lag zu diesem Zeitpunkt bereits mit seinem Kfz-Zug vor der polnischen Grenze in der Slowakei –, Betty schreibt, dass die Leute in Stuttgart sehr freundlich seien, that she had been out tramping, sunbathing and sightseeing, to a German birthday party, to the pictures and to a festival of the Hitler Youth.

Als ich diese Karte, sowohl des Bahnhofsbilds als auch der rückseitigen Botschaft wegen, auf einer meiner langen Stadtwanderungen durch Manchester erstand, war ich selber noch nie in Stuttgart gewesen. Man ist ja, als ich in der Nachkriegszeit im Allgäu am Heranwachsen war, nicht weit herumgekommen, und wenn man, im angehenden Wirtschaftswunder, doch ab und zu einen Ausflug machte, so ist man mit dem Omnibus nach Tirol gefahren, nach Vorarlberg oder höchstenfalls in die innere Schweiz. Für Exkursionen nach Stuttgart oder in andere der immer noch schandbar ausschauenden Städte gab es keinen Bedarf, und so kam es, dass mir mein Vaterland, bis ich es mit einundzwanzig Jahren verließ, ein weit gehend unbekanntes, irgendwie abgelegenes und nicht ganz geheures Territorium geblieben ist.

...

Wozu also Literatur? Soll es werden auch mir, fragte Hölderlin sich, wie den tausenden, die in den Tagen ihres Frühlings doch auch ahnend und liebend gelebt, aber am trunkenen Tag von den rächenden Parzen ergriffen, ohne Klang und Gesang heimlich hinuntergeführt, dort im allzu nüchternen Reich, dort büßen im Dunkeln, wo bei trügerischem Schein irres Gewimmel sich treibt, wo die langsame Zeit bei Frost und Dürre sie zählen, nur in Seufzern der Mensch noch die Unsterblichen preist? Der synoptische Blick, der in diesen Zeilen über die Grenze des Todes schweift, ist verschattet und illuminiert doch zugleich das Andenken derer, denen das größte Unrecht widerfuhr. Es gibt viele Formen des Schreibens; einzig aber in der literarischen geht es, über die Registrierung der Tatsachen und über die Wissenschaft hinaus, um einen Versuch der Restitution.

Gehard Köpf, geboren 1948 in Pfronten/Allgäu                   Innerfern  I   Die Strecke  I   Die Erbengemeinschaft  I

 

Mithin räumliches Erzählen als Alternative zum stumpfsinnig additiv Linearen
sie erzählen auch das Erzählen und seine Bedingungen. (...) Erzählen ist Widerstand: auch gegen Unvernunft und Ignoranz, gegen die Leitplanken im Kopf, gegen das schleichende
des Unddannunddann."

Theo Waigel über die Kappler Alm (Pfronten)

Es gibt in der Nähe von Nesselwang eine Hütte, die Kappler Alm. Man erreicht sie, indem man von Nesselwang über einen schönen Kreuzweg bis zu einer Barockkirche (Maria Trost) geht und dann nochmals durch den Wald wandert. Oder man nimmt den Weg durch eine Schlucht (Höllschlucht), wo man dann diretissima zum Gipfel kommt.

Und da kann ich mich an ein Erlebnis erinnern im Jahr 1990, als ich fast jeden Sonntag schon nachmittags wieder nach Bonn fliegen musste, um Gespräche zur Deutschen Einheit zu führen. Unter der Woche reichte die Zeit nicht aus, um auch längerfristige Projekte und Strategien zu besprechen. Das war natürlich schon hart, bereits am Sonntagnachmittag wieder weg zu gehen, von daheim. Da haben an diesem Vormittag Irene und ich die Tour gemacht; es war ein traumhafter Spätsommertag. Es waren nicht mehr viele Menschen auf dem Weg. Man hörte noch das Läuten der Glocken von den Almkühen. Eine unglaublich schöne, ruhige, abgeklärte Stimmung. Eine halbe Stunde, da habe ich mich unter das Gipfelkreuz ins Gras gelegt und mich entspannt. Ich fragte mich: Warum tust du dir den ganzen Stress eigentlich an? Warum bleibst du jetzt nicht hier? Warum trinkst du jetzt nicht noch ein Weizenbier? Warum bestellst du dir jetzt nicht einen Wurstsalat? Und da überkam mich die Sehnsucht: Wenn ich jetzt ein Stück Papier und einen Bleistift hätte, dann würde ich darauf schreiben: "Lieber Helmut, sei mir bitte nicht bös`. Aber ich bin auf der Kappler Alm geblieben. Hier ist es schöner als in Bonn. Grüße bitte die anderen. Es war eine schöne Zeit. Dein Theo."

Theo Waigel

Markus Pfeiffer

"Pfeiffers Liste" - wie ein Schwangauer Bäckergeselle zum Engel von Rom
wurde


Das Leben endet oft makaber. So wurde ein Mann, der in Rom während der
deutschen Besatzung tausende Menschen aus den Fängen der SS und Gestapo
unter Einsatz seines Lebens gerettet hatte, kurz nach Kriegsende, am
Himmelfahrtstag des Jahres 1945, in der Ewigen Stadt ausgerechnet von einem
britischen Militärjeep überfahren. Zwei Tage später erlag Pater Pankratius
Pfeiffer, der Ordensgeneral der Salvatorianer und Vatikandiplomat seinen
schweren Kopfverletzungen.


1872 kam Markus Pfeiffer in Brunnen bei Schwangau zur Welt, arbeitete in
der Ziegelei seines Vaters, lernte dann das Bäckerhandwerk und musste es
wegen einer Mehlstauballergie aufgeben. Mit 16 Jahren folgte Pfeiffer
seinem Bruder nach Rom und trat in den Orden der Salvatorianer ein. Er nahm
den Ordensnamen Pankratius an und legte eine erstaunliche Karriere hin: vom
Bäckergesellen zum Ordensgeneral der Salvatorianer.

30 Jahre lang stand er an der Spitze des Ordens. Nach der deutschen Besatzung Roms
1943 agierte er als Mittelsmann zwischen den NS-Kommandeuren und dem Vatikan.
In riskanten Rettungsaktionen versteckte er römische Bürger, Juden, Soldaten und
Mitglieder der Resistenza im Mutterhaus der Salvatorianer, in anderen
Klöstern und in Katakomben und verhalf ihnen zur Flucht. Als "Engel von
Rom" wird Pater Pfeiffer bis heute verehrt. Auch Rolf Hochhuth hat ihm in
seinem umstrittenen Stück "Der Stellvertreter" ein Denkmal gesetzt.

(Andrea Zinnecker)