1883 - 1969

 

 KARL JASPERS

EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

 

 

Existenzerhellung

Der Karl-Jaspers-Preis wird  von der Stadt Heidelberg und der Ruprecht-Karls-Universität vergeben. Er wurde 1983 aus Anlass des 100. Geburtstags von Karl Jaspers gestiftet 

Die bisherigen Preisträger sind:

1983 Emmanuel Levinas

1986 Hans-Georg Gadamer

1989 Paul Ricœur

1992 Jeanne Hersch

1995 Jürgen Habermas

1998 Jean Starobinski

2001 Robert Spaemann

2004 Michael Theunissen

2008 Jean-Luc Marion

2014 Hans Maier

Weltorientierung

 

 


Tranzszendenzerfahrung



Existenzerhellung



Die Folgen des Getanen kann ich nicht abwälzen, 
sondern nur gestalten und verwandeln 

" Aber ich bleibe auf dem Wege und bin nicht im Besitz [der Wahrhaftigkeit]. Statt der Identität meiner mit mir selbst kann eine Trennung von mir einsetzen. Was ich in einer Tat, in einer Lebenspraxis war, das will ich nicht sein. Zwar muß ich sie übernehmen, aber ich vollziehe die Trennung in einer Umkehr meiner selbst. Geschieht das im Ernst, dann muß ich doch leben mit etwas, das ich nie mehr loswerden kann. Ich bin ein Anderer als zu Anfang. Die Umkehr gründet ein Leben, das übernehmen muß, was mir fremd geworden ist und doch zu mir gehört. Die Umkehr ist wahr mit dem neuen Blick, der neuen Urteilskraft, durch die geschieht, was die Umkehr bezeugt. Das Gewesene wird trotz Wiedergeburt übernommen, nicht abgestoßen, als ob es nicht gewesen sei. Ich bin nicht befreit in einem absoluten Sinn (solche Befreiung ist weder durch eigenen Entschluß noch durch Gnade möglich). Vielmehr trage ich die Folgen des Getanen und Gelebten, die ich nicht abwälzen, sondern nur sehen, mit meinen Möglichkeiten gestalten und verwandeln kann."

Karl Jaspers in "Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung", S. 173



 

Gibt es einen Archimedischer Punkt außerhalb der Geschichte ?


In seinem Werk  "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte" (1949) geht Karl Jaspers im Schlusskapitel "Überwindung der Geschichte" auf die Frage ein, was der archimedische Punkt außerhalb der Geschichte wäre, wenn er in unserer Existenz und Transzendenz Gestalt annehmen könnte.

Jaspers stellt gleich einleitend klar, dass es einen gewussten Punkt nie geben kann, um dann in 8 Punkten auszuführen, wo wir einer Überwindung der Geschichte gewahr werden können.

1.


Überschreitung durch Hinwendung zur Natur

2.


Überschreitung in jede Form des Wissens, die unabhängig ist von allem Wandel, ob erkannt oder nicht erkannt. (z.B. Mathematik)

3.


Überschreiten in den Grund der Geschichtlichkeit im Ganzen des Weltseins

4.


Überschreiten durch die Unbedingtheit des Übernehmens und Wählens unserer Existenz

5.


Überschreiten durch Bewusstwerdung des tragenden Unbewussten

6.


Überschreiten durch Vergegen- wärtigung des Menschen in seinen höchsten Werken

7.


Überschreiten durch Ergreifen der Einheit über die Geschichte hinaus

8.


Überschreiten durch transzendierendes Bewußtsein der Existenz


1.

Überschreitung durch Hinwendung zur Natur

"Vor dem Ozean, in der Bergwelt, im Sturm, in den Lichtfluten des Sonnenaufgangs, im Farbenspiel der Elemente, ... überall, wo menschenfremde Natur uns anspricht, da kann es uns geschehen, dass wir uns wie befreit fühlen. ... Heimkehr ... in die Klarheit der leblosen Elemente kann uns hinreißen in Stille, in Jubel, in schmerzlose Einheit. Aber all das täuscht, wenn es mehr ist als ein im Übergang erfahrenes Geheimnis des ganz und gar schweigenden Naturseins, dieses Seins jenseits von allem, was wir gut und böse, schön und hässlich, wahr und falsch nennen, dieses uns im Stich lassenden Seins ohne Herz und ohne Erbarmen."

"Finden wir dort wirklich unsere Zukunft, so sind wir den Menschen und uns selbst davongelaufen. Nehmen wir aber diese im Augenblick hinreißenden Naturerfahrungen als stumme Zeichen, deutend auf das, was über alle Geschichte liegt, ...so bleiben sie wahr, indem sie uns vorantreiben und nicht bei sich festhalten."

2.

Überschreitung in jede Form des Wissens, die unabhängig ist von allem Wandel, ob erkannt oder nicht erkannt. (z.B. Mathematik)

"Es kann uns ein Schwung ergreifen im Erfassen dieser Klarheit des Gültigen. Wir haben einen festen Punkt, ein Sein, das besteht. Aber wiederum werden wir verführt, wenn wir daran haften. Auch dieses Sein ist ein Zeichen, aber es trägt nicht den Gehalt des Seins. Es lässt uns merkwürdig unbetroffen, es zeigt sich im ständigen Fortschritt seines Entdecktwerdens.  ... Nur der Verstand hat hier Ruhe in einem Bestehenden. Wir selbst nicht. Dass es aber diese Geltung gibt, unabhängig und losgelöst von aller Geschichte, ist wiederum ein Hinweis auf das Überzeitliche."

3.

Überschreiten in den Grund der Geschichtlichkeit im Ganzen des Weltseins

"Von der Menschheitsgeschichte führt ein Weg in den Grund, von dem her die gesamte Natur ...in das Licht einer Geschichtlichkeit rückt. ...Aber nur für eine Spekulation, der es wie eine Sprache wird, dass der Geschichtlichkeit des Menschen aus der Natur etwas entgegenzukommen scheint in seiner eigenen biologischen Anlage. ... Sie sind ... von der Geschichte beseelt, als ob sie Entsprechungen aus einer gemeinsamen Wurzel wären.

4.

Überschreiten durch die Unbedingtheit des Übernehmens und Wählens unserer Existenz 

"In diesen Grund der Geschichtlichkeit führt uns die Geschichtlichkeit der eigenen Existenz. Von dem Punkt aus, wo wir in der Unbedingtheit unseres Übernehmens und Wählens dessen, wie wir uns in der Welt finden, unseres Entscheidens, unseres Sichgeschenktwerdens in der Liebe selbst, das Sein quer zur Zeit als Geschichtlichkeit werden, - von diesem Punkt aus fällt das Licht auf die Geschichtlichkeit der Historie. ... Hier überschreiten wir die Geschichte zur ewigen Gegenwart, sind als geschichtliche Existenz in der Geschichte über die Geschichte hinaus."

5.

Überschreiten durch Bewusstwerdung des tragenden Unbewussten

"Der Geist des Menschen ist bewußt. Bewußtsein ist das Medium, ohne das für uns weder Wissen noch Erfahrung, weder Menschsein noch Bezug auf Transzendenz ist. Was nicht Bewußtsein ist, heißt unbewußt. Unbewußt ist ein negativer, seinem Inhalt nach endlos vieldeutiger Begriff. 

Unser Bewußtsein ist gerichtet auf Unbewußtes, das heißt auf all das, was wir in der Welt vorfinden, ohne daß aus ihm ein Inneres sich uns mitteilt. Unser Bewußtsein ist getragen vom Unbewußten, ist ein ständiges Hervorwachsen aus dem Unbewußten und Zurückgleiten ins Unbewußte. Aber vom Unbewußten können wir Erfahrung nur gewinnen durch das Bewußtsein. In jedem bewußten Schritt unseres Lebens, zumal in jedem schaffenden Tun unseres Geistes hilft uns ein Unbewußtes in uns. Das reine Bewußtsein vermag nichts. Das Bewußtsein ist wie der Kamm einer Welle, ein Gipfel über breitem und tiefem Untergrund.

Dieses uns tragende Unbewußte hat zweierlei Sinn. Das Unbewußte, das die Natur ist, an sich und für immer dunkel - und das Unbewußte, das der Keim des Geistes ist, der zum Offenbarwerden drängt.

Wenn wir Geschichte überwinden in das Unbewußte als das Seiende, das in der Erscheinung des Bewußtseins offenbar wird, so ist dieses Unbewußte nie die Natur, sondern jenes, das im Hervortreiben der Symbole in Sprache, Dichtung, Darstellung und Selbstdarstellung, in Reflexion sich zeigt. Wir leben nicht nur aus ihm, sondern auf es hin. Es wird, je heller das Bewußtsein es zur Erscheinung bringt, vielmehr selbst immer substantieller, tiefer, umfassender gegenwärtig. Denn in ihm wird jener Keim zum Wachen gebracht, dessen Wahrheit ihn selbst steigert und erweitert. Der Gang des Geistes in der Geschichte verbraucht nicht nur ein vorgegebenes Unbewußtes, sondern bringt neues Unbewußtes hervor. Aber beide Ausdrucksweisen sind falsch gegenüber dem einen Unbewußten, in das einzudringen nicht nur der Prozeß der Geschichte des geistes ist, sondern das das Sein ist über, vor und nach aller Geschichte."

6.

Überschreiten durch Vergegenwärtigung des Menschen in seinen höchsten Werken

"Wir überschreiten die Geschichte, wenn uns der Mensch in seinen höchsten Werken gegenwärtig wird, durch die er das Sein gleichsam aufzufangen vermochte und mitteilbar machte. . . . Da ist nicht mehr die Frage: woher und wohin, nicht nach Zukunft und Fortschritt, sondern in der Zeit ist etwas, das nicht mehr nur Zeit, über alle Zeit als das Sein selbst zu uns kommt.

Die Geschichte wird selber der Weg zum Übergeschichtlichen. In der Anschauung des Großen - de, Geschaffenen, getanen, Gedachten - leuchtet die Geschichte wie ewige Gegenwart. Sie befriedigt nicht mehr eine Neugier, sondern wird beschwingende Kraft. Das Große der Geschichte bindet als Gegenstand der Ehrfurcht an den Grund über alle Geschichte."

7.

Überschreiten durch Ergreifen der Einheit über die Geschichte hinaus

"[Die Einheit der Geschichte] ergreifen, das heißt schon, sich über die Geschichte hinausschwingen in den Grund dieser Einheit, durch den die Einheit ist, die die Geschichte ganz werden läßt. Aber dieser Aufschwung über die Geschichte zur Einheit der Geschichte bleibt selber Aufgabe in der Geschichte. Wir leben nicht im Wissen der Einheit, sofern wir aber aus der Einheit leben, leben wir in der Geschichte übergeschichtlich. . . . Es gibt keinen Weg um die Welt herum, sondern nur durch die Welt, keinen Weg um die Geschichte herum, sondern nur durch die Geschichte."

8.

Überschreiten durch transzendierendes Bewußtsein 

"Ist die Geschichte angesichts der Jahrtausende nicht eine vorübergehende Erscheinung? Die frage ist im Grund nicht zu beantworten als durch den allgemeinen Satz: was einen Anfang hat, hat auch ein Ende, - und dauere es Millionen oder Milliarden von Jahren.

Die Geschichte ist umgriffen von dem weiteren Horizont, in dem die Gegenwärtigkeit als Stätte, Bewährung, Entscheidung, Erfüllung gilt. Was ewig ist, erscheint als Entscheidung in der Zeit. Für das transzendierende Bewußtsein der Existenz verschwindet die Geschichte in der ewigen Gegenwart. 

In der Geschichte selbst aber bleibt die Perspektive der Zeit: vielleicht noch eine lange, sehr lange Geschichte der Menschheit auf dem nun einheitlich gewordenen Erdball. In dieser Perspektive dann ist für jeden die Frage: wo er darin stehen wolle, für was er wirken wolle."

 

 

»Dein Eichmann-Buch lese ich ständig weiter. Es ist großartig für mich«, schreibt Karl Jaspers am 2. November 1963 an Hannah Arendt. Kurz darauf beginnt Jaspers, seinen eigenen Text zu schreiben: ein Buch über Hannah Arendt und ihren Denkstil. Das Buch über die Schülerin und Freundin bleibt unvollendet. Jetzt werden seine erstaunlichen Fragmente erstmals sichtbar.

In Marburg lernen sich um 1930 neun junge Gelehrte kennen, die zu den wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zählen: Karl Löwith, Gerhard Krüger, Hans-Georg Gadamer, Leo Strauss, Hans Jonas, Erich Auerbach, Werner Krauss, Max Kommerell – und Hannah Arendt.

 



Was ist "einfache Anständigkeit" (Noblesse)?


In seinen "Notizen zu Martin Heidegger"( Hrsg. von Hans Saner - Notiz 227; S. 239 f.) stellt Jaspers kurz und einfach dar, was er unter "einfacher Anständigkeit" (Noblesse) versteht und schließt mit dem Satz: "Ich vermisse bei Heidegger jede Noblesse." Am Ende der Notiz fragt er: "Wie dieses alles noch zu unterscheiden vom "Existentiellen"?

1.


Die Unterscheidung von wahr und falsch, von gut und böse - untrüglich im Willen dazu und durchweg im Blick auf Menschen und Dinge.

2.


Die Distanz zu sich selbst und den anderen.

3.


Die Dankbarkeit

4.


Die Treue.

5.


Die Verpflichtung des Anstandes in allen menschlichen sofort geschichtlich bestimmten und je einmaligen Beziehungen.

6.


Die Sachlichkeit.

7.


Die Trennung der Sphären des Lebens und Denkens, - aber die Einheit im Ja zu einem Menschen, - die Zurückhaltung im Nein.

8.


Der Stolz der inneren Ehre, in der Bescheidenheit

9.


Die Unabhängigkeit von Herkunft, soziologischen und psychologischen Bindungen, - selbst da sein.

10.


Redlichkeit.

11.


Offenheit. Klares Schweigen aber nicht ausweichendes Schweigen. - Rede und Antwort stehen.

12.


Keine Pathetik.

13.


Das Wort gilt.

 

ANTINOMIEN 
UNSERES DENKENS DER TRANSZENDENZ


UNBEGREIFLICH BEGRIFFEN

 

Karl Jaspers sieht den Gottesbegriff des Cusaners

 

"Von Gott ist nichts zu sagen - und unendlich vieles wird von ihm gesagt. Daher die These: Keine Aussage kommt dem Einen zu. Denn eine Aussage kann ohne Andersheit und Zweiheit nicht gemacht werden. Kein Name kommt dem durch sich Eigenständigen zu. Sogar das Wort 'das Eine' kommt ihm nicht eigentlich zu.  Ob das 'Eine', ob das 'Nicht-Andere', ob das 'Können selbst', ob der 'Ursprung' und wie auch immer sonst es genannt wird, immer gilt, was Cusanus etwa vom Ursprung sagt: 'Der unbenennbare Ursprung des benennbaren Ursprungs kann selber nicht Ursprung genannt werden. Denn er geht jedem irgendwie Benennbaren voraus und überragt es.'

Aber die Entschiedenheit der These verhindert nicht die Spekulation, in der unendlich viel von Gott gesagt wird, sondern erleuchtet ihren Sinn; was durch sie im Versuch des Unmöglichen geschieht und was sie im Scheitern erzeugt, - wie das denkende Sichnähern die Verborgenheit Gottes vertieft, indem sie die überwältigende Wirklichkeit des Verborgenen spüren läßt, - wie das sich Entziehende nur immer mächtiger den Denkenden anzieht."


Karl Jaspers - Nikolaus Cusanus - Über die Spekulation

Es ist in diesem Zusammenhang ist interessant, dass Leszek Kolakowski in seinem Buch "Falls es keinen Gott gibt"(1982), das Werk von Karl Jaspers "Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung (1962)" als das herausragende neuere Werk ansieht, in dem eine Spekulation über den umfassenden Sinn, die Ziele und die Leitprinzipien historischer Prozesse unternommen wird. Auch für meine Sichtweise hat dieses Werk eine bedeutende Rolle gespielt. 

 

 

Coincidentia oppositorum
nach Nikolaus von Kues

 

Gott wird unbegreiflich begriffen durch den Zusammenfall der Gegensätze. Seine unendliche Fülle ist durch die unendlichen Verschiedenheiten, die wieder eins werden in dem Zusammenfall der Gegensätze. 

Sein und Nichtsein, Größtes und Kleinstes, 
Sein und Seinkönnen, 
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, 
alle fallen zusammen.

 

"Das Zauberwort der coincidentia oppositorum  kann entweder als Unsinn abgelehnt oder als in die Tiefe dringende Dialektik gepriesen werden. Inbezug auf das Absolute, wohin der Gedanke führen soll, bleibt er selber wieder in einer Zweideutigkeit: Einmal scheint gemeint: Gott ist die Koinzidenz der Gegensätze. Ein andermal aber ist der Gedanke nur ein Sprungbrett, um das Absolute durch ihn - wer weiß wie - im Sprung zu berühren. Doch der Springende fällt auf den Ausgangspunkt zurück. Wir bleiben an der 'Mauer'."   (Karl Jaspers)