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Deutschland
und Spanien müssen die Initiative für die Aussöhnung von Israelis und
Palästinensern ergreifen / Von Daniel Barenboim in der SZ vom 21.4.2004
(Auszüge)
" Das Problem aller ist: Nach jedem Krieg etablierte man eine neue
Ordnung, nur nach dem Kalten Krieg, als das Gleichgewicht der Mächte
verloren gegangen war, trat nichts an dessen Stelle. Terrorismus ist
eine der Folgen. Ich kann heute nur sagen: Ich sehne mich nach dem
Amerika des Marshall-Plans, als die Vision einer neuen Ordnung in der
Welt war, die den europäischen ebenso wie den amerikanischen Interessen
diente.
Es muss jetzt eine neue Initiative zum Frieden folgen. Und es muss
Gleichheit hergestellt werden zwischen den Parteien. Bis zur Gründung
Israels 1948 waren die Palästinenser, die Juden und die Christen
Gleiche in einem Land. All die Rechte, die die jüdische Bevölkerung
seit der Gründung errungen hat, stehen auch den Palästinensern zu.
Doch dieses gleiche Recht wurde ihnen nicht zuteil. Das alles ist eine
Frage von Verantwortung, nicht von Schuld. Und Israel trägt die größere
Verantwortung, denn es ist Staat und Nation, die Palästinenser haben
beides nicht. Die Israelis träumen davon, dass die Palästinenser eines
Tages nicht mehr da sind, und die Palästinenser träumen umgekehrt Ähnliches.
Natürlich wird dies nicht passieren, Realitäten sind nunmal stärker
als Träume. Erst wenn eine gewaltlose und gerechte Realität geschaffen
ist, werden politische Träume frei und ungefährlich sein.
Ich habe nie an eine militärische Lösung des Konflikts geglaubt, jedem
denkenden und fühlenden Israeli tut die Gewalt weh.
Im Grunde geht es um zweierlei: um die historische Entwicklung und um
die pragmatische Realität. Der Gebrauch von Waffen offenbart nur den
Mangel einer langfristigen Vision für die nächsten zwanzig oder dreißig
Jahre. Ein ideologisches Ende des Konflikts wird es nicht geben, die Lösung
kann nur eine pragmatische sein, mit der wir alle leben können. Israels
Regierung, und das ist der Zwiespalt heute, ist politisch gesehen
demokratisch, wird aber psychologisch als totalitäres Regime
wahrgenommen.
Europa muss eine Initiative ergreifen, und diese Initiative sollte von
Deutschland und von Spanien ausgehen - schon wegen der Geschichte dieser
beiden Länder. Denn es sind vor allem Spanien
und Deutschland, in denen Juden so viel Schönes und so viel
Schreckliches erlebt haben. Beide haben eine gesunde Beziehung zur
arabischen Welt und darum die Pflicht, ja auch die moralische Autorität,
eine neue Friedensinitiative zu beginnen. Man darf nicht
vergessen, was die Begriffe für die beiden jüdischen Volkselemente
bedeuten: ashkenazy heißt ¸¸deutsch",
sephardisch heißt ¸¸spanisch". Jetzt, mit der neugewählten
spanischen Regierung, bietet sich die künftige Zusammenarbeit geradezu
an. In jedem Fall aber sollten wir uns fragen: Sind wir nicht alle viel
zu passiv? Jeder für sich, jeder versteckt sich, jeder verbirgt den
Ort, wo sein Herz schlägt.
Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim wird Anfang Mai in Ramallah
und Jerusalem öffentlich musizieren und darauf in der Knesseth
gemeinsam mit Mstislaw Rostropowitsch
den ¸¸Wolf Foundation Prize in the Arts" entgegennehmen."
Quelle: Süddeutsche
Zeitung
Nr.92, Mittwoch, den 21. April 2004 , Seite 13
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