TEILHARD DE CHARDIN

1. MAI 1881       -       10. APRIL 1955

KRITISCHES

 

 

Das universelle Zentrum als der trinitare Schoß der Immananz

Teilhard stellt seine theologische Position dar und unterscheidet dabei zwei Kategorien von Denkern:

Physizisten (welche die 'Mystiker sind und zu denen sich Teilhard zählt - das Sein ist nur schön, wenn es sich als organisch zusammenhängend erweist - folglich muß der anziehende Christus physisch ausstrahlen) und Juridiker (welche in Christus nur mehr einen König und Eigentümer sehen).

Teilhard führt aus, dass er die Vorstellung der isolierten Schöpfung eines Atoms oder einer Gruppe von Monaden als eine Absurdität ansieht: 
"was in der Schöpfung gewollt und erhalten wird, ist zunächst das Ganze, und dann der Rest in ihm, nach ihm."
"Jede Hypothese verlangt, daß eine Welt, um denkbar zu sein, zentriert ist. Folglich hat das Vorhandenseins eines Omega an ihrer Spitze nichts mit der Tatsache ihrer "übernatürlichen Erhebung" zu tun. 

Es macht gerade eben das 'Gnaden'-Merkmal der Welt aus, daß der Platz des universellen Zentrums nicht irgendeinem höchsten Mittler zwischen Gott und dem Universum gegeben wurde; sondern daß er vielmehr von der Gottheit selbst eingenommen worden ist - die uns so 'in et cum Mundo' in den trinitaren Schoß ihrer Immanenz eingeführt hat."

Hans Urs von Balthasar setzt sich in seinem Werk "THEODRAMATIK - IV. DAS ENDSPIEL" (Seite 134 - 147) ausführlich und grundsätzlich positiv mit Teilhard auseinander, sieht jedoch die Grenzen seines Entwurfs "im einseitig christologischen Akzent", der die "trinitarische Gestalt des Welterlösungswerkes nicht hinreichend hervortreten läßt".

Damit läßt Teilhard so von Balthasar "die Theologie des Kreuzes (als trinitarisches Sühnewerk) fast ganz verblassen, so daß trotz der Betonung der Freiheit die Realität Sünde nicht in ihrer ganzen (neutestamentlichen) Tiefe sichtbar wird." Urs von Balthasar fügt bei, das bei Teilhard das "Pathos des Werdens" das des Seins so sehr übertönt, "daß in den Synthesen die Differenzen (auch die geschlechtlichen) unterzugehen drohen.

Diese Aspekte und die Einordnung von Freiheit und Sünde in Teilhards Denken gilt es weiter zu verfolgen.

Teilhards Sicht auf die anderen Religionen

 Irritierend eindeutig

Teilhard schreibt im Mai1933, also vor der Katastrophe des Holocaust, im Aufsatz „DAS CHRISTENTUM IN DER WELT“ (Teilhards Werke: „Wissenschaft und Christus“) für mich irritierend eindeutig, dass allein das Christentum „in der Lage sei, sich mit der im Abendland seit der Renaissance entstandenen intellektuellen und sittlichen Welt zu messen. Es scheint, kein von der modernen Kultur und den modernen Evidenzen tief berührte Mensch könne ernsthaft Konfuzianist, Buddhist oder Muselmane sein.“

 

Teilhard schreibt das nicht als ein Mann der die anderer Religionen und Kulturen nicht kennt (siehe Biographie - Forschungsreisen durch China und die Mongolei, Indien, Burma, Java, Äthiopien und Südafrika) sondern mit Angabe der Ortes (Peking , Mai 1933).

Wie kommt Teilhard zu dieser Anschauung. 

 

Allein das Christentum sei „eine Religion des universellen Fortschritts“. Zwar predigt es wie der Buddhismus die Loslösung und fordert zur Askese auf (siehe dazu die lesenswerte Abhandlung von Ernst Tugendhat:  "Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie", die einen differenzierten Blick aus dem Jahre 2003 auf die östlichen Religionen wirft) , aber tiefer ist ihm „der Glaube an die Auferstehung der Erde und die Erwartung einer Erfüllung des Universums in Jesus Christus“.

 

Während es dem Buddhisten darum geht „den Dingen zu entrinnen, indem man sie vermeidet, geht es dem Christen darum „sie zu übersteigen, indem er sie bis zum Ende ausforscht, ausmisst, erobert.

 

Er fragt dann, ob er das für sich selbst tut um die Dinge zu genießen. Nein, sondern um aus ihnen „die ganze Essenz der Schönheit und der Geistigkeit, die sie enthalten, herauszuziehen und Gott darzubringen“.

 

Es betont, das Entsagung und Mühsal noch sein werden. Jedoch nicht als eines Bruchs oder des geringsten Kontakts zu der Welt, sondern als Zeichen des Bemühens, des „Hindurchgangs“ und der Schöpfung.

 

Die „Lösung des mystischen Problems“ wird nicht durch Negation („östliche Lösung“) sondern „durch Sublimation der Welt erreicht. Die göttliche Einheit erstrahlt auf dem Gipfel der Läuterung, die eine universelle Konvergenz ist.“ Dies aber so Teilhard sei genau „das wesentliche Postulat des modernen Geistes, das heißt die in der westlichen Konzeption von den Entwicklungen des Lebens implizierte Religion“.

 

Teilhard spricht in diesem Zusammenhang vom „authentischen“ Christentum, das sich in den „großen Wassern des modernen Denkens“ keineswegs desorientiert fühlt, „sondern sich vielmehr in aller Freiheit des Kopfes und des Herzens bewegt – wie auf einem Heimatboden.“

 

 

 

Helmut Kuhn schreibt in seinem Werk "Der Weg vom Bewußtsein zum Sein"  Seite 465 ff.

"So wahr und bedeutungsvoll nun der Versuch ist, die Kosmologie als Himmelsleiter zu verstehen, er ist dennoch zum Scheitern verurteilt. Die letzten Sprossen, die den Aufschwung zur Vollkommenheit der Welt, der mundanen [weltlichen] Inkarnation, vermitteln sollen, fehlen. er von Leibnitz versuchte Beweis, diese unsere Welt sei als die beste aller möglichen Welten, verfehlt sein Ziel und Teilhard de Chardins ekstatischer Evolutionismus, der die Evolutionslinie vom materiellen Alpha bis zum göttlichen Omega aufsteigen läßt, ist nicht einmal als Versuch ernstzunehmen. Auch die kühnste Interpolation ist außerstande, die Biologie zur Grundlage der Theologie zu nobilitieren. Nicht nur sind wir unfähig, die Fülle teleologischer Strukturen zu einer Universalteleologie zusammenzudenken, die schrittweise von den bona zum Summum Bonum, von den gelungenen Lebensgestalten zur glücklichen Weltvollendung hinaufführen könnte. Immer läßt sich eine den Lobpreis der Welt störende Gegenrechnung aufmachen."

 

Ernst Tugendhat: "Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie"
C.H. Beck (2003) 

 

Hier Auszüge:

"Das eigentliche Ziel der mystischen Dynamik ist für ihn [Buddha], daß man vom Leiden dieses Lebens erlöst werden will." Der Rückzug vom Wollen - von der "Gier" - ist also nur Mittel zum Zweck.  ... Die Realität des menschlichen und allgemein des animalischen Lebens bestehe nicht nur darin, wie es jedermann als trivial zugeben würde, daß das Leben von Leid durchwirkt ist, sondern das Leben, wenn man es richtig sehe, sei nichts als Leiden.

Sieht man das so, müßte man in der Tat motiviert sein, aus diesem Leben auszuscheiden. ... An dieser Stelle kommt man nicht umhin, die indische Lehre vom samsara - vom endlosen Rad des Lebens in unaufhörlichen Widergeburten - zu berücksichtigen. Von ihr kann man sich klarmachen, erstens, daß aus der Perspektive der Selbstmord keinen Ausweg aus dem Leben bieten würde, daß aber auch zweitens,  wohl erst von daher die extrem düstere Lebensauffassung verstehen läßt, die die Grundlage der spezifisch indischen Mystik abgibt. ...

Für Außenstehende macht das [karma-Konzept] den Anschein eines Priesterbetrugs, da es ... offensichtlich zwei Funktionen zu erfüllen scheint: erstens, durch Furcht und Hoffnung die Menschen zu moralisch gutem Handeln anzuhalten; zweitens, die unteren Kasten davon abzuhalten, gegen ihren Status aufzubegehren, da sie ihn selbst verschuldet haben. ...

Offenbar tritt die Bekümmerung um die Wiedergeburt und damit überhaupt die primäre Orientierung der mystischen Dynamik am Problem des Leidens im chinesischen Buddhismus in den Hintergrund. Im Zen wird die Leere mehr als ein Durchsichtigwerden aller Dinge auf das Eine hin gesehen, wie man sich das an der fernöstlichen Malerei veranschaulichen kann. ...

In der taoistischen Mystik ist das Eine (das Tao) von vornherein einfach das Eine, auf das hin alles Mannigfaltige gesehen wird. Die taoistische Mystik ist diesseitig, sie ist keine Mystik der Weltflucht, das Leiden spielt in ihr keine primäre Rolle und soll lediglich integriert und gerade nicht vermieden werden.

Welches sind die Willensüberschüsse, die der Taoismus abbauen oder einschränken will? ... Wer sich vor das vom Tao durchherrschte Universum stellt, wird sich angesichts seiner Immensität der Relativität der Unterscheidungen von 'groß' und 'klein' bewußt und bringt sich die eigene Geringfügigkeit und Unwichtigkeit zu Bewußtsein. ...

Auf Grund des Bedürfnisses nach Anerkennung erscheint es Menschen wichtig, wichtig zu erscheinen. Bestätigung und Ruhm zu suchen, sich zur Schau zu stellen, ist eine Komponente des menschlichen Wollens, von dem der taoistische Weise meint, sich ganz frei machen zu sollen. Die Taoisten sprechen hier vom 'Nicht-Handeln'. Gemeint ist nicht Untätigkeit, sondern ein Tun, das möglichst absichtslos ist wie die Natur. ... Erstens, beim eigenen Tun (auch dem politischen) nicht auf Anerkennung aus sein; zweitens, sich nicht unnötige Ziele setzen, den Kreis des Tuns möglichst eng sehen; die Sorge um die Zukunft nicht übertreiben, frei von Hast sein; drittens, im Wirken nicht auf sich reflektieren.

Ein dritter Gedankenkomplex betrifft das Zusammengehören der Gegensätze. Auch hier rekurrieren die Taoisten auf die Natur: alles in der Natur befindet sich in einem Auf und Ab: Geburt und Tod, Wachsen und Vergehen, Steigen und Sinken; so auch das Sein des Menschen. Wer die Dinge vom Tao her sieht, akzeptiert, ja begrüßt jede Wende des Schicksals, auch die ungünstige, weil sie zum ganzen Kreis gehört. ...

Im Unterschied zu Heraklit, an den man sich bei dieser Lehre vom Zusammengehören der Gegensätze erinnert sieht, ist die Meinung nicht, daß das Leben in Gegensätzen höher pulsiert, vielmehr wer es nach der einen Seite zu weit treibt, wer nicht stillzustehen weiß, werde ein schlimmes Ende finden. ...

Die Menschen [...] sehen sich als steigend oder fallend, sie reflektieren das Geschehen und sind sich daher in ihrer zeitlichen Antizipation den Emotionen der Sorge, Hoffung und Angst ausgeliefert. Sie können deswegen nur in einer zweiten Reflexion zur Ruhe kommen, in der sie sich nicht mehr entweder steigend oder fallend sehen, sondern im Bewußtsein der Einheit der Kurve leben. ...

Die taoistische Lehre von den Gegensätzen enthält nur ein Minimum von theoretischen Komponenten. Ihre Absicht ist eine rein praktische, die Erreichung der Stille im Sichbewußtmachen der Einheit der Kurve. ...

Dabei kann man aber nicht stehenbleiben, wenn man bedenkt, daß wir handelnde Wesen sind. Wir sind dem Schicksal nicht einfach ausgeliefert, sondern greifen aktiv ein. ... 'Es gibt Dinge, die nicht in der eigenen Macht stehen', und die sollen mit 'Himmel' bezeichnet werden. ... Worauf es ankomme sei, daß der Mensch das Tun des Himmels nicht durchkreuze. ...

'Wie kann man wissen, ob das, was ich für die Sache des Himmels halte, nicht wirklich die des Menschen ist, und was ich für die des Menschen halte, nicht wirklich die des Himmels ist?' ...

Man soll den Handlungsspielraum ausschöpfen, der einem gegeben ist, ausschöpfen; man soll nur nicht gegen die Grenze dieses Spielraums anrennen, und für die Frage, wo diese Grenze liegt, gebe es keine einfachen Kriterien. ... Man müsse die prinzipielle Bereitschaft des Weisen, sich im Blick auf das Toa zurückzunehmen, ausgebildet haben, um die Sensibilität zu erlangen, in der man das von Mal zu Mal unterscheiden kann."

 

Geist in der Evolutionstheorie

Gregory Bateson bezieht sich in seinem Buch "Geist und Natur - Eine notwendige Einheit" im Kapitel "Kriterien des geistigen Prozesses" ausdrücklich und kritisch auf Teilhard de Chardin (Seite 113ff.). Er argumentiert, dass "Phänomene, die wir Denken, Ökologie, Leben, Lernen ... nennen, nur in Systemen auftreten", die den von ihm aufgeführten Kriterien genügen. Er möchte mit diesen Kriterien die Phänomene des Denkens von den viel einfacheren Phänomenen abzugrenzen, die man als materielle Ereignisse bezeichnet.

Das erste Kriterium lautet: "Ein Geist ist ein Aggregat von zusammenwirkenden Teilen oder Komponenten". Und hier setzt auch seine Kritik an Teilhard an. Er schreibt: "Mehrere anerkannte Denker, besonders Samuel Butler ... und in jüngerer Zeit Teilhard des Chardin, haben Evolutionstheorien vorgeschlagen, die davon ausgehen, daß ein gewisses geistiges Streben noch für die kleinsten Atome charakteristisch sei. Wie ich sehe, führen diese Hypothesen das Übernatürliche durch die Hintertür ein. Diese Vorstellung anzuerkennen, kommt für mich einer Kapitulation gleich. Sie besagt, daß es im Universum Komplexitäten der Aktion gibt, die unerklärbar sind, weil sie unabhängig von irgendeiner tragenden Komplexität existieren, in der sie als immanent gedacht werden könnten.  Ohne Differenzierungen der Teile kann es keine Differenzierung von Ereignissen oder Wirkungsweisen geben. Sind die Atome selbst, in ihrer individuellen Anatomie, nicht innerlich differenziert, dann kann das Auftreten komplexer Prozesse nur auf der Wechselwirkung zwischen Atomen beruhen. Sind aber die Atome innerlich differenziert, dann sind sie nach meiner Definition keine Atome, und ich werde damit rechnen, noch einfachere Einzelwesen zu finden, denen es an geistigen Wirkungsweisen mangelt. Wenn aber - und das nur als allerletzte Zuflucht - de Chardin und Butler mit ihrer Annahme recht haben, daß die Atome keine innere Differenzierung aufweisen und doch über geistige Charakteristika verfügen, dann ist die Erklärung unmöglich, und wir, als Wissenschaftler, sollten den Laden zumachen."

Bateson stellt die Prämisse auf, daß "geistiges Wirken der Wechselwirkung differenzierter 'Teile' immanent ist. Durch diese kombinierte Wechselwirkung kommt es zu so etwas wie 'Ganzes'.