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Defaitismus
oder Hoffnung
1936
schreibt Teilhard ein Essay mit dem Titel "Die Menschheit
retten - Überlegungen zur gegenwärtigen Krise". Er
konstatiert, "daß die Menschheit wahrscheinlich in die
größte Transformationsperiode eingetreten ist, die sie jemals
seit ihrer Geburt erlebt hat. ... Irgend etwas vollzieht sich in
der allgemeinen Struktur des Geistes. Eine andere Art von Leben
beginnt."
"Wie
soll man innerhalb der uns mitreißenden Strömung klar sehen
und handeln?"
Wer
kann darauf eine Antwort geben? Teilhard, will weniger
antworten, als ein Beispiel geben, "wie man versuchen kann,
diese Fragen zu lösen". Er antwortet mit einem
"Glaubensbekenntnis" und als ein solches will er seine Schrift
verstanden wissen.
Deutlich
und klar beginnt er mit seiner Auffassung:
Die
Reaktion muß notwendig ein kraftvoller Glaube an die Zukunft
der Menschheit sein. "Was muß man nicht derzeit alles
hören und lesen über die Altersschwäche der Zivilisation oder
gar über das nahe Ende der Welt! ...Dieser Defaitismus [aus
Charakter, Tugend, oder um sich zur Schau zu stellen] scheint
mir die grundlegende Versuchung der gegenwärtigen Stunde zu
sein."
Warum
müssen wir heute mehr denn je glauben, daß wir mehr denn je
hoffen müssen? - so fragt Teilhard.
Die
gegenwärtige Krise sei kein tödliches Leiden, denn die
Menschheit habe während des letzten Jahrhunderts eine neue
Struktur angenommen. Zuvor "zerfiel die Welt noch in
isolierte ethnische Blöcke, deren Potential so vollständig
verschieden waren, daß eine gegenseitige Vernichtung der einen
durch die anderen in jedem Augenblick als eine furchtbare
Möglichkeit erscheinen konnte."
Teilhard
sieht zunächst heute über den alten Kulturen "das Netz
einer gemeinsamen Psychologie". "In allen Ländern der
Welt wissen die Menschen heute wesentlich dieselben Dinge und
denken sie wesentlich in dieselben Dinge und denken sie
wesentlich in dieselben Richtungen" und daraus ergibt sich
auf einer höheren Ebene eine endgültige Gewähr der
Stabilität? "Was bloß national ist, kann verschwinden;
was human ist, vermag nicht zu erlöschen."
Wie
viel mehr läßt sich das im Jahre 2005 behaupten (und hier wäre die
Bedeutung des www - Netzes in die Betrachtung mit einzubeziehen!), als
im Jahre 1936.
Aber
ist damit auch neues Voranschreiten verbunden? Ist damit die
Hoffnung verbunden, daß die Zukunft uns gehört? Teilhard
glaubt, dass diese Hoffnung in der "größten Entdeckung
der modernen Wissenschaft" - "der Existenz einer
kosmischen Entwicklung des Geistes" - seine Grundlage hat.
"Für
denjenigen, der heute das Diagramm der von der Wissenschaft
registrierten Tatsachen zu lesen versteht, ist die Menschheit
kein akzidentielles Phänomen mehr, das zufällig auf einem der
kleinsten Gestirne des Himmels aufgetreten ist. Sie stellt
vielmehr ... die höchste Manifestation des Grundstromes dar,
der nach und nach das Denken im Schoß der Materie emergieren
läßt. Wir sind ... der zum
Selbstbewußtsein emergierte Teil des Weltstoffes."
Diese
Ansicht hat eine unberechenbare moralische Tragweite. Das Werk,
das wir wirken oder besser, das durch uns selbst
hindurch wirkt, bekommt Beständigkeit (Perennität).
Wenn
man "über die Grenzen der menschlichen Geschichte und der
Vorgeschichte hinausgeht und die Geschichte der Erde selbst
überdeckt", kann es keinen Zweifel geben, die Entwicklung
ist "wie ein Fluß, der seinen Lauf sucht - jedoch ohne
Stillstand und vor allem ohne Zurückfallen des Ganzen. ...
Die
Metamorphose vollzieht sich so langsam, daß wir, die Tatsachen
über einen kurzen Zeitraum betrachtend, vielleicht Gefahr
laufen könnten, sie nicht wahrzunehmen."
Teilhard
fragt jedoch weiter: In welche Richtung schreiten wir voran?
Es
habe keinen Sinn den besonderen Zustand zu definieren, auf den
wir zugehen, da die Formen der Zukunft ihrer Natur nach
unvorhersehbar seien, aber es kann gefragt werden: "Welchen
Bedingungen muß die Zukunft genügen, um mit der Vergangenheit
und der Zukunft kohärent zu sein?"
Erste
Bedingung - Leidenschaft für das Universelle:
Die
Zukunft ist ein freier, unbegrenzter Horizont und umfassend
genug, daß
"keines der gegenwärtigen im Universum eingeschlossenen
positiven Elemente ausgeschlossen würde." Dies
erscheint mir ein sehr wichtiger Aspekt, denn hier zeigt sich,
daß wir uns nicht entmutigen lassen brauchen.
Zweite
Bedingung - Leidenschaft für die Zukunft:
Die
Zukunft konzentriert sich in einer unzerstörbare, irreversible
Gestalt, die "nichts
Gutes und Schönes ausläßt". Die "Errichtung eines
unteilbaren, sozialen, wirtschaftlichen, ätherischen (Was
könnte das sein?) Netzes über die menschliche Vielheit"
ist eines der außerordentlichsten Phänomene. Geist und Materie
stoßen uns in Richtung höheres Einswerden voran.
Dritte
Bedingung - Leidenschaft für das Personale:
Die
ersten beiden Bedingungen, dies stellt Teilhard mit aller
Deutlichkeit heraus, "darf unsere
Personalität nicht gefährden." Was
aber ist das Personale? Für Teilhard ist es der "höchste
Zustand, in dem wir den Stoff des Universums zu erfassen
vermögen. In seiner geheimnisvollen Atomizität kondensiert
sich, Korn um Korn, etwas Einzigartiges und Unübertragbares.
" Und dann schreibt Teilhard, die für mich sehr wichtige
Sätze, die zeigen, daß er unser Menschsein nicht in einem
kosmischen Nebel auflöst: "Nur
eine Formel vermag auszusagen, daß die Welt voranschreitet,
ohne zurückzufallen und ohne etwas Eigenes zu verlieren,
nämlich der Satz, daß die Qualität und die Quantität des
'Personalen' beständig in ihr wachsen müssen: das Universum
würde sich theoretisch nicht in Richtung auf eine geistige
Totalität ausbreiten, wenn es sich nicht zu einem immer mehr
selbstzentrierten Zustand seiner selbst und jedes seiner
Elemente erhöbe."
Er
sieht keinen Gegensatz zwischen der Personalität und seiner
Totalisation. Er führt aus: "Die wirkliche Vereinigung
verschmilzt nicht die Wesen, die sie einander annähert. Sie
differenziert sie im Gegenteil noch weiter; das heißt, sie
ultrapersonalisiert sie, wenn es sich um reflektierte Partikel
handelt. Das Ganze ist nicht der Antipode, sondern gerade der
Pol der Person. " Totalisation und Personalisation sind die
beiden Ausdrucksweisen einer einzigen Bewegung.
Ausgehend
von diesen Bedingungen wendet sich Teilhard wieder der Frage
nach den Wirren unserer Tage (1936!) zu. Er untersucht die vier
"um den Besitz der Erde " ringenden Haupteinflüsse:
Christentum, Kommunismus, Faschismus und Demokratie. Teilhard
analysiert diese Bewegungen und wenn er zur Auffassung kommt,
dass "die Kräfte, die um uns herum aufeinanderstoßen,
keine zerstörerischen Kräfte" sind und jede positive
Komponenten enthält, dann ist dies aus unserer heutigen
Sichtweise im Hinblick auf die Auswüchse des Faschismus
und Kommunismus schwer nachvollziehbar. Und die nächsten
Sätze Teilhards zeigen mir, dass die "Geburtskrise"
der Welt mit furchtbaren Opfern verbunden ist, die dann eine
Philosophie und Theologie nach Auschwitz hervorgebracht hat.
Teilhard spricht 1936 von einer "Geburtskrise" und
nicht von Todessymtome", von "wesentlichen
Affinitäten und nicht von endgültigem Haß".
Hier
gilt es weiter zu arbeiten. Was sah Teilhard im Faschismus
positives - nur das Ideal organisierter Eliten? - Wie sah
Teilhard nach dem Krieg den Holocaust? Und wie kann die
Verbindung der Zukunftsbedingungen im Christentum heute
fruchtbar gemacht werden, ohne die anderen Religionen
auszugrenzen? Aufregende Fragen, die unsere Zukunft bestimmen
könnten.
zurück
zum Seitenbeginn ....
wird
fortgesetzt!
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Im
Alltag ist der Defätismus eine auf negativen
Erfahrungen beruhender Zukunftspessimismus, bei dem der
Einzelne davon ausgeht, dass sich das Scheitern
fortsetzt. |
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Im
blog - credo ut intelligam
wurde
ich auf eine Anekdote aus den autobiographischen
Aufzeichnungen von Josef Pieper hingewiesen hingewiesen.
"Credo ut intelligam" führt aus:
Wo
Pieper in seinem Vortrag gemeint hatte, "es stehe
nirgends geschrieben, daß die Menschheitsgeschichte,
innerzeitlich betrachtet, einfachhin mit dem Sieg der
Vernunft oder der Gerechtigkeit zu Ende gehen
werde", nennt "Teilhard ... diesen Frageansatz
'defätistisch' ".
Dieser
Hinweis hat mich veranlasst die Schrift von Teilhard "Die Menschheit
retten - Überlegungen zur gegen- wärtigen Krise" zu
lesen um genauer zu erkennen, wie Teilhard seine
Zukunfts- hoffnungen begründet und was er zum "Defaitismus"
ausführt. Auch wenn ich mir nicht anmaße, den von mir
hochgeschätzten Philosophen zu kritisieren, so kann ich
doch vorläufig nicht erkennen, dass Teilhard de Chardin,
Evolution und Geschichte unzulässig vermengt. Die
Evolution darf - so Teilhard - die
"Personalität" nicht gefährden und steht
nicht im Gegensatz zum "Futurismus und
Universalismus". Insoweit sehe ich, dass die
Evolution durchaus Märtyrer kennt.
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