TEILHARD DE CHARDIN

1. MAI 1881       -       10. APRIL 1955

GRUNDPRINZIPIEN 

 

Eine meiner Zeichnungen zum Thema "Vom offenen Geheimnis"

 

Mein Universum (Tientsin, 1924)

Teilhard betont ausdrücklich, dass es sich bei diesem Werk keineswegs um eine endgültige Erklärung der Welt handelt, sondern um eine Skizze, um die "Grundlinien der leuchtenden Gestalt, die sich ihm im Laufe von fünfundzwanzig Jahren [also in etwa von 1899 bis 1924] des Nachdenkens und der Erfahrung aller Art im Universum enthüllt hat."  Die Gestalt gewinnt so Teilhard "ihre Verführungskraft und ihr Frieden schenkendes Vermögen aus der Geschmeidigkeit und Leichtigkeit, mit der sich ... die zahllosen Elemente der physischen, moralischen, sozialen, religiösen ... Welt miteinander verketten, sich ordnen, wechselseitig erhellen." "Mein Universum" ist sein erstes größeres Werk.

Teilhard bemüht sich zu zeigen, wie sich "die Dunkelheit und der Mißklang" in der "gewaltige Unordnung der Dinge" zu einer "unsagbaren Schwingung verwandelt, unerschöpflich im Reichtum ihrer Nuancen und ihrer Töne, unendlich in der Vollendung ihrer Einheit." Daran will er uns teilhaben lassen.

Elemente, Gestalten, Beziehungen, Bewegungen, dies sind auch die Grundbegriffe, die ich bei meinem eigenen Nachdenken in den Mittelpunkt stelle und der Schlüssel sind, das "offene Geheimnis" zu öffnen. 

 

 

Struktur des Werks

I. Philosophie II. Religion

Die Unio Creatrix

Der Christus-Universalis

Die Grundprinzipien
Die Unio Creatrix
Schlussfolgerungen

 

Christus = Omega
Der Einfluss des Omega
Beseelung der Welt

 

 

III. Moral und Mystik IV. Geschichte

Die Prä-Adhäsion

Die Evolution der Welt

Die Eroberung der Welt (Entwicklung)
Die Lösung der Welt 
(Die Minderung)

Das mystische Milieu 
(Die Kommunion)

Die Vergangenheit
Die Zukunft

 

 

Grundprinzipien aus dem Werk "Mein Universum"

"Das Sein ist gut "

(Aus diesen Postulaten hat sich nach Teilhard seine Vorstellung des Universums entwickelt)

1.  Das Primat des Bewußtseins

Es ist besser zu sein, als nicht zu sein

Es ist besser mehr zu sein, als weniger zu sein

Es ist besser bewußt zu sein, als nicht bewußt zu sein

Es ist besser bewußter zu sein, als weniger bewußt zu sein

Teilhard fragt sich, ob es in diesem ersten Grundstein seines inneren Lebens,  in dieser Urentscheidung vielleicht bereits  zu dem Trennungsschritt zwischen den guten oder bösen, den erwählten oder verworfenen Menschen kommt. Häufig werde von Agnostikern, Pessimisten, Genießern und Kleinmütigen diese Postulate bestritten.

2.  Der Glaube an das Leben

Das Universum hat in seiner Gesamtheit ein Ziel und kann nicht scheitern

Es kann sich weder im Weg täuschen, noch unterwegs stehen bleiben

Das Leben ist in seiner Gesamtheit ist unfehlbar, nicht jedoch in seinen Elementen

Teilhard bedauert, dass nur ein "lächerlich kleiner Teil der Elemente der Welt" zum Ziel gelangt, ist sich aber sicher, daß sie als Ganzes genommen zu einem "gewissen höheren Bewußtseinszustand" führt.

Warum glaubt dies Teilhard?

Im Schoße des unvorstellbaren Netzes von Zufällen und schlechten Aussichten ist es bisher gelungen das menschliche Dasein hervor zu bringen. Dies war und ist deshalb möglich, weil es im Kern von einer Kraft gelenkt wird, die die zusammensetzenden Elemente souverän beherrscht. 

Er glaubt es auch, weil er sich sonst "absolut verloren und verzweifelt" fühlen würde.

Er glaubt es aber "vielleicht vor allem aus Liebe". Seine Liebeserklärung lautet: "Ich liebe das mich umgebende Universum zu sehr, als daß ich nicht zu ihm Vertrauen hätte." 

3.  Der Glaube an das Absolute

Das Universum bringt das Bewußtsein zur Reife

Der gewonnene Reife stellt eine absolute Vollkommenheit dar 

Teilhard stellt die Frage, die sich die meisten Menschen nicht stellen, weil  sie das Leben noch automatisch mitreißt: "Lohnt es die Mühe, zu leben? ... Lohnt sich die Arbeit des Lebens und der Schrecken des Sterbens?"

Es ist vorauszusehen, daß sich diese Frage der Menschheit "in wachsender Schärfe in dem Maße stellen wird, wie das von ihr verwirklichte Werk kostbarer und schwerer wird.  Dürfen wir wirklich hoffen, ein dauerhaftes Werk zu vollbringen oder kneten wir einfach nur Asche?"

Teilhard ruft das loyale Nachdenken jedes Menschen zum Zeugen auf und  betont, daß die einzige Entlohnung, die uns befriedigen könnte, "die Garantie ist, daß das greifbare Ergebnis unserer Mühsal mit irgend etwas von ihm selbst in eine Wirklichkeit aufgenommen wird, wo weder Wurm noch Rost es zu erreichen vermöchten."

Er bezieht sich auf seine eigene innere Erfahrung und betont, das der erbrachte Beweis, daß nichts von seinem Werk übrig bliebe, in ihm die Triebkraft allen Tuns töten würde.

Sein Postulat lautet: " Der freie Wille kann nur in Bewegung gesetzt werden ... durch den Anreiz eines endgültigen Ergebnisses, eines für immer bleibenden Werkes, das seinem Bemühen verheißen ist." 

Sein Resümee lautet: Da ich nicht einräumen kann, "die Welt sei schlecht konstruiert, physisch widersprüchlich, unfähig, den wesentlichen Hunger der Seienden zu nähren ... lege ich mich rückhaltlos auf die Gewißheit fest, daß das Leben in seiner Gesamtheit auf die Errichtung einer neuen und ewigen Erde zugeht.

4.  Die Priorität des Ganzen

Die Gestalt der allein wertvollen Endwirklichkeit ist eine unermeßliche Einheit

Das Antlitz des Ganzen ist ein geläutertes, sublimiertes, bewußt gemachtes Ganzes

Die Welt kann weder philosophisch noch psychologisch begriffen werden, außer im Ausgang vom Ganzen und im Ganzen

Bekenntnis Teilhards und eine Art Zusammenfassung:

"Ich habe nicht das Ganze mühsam entdeckt." Vielmehr hat es sich mir durch eine Art von 'kosmischem Bewußtsein' dargestellt, sich mir aufgedrängt. Seine Anziehung hat alles in mir in Bewegung gesetzt, alles beseelt, alles organisiert. weil ich leidenschaftlich das Ganze spüre und liebe, weil ich an den Primat des Seins glaube - und weil ich nicht ein endgültiges Scheitern des Lebens einräumen kann - und weil ich keinen geringeren Lohn zu wünschen vermag denn dieses Ganze selbst."

Internetseiten von Theodor Frey

Gezeichnete Skizzen im Werk Teilhards
Technospiritualität Philosophisch-Theologisches in der Selbstbeschreibung der Cyberszene

 

 

DIE UNIO CREATRIX

Der Versuch einer Art empirischer und pragmatischer Erklärung des Universums

In der derzeitigen evolutiven Phase des Kosmos [Teilhard fügt gleich hinzu - der einzigen uns bekannten] vollzieht sich alles so,
"als bilde das Eine sich durch aufeinanderfolgende Einswerdungen des Vielen,
und als wäre es um so vollkommener, je vollkommener es unter sich ein umfassenderes Vieles zentralisiert."

Zu den Skizzen der
Unio Creatrix

Kompensationsgesetz der Erfahrung, das die Beziehung zwischen Geist und Materie beschreibt und das Teilhard in das Prinzip der Erklärung der Dinge verwandelt:

"Je höher ein Psychismus bei allen uns bekannten Lebewesen ist, um so stärker scheint er uns an einen komplizierten Organismus gebunden zu sein."

"Je geistiger die Seele ist, um so vielfältiger und zerbrechlicher ist ihr Leib."

Das Eine und das Viele

Das Eine bildet sich " durch aufeinanderfolgende Einswerdung des Vielen"

"Das Eine ist umso vollkommener, je vollkommener es unter sich ein umfassenderes Vieles zentralisiert"

"Die Unio Creatrix verschmilzt nicht die Glieder untereinander, die sie gruppiert. Sie bewahrt sie: sie vollendet sie"

"Jede höhere Seele differenziert die Elemente besser, die sie vereint."

"Die menschliche Seele ist der erste endgültige Halt, an dem das durch die Schöpfung in Richtung Einheit emporgehobene Viele sich anzuklammern vermag."

Die Welt ist "unstabil, weil die Millionen der heute im Kosmos eingeschlossenen Seelen ein schwankendes Vieles bilden, das mechanisch, eines Zentrums bedarf, um 'zu halten' "

Die Welt ist "unvollendet, weil eben ihre Pluralität zugleich eine Schwäche darstellt und eine Zukunftskraft und -hoffnung ist - das Erfordernis oder die Erwartung einer weiteren Einswerdung im Geiste."

Die Gestalt des Universums

"Im Lichte der Unio Creatrix gewinnt das Universum die Gestalt eines unermeßlichen Kegels, dessen Basis sich unendlich nach hinten in die Nacht entspannen würde - während sich sein Gipfel immer mehr im Lichte erhöbe und konzentrierte. Von oben nach unten ist derselbe schöpferische Einfluß spürbar - jedoch immer bewußter, immer geläuterter, immer komplizierter. Am Ursprung bewegen dunkle Affinitäten die Materie; dann macht sich bald die Anziehung des Lebendigen bemerkbar - eine fast mechanische Bewegung in den niederen Formen, die aber im menschlichen Herzen zum unendlich reichen und erschreckenden Vermögen der Liebe wird; weiter oben schließlich entsteht die Leidenschaft für die über die Kreise des Menschlichen sich erhebenden Wirklichkeiten."

Zeichnung von TAM zum Thema Unio Creatrix

Schlussfolgerungen

"Alle Konsistenz kommt vom Geist", das ist genau die Definition der Unio Creatrix, auch wenn die Festigkeit des Anorganischen und Gebrechlichen des Fleisches uns das Gegenteil glauben machen wollen.

Der materialistischen Philosophie ergreift nur "den Staub, der zwischen den Fingern zerrinnt."

"Alles hält von oben".

"Wenn nämlich der Geist die Materie beständig im Aufstieg zum Bewußtsein mitreißt und trägt, so erlaubt die Materie ihrerseits dem Geist zu bestehen, indem sie ihm beständig einen Wirkpunkt und Nahrung liefert."

Jede Stufe der unendlichen Stufenleiter zwischen dem "Nichts, der totalen Pluralität" und dem "Zentrum universeller Konvergenz" entspricht eine ihr eigentümliche Verteilung des Guten und des Übels, des Geistes und der Materie. Was für mich schlecht, materiell ist, ist gut, geistig für einen anderen, der hinter mir hergeht."

"Materie und Geist stehen einander nicht ... wie zwei Naturen gegenüber, sondern wie zwei Richtungen der Evolution innerhalb der Welt."

Es gibt "weder eine vollendete noch folglich eine isolierte Substanz". "Jegliche Substanz wird von einer Reihe von Substanzen getragen, die einander stützen von Stufe zu Stufe bis zum höchsten Zentrum."

Mit der Anerkennung dieser Schlussfolgerungen "findet alles eine lichte Erklärung" ... nicht nur in der Metaphysik, sondern auch, und vielleicht noch mehr, in der Moral und in der Religion.

 

 

Defaitismus oder Hoffnung

1936 schreibt Teilhard ein Essay mit dem Titel "Die Menschheit retten - Überlegungen zur gegenwärtigen Krise". Er konstatiert, "daß die Menschheit wahrscheinlich in die größte Transformationsperiode eingetreten ist, die sie jemals seit ihrer Geburt erlebt hat. ... Irgend etwas vollzieht sich in der allgemeinen Struktur des Geistes. Eine andere Art von Leben beginnt."

"Wie soll man innerhalb der uns mitreißenden Strömung klar sehen und handeln?"

Wer kann darauf eine Antwort geben? Teilhard, will weniger antworten, als ein Beispiel geben, "wie man versuchen kann, diese Fragen zu lösen". Er antwortet mit einem "Glaubensbekenntnis" und als ein solches will er seine Schrift verstanden wissen.

Deutlich und klar beginnt er mit seiner Auffassung:

Die Reaktion muß notwendig ein kraftvoller Glaube an die Zukunft der Menschheit sein. "Was muß man nicht derzeit alles hören und lesen über die Altersschwäche der Zivilisation oder gar über das nahe Ende der Welt! ...Dieser Defaitismus [aus Charakter, Tugend, oder um sich zur Schau zu stellen] scheint mir die grundlegende Versuchung der gegenwärtigen Stunde zu sein."

Warum müssen wir heute mehr denn je glauben, daß wir mehr denn je hoffen müssen? - so fragt Teilhard.

Die gegenwärtige Krise sei kein tödliches Leiden, denn die Menschheit habe während des letzten Jahrhunderts eine neue Struktur angenommen.  Zuvor "zerfiel die Welt noch in isolierte ethnische Blöcke, deren Potential so vollständig verschieden waren, daß eine gegenseitige Vernichtung der einen durch die anderen in jedem Augenblick als eine furchtbare Möglichkeit erscheinen konnte."

Teilhard sieht zunächst heute über den alten Kulturen "das Netz einer gemeinsamen Psychologie". "In allen Ländern der Welt wissen die Menschen heute wesentlich dieselben Dinge und denken sie wesentlich in dieselben Dinge und denken sie wesentlich in dieselben Richtungen" und daraus ergibt sich auf einer höheren Ebene eine endgültige Gewähr der Stabilität? "Was bloß national ist, kann verschwinden; was human ist, vermag nicht zu erlöschen."

Wie viel mehr läßt sich das im Jahre 2005 behaupten (und hier wäre die Bedeutung des www - Netzes in die Betrachtung mit einzubeziehen!), als im Jahre 1936.

Aber ist damit auch neues Voranschreiten verbunden? Ist damit die Hoffnung verbunden, daß die Zukunft uns gehört? Teilhard glaubt, dass diese Hoffnung in der "größten Entdeckung der modernen Wissenschaft" - "der Existenz einer kosmischen Entwicklung des Geistes" - seine Grundlage hat.

"Für denjenigen, der heute das Diagramm der von der Wissenschaft registrierten Tatsachen zu lesen versteht, ist die Menschheit kein akzidentielles Phänomen mehr, das zufällig auf einem der kleinsten Gestirne des Himmels aufgetreten ist. Sie stellt vielmehr ... die höchste Manifestation des Grundstromes dar, der nach und nach das Denken im Schoß der Materie emergieren läßt. Wir sind ... der zum Selbstbewußtsein emergierte Teil des Weltstoffes."

Diese Ansicht hat eine unberechenbare moralische Tragweite. Das Werk, das wir wirken oder  besser,  das durch uns selbst hindurch wirkt, bekommt Beständigkeit (Perennität).

Wenn man "über die Grenzen der menschlichen Geschichte und der Vorgeschichte hinausgeht und die Geschichte der Erde selbst überdeckt", kann es keinen Zweifel geben, die Entwicklung ist "wie ein Fluß, der seinen Lauf sucht - jedoch ohne Stillstand und vor allem ohne Zurückfallen des Ganzen. ...

Die Metamorphose vollzieht sich so langsam, daß wir, die Tatsachen über einen kurzen Zeitraum betrachtend, vielleicht Gefahr laufen könnten, sie nicht wahrzunehmen."

Teilhard fragt jedoch weiter: In welche Richtung schreiten wir voran?

Es habe keinen Sinn den besonderen Zustand zu definieren, auf den wir zugehen, da die Formen der Zukunft ihrer Natur nach unvorhersehbar seien, aber es kann gefragt werden: "Welchen Bedingungen muß die Zukunft genügen, um mit der Vergangenheit und der Zukunft kohärent zu sein?"

Erste Bedingung - Leidenschaft für das Universelle:

Die Zukunft ist ein freier, unbegrenzter Horizont und umfassend genug, daß "keines der gegenwärtigen im Universum eingeschlossenen positiven Elemente ausgeschlossen würde." Dies erscheint mir ein sehr wichtiger Aspekt, denn hier zeigt sich, daß wir uns nicht entmutigen lassen brauchen.

Zweite Bedingung - Leidenschaft für die Zukunft:

Die Zukunft konzentriert sich in einer unzerstörbare, irreversible Gestalt, die "nichts Gutes und Schönes ausläßt". Die "Errichtung eines unteilbaren, sozialen, wirtschaftlichen, ätherischen (Was könnte das sein?) Netzes über die menschliche Vielheit" ist eines der außerordentlichsten Phänomene. Geist und Materie stoßen uns in Richtung höheres Einswerden voran.

Dritte Bedingung - Leidenschaft für das Personale:

Die ersten beiden Bedingungen, dies stellt Teilhard mit aller Deutlichkeit heraus, "darf unsere Personalität nicht gefährden." Was aber ist das Personale? Für Teilhard ist es der "höchste Zustand, in dem wir den Stoff des Universums zu erfassen vermögen. In seiner geheimnisvollen Atomizität kondensiert sich, Korn um Korn, etwas Einzigartiges und Unübertragbares. " Und dann schreibt Teilhard, die für mich sehr wichtige Sätze, die zeigen, daß er unser Menschsein nicht in einem kosmischen Nebel auflöst: "Nur eine Formel vermag auszusagen, daß die Welt voranschreitet, ohne zurückzufallen und ohne etwas Eigenes zu verlieren, nämlich der Satz, daß die Qualität und die Quantität des 'Personalen' beständig in ihr wachsen müssen: das Universum würde sich theoretisch nicht in Richtung auf eine geistige Totalität ausbreiten, wenn es sich nicht zu einem immer mehr selbstzentrierten Zustand seiner selbst und jedes seiner Elemente erhöbe."

Er sieht keinen Gegensatz zwischen der Personalität und seiner Totalisation. Er führt aus: "Die wirkliche Vereinigung verschmilzt nicht die Wesen, die sie einander annähert. Sie differenziert sie im Gegenteil noch weiter; das heißt, sie ultrapersonalisiert sie, wenn es sich um reflektierte Partikel handelt. Das Ganze ist nicht der Antipode, sondern gerade der Pol der Person. " Totalisation und Personalisation sind die beiden Ausdrucksweisen einer einzigen Bewegung.

 

Ausgehend von diesen Bedingungen wendet sich Teilhard wieder der Frage nach den Wirren unserer Tage (1936!) zu. Er untersucht die vier "um den Besitz der Erde " ringenden Haupteinflüsse: Christentum, Kommunismus, Faschismus und Demokratie. Teilhard analysiert diese Bewegungen und wenn er zur Auffassung kommt, dass "die Kräfte, die um uns herum aufeinanderstoßen, keine zerstörerischen Kräfte" sind und jede positive Komponenten enthält, dann ist dies aus unserer heutigen Sichtweise im Hinblick auf die Auswüchse des Faschismus und  Kommunismus schwer nachvollziehbar. Und die nächsten Sätze Teilhards zeigen mir, dass die "Geburtskrise" der Welt mit furchtbaren Opfern verbunden ist, die dann eine Philosophie und Theologie nach Auschwitz hervorgebracht hat. Teilhard spricht 1936 von einer "Geburtskrise" und nicht von Todessymtome", von "wesentlichen Affinitäten und nicht von endgültigem Haß".

Hier gilt es weiter zu arbeiten. Was sah Teilhard im Faschismus positives - nur das Ideal organisierter Eliten? - Wie sah Teilhard nach dem Krieg den Holocaust? Und wie kann die Verbindung der Zukunftsbedingungen im Christentum heute fruchtbar gemacht werden, ohne die anderen Religionen auszugrenzen? Aufregende Fragen, die unsere Zukunft bestimmen könnten.

 

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wird fortgesetzt!           

 

 

 

Im Alltag ist der Defätismus eine auf negativen Erfahrungen beruhender Zukunftspessimismus, bei dem der Einzelne davon ausgeht, dass sich das Scheitern fortsetzt.
Im blog - credo ut intelligam 

wurde ich auf eine Anekdote aus den autobiographischen Aufzeichnungen von Josef Pieper hingewiesen hingewiesen. "Credo ut intelligam" führt aus: 

Wo Pieper in seinem Vortrag gemeint hatte, "es stehe nirgends geschrieben, daß die Menschheitsgeschichte, innerzeitlich betrachtet, einfachhin mit dem Sieg der Vernunft oder der Gerechtigkeit zu Ende gehen werde", nennt "Teilhard ... diesen Frageansatz 'defätistisch' ".

Dieser Hinweis hat mich veranlasst die Schrift von Teilhard "Die Menschheit retten - Überlegungen zur gegen- wärtigen Krise" zu lesen um genauer zu erkennen, wie Teilhard seine Zukunfts- hoffnungen begründet und was er zum "Defaitismus" ausführt. Auch wenn ich mir nicht anmaße, den von mir hochgeschätzten Philosophen zu kritisieren, so kann ich doch vorläufig nicht erkennen, dass Teilhard de Chardin,  Evolution und Geschichte unzulässig vermengt. Die Evolution darf - so Teilhard - die "Personalität" nicht gefährden und steht nicht im Gegensatz zum "Futurismus und Universalismus". Insoweit sehe ich, dass die Evolution durchaus Märtyrer kennt. 

 

 

 

 

 

Was ist, wenn die Menschheit scheitert?

 

Tagebucheintrag am 2. Dezember 1916 (Tagebücher II. S. 27f.)

 

 - Der Gedanke ist verwirrend, dass die ganze menschliche Zukunft einem Kataklysmus [eine universale Katastrophen vernichtet alles Leben] ausgeliefert sein soll, der die Erde zerstörte. Welche Kontingenz! [ Kontingent ist das Nichtnotwendige]

Und was wird aus dem in der Arbeit und dem Gelingen des Lebens erahnten Absoluten! - 

 Dieser Eindruck kann durch den Gedanken überwunden werden, dass das Absolute nicht im Zum-Ziel-Kommen dieser Bewußstseinsknospe (und wäre es die Menschheit!), sondern in der Tendenz zur Loslösung des im Universum eingeschlossenen Geistes zu suchen ist, der notwendig hier und dort zum Ziel kommen muß; - diese Tendenz ist die Essenz, die Seele des Universums ...

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Die Menschheit auf dem Weg zur Einmütigkeit

 

Wie können wir uns vorstellen und hoffen, dass sich auf Erden die menschliche Einmütigkeit verwirklicht?

 

1950 (Paris) schreibt Teilhard de Chardin einen Essay mit diesem Titel.

 

Er fragt, ob es nicht trotz allen gegenseitigen Anscheins positive Anzeichen gibt, "dass die Menschheit als Ganzes tatsächlich auf dem Wege wirklicher Einmütigkeit ist." Gibt es "in der Erfahrung bereits definierbare und spürbare planetare Energien", "die unbezwinglich dahin streben, die bestürzende Vielzahl von Milliarden denkender Bewußtheiten einander näherzubringen und in sich zu organisieren"? 

Er beschreibt zwei Wirkformen, "die so universell in der uns umflutenden menschlichen Atmosphäre verbreitet sind, daß wir häufig Gefahr laufen, sie ebensowenig wie die Luft oder das Licht zu spüren- und die doch so einhüllend und nah sind, daß ihnen keine unserer Gebärden zu entgehen vermag."

 

a) Geographische Krümmung

 

Die menschliche Gruppe entwickelt sich auf der geschlossenen Kugeloberfläche der Erde. Die wachsende Menschheit führt dazu, "als ob sie auf einer sich ständig zusammenziehenden Erde wachse: was dazu führt, sie einer immer heftigeren Zusammendrängung in sich selbst zu unterwerden. Das erste Ergebnis dieser furchtbaren ethnischen Kompression ist offensichtlich, daß sie unbezwinglich die Körper einander nähert. Doch diese Verdichtung des menschlichen Stoffes, so materiell sie auch in ihren Ursprüngen ist, hat tiefgreifende Folgen für die Seelen. Denn um vital, 'bequem', auf den um sie herum steigenden Druck zu antworten - um zu überleben und um gut zu leben -, reagiert die Vielzahl der denkenden Wesen auf natürliche Weise, indem sie sich wirtschaftlich und technisch bestmöglich in sich selbst anordnet. "- Und das führt sie schließlich dahin, sich um einen Grad mehr in sich zu reflektieren - also das überzuentwickeln, was am spezifischsten und höchsten menschlich in ihr ist." ...

"Durch das brutale Wirken der planetaren Kompression erwärmt und erhellt sich die menschliche Masse geistig."

 

a) Geistige Krümmung

 

"Zunächst denken, um zu überleben, dann leben, um zu denken: das erweist sich als das grundlegende Gesetz der Anthropogenese. Doch nachdem der Denkvorgang einmal ausgelöst ist, zeigt er ein außerordentliches Vermögen, sich gleich einem Organismus fortzusetzen und auszudehen, den, nachdem er einmal entstanden ist, nichts mehr davon abhalten kann, zu wachsen, sich auszubreiten und alles mit seinem Netz zu umgeben."

"Das physische reflektierte Milieu, in das wir eingetaucht sind sind, ist von Natur aus so eingerichtet, daß wir in ihm nicht fortbestehen können, ohne voranzuschreiten; und daß wir in ihm nicht voranschreiten können, ohne uns einander zu nähern und ohne uns einander zu unterstützen. Als ob all unser individuelles Sich-Emporschwingen zu mehr Wahrheit im Innern einer geschlossenen geistigen 'Kuppel' ablaufe, deren Wände unsere Intelligenzen unerbittlich einander näherbringen!"

 

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Karl Schlögel (geb. 1948 in Hawangen im Allgäu) schreibt in seinem Werk "Im Raum Lesen wir die Zeit" (Hanser, 2003): "Geschichte spielt nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum" und beklagt die Raumvergessenheit der Geschichtsschreibung. Ihr Grundmuster ist die Chronik, die zeitliche Sequenz der Ereignisse. "Das Fehlen der räumlichen Dimension fällt nicht weiter auf. "Aber dann gibt es historische Augenblicke, in denen es einem gleichsam wie Schuppen von den Augen fällt. Mit einem Male wird klar, daß "Sein und Zeit" nicht die ganze Dimension der menschlichen Existenz erfaßt und daß Fernand Braudel recht hatte, als er vom Raum als 'Feind Nummer eins' sprach: die menschliche Geschichte als ein Kampf gegen den horrar vacui, als unentwegte Anstrengung zur Bewältigung des Raumes, seiner Beherrschung und schließlich seiner Aneignung." 

 

 

 

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Die Verknüpfung von Theologie und Evolutionstheorie im Cyberspace

- Eine Zusammenfassung der Analyse von Prof. Dr. Dr. Klaus Müller

(Quelle: TECHNOSPIRITUALITÄT - Philosophisch-Theologisches in der Selbstbeschreibung der Cyberszene

(a)

Dafür steht der katholische Theologe und Paläontologe Teilhard de Chardin, der gegen die

Mitte des 20. Jahrhunderts mit seiner naturwissenschaftlich-philosophisch-theologischen Hypothese von

der Noosphäre, einer immer intensiver werdenden, den Globus umspannenden Vernetzung menschlicher

Intelligenz, Furore machte und zu einer Art Kultautor der Cyberszene avancierte.

(b)

Teilhard hatte sich die Aufgabe gestellt, christliches Denken und die Evolutionstheorie zu vermitteln. Er

kam dabei zur Überzeugung, dass Materie, weil sie offenkundig in der Lage ist, Geist bis hin zu Selbstbe-

wusstsein hervorzubringen, von Anfang an nicht einfach tote Materie sein kann.

(c)

Die Urmaterie müsse konstitutiv beseelt sein, ohne dass das an ihr bereits zur Geltung komme. Je kom-

plexer ihre Außenstruktur aber werde, desto mehr trete auch jene Innenseite an ihr hervor, um schließlich

im Auftreten des Menschen ihrer selbst bewusst zu werden.

(d)

Ab diesem qualitativen Sprung werde der Mensch inklusive seiner kulturellen und technischen Leistun-

gen zum Träger des Geschehens, das seinerseits teleologisch strukturiert sei und auf den so genannten

Omega-Punkt zulaufe, einer Einheit aller Kultur und Wirklichkeit, die Teilhard im Letzten christologisch

interpretiert, d.h. als Epiphanie des verherrlichten Christus, in dem und auf den hin alles geschaffen ist.

(e)

Auf naturwissenschaftlicher Seite konzipiert Teilhard einen Evolutionsgedanken, der einen Übergang

zwischen Natur und Technik einbegreift, sofern die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen ein bio-

logisches Ereignis sei, das „[…] von nun an jedes Individuum (aktiv und passiv) auf allen Meeren und

Kontinenten gleichzeitig gegenwärtig […]“ (1)

sein lasse. Sofern das einen Prozess zunehmender Vergeistigung darstelle, führe er zu einer Purifikation

des Geistes und erlaube über den instrumentellen Einsatz des Computers (an den Teilhard selbst wohl

bereits dachte) eine Evolutionsplanung und -steuerung in Absicht einer „Auto-Cerebralisation der Menschheit“. (2)

„Mit Teilhard de Chardin ist im Grunde der Stand der modernen Theorien des Cyberspace erreicht […]:

dass dank des Computers der technisch mögliche und historisch notwendige Übergang von der leibge-

bundenen zu einer gänzlichen geistigen Existenz auf planetarer Ebene vollzogen werden kann und

soll.“ (3)

(f)

Genau in den damit von Teilhard eröffneten Raum einer Überschreitbarkeit des Biologischen schießen

im Gang der Cyberphilsophy Bündel von Theoremen und Programmen ein, die darauf abzielen, den

Menschen und seine intellektuellen Kapazitäten von biologischen Hemmschuhen zu befreien und damit

neben dem politischen Reich der Freiheit auch die Befreiung von der Physis verheißen.

Avancierte medizin- und nanotechnische Projekte am Mensch-Maschinen-Schnittpunkt ver-

flechten sich dabei mit philosophischen Hintergrundannahmen, die sich gern an F. Nietzsche

inspirieren. In seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ steht ein Satz, der dafür als Motto dienen könnte:

„Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber

noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?“ (4)

 

1 Teilhard de Chardin, Pierre: Der Mensch im Kosmos. München 1959. 232.

2 Teilhard de Chardin, Pierre: Die Entstehung des Menschen. 3. Aufl. München 1963. 118.

3 Jochum, Uwe: Kritik der neuen Medien. Ein eschatologischer Essay. München 2003. 99-100.

4 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. In: Ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Bd. 4. Berlin; New York 1988. 14.