EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

AUS SEINEN TAGEBÜCHERN

 

 

  • Der Geist -
  • * Sammler aller Vollkommenheit
    * Überträger des belebenden Tuns
    * Die Seele des Kosmos

Aus den Tagebüchern von Teilhard de Chardin

8. April [1918] (Neuvry, Oise)- Nach der Schlacht von Biermont-Couchy-les-Pots...

Um zu erkennen, was an meinen Tendenzen wesentlich und legitim ist, und um es von den sekundären und angreifbaren philosophischen Formen zu trennen, muß ich einen Bericht über meine innere Evolution schreiben, - muß ich die Grundachsen meines Standpunktes herausarbeiten, die alle Kritiken überleben können, die gegen meine Philosophie vorgebracht werden (gegen die vorläufige Einkleidung, die ich ihr gebe, - gegen die mehr oder weniger akzidentelle Form, die sie angenommen hat, als sie sich in mir formulierte). In erster Annäherung könnte der Plan zu diesem Bericht (= Öffnung meines Bewußtseins) wie folgt aussehen.

«Mein Universum».

1. In mir eine grundlegende, angeborene Leidenschaft, um mich herum etwas Absolutes zu erfassen, - in einer Weise, die alles Übrige überflutet (psychologisch und wirklich) und alles « absolutisiert». «Natürlich pantheistische Seele» (Leidenschaft für das Absolute, dem man sich vereinen kann).

2. Instinktiver Rückgriff auf das, was das Dauerhafteste, das Konsistenteste ist, das heißt zunächst auf die (anscheinend) unzerstörbarsten Formen der Materie und dann auf ihre Universalität, auf ihre Einheit, - auf ihre große Dynamik... Auf die Leidenschaft für das Absolute folgte in mir (von ihr begleitet und zweifellos geweckt) eine Art von natürlicher Offenbarung der «Göttlichkeit » des Wirklichen… der Größe des Kosmos, seiner Substanz, seiner Energien. (« Natürlich pantheistische Seele »)
So hat sich in mir ein erster Brennpunkt (F) des inneren Lebens konstituiert (Leidenschaft für die Natur, die Wissenschaft, - transformistische Form).

3. Gott, unser Herr bildet einen anderen Brennpunkt (F'). Das theoretische und praktische Problem meines inneren Lebens - die Inbrunst meines Lebens - der Eifer meines Apostolats... bestehen in der Verschmelzung von F und F' (für mich und für die anderen) - der eine verschönt den anderen, - das Leben vereint sich in seiner Totalität... (der eine bringt das esse tangibile hervor, - der andere das esse unum absolutum)

4. Praktisch hat sich die Verschmelzung (Konjugation) nach und nach im Zauber vollzogen... Mir scheint, Gott hat sich mir durch das Universum offenbart...
Ich spüre seine Gegenwart in allem und kann ihn nicht anders lieben.., tatsächlich und theoretisch: ich kann einen Gegenstand absolut nur lieben, indem ich alles übrige auf ihn reduziere, das heißt, indem ich ihm alles, was ist, organisch unterwerfe (alles, was würdig ist, zu sein). Christus muß, um wahrhaft in se, mihi, zu sein, die Summe des Kosmos sein).
Das beständige Bemühen meines Denkens will Gott überall gegenwärtig und wirkend entdecken, - nicht nur durch Ko-Existenz, durch Verbinden, - sondern durch quasi-formellen Einstrom in die Essenz und die Dynamik der Dinge...

5. So bin ich, aufgrund innerer Evolution, aus Bedürfnis und durch religiöse Erfahrung dahin gelangt, daß ich mir Christus kaum noch anders denn als der Welt äquivalent (äqui-kosmisch), als dem Universum koextensiv (Substanz und Dynamik) vorstellen kann. .. Diese Eigenschaft erscheint mir wesentlich: andernfalls wäre Christus kleiner als das Wirkliche!! - andernfalls könnte man Christus nicht überall, in allem wahrnehmen. (Christus = für mich vom Kosmos nicht zu trennen.)
Und das Bewußtsein dieser Eigenschaft ist derart beseligend, daß ich ein großes Verlangen verspüre, es zu verbreiten.:. gegenseitiges Verschönern).

6. Die theoretische Lösung der Ko-Extension von Christus und der Welt ist natürlich weniger klar als ihre Erfahrung. Sie hängt hauptsächlich von der Idee ab, die man sich vom Gesetz der Transformation (der Vergöttlichung, vom teilhabenden Sein.. ) macht.

Man könnte sich vorstellen, daß Christus durch «Ausleerung » des Irdischen, durch Elimination der natürlichen Ordnung, oder was weiß ich..., sich in allem einnistet, oder sogar durch lokale Einwirkung auf einen erwählten Teil des Universums (Keimung eines Universums auf einem anderen; in diesem Falle wäre das kosmische Tun Christi sehr disharmonisch)...

7. Ich habe versucht (und das ist wahrscheinlich der hinfällige oder umstrittene Teil meines Bemühens) zu zeigen, daß Christus das gemeinsame Zentrum der natürlichen und übernatürlichen Evolution der Welt sei... (beide haben die Form einer immer innigeren Vereinigung der Seienden in Gott). Diese Position hat folgende Vorteile:

a. sie gibt dem Leben und der Welt ein Höchstmaß an Einheit...,

b. sie gibt Christus das Höchstmaß an Gegenwart unter uns... Sie hat nichts gemeinsam:

a. mit dem Naturalismus: denn die Hierarchie der beiden Ordnungen, der natürlichen und der übernatürlichen, wird gewahrt.  

b. auch nicht mit dem Materialismus: denn der Geist beherrscht alles. - Dieser Geist wird begriffen und geliebt in Funktion seiner materiellen Bindungen: doch das ist das ontologische und logische Gesetz unseres Universums...

8. Es wäre ganz einfach, sich ein hochgeistiges und übernatürliches System vorzustellen, in dem die Materie sich verflüchtigte und das natürliche Bemühen verachtenswert wäre. Doch dieser Standpunkt, der sich sehr leicht mit der «Ko-Extension Christi» in Einklang bringen läßt, erscheint mir a secondario unannehmbar:

a. zunächst ist Christus in seinem Leib auferstanden...,

b. und dann gerinnt der Saft des geistigen Lebens, falls das übernatürliche Bemühen vom natürlichen Bemühen getrennt wird, - und das menschliche Leben wird unlebbar (inneres Gleichgewicht der Absicht, Einfachheit der Sicht...).

9. Dagegen ist die Theorie, die das menschliche Bemühen als geheiligt und göttlich zeigt, etiam quoad opus, adelnd und kommunizierend, und wie.

10. Die Sorgen, die ich hier äußere, können seltsam, unnötig erscheinen... Ich erkläre das, daß ich sie so tief verspüre, daß sie gewiß in vielen latent vorhanden sind. - Man muß sie berücksichtigen, wenn man die von der Meditation ad amorem etc. anerkannten Fakten vertiefen will.

 Es ist wirklich seltsam, daß sich alle Welt über die Allgemeinheiten, über die konventionellen Ausdrucksformen der Askese und der Mystik einig ist und daß man sich empört, wenn jemand versucht, diese elementaren Wahrheiten buchstäblich und systematisch zu verbinden (universelle Gegenwart Gottes, mystischer Leib).

11. Unabhängig von der positiven Anziehung, die ich so als einen realistischen (pantheistischen) Aspekt des Christentums verspüre, muß die Opportunität dieser Überlegungen in der heutigen Welt in Rechnung gestellt werden. - Die modernen Geister leiden wesentlich unter der Bekundung der Herrlichkeiten des Universums vor ihren Augen. Gott muß für sie mit diesen Herrlichkeiten zusammenfallen, er muß sich durch sie hindurch, in ihrem Zielpunkt offenbaren...

Einige Formeln:

Ich predige ein Empfinden, nicht so sehr eine Lehre..., eine Koinzidenz... Tendenz: «Gott vermaterialisieren » und den Kosmos vergöttlichen (Gott = Urmaterie...).

Tatsächlich greife ich allgemein anerkannte Ideen auf: göttlicher Wille, Allgegenwart, mystischer Leib, - ich nehme sie wörtlich und ich verbinde sie.

Philosophische Grundlage: die Monaden sind untereinander verbunden:

a. Entweder divergieren sie (== Zersplitterung!),

b. oder aber sie konvergieren (Omega!), quod erat demonstrandum.

Philosophie = «Gesetz der Transformation des Universums». -

Kommunion: «mit transformierendem Tun Gottes»).

Theologie = Die Beziehungen Gott/Kosmos aufweisen. Gefahr: Das Absolute des Kosmos in se übertreiben...

Der Kosmos:

a. muß entweder auf die Seite gestellt werden (unmöglich),

b. oder muß ausgeleert werden...,

c. oder muß transformiert werden...

Primäres Stadium: den Geist zur sammelnden Wirklichkeit, zur kosmischen Wirklichkeit par excellence machen...

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18. April [1918)


Einige Formeln (« Mein Universum»).


1. Grundwunsch: «Eine gewisse Koextension Christi mit dem Universum anerkennen können, so daß:
a. Christus die Größe und die umhüllende Macht des Kosmos erbt;
b. das verdienstliche Tun (zum Beispiel «die Vereinigung») mit dem Bewußtsein getan werden könne, mit dem ganzen Universum zu wirken, das heißt, « Christus überall durch die ganze Substanz des Tuns erreichen zu können »
2. Meiner Tendenz nach universalisiere ich, was ich liebe, um es lieben zu können.
3. Vorteil der Unio creatrix: Die Kommunion gewinnt, da sie zu dem einzigen wesentlichen Akt des Kosmos wird, die Qualitäten der Universalität und der Notwendigkeit, die ich all dem zu geben suche, was ich absolut liebe... Die beste Philosophie =jene, die ermöglicht (verpflichtet), Christus notwendiger überall zu sehen, wahrzunehmen.

Den moralischen Problemkreis studieren:


1. die Gebote sind derart ineinander verzahnt, daß sie logisch alle Feinheiten der christlichen Moral verlangen...;
2. die Zwecke ordnen sich unter, bis sie auf dem Gipfel Gott erfordern (Ideal und Gerechtigkeit).
Die materiellen und organischen Passivitäten sind göttlich und vereinend, sofern sie durch das schöpferische Tun von Omega (axial) bewegt werden.


20. April [1918]

Zwei mögliche Wege menschlichen Bemühens:


a. arbeiten, um positiv an der Bildung des Geistes mitzuwirken;
b. arbeiten, um einen Träger für die göttliche Substitution - oder mindestens eine Fähigkeit (Fügsamkeit..., Bewegung...) für diese Substitution zu liefern. Der zweite Standpunkt würde die ganze wesentliche Operation auf eine Form der Passivität und der Entsagung zurückführen.
Das heißt, es gibt zwei asketische Schulen (axiale Tendenzen):


1. Leben? (so weit, daß man seinem egoistischen Ich erstirbt...) (sich positiv bilden), handeln, um vergöttlicht zu werden.
2. oder sterben? (sich ersetzen lassen) oder leiden, um vergöttlicht zu werden.
Offensichtlich braucht es beides, das heißt, sich unter dem Einstrom Unseres Herrn formen = 1. man selbst zu werden, 2. in Ihm.

Und das Süßeste ist, in Ihn einzugehen durch das Leiden, - doch dieses Süßeste wird nur gewonnen, wenn man strikt man selbst wird.


Wenn Unser Herr aus seiner Güte heraus dem « Pati » den Vorrang gibt, um so besser. Es ist an ihm, hierin die Initiative zu ergreifen.
Man könnte ein ganzes Programm der Vervollkommnung mit dem einzigen Wort definieren: « Mich in Christus entindividualisieren»:

1. durch Kommunion und Gebet,

2. durch « Pati » [dulden,leiden,zulassen,erdulden,ertragen,hinnehmen]

3. durch Liebe und Uneigennützigkeit, durch Reinheit zum Geist,

4. durch Arbeit (für den Geist) . . . = am schöpferischen Tun kommunizieren (organische Transformation Christi).-

 

 


 

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