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An
Beatrix
Ab
initio creata sum…(Spr 8,22)
Seit Weltbeginn bin ich
erschienen. Vor den Ewen (Äonen) ging ich hervor aus Gottes
Händen – umrißhaft, um im Gang der Zeit an Schönheit zu
gewinnen, Mitwirkerin seines Werkes.
Alles im Universum erfolgt durch Vereinigung und Befruchtung –
durch Zusammenschluß der Elemente, die zueinander suchen,
paarweise verschmelzen und neugeboren werden in einem Dritten.
Gott hat mich in das ursprüngliche Viele hinein ergossen als
die Kraft, die verdichtet und den Dingen zu ihrer Mitte
verhilft.
Ich bin das einigende Antlitz der Seienden – bin der Duft, der
sie herbeilockt und sie in Freiheit und Leidenschaft mitzieht
auf den Weg ihrer Einigung.
Durch mich gerät alles in Bewegung und ordnet sich zueinander.
Ich bin der Zauber, der in die Welt gemischt ist, auf daß sie
sich sammle – das über ihr schwebende Ideal, auf daß sie
emporsteige.
Ich bin das wesenhaft Weibliche.
Im Anfang war ich nur ein ungewiß wogender Dampf, verbarg mich
unter kaum bewußtwerdenden Verwandtschaften, unter einer
ungestrafften, lockeren Polarität.
Und dennoch war ich schon da! –
Die Schichten kosmischer Substanz, die in ihrem werdenden
Gefält die Verheißung tausendfacher Welten enthalten,
umzeichneten in ihrem Gewall die ersten Andeutungen meiner
Gestalt.
Wie eine noch schlummernde, doch wesentliche Seele durchwirkte
ich den ursprünglichen Klumpen, der noch beinah gestaltlos war
und sich hin zum Feld meiner Anziehung stürzte; – und ich
brachte selbst den Atomen, den abgrundhaft winzigen, einen
dunklen, zähen Drang bei, sich ihrer ohnmächtigen Einsamkeit
zu entringen – sich an etwas zu klammern außerhalb ihrer
selbst.
Ich war´s, die auf diese Weise die Grundlagen des Weltalls
mauerte.
Denn jede Monade, sie mag noch so gering sein – falls sie nur
wirkender Mittelpunkt ist –, gehorcht in ihren Regungen einem
Ansatz von Liebe zu mir,
– dem Allgemein-Weiblichen.
Mit dem Leben begann ich in den Wesen Gestalt anzunehmen, die
erwählt waren, in Sonderheit nach meinem Bild geformt zu sein.
Stufenweise nahm ich die Einzelheit an.
Ungewiß und flüchtig zuerst, als hätte ich gezögert, mich
unter einer tastbaren Form festzulegen . . .
– dann ging ich trotz allem ins Vereinzelte, im Maß als die
Seelen fähig wurden zu einer reicheren, tieferen, geistigeren
Vereinigung.
Dergestalt formte sich geduldig, im Geheimnis, das Wesen der
Gattin und der Mutter heraus . . .
Im Laufe dieser Verwandlung habe ich keinen der unteren Antriebe
verworfen, welche die aufeinanderfolgenden Phasen meiner
Erscheinung bestimmten – sowenig das Herz des Ölbaums in
jedem Frühling aufs neue sich höhlt.
Ich habe sie bloß in mich eingeschlossen und sie gezwungen,
sich zu einem vermehrten Bewußtsein zu weiten. So konnte ich,
derweil die Lebendigen sich auf der Erde vervollkommneten, mich
allen konzentrischen Zonen ihrer Begierden widersetzen, Kreis um
Kreis – jedoch ihrem Wachstum voraus – als die ihrer
Seligkeit angemessene Form.
Betrachtet das ungeheure Erbeben, das von einem Horizont zum
anderen durch die Städte und den Wald hinzittert.
Erwägt, vom höchsten zum untersten Leben, die menschliche
Wallung, in der das All mitgärt – Gesang und Schmuckgefieder
der Vögel – Gesumm der Insekten – das unermüdliche
Aufblühen der Blumen – die zähe Arbeit der Zellen – die
endlose Mühe des befruchteten Wachstums.
Ich bin´s der, der einzige Strahl, von dem her und in dessen
Schoß dieses alles erregt wird.
Der Mensch, Inbegriff der Natur, wirkt gar Vieles mit dem Feuer,
das lodert in seinem Herzen. Er speichert die Macht, er verfolgt
den Ruhm, er schafft Schönheit, er ergibt sich der
Wissenschaft. Und zuweilen bedenkt er es nicht, daß unter so
vielen verschiedenen Formen die immer gleiche Leidenschaft ihn
beseelt – gereinigt, verwandelt, aber lebendig –, die
weibliche Anziehungskraft.
Im Lebendigen habe ich angefangen, mich kundzutun.
Der Mensch aber ist der erste, der mich wiedererkannt hat, an
der Verwirrung, in die ihn meine Gegenwart stürzte.
Wenn der Mann ein Weib liebt, bildet er sich zuerst ein, seine
Liebe wende sich bloß an ein Einzelnes, das ihm gleich ist, das
er in seinen Machtbereich einbezieht und sich frei zugesellt.
Wohl bemerkt er dabei, indem er mein Antlitz zum Schimmern
bringt, ein gewisses Strahlen, das sein Herz in Rührung
versetzt und alle Dinge erleuchtet.
Aber er schreibt diese Einstrahlung meines Wesens einer
subjektiven Verfaßtheit seines bezauberten Geistes zu, oder dem
einfachen Widerschein meiner Schönheit auf den tausend
Splitterflächen der Natur.
Bald jedoch wundert er sich über die Gewaltsamkeit, die sich in
ihm entfesselt, wenn ich herannahe, und er stellt fest, daß er
mit mir nicht auskommen kann, ohne unvermeidlich, als Diener
eines Schöpfungswerkes, in Beschlag genommen zu sein.
Er meinte, neben sich eine Gefährtin zu finden: und nun merkt
er, daß er in mir die große verborgene Kraft angerührt hat,
die geheimnisvolle Latenz – die unter dieser Gestalt auf ihn
zutrat, um ihn mitfortzuziehen.
Wer mich gefunden hat, steht am Eingang zu allen Dingen.
Nicht allein durch die Vermittlung seiner eigenen Fühlsamkeit,
sondern durch die seinshaften Verflechtungen meines mir
eigentümlichen Wesens, mit dem ich mich in die Seele der Welt
hinein verlängere. Denn in Wahrheit: ich bin die Anziehung der
universalen Gegenwart und ihres zahllosen Lächelns.
Ich bin der Zugang zum gesamthaften Herzen der Schöpfung –
die Tür zur Erde – die Einweihung . . .
Wer mich ergreift, der gibt sich mir preis und wird vom
Universum ergriffen.
Mein Wissen – ich muß es beklagen – kennt das Gute und
Böse . . .
Dem Menschen stieg seine Einweihung zu Gehirn . . .
Als er begriff, daß ich die Welt für ihn bin, meinte er, mich
in seine Arme einkreisen zu können.
Mit mir zusammen wollte er sich in eine geschlossene Welt
einsperren, in der wir zwei einander genügen könnten.
In eben diesem Augenblick habe ich mich unter seinen Händen
zersetzt . . .
Und es konnte der Anschein entstehen, ich wäre die Verderbnis
der Menschheit – die reine Versuchung!
O Menschen, warum innehalten mitten in der andrängenden Mühsal
der Läuterung, zu der mein Zauber euch zu sammeln berufen ist?
Ich bin wesenhaft fruchtbar – das heißt hingeneigt auf die
Zukunft, das Ideal.
Sobald ihr mich also festzulegen, mich unter einer fertigen
Gestalt zu besitzen versucht, muß ich ersticken . . .
Ja noch mehr: ihr verunstaltet mich, ihr stellt geometrisch
meine Natur auf den Kopf.
Weil des Lebens Gleichgewicht euch zwingt, ohne Unterlaß zu
steigen, könnt ihr euch nicht an mein erstarrtes Idol
anklammern, ohne nach rückwärts verkehrt zu werden; ihr
verstofflicht euch statt zu Göttern zu werden.
Sobald ihr eure Schwingen um mich faltet, fallt ihr mit der
Materie; denn was die Materie zum Fall zwingt, ist die
unfruchtbare, entkräftende Verbindung ihrer Teile.
Ihr umschlingt dann nur Materie – denn die Materie ist ein
Sinn, eine Richtung –, das Antlitz des Geistes, wenn man im
Rückwärtsschreiten ihm begegnet.
Und euer Sturz beschleunigt sich auf erschreckende Art – so
rasch wie das Auseinanderstreben eurer wahren Sehnsüchte und
der immer niedrigeren Formen, unter denen ihr sie verfolgt.
Und am Ende eurer Bemühung, Staub, umarmt ihr nur Staub.
Je mehr ihr mich in der Richtung des Vergnügens sucht, ihr
Menschen, desto weiter entfernt ihr euch von mir.
Denn in der Tat, das Fleisch, das wie die Anziehungskraft des
Bösen hin und her spielt zwischen euch und der unteren Vielheit
(diesem spiegelverkehrtem Gott), ist auch nur meine umgestülpte
Erscheinung, flackernd über einem Abgrund des Verwesens, der
unbegrenzten Zersetzung.
Ungeschickt, das Trugbild von der Wahrheit zu unterscheiden, hat
der Mensch lange Zeit nicht gewußt, ob er mich fürchten oder
mich anbeten sollte.
Er liebte mich meines Zaubers und meiner Machtstellung wegen; er
bebte zurück vor meiner ihm fremden Gewalt und meinen
unerklärlichen Berauschungen.
Ich war seine Stärke und seine Gebrechlichkeit – seine
Hoffnung und seine Probe. – An mir vollzog sich die
Unterscheidung der Guten und der Bösen.
Vielleicht hätte er mich endgültig böse gemacht, wäre nicht
Christus erschienen.
Et
usque ad futurum
saeculum non desinam . . .
Christus hat mich
gerettet. Er hat mich befreit.
Als er sprach: Es ist besser, nicht zu heiraten, dachte man, ich
sei tot für das ewige Leben.
In Wahrheit aber hat er mich mit diesen Worten auferweckt, wie
Lazarus – wie die Magdalena – und mich zwischen sich und den
Menschen gestellt wie einen Nimbus von Glorie:
Seine Tucht offenbarend, hat er in der Tat mein wahrhaftes Wesen
offenbart und hat den Menschen, die meine Spur verloren hatten,
auf den Weg zurückversetzt, auf dem ich gewandelt war.
In der wiedergeborenen Welt bin ich weiterhin, wie seit meiner
Geburt, der Anruf zur Einigung mit dem All – die
Anziehungskraft der Welt, gelegt auf ein menschliches Antlitz.
Aber Einigung ist dann wahr, wenn sie vereinfacht und das heißt
vergeistigt.
. . . Die Fruchtbarkeit ist dann wahr, wenn sie das Wesen im
zeugenden Geiste vereinigt.
Um Weib zu bleiben in der neuen Sphäre, zu der das Geschöpf
Einlaß fand, mußte ich meine Gestalt verändern, ohne daß
mein früheres Wesen verstört worden wäre.
Während mein Irrbild noch immer den Wollüstigen in der
Richtung auf die Materie hin fesselt, hat meine Wirklichkeit
sich erhöht, nach sich ziehend: sie schwebt zwischen dem
Christen und Gott.
Noch immer verführe ich, aber dem Licht zu. Noch immer schleife
ich hinter mir her: aber zur Freiheit.
Von jetzt ab bin ich Jungfräulichkeit.
Die Jungfrau ist noch immer Weib und Mutter: das ist das Zeichen
der Neuen Zeiten.
Die Heiden auf der Akropolis verklagen das Evangelium, es habe
die Welt entstellt, und sie betrauern die Schönheit. – Das
ist Lästerung Gottes.
Die Stimme Christi ist nicht das Signal eines Risses, einer
Emanzipation: – als Gottes Erwählte, das Gesetz des Fleisches
verwerfend, die Bande zerreißen, die sie mit dem Geschick ihres
Geschlechtes verknüpften, und der kosmischen Strömung
entrinnen, in er ihr Beginnen lag.
Wer Jesu Ruf vernimmt, darf die Liebe nicht aus dem Herzen
verbannen. Er muß im Gegenteil wesenhaft menschlich bleiben.
Deshalb bedarf es immer noch meiner: um seine Fähigkeiten
fühlsam zu machen, und in seiner Seele die Leidenschaft des
Göttlichen zu erwecken.
Mehr als für jemand sonst bin ich für die Heiligen der
mütterliche Schatten, der sich über seine Wiege beugt – und
die strahlende Form, die seine Jugendträume annehmen – und
die alles begrünende Sehnsucht, die das Herz wie eine
unfragbare und fremde Gewalt durchzieht –, die Spur im
Einzeldasein, der Achse des Lebens.
Christus hat mir alle meine Kleinodien belassen.
Nur hat er vom Himmel einen Strahl auf mich niedergesandt, der
mich, entgrenzt, ins Ideale gerückt hat.
Als erstes hat es ihm gefallen, der natürlichen Schwungkraft
meiner Entwicklung einen neuen Antrieb zu geben.
Vor einer Menschheit, die ohne Unterlaß aufsteigt, verlangt
mein Auftrag, daß ich mich höher entziehe – schwebend über
den wachsenden Aspirationen der Erde, wie eine Lockspeise, eine
Beute –, beinah gepackt, niemals festgehalten. Das Weibliche
muß (so gehört es zu seiner Natur) sich immer mehr in seiner
Eigentlichkeit herausstellen, in einem All, das sich längst
nicht fertig entwickelt hat: das letzte Aufblühen meines
Stengels zu sichern, wird Ruhm und Freude der Keuschheit sein.
Zahllos sind die neuen Wesenheiten, die von Ewe zu Ewe von der
Natur dem Leben preisgegeben werden! . . .
Unter dem christlichen Einfluß werde ich, bis die Schöpfung
sich vollendet, ihre gefährlichen und subtilen Verfeinerungen
zusammenfassen, in einer immer wechselnden Vollkommenheit, in
der sich die Sehnsüchte jeder neuen Generation ausdrücken
werden.
Deshalb wird man, solange die Welt besteht, auf dem Antlitz von
Beatrix die Träume der Kunst und der Wissenschaft sich
abspiegeln sehen, zu denen hin sich jedes neue Jahrhundert
emporhebt . . .
– Seit den Ursprüngen hat das Weib nicht aufgehört, alles
für sich in Anspruch zu nehmen, was der Saft der Natur und
menschliche Geschicklichkeit hervorbrachten.
Wer vermöchte zu sagen, in welchen Blütenstrauß von
Vollkommenheiten, einzelnen und gemeinsamen, ich mich ausfalten
werde, am Abend der Welt, im Angesicht Gottes?
Ich bin die unverwelkliche Schönheit der künftigen Zeiten –
das weibliche Ideal.
Je mehr ich auf diese Art Frau werde, desto entstofflichter und
himmlischer wird meine Gestalt sein.
In mir strebt die Seele, den Leib zu sublimieren – die Gnade,
das Seelische zu vergöttlichen.
Wer mich behalten will, muß sich mit mir wandeln . . .
Schaut!
Unvermerklich gleitet der Brennpunkt meiner Anziehungskraft hin
auf den Pol, zu dem alle Richtungen des Geistes konvergieren . .
.
Das Prisma meiner Zaubereien, hingestreut wie Geschmeide über
die Schöpfung, faltet langsam seine Säume zusammen . . .
Schon legen sich die Schatten über das Fleisch, selbst über
das durch die Sakramente geläuterte.
Eines Tages werden vielleicht diese Schatten die Kunst
erreichen, die Wissenschaft selbst – die Dinge, die geliebt
werden wie eine Frau . . .
Der Strahl wendet sich.
Man muß ihm folgen.
Bald wird nichts mehr sein als Gott für euch in einem gänzlich
verjungfräulichten All.
Gott ist es, der euch in mir erwartet.
Gott, ich habe ihn längst vor euch zu mir angezogen . . .
Längst bevor der Mensch die Ausdehnung meiner Macht ermessen
und den Sinn meiner Anziehungskraft vergöttlicht hat, hatte der
Herr mich bereits als ganze in seiner Weisheit empfangen, und
ich hatte sein Herz gewonnen.
Meint ihr, er wäre auch ohne meine Reinheit, um ihn zu
verführen, je herabgestiegen, Fleisch, in die Mitte der
Schöpfung?
Die Liebe allein ist fähig, das Sein zu bewegen.
Und so mußte Gott, um heraustreten zu können, vor sich her
zuerst einen Pfad der Sehnsucht entwerfen, vor seiner Ankunft
her einen Duft von Schönheit verbreiten.
Damals ließ er mich entstehen, einen lichtvollen Dampf, überm
Abgrund – zwischen Erde und sich –, um meine Wohnstatt zu
beziehen unter euch.
Versteht ihr jetzt das Geheimnis eures Erbebens, wenn ich
herannahe?
Das zarte Mitleid, der Zauber der Heiligkeit, die vom Weibe
ausströmen – so natürlich, daß ihr sie nirgendwo anders
suchen geht als bei ihr, und trotzdem so geheimnisvoll, daß ihr
den Quellpunkt nicht anzugeben vermögt – ,das ist Gottes
Gegenwart, die sich spürbar macht und euch ganz in Gluten
versetzt.
Zwischen Gott und die Welt gestellt, wie ein Feld gemeinsamer
Anziehung, führe ich sie beide zusammen, leidenschaftlich.
. . . Bis daß in mir die Begegnung stattfinde, worin sich das
Geschlecht und die Fülle Christi ereignen, durch die Ewen
hindurch.
Ich bin die Kirche, Jesu Braut.
Ich bin die Jungfrau Maria, aller Menschen Mutter.
Man könnte glauben, bei diesem Zusammenschluß des Himmels mit
der Erde wäre ich dazu bestimmt, zu verschwinden wie eine
unnütze Magd – unterzugehen wie ein Schatten vor der
Wirklichkeit.
Die mich lieben, mögen diese Furcht von sich bannen!
Sowenig das teilnehmende Sein sich verliert, wenn es seinen
Ursprung erreicht – wie es sich vielmehr erfüllt, indem es
einströmt in Gott . . .
Sowenig die Seele, wenn sie einmal gebildet ist, die zahllosen
Elemente, aus denen sie hervorging, schlechthin abstößt –
wie sie vielmehr wesentlich in sich eine Mächtigkeit und
Forderung nach dem Fleische behält, sich darin einzuhüllen . .
.
Ebensowenig wird der vergöttlichte Kosmos meinen anziehenden
Einfluß aus sich verstoßen, durch den allgemach das immer
zusammengesetztere und immer vereinfachtere Bündel seiner Atome
geschnürt wurde und zusammengebunden bleibt.
Bis in die Brände der göttlichen Berührung hinein werde ich
überstehen, ich Ganze mit meiner gesamten Herkunft. –
Ja mehr, ich werde fortfahren, mich kundzutun – in meinem
Werden ebenso unerschöpflich wie die unendlichen Zaubereien,
für die ich immer, auch wenn keiner es merkt, das Gewand, das
Antlitz und der Zugang bin . . .
Wenn ihr meinen werdet, ich sei abwesend – mich vergessen
werdet, mich, Luft eurer Lunge und Licht eurer Augen –, werde
ich immer noch dasein, ertrunken in der Sonne, die ich an mich
heranzog . . .
Genügt es euch doch, nicht wahr, ihr selig Erwählten, für
einen Augenblick die Spannung zu lockern, die euch in Gott
hineinstürzt, oder einen noch so flüchtigen Blick unter den
Glutherd, der euch bannt, zu werfen, um erneut auf der
Oberfläche des göttlichen Feuers das Farbenspiel meines Bildes
zu sehen.
– Und dann, ein Nu lang, bestaunt ihr´s, daß in den langen
Falten meiner Reize sich immer lebendig die Reihe der
nacheinander durchschrittenen Anziehungen entrollt, die von den
Grenzen des Nichts her, die Elemente des Geistes heraneilen
ließ und sich sammeln – aus Liebe.
Ich
bin das Ewig-Weibliche.
Verzy
– 19.–25. März 1918
Ins
Deutsche übertragen von Hans Urs von Balthasar |
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In
der Einleitung zu seinem Vortrag, gehalten 1943
zwischen Weihnachten und Neujahr in Peking, führt
Teilhard aus, dass der Mensch als reflektierendes und
kritisches Lebewesen "zwei zu fürchtende
Eigenschaften" mitbekommen hat, die der
"Wahrnehmung des Möglichen und der
Zukunft. Diese beiden verbinden sich, um
"sowohl unsere Ängste als auch unsere Hoffnungen
unerschöpflich zu machen und in alle Richtungen zu
zerstreuen ... " "Daraus ergibt sich bei jedem
Schritt und in jede Richtung ein Problem, zu dem er ...
unaufhörlich erfolglos eine endgültige und universelle
Lösung gesucht hat."
Teilhard
fragt, ob sich daraus als praktische Schlussfolgerung
ableiten lässt, dass es vergeblich ist, weiter zu
suchen oder ob es nur eine Unendlichkeit von
Sonderlösungen gibt und die Glücksuche eine Frage des
persönlichen Geschmacks ist. Teilhard spricht
beispielhaft drei Bereiche an, wobei er die Dichtung und
die Wohltätigkeit und überraschender weise die
Automobile als Beispiele nennt.
Gegen
diesen "relativistischen und letzten Endes
pessimistischen Skeptizismus" seiner Zeitgenossen
will er angehen und zeigen, dass die "allgemeine
Richtung des Glücks keineswegs so zweideutig" für
uns Menschen ist. Teilhard versucht, den besten Weg zum
menschlichen Glück zu definieren (theoretischer Teil)
um dann zu fragen, "wie wir unser individuelles
Leben mit den allgemeinen Leitlinien der Beseligung in
Einklang bringen können."
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Drei
grundlegende Haltungen angesichts des Lebens: |
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Die
Müden
(Die Pessimisten)
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Die
Genießer
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Die
Begeisterten
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Die
Müden bedauern die Herberge verlassen zu
haben.
Gefahren
stehen in keinem Verhältnis zum Gelingen.
Rückkehr
wäre das Richtige
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Die
Sonne scheint, die Aussicht ist schön.
Besser
ist es dort zu genießen, wo man sich befindet. Sie
legen sich ins Gras und erwarten das Picknick.
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Die
Gipfel werden nicht aus den Augen verloren.
Sie
brechen von neuem auf.
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Vergangenheitsbezogen |
Augenblicksbezogen |
Zukunftsbezogen |
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Die
Existenz
ist ein Irrtum
Wir
befinden uns auf dem falschen Weg.
Wie
ziehe ich mich so geschickt wie möglich aus dem
Spiel zurück?
Das
Universum ist eine Illusion (Hinduismus,
Schopenhauers Pessimismus)
Es
ist besser weniger als mehr zu sein
Es
wäre besser überhaupt nicht zu sein.
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Es
ist besser zu sein als nicht zu sein.
Doch
Sein heißt sich vom gegenwärtigen Augen blick
erfüllen zu lassen.
Weisheit
ist es, ohne sich darum zu bemühen, auf eine
höhere Ebene zu gelangen.
Das
Wagnis um seiner selbst willen genießen um das
Beben des Wagens zu kosten oder den Schauder des
Angsthabens zu verspüren.
Bereit
sein, sich immer begieriger über jede neue Quelle
zu beugen. |
Es
ist immer möglich und einzig bedeutsam, mehr zu werden
Das
Leben ist Aufstieg und Entdeckung
Das
Sein ist unerschöpflich, das man in alle
Richtungen drehen kann, ohne seiner Müde zu
werden.
Aus
dieser Haltung will die Erde von morgen hervorgehen.
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Glück der Ruhe
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Glück des
Vergnügens |
Glück des
Wachsens |
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Kein
Ärger, keine Risiken, keine Anstrengungen
Einschränken
der Bedürfnisse
Zurückziehen
in unsere Schale
Wenig
denken, fühlen und wünschen
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Unaufhörlich
erneuertes Vergnügen
Geringes
aber gerade notwendiges Bemühen
Den
Augenblick, den man in den Händen hält
vollständig genießen |
Glück
hat seinen Wert nicht in sich selbst als ein Objekt; es
ist Zeichen und Belohnung des Wirkens
Keine
Wandlung beseligt, es sei denn, sie vollzieht sich im
Aufstieg
Der
glückliche Mensch findet die Freude als Zugabe in dem
Akt, in dem er voranschreitend zur Fülle und ans Ende
seiner selbst gelangt. |
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Teilhard
trägt vor, dass jeder diese drei Menschentypen
in der Tiefe seiner selbst trägt und - dies ist eine
interessante, aus meiner Sicht aber gewagte Weiterung
- in die auch die Menschheit seit je faktisch um
uns herum zerfiel. Er fragt weiter, ob sich ein
unbestreitbarer, weil objektiver Grund finden lässt um
zu entscheiden, welcher Weg absolut der bessere und
folglich der einzige sei, der uns authentisch beglücken
könne. |
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Die
Antwort der Tatsachen Teilhard
ist davon überzeugt, dass sich ein solches
"unbestreitbares und objektives Kriterium gibt.
Diese liegt vor unseren Augen und es genüge die Natur
im Lichte unserer jüngsten Vorstellungen über das
"große Phänomen der Evolution" zu
betrachten. Das
Universum bewegt sich seit immer in den Urtiefen
seiner gesamten Masse in zwei entgegengesetzte
Strömungen: -
"die eine reißt die Materie mit in
Richtung der Zustände äußersten Zerfalls; -
die andere gelangt zum Aufbau
organischer Einheiten,
deren höhere astronomisch komplexe Typen das bilden,
was wie 'die
lebende Welt'
nennen. Ist
die Bewegung der Evolution nur ein kreisförmig
geschlossener Wirbel, oder aber führt sie in Richtung
eines höheren Zustands? Nach
Teilhard schreitet das Leben, "sowohl in seiner
Gesamtheit wie auch im Detail der organischen Wesen
genommen, methodisch, irreversibel in Richtung immer
höherer Bewusstseinszustände voran." Daraus
möchte Teilhard die direkte Konsequenz für unsere
innere Einstellung und unser inneres Verhalten ableiten. Die
unermessliche Masse der Seienden, zu der wir gehören,
strebt "hartnäckig, unermüdlich empor zu mehr
Freiheit, mehr Empfindsamkeit, mehr innerer Schau: und
wir fragen uns noch, wohin wir gehen sollen? Wollen
wir "nicht all das, was wir sind, und all das, was
uns gemacht hat, leugnen, können wir nicht umhin, und
zwar jeder im Namen aller, die ursprüngliche
Entscheidung anzunehmen, die in der Welt impliziert ist,
deren reflektierte Elemente wir sind." - Nur der
Weg nach vorn bleibt offen. Zurückweichen und stehen
bleiben, um zu genießen, bedeutet ein schwimmen gegen
den Strom und erscheint als absurde Unmöglichkeit. Das
einzig wahre Glück ist das Glück des Wachsens oder der
Bewegung. "Schließen wir uns ohne Zaudern der
Gruppe jener an, die den Aufstieg bis zum letzten Gipfel
wagen wollen. Vorwärts! " Aber
so fragt Teilhard weiter: "Welches ist der rechte
Weg, um den Gipfel in Freuden zu erreichen?" |
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Seine
detaillierte Lösung stellt er in den drei Schritten der
Personalisation vor: |
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Dies
sind die natürlichen Phasen unserer Personalisation: |
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Zuerst
sein |
Dann
lieben |
Und
schließlich anbeten |
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Drei
ineinanderergreifende Stufen ... in der
Aufsteigebewegung des Lebens; und folglich auch drei
sich aufschichtende Stufen des Glücks. |
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Glück
des Wachsens
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Glück
des Liebens
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Glück
des Anbetens
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Das
ist in letzter Konsequenz die dreifache Seligkeit, die
wir theoretisch im Ausgang von den Gesetzen des Lebens
vorauszusehen vermögen. ...
Versuchen
wir ein wenig, mit Hilfe direkter Messungen an den
Fakten, die Richtigkeit unserer Deduktionen zu
verifizieren.
Das
Glück , in der Tiefe seiner selbst zu wachsen - an
Kräften, an Empfindsamkeit, im Besitzen seiner selbst.
Auch das Glück, sich miteinander zu verbinden, zwischen
Körpern und Seelen, die geschaffen sind, einander zu
ergänzen und sich zu vereinen.
Es
ist unnütz, die Reinheit und Intensität dieser beiden
ersten Formen der Freude weiter zu betonen. Alle Welt
ist sich im Grund darüber einig, sie zu feiern.
Doch
das Glück, in der Zukunft in einem Größeren als man
selbst einzutauchen und sich zu verlieren ... Befinden
wir uns hier nicht im Reiche der Spekulation oder des
Traumes? - Sich über das, was wir weder sehen noch
berühren können ... Wer denn, von einigen
Schwarmgeistern abgesehen, kümmert sich um etwas
Derartiges in der positivistischen und materialistischen
Welt, in die wir eingetaucht sind!
Teilhard
führt dann beispielhaft Menschen auf, die ihr Leben um
einer Idee willen aufs Spiel setzen oder tatsächlich
hingegeben haben und eine machtvolle Freude eines Lebens
gefunden haben. ( das Ehepaar Curie, Nansen, ...) und
fährt fort:
Im
allgemeinen wird unser Glück dadurch unterhöhlt und
vergiftet, daß wir den Grund, das Ende all dessen, was
uns anzieht, so nah spüren: Leiden der Trennung und des
Verschleißes - Angst der Zeit, die vorübergeht -
Schrecken vor der Gebrechlichkeit des besessenen Güter
- Enttäuschung, so schnell an das Ende dessen zu
gelangen, was wir sind, und dessen, was wir lieben ...
Für
den, der in einem Ideal oder einem Anliegen das
Geheimnis entdeckt hat, von nahem oder weitem an dem in
Fortschritt befindlichen Universum mitzuwirken und sich
mit ihm zu identifizieren, verschwinden all diese
Schatten. Da sie auf die Freude des Seins und auf die
Freude zu lieben, zurückströmt, um sich auszuweiten
und sie zu festigen, und keineswegs, um sie zu
vermindern oder sie zu zerstören, bringt die Freude der
Anbetung in ihrer Fülle einen wunderbaren Frieden mit
sich.
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36 ff. |
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