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EINS

         THEODOR ALBERTUS MAGNUS  FREY   I   SEITEN ÜBER GOTT,  WELT  UND MENSCH   I   EXPERIMENTE ZUR GESTALTWERDUNG 

THEMEN DER EINS                                       GRUNDTEXT                                                        KOMMENTIERUNGEN

  Die Zahl Eins

   Kreis  I  Kugel

   Einheit

   Stille

   Licht

   Nicht-Nichts

   Weder - Noch

   Einfalt

   Geöffnetes Sein

   Mythos des Paradieses

   Augenblick der Geburt

   Das Ewige im Werden 

 

 

I. Symphonie   1. Satz                                    

Von der Einheit zum Ich 

DIE EINHEIT

GRUNDTEXT                                                                                                                        

In der Einheit spiegelt sich das Bedingungslose im Erfahrbaren wider.
Doch die Einheit ist stets gefährdet, nicht zu fassen. 
Sie war schon verloren, als sie im Anfang ins Sein geworfen worden war.
Im ersten Augenblick, wurde aus der Einfalt, die weder ist noch nicht ist,
das Nicht - Nichts. 

Das Ewige wird, wird im Etwas.


Von da an sucht das Verlorene das Vollkommene, 
das sich lückenlos Ergänzende, das alle Grenzen Sprengende,
das sich bedingungslos Erfüllende, wiederzufinden.
Es wird das Sein gesucht, das den Raum und die Zeit nicht mehr zu beachten braucht.

Die Symbole der Einheit sind die Zahl Eins, der Kreis, die Kugel.
Wir wissen nicht den Anfang und das Ende des Kreises,
doch wo wir den Weg auch beginnen, er führt uns immer zum Anfang zurück.
Anfang und Ende sind verbunden im Kreis.

Unendlich viele Kreisschalen finden in der gleichen Mitte ihren Halt.
Und ist eine Kugel nur unendlich groß, so ist jeder ihrer Raumpunkte 
zugleich allgegenwärtiger Mittelpunkt.
Die Einheit des ersten Seins bildet, mit dem Ursprung vor allem Sein,
die erste entfaltete Gestalt.

Wo können wir diese Gestalt der Einheit in unserem Dasein entdecken ?
Wo ist diese Einfalt, diese so vollkommene Form, durchlässig zu uns hin ?
Wo zeigt sich der Abglanz des Lichts aus dem Urgrund ?
Wann können wir hinein hören in die Stille des Einen ?
Wie können wir durchlässig werden für das Geheimnis der Einheit ?

Wie die Einheit verschwindet, wenn ich sie zu fassen versuche,
so verliert sich auch die Zeit zwischen dem Nicht - Mehr und dem Noch - Nicht.
Aber im geglückten Augenblick ist die Einheit vor dem Anfang zu erahnen.
Dann scheint der Mythos des Paradieses auf,
dann sind wir mehr als nur Erinnerung und mehr als nur Hoffnung.
 
In der Stille zwischen den Tönen, in der Leere zwischen den Formen,
in den Träumen zwischen dem Wachen, 
kann die Durchlässigkeit der Grenze erfahrbar werden.

Gelänge es das Dazwischen zuzulassen, sich in das Dazwischen fallen zu lassen,
die Grenzen zur Einheit öffneten sich und uns könnte geschenkt werden,
was längst verloren geglaubt.

Erkennbar ist für uns, dass alles im Sein mit Allem verbunden ist,
dass im Geflecht des Seins bereits geringste Veränderungen
die Richtung im Ganzen beeinflussen, 
dass die Wirklichkeit offen ist für unendliche Möglichkeiten.
Auch wenn uns Maß und Ziel des Ganzen noch verschlossen bleiben, 
so zeigt uns diese werdende Gestalt der immerwährenden Einheit bereits Werte, 
die unsere Gestaltwerdung beeinflussen.

Die Gestalt der Einheit ist im Werden.
 

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KOMMENTIERUNGEN

   Die Zahl "Eins"

Jede Zahl, die man mit eins multipliziert, bleibt sie selbst, wie auch jede Zahl, die man mit eins dividiert. Eins, die Monade (monas - Einheit), behält die Identität bei allen Begegnungen mit anderem. 

Eins mit sich selber noch so oft multipliziert/dividiert bleibt immer eins.

 

   Die Zahl 

In allem was ist,
ist Zahl und Maß.
Die Zahlen finden
gibt Ordnung.
Im Maß geben
ist bereits Erkennen.


Nikolaus von Kues






„Im Anfang war das Wort …“, 
aber es könnte auch lauten, am Anfang war die 

 
         Zahl.         
Denn „Er, der ist und sein wird“,  beschreibt eine kosmische Ausdehnung, die unendlich ist. 

 

 

Fibonacci-Reihe

Die klassische Darstellung der Fibonacci-Reihe von Leonardo von Pisa, genannt Fibonacci (italienische Mathematiker - ca. 1170/80 - ca. 1240) lautet:

        1  1  2  3  5  8  13  21  34  55  89  144 (12x12) ...

Die Folgezahl ergibt sich jeweils aus der Addition der Vorgängerzahl. Die Zahlenreihe deutet auf die Unendlichkeit des Zahlensystems hin und beinhaltet einen evolutionären Prozess. 

Beim Besuch der Pinakothek der Moderne ist mir das Werk von Mario Merz (1925-2003) aufgefallen, das die Zahlenreihe nach Fibonacci aufnimmt. Merz hat die Reihe sechsfach in das Bild integriert. Die Neonröhrenreihe reicht nur bis 8 geht aber über den Bildrand hinaus, wohl das ins Unendliche reichende der Reihe andeutend. Die längste Zeichenfolge im Bild reicht bis 610, die anderen Reihen brechen schnell ab.
Die Zahl ist bei Mario Merz die Formalisierung
dessen, was Worte nicht mehr fassen können. 
Die Zahl bzw. die Zahlenfolge ist nachvollziehbar.

Eine Besonderheit der Reihe ist, dass das Quadrat von zwei aufeinander folgenden Fibonaccizahlen immer auch eine Fibonaccizahl ergibt. Als Beispiel sei hier das Quadrat der 5. + 6. Fibonaccizahl aufgeführt:

n-te Zahl 5
Fibonacci-Zahl 5
Quadrat der Fibonacci-Zahl 25

n-te Zahl 6
Fibonacci-Zahl 8
Quadrat der Fibonacci-Zahl 64

Addition 5 + 6 =11 (n-te Zahl)
Addition der Quadrate: 25 + 64 = 89

Beim Samenstand einer Sonnenblume  können oft Parastichenverhältnisse von 89/144 gezählt werden, was einer Abweichung von nur 0,000034 zum exakten Wert des Goldenen Schnitts entspricht.


Dazu mehr von Uwe Alfer . . .
 


Weiteres zu den Zahlen hier ...

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Anastenaria       von    Xenakis    basiert auf einer festgelegten Folge von acht Tönen. Die Folge dieser Werte stellt eine             FIBONACCI         Reihe dar, bei der jedes Glied gleich der Summe der vorangegangenen Glieder ist [1 1 2 3 5 8 13 . . . . 144]. 
Ferner tendiert diese Reihe zu einer geometrischen Progression, wobei deren 
Hälfte der Wurzel aus 5 minus 1 die Struktur aller Dinge in der Natur beschreibt, die eine Spirale bilden. 
Diese Formel geht allerdings bereits auf Pythagoras zurück und bestimmt auch den goldenen Abschnitt beim Goldenen Schnitt.

Der Goldene Schnitt wird in der Architektur seit der Antike angewandt wird. Die Pyramiden, 
der Parthenon, die Hagia Sophia, die Palazzi der italienischen Renaissance wurden nach dem dem goldenen Schnitt entworfen.  Ähnlich wie in
Messiaens "Mode de valeurs et d'intensités"  sind die acht (und nicht zwölf) Tonhöhen in bezug auf ihre Dauern in verschiedenen Lagen fixiert, nicht jedoch zugleich ihre Lautstärken und Anschlagformen.

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   STILLE

Schon
Bruckners Art zu beginnen ist bedeutsam. Der Hörer sollte den Atem anhalten, ehe die ersten Töne erklingen. Sie kommen aus der Stille, sie entwickeln sich, sie ringen nach einer Gestalt, die ich im Hören mit erfahren kann.

 

   Geöffnetes Sein

Mark Aurel - 180 n.Chr.    

"Oft erwäge die Verknüpfung von allen Dingen in der Welt und ihre gegenseitige Beziehung. 
Denn alle Dinge sind gewissermaßen miteinander verflochten und alle insofern einander lieb." (6,38)

„Es soll als erster Satz gelten, dass ich ein Teil des von der Natur durchwalteten Ganzen bin; zweitens dass ich irgendwie in innerlicher Verbindung mit den verwandten Teilen stehe ... Indem ich mich also erinnere, dass ich ein Teil des so gearteten Ganzen bin, werde ich mich mit allem Begegnenden befreunden.“ (10,6)

Alle Dinge verflechten sich miteinander, und die Verknüpfung ist heilig, und sozusagen kein Ding ist einem andern fremd; denn es ist eingereiht und ordnet dieselbe Weltordnung mit.
Denn es gibt eine Welt aus allem und einen Gott durch alles und eine Substanz und ein Gesetz...“ (7,9)

 

 

   Das Ewige im Werden

in den heiligen Büchern:

BIBEL

DAS ERSTE BUCH MOSE (GENESIS)

Kapitel 1

1Am Anfang  . . .              schuf Gott Himmel und Erde. 

DAS EVANGELIUM NACH JOHANNES

Kapitel 1 

1Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.  2Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.  4In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. 

MYTHOS DES PARADIESES

Kein Ort, keine Zeit, sondern die Qualität der Einheit vor der Schöpfung

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Alighiero Boetti, „Order and Disorder“, 1985/86 

Mit dem Wechselspiel von Ordnung und Unordnung, Zufall und Gesetzmäßigkeit beschäftigt

sich Alighiero Boetti Zeit seines Lebens, explizit ab 1970. Die 199-teilige Arbeit „Order and

Disorder“ wurde 1985/86 von afghanischen Frauen in den Flüchtlingslagern von Peshawar

(Pakistan) gestickt. Ordnung und Unordnung befinden sich in einem Quadrat von vier mal

vier Feldern (17 x 17 cm). Der permutative Aspekt besteht darin, dass die Farben der Buchstaben

und des Feldes, in dem sich die Buchstaben befinden, einem kontinuierlichen Wechsel

unterzogen werden, sodass jeder Teil vom anderen verschieden ist. Ordnung und Unordnung

im Quadrat, in Verbindung mit dem Wechselspiel der Farben, tendiert auf eine Aufhebung

der Gegensätze, spricht über das Sowohl-als-auch, über die Expansion der Vielfalt, über den

Ursprung des Lebens. (Kabul war bis zum Einmarsch der Russen 1979 die zweite Heimat von

Boetti. Das Sticken und Weben ist der kollektiven Biografie der Afghanen eingeschrieben.

  

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