Die Sieben

Sechseck 
mit Kreis

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Wer nimmt mich an,
 wie ich bin?

Gelassenheit

Sein im Anderen

Maß

Gottesliebe

Die Offenbarung 
durch den Sohn


Sein im Anderen

Mit logischer Richtigkeit und mit Gerechtigkeit  - Von Alfred Grosser in der SZ vom 25.2.2004

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 „Das Leiden des Anderen in Betracht ziehen – das ist das Gegenteil der Selbstbezogenheit menschlicher Gruppen. Elie Wiesel hat seiner Rede beim Empfang des Nobel-Friedenspreises beklagt, dass nach dem Krieg nicht die ganze Welt nach Auschwitz geblickt habe. Ich antwortete damals (es war kurz nach einem von Saddam befohlenen Massenmord an Kurden), dass die kurdische Mutter, die ihr totes Kind in den Armen hält, nicht den geringsten Grund habe, an Auschwitz zu denken – dass aber jeder Überlebende von Auschwitz und die Seinen die moralische Pflicht hätten, an die kurdische Mutter zu denken.

Vor zwanzig Jahren war ein Attentat gegen ein jüdisches Restaurant begangen worden, große Protestdemonstrationen waren die Folge. Diesen Aufstand so vieler Menschen und Verbände fand ich ermutigend. Weniger ermutigend aber war, dass kurz zuvor ein junger Araber in Toulouse geschlagen und gefoltert worden war, ohne dass dies einen Protest jüdischer Organisationen ausgelöst hätte.  

Ich stehe mit dieser Einstellung nicht allein. Man braucht nur den schönen, bewegenden Text über die Ethik von Spinoza zu lesen, den der von mir in jeder Hinsicht bewunderte Daniel Barenboim vor kurzem veröffentlicht hat. „Spinoza“, schrieb er, „hat mir geholfen, mich von außen zu betrachten.“ In Jerusalem, beklagt er, sei die intellektuelle Tradition von Spinoza verloren gegangen. 

Seine Grundeinstellung entspricht der Formel, die ich stets meinen Studenten als Leitfaden empfohlen haben : „Penser justement, donc avec justesse et justice – Richtig denken, also mit logischer Richtigkeit und mit Gerechtigkeit“. Dieser Anspruch verbindet mich mit dem heutigen Christentum, wobei dieses in Frankreich anders wirkt als in Deutschland. Ich bin seit bald fünfzig Jahren ständiger Kolumnist unserer einzigen katholischen Tageszeitung La Croix. Mein Buch „Die Früchte ihres Baums. Atheistischer Blick auf die Christen“ bekam darin eine lange, brüderliche Rezension. Der Verfasser war ein katholischer Bischof, der selber in einem Buch geschrieben hatte, es gehe heute nicht um einen Feldzug der Gläubigen gegen die Ungläubigen, sondern um den gemeinsamen Blick auf den verletzten Menschen. 

In der Mitte des christlichen Glaubens steht nicht mehr der allmächtige, zürnende Gott, noch weniger ein Gott der Vergeltung, sondern ein Gott, der sich zum leidenden Menschen gemacht hat. Es ist die gleiche Moral wie die des atheistischen Humanismus. Also können wir zusammenwirken. Und sei es nur, um viele der gläubigen Juden aufzufordern, an diesem Wirken brüderlich teilzunehmen.“ 

 Alfred Grosser, der französische Publizist und Politikwissenschaftler, dem 1975 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde.  

 

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