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Nach
dem Schulbesuch in Nürtingen und dem Höheren Seminar des Klosters
zu Bebenhausen kommt der 15-Jährige, da, wie es die Lehrer des noch
12-Jährigen formulieren, für ihn »auf der Schule nichts mehr zu
lernen« gäbe, am 18. Oktober 1790 in das Tübinger Stift, studiert dort als Kommilitone von Friedrich
Hölderlin und Georg
Wilhelm Friedrich Hegel zunächst 2 Jahre Philosophie, dann 3 Jahre
Theologie mit ausgeprägtem Interesse an orientalischer
Literatur (u.a. der Gnosis), aber auch der Kantischen
Vernunftkritik und den
republikanischen Freiheitsideen (Sympathie mit der Frz.
Revolution).
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1790
verfaßt Schelling eine `Elegie' zum Tode des von ihm stets verehrten
pietistischen und theosophischen Seelsorgers Johann Michael Hahn,
den er wahrscheinlich durch seinen Vater noch persönlich
kennenlernte. Seine (philosophische) Magisterarbeit (26. September
1792) `Antiquissimi de prima malorum humanorum origine
philosophematis GeneSchellingIII explicandi tentamen criticum et
philosophicum' (`Ein kritischer und philosophischer
Auslegungsversuch des ältesten Philosophems von Genesis III. Über
den ersten Ursprung der menschlichen Bosheit') mit den
(bisher nicht gefundenen) Klausurschriften `Über die Möglichkeit
einer Philosophie ohne Beinamen, nebst einigen Bemerkungen über die
Reinholdsche Elementarphilosophie' und `Über die Übereinstimmung
der Kritik der theoretischen und praktischen Vernunft, besonders in
Bezug auf den Gebrauch der Categorien, und der Realisierung in der
letzteren' zeigen, daß Schelling Anschluß sucht an die Grundfragen des
mit Kant in eine neue Phase getretenen philosophischen Denkens (z.
B. Suche nach der Grundlage bzw. dem
`Prinzip' allen Denkens, nach der Einheit der theoretischen und
praktischen Vernunft; Frage nach dem Verhältnis von menschlicher
und göttlicher Vernunft, von ontologischer und ethischer
Vollkommenheit, nach dem Stellenwert der `biblisch' - dogmatischen
Tradition und dem Gewinn bzw. Verlust des vernunftorientierten,
einen Selbstand gewinnenden und die Unendlichkeit der Geschichte vor
sich habenden Menschen).
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Im
Oktober 1792 beginnt Schelling sein Theologiestudium,
schreibt (bisher noch nicht veröffentlichte) Kommentare zu
paulinischen Briefen (u. a. Galater- und Römerbrief) und veröffentlicht
1793 in der von dem Theologen Heinrich Eberhard Gottlob Paulus
herausgegebenen Zeitschrift `Memorabilia' die Schrift `Über Mythen,
historische Sagen und Philosopheme der ältesten Welt', die u.a. Schellings
bleibende, besonders im Spätwerk wieder aktualisierte Auseinandersetzung
mit der Mythologie bezeugt.
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Spätestens
im Mai 1794 (vielleicht schon im Juni 1793) kommt es zu einer persönlichen
Begegnung S.s mit Johann Gottlieb Fichte
in Tübingen, der von Zürich kommend auf dem Weg nach Jena zum
Amtsantritt als Philosophieprofessor ist; im Herbst 1794 kann Schelling
seine an Fichtesche Grundgedanken anschließende Schrift `Über die
Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt'(die
Philosophie als die das Wissen, den Glauben und das Wollen
begründende Urwissenschaft - Hen kai Pan-, die Zirkularität
einer jeden Erkenntnistheorie als einer die Erkenntnis schon
voraussetzenden und sie in actu vollziehenden Theorie) veröffentlichen
und sie Fichte selbst zusenden, der daraufhin den 1. Teil seiner `Grundlaqen
der gesamten Wissenschaftslehre' an Schelling schickt: brach mit Kant die
Morgenröte der Philosophie an, so scheint mit Fichte als dem
prinzipieller, d.h. auch unbedingter fragenden Denker der Zenit
philosophischer Grundlegung nahe. »Ich <> lebe und webe
gegenwärtig in der Philosophie. Die Philosophie ist noch nicht am
Ende. Kant hat die Resultate gegeben: die Prämissen fehlen noch...«.
Der Kampf gegen das von Kant `kritisch'
ausgegrenzte `Ding - an - sich' scheint die (ideelle) Verlängerung
der (reellen) Politik der Französischen Revolutionäre mit anderen
Mitteln zu sein.
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Die
Theologie in ihrer orthodoxen Form des
theistischen Supranaturalismus verliert für den jungen
Studenten und Pfarramtskandidaten in dieser Phase (Standpunkt des
praktischen Idealismus) an Bedeutung, besonders da er die mit
Mitteln der kantischen Religionsphilosophie vorgenommene Erneuerung
der überlieferten Theologie, vor allem in Tübingen, verabscheut:
zum Zeitpunkt (Juni 1795) seiner theologischen Abschlußarbeit `De
Marcione Paulinarum epistolarum emendatore' (`Über Markion als
Emendator der paulinischen Briefe') erscheint Schellingdie gegenwärtige
Theologie
als inkonsequente und gedanklich inkonsistente Auferstehung eines
mit politischer Unfreiheit sich verbündenden `Aberglaubens':
die Grundthese seiner Schrift, nach der Markion ein authentischer Christ
gewesen ist, trifft die traditionelle Theologie im Zentrum.
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Schelling
steht unter dem Bann Fichtescher Gedanken und möchte, wie er am 4.
2. 1795 Hegel schreibt, das »reine,
absolute Ich« als die Chiffre der Freiheit zum »höchsten Prinzip
aller Philosophie« erheben. Seine an Fichte sich
orientierende, Ostern 1795 erschienene Schrift `Vom
Ich als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte im
menschlichen Wissen' bestimmt das Unbedingte (`Gott') als die Idee
der sittlichen Aufgabe (und nicht als `Objekt' der
Spekulation: Standpunkt eines `postulatorischen Atheismus'), und
damit als den Endzweck der unendlich gedachten Praxis, von der her
alles (`monistisch'), auch die Theorie, begriffen werden müßte.
Ausgangspunkt ist die Freiheit des sich
selbst in der Reflexion setzenden Ichs (das Ich als das -
spinozistisch formuliert, fichteanisch gedacht - »Hen
kai Pan« der Philosophie, also
der Zuqang zur Wahrheit), dem nichts äußerlich und fremd
sein soll, so daß sich alle Widersprüche, z.B. der zwischen dem
absoluten und dem empirischen Ich, `praktisch' lösen lassen müßten
(im Tun klärt sich die Frage nach dem Dasein der Welt).
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Auf
Anregung des Jenenser Philosophieprofessors Friedrich Immanuel
Niethammer veröffentlicht Schelling im November 1795 seine'Philosophischen
Briefe über Dogmatismus und Kritizismus' im `Philosophischen
Journal einer Gesellschaft teutscher Gelehrter, einem Organ zur
Popularisierung der Gedanken Kants, zu dessen Mitarbeiter u.a.
Fichte, Salomon Maimon, Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Schiller zählen. Die Schrift greift in die durch J.
G. Fichte und Fr. H. Jacobi in eine neue Phase getretene Kantdebatte
der Zeit ein (Geist und Buchstabe der Lehre des Königsberger Schelling
ist Kant noch inkonsequent - so Fichte -, ist er theistisch - so die
Tübinger Theologen - oder doch wie alle Philosophie `atheistisch',
so Jacobi) und rechnet mit den Halbheiten der kantianisierenden (Tübinger)
Theologen und deren auf dem Hintergrund der praktischen Philosophie
auferstandenen `deus ex machina' ab, die Schellingverabscheut, und denen
gegenüber er eher noch das einheitliche
und konsequente System des Spinoza wie auch die Lehren der
Kabbalistik und des Hinduismus vorzieht, die durch eine
Verschmelzung mit dem Unendlichen (hier das später sog. Prinzip der
Identität) die `Seligkeit' ersehnen. Um 1795 liest Schellingdie `Ethik' Spinozas und den `Theologisch-Politischen Traktat' und
kennt den zwischen Friedrich Heinrich Jacobi
und Moses Mendelssohn aufgebrochenen Streit um den Spinozismus
Lessings, dessen `Erziehung des Menschengeschlechts' und
damit die im § 73 vorgetragene spekulative Deutung des Selbstbewußtseins
Gottes ihm schon bei seiner Magisterdissertation (1792) bekannt
sind. In nahezu wörtlicher Anlehnung an Lessing kann nun auch Schelling
sagen: »Auch für uns sind die orthodoxen
Begriffe von Gott nicht mehr. - Meine Antwort ist: wir reichen
weiter noch als zum persönlichen Wesen.«, das »da oben im Himmel
sitzt«. Obgleich die `Philosophischen Briefe' S.s 1796 z. B.
von Johann Georg Schlosser dem Kritizismus zugerechnet werden,
erscheint hinter der Ablehnung sowohl der
theologischen Moral (traditionelle Position: Moral als abhängig von
`Gott') als auch der moralischen Theologie (Kant: Autonomie der
Moral und Gott als stabilisierende Vernunftidee) die die Bindung an
das `Gesetz' aufkündigende Position des Spinozas, der den »Himmel
im Verstande«, »Ruhe nur in der Liebe des Unendlichen«
gefunden habe. Im Absoluten scheint aller Kampf, auch der der
Moralität, aufgehört zu haben: »Moralität
kann nicht selbst das Höchste, kann nur Annäherung sein zum
absoluten Zustande, nur Streben nach absoluter Freiheit, die von
keinem Gesetze mehr abweicht, aber auch kein Gesetz mehr kennt, als
das unveränderliche ewige Gesetz ihres eignen Wesens... das Moralgesetz,
als solches, kündigt sich durch ein Sollen an, d.h. es setzt die Möglichkeit,
von ihm abzuweichen, den Begriff des Guten neben dem des Bösen
voraus. Dieser aber kann so wenig als jener im Absoluten gedacht
werden«.
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Im
September 1795 übernimmt Schelling, statt Pfarrer
zu werden, eine Hauslehrerstelle bei den Baronen Ludwig G. F. K. G.
und Friedrich L. K. W. von Riedesel (zunächst - November 1795 bis März
1796 - in Stuttgart). Wahrscheinlich entwirft Schelling, nachdem er zuvor
verschiedentlich (z.B. Sommer 1795 in Tübingen, April 1796 in
Frankfurt a.M.) Hölderlin begegnete,
im Juni 1796 das in Hegels Handschrift überlieferte, erst 1917 von Franz
Rosenzweig entdeckte (sog.) `Älteste Systemprogramm des
deutschen Idealismus', eine gedrängte Zusammenfassung der die
weitere Entwicklung S.s leitenden Positionen und Fragen (Plan
einer monistischen Philosophie auf dem Grund der Evidenz der
absoluten Freiheit des Ichs, Frage nach der der Freiheit
korrespondierenden Grundbeschaffenheit der Wirklichkeit;
radikalanarchische Kritik am Staatsmechanismus, dem Aberglauben und
an dem »Priesterthum <>, das neuerdings Vernunft heuchelt«,
die Unmöglichkeit der traditionellen Metaphysik; die Hochschätzung
der Schönheit bzw. Ästhetik als Basis für Forderung einer
`neuen', alles umfassenden Mythologie der Vernunft und einer »neuen
Religion«, durch die die »ewige Einheit« der Menschen
wiederhergestellt wird und die Klassenspaltungen - der »verachtende
Blik' von oben, und das« blinde Zittern des Volks »von unten -
getilgt sind).
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Im
Frühjahr (28. 3.) 1796 bricht Schelling (»Es wird mir alles zu enge hier
- in unserm Pfaffen - und Schreiberland«, d.h. in Schwaben, so in
einem Brief an Hegel, Januar 1796) mit seinen beiden Eleven von
Stuttgart auf und begleitet sie mit Zwischenstationen u. a. in Weimar,
wo er einer Inszenierung Mozarts
beiwohnt, und in Jena, wo er Schiller
trifft, zu Studienzwecken nach Leipzig
(Ankunft am 25.4. 1796). Angeregt z. T. durch Paul Johann Anselm von
Feuerbachs Schrift `Versuch über den
Begriff des Rechts' (1795) erscheint 1796 der 1. Teil der `Neuen
Deduction des Naturrechts `(dann 1797), die auf den Spuren
anarchischer Theorie das notwendige Ende der Durchsetzung der
Freiheit in der Aufhebung des Rechts sieht. In Leipzig (1796 - 1798)
widmet sich Schelling vorwiegend der Mathematik,
den Naturwissenschaften (den elektrischen, chemischen und
magnetischen Erscheinungen) und besonders der Medizin, und vollzieht
in der Arbeit an der Natur den, wie er es später (1827) nennen
wird, `Durchbruch in das freie offene Feld objektiver
Wissenschaft'(Wendung vom subjektiven Idealismus Fichtes zur
Naturphilosophie): wer die Natur nur als `ungöttlich', `unfrei' und
`ungeistig', wie z.B. J.G. Fichte und Friedrich Heinrich Jacobi
betrachtet, wird nur ein `intellektuelles' und gerade kein
`geistiges' Verhältnis, nur einen `impotenten' Theismus und eine
ebenso kraftlose Anthropologie entwickeln können (Gedanke
der Autonomie und Autarkie der Natur, die also durchaus'ichhaft`ist,
1799).
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Seine
Juli 1797 publizierte Abhandlung `Allgemeine Übersicht der neuesten
philosophischen Literatur' (später - 1796- unter dem Titel
`Abhandlungen zur Erläuterung des Idealismus der
Wissenschaftslehre' erschienen) wie auch die folgenden Schriften
(1797 `ldeen zu einer Philosophie der Natur', 1797 `Einleitung zu:
Ideen zu einer Philosophie der Natur als Einleitung in das Studium
dieser Wissenschaft', 1798 `Von der Weltseele, eine Hypothese der höheren
Physik' - hier u.a. die Entdeckung des Organismus als des Prinzip
der Naturerklärung -, 1799 `Erster Entwurf eines Systems der
Naturphilosophie', hier u.a. die Natur in ihrer Polarität zwischen
reiner, amorpher Produktivität und ihren finiten Hemmungen) und die
Vorlesungen (z. B. 1799 `Philosophie der Natur'), verknüpfen den
antitheistischen Impuls (»Im Gebiete der Natur und der Menschheit
aber... haben wir... die sichersten Wächter gegen jeden
aufkeimenden Irrthum, der den Verstand verfinstern oder die Freiheit
in uns unterdrücken könnte.«) mit einer spekulativen
Deutung der Natur: das als `Autonomie in der Erscheinung'
deutbare (natürlich - organische) Leben (die reale Identität von
Freiheit und Notwendigkeit, Idealem und Realem) und die
(`genialische') Kunst (die ideale Identität von Freiheit und
Notwendigkeit) lassen die mit Fichte
verbundene strikte Trennung von Freiheit und Natur, Bewußtem und
Unbewußtem fragwürdig werden: Was der praktische Idealist sucht
und als Idee in die (geschichtliche) Unendlichkeit setzt (die
Einheit von Subjekt und Objekt, Begriff und Sein, Form und Materie),
ist in den Produkten der schöpferischen Natur (natura naturans)
wirklich (Schellings spekulative Durchdringung des § 76 der
Kantischen `Kritik der Urteilskraft', des, wie er noch 1827 sagt, »tiefsten
Werks« Kants). Das Denken in der
Entzweiung und den Gegensätzen muß auf die eigene Vernichtung
hinarbeiten (auch Sokrates, so Schelling 1797, spekulierte die Nacht
hindurch und »betete früh die aufgehende Sonne an.«). Das Kantische
Axiom, daß wir nur das verstehen können, was
wir zu konstruieren imstande sind, erreicht in der Naturphilosophie
seine Kulmination (der Weg des Kritizismus über die
Wissenschaftslehre zur Identitätsphilosophie). Die Natur ist in
ihren höchsten Produkten schöpferisch wie der `Geist' und sein (unbewußtes)
Analogon, lediglich im Modus der Bewußtlosigkeit, so daß das Ich
in ihr seine eigene Vergangenheit anschauen kann: das Ich hat eine
Vorgeschichte, und die Philosophie ist die Erinnerung an das unbewußt
Geschehene und an die Naturbasis des depotenzierten Bewußtseins,
das »Wiedererkennen von Verwandtem im Spiegel seiner selbst«
(so Jürgen Habermas 1954): sie kann
zeigen, daß das Ich auch die Natur schafft, lediglich im Modus der
Bewußtlosigkeit (die `Fremdheit' der Natur als Zeichen der nicht
aufgearbeiteten Vergangenheit).
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Im
April 1797 begleitet Schelling seine beiden Schüler nach Berlin und macht
im Dezember in Dresden, wo er die Kunstsammlungen (u. a. die Madonna
Raffaels) studiert, die Bekanntschaft mit Frh. Friedrich Leopold
von Hardenberg (Novalis), im August 1798 mit August
Wilhelm und Caroline Schlegel und deren Kind aus erster Ehe,
Auguste, geb. Böhmer, ferner mit Friedrich
Schlegel, Fichte und in Jena mit dem norwegischen
Naturwissenschaftler Henrik Steffens und Ludwig Tieck (dem Jenenser
Romantikerkreis), der ihm Jakob Böhme näherbringt.
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Am
26. Mai 1798 kommt es in Schillers
Haus in Jena zu einem ersten Gespräch mit Goethe,
der von nun an das Philosophieren S.s mit
konstantem Interesse verfolgt (Schellinghabe die angemessene Art,
die »Kunst auszuüben und die Natur zu betrachten«): noch in
diesem Jahr (1798) wird auf Betreiben Goethes (»Ich bin überzeugt,
daß er uns Ehre machen und der Akademie nützlich sein würde.«)
eine Eingabe bei Herzog Carl-August gemacht zu einer auch von Fichte
unterstützten Berufung S.s an die Universität nach Jena. Vom
Oktober 1798 (bis Ostern 1803) an ist Schellingaußerordentlicher
Professor in Jena und wird nun enger Vertrauter Goethes,
Schillers, der Schlegels, Dorothea Veits, der Tochter von Moses
Mendelssohn und Ehefrau Friedrich Schlegels, des Physikers Johann
Wilhelm Ritter, der 1798 in Jena seine Versuche zum
Lebensgalvanismus macht (`Beweis, daß ein beständiger Galvanismus
den Lebensprozeß im Thierreich begleite'), und ab 1801 auch des
Mediziners Gotthilf Heinrich Schuberts, beeinflußt u.a. den in Jena
Medizin studierenden I. P. V. Troxler (1803: `ldeen zur Grundlage
der Nosologie und Therapie', 1805 `Grundriß der Theorie der
Medizin') und beginnt in dieser Zeit (um 1798 / 99) seine
Freundschaft mit dem Philosophen und
Mediziner Franz von Baader, durch den er u.a. einen weiteren schwäbischen
Pietisten, Friedrich Christoph Oetinger, neu entdecken lernt.
Auch mit Friedrich Daniel Ernst
Schleiermacher nimmt Schelling Kontakt auf, zumal sich kurzfristig
die Möglichkeit einer gemeinsamen Herausgabe einer `kritischen'
Zeitschrift ergibt. Schleiermachers Polemik
gegen die Unsterblichkeit der Person und sicherlich auch die
Hochschätzung Spinozas in den `Reden über die Religion an die
Gebildeten unter ihren Verächtern' (1799) schätzt S., obgleich ihm
dessen sonstige Theologie zu spirituell erscheint: wahrscheinlich
ist S.s im Herbst 1799 geschriebenes, aber zu seiner Zeit unveröffentlicht
gebliebenes derb - sensualistisches Gedicht `Epikureisch
Glaubensbekenntnis Heinz Widerporstens' gegen Schleiermacher und
Novalis gerichtet (Friedrich Schlegel soll gemeint haben, daß Schelling
wieder »von seinem alten Enthusiasmus für die Irreligion«
heimgesucht sei).
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Mit
seiner im März 1800 erschienenen Schrift `System des
transzendentalen Idealismus', der »am klarsten abgerundeten Schrift
S.s« (Nicolai Hartmann), scheint Schelling sich gefunden zu haben: Naturphilosophie
(der Weg von der Natur zum Geist) und Transzendentalphilosophie (der
Weg von dem Geist zur Natur) ergänzen sich zu einem System (des
Absoluten): wer über die Natur nachdenkt, kommt auf den Geist
(Natur als vorbewußte Stufe des Geistes, z. B. die Pflanze als
Einheit von Sein und Begriff), und wer über den Geist nachdenkt, muß
sich der Natur erinnern (der Geist als naturähnliche Potenz, z.B.
die Kunst als nichtreflexive Begeisterung), weil sich in der reellen
Sphäre dasselbe Absolute zeigt wie in der ideellen. Aus
`Liebe' zur Natur und zur Kunst vollzieht Schelling den Übergang zur
identitätsphilosophischen, ihre gemeinsame Herkunft bedenkenden
Position. Was der Organismus in der
reellen, ist die Kunst in der ideellen Welt: beide sind Monogramme
jener absoluten Identität von Subjekt und Objekt (Begriff und Sein,
Freiheit und Notwendigkeit), die dem Menschen deshalb so wichtig
sind, als sie die Harmonie anschaubar machen und ihn aus der
`schlechten', weil nie erfüllenden Unendlichkeit des Fortschritts
herausnehmen in die Gegenwart einer geschlossenen und vollendeten
Totalität: in der Natur und der Kunst ist dieselbe schöpferische
Kraft tätig, so daß weder der `Ethiker' (der Handelnde) noch der
`Theoretiker' (der Wissende) dem Innersten der Wirklichkeit nahe
ist. Die ästhetisch vermittelte Anschauung der Natur `beseligt',
nur die Kunst liefert einen (ästhetischen) Gottesbeweis und löst
das Welträtsel (Standpunkt des ästhetischen Idealismus einer
Kunstreligion) - sie tilgt die Spannungen und Dissonanzen, ist das
Organ der Versöhnung, leistet in ihrer nichtbegrifflichen Weise
das, wozu die Philosophie in ihrer die Subjekt - Objekt - Trennnung
voraussetzenden Tätigkeit nicht in der Lage ist und kann so, weil
nicht reflexiv, den `ganzen' Menschen ansprechen. Im Unterschied
zu Hegel, der vom `Ende der Kunst'
sprechen wird, kann Schelling eher das der Philosophie erwägen. die
Kunst ist »das Allerheiligste..., wo in ewiger und ursprünglicher
Vereinigung gleichsam in Einer Flamme brennt, was in der Natur und
Geschichte gesondert ist, und was im Leben und Handeln ebenso wie im
Denken ewig sich fliehen muß«, der Künstler
ist der »verhängnisvolle Mensch«, der methodisch (Technik) und
unkontrolliert (Intuition), bewußt und unbewußt, sich selbst nicht
durchsichtig, also `genialisch' einen unendlichen Sinn produziert (»das
Unendliche dargestellt ist Schönheit«). Aus der Anschauung der nur
in der Kunst gegebenen Einheit von endlichem Bewußtsein und
unendlichem, weil unbewußt produziertem Sinn erscheint auch die
Geschichte für den Hellsichtigen wie ein harmonisches Schauspiel
(die Geschichte als sukzessive Offenbarung Gottes:
so 1800), in dem das Böse keine selbständige Realität hat,
sondern zur Komposition des Ganzen beiträgt, das Schuldbewußtsein
lediglich ein Irrtum und die Sünde ein Mangel an Sein sind. Der
wahre Gottesgelehrte ist duldsam gegen alle Dinge, weil für ihn aus
der Anschauung der Einheit von Begriff und Sein, Freiheit und
Notwendigkeit alles im Gleichgewicht ist.
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Mit
der Aufgabe des subjektiven Idealismus und der Forderung nach seiner
`physikalischen' (naturphilosophischen) Erklärung zerbricht
spätestens jetzt die Zusammenarbeit mit Fichte, der S.s
Denken nunmehr (29. 12. 1801) als `verklärten Spinozismus'
entlarven zu können glaubt.
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Im
Frühjahr (2. Mai) 1800 begleitet Schelling die erkrankte Caroline und
deren Tochter Auguste nach Bad Bocklet (bei
Bamberg, Franken), widmet sich in Bamberg medizinischen Studien, schließt sich hier u. a. den an der
Akademie lehrenden Medizinern Adalbert F. Marcus und J. Andreas Röschlaub,
einem Verfechter der Brownschen Erregbarkeitstheorie, an, hält
Vorlesungen über sein System und ediert ab April 1800 (bis 1802) die
`Zeitschrift für spekulative Physik' als ein Medium für
Naturphilosophie (u.a. 1800 ein Artikel S.s'Über die
Jenaische Allgemeine Literaturzeitung', 1800 `Allgemeine Deduktion
des dynamischen Prozesses'- die Natur als »erstarrte Intelligenz«).
Nach dem Tod Augustes (Ursache: Ruhr) am 12. Juli 1800 tauchen Gerüchte
auf, Schellinghabe bei der Behandlung dilettiert (S., so Dorothea Veit,
habe »hineingepfuscht«, er heile, so die `Jenaische Allgemeine
Literaturzeitung', `idealisch' und töte `reell', [...].)
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Im
Oktober 1800 kehrt Schelling nach Jena zurück,
um seine Vorlesungen wiederaufzunehmen (z. T. als Konkurrenz zu
Friedrich Schlegel), feiert mit Goethe und Schiller den Neujahrsabend im
Weimarer Schloß, trifft G. W. F. Hegel,
der von Frankfurt a. M. kommend sich in Jena als Dozent habilitieren
möchte, und mit dem er ab 1802 (bis Mai 1803, insgesamt 6 Nummern,
u.a. von Schelling die Aufsätze `Über das absolute Identitätssytem und
sein Verhältnis zu dem neuesten (Reinholdischen) Dualismus', 1802 `Über
das Verhältnis der Naturphilosophie zur Philosophie überhaupt',
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1803
`Über die Konstruktion in der Philosophie', 1803 `Über
Dante
in philosophischer Beziehung' - die Natur,
der dunkle Geburtsort, als Hölle, die Geschichte als Fegefeuer und
die Kunst als Paradies) das `Kritische Journal der
Philosophie' ediert. Die in Jena gehaltenen Vorlesungen (u.a.
`Philosophische Propädeutik nach dem System des transzendentalen
Idealismus', `Das System der gesamten Philosophie', `Philosophie der
Kunst', `System der Universalphilosophie'), das 1801 erschienene, an
platonische Dialoge erinnernde und nach Giordano
Bruno betitelte Buch'Bruno oder über das göttliche und natürliche
Prinzip der Dinge. Ein Gespräch' (nämlich zwischen einem
Materialisten, einem Leibnizianer, einem Fichteaner und Schellingselbst),
die im Mai 1801 erschienene, auch in der Paragraphengliederung
formal an Spinoza anknüpfende und zur Identitätsphilosophie
überführende Hauptschrift `Darstellung meines Systems der
Philosophie'(nach Fichte ist das Ich Alles, nach ihm, S., ist Alles
Ich) hinterlassen den Eindruck, daß Schelling der Spinoza redivivus sei,
daß, wie Caroline Schlegel sagt, das »Eins und Alles« das »Urgefühl«
S.s sei oder, wie der Theist Jacobi sagt,
der Ungeist der »Gottlosigkeit« ihn heimsuche. Der identitätsphilosophische
Standpunkt eines Neospinozismus denkt das Absolute u. a. in Aufnahme
neuplatonischer Gedanken (Plotin) als
das sich zum Zwecke der Selbsterkenntnis quantitativ
differenzierende und potenzierende Wesen (Ansich) der beiden Sphären
des Reellen und Ideellen (das Weltbewußtsein des Menschen als
Selbstbewußtsein des Absoluten und die Weltdialektik als
Selbstbefreiung des Absoluten): jedes
Einzelne ist, wie Schelling u.a. von Leibniz übernehmen kann, relativer
Repräsentant des Ganzen und nicht außerhalb desselben. »Alles ist
ursprungslos, ewig in Gott.« (so 1805). Es gibt so wenig
eine Differenz zwischen Gott und Welt und damit ein
(`geschichtliches') Werden wie zwischen dem Wesen des Dreiecks und
der Form der Gleichheit des Abstandes der Linie von dem Mittelpunkt
(»... das Sein, d. h. eben das All, folgt ebenso wesentlich aus der
Idee Gottes als aus der Idee des Dreiecks folgt, daß seine Winkel
zusammen zweien rechten gleichen.«).
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Im
April 1802 reist Schelling Caroline, die ihren Mann in Berlin besucht,
nach, erhält (Juni 1802) von der Universität Landshut
den Ehrendoktortitel für Medizin, veröffentlicht Gedichte
(`Die letzten Worte des Pfarrers zu Drottning auf Seeland', `Lied',
`Pflanze und Tier, `Los der Erde') unter dem Pseudonym
Bonaventura in dem von A. W. Schlegel und Ludwig Tieck
herausgegebenen `Musenalmanach für das Jahr 1802', dann 1803
die `Ferneren Darstellungen aus dem System der Philosophie', und
seine `Philosophie der Kunst' (Winter 1802 / 1803, später 1804 und
1805 in Würzburg wiederholt). Schelling setzt den Kampf gegen den
Theismus mit seiner »außer - und überweltlichen Substanz« und gegen
die Fichtesche Naturverachtung als ein Reflex `bürgerlicher'
Arbeitskultur fort: was heißt Versöhnung
wenn nicht Einheit mit Gott und deswegen z.B. Aufnahme des Endlichen
ins Unendliche, wie sie in der Natur `real`geschaut werden kann ?
Das Eigentliche ist der Übergang von dem nur Endliches und deren
Kausalbeziehung denkenden Verstand zur `intellektuellen Anschauung'.
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Schelling
zeigt Sympathie für die der Magie,
Astrologie und der magnetischen Clairvoyance zugrundeliegende Ahnung
von der Alleinheit des Kosmos und der durch sie ermöglichten, sich
der Analogie bedienenden Lesbarkeit der Erscheinungen: die Natur ist
ein Organismus, dessen Glieder nicht evolutionistisch, sondern den
Ideen (`Strukturen') nach miteinander verwandt sind: in der Materie,
der Pflanze, dem Tier und Menschen erscheint das gleiche Wesen in
unterschiedlichen Vollkommenheiten (Wiederaufnahme des
Mikrokosmos - Makrokosmos - Theorems), das Leben ist »das sichtbare
Analogon des geistigen Seins«, das Licht
z. B. der »nur wie in Trümmern wohnende Geist«, das Denken
selbst, nur auf einer tieferen Stufe. Gott (das `Absolute') muß als
lebendig, d.h. die Welt `in' Gott gedacht werden, damit die
die Moderne konstituierende Heimatlosigkeit und Entzweiungen in
einer `neuen Mythologie' des `Kompatriotismus' (Helmut Plessner) überwunden werden können. Ist der im emphatischen
Sinne `ethisch' handelnde Mensch wirklich der vor Gott stehende
Mensch (Prinzip der Differenz) oder nicht eher das sich mit ihm
identisch wissende Genie (Prinzip der Identität), also der
`Begeisterte' und sich um das Kleine nicht Kümmernde - nur der sich
zu Gott different setzende Mensch benötigt das `Gesetz', wie z.B.
die Pharisäer und die Moralisten à la Kant und Fichte.
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Nachdem
am 17. Mai 1803 die Ehe der Schlegel geschieden wird, wird Schelling
von seinem Vater mit der 12 Jahre jüngeren Caroline am 26. Juni
desselben Jahres getraut.
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Im
Sommer 1802 und Frühjahr 1803 hält Schelling in Jena (und später in Würzburg)
die `Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums' (u.a. Philosophie
als die Wurzel des Baums der Wissenschaften; Forderung der
allseitigen Bildung und eigenständigen Produktivität gegenüber
der `gemeinen' Ausbildung der Nützlichkeitsapostel), im
Wintersemester liest er über `Spekulative Philosophie, Philosophie
der Kunst oder Ästhetik nach der Methode der Universal -
Philosophie'. Zum Wintersemester 1803 / 04
übernimmt Schelling eine Professur für das `System
der gesamten Philosophie und der Natur' in dem bayerisch gewordenen
Würzburg (bis Frühjahr 1806) und lehrt dort u.a. als
Kollege des Naturphilosophen Lorenz Oken, des Juristen Hufeland und
des rationalistischen Theologen Paulus, der seine anfängliche Schätzung
Schellings nunmehr aufgegeben hat und in ihm jetzt einen (mystischen)
`Taschenspieler' sieht, der vor allem auf die Ärzte einen schädlichen
Einfluß haben könne, während der Würzburger
(katholische) Bischof seinen Theologiestudenten den Besuch der
Vorlesungen S.s (Anfang 1804) verbietet. Schelling sieht sich
angesichts so konträrerer Verdächtigungen wie Amoralismus,
Obskurantismus, Atheismus, Materialismus, aber auch Katholizismus zu
einer Verteidigung (`An das Publikum') (März 1804) und zu einer
erneuten Aufarbeitung des Verhältnisses
von `Philosophie und Religion'(so der Titel einer Schrift aus
dem Jahre 1804) (die Phänomenalität alles Endlichen und die Frage
nach der Genesis - dem `Abfall' - des nur Endliches sehenden
Verstandes; Hinwendung zur religiösen Problematik i.e. Sinn)
veranlaßt. Er habe einsehen gelernt, »daß die Religion, der öffentliche
Glaube, das Leben im Staat der Punct sind, um welches sich Alles
bewegt und an den der Hebel angesetzt werden muß, der diese todte
Menschenmasse erschüttern soll.«
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Seit
Mitte 1805 ist Schelling neben dem Mediziner Marcus Herausgeber der `Jahrbücher
der Medizin als Wissenschaft'(bis 1808; die«Arzneywissenschaft«
als »Krone und Blüthe aller Naturwissenschaften«, so 1806), in
ihnen erscheinen z.B. seine `Aphorismen der Naturphilosophie'; Schelling
muß
sich aber auch schon gegen leichtfertige Fehldeutungen seiner
Naturphilosophie wehren (ab 1807 möchte er seine
naturphilosophischen Ideen nur noch mündlich, gleichsam esoterisch,
vertreten): er verarbeitet zu dieser Zeit u.a. John Brown, Davy,
Erxleben, Faraday, Galvani, Herschel, A. von
Humboldt, Kielmeyer, Lavoisier, Sömmering, Volta und C. Fr.
Wolff.
-
Im
Jahr 1805 erscheint der Schellingzugeschriebene Roman
`Bonaventura`, der jedoch in die von seinem Sohn vorgenommene
Gesamtausgabe nicht aufgenommen werden wird. Die zunehmenden
Spannungen in Würzburg lassen Schelling im April 1806 nach München gehen: er veröffentlicht 1806
seine `Darlegung des wahren Verhältnisses der Naturphilosophie zur
verbesserten Fichteschen Lehre' (eine Auseinandersetzung mit Fichtes
Angriffen gegen den angeblich hochmütigen, die Moral verachtenden
`Schwärmer' und Magier Schelling in seinen `Grundzügen des gegenwärtigen
Zeitalters', bes. der 8. Vorlesung, aus dem Jahre 1804: Fichtes
naturphilosophisches Prinzip sei »das ökonomisch-teleologische
Prinzip«, wohingegen gerade »alle Heilkraft... nur in der Natur«
ist. »Diese allein ist das wahre Gegengift der Abstraktion.«),
wird u.a. neben Franz von Baader,
Friedrich Immanuel Niethammer, August Wilhelm Schlegel Mitglied der
Münchener Akademie der Wissenschaften und hält zum Namensfest des
bayerischen Königs am 12. 10.1807 unter Anwesenheit des Kronprinzen
Ludwig und des Akademiepräsidenten Friedrich Heinrich Jacobi die
Rede `Über das Verhältnis der bildenden Künste zu der Natur': die
Kunst bleibt (noch) die Erfüllung aller menschlichen Forderungen.
Die antike Formel der Nachahmung der Natur meint Nachahmung des
`idealen' (wahrhaften) Seins der Natur, des »Naturgeistes«, also
ist die Kunst das Gegenbild der göttlichen Idee selbst in ihrem
unvermischten Ansichsein: sie hält den »schnellen Lauf
menschlicher Jahre« an, zeigt z. B. eine »Mutter erwachsener Söhne
und Töchter in dem vollen Bestand kräftiger Schönheit« oder
einen reifen Mann mit jugendlichen Reizen, negiert damit, was »unwesentlich
ist, die Zeit« und ist die Verewigung einer »wahren vollendeten
Schönheit«, die unter endlichen Bedingungen ausgeschlossen ist.
-
Im
Jahr 1808 wird Schelling Ehrenmitglied der `Physikalisch-medizinischen
Sozietät' (Erlangen), Ritter des
bayerischen Zivildienstordens und im Mai 1808, inzwischen geadelt,
Generalsekretär (bis 1823) der neu gegründeten Akademie der
Bildenden Künste, und bald auch wissenschaftlicher Sekretär der
Philosophischen Klasse der Akademie der Wissenschaften:
-
Jacobi
als der Präsident der Akademie der Bildenden Künste sinnt
schon seit einiger Zeit darauf, den »Betrug«,
den Schelling mit der Sprache treibe, aufzudecken: der von Goethe
so bezeichnete Streit zwischen den `Natur-
und Freiheitsmännern' bricht alsbald öffentlich aus mit der
Schrift Jacobis `Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung'
(1811): Gott sei, so Jacobi, `außer' und `über'
der Natur und ihr freier, allweiser und allgütiger Beherrscher, der
`ewig' in sich ruhend und vollkommen sei (Gott als das »supramundane
Wesen«), während der mit theistischen Ausdrücken getarnte Gott
S.s die Natur deifiziere und die ontologischen Differenzen zwischen
dem Unvollkommenen und Vollkommenen, Notwendigkeit und Freiheit und
die moralischen zwischen Gut und Böse aufhebe in den Werdeprozeß
des Absoluten (Spinoza sei wenigstens ehrlich genug, »sich offen
zum Atheismus zu bekennen, während Schelling in gewollter Zweideutigkeit
weiterhin von Gott und göttlichen Dingen rede... Wer aber solches
tut, der redet Lüge.«); Schellings polemische (»Polemik tut not«,
so im Februar 1812), immerhin gegen seinen - als »Großinquisitor«
bezeichneten - Vorgesetzten gerichtete Gegenreaktion ist die 1812
erschienene Schrift `Denkmal der Schrift von den göttlichen Dingen
usw. des Herrn Friedrich Jacobi und der ihm in derselben gemachten
Beschuldigung eines absichtlich täuschenden, Lüge redenden
Atheismus', eine »der schärfsten
Streitschriften, die die Geschichte der philosophischen Polemik
kennt« (Weischedel 1967) (Grundfrage nach der
Vereinbarkeit der Vollkommenheit des Absoluten und der Kontingenz
bzw. der Freiheit zur Setzung von Welt: warum soll das in sich
Vollkommene Bewegung zulassen, »durch die es... nur weniger
vollkommen werden konnte«; ist nicht auch der Böse frei?).
-
Am
7.9. 1809 stirbt in Maulbronn Schellings
Frau Caroline ebenfalls, wie ihre Tochter und ihr Bruder Philipp
Michaelis, an der Ruhr (»... nachdem uns«, so Schelling , Alles »in der
Welt verschwunden - Vaterland, Liebe, Freiheit«, ist, bleibt nur
die »Vollendung unseres angefangenen Werks«). Spätestens
ab dieser Zeit führt Schelling Tagebücher und Kalender; in seinem
Werk `Philosophische Unterschungen über das Wesen der menschlichen
Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände' (Frühjahr
1809), das im l. Band seiner im selben Jahr in Landshut
erscheinenden `Philosophischen Schriften' veröffentlicht wird, zeigt
sich eine eher düstere Reflexion auf die Abgründigkeit der
Wirklichkeit und auch Gottes.Gott
als Gott der Lebendigen und nicht der Toten (»Es gibt in der
letzten und höchsten Instanz gar kein anderes Sein als Wollen.
Wollen ist Ursein,...«) muß das Risiko der Selbstverfehlung seiner
`Kinder' in Kauf nehmen und dabei eingehen, sich selbst zu
`empfinden' (die Theogonie als Fürsichwerden des zunächst bewußtlosen
Urwesens, die Unterscheidung zwischen dem Deus implicitus und Deus
explicitus) - auch Gott ist dem »Leiden« unterworfen: »Ohne den
Begriff eines menschlich leidenden Gottes... bleibt die ganze
Geschichte unbegreiflich.« (der Schmerz als der »unvermeidliche
Durchgangspunkt zur Freiheit«; die Rechtfertigung des
anthropomorphistischen Redens von Gott aus dem Geschehen der
Inkarnation heraus).
-
Zur
menschlichen Vollkommenheit (der Mensch als
das das Niedere - die Natur,
Finsternis - und das Höhere - den
Geist, das Licht - umspannende »Centralwesen«) gehört die
Freiheit zum Guten und zum Bösen, das nicht länger ein Mangel an
Sein ist (der Teufel ist gerade die »illimitierteste Kreatur«),
sondern pure Faktizität (ein »Urzufall«). Der `Abfall'
des Endlichen ist - hierin im Unterschied zu der Position von 1804 -
nicht lediglich phänomenaler, sondern `realer' Natur. Im
`Grunde' bleibt, weil er selbst in Gott ist, das »Regellose, als könnte
es einmal wieder durchbrechen... Dieses ist an den Dingen die
unergreifliche Basis der Realität, der nie aufgehende Rest, das,
was sich mit der größten Anstrengung nicht in Verstand auflösen läßt.
»Die Identitätsphilosophie wird unter dieser Aufnahme
`existentieller' Kategorien (Verzweiflung, Streit, Zerrisenheit,
Sprung, irreduzible Finsternis) unterminiert (»... allem Leben hängt
eine unzerstörliche Melancholie an, weil es etwas von sich Unabhängiges
unter sich hat.«).
-
Ausdruck
dieser Lebenskrise ist u.a. das durch Jakob Böhme, dem `Görlitzer Schuster',
den Pietisten J. M. Hahn, Fr. Chr. Oetinger
und dem schwedischen Theosophen E.
Swedenborg geprägte Fragment `Clara oder über den
Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt' (1810).
-
Schelling
fühlt sich zum Wechsel von München nach
Stuttgart (Januar bis Oktober 1810) veranlaßt
und hält 1810 seine (sog.) `Stuttgarter Privatvorlesungen' (u. a.
die Naturentfremdung, das Böse, der Tod und
die Existenz des Staates als Zeichen der Selbstverfehlung des
Menschen: ein Staat kann nie die Bedingung der »höchstmöglichen
Freiheit des Einzelnen »sein, er bleibt eine«
Folge des auf der Menschheit ruhenden Fluchs», 1810) und den
Vortrag über `das Verhältnis der Natur zu Gott' (Gottes Sein
als im Werden der bewußtlosen Materie zu sich als ihrem bewußten
Ansich): die Natur bleibt weiterhin die notwendige Basis und
Quelle des Geistes: »Die Kraft des Adlers im Flug bewährt sich
nicht dadurch, daß er keinen Zug nach der Tiefe empfindet, sondern
dadurch, daß er ihn überwindet, ja ihn selbst zum Mittel seiner
Erhebung macht.«, so 1827).
-
S.,
so ein Hörer der Schellingschen Vorlesung, hat »Gott wieder in die Welt
eingeführt, aus der ihn Kants Schüler hinaus vernünftelt hatten«.
Seit dieser Zeit (September 1810) schreibt Schelling an den erst
1946 veröffentlichten `Weltaltern' (Urgeschichte der Natur und die
Konstruktion des göttlichen Lebens vor der Setzung der Welt: die
Geburt Gottes als eines vorweltlichen Geschehens und damit die
Nichtnotwendigkeit der Welt für das Sein Gottes), die die Spätphilosophie
S.s initiieren.
-
Am
11. Juni 1812 heiratet Schelling in Gotha eine
Vertraute Goethes, die 23-jährige (Angelica) Pauline Gotter (* 1789
- + 1854) (es gehen 6 Kinder aus dieser Ehe hervor, Geburt des
ersten Kindes am 17.12. 1813; die Töchter heißen
bezeichnenderweise Clara und Caroline, die Söhne u.a. Paul Heinrich
Joseph, Karl Friedrich August, Hermann), bemüht sich vergeblich
um eine Professur in Tübingen (der König soll gesagt haben, »er
wolle keinen Atheisten« haben), gründet 1811 die `Allgemeine
Zeitschrift von Deutschen für Deutsche' (bis 1811), trifft
im Sommer 1812 Hegel in Nürnberg, dessen `Phänomenologie
des Geistes' (1807) Schelling des (genialischen) Irrationalismus bezichtigt
hat und den Bruch mit Schelling einleitet (u.a. liefere Schelling
die Philosophie der »Ekstase« und der »gährenden Begeisterung«,
aber nicht der »kalt [...] fortschreitenden Nothwendigkeit der
Sache« aus; nach Schellinggäbe Gott die Weisheit den »Seinen... im
Schlaf«).
-
Abermals
zum Namenstage des Königs (am 12.10.
1815) liest Schelling in einer öffentlichen Sitzung der (bayerischen)
Akademie der Wissenschaften `Über die Gottheiten von
Samothrake (Beilage zu den Weltaltern)', in der u.a. Dionysos
entdeckt wird als der das Feuer der ersten
Potenz des Seienden (der dämonisch - zweideutigen Sehn - Sucht)
durch Gesang löschende Gott, der den Menschen aus »den Banden der
Notwendigkeit« befreit (später, 1842, wird Dionysus Vorläufer des
Wein und Brot segnenden Christus).
-
Die
in Erwägung gezogene Rückkehr S.s an die Universität Jena scheitert diesmal u.a. an
Goethe,
der bei verbleibender Sympathie mit den Gedanken des Philosophen
diplomatisch an Spinozas Ablehnung der Heidelberger Professur
erinnert (bestimmte Menschen wie »unser alter Herr und Meister
Benedict Spinoza, den Goethe im Juni 1785 noch als den »theissimus
und christianissismus« feierte, »können« bloss im stillen
gedeihen«), wahrscheinlich aber die proteushafte Unberechenbarkeit
S.s scheut;
-
vom
Spätherbst 1820 (bis 1827) an wirkt Schelling neben Joseph
Görres als Honorarprofessor in Erlangen.
In seinen Vorlesungen (u.a. `lnitia Universae Philosophiae, d.i.
Grundzüge oder System der gesamten Philosophie', 1821 `Über die
Natur der Philosophie als Wissenschaft'), die u.a. auch von Justus
Liebig, allerdings unter Ablehnung, gehört werden (Schellinghabe keine »Kenntnisse
in den Fächern der Naturwissenschaft«), nähert er sich der
`existentiellen' Grenze des Denkens, das nur in einer `Armut' des
Geistes sich dem »Ueberschwenglichen« ekstatisch öffnen kann: nur
wer durch sein Denken bis zu dem Ende der »Selbstvernichtung«
gekommen ist, kann zum `Glauben' frei werden.
-
Schelling
beschreibt den Weg vom sich selbst entwirklichenden Denken
zur Andacht, von der `negativen', den Grund und ihre Grenze
nicht bedenkenden, zur `positiven', sich den Grund voraussetzenden
Philosophie (so 1827), der als das Unvordenkliche die Freiheit ist.
Erst in der Krisis der Selbstverfügung kann ein Neuanfang
geschehen, da der Selbstand des Menschen durch die über die ganze
Natur verbreitete Schwermut unterminiert ist (selbst
die Schönheit und Kunst entstehen auf der Basis der Schwermut). Der Philosoph muß Haus, Weib, Kind und -
Gott verlassen, um in die Freiheit des Philosophierens zu gelangen.
-
Im
Sommersemester 1821 liest Schelling erstmals über die `Philosophie der
Mythologie' (später - Wintersemester 1828 /
29 in München gelesen als
`Historisch - Kritische Einleitung in die Philosophie der
Mythologie), im August 1822 über `Geschichte
der neueren Philosophie' (in München dann umgearbeitet): das Innerste der Geschichte ist die
Religionsgeschichte bzw. die Mythologie als der Reflex der
Ergriffenheit des Menschen durch ihm vorgegebene Mächte, durch das,
was ihn `unbedingt' angeht. Die Schellingschen Vorlesungen stoßen
auf unterschiedliche Reaktionen bei den Hören: während August Graf von Platen
- Hallermünde und Friedrich
Julius Stahl, der vor allem durch den 1. Band seiner
`Philosophie des Rechts nach geschichtlicher Ansicht' (Heidelberg
1830) viel zur Verbreitung, aber auch zur Fehlinterpretation S.scher
Gedanken beiträgt, sich beeindruckt zeigen, wittert Arnold
Ruge hinter der mythologischen Suche nach der Urweisheit eine
`reaktionäre' Geschichtssicht und eine Rechtfertigung präreflexiven
Seins.
-
Mit
der Wiedereröffnung der Universität (1826) wird Schellingnach München
berufen, im Mai 1827 zum Generalkonservator der (`königlichen')
wissenschaftlichen Staatssammlungen, zum Ständigen Präsidenten der
Akademie der Wissenschaften und damit zum Nachfolger des l819
verstorbenen Jacobi ernannt und hält am 26.11. 1827 die erste
Vorlesung in München mit dem missionarischen Pathos des endlichen
Neubeginns einer Freisetzung Gottes (Gott ist nicht nur natura
necessaria, sondern der »Herr des Seins«; Hinwendung zu einer
explizit `christlichen', den Anspruch auf umfassende Erkenntnis
jedoch nicht aufgebenden Philosophie), dann die `Vorlesungen zur
Geschichte der Neueren Philosophie' (Bayern war mit
Descartes`Aufenthalt 1619 an der bayerischen Grenze der Anfang der
neuzeitlichen Philosophie und könnte auch die Vollendung der
Philosophie einleiten) und weitere Vorlesungen (u.a. 1827 über die
`Weltalter', im Sommer 1828 über Mythologie, im Winter 1828 über
die `Philosophie der Offenbarung', im Frühjahr 1830 über die
`Einleitung in die Philosophie', 1832 / 33 über die `positive'
Philosophie, 1834 über die `Philosophie der Geschichte' und im
Winter 1838 / 39 über die `Philosophie der Offenbarung'), die er zu
vier Teilen seines Spätsystems gestaltet: die historische
Einleitung, die positive Philosophie, die Philosophie der Mythologie
und die der Offenbarung.
-
Schelling
nimmt immer stärker eine Grenzziehung zu seinen eigenen früheren
(quasi - spinozistischen, `pantheistischen') und von Hegel (eine, so
S., bloßes - traurige und seine eigenen Ansätze
verschlimmbessernde - »Episode«, ein »Kuckuck, der sich ihm [S.]
ins Nest gesetzt hat«, so SchellingBoisserée an Goethe, 1828) allerdings
mißverstandenen Bemühungen eines Panlogismus, nach dem alle Veränderung
nach dem Modell der Entfaltung des im Begriff (der Vernunft)
Gedachten (analog dem Begreifen der Winkelsumme des Dreiecks aus der
Natur des Dreiecks) verstanden wird, Schöpfung, Tat, Zeit und Persönlichkeit
also phänomenal und damit perspektivische Täuschungen sind; die
Furcht vor der durch die rationalistische Reduktion der Religion
erzeugten Langeweile wird nach Schelling »vollends die Kirchen veröden«.
Die Menschheitsgeschichte scheint einen `Riß' (einen Abfall)
vorauszusetzen, der die Annahme des Satans als des »nie gesättigten
principium movens der Weltgeschichte« nahelegt. Die von der
Vernunft erstellte Notwendigkeit gelangt nur zu einem Wesen der
`nicht anders sein könnenden' Denknotwendigkeit (zu `sachlichen'
Strukturen des Seins), das aber dennoch blind und starr sein könnte
und Freiheit gerade ausschließt. Kommt die Freiheit ins Spiel,
gerät die Vernunft an ihre Grenze: eigentliches, d. h. nunmehr
im S.schen Sinn `geschichtliches' Wissen bezieht sich auf die
Tatsachen, deren Gegenteil denkmöglich ist, so daß z. B. die
Mathematik, aber auch die rein logische Philosophie (Spinozas,
Hegels) keine Wissenschaften im emphatischen Sinne sind (»Eine
Wahrheit zu wissen, deren Gegenteil unmöglich ist, ist kein Wissen,
z. B. daß a = a sei. Jedermann wird sagen: Hiermit weiß ich soviel
als vorher - Nichts. Bei dem Wissen einer Wahrheit muß das
Gegenteil möglich sein.« so in seiner Vorlesung am 3.12.
1827).
-
Erlösung
kann es nur von Persönlichkeit zu Persönlichkeit,
also in der (`personalistischen') Begegnung, nicht aber durch ein
`vernünftiges' Gesetz geben (»Gott muß mit seiner Hilfe
entgegenkommen«).
-
Die
Existenz (Gottes) bleibt, wie Schelling nunmehr in Anknüpfung an Pascal
und Hamann, aber auch in positiverer
Einschätzung Jacobis (jetzt die »lehrreichtste Persönlichkeit
in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie«) sagen kann, das
von der Vernunft nicht einholbare, dem Denken vorgegebene Moment: »Es
hängt eben nicht alles so plan und einfach, als man sich vorstellt,
sondern gar wunderlich und insofern, wenn man will, ungereimt,
zusammen. Gott heißt im A. T. selbst ein wunderlicher Gott, d. h.
über den man sich wundern muß, und Hamann mit ganz eigentümlichem
Witz versteht in diesem Sinne die Worte... [ des ] Simonides.... je
länger ich über Gott nachdenke, desto weniger begreife ich ihn (er
versteht diese Worte nicht anders, als man sie auch von einem
wunderlichen oder gar paradoxen Menschen verstehen würde« (so
wiederum 1827).
-
Gerade
die nicht apriorisierbare Bewegung und Freiheit der Persönlichkeit
bleiben der Vernunft äußerlich (Frage nach der Möglichkeit eines
paradox anmutenden, Schelling schon in seiner Freiheitsschrift von 1809
beschäftigenden `Systems der Freiheit', so in einem Brief an
Christian H. Weiße, Juni 1833). Die Welt ist ein Knoten, der
nicht allein mittels der Wunderkraft der Dialektik gelöst werden
kann. Das `geschichtliche', d.h.
wesensmäßig `überraschende' Sein geht nicht in der Vernunft, die
»konkreten Dinge« nicht im Begriff auf: der
»blühende Garten« ist nicht identisch mit einem »toten Herbarium«,
so wendet sich am 18.1. 1827 der in Süddeutschland lehrende Schelling
gegen den in Berlin lehrenden Hegel. Sowohl die Staatsspitze
- der Monarch - als auch der Erlöser - Christus - sollen persönlich,
weil zur (nicht erwartbaren, `erstaunlichen' und `ir - rationalen',
d.h. unberechenbaren und damit `wundervollen') Begnadigung ermächtigt
sein. Einige der Hörer S.s (u.a. Arnold
Ruge, Heinrich Heine) sehen in Schelling nunmehr den reaktionären Renegaten der
eigenen Jugendideale (Schelling sei, so Ruge, der Beweis für den
Satz Herodots, die Alten könnten zu alt werden.), Schelling vertrete »die
restaurierende Reaktion« innerhalb des Deutschen Idealismus (so
Heinrich Heine).
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1833
erhält Schelling durch Vermittlung Cousins, des Direktors der Pariser
Ecole normale supérieure und des Übersetzers Proklos`, den Orden
der Ehrenlegion und wird damit neben Schleiermacher und Carl von
Savigny korrespondierendes Mitglied der Pariser Akademie der
Wissenschaften: 1834 schreibt er (als erste literarische Veröffentlichung
seit 1815) die `Vorrede zu Hubert Beckers Übersetzung einer Schrift
Victor Cousin' und überarbeitet seine `Darstellung des
philosophischen Empirismus' (um 1834);
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1835
wird ihm vom König Ludwig die Erziehung des Kronprinzen und späteren
Königs Maximilian übertragen (1836 - 1840), und seit 1837
redigiert er die Sparte für Philosophie der `Gelehrten Anzeigen der
k. bay. Akademie der Wissenschaften', in der u.a. sein
wohl treuester Schüler, Hubert Becker,
die S.sche Philosophie zu verbreiten sucht.
-
Die
schon seit 1834 z.T. von Wilhelm von
Humboldt und Ch. K. J. Bunsen unternommenen Verhandlungen für
eine Berufung S.s nach Berlin kommen 1840
zum Abschluß: König Friedrich Wilhelm IV. erwartet von Schellingdie
Bekämpfung
der »Drachensaat des hegelschen Pantheismus«, der die
Wirklichkeit in »Uebermuth und Fanatismus der Schule des Begriffs«
unterwerfe und besonders in seiner religionskritischen Position die
Destruktivität zeige.
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Nach
einem erneuten Aufenthalt in Karlsbad
kommt Schellingim Oktober 1841 in Berlin, der »Hochburg des Hegelianismus«
(Fuhrmans 1940), an, bezieht eine Wohnung Unter den Linden Nr. 71,
wird am 11.11. 1841 Geheimer Rat und kann so in den preußischen
Dienst treten: am 15.11. hält er im Auditorium Nr. 6 als Mitglied
der Berliner Akademie der Wissenschaften seine erste Vorlesung, die
u.a. Carl von Savigny, Friedrich A.
Trendelenburg, Sören Kierkegaard, Friedrich Engels, Alexander von
Humboldt, Michael Bakunin, Ferdinand Lassalle, Johann Gustav
Droysen, Henrik Steffens, Jacob Burckhardt und Leopold (von) Ranke hören,
mit dem Schelling auch gesellschaftlichen Umgang pflegt: vom preußischen
Staat protegiert (November 1842 Ernennung zum Wirklichen Geheimen
Oberregierungsrat) hat die Gegenwart Schellingüberholt: auch die von
Schellingvorgenommene Unterscheidung zwischen einem petrinisch - katholischen
Christentum der Vergangenheit, einem paulinisch-protestantischen
Christentum der Gegenwart und einem an Gedanken seiner Frühzeit und
an Lessing in der `Erziehung des Menschengeschlechts' (§§ 86 ff.)
erinnernden, utopisch erwarteten
johanneisch-universellen Christentum der Zukunft, dem `Dritten
Reich' (nicht eine privatistische, nicht eine Staatsreligion,
sondern eine »wahrhaft öffentliche Religion«, eine
»nichts mehr ausschließende Stadt Gottes..., in die Heiden und
Juden gleich eingehen..., die ohne beschränkenden Zwang, ohne äußere
Auktorität welcher Art sie auch sey, durch sich selber besteht,
weil jeder freiwillig herbeikommt...«) vermag nicht mehr zu
überzeugen: daß das Christentum nach den auch für Schellingüberholten
Formen des Katholizismus und des Protestantismus (»Der
Protestantismus für sich ist so wenig als der Katholizismus für
sich.« so 1834 in einem Brief an den sog. Spätidealisten Christian
Hermann Weiße, der Schelling seit 1830 persönlich kennt) eine Relevanz
haben kann, wirkt jetzt anachronistisch: den (Links -) Hegelianern
erscheint Schelling als der »Judas Ischarioth der
Philosophie«, als der »große Scharlatan«, als ein »Rhinozeros«,
das eigentlich nichts Neues weiß (so Arnold Ruge, der Schellingpersönlich
im Oktober 1841 in Karlsbad trifft), als ein Halbphilosoph, der nach
einer kühnen Fahrt des gottestrunkenen Gedankens »in den seichten
Hafen des Glaubens« (Friedrich Engels) zurückkehre, Ausdruck der
»Sehnsucht des von seinen Irrfahrten auf eigene Hand schiffbrüchig
heimkehrenden Verstandes nach einem Positiven« (E. von Hartmann),
als ein »Windbeutel« (Karl Marx), dessen Erledigung indirekt ein
Angriff auf die preußische Politik sei: die S.sche
Philosophie sei die »preußische Politik sub specie philosophiae«,
allein die Frühphilosophie der Natur sei der »aufrichtige
Jugendgedanke S.s«, der aber jetzt (nämlich 1843), in Ludwig
Feuerbach, der immerhin seine Dissertation (1828) Schelling nach München sandte, einen `realistischeren' Interpreten
gefunden habe; auch Jacob Burckhardt und Sören
Kierkegaard wenden sich nach anfänglicher Euphorie (als Schelling »das Wort `Wirklichkeit' nannte, da hüpfte die Frucht des
Gedankens in mir vor Freude wie in Elisabeth«, so Kierkegaard im
November 1841, dann im Februar 1842, Schellinghabe ihn »ganz und gar
nicht befriedigt«. S.s Potenzlehre »bekundet die höchste Impotenz«)
enttäuscht ab.
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In
seiner in den Jahren 1842-1846 wiederholt gehaltenen Vorlesung über
die Mythologie verabschiedet Schelling definitiv
die `mystische' Konzeption einer identitätsphilosophischen Versöhnungstheorie:
die Notwendigkeit des Handelns entreißt den Menschen der
unendlichen Vermittlungsbewegung des Denkens und führt aufgrund der
für das Handeln notwendigen Subjekt - Objekt - Differenz in die »Verzweiflung«,
die nicht weggearbeitet, sondern nur durch externe Gnade besiegt
werden kann.
-
Die
von dem Rationalisten H. E. G. Paulus vorgenommene Herausgabe der
Mitschrift eines S.-Kollegs (`Die endlich offenbar gewordene
positive Philosophie der Offenbarung oder Entstehungsgeschichte, wörtlicher
Text, Beurtheilung und Berichtigung der v. Schellingschen Entdeckung über
Philosophie überhaupt, Mythologie und Offenbarung des dogmatischen
Christenthums im Berliner Wintercursus von 1841 / 42.Der allgemeinen
Prüfung vorgelegt von Dr. H. E. G. Paulus... 1843') und die
Ablehnung seiner Plagiatsklage lassen Schellingöffentlich verstummen,
nachdem er noch Friedrich Max Müller
zur Übersetzung der Upanischaden als einer Urweisheit der
Menschheit anregt.
-
Die
von Schelling für das Wintersemester 1847 / 48 angekündigte Vorlesung
`Die neuere Philosophie seit Cartesius in ihrem Zusammenhang und
Fortschritt' wird nicht mehr gehalten, lediglich in der Berliner
Akademie der Wissenschaften hält er (1847-1852) noch Lesungen, z.
B. über Kants Ideal der reinen Vernunft.
-
Im
Januar 1849 verleiht der bayrische König
Maximilian II. Schelling das Großkreuz des bayerischen Verdienstordens;
1853 wird Schelling Mitglied des Maximiliansordens für Kunst und
Wissenschaft, begibt sich Mitte Juli, um eine Kur anzutreten,
über die Wilhelmshöhe (Kassel,
Oktober 1853) nach Bad Ragaz (Schweiz), wo er am 20.8. 1854 an
einem Katarrh stirbt: im gleichen Jahr (13. 12. 1854) stirbt auch
seine Frau Pauline in Gotha.
-
König
Maximilian läßt Schelling ein Denkmal errichten mit den Worten `Dem
ersten Denker Deutschlands'.
-
1856
erscheinen unter der Leitung des Sohnes Karl Friedrich August die Sämtlichen
Werke Schellings, die vor allem durch die geplante Herausgabe der Diarien
und mittlerweilen gefundenen Erstversuche ergänzt und korrigiert
werden werden.
-
Ein
Großteil seiner in der Universitätsbibliothek München gelagerten
Manuskripte wird im 2. Weltkrieg zerstört.
-
Es
gibt, z. B. im Unterschied zu Kant und Hegel, keine
S.-Schule (Karl Jaspers); es scheint, daß die Schellingsche
Forderung, die Philosophie solle wieder in den allgemeinen Ozean der
Poesie zurückfließen (so 1800), verhinderte, daß sein Denken sich
in eine klare Form hineinbildete.
-
Ist
Schellingdas »eigentliche `Genie' im verspäteten
Stil der Stürmer und Dränger', der beide, Hölderlin und Hegel,
glatt in den Schatten stellt« (Horst Althaus); ist Schelling vielleicht nicht nur Genie, sondern
auch
`Zauberer' (Jaspers), nur der Proteus (Wilhelm Windelband),
dessen Werk ständig Torso (Horst Fuhrmans)
bleibt, dessen Größe allein in seinen Einleitungen und Programmen
liegt? Ist er der »Philosoph der Romantik
par excellence« (Paul Tillich), der ein »eigentümlich
traumhaftes Gedankenleben« führte, voll der »Fremdheit gegenüber
faßlichen Realitäten überhaupt« (Karl Jaspers), der `bodenlos
produzierend', aber wirklichkeitsallergisch war?
-
Schelling
war ein Feind der »geistigen Gemeinheit
aller Art«, wie sie sich für ihn z B. in der Vernutzung der Natur
zeigt. Es gibt, wie er 1807 sagen kann, eine ȟber das
gemeine Maß erhabene Vollkommenheit«, nämlich - die Kunst: es
gibt, wie Schellingin seiner Frühzeit sagen kann, »aus
der gemeinen Wirklichkeit... nur zwei Auswege, die Poesie, welche
uns in eine idealische Welt versetzt, und die Philosophie, welche
die wirkliche Welt ganz vor uns verschwinden läßt«.
-
Während
J. G. Fichte als der Prophet des 19. Jahrhunderts (E. Hirsch)
bezeichnet werden wird, bleibt Schelling der Außenseiter und wird selbst
von dem auf das Dreigestirn Fichte, Hegel
und Schelling eindreschenden Schopenhauer verhältnismäßig respektvoll
behandelt.
-
Das
öffentliche, `realistische' Deutschland des 19. Jahrhunderts scheut
das Bekenntnis zu S.: Heinrich von
Treitschke meint, dem »widerlichen Gesichte - halb sinnlich,
halb anmassend -« ansehen zu können, daß von dem »Manne Nichts -
oder nichts Gutes - in unser Fleisch und Blute übergegangen ist«;
-
die
Junghegelianer (Arnold Ruge, Karl Marx u.a.)
und ihre politisierenden Nachfahren im 20. Jahrhundert (z. B. Roger
Garaudy, Georg Lukács) werfen SchellingRomantizismus, Ästhetizismus und
Aristokratismus als Signaturen eines bürgerlichen Eskapismus vor; der
beständigere und die Arbeit des Begriffs nicht scheuende, manchen
allerdings auch als bieder erscheinende Gefährte und spätere
Antipode Hegel läuft Schelling den Rang ab, zumal Hegel eine Theorie der bürgerlichen
Gesellschaft liefern kann; die `empirischen Naturwissenschaftler'
(bes. die Mediziner) sehen im `Scheitern' der sog. Naturphilosophie
die Berechtigung für ihren prinzipiellen Ausstieg aus der
Philosophie und der spekulativen Durchdringung ihrer eigenen
Disziplin;
-
dem
Mathematiker und Physiker Carl Friedrich Gauß
sollen beim Lesen S.s die `Haare zu Berge' gestanden haben, Justus
Liebig hätte die Naturphilosophen vom `Schlage Schellings' am
liebsten alle ins Gefängnis gesteckt; erst die Philosophen, die den
herrschenden Trends widerstehen wollen, wenden sich Schelling zu: die gegen
Hegel denkenden Spätidealisten Christian
Hermann Weiße und Immanuel Hermann Fichte, die Begründer des
`nachpantheistischen Theismus', berufen sich auf den Schelling der Zeit
nach 1809, um Persönlichkeit und Freiheit gegen den Weltlogos zu
retten;
-
die
Philosophen des Unbewußten (von Eduard von
Hartmann über Arthur Schopenhauer bis zu Schelling Freud) entdecken in der
Subversion des Bewußtseins und des Ichs Schellingals einen »Zeitgenossen
inkognito« (Odo Marquard);
-
die
gegen den Begriff andenkenden Lebensphilosophen
sind von Schellinginspiriert (die Natur als Antidotum der
Abstraktion) in ihrer Opposition von Abstraktion und Leben (bzw.
Anschauung); die Philosophen der Endlichkeit, beSchellingdie der deutschen
Existenzphilosophie (Karl Jaspers, Martin Heidegger, aber auch
Gabriel Marcel) sehen sich in S.s Spätphilosophie bestätigt:
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ab
1809 wird das `Nichts' nicht dialektisch eingefangen und damit
aufgehoben, sondern als »letzte Drohung« zugelassen und damit die
Totalität des Systems gesprengt: es gibt, so der Entdecker des
`existentialistischen Protestes' bei S., Paul Tillich, dessen eigene
Arbeit an den Problemen der systematischen Theologie undenkbar wäre
ohne S., »in der existentialistischen
Literatur des 20. Jahrhunderts kaum einen Begriff...., der nicht aus
diesen Vorlesungen, d.h. der Philosophie der Mythologie und
Offenbarung, stammt« (Tillich denkt z. B. an Angst, das Unbewußte,
Schuld, das Dämonische und - natürlich - die Existenz i. G. zur
Essenz);
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die
Kritiker der subjektivitätsorientierten Transzendentalphilosophie
begrüßen Schelling als den, der das Bewußtsein durch die Natur (um
1797), durch die (eventuell mit Ernst Bloch
und Jürgen Habermas materialistisch zu deutende [...])
`Basis' der Existenz (1809) oder durch die vorweltliche Geschichte
Gottes (ab 1804) entsetzt: der Mensch wird in der Voraussetzung des
seiner Vernunft gegenüber Anderen erst wahrhaft frei; versucht er
dagegen, über den Grund seiner Existenz zu verfügen, wird seine
Geschichte böse: in Umkehrung aufklärerischer Axiome ist der
Mensch eher als »Geschichtsleider« denn als »Geschichtstäter« (Odo
Marquard) gesehen, die Herkunft (des Ichs) und Erinnerung (an
das Vorbewußte) erscheinen wichtiger als Zukunft und Planung:
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der
Mensch scheint nicht über sich verfügen zu können, ist eher
geworfener als absoluter Entwurf und benötigt deswegen die Ärzte,
Künstler, Mythen und die Religion. Der Mensch muß mit Schellinglernen,
nie ganz er selbst zu sein. Deshalb stand Schelling Pate bei der »Psychosomatik
oder der anthropologischen Medizin des 20. Jahrhunderts«, bei
Ludwig Binswanger, Victor von Weizsäcker und Carl Gustav Jung, bei
den Medizinern, die den Menschen [...] in seiner leibseelischen
Natur beachten wollen.
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