SCHELLING   1775 - 1854

Nicht hier    Natur und Geist

Nicht hier    Gehirn

Nicht hier    Wie entsteht Wahrnehmung?

Nicht hier    Wie frei ist der Mensch?

Nicht hier    Determinismus versus Freiheit
     
nach  Ernst Tugendhat

GOTT - WELT - MENSCH

"Beim Schöpfungsakt [handelt es sich] nicht um eine Selbstbeschränkung Gottes auf eine seiner zahllosen Möglichkeiten etwas zu schaffen, sondern darum, dass Gott den ihm durch die Potenzen vorgegebenen Möglichkeiten nur ihre Dassheit verleihen kann, damit diese zu Prinzipien des Seienden werden. Die Schöpfungsfreiheit Gottes wird eingeschränkt auf eine Indifferenzfreiheit, die zwischen den beiden Möglichkeiten eines außergöttlichen Seins und eines außergöttlichen Nichtseins der gottinwendigen Potenzen wählen kann. Fällt die Wahl Gottes auf das außergöttliche Sein der Potenzen, emaniert Gottes unvordenkliche Existenz vermittelt über den Potenzenprozess und geht in die Entwicklung der durch die Prinzipien entfalteten Werdewirklichkeit mit ein. Durch die Vermittlung des Seins Gottes mit der Schöpfung über die Potenzen muss die aus Gott hervorgegangene Werdewirklichkeit ihrer Faktizität nach als Willensoffenbarung, ihrer Washeit nach als Wesensoffenbarung Gottes verstanden werden."

Schelling teilt in diesem Punkt die Ansicht von Leibniz, dessen Theodizee er zitiert: „Es ist eine gewisse Sache, daß Gottes Existenz nicht eine Folge seines Willens ist; er existiert nicht, weil er will, und wenn er ebenso wenig allmächtig oder allwissend ist, weil er es seyn will, so kann sich sein Wille überhaupt nur auf außerhalb ihm Seyendes erstrecken, doch auch so nur darauf, daß es ist, nicht aber auf das, was zum Wesen desselben gehört. Gott, wenn er wollte, konnte die Materie, den Menschen, den Kreis nicht wirklich machen, aber unmöglich war ihm, sie wirklich zu machen, ohne ihnen ihre wesentlichen Eigenschaften mitzuteilen, die demnach nicht von seinem Wollen abhängen."

Mit dem Erreichen des Gedankens der Indifferenzfreiheit Gottes in Bezug auf eine mögliche Schöpfung stellt sich die Frage, was Gottes Willen zur tatsächlichen Schöpfung bestimmt haben kann, also die Frage nach dem Grund des realen Schöpfungshandelns Gottes.


Schelling verwirft als Beweggrund jede innergöttliche Notwendigkeit, die Gott bewegen könnte, sein nicht selbst gesetztes Sein in ein selbst gesetztes und gewolltes Sein zu verwandeln, „um die unvermittelte aber darum blinde Affirmation seines Seyns in eine durch Negation vermittelte zu verwandeln". Weil Gott sich auch ohne den Akt der Selbstsetzung des Seins in der ganzen Vollständigkeit seines Seins erblickt, bedarf er für sich selbst der Schöpfung nicht. Er weiß in Ewigkeit, dass die in Spannung gesetzten Potenzen sich wiederherstellen werden. Ein innergöttliches Motiv, wie etwa eine durch die rotatorische Bewegung von Anfang, Mitte und Ende der Gestalten in Gott hervorgerufene „Unseigkeit" kommt für Schelling als Schöpfungsmotiv nicht in Frage. Das eigentliche Motiv für die Schöpfung kann nur in etwas liegen, das ohne den Schöpfungsakt, „d.h. ohne jenen Prozeß, der durch die gegenseitige Spannung der Potenzen entsteht, gar nicht seyn könnte".

Dasjenige, was nicht ohne den durch den göttlichen Willen gesetzten Prozess entstehen kann, ist allein die Kreatur und als Ziel aller kreatürlichen Entwicklung der Mensch. Alle anderen Kreaturen sind nur Momente im Entwicklungsprozess auf das Ziel des Menschen hin. Nur um des Menschen willen entschließt sich Gott, das Andere, das er sein kann, auch zu werden. Das unvordenkliche Sein wird von Gott nur hinweggenommen, um der Schöpfung und letztlich dem Hauptzweck der Schöpfung, dem Menschen, Raum zu geben

"Schelling sieht im Menschen das Ziel der Wiederherstellung des in Spannung versetzten Seins. Der Anfang der Schöpfung besteht darin, die göttlich gewollte Erhebung als möglich ersehene Bildung der Dinge sich selbst zu überlassen. Das, was im Prozess der Schöpfung entsteht, ist nichts von den Potenzen substantiell verschiedenes. In den unterschiedlichen Bildungen wird bis hinauf zum Menschen die Realität der Potenzen eingeholt, um es in das „Erkennende von sich (Gottes) zu verwandeln". Ziel der Schöpfung ist es, durch den Menschen die unbegreifliche, innergöttliche reine Wirklichkeit, den „actus purissimus zu einem begreiflichen, unterscheidbareen Vorgang zu machen, dessen sämtliche Momente in einem letzten , zur Einheit wiedergebrachten Bewußtsein niedergelegt und selbst vereinigt sein sollten". Schelling deutet den Menschen somit als die zurückgebrachte Einheit der in Spannung gesetzten Potenzen, nicht als etwas von Gott wesensverschiedenes, sondern als den zu Bewusstsein gebrachten Gott. Es geht Gott bei der Schöpfung darum , "ein Bewußtsein seiner selbst außer sich zu setzen" und damit das göttliche Leben ad extra zu wiederholen."

"Von Ewigkeit also sieht er sich als Herrn, sein unvordenkliches Seyn aufzuheben, allerdings nicht absolut es aufzuheben, aber es zu suspendieren, damit es ihm so mittelst eines nothwendigen Prozesses zum selbstgesetzten, zum freigewollten und so erst göttlich nothwendigen Seyn werde. Er sieht sich, sage ich als Herrn, dies zu thun;"

"Entsprechend heißt es in der Anderen Deduktion präzise, dass Gott zur Schöpfung bewogen wird, nicht wegen etwas, dass „schon außer ihm wäre, sondern wegen etwas, das erst durch diesen Prozeß wirklich würde und dessen Möglichkeit er eben durch die ihm unmittelbar sich darstellende Potenz vermittelt sieht."

 

Quelle: Frank Meier - Transzendenz der Vernunft und Wirklichkeit Gottes S. 251 ff.

 

       

"Wenn wir uns die Geschichte als ein Schauspiel denken, in welchem jeder, der daran Theil hat, ganz frei und nach Gutdünken seine Rolle spielt, so läßt sich eine vernünftige Entwicklung dieses verworrenen Spiels nur dadurch denke, daß es Ein Geist ist, der in allen dichtet, und daß der Dichter, dessen bloße Bruchstücke die einzelnen Schauspieler sind, den objektiven Erfolg des Ganzen mit dem freien Spiel aller einzelnen schon zum voraus in Harmonie gesetzt hat, daß am Ende wirklich etwas Vernünftiges herauskommen muß. Wäre nun aber der Dichter unabhängig von seinem Drama, so wären wir nur die Schauspieler, die ausführen, was er gedichtet hat. Ist er nicht unabhängig von uns, sondern offenbart und enthüllt er sich nur successiv durch das Spiel unserer Freiheit selbst, so daß ohne diese Freiheit auch er selbst nicht wäre, so sind wir Mitdichter des Ganzen und Selbsterfinder der besonderen Rolle, die wir spielen."

Werke, I, Abt. Bd. III (1858)

 

 

Literatur: XAVIER TILLIETTE: Schelling. Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2004 

Vom Seegang der Sätze:

Schelling liebt die knappe Definition, die kantige Schärfe, das immer wieder sich Abstoßen vom einmal Gesagen in einer Flut von "doch" und "aber", er wird groß in der Verlebendigung des Gedankenflusses, in dem der Wirbel zu erzeugen vermag, Wirbel von solchem Sog, dass sich dem leichtfertigen raschen Leser der Kopf verwirrt. Hier scheint alles lebendig, und so muss es sein in einer Philosophie, deren Grundmotiv die Freiheit war. Um das auszubuchstabieren, hat Schelling immer wieder zu religiösen Termini und Wendungen gegriffen, aber im Strudel seiner Sätze deren Gehalt so verändert, dass keine christliche Konfession ihre rechte Freude daran haben dürfte.

Aus der SZ von Jens Biski vom 20.8.2004

Die Natur ist der sichtbare Geist,der Geist
die unsichtbare Natur

Aus:  XAVIER TILLIETTE: Schelling. Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2004  Seite 55 ff.

"Die Natur ist der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur"

"Das Geheimnis der Schöpfung und der natürlichen Produktion (Natur, physis, bedeutet 'produzieren', 'erschaffen') liegt in Schellings Deutung des Geistes und der Natur. ...
Das Problem einer äußeren Natur ... wird dank einer vollkommenen Entsprechung und Korrelation zwischen einem Geist, der eine innere Natur ist, und einer sichtbaren, dem Geist zugänglichen Natur gelöst. Der Geist der Natur und die Natur des Geistes sind identisch. ... 'Die äußere Welt liegt vor uns aufgeschlagen, um in ihr die Geschichte unseres Geistes wieder zu finden.'...

Die Natur, die auch Natur außer uns genannt wird und ebenfalls in uns ist, ist zugleich ein Keim und Analogon des GeisteSchellingSie entspricht diesen hellseherischen Gedanken der Natur im menschlichen Geist, der sicht letztendlich nur durch die Anhaltspunkte und Markierungen der natürlichen Schöpfung entwickeln könnte: Die Welt kennenzulernen bedeutet, denken zu lernen. Die 'Natur in mir' ist eine Prämisse, eine Vorahnung; der menschliche Geist ist ein leiblicher und kein reiner Geist.

siehe dazu auch:     Wie entsteht Wahrnehmung?       Wie frei ist der Mensch?

 

Quelle: Biographisches - Bibliographisches Kirchenlexikon 

Theodor Frey

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