Dieser strahlende, beherrschende Stein-Blick ist immer auch eingetrübt im Wissen und das Entsetzliche, das Menschen einander antun, ist voll der Trauer und Wehmut vor diesem umgestürzten Hafen.

Dienstag, 5. Mai 2009

Mit Trauer und Dankbarkeit für eine Jahrzehnte lange, reiche und faszinierende Zusammenarbeit geben wir bekannt, dass die Schauspielerin Gisela Stein gestern am 4. Mai 2009 gestorben ist.

Gisela Stein, am 2.10.1934 in Swinemünde (Pommern) geboren und in Wiesbaden zur Schauspielerin ausgebildet, erlebte nach ersten Engagements in Koblenz, Krefeld und Essen ihre prägenden Jahre an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin, wo vor allem der Regisseur Hans Lietzau ihr Mentor war. In seinen Inszenierungen von Frischs „Graf Öderland“ und Tschechows „Iwanow“ und „Der Kirschgarten“ spielte sie zentrale Rollen, doch auch bei anderen wichtigen Regisseuren der Zeit war sie Protagonistin: Erwin Piscator, Fritz Kortner, Niels-Peter Rudolph und seit 1970 Dieter Dorn, dem sie 1980 an die Münchner Kammerspiele folgte und so, in 20 Jahren dort und in acht Jahren im Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels, zu einer Größe des Münchner Theaterlebens und einer prägenden Figur des deutschen Theaters wurde. Über Jahrzehnte war sie in fast jeder der großen Dorn-Inszenierung zu sehen: als Protagonistin der großen antiken Tragödien („Die Perser“, „Hekabe“) und der deutschen Klassik („Iphigenie auf Tauris“, „Torquato Tasso“, „Prinz Friedrich von Homburg“), als Shakespeare-Darstellerin („Was ihr wollt“, „König Lear“, „Der Sturm“, „Cymbelin“), in Stücken der klassischen Moderne („Glückliche Tage“) und immer wieder in neuen Stücken von Botho Strauß. Ihre letzten großen Rollen im Residenz Theater waren die Mutter in Genets „Wänden“ (2003), Lissie Kelch in der Uraufführung von Botho Strauß’ „Die eine und die andere“ und die Chorführerin in Euripides’ „Bakchen“. Neben ihrer Arbeit auf der Bühne war Gisela Stein auch eine glänzende Leserin; ihr Herzensprojekt war die Rezitation der Bibel in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig.

Preise und Auszeichnungen (Auswahl):
Trägerin des Tilla-Durieux-Schmucks 1977
Deutscher Kritikerpreis 1988
Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst 1999
Oberbayerischer Kulturpreis 2001
Hermine-Körner-Ring 2004
Mitglied der Akademie der Künste, Berlin und Bayerischen Akademie der Schönen Künste


Dieter Dorn:
„Gisela Stein war in ihrer langen Zeit an den Münchner Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel eine zentrale Figur der Ensembles und verstand sich immer als Ensembleschauspielerin im Dienst des Theaters, dem sie ihr Leben und all ihre viele Kraft gewidmet hat. Wir haben uns in einem ununterbrochenen künstlerischen Streit befunden, positiv und von gegenseitigem Respekt und Zuneigung geprägt. Aus ihm sind alle unsere Versuche entstanden, klassischer und moderner Theaterliteratur gerecht zu werden. Gisela Steins sprachliche Ausdrucksfähigkeit war unvergleichlich, ob in der Versrede der antiken Tragödie oder der wirklichkeitsnahen Sprache zeitgenössischer Autoren. Was die Sprache angeht, sind wir gemeinsam bis zum Äußersten gegangen. Wir haben ein ganzes Leben auf der Bühne verbracht und uns dabei immer aufeinander verlassen können – es fällt schwer, nach einer solchen lebenslangen gemeinsamen Arbeit einzelne Stücke und Rollen hervorzuheben. Die Begegnung mit Gisela Stein war eine der wichtigsten meines Theaterlebens.“

In Troilus und Cressida

Das Spiel vom Fragen
Peter Handke
Regie Elmar Goerden
Ein Einheimischer
12. Oktober 2001 Residenz Theater

Hekabe
Euripides
Regie Dieter Dorn
Hekabe
24. Oktober 2001 Residenz Theater

Uraufführung
Die eine und die andere
Botho Strauß
Regie Dieter Dorn
Elisabeth (Lissie) Kelch
27. Januar 2005 Residenz Theater

Die Bakchen
Euripides
Musik Robyn Schulkowsky
Regie Dieter Dorn
Chorführerin der Bakchen
11. Oktober 2005 Residenz Theater

 

Ausschnitt unter Verwendung eines 
Fotos von Thomas Dashuber

Wir verletzen, also sind wir - 
Botho Strauß 
Uraufführung im Residenz Theater 
am 27.1. 2005  

Die eine und die andere -
Insa und Lissie -
Cornelia Froboess 
und Gisela Stein

Insa und Lissie zelebrieren ihre Lebensfeindschaft aus den Verletzungen der Vergangenheit und ordnen sie neu, für die Ankunft der letzten Hoffnung, der Ankunft des letzten Liebhabers. Sie sind aneinander gekettet durch die Verletzungen, die sie erfahren und sich gegenseitig schamlos weitergegeben haben.

"Niemand passt mehr in ein einzelnes Leben. Ein Mensch flieht zum nächsten. der flieht zum übernächsten. Uns so fort. Unendlich. Irgendwo, auf freier Strecke, mitten auf der Flucht von einem zum nächsten, bleibt der Mensch plötzlich stehen, erstarrt in seiner letzten Figur."

Das Stück lässt seine Szenenfolge wie ein Kiesel über das Wasser springen; es entdeckt - wie Rolf Schröder im Programmheft schreibt - viel Komik in der weitläufigen Tristesse des 'großen Nachlassens'. Es nimmt das Schwere leicht und das Unbedeutende ernst.

"Die Gegenwart der einen und der anderen ist in dem neuen Stück von Botho Strauß direkt geknüpft an Erinnerung. An die Erinnerung vergangener Anstrengungen, Kämpfe und Intrigen, verschwundener Männer und nicht recht gelungener Lebenspläne. Insa: ?Aber das Furchtbare ist: ich sehe meine Spur nicht. Ich finde sie nicht. Nicht vor, nicht hinter mir. Ich weiß nicht, wo sie geblieben ist.? Der überraschende Neubeginn der einen mit der anderen erweist sich als Fortsetzung der Vergangenheit, die Erwartungen erweisen sich als so trügerisch wie die vergangenen. Die nächste Generation, Tochter und Sohn treffen sich, können aber zueinander nicht finden, schon und gerade nicht, weil sie denselben Vater haben. Die Verhältnisse sind ?belastet?, nicht nur die zwischen den Menschen, sondern auch die zu den Dingen. ?So ein Stuhl ist eben nicht bloß ein Stuhl. Niemand könnte sagen: dieser Stuhl ist nichts als ein Stuhl.? In der Wirklichkeit ist nichts eindeutig, aber was ist wirklich? Das Stück spielt in der Stadt und auf dem Land, an keinem der beiden Orte kommen die Personen zu sich, ihr eigentlicher Ort ist der Dialog, in dem jede der beiden sich zu situieren versucht."

Überblick über die Stücke von Botho Strauß(ss), 
die ich bisher auch noch gesehen habe:

Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia - Residenz Theater (2002)
Ithaka - Kammerspiele (1996)
Das Gleichgewicht - Kammerspiele(1996)
Schlusschor - Kammerspiele (1991)
Besucher - Kammerspiele (1988)
Der Park - Kammerspiele (1984)
Kalldewey Farce - Kammerspiele (1983)

 

Peter
Herzog

Doris
Schade

 

Auch die Schauspielerin des Jahres vereint 8 Befürworter: Es ist Sunnyi Melles als Jelena in Barbara Freys «Onkel Wanja» am Bayerischen Staatsschauspiel. Auf dem zweiten Platz (5mal gewählt) liegt der Neuzugang der Berliner Volksbühne, Birgit Minichmayr, für ihre Medea in Grillparzers «Goldenem Vließ», noch am Wiener Burgtheater, und die Trina in Frank Castorfs «Gier nach Gold», gefolgt von gleich drei Damen mit je 3 Stimmen auf Platz 3: Fritzi Haberlandt als Thalia-Lulu, Susanne Lothars Blanche in der Frankfurter «Endstation Sehnsucht» und Nina Kunzendorfs Ysé in Claudels «Mittagswende» an den Münchner Kammerspielen. (Aus dem Jahrbuch Theater heute 2004)

 

 

Doris Schade



Doris Schade wird achtzig Jahre jung - eine Liebeserklärung

 "Begnügen sich andere Schauspieler, mit ihrer Identität in Rollen zu schlüpfen, also die fiktiven Figuren zu okkupieren, wagt Doris Schade viel Schwierigeres. Sie will die Frauen, die sie spielt, einnehmen, gewinnen. Nicht, dass sie hinter den Gestalten verschwindet - nein, man erkennt sie noch an der klaren Artikulation, an der Sparsamkeit der genau gesetzten, nie zufälligen gestischen Zeichen - und an ihrem Lachen! -, aber nie, nein nie, drängelt sich die Schade vor die Frauen, die sie verkörpert. Sie ordnet sich ihnen unter, verhilft ihnen zu Recht und Gegenwärtigkeit; befragt jedes Wort, das sie äußert, nach dem Wert, das es besitzt, einem Menschen eine Biographie zu geben. Selbst nach 58 Jahren auf der Bühne - sie debütierte 1946 an den Städtischen Bühnen Osnabrück - wirkt sie in jeder Rolle verblüffend neu. Sie entdeckt eine Frau. Und wir entdecken eine Doris Schade, die wir noch nicht kennen. Sie ist immer eine Überraschung.

 Eine, die immer beglückt. Es ist eine Lüge, muss eine sein, aber auf die Frage, warum ich Kritiker geworden bin, kann die Antwort nur lauten: Weil ich Doris Schade habe spielen sehen. Niemand vermag, sich ihrer Kunst zu entziehen. Nur die Hartherzigen vielleicht, die ganz Unsensiblen und jene, die von der Liebe nichts wissen (wollen), schaffen es, ernst zu bleiben, wenn eine der Doris Schade-Frauen lacht; nicht zu weinen, wenn sie das Leid einer Gedemütigten oder Verzweifelten offenbart. Und jeder will sich verlieben, sofort und immer wieder, spricht Doris Schade von Begehren. Sie vermag, worum andere Schauspieler ein Leben lang vergeblich ringen: In den Rollen anderer verführt sie den Zuschauer, nicht allein die Shakespeare-, Kleist-, Müller-, Schwab- und Lessing-Frauen zu mögen, sondern sie, die ihnen Leben verleiht, noch dazu. Der Verwandlungsvorgang dieser Schauspielerin ist absurd schön. Doris Schade, die hinter den Figuren verschwindet, bleibt dennoch in ihnen stets auszumachen. Präsent als ein Wesen, das verzaubert. Weil es nicht mogelt, nicht trickst. Nicht schwindelt. Scheu zwar und ein wenig ängstlich, sagt sie immer die Wahrheit. Auf der Bühne und hier im Blauen Haus, der Kantine der Münchner Kammerspiele, zu deren Ensemble Doris Schade von 1961 bis heute gehört - mit einer Unterbrechung von fünf Jahren, als sie 1972 bis 1977 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg arbeitete.

 War es ein Glück, dieser Beruf? Sie schaut auf den hellen Holztisch, überlegt, hebt den Kopf, lächelt und sagt erst einmal: ¸¸Ich bin weniger unglücklich, wenn ich spiele." Viel später erst wird sie äußern, dass ihre Kunst, die dem Betrachter so leicht gewonnen scheint, weil Doris Schades Spiel luzide ist, schwebend, nie erdenschwer, ihr harte Arbeit bedeutet: ¸¸Bei jeder Rolle frage ich mich: Kannst Du das?" Künstlerische Verzweiflung nennt sie diese immer präsente Selbstkritik, die im Alter noch zugenommen habe. ¸¸Keine Ahnung, wie ich wirke, das müssen mir immer andere sagen. Ich weiß nur, ob ich mich in einer Rolle wohl fühle."

 Also schreiben wir es: Es gab und gibt keine Rolle, der Doris Schade etwas schuldig blieb. Ob verführerischer Vamp oder stille Dienstmagd, ob verbitterte Bourgeoise oder ordinärer Hausdrachen, ob Mädchen, Fräulein, Weib, ob Prinzessin oder Königin: Den Worten folgend findet sie die Biographien der anderen. Sie braucht dafür kein Regiekonzept - weshalb ihr die spielerischen Erarbeitungen, wie sie sie mit Ernst Wendt erlebte, mehr Lust bereiteten als Inszenierungen, die im Kopf der Regisseure vor Probenbeginn schon fertig waren. Sie braucht dafür keine großen Ausstattungen - weshalb ihr die Interpretationen, in denen die Dichtungen und nicht die Bilder dominieren, die liebsten sind. ¸¸Ich habe eine ganz große Freude an der Dichtung, dem Wort. Mich begeistert die deutsche Sprache immer wieder. Und Kleist ist die höchste Freude." Deshalb präsentiert Doris Schade in den letzten Jahren viele Lesungen: ¸¸Wie schön, wenn jeder Hörer Bilder im eigenen Kopf entwickelt."

 Ein Regisseur hat sie wie kein anderer geprägt: Fritz Kortner, der sie nach München geholt hatte und mit ihr ¸¸Othello" - sie in der Rolle der Desdemona - und ¸¸Richard III." inszenierte: ¸¸Bei ihm fragte ich mich: Warum habe ich nicht immer so gespielt? Er hat mich gelehrt, mit dem Körper umzugehen, damit das Wort Fleisch wird." So, als erstaunte sie der Gedanke, hält sie inne, fixiert den Frager nachdenklich. Schweigt. ¸¸Ja, das ist der richtige Ausdruck!" Die Augen jubilieren über den Wort-Fund. Das ist die Gabe dieser Ausnahme-Schauspielerin: Sie ist Medium für Dichtung. Ein Medium, das Ausschau hält nach Sprache, die zu dem Körper passt. Ein wenig bekümmert sinniert sie: ¸¸Gute Rollen für alte Frauen gibt"s ja nicht viele. Aber ich wünsche mir schon, dass irgendjemand noch Lust hat, mir eine Rolle zu geben."

Nicht kokett, sagt sie"s, sondern (zu Unrecht) besorgt, schließlich müsse sie mit dem Gedanken leben, einmal nicht mehr Theater zu spielen - ¸¸und das schmerzt sehr." Es klingt, als fürchtete sie diesen möglichen Verlust weit mehr als den Tod. Sie denke ans Sterben, schließlich sei sie näher dran als andere. Aber, nicht so schlimm: ¸¸Am Theater ist man ohnehin ständig konfrontiert mit Sterben und Gestorben werden. Stirb und Werde ist ja jeden Tag." Ein kurzes Bedenken, dann: ¸¸Besser ist: Werde und Stirb. Oder?" Wer Doris Schade mehrmals in der selben Aufführung gesehen hat - zum Beispiel als Maria in ¸¸Was ihr wollt" oder als Claudia Galotti, als Merteuil in ¸¸Quartett" - weiß, dass diese Schauspielerin, die so präzis mit Valeurs und Tempi, mit Tonhöhe und Körpergestus umgeht, auf das Spiel der anderen eingeht und an ihrer Darstellung feilt, die Rolle an jedem Abend annimmt mit diesem Credo: Werde und stirb. Und mit der Sicherheit, dass sie spielt, weil sie spielen muss: ¸¸Wegen des Geldes darf man nicht zum Theater gehen. Man muss fleißig sein, Glück haben, einen kindlichen Geltungstrieb haben und - besessen sein."

 Doris Schade ist fleißig, sie hatte Glück, sie besitzt diesen kindlichen Geltungstrieb noch heute, sie ist besessen und eine der besten Schauspielerinnen in Deutschland. Sie wird heute achtzig Jahre alt - und wer sie sieht, denken und lachen hört, glaubt, sie schwindelt sich älter als sie ist. Aber Doris Schade schwindelt nicht. Nie. "

C. BERND SUCHER - Quelle: Süddeutsche Zeitung - 21. Mai 2004

 

Peter Herzog
*9.12.1929
† 26.7.2004

Trauerfeier am 2.8.2004 im Krematorium Ostfriedhof

Peter Herzog, geboren 1929 in Breslau, nahm Schauspielunterricht bei Marlise Ludwig in Berlin. Erste Engagements in Berlin, Vagantenbühne und Schaubühne am Halleschen Ufer von 1963–1969. Nebenbei Film- und Fernseharbeit. Weitere Stationen: Deutsches Schauspielhaus Hamburg, hier zum ersten Mal unter der Regie von Dieter Dorn, und Staatliche Schauspielbühnen Berlin, bevor er 1977 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele wurde. Viele Rollen in Inszenierungen von Ernst Wendt: "Ödipus auf Kolonnos" von Sophokles, "Trommeln in der Nacht" von Brecht, "Die Riesen vom Berge" von Pirandello, Horatio in "Hamlet" von Shakespeare und Adam in "Wie es euch gefällt". In Dorn-Inszenierungen spielte er unter vielen anderen den Philippeau in Büchners "Dantons Tod", den Fabian in Shakespeares "Was ihr wollt", den Alf in "Groß und Klein" von Botho Strauß, den Erstling in "Der Park" von Botho Strauß und Sir Kay in "Merlin oder Das wüste Land" von Tankred Dorst. Er trat in Inszenierungen seines Sohnes Jens Daniel Herzog auf wie u.a. als Professor Chrobath in Marlene Streeruwitz "New York. New York.", als Wärter in Simone Schneiders "Die Nationalgaleristen" und als Dr. Schwarzkopf in Wedekinds "Musik".

2001 folgte er Dieter Dorn an das Bayerische Staatsschauspiel und ist hier in den Dorn-Inszenierungen als der Alte Gobbo in "Der Kaufmann von Venedig" von Shakespeare, Photidas in "Amphitryon" von Heinrich von Kleist, in "Der Tag Raum" von Don DeLillo und "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia" von Botho Strauß und als Wärter, Madani und Lassen in "Die Wände" von Jean Genet zu sehen. Außerdem spielt er den Nagg in "Endspiel" von Samuel Beckett, Regie Barbara Frey.


Der Kaufmann von Venedig
William Shakespeare
Regie Dieter Dorn
Der alte Gobbo
11. Oktober 2001 Residenz Theater

Amphitryon
Heinrich von Kleist
Regie Dieter Dorn
Photidas
26. Oktober 2001 Residenz Theater

Der Tag Raum
Don DeLillo
Regie Dieter Dorn
Wärter, Empfangsportier
8. Dezember 2001 Theater im Haus der Kunst

Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia
Botho Strauß
Regie Dieter Dorn
Ein Gast, Greis, Der Hausdetektiv, Er, Der Greis
24. April 2002 Residenz Theater

Endspiel
Samuel Beckett
Regie Barbara Frey
Nagg
20. November 2002 Residenz Theater

Die Wände
Jean Genet
Regie Dieter Dorn
Der Wärter, Madani, Lassen
28. Mai 2003 Residenz Theater

Nathan der Weise
Gotthold Ephraim Lessing
Regie Elmar Goerden
Ein Derwisch
30. November 2003 Residenz Theater

Der jüngste Tag
Ödön von Horváth
Regie Florian Boesch
Ein Gendarm
22. Januar 2004 Residenz Theater

Zum Tod des Münchner Schauspielers am 26.7.2004 

Wahrscheinlich machte es ihm nichts aus, aber ungerecht war es allemal: Peter Herzog, seit 1977 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele und seit 2001 mit Dieter Dorn am Bayerischen Staatsschauspiel, erwähnten fahrlässige Kritiker meist nur in Klammern. Sie versahen den Namen mit einem schmückenden Adjektiv und meinten wohl, ihrer Rezensentenpflicht damit genügt zu haben - Kleindarsteller erwähnt.

Sie unterschätzten Peter Herzog. Sehr. Gewiss spielt er nie die Hauptrollen, stand nie im Licht der Öffentlichkeit, niemand führte mit ihm Interviews, aber wer sich an die großen Inszenierungen von Hans Lietzau, Dieter Dorn und Ernst Wendt erinnert, sieht ihn wieder vor sich: den Mann mit den wasserblauen Augen und der knarzigen Stentorstimme. Wenn er schaute, schaute jeder auf ihn; wenn er zu sprechen begann, hörte jeder ihm zu. Er schaffte es ohne Kraftmeierei, ohne Attitüde und ohne alle Manierismen, Interesse, ja Neugier zu wecken für die Figuren, derer er sich annahm.

Zuletzt, am 19. Juni noch, war er der Derwisch in Lessings ¸¸Nathan der Weise" - und er lenkte die gespannte Aufmerksamkeit auf diesen etwas wirren Chaoten, der, wiewohl eitel, schließlich mit der Welt und mit dem Geschachere um Macht, Geld und Geltung nichts mehr zu tun haben wollte. Wir sahen einen Aussteiger, der aus Vernunft und Lebenswillen Job und Karriere hinwarf, um Mensch zu sein. Herzog machte die kleinen, die unbedeutenden Figuren an den Rändern der Dramen stark. Durch seine Menschenkenntnis, seinen Humor, seine Klugheit.

Just deshalb mochten ihn die Theatermacher, seine Kollegen und das Publikum. Es war Verlass auf ihn und seine Kunst. Herzog schmiss nie etwas hin, er arbeitete mit den schwierigsten Regisseuren - auch mit Peter Zadek -, weil er seinen Beruf ernst nahm. Er ging zu Proben wie andere in eine Bank oder eine Fabrik. Sicher war ihm das Spielen eine Lust, aber zunächst einmal bedeutete es ihm Arbeit. Das viel gerühmte Kammerspiel-Ensemble hatte - und hat als Residenztheater-Ensemble - Klasse, weil neben den Protagonisten Schauspieler darin agierten und agieren, die nicht minder begabt sind als die anderen, dennoch nicht ehrgeizig große Rollen beanspruchen, sondern an ihrem Ort und mit ihren Mitteln das Beste leisten wollen und leisten. Peter Herzog hatte kein Fach. Er erschuf die sympathischen Männer genauso wie die Fieslinge. Er war ein rührender Fürstendiener in Ernst Wendts Inszenierung von ¸¸Wie es euch gefällt", ein wunderbarer Verlierer in Feydeaus ¸¸Klotz am Bein" und konnte doch auch ganz anders. 1995 schlich er als ein zynisch-bürokratischer, devot mieser Kerl durch den Raum. Er hatte den Loyal für sich entdeckt, in Molières ¸¸Tartuffe", einer Inszenierung seines Sohnes Jens-Daniel, 1995 an den Kammerspielen.

 Wie sehr er geschätzt wurde, zeigt sich an den Stationen seiner Karriere: Berliner Schaubühne, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg, Staatliche Schauspielbühnen Berlin. Peter Herzog starb am Montag im Alter von 74 Jahren in München, fünf Tage nach seinem letzten Auftritt in ¸¸Der jüngste Tag". Dieter Dorn und das Ensemble haben einen ihrer treuesten und besten Weggefährten verloren. Und das Münchner Publikum einen Lieblingsschauspieler: Peter Herzog.

C.BERND SUCHER

 Süddeutsche Zeitung, den 28. Juli 2004

 

 

 

Erinnerung an Stefani Jarke

Heute vor 10 Jahren verstarb Stefani Jarke, die mir als CORDELIA in der großartigen Aufführung von Shakespeares KÖNIG LEAR  (Premiere 20.2.1992 - Regie: Dorn / Bühne: Rose) in den Kammerspielen/ München in Erinnerung blieb.

Ich erinnere mich auch noch gut an die bewegende Trauerfeier 
am 25. Oktober 1996 in der Himmelfahrtskirche München-Sendling.
Gedenkworte sprach GISELA STEIN und als Abschiedslied wurde die
"Mondnacht" von Robert Schumann
gesungen.

Gisela Stein sagte:

"Es kam dann die Zeit, dass ich sie nur stumm begleitete. Der Umgang mit einer Realität "von unserer Seite" war sicher nicht aufmerksam genug. Prozesse, Veränderungen sind der allgemeinen Wahrnehmung entgangen. Am 13. Oktober durfte ich Stefani sehen. Ich küsste sie und habe sie von uns allen gegrüßt.

Sprechen konnte sie nicht mehr - aber ich spürte ihre Unruhe - sie fühlte die Nähe. Als ich sie sah, wusste ich, dass sie verloren hatte. Hier endete ihr Weg.

15. Brief an die Korinther: 'Siehe, ich sage Euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden.'

Wir trauern um Dich, wir neigen uns, wir nehmen Abschied von Dir. 
Wir werden Dich nicht vergessen - Stefani."