ELEMENTE                          BEZIEHUNGEN                                  BEWEGUNGEN                   GESTALTEN

SEITEN ÜBER GOTT,  WELT  UND MENSCH

EXPERIMENTE ZUR GESTALTWERDUNG

THEODOR ALBERTUS MAGNUS FREY

STERN DER ERLÖSUNG

DIE PHILOSOPHIE FRANZ ROSENZWEIGS IN BEZUG AUF MEIN DENKEN

DIE ELEMENTE

GOTT

WELT 

MENSCH

mythischer Gott

plastische Welt

tragischer Mensch

Gott ist 
und ist seiendes Leben

Die Welt ist 
und ist 'begeistete' Gestalt

Der Mensch ist 
und ist einsames Selbst

GRENZENLOS - ALLGEGENWÄRTIG RAUM UND ZEIT ORT UND STUNDE

hier mehr ...

 

Im Übergang vom ersten zum zweiten Teil seines Buches "Der Stern der Erlösung" beschreibt 
Franz Rosenzweig den Ansatz seines philosophisches Programms.   

Die EINHEIT des Alls zerbricht, wenn wir versuchen seine ELEMENTE, den mythischen GOTT, die plastische WELT, den tragischen MENSCH, zu ergründen. Herausgelöst, abgezogen zu bloßen Elementen einer rechnerischen Bahnkonstruktion, herausgerissen aus dem Strom, erkennen wir die ELEMENTE nicht wieder. Das Stückwerk des Wissens, das uns umgibt, schaut seltsam fremd zu uns auf.  Wir erkennen aber BEZIEHUNGEN, lebendige BEWEGUNGEN, einen Stromkreis, in dem diese ELEMENTE schwimmen. Erst die Bahnkurve kann ja das GEHEIMNIS der ELEMENTE ins Sichtbare bringen. 
Bevor ich dieses Werk kennen lernte, habe ich meine Gedanken in den Ausführungen 
'VOM OFFENEN GEHEIMNIS"
versucht zur Sprache zu bringen. Die ELEMENTE nenne ich "EINHEIT" (Gott), DUALITÄT (Welt) und ICH (Mensch). Diese mehrfach in BEZIEHUNGEN und BEWEGUNGEN gesetzt, versuche auch ich mit meinen bescheidenen Möglichkeiten mehr Licht in dieses geheimnisvolle All zu bringen.  Das Werk von Franz Rosenzweig gibt mir die Möglichkeit, mein Denken, Fühlen, Tun und Lassen zu überprüfen und zu erweitern. Dies will ich versuchen und hier darzulegen.

Die ELEMENTE mögen ehe man fragt in ruhiger Festigkeit nebeneinander liegen. Doch nach Rosenzweig stürzt ein ganzer Schwarm von Antworten auf uns ein:

Wie kann der MENSCH in seiner Einsamkeit Platz nehmen in der geistbewegten WELT ?
Wie kann GOTT in seiner Schrankenlosigkeit es neben einer in sich geschlossenen WELT aushalten ?
Wie kann diese WELT in ihrer ruhigen Gestalthaftigkeit noch Raum lassen für unendliches Leben GOTTES und ein eigenes Sein des MENSCHEN ?

Die Fragen nach den Verhältnissen steigert die Verwirrung auf höchst. Denn es gibt kein Verhältnis, das hier ausgeschlossen wäre. Es gibt keine feste Ordnung. Aus den Wenns springen die Vielleichts.

Ist GOTT der Schöpfer der Welt, der sich selbst dem MENSCHEN offenbarend Mitteilende ?

Sind nicht die GÖTTER Teile und Ausgeburten der ewigen WELT ?

Offenbart nicht der alten ERDE Mund dem MENSCHEN alles, was ihm zu wissen frommt ?

Ist alles GÖTTLICHE nichts als erhöhtes menschliches Selbst ?

Hier eine Passage aus dem Werk von Rosenzweig (S. 93):

" Vielleicht, vielleicht, - ein Wirbelwind der Widersprüche, in die wir geraten sind: bald scheints, als ob Gott der Schöpfer und Offenbarer oben thronte, Welt und Mensch ihm zu Füßen, bald wieder als ob die Welt auf dem Herrscherstuhl säße, Gott und Mensch ihre Ausgeburten, bald wieder als ob der Mensch oberst stünde und Welt und Göttern das Gesetz seiner Art zuwöge, er aller Dinge Maß. Es ist ja kein Drang in den dreien, zu einander zu kommen; jedes ist nur als Ergebnis entstanden, als Abschluß; abgeschlossen in sich, die Augen ins Innere gerichtet, jedes sich selbst ein All.  ... Vielleicht, vielleicht - es gibt keine Gewißheit, es gibt nur ein kreisendes Rad der Möglichkeiten. Wenn steigt über Wenn, Vielleicht sinkt unter Vielleicht. 

Und selbst im Innern der dreie herrscht das Vielleicht. ... Wenn jedes sich selbst ein All ist, so trägt es in sich die Möglichkeit zur Einheit so gut wie zur Vielheit. Im bloßen Sein ist alles möglich und alles nur möglich. ...

Erst die Beziehung, die als Wirklichkeit zwischen den Tatsachen des Seins vermittelt, erst sie begründet eindeutig Zahl und Ordnung. Das gilt schon in den einfachsten Verhältnissen. Ob etwa die Zahl 3 Einheit oder Vielheit ist, das wird erst bestimmt durch die Gleichung, in der sie auf andre Zahlen bezogen wird; erst die Gleichung bestimmt sie: etwa als = 1 X 3 zur Einheit oder als = 3 X 1 zur Vielheit; vor der Gleichung ist sie bloßes Sein und als solches Integral, Allheit, Allmöglichkeit, zu bestimmen nur durch das absolute, alle Möglichkeiten ins sich enthaltende Produkt aus ∞ und 0. ... So können auch die drei Elemente des Alls ein jedes in seiner inneren Mächtigkeit und Struktur, in seiner Zahl und Ordnung erst erkannt werden, wenn sie miteinander in eindeutige, dem Wirbel der Möglichkeiten entrückte, wirkliche Beziehung treten."

 

 

 

DER MENSCH

 

DER MENSCH UND SEIN SELBST

WAS WISSEN WIR VON IHM?

GOTT - WELT - MENSCH

Der Mensch ist unbeweisbar, so gut wie die Welt und wie Gott. Sucht das Wissen gleichwohl eins von diesen dreien zu beweisen, so verliert es sich mit Notwendigkeit ins Nichts. Diesen Koordinaten, zwischen denen jeder Schritt, jede Bewegung, die es tut, sich abzeichnet, kann es nicht entweichen – und nähme es Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer; denn aus der Bahn, die von jenen drei Elementen bestimmt wird, kann es nicht herausspringen.

 

 DAS NICHTS DES WISSENS

Und das Wissen kann deshalb hier nichts weiter als den Weg von dem Unbeweisbaren, dem Nichts des Wissens, hin zur Tatsächlichkeit der Tatsache nachgehn.

JA - NEIN - UND

Und auch dieses Nichts ist nur ein Anfang, ja nur der Anfang eines Anfangs. Auch in ihm erwachen die Urworte, das schaffende Ja, das zeugende Nein, das gestaltende Und. Und das Ja schafft auch hier im unendlichen Nichtnichts das wahre Sein, das „Wesen“.

Was ist dies wahre Sein des Menschen?

VERGÄNGLICHKEIT

Der Mensch ist vergänglich, Vergänglichsein ist sein Wesen, wie es das Wesen Gottes ist, unsterblich und unbedingt, das Wesen der Welt, allgemein und notwendig zu sein.

Des Menschen Sein ist: Sein im Besonderen.

ICH BIN DA, 
VOR UND NACH ALLEM WISSEN

Der Mensch ist nicht, wenn das Wissen aufhört, sondern ehe es anfängt; und nur weil er vor dem Wissen ist, kommt es, daß er auch nachher noch ist und allem Wissen, mag es ihn noch so vollständig in die Gefäße seiner Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit aufgefangen zu haben wähnen, immer wieder sein sieghaftes „Ich bin noch da“ zuruft.

Seine Besonderheit trumpft stets gegen den Machtspruch des Allgemeinen auf.

 

ENDLICH UND DOCH GRENZENLOS

Im grenzenlosen Nicht seines Nichts gründet diese Bejahung sein Besonderes, sein Eigenes als sein Wesen. Ein Einzelnes also, aber kein Einzelnes wie das Einzelne der Welt, das momenthaft in einer unaufhörlichen Reihe von Einzelnen aufschießt, sondern ein Einzelnes im grenzenlosen leeren Raum, ein Einzelnes also, das von andern Einzelnen neben ihm nichts weiß, das überhaupt von einem „neben ihm“ nichts weiß, weil es „überall“ ist, ein Einzelnes nicht als Tat, nicht als Ereignis, sondern als immerwährendes Wesen.

Diese Eigenheit des Menschen ist also etwas anderes als die Individualität, die er als einzelne Erscheinung innerhalb der Welt annimmt. Sie ist keine Individualität, die sich gegen andre Individualitäten abscheidet, sie ist kein Teil – und das Individuum bekennt, grade indem es auf seine Unteilbarkeit pocht, daß es selber Teil ist. Sie ist eben zwar nicht selbst unendlich, aber „im“ Unendlichen; sie ist Einzelnes und dennoch Alles. Um sie herum liegt die unendliche Stille des menschlichen Nicht-nichts; sie selber ist der Ton, der in diese Stille tönt, ein Endliches und doch Grenzenloses.

 

DEM AUGENBLICK DAUER VERLEIHEN

Die Besonderheit nicht als Überraschung des Augenblicks und Augen-Blicks, sondern als daseiender Charakter findet ihre Stätte im persönlichen Ethos des Menschen – „nur allein der Mensch vermag das Unmögliche, er kann dem Augenblick Dauer verleihn“; er kann es, eben weil er selbst gerade das, was den Augenblick „in schwankender Erscheinung schweben“ läßt, die Besonderheit, als sein dauerndes Wesen in sich trägt. Ihm allein wird die Besonderheit nicht zur teilhaften „Individualität“, sondern zur unbegrenzten Eigenheit des „Charakters“.

 

ENDLICHE FREIHEIT

Dem Menschen erschließt sich sein Nichts in der Verneinung gleichfalls zu einer Freiheit, seiner Freiheit, einer sehr andern zwar als der göttlichen. Denn Gottes Freiheit war infolge ihres unendlichen und ganz passiven Gegenstandes, des göttlichen Wesens, ohne weiteres unendliche Macht, das heißt Freiheit zur Tat. Die Freiheit des Menschen aber wird auf ein Endliches, wenn auch Unbegrenztes, nämlich Unbedingtes, stoßen; so wird sie selber schon in ihrem Ursprung ein Endliches sein.

FREIER WILLE

Die menschliche Freiheit ist endliche, aber infolge ihres unmittelbaren Ursprungs aus dem verneinten Nichts unbedingte, unbe-dingte, Nichts und nur Nichts und keinerlei Ding voraussetzende Freiheit. Sie ist also nicht, wie die Gottes, Freiheit zur Tat, sondern Freiheit zum Willen; nicht freie Macht, sondern freier Wille. Das Können ist ihr, im Gegensatz zur göttlichen Freiheit, schon in ihrem Ursprung versagt, aber ihr Wollen ist so unbedingt, so grenzenlos wie das Können Gottes.

DER FREIE WILLE HAT RICHTUNG

Dieser freie Wille ist endlich und augenblickshaft in seinen Äußerungen, wie es die weltliche Erscheinungsfülle ist. Aber im Gegensatz zu dieser begnügt er sich nicht einfach mit seinem Dasein und kennt ein andres Gesetz als das der eigenen Schwere; er stürzt nicht, er hat Richtung.

Welchen Inhalt hat der freie Wille?

DAS SELBST

Wir suchen den lebendigen Menschen, das Selbst. Das Selbst ist mehr als Wille, mehr als Sein.
Er ist von vornherein endlich, und da er Richtung hat, so ist er es mit Bewußtsein; er will gar nichts andres als  das, was er ist; er will, wie Gottes Freiheit, sein eigenes

Wesen; aber dies eigene Wesen, das er will, ist kein unendliches, in dem die Freiheit sich als Macht erkennen dürfte, sondern ein endliches.
Der freie Wille also noch ganz in seinem
eigenen Bereich, aber doch schon seinen Gegenstand von ferne sichtend, erkennt sich in seiner Endlichkeit, ohne doch im mindesten etwas von seiner Unbedingtheit preiszugeben. An diesem Punkt seines Wegs, noch ganz unbedingt und doch schon seiner Endlichkeit bewußt, wird er aus dem freien Willen zum trotzigen Willen.

 

VOM TROTZ ZUM CHARAKTER ZUM SELBST

Als Trotz nimmt das Abstraktum des freien Willens Gestalt an.
Es handelt sich nur um innere Bewegungen
im Menschen, das Verhältnis zu den Dingen kommt gar nicht in Frage – bis zu dem Punkt, wo die Existenz der Eigenheit sich ihm so fühlbar macht, daß er nicht mehr unverändert weitergehen kann, ohne sie zu beachten.
Diesen Punkt, wo die Eigenheit in ihrer stummen
daseienden Tatsächlichkeit dem freien Willen in den Weg zu liegen kommt, diesen Punkt bezeichnet ein Name: der Charakter.
Der Wille würde an der Eigenheit sich in Nichts auflösen. Am Charakter geschieht dem Trotz nicht wie dem Willen an der Eigenheit seine Vernichtung, sondern er bleibt noch durchaus als Trotz erhalten; nicht seine Aufhebung findet er hier, aber seine Bestimmung, seinen Inhalt. Der Trotz bleibt Trotz, er bleibt formell unbedingt, aber er nimmt den Charakter zum Inhalt: der Trotz trotzt auf den Charakter. Das ist die Selbstbewußtheit des Menschen oder kürzer gesagt: das ist das Selbst. Das „Selbst“ ist das, was in diesem Übergriff des freien Willens auf die Eigenheit, als Und von Trotz und Charakter, entsteht. Das Selbst ist schlechthin in sich geschlossen. Das verdankt es seiner Verwurzelung im Charakter. Wurzelte  es in der Individualität, hätte sich also der Trotz auf die Besonderheit des Menschen gegenüber andern, auf seinen unteilbaren Anteil am allgemeinen Menschentum geworfen, so würde nicht das Selbst, das in sich geschlossene, nicht aus sich herausblickende, entstanden sein, sondern die Persönlichkeit.

DIE PERSÖNLICHKEIT UND DAS SELBST

Die Persönlichkeit ist, wie schon der Ursprung des Namens sagt, der Mensch, der seine ihm vom Schicksal her zugewiesene Rolle spielt, eine Rolle neben andern, eine Stimme in der vielstimmigen Symphonie der Menschheit. Sie ist wirklich „höchstes Gut der Erdenkinder“, – eines jeden von ihnen. Das Selbst hat keine Beziehung zu den Menschenkindern, immer nur zu einem einzigen Menschen, eben dem „Selbst“.
Die Persönlichkeit ist immer eine unter
andern; sie wird verglichen; das Selbst vergleicht sich nicht und ist unvergleichbar. Das Selbst ist kein Teil, kein Unterfall, auch kein eifersüchtig bewachter Anteil am gemeinsamen Gut, den „aufzugeben“ verdienstlich sein könnte.  Das Selbst ist nicht aufgebbar – wem denn? es ist ja niemand für es da, dem es etwas „geben“ könnte; es ist allein; es ist keines von den „Menschenkindern“; es ist Adam, der Mensch selbst.
Was will der freie Wille?
den eigenen Charakter. So wird der freie Wille zum trotzigen Willen, und Willenstrotz und Charakter verdichten sich zur Gestalt des Selbst.
Das Selbst stellt sich also unmittelbar dem Gott gegenüber. Als Selbst, wahrhaftig nicht als Persönlichkeit, ist der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen. Adam ist wirklich, im Gegensatz zur Welt, genau „wie Gott“, nur lauter Endlichkeit, wo jener lauter Unendlichkeit ist, – die Schlange wendet sich mit gutem Grund an den Menschen allein in der ganzen Schöpfung. 

DER MENSCH IM KREIS DES WELTLAUFES

Die natürliche Geburt war auch die Geburt der Individualität; in der Begattung starb sie den Tod in die Gattung zurück. Der natürliche Tod gibt hier nichts mehr hinzu; der Kreislauf ist schon erschöpft; daß das individuelle Leben noch über die Erzeugung des Nachkommen hinaus fortdauert, ist gerade von der Individualität aus unbegreiflich; vollends das Phänomen der Fortdauer des individuellen Lebens sogar über die Jahre der Zeugungskraft hinaus, das Greisentum, ist für eine rein natürliche Ansicht des Lebens ganz unfaßbar. Schon von hier aus also müßten wir auf das Unzulängliche der Gedanken von Individualität und Persönlichkeit zum Begreifen des menschlichen Lebens hingeführt werden.  
Hier aber leiten uns die Begriffe von Selbst und
Charakter weiter. Der Charakter, und so das Selbst, das auf ihm sich gründet, ist nicht die Begabung, welche die Himmlischen „bei der Geburt schon“ dem jungen Erdenbürger als seinen Anteil am gemeinsamen Menschheitsgut in die Wiege legten. Ganz im Gegenteil: der Tag der natürlichen Geburt, der der große Schicksalstag der Individualität ist, weil bei ihr das Schicksal des Besonderen bestimmt wird durch den Anteil am Allgemeinen, dieser Tag ist für das Selbst mit Dunkel bedeckt. 
Der Geburtstag des Selbst ist ein andrer als
der Geburtstag der Persönlichkeit. Auch das Selbst nämlich, auch der Charakter hat seinen Geburtstag; er ist eines Tages da. 
Es ist unwahr, daß der Charakter
„wird“, daß er „sich bildet“. Das Selbst überfällt den Menschen eines Tages wie ein gewappneter Mann und nimmt von allem Gut seines Hauses Besitz. Bis zu diesem Tag – es ist immer ein bestimmter Tag, auch wenn der Mensch ihn nicht mehr weiß – bis zu diesem Tag ist der Mensch ein Stück Welt auch vor seinem eigenen Bewußtsein; die Sachlichkeit des Kindes erreicht kein späteres Lebensalter je wieder. Der Einbruch des Selbst beraubt ihn mit einem Schlage all der Sachen und Güter, die er zu besitzen sich vermaß. Er wird ganz arm, er hat nur sich, kennt nur sich, niemand kennt ihn; denn es ist niemand da außer ihm. Das Selbst ist der einsame Mensch im härtesten Sinn des Worts. 
Das Selbst also wird an einem bestimmten Tag im
Menschen geboren. Welcher Tag ist das? Der gleiche, an dem die Persönlichkeit, das Individuum, den Tod in die Gattung stirbt. Eben dieser Augenblick läßt das Selbst geboren werden. Das Selbst, der „Daimon“, im Sinn des Heraklitworts „Sein Ethos ist dem Menschen Daimon“, dieser blinde und stumme, in sich verschlossene Daimon überfällt den Menschen das erste Mal in der Maske des Eros, von da an geleitet er ihn durchs Leben bis zu jenem Augenblick, wo er die Maske ablegt und sich ihm enthüllt als Thanatos. Dies ist der zweite, und wenn man so will der geheimere, Geburtstag des Selbst, wie es der zweite, und wenn man so will erst der offenkundige, Sterbetag der Individualität ist.

 

KREISLAUF UND GERADE

Der Teil des Menschen, an dem die Gattung sich ihr Recht nicht schon hatte nehmen können, der fällt im Tode dem nackten, dem übergattungsmäßigen Allgemeinen, der Natur selber zur Beute. Aber während so in diesem Augenblick das Individuum den letzten Resten seiner Individualität entsagt und heimkehrt, erwacht das Selbst zur letzten Vereinzelung und Einsamkeit. Es gibt keine größere Einsamkeit als in den Augen eines Sterbenden, und es gibt keine trotzigere, hochmütigere Vereinzelung als die, welche sich auf dem erstarrten Antlitz eines Toten malt. Zwischen diesen beiden Geburten des Daimon liegt alles, was uns vom Selbst des Menschen sichtbar wird; was vorher, was nachher? – das sichtbare Dasein dieser Gestalten ist gebunden an den Lebenskreislauf der Individualität und verliert sich ins Unsichtbare, wo es sich in diesem Kreislauf löst. 
Daß es nur wie an einen Stoff, an dem es
sich sichtbar macht, daran gebunden ist, das lehrt schon die entgegengesetzte Richtung, die es in den entscheidenden Punkten dem Kreislauf gegenüber einhält. Das Leben des Selbst ist kein Kreislauf, sondern eine aus Unbekanntem in Unbekanntes führende Grade; das Selbst weiß nicht, woher es kommt noch wohin es geht. Aber daß die zweite Geburt des Daimon, die als Thanatos, kein bloßes Nachspiel ist wie das Sterben der Individualität, das gibt dem Leben über die Grenzen der Gattung, das im Lichte des Persönlichkeits- glaubens eitel und sinnlos ist, seinen eigenen Rang: dem Greisenalter. Der Greis hat keine Persönlichkeit mehr zu eigen; sein Anteil am Gemeinsamen der Menschheit ist zur bloßen Erinnerung verflüchtigt; aber je weniger er noch Individualität ist, um so härter wird er als Charakter, um so mehr wird er Selbst. Das ist die Wesensverwandlung, die Goethe am Faust durchführt: der alle seine reiche Individualität schon zu Beginn des zweiten Teils eingebüßt hat und eben deswegen zuletzt im Schlußakt als Charakter von vollkommenster Härte und höchstem Trotz, eben wahrhaft als Selbst erscheint, –ein treues Bild der Lebensalter.
Das Ethos ist diesem Selbst zwar Inhalt; das Selbst
ist der Charakter; aber es wird von diesem seinem Inhalt nicht bestimmt; es ist nicht Selbst dadurch, daß es dieser bestimmte Charakter ist. Sondern Selbst ist es schon dadurch, daß es überhaupt einen, einerlei welchen, Charakter hat. Während also die Persönlichkeit Persönlichkeit ist durch ihren festen Zusammenhang mit der bestimmten Individualität, ist das Selbst Selbst durch sein bloßes Festhalten an seinem Charakter überhaupt. Oder mit andern Worten: das Selbst „hat“ seinen Charakter. 
Indem aber das Selbst die Besonderheit der Individualität

so zu seiner bloßen „besonderen Voraussetzung“macht, wird nun gleichzeitig auch die ganze Welt ethischer Allgemeinheit, die an dieser ethischen Besonderheit der Individualität hängt, in diesen bloßen Hintergrund des Selbst geschoben. Mit der Individualität zusammen sinkt also auch die Gattung, sinken Gemeinschaften, Völker, Staaten, sinkt die ganze sittliche Welt zur bloßen Voraussetzung des Selbst herab.
Dies alles ist dem Selbst nur etwas, was es hat; es lebt
nicht darin wie die Persönlichkeit; es ist ihm nicht die Luft seines Daseins, in der es atmet; Atmosphäre des Daseins ist ihm nur – es selbst. Die ganze Welt, und insbesondere die ganze sittliche Welt, liegt in seinem Rücken; es ist „darüber hinaus“, - nicht als ob es sie nicht brauchte, aber in dem Sinn, daß es ihre Gesetze nicht als seine Gesetze anerkennt, sondern als bloße Voraussetzungen, die ihm gehören, ohne daß es hinwiederum ihnen gehorchen müßte. Die Welt des Ethischen ist dem Selbst bloß „sein“ Ethos; weiter ist nichts von ihr geblieben. Das Selbst lebt in keiner sittlichen Welt, es hat sein Ethos. Das Selbst ist meta-ethisch.

Jeder bleibt für sich, jeder bleibt Selbst. Es entsteht keineGemeinschaft. Und dennoch entsteht ein gemeinsamer Gehalt. Die Selbste kommen nicht zueinander, und dennoch klingt in allen der gleiche Ton, das Gefühl des eigenen Selbst. Diese wortlose Übertragung des Gleichen geschieht, obwohl noch keine Brücke führt von Mensch zu Mensch. Sie geschieht nicht von Seele zu Seele – es gibt noch kein Reich der Seelen; sie geschieht von Selbst zu Selbst, von einem Schweigen

zum andern Schweigen. Das ist die Welt der Kunst. Eine Welt stummen Einverständnisses, die keine Welt ist, kein wirklicher, hin und her lebendiger Zusammenhang der hin und wider ziehenden Rede, und dennoch an jedem Punkt fähig, auf Augenblicke belebt zu werden. Kein Laut durchbricht dies Schweigen, und dennoch kann in jedem Augenblick ein jeder das Innerste des andern in sich selber spüren. Es ist die Gleichheit des Menschlichen, die hier als Gehalt des Kunstwerks wirksam wird, vor aller wirklichen Einheit des Menschlichen. Noch vor aller wirklichen Menschensprache schafft die Kunst als Sprache des Unaussprechlichen die erste und für alle Zeit unter und neben der eigentlichen Sprache unentbehrliche stumme Verständigung. Das Schweigen des tragischen Helden schweigt in aller Kunst und wird in aller Kunst verstanden ohne alle Worte. Das Selbst spricht nicht und wird doch vernommen. Das Selbst wird gesehen. Das reine stumme Schauen vollzieht in jedem Beschauer die Wendung hinein ins eigene Innere. Die Kunst ist keine wirkliche Welt; denn die Fäden, die in ihr von Mensch zu Mensch gezogen werden, laufen nur für Augenblicke, nur für die kurzen Augenblicke des unmittelbaren Schauens und nur am Ort des Schauens. Das Selbst wird nicht lebendig, indem es vernommen wird. Das Leben, das im Betrachter erweckt wird, erweckt nicht das Betrachtete zum Leben; es wendet sich im Betrachter selber sogleich nach innen. Das Reich der Kunst gibt den Boden, wo überall das Selbst erwachsen kann; aber jedes Selbst ist wieder ein ganz einsames, einzelnes Selbst; die Kunst schafft nirgends eine wirkliche Mehrheit von Selbsten, obwohl sie überall die Möglichkeit zum Erwachen von Selbsten herstellt: das Selbst, das erwacht, weiß dennoch nur von sich selbst. Mit andern Worten: das Selbst bleibt in der Scheinweltder Kunst stets Selbst, wird nicht – Seele. Und wie sollte es Seele werden? Seele, das hieße heraustreten aus der in sich gekehrten Verschlossenheit; aber wie sollte das Selbst heraustreten? wer sollte es rufen – es ist taub; was sollte es hinauslocken – es ist blind; was sollte es draußen anfangen – es ist stumm.
Es lebt ganz nach innen. Die Zauberflöte der Kunst
allein konnte das Wunder vollbringen, den Gleichklang des menschlichen Gehalts in den Getrennten erklingen zu lassen. Und wie begrenzt war noch diese Magie! Wie blieb es eine Scheinwelt, eine Welt der bloßen Möglichkeiten, die hier entstand. Der gleiche Klang ertönte und wurde doch überall nur im eigenen Innern vernommen; keiner spürte das Menschliche als das Menschliche in andern, jeder nur unmittelbar im eigenen Selbst. Das Selbst blieb ohne Blick über seine Mauern, alle Welt blieb draußen. Hatte es sie in sich, so nicht als Welt, sondern nur als seinen eigenen Besitz. Die Menschheit, von der es wußte, war allein die in seinen eigenen vier Wänden. Es selbst blieb sich der einzige andre, den es sah, und jeder andre, der von ihm gesehen werden wollte, mußte in diesen seinen Sehraum hineingehn und darauf verzichten, als andrer gesehen zu werden. Die ethischen Ordnungen der Welt verloren so in diesem Sehraum des eigensinnigen Selbst allen eigenen Sinn; sie wurden zum bloßen Inhalt seiner Selbstschau. So mußte es wohl bleiben, was es war, das über alle Welt weggehobene, mit starrem Trotz ins eigene Innere starrende und alles Fremde allein dort im Eignen und also nur als Eignes zu erblicken fähige, – alle ethische Ordnung eingeheimst zum eignen Ethos: so war und blieb das Selbst der Freiherr seines Ethos – das Metaethische.