EINE SEITE VON THEODOR FREY

Mosaik im Innenhof der Katholischen Akademie in Bayern von A. Tesche-Mentzen 1992

ROMANO GUARDINI

WELT UND PERSON

Versuch zur Christlichen Lehre vom Menschen


1933 bis 1939 zentrierte Romano Guardini seine Berliner Vorlesungen (gegen die NS-Ideologie) auf „christliche Anthropologie.“ Nach der Lehrstuhlaufhebung durch den Nationalsozialismus 1939 brachte er ein Konzentrat der Vorlesungen unter dem Titel „Welt und Person“ heraus. Dieses Werk beeinflusste mein Denken seit meiner Jugendzeit. Das Werk ist MARIA UND DIETER SATTLER zugeeignet.

Hier mehr zu den Beziehungen Guardini-Sattler

Das Motto des Werks:

"DER MENSCH ÜBERSTEIGT UM EIN UNENDLICHES DEN MENSCHEN"
Pascal; Pensées

 

ROMANO GUARDINI
*17.2.1885 in Verona + 1.10.1968 in München
 

 

Herzpunkt der christlichen Botschaft

In der Lehre von der Vorsehung läuft nach Guardini alles zusammen, was Jesus über den Vater im Himmel, über die Welt und das Leben des Menschen in der Welt verkündet hat.

Es sei wichtig, genau zu verstehen, was Vorsehung meint, da der Gedanke ins Welthafte geglitten ist und dabei einen unbestimmten, ja falschen Sinn angenommen hat.
Guardini schrieb dies 1939!

Vorsehung hängt mit den Vorstellungen einer werdenden neuen Welt zusammen. Welt, nicht nur als Summe dessen, was es gibt, "sondern als ein Ganzes, das zwischen zwei Polen aufgebaut ist, deren einer jeweils im einzelnen Menschen, der andere in der Vielfalt der Dinge und Geschehnisse liegt."

Die Welt "verwirklicht sich, indem der Glaubende den Dingen begegnet, sie erfährt und erkennt, sie wertet und zu ihnen Stellung nimmt, ihre Macht überwindet, sie erobert, ordnet und gestaltet."

Der Mensch gelangt nicht an alle Dinge, sondern nur an bestimmte, verhältnismäßig wenige. "Die Führung liegt schon in den Anfängen der Geschichte jedes Menschen. Daß er selbst und alles um ihn her so ist wie es ist, [Struktur, Begabung, Umgebung, Volk, Land, geschichtliche Situation] bildet den ersten Entwurf des Kommenden. . . . Dadurch wird dem Einzelnen sein Ort im Gesamtraum des Daseins angewiesen und die Grundlage für sein späteres Verhältnis zur Wirklichkeit gegeben."

 

SINNVOLLENDUNG FÜR TRAGISCHE SITUATIONEN?

Was ist, wenn es dem einzelnen Menschen durch Geburt, Erziehung und umgebende Zustände [zerstörende oder unzulängliche Anlagen, verderbende Umgebung, lähmende soziologische und zeitgeschichtliche Verhältnisse . . .] unmöglich ist, sein Dasein sinnvoll zu gestalten?  Auch diesem Menschen ist "eine Erfüllung auch über alle unmittelbaren Möglichkeiten hinaus zugesagt; ohne sie und wider sie; aus der reinen Schöpferschaft der Gnade, welche sich jedem Urteil entzieht."

 

 

DEUTUNGEN

In der Ordnung der physikalischen und biologischen Sphäre mit ihren feststehenden Tatsachen und durchschaubaren Gesetzlichkeiten "ist alles, wie es sein muß, und geht alles, wie es gehen muß. Was im Gefüge der Ordnung steht, wird durch sie auch gesichert; Notwendigkeit bedeutet zugleich Verläßlichkeit, ... und zugleich Richtigkeit.

In der Ordnung der psychologischen Sphäre macht sich das Moment des Schöpferischen, welches sowohl seinem Beginn wie seinem Verlauf nach nur zum Teil durchschaut werden kann, sehr stark geltend. "Dennoch  zeigt auch sie Regelmäßigkeiten im Bau der Erscheinungen, typische Formen ihres Ablaufs, Gesetzlichkeiten ihrer Widerkehr - alles das, woran sich praktische Menschenkenntnis halten kann, und was durch die Psychologie wissenschaftlich erforscht wird. "

Auch die Ordnung der geistigen Sphäre, also den Ideen und Werte samt den zwischen ihnen bestehenden Zusammenhängen,  "trägt und sichert, und zwar in dem Maße, als der Einzelne für sie offen ist. Je wichtiger für einen Menschen das Gute, die Wahrheit, der Sinn sind, desto stärker fühlt er sich durch sie in seinem geistig-persönlichen Daseins gestützt und geborgen." [Beispiel: Sokrates]

Die geschichtliche Sphäre ist der "Wirklichkeitsbereich, der dadurch entsteht, daß die Freiheit des Menschen sich in den verschiedenen seither genannten Zusammenhängen auswirkt, das menschliche Tun im Einzelen wie im Ganzen." Dieser Bereich enthält - und das unterscheidet diesen von den anderen - ein wesentlich undurchschaubares Element, nämlich eben die Freiheit mit ihrer aus sich selbst hervorgehenden 'Initative'."  Die Akte der geschichtlichen Sphäre haben einen besonderen, personenbezogenen Charakter, der sich in Begriffen der geschichtlichen Folge, des Verhängnisses, des Schicksals, der Gründung und Stiftung, der Tradition, des Rechtes, der Sitte ausdrückt. . . . "Diese Mannigfaltigkeit, die sich auf die Einheit hinordnet wäre dann das Ordnungsgefüge des Daseins selbst - sobald es als Tatsache von numinosen Charakter erfahren wird, als ein Sinn und eine Macht, die aus dem Göttlichen kommen, auf die der Mensch sich mit religiösen Vertrauen verläßt, und die ihrerseits dem Glauben des Menschen anbefohlen sind.

 

ANERKENNUNG DER NOTWENDIGEN GESETZE

Dem Mensch steht in der Vorsehung, "sobald ihm klar geworden ist, daß alles in der Natur nach notwendigen Gesetzen und erkennbaren Regeln vor sich geht", und er diese bejaht hat. "Er merkt, daß sie Ausdruck von Wirklichkeit und Sinnhaftigkeit und daher unbestechlich sind. " . . . Er erfährt, daß sie, sobald er sich aufrichtig in sie stellt, ihn aufnehmen und tragen. Verhält er sich falsch, dann lassen sie es ihn fühlen, und er wird für das nächste mal gewarnt.

Auch bei den psychologischen Gesetzen gilt, dass wer sie erkennt und ihnen gemäß handelt, von ihnen getragen wird. "Was richtig in ihnen steht, wird gesund, stark und fruchtbar. Was wider sie verstößt, gerät nicht; was in der Wirklichkeit fehlerhaft ist, wird im Erlebnis zum Leiden.

Wer in der Sphäre des Geistes "die Wahrheit achtet und sich auf sie stellt, wird von ihr getragen. Wer Gerechtigkeit will, ist von ihr behütet. Deswegen kann er sehr wohl mit anderen Ordnungen in Konflikt geraten. Er kann in die Lage kommen,, höhere Werte mit tieferen bezahlen zu müssen. Tut er es, dann hat er das Höhere gewonnen, und das ist Ordnung. Tut er es nicht . . . dann bleibt ihm das Höhere versagt, und das ist wiederum Ordnung. Wer das erkennt und will, und nicht nur als bloße Gesetzlichkeit des Seins und Geschehens, sondern als Ausdruck eines göttlichen Sinnes und einer heiligen Ur-Macht, der lebt in der Vorsehung."

"Der Mensch erkennt die Ordnungen, nimmt sie aufrichtig an und setzt sein Vertrauen in ihren Sinnzusammenhang. . . Eine Gesinnung des amor fati also, welche das, was sein muß, bejaht und sich darin geborgen weiß." . . . Wer zu ihr durchgedrungen ist, weiß, daß alles so, wie es ist, für ihn das Beste ist. Aus diesem Erfahren, Üben und Entsagen erwächst die stoische ataraxia, welche durch kein Schicksal mehr aus ihrer Sinngeborgenheit geworfen werden kann."

 



ANERKENNUNG DES ALLWALTENDEN GÖTTLICHEN EINEN

"Der Mensch erkennt die Ordnungen, nimmt sie aufrichtig an und setzt sein Vertrauen in ihren Sinnzusammenhang. . . Eine Gesinnung des amor fati also, welche das, was sein muß, bejaht und sich darin geborgen weiß." . . . Wer zu ihr durchgedrungen ist, weiß, daß alles so, wie es ist, für ihn das Beste ist. Aus diesem Erfahren, Üben und Entsagen erwächst die stoische ataraxia, welche durch kein Schicksal mehr aus ihrer Sinngeborgenheit geworfen werden kann."

EINSTELLUNGEN DER WELT GEGENÜBER

"Auf der einen Seite jene [Einstellung], welche den Schwerpunkt ganz in die das Dasein durchwaltenden Ordnungen legt und das rechte Verhalten des Menschen darin sieht, sich ihnen anzuvertrauen. Auf der anderen jene, welche alle objektiven Ordnungen leugnet, den Schwerpunkt ganz in der freischwebenden, das Chaos des Daseins gestaltenden Initiative sieht und der Meinung ist, dann halte der Mensch sich recht, wenn er auf nichts als auf sich und auf die reine Möglichkeit vertraut. Zwischen ihnen endlich jene, welche objektive Ordnungen anerkennt, aber sie zur Basis für das eigene Tun macht, das in ihnen so viel erreicht, als es erkennt und vermag."


Christliche Lehre von der Vorsehung

 Vor allem sieht der ernüchterte Mensch, was es mit den „Vorsehungen" auf sich hat, die da gezeichnet wurden. Von der Natur ist ohne weiteres klar, daß sie sich um den Menschen nicht kümmert, sobald dieser auch als Einzelwesen, gar als Person verstanden wird. Die Natur sorgt nur für die Gattung; der Einzelne als solcher hat für sie keine Bedeutung. Werte vollends, wie die der guten Tat, des sinnverwirklichcnden Werkes, der persönlichen Erfüllung und des edlen Daseins gibt es für sie nicht. Im Ganzen gesehen „sorgt" die Natur aber nicht einmal wirklich für die Menschengattung. Selbst auf dem vergleichsweise winzigen Raum der Erde und während der noch winzigeren, das Leben ermöglichenden Phase ihrer Geschichte tut sie es nur in sehr bedingter Weise, siehe alles das, was in den Begriffen der Ungunst der Verhältnisse, des Unglücks usw. liegt. In Augenblicken glücklicher Stimmung, körperlichen Wohlseins, anregender Begegnung usw. kann ein Mensch der Meinung sein, er werde durch die Natur als solche geborgen und getragen; darüber hinaus aber nur, wenn er alles das, was ihm „die Natur" jeweils versagt, für unnötig oder wertlos erklärt - eine nicht nur schwer zu vollziehende, sondern im Grunde unwürdige Haltung.
Aber auch die Ordnung der Menschenwelt - des Denkens, Gestaltens und Schaffens, der Gemeinschaften und Ganzheiten, der Kultur und Geschichte - „kümmert" sich im Letzten kaum um den Einzelnen. Geschichtliche Vorgänge, soziologische Gestalten, überindividuelle Kulturphänomene gehorchen Sinngesetzen, für welche der Einzelne nur Stoff oder Stützpunkt, im besten Fall ein gewisses dialektisches Gegenspiel bildet; selten haben sie ihn selbst und als solchen zum Zweck oder Sinn. Wenn z. B. ein theoretisches Problem erwacht, geht dessen Durchdenkung ihren Weg, als ob sie ein Wesen mit eigener Initiative wäre, ohne sich um die Folgen zu kümmern, die es für den Menschen hat, der mit ihm zu tun bekommt. Wenn eine technische oder soziologische Struktur sich umzulagern beginnt, geschieht das über Wohl und Wehe der betroffenen Einzelnen hinweg. Ja selbst Einrichtungen wohlfahrtlicher Art sind letztlich nicht auf die individuelle Existenz abgestimmt, sondern entspringen dem Zusammenhang des Ganzen und haben dessen Bestehen zum Zweck. In den Gesamtordnungen des Menschendaseins gedeiht der Einzelne, sofern seine Anlagen, Bedürfnisse und Strebungen sich mit ihnen decken; im Übrigen gehen sie über ihn hinweg. In gewissen Augenblicken erlebt er das Gesamtgeschehen als Ausweitung seines persönlichen Daseins; manchmal erscheint es als etwas, das eine Hingabe verlangt und ihn ebendarin geistig wachsen macht; oft wird es, unter dem Gesichtspunkt der Pflicht zur Voraussetzung seines sittlichen Reifens - sehr oft wird es aber auch als etwas wesenhaft Fremdes erfahren, das seine Sinnmitte ganz anderswo als im Einzelnen hat und ihn einfach gebraucht.
Man könnte einwenden, durch solche Überlegungen werden dem Dasein die Maßstäbe individuellen Gedeihens zu Grunde gelegt, während es doch nur darauf ankomme, daß die Ziele des Ganzen und Allgemeinen verwirklicht werden. Ihnen habe der Einzelne sich unterzuordnen; tue er das, dann werde gerade die Härte des Dienstes ihn zur persönlichen Erfüllung führen. Daß es sich hier um keinen individualistischen Hedonismus irgendwelcher Art handeln kann, bedarf aber wohl keiner Versicherung. Ebensowenig, daß auch wir der Überzeugung sind, gerade der selbstlose Dienst an den überpersönlichen Aufgaben sei der Weg zur rechten Persönlichkeit. Hier geht es um etwas anderes; nämlich um die Frage nach jenem Sinn-verhalt, der mit dem Worte „Vorsehung" verbunden ist und ohne Zweifel den Einzelnen ebensoviel meint, wie das Ganze - ja, da der Einzelne den Gesamtzusammenhängen gegenüber der Schwächere ist, ihn sogar mit besonderem Nachdruck. Es geht um den persönlichen Pol dessen, was „Welt" und „Dasein" bedeuten, und um die Frage, wie die göttliche „Sorge" für diesen, die immer als der beglückendste Inhalt des Vorsehungsgedankens empfunden worden ist, zustande-kommen könne. Da ist nun klar, daß ein Zustand, worin der Gang der Weltwirklichkeit mit der Teleologie des Einzellebens übereinstimmte, das Märchen einfachhin bildet. Darin kümmert sich der Frucht tragende Baum wirklich um den Hunger des Menschen, und das Tier hilft ihm in seinen Nöten. Aber selbst da ist es im Grunde nicht der personal bewährte, sondern der glücklich geborene Mensch, das Sonntagskind, dem das geschieht. Die personalen Wertungen kommen erst später hinzu. Dadurch wird aber der Mensch wieder in eine irgendwie naturhafte Haltung gebracht, die Einheit entsteht wieder auf Kosten des eigentlich Persönlichen . . Im übrigen meint die Vorsehung des Neuen Testamentes nichts Märchenmäßiges, keinen Trost in Traum und Phantasie, sondern Wirklichkeit. Ja, durch märchenmäßige Auffassung geschieht der Botschaft des Evangeliums noch größeres Unrecht, als es durch die deutliche Erklärung geschehen würde, die Lehre von der Vorsehung sei unannehmbar, da sie dem Befund der Welt widerspreche.
Die bisherigen Deutungen verlassen entweder grundsätzlich die Wirklichkeit und verlegen das Phänomen in die Sphäre der Phantasie - oder aber sie blicken auf die Wirklichkeit mit halbgeschlossenen Augen; halten sich an das, was übereinstimmt, verschleiern, was widerspricht, und nennen diese Haltung Frömmigkeit. Die neutestamentliche Verkündigung hingegen bezieht sich auf Wirklichkeit und meint etwas ganz Genaues. Was endlich jene Deutungen angeht, in welchen der Mensch die Funktion der Vorsehung selbst übernimmt, so verlassen sie den einfachen Begriff dessen, um den es sich handelt, so offensichtlich, daß sie für die biblische Vorsehungsbotschaft überhaupt nicht in Betracht kommen. Sie führen nicht etwa deren Sinn aus dem Kindlichen ins Mündige, sondern heben ihn von Grund aus auf.

Der biblische Begriff


Wenn wir dieses Eigentliche sehen wollen, müssen wir uns an die Offenbarung wenden. Die klassische Stelle - von anderen unterstützt und entwickelt - ist folgende: „Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als das Kleid? Sehet die Vögel des Himmels an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, denn euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr aber nicht viel besser als sie? Und wer unter euch kann mit seinen Sorgen seiner Lebenslänge auch nur eine Ehe zusetzen? Und was sorgt ihr für die Kleidung? Achtet auf die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht; ich sage euch aber, selbst Salomo in all seiner Herrlichkeit war nicht angetan wie eine von ihnen. Wenn aber Gott das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet, wie nicht viel mehr euch, ihr Kleingläubigen? So sollt ihr denn nicht sorgen und sagen: Was sollen wir essen, was sollen wir trinken, was sollen wir anziehen? Um alles das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß ja, daß ihr all dieser Dinge bedürfet. Trachtet aber zuerst nach seinem Reich und dessen Gerechtigkeit, so wird euch dieses alles zugelegt werden." (Mt. 6,25-33)
Auf den ersten Blick scheint es sich um märchenmäßige Vorstellungen zu handeln -oder aber um enthusiastische, vielleicht sogar idyllische Gedanken eines harmonischen, frommen und sehr weltfremden Menschen. Der Eindruck verschwindet aber bald, wenn man den Schlüssel zum Sinn des Ganzen sieht, der in dem Sa liegt: „Trachtet aber zuerst nach seinem Reich und dessen Gerechtigkeit, so wird euch dieses alles zugelegt werden" - und die Haltung des Redenden hinzunimmt, die so gar nichts Träumerisches an sich hat, vielmehr realistisch ist bis in eine dem gewöhnlichen „Wirklichkeitsmenschen" überhaupt nicht bekannte Tiefe hinab.
Danach scheint die Botschaft der Vorsehung Folgendes zu sagen: „Glaube an den Gott, der sich dir in der Offenbarung erschließt und ein ganz anderer ist als der nous der Stoa oder das Weltwesen irgendwelcher religiösen Erfahrung, vielmehr der Vater im Himmel, an sich verborgen und nur durch Christus offenbar gemacht. Nimm die von diesem Gott her sich öffnende neue Möglichkeit des Daseins, sein >Reich, als Wichtigstes in deine Gesinnung auf; tritt mit ihm in das Einvernehmen der Sorge um dieses Reich, so wie es sich in den Bitten des Vaterunsers >Dein Reich komme< und >Dein Wille geschehe< ausdrückt - dann wird sich dieses Reich um dich her verwirklichen, und du selbst wirst empfangen, was du zum Leben brauchst" . . Es wird also nicht gesagt: „Verlaß dich auf den Gang der Dinge; sie gehen gut und werden auch für dich gut gehen" - sobald nötig, mit der Fortsejung in die Resignation: „was dann anders geht, als dir gut erscheint, mußt du eben hinnehmen" - sondern: „mache das Anliegen Gottes, die Sorge um sein Reich zum Mittelpunkt deines Lebens, dann verändert sich die Welt um dich her. Die Ordnungen des Daseins stellen sich in deinen Dienst. Die Ereignisse vollziehen sich, und die Dinge begegnen dir so, wie es für dich gut ist." Es wird nicht nur verheißen, der Glaubende werde, wenn er die Entbehrungen trägt und die Schmerzen übersteht, dadurch Läuterung und Förderung erfahren, sondern er werde empfangen, wessen er zu seinem Leben bedürfe. Dazu braucht er nicht um die Dinge zu kämpfen und sie festzuhalten; im Gegenteil, gerade das soll er nicht, wenigstens nicht so, wie es die „Heiden" tun, jene also, die nur Welt und Weltmächte kennen. Die Dinge werden sich vielmehr um ihn ordnen, und es wird sich einstellen, was er braucht. Das alles wird zum Märchen, sobald die Bedingung verschwindet, an die es gebunden ist, nämlich die Sorge um das Reich Gottes - mitsamt der Entscheidung, von welcher die vorausgehen-
den Säe sprechen: „niemand kann zwei Herren dienen; entweder haßt er den einen und liebt den andern; oder er hängt jenem an und verachtet den andern. Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon." (Mt. 6, 24) Wovon da gesprochen wird, ist also alles andere als Märchenhaltung oder fromine Sorglosigkeit; vielmehr eine schwere Entscheidung, nämlich für den wahren Herrn wider den falschen - und eine wirksame Entscheidung, nämlich solcher Art, (laß aus ihr eine ganz neue Lebens-Sorge und damit eine der natürlichen gegenüber andersartige Wertordnung hervorgeht.
Mithin ist Vorsehung nichts Fertiges; keine vielleicht verborgene und schwer zugängliche, aber eben doch gegebene und daher vom Menschen erfaßbare Ordnung des Weltlaufs, in die er sich dann hineinstellen könnte. Sie ist vielmehr etwas, das wird; auf den Menschen hin, der zur Reinheit des Glaubens und der Reich-Gottes-Liebe durchdringt .. Aber wir müssen wohl genauer sein. Vorsehung ist zunächst auch etwas, das sich ohne den Menschen vollzieht, um den es sich jeweils handelt; nämlich der Inbegriff des Weltgeschehens, das ja ein Walten Gottes und von ihm, dem Schöpfer und Lebenslenker, auf das Heil der Menschen hingedacht ist. Doch bildet das erst den Beginn der Vorsehung. Zu ihrem eigentlichen Wesen und ihrer Fülle wird sie frei, wenn der Mensch, den sie meint, verantwortlich glaubend in jenes Einvernehmen tritt, das die Bergpredigt fordert. Dann vollzieht sich auf ihn hin jene Umwandlung des Daseins, von der Jesus spricht. Die Dinge benehmen sich um ihn her anders, als sie es sonst tun würden. Sie werden ihm in besonderer Weise von Gott zu-gefügt. Die Welt um ihn her tritt in eine Sinn-und Wirkgestalt, deren Motiv die Liebe des Vaters für sein Kind - sagen wir mit weniger Lyrismus: für seinen Sohn und seine Tochter bildet. Im Daseinsgeschehen dringt die Richtung auf die neue Schöpfung hin durch, worin der neue Mensch unter dem neuen Himmel und auf der neuen Erde lebt; um so stärker und reiner, je reiner der Glaube und je kühner die Liebe dieses Menschen werden.

DER WILLE ZUR GESTALTUNG

 

 

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