ROMANO GUARDINI

WELT UND PERSON

1939     MARIA UND DIETER SATTLER ZU EIGEN

 

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Mosaik im Innenhof der Katholischen Akademie in Bayern von A. Tesche-Mentzen 1992

 

Herzpunkt der christlichen Botschaft

In der Lehre von der Vorsehung läuft nach Guardini alles zusammen, was Jesus über den Vater im Himmel, über die Welt und das Leben des Menschen in der Welt verkündet hat.

Es sei wichtig, genau zu verstehen, was Vorsehung meint, da der Gedanke ins Welthafte geglitten ist und dabei einen unbestimmten, ja falschen Sinn angenommen hat.
Guardini schrieb dies 1939!

Vorsehung hängt mit den Vorstellungen einer werdenden neuen Welt zusammen. Welt, nicht nur als Summe dessen, was es gibt, "sondern als ein Ganzes, das zwischen zwei Polen aufgebaut ist, deren einer jeweils im einzelnen Menschen, der andere in der Vielfalt der Dinge und Geschehnisse liegt."

Die Welt "verwirklicht sich, indem der Glaubende den Dingen begegnet, sie erfährt und erkennt, sie wertet und zu ihnen Stellung nimmt, ihre Macht überwindet, sie erobert, ordnet und gestaltet."

Der Mensch gelangt nicht an alle Dinge, sondern nur an bestimmte, verhältnismäßig wenige. "Die Führung liegt schon in den Anfängen der Geschichte jedes Menschen. Daß er selbst und alles um ihn her so ist wie es ist, [Struktur, Begabung, Umgebung, Volk, Land, geschichtliche Situation] bildet den ersten Entwurf des Kommenden. . . . Dadurch wird dem Einzelnen sein Ort im Gesamtraum des Daseins angewiesen und die Grundlage für sein späteres Verhältnis zur Wirklichkeit gegeben."

 

SINNVOLLENDUNG FÜR TRAGISCHE SITUATIONEN?

Was ist, wenn es dem einzelnen Menschen durch Geburt, Erziehung und umgebende Zustände [zerstörende oder unzulängliche Anlagen, verderbende Umgebung, lähmende soziologische und zeitgeschichtliche Verhältnisse . . .] unmöglich ist, sein Dasein sinnvoll zu gestalten?  Auch diesem Menschen ist "eine Erfüllung auch über alle unmittelbaren Möglichkeiten hinaus zugesagt; ohne sie und wider sie; aus der reinen Schöpferschaft der Gnade, welche sich jedem Urteil entzieht."

 

 

DEUTUNGEN

In der Ordnung der physikalischen und biologischen Sphäre mit ihren feststehenden Tatsachen und durchschaubaren Gesetzlichkeiten "ist alles, wie es sein muß, und geht alles, wie es gehen muß. Was im Gefüge der Ordnung steht, wird durch sie auch gesichert; Notwendigkeit bedeutet zugleich Verläßlichkeit, ... und zugleich Richtigkeit.

In der Ordnung der psychologischen Sphäre macht sich das Moment des Schöpferischen, welches sowohl seinem Beginn wie seinem Verlauf nach nur zum Teil durchschaut werden kann, sehr stark geltend. "Dennoch  zeigt auch sie Regelmäßigkeiten im Bau der Erscheinungen, typische Formen ihres Ablaufs, Gesetzlichkeiten ihrer Widerkehr - alles das, woran sich praktische Menschenkenntnis halten kann, und was durch die Psychologie wissenschaftlich erforscht wird. "

Auch die Ordnung der geistigen Sphäre, also den Ideen und Werte samt den zwischen ihnen bestehenden Zusammenhängen,  "trägt und sichert, und zwar in dem Maße, als der Einzelne für sie offen ist. Je wichtiger für einen Menschen das Gute, die Wahrheit, der Sinn sind, desto stärker fühlt er sich durch sie in seinem geistig-persönlichen Daseins gestützt und geborgen." [Beispiel: Sokrates]

Die geschichtliche Sphäre ist der "Wirklichkeitsbereich, der dadurch entsteht, daß die Freiheit des Menschen sich in den verschiedenen seither genannten Zusammenhängen auswirkt, das menschliche Tun im Einzelen wie im Ganzen." Dieser Bereich enthält - und das unterscheidet diesen von den anderen - ein wesentlich undurchschaubares Element, nämlich eben die Freiheit mit ihrer aus sich selbst hervorgehenden 'Initative'."  Die Akte der geschichtlichen Sphäre haben einen besonderen, personenbezogenen Charakter, der sich in Begriffen der geschichtlichen Folge, des Verhängnisses, des Schicksals, der Gründung und Stiftung, der Tradition, des Rechtes, der Sitte ausdrückt. . . . "Diese Mannigfaltigkeit, die sich auf die Einheit hinordnet wäre dann das Ordnungsgefüge des Daseins selbst - sobald es als Tatsache von numinosen Charakter erfahren wird, als ein Sinn und eine Macht, die aus dem Göttlichen kommen, auf die der Mensch sich mit religiösen Vertrauen verläßt, und die ihrerseits dem Glauben des Menschen anbefohlen sind.

 

ANERKENNUNG DER NOTWENDIGEN GESETZE

Dem Mensch steht in der Vorsehung, "sobald ihm klar geworden ist, daß alles in der Natur nach notwendigen Gesetzen und erkennbaren Regeln vor sich geht", und er diese bejaht hat. "Er merkt, daß sie Ausdruck von Wirklichkeit und Sinnhaftigkeit und daher unbestechlich sind. " . . . Er erfährt, daß sie, sobald er sich aufrichtig in sie stellt, ihn aufnehmen und tragen. Verhält er sich falsch, dann lassen sie es ihn fühlen, und er wird für das nächste mal gewarnt.

Auch bei den psychologischen Gesetzen gilt, dass wer sie erkennt und ihnen gemäß handelt, von ihnen getragen wird. "Was richtig in ihnen steht, wird gesund, stark und fruchtbar. Was wider sie verstößt, gerät nicht; was in der Wirklichkeit fehlerhaft ist, wird im Erlebnis zum Leiden.

Wer in der Sphäre des Geistes "die Wahrheit achtet und sich auf sie stellt, wird von ihr getragen. Wer Gerechtigkeit will, ist von ihr behütet. Deswegen kann er sehr wohl mit anderen Ordnungen in Konflikt geraten. Er kann in die Lage kommen,, höhere Werte mit tieferen bezahlen zu müssen. Tut er es, dann hat er das Höhere gewonnen, und das ist Ordnung. Tut er es nicht . . . dann bleibt ihm das Höhere versagt, und das ist wiederum Ordnung. Wer das erkennt und will, und nicht nur als bloße Gesetzlichkeit des Seins und Geschehens, sondern als Ausdruck eines göttlichen Sinnes und einer heiligen Ur-Macht, der lebt in der Vorsehung."

"Der Mensch erkennt die Ordnungen, nimmt sie aufrichtig an und setzt sein Vertrauen in ihren Sinnzusammenhang. . . Eine Gesinnung des amor fati also, welche das, was sein muß, bejaht und sich darin geborgen weiß." . . . Wer zu ihr durchgedrungen ist, weiß, daß alles so, wie es ist, für ihn das Beste ist. Aus diesem Erfahren, Üben und Entsagen erwächst die stoische ataraxia, welche durch kein Schicksal mehr aus ihrer Sinngeborgenheit geworfen werden kann."

 



ANERKENNUNG DES ALLWALTENDEN GÖTTLICHEN EINEN

"Der Mensch erkennt die Ordnungen, nimmt sie aufrichtig an und setzt sein Vertrauen in ihren Sinnzusammenhang. . . Eine Gesinnung des amor fati also, welche das, was sein muß, bejaht und sich darin geborgen weiß." . . . Wer zu ihr durchgedrungen ist, weiß, daß alles so, wie es ist, für ihn das Beste ist. Aus diesem Erfahren, Üben und Entsagen erwächst die stoische ataraxia, welche durch kein Schicksal mehr aus ihrer Sinngeborgenheit geworfen werden kann."

DAS BEWUßTSEINS DER VERANTWORTUNG

 

 

DER WILLE ZUR GESTALTUNG