ROMANO GUARDINI



  





* 17. 2. 1885   †  1. 10. 1968

Seit 1997
Grab in St. Ludwig München


  
          

 

 Sein Leben

 

Geschaffenheit

Die Mitte

Das Wort

 

 

1
Die Welt ist endlich;
die der Dinge, die des Menschen, und die des Schaffens.
Sie steht ganz und gar in Grenzen, und es ist ein Trug, sich darüber mit Unendlichkeitsbegriffen hinwegzutäuschen.

 

2
Dieses gleiche Dasein enthält aber überall einen Charakter der Unbedingtheit - wie es sich in den Werken der Wahrheit, des Guten, der Freiheit und Wertordnungen ausdrückt.
Dieser Charakter kann aus der endlichen Wirklichkeit nicht abgeleitet werden - es ist aber eine Ausflucht, über sie eine ideelle, unwirkliche, reine Gültigkeitswelt aufzubauen, die im Leeren hängt.

 

3
Es muß erkannt werden, daß dieses Dasein nicht in sich steht und nicht aus sich heraus Sinn haben; daher auch ein Menschenwerk nicht aus der eigenen Wirklichkeit heraus aufgebaut werden kann.
Der Ausdruck für diese Tatsache bildet der Begriff der Schöpfung:

4
 Es gibt eine Wirklichkeit, die als Wirklichkeit absolut ist und keiner Begründung bedarf. Diese Wirklichkeit ist in sich selbst gültig; hat den Charakter der Wahrheit, der Freiheit, der Sittlichkeit. Sie heißt "Gott".

5
Die Welt ist durch Gott in ihrer Wirklichkeit geschaffen und in ihrer Gültigkeit begründet. Derselbe Gott ruft den Menschen an und begründet ihn dadurch als Person. Er vertraut ihm die Welt an und fordert von ihm Rechenschaft, was er damit macht. Die Weise, wie er das erfährt, heißt "Gewissen".

 

6
In diesem Bezug des lebendigen Gottes; des Menschen, der durch Ihn als Person begründet ist und der Schöpfung, die Werk Gottes ist, bewegt sich die Existenz des Menschen. In ihm tut er sein Werk.

 

Ethik - 1087      

 

Der Mensch muß seine Augen aufmachen und sehen was ist. 

Er muß das Grundfaktum  der Geschaffenheit erkennen, von dem alles abhängt.

 

Daß das Schaffen durch das Wort geschieht, meint, daß es aus der Wahrheit reiner Erkenntnis kommt und Wirklichkeit schafft, die wahr ist. Von daher liegt Wahrheit in allem Sein. Die Offenbarung sagt, daß die Welt aus der Wahrheit des schöpferischen Wortes hervorgeht, und diese sie daher in jedem Punkt durchwirkt. Sie sagt, daß die Welt von ihrer Wurzel her, vor jedem Menschengedanken, bereits gedacht ist und für immer gedacht bleibt. Die Welt ist also nicht der dunkle Abgrund, das stumme Ungeheuer, der bloß seiende Widerpart des menschlichen Geistes. Sondern der Mensch kann die Welt nur erkennen, weil sie bereits erkannt ist. Er kann sie gestalten, weil sie aus der Wahrheit heraus gestaltet ist. Sein Denken vollzieht sich im Raum der Wirkung göttlichen Denkens.

Ethik  1162 

Der erste Demütige ist nicht der Mensch, sondern Gott. Die Haltung der Demut entspringt nicht erst daraus, daß ein Wesen geschaffen ist, sondern schon daraus, daß Gott sich zum Schaffen entschließt. Die tiefste Problematik liegt gar nicht auf Seiten des Menschen, im Geschaffensein, sondern auf Seiten Gottes, im Schaffen. Wen sie einmal gepackt hat, den läßt sie nicht mehr los: Wie kann der Souveräne, der wahrhaft Autonome und Autarke, der keines Dings bedarf; der Herr ist, nicht weil Er über Wesen herrscht, sondern weil Er Herr seiner selbst ist - wie kann Er überhaupt etwas schaffen, was notwendig endlich ist? Dieses Schaffen ist selbst Demut. Es ist die Großmut des Mächtigen, der sich auf das Kleinere hin engagiert.

Ethik   1174  

 

DER GEGENSATZ

 

"Meine Gedanken kommen mir im Gehen. Sie kommen selbst und entfalten sich. Ich muß ihnen Raum schaffen, sie hüten und durch Aufmerksamkeit rufen. Es ist anstrengend; inwendig , im Lebendigen"

Tagebucheintragung vom 11.7.1953

 

GUARD - INI

Schauender Wächter am Tor zum Geheimnis

 

Mann des Auges

Im Dialog der Augen vermählen sich mens und cor

Austausch (commercium) als Hochzeitsnacht der Erkenntnis(connubium)

 

"Manchmal ist es so ... Als ob die Wände dünner würden ... Auch die Wände meines eigenen Seins; und hin und wieder einmal habe ich gefühlt, wie es wäre, wenn ich wüßte, was mit mir gemeint ist ..."

 

Behalten

"Es war mir allmählich klar geworden, daß ein Gesetz besteht, wonach der Mensch, wenn er 'seine Seele' behält, daß heißt, in sich selber bleibt und als gültig nur annimmt, was ihm unmittelbar einleuchtet, das Eigentliche verliert. Will er zur Wahrheit und zum wahren Selbst gelangen, dann muß er sich hergeben.

Hergeben

Vom Allgemeinen

"Die einen kommen von der konkreten Wirklichkeit und dringen allmählich ins Allgemeine vor. Andere müssen in der umgekehrten Richtung gehen, und zu denen gehört der Schreiber. Erst im Laufe vieler Jahre hat er von den Ideen zu den Dingen gefunden, zum konkreten Menschen, zur Geschichte - freilich hat das alles dann auch eine besondere Tiefe bekommen."

zum Konkreten

Logiker mit seiner ausgebildeten Begabung zur Intuition

Distanzierte Schau

 

Orientierungs- und Glaubenskrise des Studenten

Kulturkrise Anfangs der 20er Jahre

Tod seiner Freunde Karl Neundörfer
und Maria Knoepfler in Jahresfrist

 

 

Moderner, schuldgetriebener
und wesensunruhiger Dialektiker

Demütige Bejahung der "zufälligen" Endlichkeit und Zerbrechlichkeit, der faktischen Geschichtlichkeit und tragischen Schicksalsverwobenheit des Daseins.

"Weg zu Gott ist dem Menschen der Mensch - die Menschen, die ihm zugewiesen sind ... Auch das Schicksal ist dem Menschen Weg zu Gott."

 

 

Männliche

 

Weibliche

Das Licht ist für ihn jene Wirklichkeit, in welcher konkrete Gestalt in den Zustand der Verklärung gehoben wird, ohne den geschichtlichen Umriß zu verlieren. Licht ist jenes Erlebnis, in dem Herz und Geist zusammenkommen und zu lebendiger Glut werden.

"Es ist, als höre der Stoff auf, nur Stoff zu  sein; als gewinne der Geist Gestalt, daß er geschaut werden kann ... Stoff und Geist stehen da nicht unvermittelt nebeneinander, sondern es gibt etwas, daß eine Brücke zwischen ihnen bildet, das Licht ... Es ist kein 'Vergleich', sondern Wahrheit schlechthin, wenn manche geistliche Erlebnisse als Lichterfahrungen beschrieben werden, oder wenn das Johannesevangelium geradezu sagt: 'Gott ist Licht' ... Verklärung ist die Erfüllung dessen, was 'Leib' heißt ... In solchen Spätnachmittagstunden schaut man wie ein Unterpfand dieser Hoffnung."

Tagebuch. Im Engadin, in: In Spiegel und Gleichnis, 105.

 

Bruckner 

Beginn der 

VII. Symphonie

 

Damit berühre ich wohl das Tiefste,

was im Begriff der

Mitte und.

 des Maßes

 liegt:

Unser Menschendasein steht in einem

 schwebenden Bereich.

 

 

Mit unserm ganzen Sein und Leben

sind wir gleichermaßen

 frei-schwebend.

 

 

 

Über uns geht es in's

 unmöglich Große,

wo wir verschlungen

 werden.

 

Unter uns in's

 ungreifbar Kleine,

wo wir keinen Fuß

mehr fassen.

 

Nach allen Seiten hin

in das Unmaß,

wo die Einheit zerreißt.

 

 

Nach innen aber lockt

ruhendes Gleichgewicht,

darin die Spannung einschläft.

 

 

 

 

Menschliches Dasein

hat sein Geheimnis darin,

daß es schwebend ist

zwischen

all diesen Un-Möglichkeiten.

Und sein tiefstes Ethos,

sich in der Schwebe zu halten.

 

 

Es darf 

nicht zu leicht werden,

muß Gewicht wahren,

sonst zergeht es

 in's Grenzenlose.

 

 

Es darf 

nicht ausstürmen

 in das Maßlose, sondern 

muß Zucht halten, 

geschlossen bleiben.

 

 

 

Es darf 

nicht lasten, 

muß leicht bleiben, 

sonst sinkt es in die Tiefe,

 zerfällt in's Einzelne.

 

 

Es darf sich 

nicht niedersetzen, 

sich selbst zur Genüge,

 sondern muß 

in immerwährendem

 Vorübergang bleiben.

 

 

 

 

Das alles bedeutet: 

Es muß schweben können.

Damit wird das Streben nicht verneint. 

Vielmehr wird es eben dadurch 

als menschliches Streben begründet.

 

 

PASSIV

AKTIV

LASSEN

TUN

GELASSENHEIT

POTENZ

AKT

DAUER

RUHE

BEWEGUNG

GESETZ

STROM

STAND

SPRUNG

BEZIEHUNGEN

BEWEGUNGEN

BAU

GEWORDENE GESTALT

LEBENDIGE GESTALT

FESTIGKEIT

FLÜSSIGKEIT

TUN

RAUM

ZEIT

Die Mitte

Das Wort [ die Mitte] bedeutet auch nicht soviel wie Innerlichkeit. Sondern ‘Mitte’ als Herzpunkt des Lebens; als Beziehungspunkt lebendiger Gestalt; als Ausgang und Rückkehr schwingender Bewegung. Jedes Lebendige hat seine Mitte. Und es gibt wohl auch eine für die Gesamtheit des Lebendigen; kann sie wenigstens geben, wenn diese in der richtigen Haltung stehen und ihre Mitten bezogen sind auf ein Letzt-Gemeinsames.

Jenes Leben ist recht, das eigene Mitte hat und darin steht. Von ihr her und zu ihr hin lebt. Vielleicht haben wir neu zu lernen, was es heißt, eine Mitte zu haben und in ihr zu stehen; nicht an ein Draußen preisgegeben, nicht bloß ein Fetzen zu sein, sondern geordnete Ganzheit, mittenbezogene Eigenwelt, aus deren Innerem wir wirkend hinausstreben, und erfüllt dahin heimkehren; von wo aus wir Ding und Mensch entgegentreten, als Eigene, eigenen Wortes, eigener Forderung, eigener Tat und der Treue fähig.

[Mitte ist] nichts Starres [sondern] etwas Schwebendes. Entschwindet, wenn einer sie definieren will, und steht sofort klar im Gemüt, wenn es sich auftut, in der rechten Weise ist und lebt.[...]

Die Mitte ist des Lebens Geheimnis. Sie wird zerstört, sobald der Mensch sich an die Besonderung verliert. Nicht schon, wenn er in’s Besondere geht, seine eigene Art auswirkt. Aber wenn er sich an diese Art verliert. Dann geht die Mitte verloren. Sobald der Mensch die Besonderung, die er doch ist, für Gesamtheit erklärt. Dann erstarrt die freie Mitte, um die das Leben schwingt.

Die Mitte ist das Geheimnis des Lebens. Wo die Gegensätze zusammen sind; von wo sie ausgehen; wohin sie zurückkehren.

Und Maß. Eine doppelte Bedeutung hat das Wort. Einmal bedeutet es Grenze. [...]

Gegensätzlichkeit ist Begrenztheit. Die Lehre von den Todesbereichen zeigt, wie dem Leben innere Schranken gezogen sind, die es nicht überschreiten darf. So wird Gegensatzhaltung zur Maßhaltung, darin das Leben um Grenze weiß und sie wahrt; zur Ehrfurcht und Besonnenheit.

Und doch können wir diese Grenzen überwinden. Nicht dadurch, daß wir sie verneinen; das wäre Unwahrheit. Auch nicht durch den Versuch, über sie hinauszuschreiten; von Ethos der Gegensatzlehre aus gesehen Frevel und Überhebung. Die einzige mögliche Überwindung geht nach innen. Sie geschieht, wenn wir das Maß bejahen, aber es umschaffen in die andere Bedeutung des Wortes: Maß ist Einklang, rechtes Verhältnis. Bejahte Grenze wird zum inneren Verhältnis der Kräfte. Wenn wir die Grenze bejahen, verzichten wir auf Unendlichkeit. Wir gewinnen dadurch, was im Bereich des Endlichen deren Äquivalent ist, wenn man so sagen darf: Die Sättigung des Endlichen mit der ihm zugewiesenen Bedeutungsfülle, Vollendung.[1] 

MENSCHEN HABEN AUS DER GESUCHTEN UND GEFUNDENEN  MITTE IHRER DREIHEIT HERAUS, DIESES LICHT GEOFFENBART. SIE GEBEN UNS MAß. IN IHNEN IST DAS LICHT INS DASEIN GEKOMMEN, IN IHNEN HAT DAS LICHT GELEBT, VON IHNEN IST DAS LICHT AUSGEGANGEN, SIE WURDEN IN DAS LICHT HINEINGENOMMEN, DURCH SIE WURDE DIE NACHT DES TODES ERHELLT.

 Offenbarungsweisen nach Guardini:[2]

1. Offenbarungen, die aus der Welt kommen und in ihr verlaufen

Der Grund, aus dem sie entspringen, ist die Tiefe, die mit der Innerlichkeit des Geistes bzw. der Person gegeben ist; oder die des schöpferischen Menschen, der einen besonders unmittelbaren Zusammenhang mit dem Wesen der Dinge hat; oder aber jene, die in einer unmittelbaren religiösen Erfahrung liegt. [...] Grundsätzlich ist sie jedem zugänglich und ihre Mitteilung ohne weiteres verstehbar. Ihr Ursprung liegt im Innenbereich der Welt selbst - ebenso wie sie nicht über den Weltbereich hinausführt.

2. Offenbarungen, wie sie sich in der Geschichte des Alten und Neuen Testamentes ausdrücken.

Ihr Ursprung liegt in jenem Gott, der von der Welt unabhängig ist; von ihr her unzugänglich und unergreifbar. Und zwar ist mit dem Wort gemeint, daß Gott sich aus freier Initiative in die Welt hinein kund tut. So daß die Klarheit, die da entsteht; das Wort, das vernommen; die Richtung, die gewiesen; die Ebene, die begründet und die Existenz, die daraus geboren wird, der Welt gegenüber wesentlich unabhängig sind. Sie unterscheiden sich von den Inhalten der sonst geschichtlich sich findenden Religionen nicht nur durch Grade der Reinheit, Tiefe, Lebensmächtigkeit usf., sondern dadurch, daß in ihnen etwas deutlich wird, das grundsätzlich anders ist als die Welt, auch als deren religiöse Tiefe oder Höhe; und daher eine Befreiung von der Welt, auch von ihrer Religiosität ermöglicht.[...] Woher will man wissen, daß diese grundsätzliche Unterschiedenheit besteht? Daß die anderen religiösen Lehren und Lebensformen nicht auch über die Welt hinausführen? Oder daß die biblische Offenbarung das wirklich tut und nicht in Wahrheit ebenfalls nur eine Selbstentfaltung der unmittelbaren Religiosität ist?

Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein ganzer Körper krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muß dann die Finsternis sein![3]  

Das Licht Christi in seiner unvergleichlichen Einheit zum Ein-Leuchten bringen.[4]

 

 

 GOTTESSOHNMENSCHENSOHN

GOTTESSOHNMENSCHENSO

GOTTESSOHNMENSCHEN

 GOTTESSOHNMENSCH

GOTTESSOHNMEN

GOTTESSOHN

GOTTESSO

GOTTES

GOTTE

GOTT

GOT

GO

G

 

G

GO

GOT

GOTT

GOTTE

 GOTTES

GOTTESSO

  GOTTESSOHN

GOTTESSOHNMEN

GOTTESSOHNMENSCH

 GOTTESSOHNMENSCHEN

GOTTESSOHNMENSCHENSO

GOTTESSOHNMENSCHENSOHN

 

 Die bahnbrechende Entdeckung Jesu aber bestand darin, daß sich dieser Gott in ihm und dem, was sich ihm als sein innerster Persongrund entschleierte, seit Ewigkeit erkannt, angenommen und geliebt hatte. Aus solcher Tiefe kam die Stimme, die ihm in der Stunde seiner Taufe versicherte: „Du bist mein geliebter Sohn, die habe ich erwählt“ (Lk 1,11), und die ihm damit die erfüllende Antwort verlangte auf seine Identitätsfrage gab. Doch diese Antwort verlangte ihrerseits nach einer vollgültigen Beantwortung. Und die gab Jesus, indem er Gott als erster im Vollbewußtsein des Ausdrucks „Vater“ nannte. Mit dieser Anrede „Abba - Vater!“ durchbrach er die Schweigemauer, die sich zwischen dem unergründlichen Gottesgeheimnis und der Menschheit erhob; mit dieser Anrufung überbrückte er den Abgrund, der die Menschheit von dem unerreichbar fernen und unbegreiflichen Gott trennte; mit diesem Zärtlichkeitswort erschloß er den Zugang zum Herzen Gottes.[5]



[1] Guardini, Romano , Der Gegensatz, S. 251 ff

[2] Guardini, Romano , Ethik, Band 2, S. 1113 ff.

[3] Mt 6,22,23

[4] Balthasar, Hans Urs von , Kleine Fibel für verunsicherte Laien, S. 17

[5] Biser Eugen, Glaubensbekenntnis und Vaterunser - eine Neuauslegung, S.65 f.

 

Das Wort                                        Aus " Das Gebet des Herrn" von Romano Guardini

Ein Gebilde aus Klang ist das Wort, eine Schwingung der Luft, eine Bewegung der Lippen und der Kehle. Aber damit ist erst das Äußerlichste bezeichnet. "Wort" ist etwas Vielgeschichtetes.

Es ist ein Leib, der auch eine Seele, einen Geist hat.

"Geist" ist darin die Bedeutung, die in dem Klanggebilde gemeint wirt; das Wesen, der Sinnzusammenhang, was die Menschen gedacht und im Worte ausgedrückt haben. "Seele" ist darin, was vom Herzen her schwingt und innerlich im Worte webt . . . In dieser Einheit des Leibhaftigen und Geistigen trägt jedes Wort etwas Allgemeines, das überallhin gilt; etwas Besonderes, das sich enger vorbehält - bis zu jenem Letzten, welches ganz aus dem Einzelnen kommt und macht, daß dieses Wort das des Sprechenden ist und keines Anderen.

Welch flüchtiges Gebilde ist ein solches Wort! Jetzt ist's noch nicht . . . nun spreche ich es, und es ersteht . . . gleich ist es verklungen und nicht mehr da . . . Besinnen wir uns aber genauer, dann verhält es sich doch wieder nicht so. Die Worte "Baum" oder "Buch" oder "Freundschaft" gab es ja doch bereits, als ich sie noch nicht sprach! Ich habe sie nicht geschaffen; sie waren schon da, als ich noch nicht war. Ich habe sie gelernt, von den Eltern und Lehrenden. Die Worte und ihr Zusammenhang, die Sprache, sind nicht nur etwas, das der Einzelne als Ausdruck seines Inneren aus sich heraussetzte, sondern wesende Gebilde; Gestalten voll Sinn, in denen das Sein redet; Formen, in welche unser Dasein hereingerufen wird, damit es darin sich versteht und selbst Gestalt gewinnt. Wir bilden die Worte, und sie bilden uns. Wir sind unsere Sprache, und wieder ist's, als stünde sie in sich selbst, träte uns entgegen, bestimmte uns. Sie bildet eine Welt, eine Ordnung des Daseins, in welche der Einzelne hineingeboren wird, in der er sich bewegt. Sie umfängt ihn, durchwirkt ihn, bildet ihn. Bis ins Innerste reichen die Worte. In ihnen sprechen wir nicht nur, sondern wir denken schon in ihnen.

Nicht die Dinge, wir selbst stehen dem Geheimnis im Wege

Wir aber sind so gefesselt, daß wir die Unendlichkeit - die Überzähligkeit" des "Erlebnisses" - für gewöhnlich nicht bemerken. Nur in bestimmten flüchtigen Erfahrungen werden wir vorübergehend inne, worum es geht.

 

Dann wird diese Fülle näher zu Gefühl gebracht, und durch jede Bestimmung erwächst dem Offenen ein weiterer Name. Es ist das "Reine", von keinem Begehren noch Gebrauch Befleckte, das "Unüberwachte, das man atmet und unendlich weiß"

 

Das Kind hat eine ursprüngliche Beziehung zum Offenen. In seiner frühesten Zeit lebt es ganz in der auf dieses zugehenden kreatürlichen Bewegung.

 

Es lebt blinkend ins Offene hinaus, und ist eben damit wahrhaft innerlich, atmend, in Allem seiend.

 

Sobald man aber "nah dem Tod" ist, oder dieser schon begonnen hat, sieht man das Geheimnis nicht mehr, sondern "starrt hinaus", ins Offene. Dann ist der Mensch nur noch Kreatur. 

Wir kehren dem Freien den Rücken zu und wenden uns "der Schöpfung", dem raum- zeitlichen Konkreten zu. Von seinem Licht sehen wir bloß "die Spiegelung", den geheimnisvollen Abglanz auf den Dingen; es selbst schauen wir nie, denn nicht irgend ein Ding, sondern wir selbst stehen im Wege.

 

Romano Guardini

über die achte Elegie von Rainer Maria Rilke

Unter dem Titel "Das spirituelle Vakuum: Die entbehrte Mystik" führt der Religionsphilosoph Eugen Biser in seinem Buch "Glaubensprognose" aus:

Wenn die Anzeichen nicht trügen, steht das Christentum insgesamt im Begriff, sich von seiner moralischen Selbstdarstellung [..] zu verabschieden, um in seine mystische Zukunft einzutreten. Da eine derartige Verabschiedung sich niemals reibungslos, sondern immer nur in Stauungen, Konflikten und Brüchen vollzieht, sind die gegenwärtigen Spannungen [..] aus der Natur des Übergangs zu erklären. Verständlich wird in dieser Sicht vor allem die moral- und sexualethische Engführung der kirchlichen Doktrin, die nun als nachdrückliche Manifestation einer sich primär als moralische Autorität verstehenden Kirche erscheint; [..] Die Glaubensgemeinschaft wird in ihrer sensiblen Spitze mit aller Kraft dem Kommenden entgegenstreben, wenn nicht gar es vorwegnehmen.

Karl Rahner versicherte, der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein oder er werde überhaupt nicht sein. Damit setzte er Nietzsches aggressiver Untergangsprognose die Überzeugung von einem zu seiner eigenen Innerlichkeit erwachenden Christentum entgegen.

Diese Mystik-Prognose läßt sich durch eine theologische Deutung der neueren Geistesgeschichte stützten, sofern sich diese wie ein sich zusehends verschärfender Disput um den ontologischen Gottesbeweis ausnimmt.

Herbst 1925 - Neunter Brief vom Comer See von Romano Guardini

 

Ich fühle ein Tieferwerden vor sich gehen. Der heutige Mensch ist nicht mehr der sicher und anmaßend in der Sphäre physischer und psychischer Realität sich bewegende der neunziger Jahre. Es ist, als ob sich ein innerer Raum auftue und den Menschen heransauge. Eine Sehnsucht ist da, nach dem Inneren, nach dem Stillwerden; danach, aus der Hetze herauszutreten in die Sammlung. Aber nicht so, daß diese Sammlung das Sein und Tun des sonstigen Lebens verleugnete, sondern mitten drin. Wir ahnen Möglichkeiten des Gesammeltseins und einer Innerlichkeit im Täglichen, im Leben, wie es heute ist. Ich glaube, wir werden einsehen, daß Technik und Wirtschaft und Politik selber einer Stille und Inbrunst bedürfen, um ihre Aufgabe zu lösen. Der in der Welt stehende bedarf der Kunst, in sich selber, und in einem Tieferen, als er selbst, Stand zu fassen, um von dort her diese Welt zu packen. Und so unsicher unsere Zeit ist, so skeptisch, so suchend und heimlos, es gibt heute, glaube ich, nicht Wenige, die unmittelbar vor Gott stehen. Eine Welle drängt von Ihm her und brandet dort an, wo in unserem Tiefsten die Grenze läuft, und dahinter ist das Andere. Es ist möglich, daß Menschen miteinander reden und handeln, und Schicksale sich begeben, und kein Wort wird von Gott gesprochen, und doch ist alles von ihm voll. Dort wird im Letzten die Frage entschieden, die uns gestellt ist. Ob wir mit unserem Tiefsten zu Gott kommen, zu ihm hinübertreten, und von ihm her, aus seiner Freiheit und seiner Kraft, Herr werden über das Chaos; das wird die Entscheidung sein. ...

Mir ist, als spüre ich all die Kräfte am Werk. Ein gewaltiges Heransteigen .. Ein inneres Sich-Auftun .. Ein Hervordrängen von Gestalt überall.."

 

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