ZUM BEGINN DER SYMPHONIE                 

EINE RAUMSYMPHONIE

ST. ULRICH IN SEEG

Du stellst meine Füße auf weiten Raum 
und mein Herz in dein offenes Geheimnis


Aus Psalm 31, Vers 9

 

Eine etwas andere Weise, 

das Raumkunstwerk der Seeger Pfarrkirche St. Ulrich 

zu erleben 

 

EINE SEITE von Theodor Frey in Erinnerung an Pfarrer Alois Meisburger

ZUR ÜBERSICHT DER RAUMSYMPHONISCHEN SÄTZE



Für die Bilder wurden Ausschnitte von Photos, 
die Erwin Reiter, Haslach für den Kirchenführer 
von Karl Pörnbacher " Die Pfarrkirche St. Ulrich in Seeg" 
(Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg) fotografierte




Δ

1

2

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4

5

6

PROLOG

RAUM DER 
EINHEIT
UND DES 
LICHTS

MIT DEM LICHT 
WAR AUCH DER SCHATTEN

DIE DREIFACH ENTFALTETE
GOTTHEIT

SUCHE NACH 
DER MITTE

OH, GOTT
WARUM?

ICH 
UND 
DU

7

8

9

10

11

12

Ω

ÖFFNUNG

WER REGIERT ?

EXSULTATE, 
JUBILATE 

IM KNOTEN DES SEINS

DER KLANG 
DES RAUMES

ALLES IST EINES

EPILOG

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PROLOG

  


Im Schauen dieses Raumes, 

im Erspüren des Zusammenklangs seiner Elemente, kann mein und ihr Herz erahnen, 
wie sich das Geheimnis des Unsagbaren zu uns öffnet.  Ich lade sie ein, diesen Ort als eine Raumsymphonie in 12 Sätzen mit Prolog und Epilog mitzuerleben. 

Ich habe diesen Raum in meiner Kindheit und Jugend  beglückend in alltäglicher und in Festtagsstimmung erfahren, aber erst im Nachhinein, aus der Distanz, verdichten sich diese frühen Eindrücke zu einer bewegenden Erfahrung der Licht- und Klangstimmungen. 
Sie sind verbunden mit dem Erleben, der diesen Ort umgebenden Landschaft, der Jahres- und Tageszeiten, der wiederkehrenden Rituale und der Kirchenfeste.
In diesen Erfahrungen spiegelt sich der so oft missbrauchte Begriff "Heimat" wider. Vieles hat sich in Seeg geändert, dieser Raum jedoch ist der Zeit ein stückweit enthoben.


Schenken sie sich Zeit 

für diesen Raum, denn Schauen braucht Dauer,. Erst dann können sich die Bilder ins Herz senken und entfalten.  Gönnen Sie sich den Wohlstand, Zeit in der Zeit zu haben.

Am nördlichen Eingangstor zum Friedhof begegnen ihnen zwei lebensgroße Sandsteinfiguren, rechts Franz Xaver, der den Blick zum Himmel wendet und links Johannes Nepomuk. Am Kanzelanbau der Kirche begrüßt sie aus der Höhe der Kirchen- und Diözesanheilige Ulrich, dem die Kirche geweiht ist und der von
Otto Kobel gestaltet wurde.



Bevor sie in die Kirche eintreten, gönnen Sie sich eine Umrundung im Uhrzeigersinn 
um sich zu sammeln. Die Kostbarkeit gerade dieser Stunde und dieses Ortes kann ihnen damit  bewusster  werden..
Erspüren sie diesen hervorgehobenen Ort, an dem das Gotteshaus, aufsteigend aus den Terrassen der Gräber, als ein Hoffnungszeichen für uns Menschen  in den Himmel ragt. 

Die Hülle der Kirche ist einfach, nüchtern, festgefügt, so wie sich uns diese Welt so oft darstellt. Sie ist vom Morgenlicht zum Abendlicht  ausgerichtet. 
Auf der Westseite weitet sich der Blick über die Gräberterrassen auf die Voralpenlandschaft mit den Seegersee . Eine Gelegenheit darüber nachzudenken, mit welchen Leiden und Ungerechtigkeiten der Weg der Geschichte bis zu dieser Stunde gepflastert wurde. Aber trotz und vielleicht gerade wegen dieser leidvollen Geschichte brachten die Menschen von Seeg ein solch herausragendes Kunstwerk hervor. Seinen Rang und seine Schönheit  zeigen die Seeger  auch dadurch dass sie in unseren Tagen diese Kostbarkeit umfassend renovierten. Sie haben damit ihrem Alltag den Glanz eines Feiertages dazugegeben.


Collage unter Verwendung eines Fotos von Klaus W. Ruprecht

Es ist ein Ort um Innezuhalten und Fragen zu stellen. Welche Wege werden wir Menschen auf dieser immer kleiner werdenden Erde noch gehen? Welche Zeiten sind uns in dieser sich so schnell verändernden Welt noch geschenkt?

Es ist aber auch ein Ort um den Fragen nach  unserem Sein, seiner Zeit-  und Raumbezogenheit, nachzuspüren und uns zu dem zu öffnen, der Raum und Zeit übersteigt. 

Ich lade sie ein, lassen sie sich auf dem Weg in Sorgfalt ein , aber lassen sie die Sorgenfalten an der Eingangstüre zurück.

 

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1


RAUM DER EINHEIT 

UND DES LICHTS

 

 

Treten Sie durch den Nordeingang, der Frauenseite, in die Kirche ein. Hinter dem kleinen Vorraum, Vorzeichen genannt, könnte Ihnen die symbolische Geste des Eintauchens ihrer Finger in den Weihwasserkessel  helfen, sich zu sammeln und für das Kommende zu öffnen.
Gehen sie bis zum Mittelgang vor, und nehmen sie in der ersten Bank unter der Westempore Platz. Hier können Sie den Raum in seiner einheitlichen Gestalt wahrnehmen.
Sie erleben einen lichten Raum voll Harmonie,  der das Ewige im Werden, die Geschichte des Heils entfaltet. Dieser Raum des 18. Jahrhunderts ist weder einfach gestaltet noch ist er überfüllt, er ist im Gleichgewicht und Ebenmaß.  Diese Harmonie wird durch die symmetrische Anordnungen der Elemente, den Zusammenklang der Architektur mit den Fresken und Bildern, den abschließenden und doch verbindenden Stukkaturen, den  Formen  und  Farben erreicht. 

Betrachten Sie zunächst den Chorraum mit dem Hauptaltar insgesamt. Hier wird diese Harmonie besonders anschaulich. Geben sie sich dieser Gestalt in Stille hin und versuchen sie selbst zur Ruhe zu kommen. 




"Die Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen, der sich öffnet; nicht dessen der zupackt, sondern dessen, der losläßt, der sich losläßt und überläßt. . . . Die Erquickung, die uns zuströmt im hingebenden Anschauen  . . . -gleicht  sie nicht der Erquickung, die uns zuteil wird in tiefem, traumlosen Schlaf? . . . In solcher Geöffnetheit der Seele mag auch dem Menschen einmal geschenkt werden, zu gewahren, 'was die Welt / Im Innersten zusammenhält' - vielleicht nur für die Dauer eines Blitzes, so daß nachher die Einsichten dieses Augenblicks in angespannter 'Arbeit' wiederentdeckt werden müssen."

Josef  Pieper in "Muße und Kult"

 





Im Anfang liegt, was auch mich bedingt,

liegt bereits, was mich fragen lässt, warum ist überhaupt Etwas, warum ist nicht vielmehr Nichts. Wie ist geworden, was mich diesen Ort zu dieser Stunde so staunend wahrnehmen läßt?

Im  goldenen, gleichschenkligen Dreieck, dem abstrakten Symbol für die Gottheit in der Dreieinigkeit vor der Zeit, ist das Auge des Schöpfers, des Gottes als Vater, eingewoben.  Er, der alles Werden zur Entfaltung bringt, steht im Zentrum, Er, der das grenzenlose Geheimnis auch zu mir hin öffnet. Er spricht, es werde Licht. 

Den Dreiecksseiten sind im inneren Kreis drei Engelköpfe zugeordnet. Vier Engel in ganzer Gestalt, als Symbol für die vier Himmelsrichtungen der Welt, kann man etwas weiter außen sehen. Ein Engel aber steht an der Spitze des Strahlenkranzes und weist über die Welt hinaus.  

Das von der Gottheit und dem Schöpfer leuchtende Licht wird im Strahlenkranz der Seitenaltäre aufgenommen. Auf der linken Seite ist dieses Licht in Jesus Christus, symbolisiert durch das Lamm, zur Welt gekommen.  Am rechten Seitenaltar schwebt die dritte Person der Trinität, die Taube, als Symbol des Heiligen Geistes in der Glorie.

So ist eines der Hauptmotive der Kirche, die Dreieinigkeit/ Dreifaltigkeit  Gottes,  bereits in den Auszügen der Altäre auf Schönste entfaltet. 

 

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Mit dem Licht war auch der Schatten,

die Zeit teilt, die Eins wird weitergezählt, es gibt das Werden und Vergehen, das Ein- und das Ausatmen. Im Kirchenraum ist das Spiel von Licht und Schatten, je nachdem in welcher Tages- und Jahreszeit sie den Raum betrachten, in immer neuen Klangfarben, wie in einer Symphonie, eindringlich zu erleben.
Lassen sie sich auf dieses Spiel für einige Momente ein, beobachten sie den Wechsel der Stimmungen.  Licht und Schatten geben dem Raum Kontur und machen ihn lebendig. Es ist das Helle und das Dunkle, das den  Raum wie auch unser Leben prägt. 

In der Rundung des Chorraumes ist eine große Uhr angebracht. Sie erinnert uns an die Vergänglichkeit der Schöpfung und unseres Lebens und kann einen Anstoß geben,  über unseren Umgang mit der Zeit nachzudenken. Lassen wir uns nur von Terminen versklaven und begrenzen damit die Zeit durch die Einteilung in viele Abschnitte, die dann kein Erleben zuläßt oder entgrenzen wir die Zeit in die Vielfalt des uns Entgegenkommenden.

AUGUSTINUS

„Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt,  weiß ich's,  will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht.“ 

 

„Wie kann man sagen, dass die vergangenen und zukünftigen Zeiten sind, da doch die vergangene schon nicht mehr und die zukünftige noch nicht ist? 

Die gegenwärtige aber, wenn sie immer gegenwärtig wäre und nicht in Vergangenheit überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit.“

 

 

 

Räderwerk, einer Uhr des bedeutende Seeger Uhrenbauers Barnsteiner 
(Zu sehen im Heimatmuseum Seeg)

  ZEIT

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Die dreifach entfaltete Gottheit, 

als ein Hauptthema der Seeger Kirche, wird - wie das Leitmotiv in einer Symphonie - immer wieder dargestellt . Wenn Sie die obere Sphäre des Hauptfreskos betrachten, das Johann Baptist Enderle 1770 gestaltete, dann sehen Sie im Kreis der Einheit die drei Manifestationen des Göttlichen in einer bewegten Szenerie. Uns am nächsten Christus, der  Aufgenommene, im Hintergrund Gott Vater und alles überstrahlend und verbindend im Kreis der Einheit den Heilige Geist.

Ist damit nicht auch ein Spiegelbild unseres fleischgewordenen Ichs erkennbar, unserer  Dreiheit aus Körper, Geist und Seele, unserem Empfinden, Denken und Tun?  Wer bin ich, wie bringe ich diese Dreiheit in meinem Leben zu einer harmonischen Einheit zusammen? Wie schaut diese Dreiheit in meinem Leben aus? Welche Seite dominiert und läßt somit die anderen verkümmern?

Und wer ist es, der mich diese Fragen überhaupt stellen läßt?  So kann mich diese bildliche Darstellung in den Sog einer tiefen Bewegung zur Grundthematik unseres Seins führen. 
 

 

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"Du sollst dir kein Bild von Gott machen". 



Wie streng dieses Gebot zu befolgen ist, wurde in der Kirchengeschichte immer wieder kontrovers diskutiert..  Das Hauptfresko von Johann Baptist Enderle stellt sich in herausragender,  aber zeitbezogenen Weise der Aufgabe,  das Unbegreifliche bildlich zu fassen,  das Geheimnis zu uns hin zu öffnen.

Betrachten sie den Bildaufbau anhand der schwarzweißen  Entwurfsskizze.  Das Fresko ist nicht nur durch die dargestellten konkreten Elemente sondern wesentlich durch die durchscheinenden symbolischen Formen geprägt. Erst mit ihrer Entschlüsselung wird das vermittelte Gottesbild umfassender verständlich.

 



Die Formen sind aufeinander wie in einer Symphonie bezogen.
Die oberste, der entferntesten  Sphäre - angezeigt im gelben Oval - weist aus der Tiefe des Raumes  auf die Trinität des  Gottesbildes  hin. Aus ihr entfaltet sich in einem zweiten, blau markiertem Oval, die Heilsgeschichte zum Zwischenreich der jubelnden  Engel. In diese mittlere Sphäre ist Maria begleitet von jubilierenden und musizierenden Engel aufgenommen.  Ihr Blick trifft sich mit Jesus dem Gekreuzigten und auferweckten Christus, der das Kreuz als Zeichen der Überwindung des Todes in die Trinität einbringt.

Dieser  obere Teil des Freskos ist auch durch die Form der Stukkaturbegrenzung abgehoben vom ebenfalls in ovaler Gestalt gestalteten unteren - hier grün hervorgehoben - Teil, der die Sphäre der irdischen Welt darstellt. Weltliche und Geistliche Macht drängen von links horizontal in des Bild und betrachten die kriegerische Auseinandersetzung.
Die  Hilfe von oben kommt aber nicht von der entrückten Gottheit und auch Marias Blick ist der göttlichen Sphäre zugewandt. Nein, ein kleiner Putto am Rand der oberen zur unteren Ebene schleudert einen Blitz in die Seeschlachtszenerie.  Ich finde dieses Detail mit Humor gemalt  und auch als ein Sinnbild, für die  Mächte und Gewalten, die den Lauf der Welt bestimmen. Hier ist keine Gottheit abgebildet, die als 'Deus ex machina' Konflikte durch sein überraschendes Eingreifen entscheidet. Im untersten Bereich sind die unbrauchbaren Kriegsutensilien  drapiert. Ein Hinweis, den der Frieden ohne Waffen zu wagen?!

Die drei horizontalen Sphären sind durch die verbindende vertikale Ebene - rotes Oval - verbunden.  Diese Durchdringung im Heilsgeschehen wird noch anschaulicher,  betrachtet man die aufwärtsstrebende Dreieckskomposition . Die der Welt  zugeordneten Bauwerke werden in der Verlängerung im Kreuz des Auferweckten aufgenommen. Hier kehrt die Interpretation in den zentralen Gedanken der dreieinigen Gottheit zurück. In ihr wird die Mitte gesucht, in der auch ich den Zugang zum Urgrund und Zielgrund finden kann. Und wenn wir  im Äußersten die Nähe suchen, so zeigt sich darin auch ein Weg zur innersten Weite.

 

Ausschnitt aus dem Fresko im Langhaus mit der Signatur von J.B. Enderle 

 



 

Hier etwas zum historischer Hintergrund der Seeschlacht

Am 7. Oktober 1571, also ziemlich genau 200 Jahre vor Fertigstellung des Gemäldes,  besiegte die katholische Seestreitmacht unter Juan d' Austria, dem Stiefbruder des spanischen Königs, die türkische Mittelmeerflotte im Golf von Lepanto in einer Seeschlacht  vernichtend. Der Sieg wurde dem "Gebetssturm" zugerechnet, bei dem in ganz Europa im Vorfeld der Seeschlacht das Rosenkranzgebet gebetet wurde. In der Folge stiftete Papst Gregor XIII. 1573 das Rosenkranzfest. Nach dem Sieg über die Türken bei Peterwardein am 5. August 1716 erhob Papst Klemens XI.  das Fest zu einem allgemeinen Fest der ganzen Kirche.

1650 wurde in Seeg die Rosenkranzbruderschaft gegründet, die erhebliche Finanzmittel zum Kirchenbau beisteuerte. 

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O, GOTT, WARUM ?

Warum? Millionenfach wurde in der Menschheitsgeschichte diese Frage gestellt: Warum, du guter und allmächtiger Gott hast Du das alles so zugelassen? Warum trifft es mich, der ich so auf dich vertraute? Warum ist in dieser Welt das Böse nicht überwindbar?

Ist denn nach allem was geschehen ist die Vorstellung des guten Gottes noch zu retten? Regiert uns Liebe oder Haß?  Und ist das Böse, das Grauen, der Wahn-Sinn nur uns Menschen anzulasten? Muß ein ohnmächtiger Schöpfer seiner Schöpfung  ihren Lauf lassen?
Verhalt unser Schreien nach dem Warum des unschuldigen Leidens ungehört im Nichts?  Sind wir ohne Hoffnung von dir losgelöst, gekettet an uns selber?  Aber es ist doch deine Schöpfung, in der das alles geschieht, doch auch dein Sein, dem das alles widerfährt.


 



Es ist jetzt die Zeit gekommen den Kirchenraum im Gehen zu erfahren, sich auf den Weg zu machen. Zuerst möchte ich Ihnen vorschlagen, unter die Empore zu gehen und das Fresko der  apokalyptische Frau im Zentrum zu betrachten . An diesem  Fresko aus dem Ende des 17. Jahrhundert ist zu erkennen, wie sich der Malstil zur Mitte des 18. Jahrhunderts hin verändert hat.  Beeindruckend ist,  wie der Maler die Heilsgeschichte in einer schwungvollen Spiralbewegung darstellt. Aus der Weltkugel heraus, die von einer Schlange, als Sinnbild des Bösen und der Verführung  umschlungen wird, herhebt sich die sternenumkränzte Frau mit der  Mondsichel zu ihren Füßen,  um in der Taube des Geistes auszuschwingen. 



Foto Heinrich Scherbaum jun.



In den weiteren Medaillons der Westempore können sie aber auch Marias Lebensweg mit all ihren Sorgen betrachten. Maria als Kind mit ihren Eltern Joachim und Anna, die ihr das Lesen lehren, die Verkündigung der Mutterschaft in sehr, sehr  jungen Jahren, die Vermählung mit Josef, der Weg zur Verwandten Elisabeth ( „Heimsuchung“), die Flucht aus der Heimat in ein unbekanntes Land. Und was kann ein Menschenleben mehr erschüttern, als der Tod eines Kindes. An der Rückseite ist in einem Gemälde Jesus im Grab dargestellt. So können wir unter der Empore, in einem gedrückten Raumatmosphäre, auch über unseren Lebenslauf nachsinnen und vielleicht etwas Trost finden in der Geschichte dieser tapferen auf Gott vertauenden Mutter.



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Machen wir uns auf den Weg diese Frage zu erkunden. Schreiten Sie langsam den Mittelgang zum Chorraum vor , Richtung Osten. Die Gestalten des Deckenfreskos begleiten uns. Dabei ist es ein Erlebnis, die Farbmischungen, die chargierenden Farbstufungen, die feinen Übergänge aufzunehmen. Die Grundfarben Blau, Gelb und Rot mischen und verbinden sich, ein Bildklang entsteht. Das Violett, indem sich das Blau des Empfindens und das Rot der Tat durchdringen, gibt unserem Empfinden ein Wollen um immer wieder neues Handeln anzustoßen.  Grüne Töne, in denen das Gelb des lichten Denken auf das Blau des Ursprungs wirken, lassen Hoffnung aufkeimen, dass sich im Leben immer wieder neuer Sinn zeigen kann.  Verschränken sich das Rot des Tun und Lassens mit dem Gelb, des sich selbst vergessenden Denkens, dann leuchten Orangetöne auf, die eine Ahnung geben, wie eng Körper und Geist aufeinander angewiesen sind.

Wie aus den Farben Leben entsteht, so wird in der Vereinigung von Ich und Du unser Erdendasein erst in seiner Schönheit sichtbar. Im anderen Ich begegne ich erst mir selbst, im Du erst erfahre ich das Andere wie auch das mir Gleiche. Die Farben mischen sich und  malen ein Bild, das mehr ist als nur die Zuordnung von Elementen. 

Vor dem Chorraumbogen sehen wir im Deckenfresko drastisch dargestellt, wie Judith dem in Israel eingefallenen Feldherrn der Assyrer Holofernes, den Kopf abschlägt.  Ist es nur die traumatische Aufarbeitung des Geschlechterkampfes zwischen Frau und Mann?  Und was hat wohl die Liedsängerin Judith Holofernes der Popgruppe "Wir sind Helden" bewogen ihren Künstlernamen, in Anspielung auf diese Geschichte des Alten Testaments, die beiden Namen zu vereinen?

Ein Bild gibt uns auch Anlass nachzudenken, wie eng Rettung vor den Feinden mit Gewalt verbunden sein kann. Heiligt der Zweck alle Mittel und kann man in Judith eine politische Heldin sehen? Welche Folgen haben solche Taten, gebiert Hass wieder Hass?  Fragen, die sich gerade auch im 20. und 21. Jahrhundert in immer neuer Brisanz stellen. Auch diese Schattenseite gehören zu einer aufrichtigen Symphonie dieses Raumes. 

Holofernes führte im Auftrag des assyrischen Königs einen "Weltkrieg" gegen die andersgläubigen Völker. Allein die Israeliten zeigten sich wehrhaft gegen die drohende Unterwerfung, doch dachten sie bald an Kapitulation, da die Gegner ihre Wasserstellen besetzten.
Da trat Judith, eine reiche und schöne Witwe, vor die Ältesten und verkündete, dass sie Israel retten werde. Sie kleidete sich festlich, schmückte und parfümierte sich und ging mit ihrer Magd Abra aus der Stadt zu den Feinden. Hier verrät sie scheinbar ihr Volk und wird von Holofernes als Überläuferin aufgenommen. Es dauert keine drei Tage, da ist der Feldherr schon verliebt in ihre weiblichen Reize und gibt ein Fest, um sie zu verführen. Aber statt ihrer berauscht ihn der Wein, und es kommt zu der Bluttat.


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7


ÖFFNUNG


Die Formen und Farben des Raumes, aber auch die Leere zwischen den Formen, die Zwischenräume können sinnbildlich für unser Dasein stehen. Unsere Sein ist Dazwischensein - ist inter-esse, meistens sind wir nicht ganz da, wo wir eigentlich sein wollen oder sein sollten. Jetzt sind wir angekommen, wo sich vor dem Chorraum der Mittelgang mit dem Gang vor den beiden Seitenaltären kreuzen.

Wir sehen am linken Seitenaltar im Altarbild die Taufe des Jesu durch Johannes dargestellt .  „Und als Jesus aus dem Wasser stieg, sah er, dass der  Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.“ (Mk 1,10).  Gekrönt wird auch diese Szene vom Schöpfergott. Auch hier wiederum das Dreifaltigkeitsmotiv.

In allen Kulturen ist die Reinigung als eine der bedeutendsten rituellen Handlungen verankert. Sie ist mit den Gedanken des Umkehrens, der Öffnung, des Neuanfangs, des Aufgenommenseins verbunden. Wir hoffen zu uns selbst zu kommen, wenn wir uns dem Licht öffnen, dass aus der Tiefe der Zeiten uns anspricht.  Wenn ein Du mich anspricht, mich annimmt, wie ich zu sein vermag, wird es heller, ein heilendes Licht kommt mir entgegen. 

Im Wort LICHT ist in den mittleren drei Buchstaben das ICH eingebunden. Es beginnt mit L, wie LEBEN und endet mit T, wie TOD. Kann es einen schöneren Hinweis geben, als dieses Schlüsselwort LICHT für unser Erdendasein. Augenblicke können Lichtblicke sein, die uns allen Zweifel nehmen. Das Bild Marias mit ihrem Kind  ist ein schönes Sinnbild dafür. 

Nur aus der Ferne ist eine Anbetungsszene (südliche Seitenempore über der Sakristei) zu sehen, die in großer Intensität das Licht, das vom Gottessohn und Menschensohn ausgeht, zur Gestalt bringt. 

 


Ich möchte Sie noch einladen meine Meditationsgrafik über das Spannungsverhältnis von GOTTESSOHN - MENSCHENSOHN zu betrachten. 
Die von uns gefundenen Begriff über das was uns im Sein hält, verändern sich auf jeder Stufe der Betrachtung. Aus dem ungetrennten  Wort des GOTTESSOHNMENSCHENSOHN ergeben sich durch das Weglassen von Buchstaben jeweils neue Sinngehalte z.B. GOTTESSOHN
MEN oder  GOTTESSO oder GO um dann in der Mitte zu verschwinden. Wie die Sandkörner der Sanduhr häufen sie sich aber unten wieder an und führen zum Ausgangsbegriff zurück.  Solange die Zeit weitergeht wird die Sanduhr  wieder gedreht werden und den wahren Gottesbegriff werden wir erst dann erfahren, wenn wir Raum und Zeit verlassen. 
Am nächsten aber sind wir in dieser Welt dem Geheimnis im NICHTS DER MITTE.

 




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8
                 WER REGIERT?

 

Gönnen wir uns die Zeit in der ersten Bank uns niederzulassen um aufzuschauen, um nach vorne zu schauen.  Aber was sehen wir überhaupt, wenn wir etwas sehen?  Was kommt uns entgegen und was davon hat eine Chance in uns zu wirken.

Einige Titel des Fernsehprogramms eines x-beliebigen Tages.

  • Kein Opfer ist je vergessen

  • Das stinkt zum Himmel

  • Schein und Sein

  • Auf dem Kriegspfad

  • Die Suche nach der Superwaffe

  • Leben oder sterben lassen

  • Der Tod steht ihr gut

Es scheinen lauter existentielle Themen zu sein, die unser Auge und Ohr finden wollen. Aber es sind Titel seichter Serien, meist Krimis. Sie treffen uns und wir können uns ihrer Macht kaum entziehen. Regieren uns die Medien? Halten sie uns gefangen?

Welche Chance hat da ein Chorraum der,  sich vor uns auftut.
Entgegen kommt uns der Blick des Dreieinen Gottes, der durch ein goldenes Dreieck symbolisiert wird. Von ihm aus entfalten sich die goldenen Strahlen in den Raum. Aber passiert da etwas, wenn nicht in uns etwas passiert? 

 Im Deckenbereich erkennen wir eine Schlacht, die Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld aus dem Jahre 955, die Balthasar Riepp gestaltet hat. Aber was kann uns eine solche Darstellung heute noch sagen, wenn wir täglich die Kriege, das Sterben, die Opfer, den Tod im Fernsehen scheinbar hautnah erleben können. 
Der heiligen Ulrich, Patron des Kirche und des ganzen Bistums Augsburg, und die weltliche Macht,  mit Kaiser Otto I. an der Spitze, kämpfen für das Leben , der ihnen anvertrauten Menschen. Heute erkennen wir doch besser als jemals zuvor, welche Leiden auch die "Sieger"  vom Schlachtfeld davontragen. Heute ist es doch dringender als je zuvor, alles zu tun um Konflikte zu entschärfen und friedliche Entwicklungen zu fördern. Wer in den Blick des anderen taucht sieht besser.  Wer dann aus vollem Herzen die Macht des einen, allmächtigen und liebenden Gottes für alle Menschen dieses Erdballs annehmen kann, wird für das Abschlachten  keinen Raum zulassen.

Aber wird dies nicht alles durch die ungehemmten Gewaltdarstellung, die täglich unsere Wohnzimmer  belagern,  konterkariert? Wer hat den Mut dieser Verrohung Einhalt zu gebieten!

I

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EXSULTATE, JUBILATE !

 

9

 

 

1770, als Johann Baptist Enderle sein Hauptfresko vollendete, war er am Gipfelpunkt seiner Meisterschaft angelangt. Seine schwungvollen  Engeldarstellungen geben davon Zeugnis. Deshalb empfehle ich Ihnen, sich diese himmlischen Wesen in der Seeger Kirche zu Gemüte zu führen. 

1773, also kurze Zeit danach komponierte der 17-jährige Mozart sein "Exsultate, jubilate", sein "Jauchzet, jubelt". Diese Musik und dieser Raum, dieser Text und die Seeger Engel sind eine Einheit, die den Himmel ein Stück weit öffnen können.




Jauchzet, jubelt,
o ihr glücklichen Seelen,
singt süße Lieder;
eurem Lied antwortend
sollen die Himmel Psalmen mit mir singen.

 

Es leuchtet der freundliche Tag, 
schon fliehen Wolken und Stürme;
Den Gerechten ist unerwartete Ruhe gekommen.

Überall regierte die dunkle Nacht; 
erhebt euch endlich voll Freude, 
die ihr euch bis jetzt gefürchtet habt,
und freudig überreicht der glücklichen Morgenröte mit vollen Händen Blütenzweige und Lilien.

 

 

Du, Krone der Jungfrauen,

du, gib uns Frieden,

du, stille die Leidenschaften,

unten denen das Herz seufzt.

 

 

 

MOZART UND SEEG

Als J.B. Enderle 1770 sein Hauptfresko vollendete, war Mozart gerade 14 Jahre alt. 1769 reisten Vater Leopold und sein Sohn nach Italien. Es war eine Pilgerfahrt zu den Quellen der Musik. Auch die süddeutschen Maler des Rokoko ließen sich von Italien inspirieren. So ist unverkennbar der Einfluss von Giovanni Battista Tiepolo (er wurde 1696 geboren und starb im Jahr der Vollendung des Freskos in Seeg im Jahre 1770)  aus den Seeger Fresken zu spüren. Tiepolo war wohl der bedeutendste Maler des Rokoko
und Enderles Seeger Werke sehe ich als eine Hommage an Tiepolo.
Man schau sich nur die changierenden Gewänder an. Nachweislich hat sich Enderles Lehrer Franz Martin Kuen in Venedig und Rom aufgehalten und  Skizzen und Zeichnungen von Tiepolo mit nach Hause gebracht. 

Italien war das Traumland der Künstler, ob Maler oder Musiker. Mozart wird in Italien 15 Monate bleiben und seine Entwicklung wird von den italienischen Meistern wesentlich beeinflusst. Das Osterfest 1770 verbringt er in Rom und Papst Clemens XIV. überreicht ihm den Orden vom Goldenen Sporn. Am 26.12. 1770 wird seine erste Opera seria "Mitridate, re die Ponto" (Wie konnte ein Vierzehnjähiger solche vielfältigen Gefühle in einer großartigen Musik ausdrücken?)  in Mailand mit großem Erfolg uraufgeführt. Zehn Tage vor diesem Ereignis wird in Bonn Beethoven geboren.

Aber wussten Sie, dass Mozart eine recht enge Beziehung zu Seeg aufweist?

Genoveva Weber wurde  am 2.1.1764 in Marktoberdorf als Tochter des fürstbischöflichen Hofschreiners Markus Brenner geboren [ der weltlicher und geistlicher Fürst Clemens Wenzeslaus hatte seine Sommerresidenz in Marktoberdorf - damals Oberdorf] . Seine Spuren lassen sich bis in den Weiler Dederles bei Seeg  (Georg BRENNER,  geboren um 1620 in Dederles) zurück verfolgen. Genovefa heiratete mit 21 Jahren am 20.8.1785 den aus Freiburg stammenden 52 jährigen Theaterimpresario Franz Anton von Weber.  Sein Bruder Fridolin Weber (d.Ä.) war der Vater von Wolfgang Amadeus Mozarts Frau Constanze. Genovefa Brenner wurde durch diese Heirat also eine angeheiratete Tante von  Wolfgang Amadeus Mozart.
1786 wurde in Eutin der erste Sohn Genovefas, der Komponist des Freischütz Carl Maria von Weber (1786 - 1826) geboren. Bald nach der Geburt von Carl Maria zog Genovefa Weber 1787 mit ihrem Mann nach Hamburg, wo er eine Wandertheater -Kompagnie gründete und in dieser Umgebung ihren Sohn Carl Maria aufzog.  Sie gastierte  mit ihrem Ensemble um 1794 auch in Weimar bei Goethe. Sie starb mit 34 Jahren1798, an Schwindsucht. Sie ist zusammen mit Leopold Mozart und Constanze Mozart  auf dem Friedhof von St. Sebastian in Salzburg im Familiengrab beigesetzt.

Mozart war ein heiteres Genie und passt auch deshalb so gut in die heitere Ausstrahlung der Seeger Kirche. Alfred Einstein beschreibt ihn in "Mozart - Sein Charakter - sein Werk"  so:

"Mozart hat bei seinen Briefen an sein Augsburger "Bäsle" nicht an die Ewigkeit gedacht. Er hatte bis zu seinem Lebensende Lust an Wortverdrehungen, kindischen Spitznamen, drolligem Unsinn, lustiger Unfläterei - "ein Zug süddeutscher Heiterkeit, den man nördlich des Mains niemals verstand und niemals verstehen wird. ... Er war ein Kindskopf und blieb es, weil Kindsköpfigkeit für einen Schöpfer, zur Entspannung und zur Verheimlichung seines tieferen Ichs, manchmal notwendig ist. .... Ein Dramatiker wie Mozart muß unter Menschen gehen, und um mit Menschen auszukommen, bedarf es des Humors, der witzigen Abwehr, und manchmal noch gröberer Mittel. Man wird sich abfinden müssen mit der Tatsache, daß auch Mozart ein Mensch war 'mit seinem Widerspruch' und daß er bei aller Schärfe der Beobachtung von Menschen und Verhältnissen, bei aller Einsicht in den Kern, in das Wesen von Charakteren und Dingen, mit der Welt nie fertig geworden ist."


MOZART (Zeichnung TAM)

 

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10 

Im KNOTEN DES SEINS

 

 

 




Was ist Wahrheit? 

Wo liegt sie verborgen? Ist es unser Los, dass wir sie in dieser Welt in ihrer vollen Klarheit nie erfassen werden .
Der Seeger Kreuzweg von Johann Baptist Enderle ist ein eindrucksvolles Angebot
zu versuchen, der verborgenen Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Wie in einem Knoten sind drei Fäden unseres Seins,  das was wir tun und lassen, das was wir empfinden und das was wir denken in uns zusammengebunden. Der Knoten erscheint nicht durchschaubar, nicht auflösbar.

Die Kreuzwegstationen sind in fünf Dreiergruppen zusammengefasst, so dass sich fünfzehn Stationen ergeben. 
An der ersten Gruppe, beim rechten Seitenaltar, läßt sich die fragen wie Empfinden, Denken und Tun in unserem Dasein unauflöslich verbunden sind. Die dargestellten Stationen sind, Jesus wird zum Tode verurteilt, er nimmt das Kreuz auf sich, er fällt das erste mal.  

Verurteilen

Denkend fragen wir was ist richtig, was ist falsch. Auch Jesus stellt vor Pilatus die Frage: Was ist Wahrheit?
Wie können wir diese Frage beantworten? Wir, die wir erkennen können, dass wir nur ein winziges Staubkörnchen, eine vergängliche Gestalt im Universum sind, wir wollen wissen, was zeit- und raumlos wahr ist?  Hat nicht unsere Vermessenheit, die Wahrheit eindeutig zu wissen  und der Glaube, diese mit allen Mitteln durchsetzen zu müssen, uns schuldig werden lassen für geschehenes großes Leid? Pilatus schickt Jesus mit einer abweisenden Geste in den Tod. 

Aufsichnehmen

Was empfinden wir, wenn uns Leid zugefügt wird, wenn wir bloßgestellt, wenn wir erniedrigt werden? Wie verändern diese Erfahrungen unser Denken, wie wird daraus unser Handeln geleitet? Jesus hat den Weg des Geschehenlassens gewählt.  War damit aber nicht ein umso machtvolleres heilsgeschichtliches Handeln verbunden,  nicht eine unvergleichlich größere Wirkung erreicht?  Pilatus wusch sich seine Hände in Unschuld. Die Angst  Unrechtes getan zu haben brennt sich aber in unserem Empfinden fest. Auch wir suchen ja oft nach Gründen um unsere vermeintliche Wahrheit zu rechtfertigen.

Fallen 

Wie schnell verraten wir unsere Grundsätze, wenn das uns Aufgeladene uns zu erdrücken droht, wie schnell schauen wir weg, wenn anderen Unrecht geschieht.  Auch wenn wir es als Unrecht empfinden, sagt unser Denken: "Was kann ich bloß machen, ich kann doch eh nichts ausrichten!"  Hat unser Empfinden in der schnelllebigen Mediengesellschaft überhaupt noch eine Chance für tieferes Empfinden, das zum Handeln führt? Heute, Tagesschau, eine Katastrophe verwischt die andere und dann die Fußballergebnisse und der neuesten Klatsch. Was ist wichtig, was ist wahr, wer kann uns helfen im Knoten des Seins, diese Fragen auflösen?

Was hat das alles mit der darstellten Geschichte, die vor 2000 Jahren geschah, zu tun?
Ich möchte Sie dazu anregen, den Weg bis zur 15. Station zu gehen und in den Dreiergruppen über die Verknotung von Empfinden, Denken , Tun und Lassen in uns zu meditieren. So kann uns diese Geschichte auch heute noch einen Menschensohn/Gottessohn zeigen der uns nahe ist.

   


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 Der Klang des Raumes

Schauen Sie vom Mittelgang auf die Orgelempore. In einem  alten Text des chinesischen Kaufmanns, Politikers und Philosophen Lü Bu Wei, der ca. 300 - 235 vor Christus lebte, wird ausgedrückt, dass das, woraus alle Wesen entstanden sind, das große Eine ist und dass das, was sich in der Zweiheit von Lichtem und Dunklem zu einer körperlichen Gestalt, zu einer Form, zu einem Raum entfaltet hat klingt. Der Ton entsteht aus der Harmonie. Die Harmonie entsteht aus der Übereinstimmung. Die Musik beruht auf der Harmonie zwischen Himmel und Erde. 

Kann man schöner das Raumgefüge der Seeger Kirche beschreiben. Der Klang des Raumes, ein Dreiklang seiner Elemente, wird augenfällig beim Betrachten des dreigegliederten Raumes, in dessen Mitte die Klangquelle steht. Die Bauzeit der Kirche war die Zeit eines Joseph Haydn
( 1732 - 1809),  eines Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) . Und kann nicht leicht beim Hören ihrer Werke, der Rokokoraum mitgehört werden, ja öffnet dieser Raum mit dieser Musik nicht das Tor zu einer immerwährenden Klang.

 

 

Können so nicht die Künste den "Himmel bessrer Zeiten" mir erschließen, wie es  in einem Schubert Lied so ausdruckvoll anklingt  und in dem die letzte Zeile lautet "du holde Kunst, ich danke dir dafür!"   Eine dankbare Erinnerung  für den Vermittler der göttlichen Geistes mittels des Geistes der Musik wird  im mittleren Fresko durch das Notenblatt mit der Überschrift "Alois Meisburger 1980" ausgesprochen. "Heil dem Tage, der unsre Tage krönt", diesen Text vertonte der  Pfarrer mit dem tönenden Herzen. 


Foto Heinrich Scherbaum jun.

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Alles ist Eines

 

Was ist in diesem Raum noch Materie, was schon Geist. Sie fallen zusammen in dieser Symphonie der Elemente. Im Sternenkranz spiegeln sich die unendlichen Möglichkeiten wieder und lassen Raum und Zeit verschwinden. Immer wieder finden wir in der Kirche Strahlen-  und  Sternenkränze. Diese strahlen uns entgegen. Alle Bewegungen, die aus den Widersprüchen unseres Daseins geboren wurden, können in diesem Abbild des schattenlosen Geheimnisses ihre Ruhe finden. Unsere bohrenden Fragen und unzureichenden Antworten treffen und versöhnen sich in einem erfüllten Schweigen. 

Was bleibt uns mehr als zu Staunen, aber damit beginnt, was uns der zu uns geöffnete, wunderbare Raum uns sehen, hören und empfinden lässt. 

 

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EPILOG

 

 

  



Nehmen Sie den Raum in Ihrem Herzen mit,

er ist ein Geschenk, dass Ihnen ohne eine Verpflichtung, einfach so,  gegeben wird. Es ist eine Kostbarkeit, die sie sich immer wieder schenken können und sie werden erleben, dass sie immer wertvoller wird. Verabschieden möchte ich mich von Ihnen mit meinem Lieblingsengel, der sie einlädt wieder und wieder den Klang des Raumes im Zusammenklang seiner Elemente zu erleben. Diese  Raumsymphonie ist ein unerschöpfliches Ereignis auf unserem Erdenrund. 

Bevor sie die Kirche verlassen, gönnen sie sich noch einen Rundgang. Versuchen sie aber nicht alles Gedachte nochmals zu wiederholen, sondern die Gedanken auf sich beruhen zu lassen, ruhen sie von ihren Gedanken aus. Spüren Sie sich selbst beim Gehen in dieser Raumgestalt.
Sie werden erfahren, dass zwischen Ihnen und diesem Raum eine Verbindung entstanden ist und dass die Kostbarkeit dieser Stunde und dieses Ortes in nicht vorhersehbarer Art und Weise in ihnen weiterwirkt. Und sogar einige ihrer Sorgenfalten könnten sich verflüchtigt haben. Die beiden Engel mögen sie begleiten.

Foto Heinrich Scherbaum jun.

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