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Habermas





Rousseau




Wettbewerb













Offene Gesellschaft











Europas Identität










Anti- amerika- nismus




























EU - Kriterien



















EU - Soziale Kriterien







Imperativ der Welt- bürger- gesellschaft

 

Kant hielt nicht viel von Philosophenkönigen – „weil der Besitz von Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt“ - , aber als Vordenker einer europäischen Union hat er durchaus seinen Platz. Ja, wir sind Kantianer! Doch in den sich gegenseitig bestärkenden Kantbildern von Habermas und Kagan, denen des intellektuellen Eurogaullisten und des amerikanischen Neokonservativen, erkennen wir den großen Aufklärer kaum wieder.

Nein, beide Autoren verwechseln Kant mit Rousseau. Immanuel Kant war aus anderem, härteren Holz geschnitzt als der Genfer Träumer von Arkadien. Kant wusste nicht nur, dass es Macht gibt, sondern dankte der Natur „für die Unvertragsamkeit, für die missgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen“. Nur durch die „ungesellige Geselligkeit“ de Menschen, also durch Vielfalt und Zwiespalt, durch „Antagonism“, können Menschen der arkadischen Idylle entkommen, in der „bei vollkommener Eintracht, Genügsamkeit und Wechselliebe alle Talente auf ewig in ihren Keimen verborgen bleiben“.

... Wie Kant wollen wir* eine allgemein das Recht verwaltende bürgerliche – und am Ende weltbürgerliche – Gesellschaft, die für immer unvollkommen und konfliktreich, aber vor allem offen ist. Zu ihr kann ein erneuertes Europa einen großen Beitrag leisten, wie ihn Amerika schon seit mehr als 200 Jahren immer wieder leistet.

Das wird allerdings ein Europa sein, das andere Züge trägt als Habermas sie der europäischen Gegenwart und Zukunft zuschreibt. Sein Europabild erinnert zuweilen an das westliche Deutschland vor dem Epochenschnitt von 1989. Gewiss, die „Erfahrungen der totalitären Regime des zwanzigsten Jahrhunderts“ und auch die „bellizistische Vergangenheit“ verbindet Täter und Opfer. Aber ist die Religion wirklich überall in Europa so unpolitisch? In Irland? In Polen? In England, wo sogar das Parlament vor seinen Amtsgeschäften öffentlich betet?  Und die „Emanzipation der Bürgergesellschaft aus der Vormundschaft eines absolutistischen Regimes“ war auch kein britisches oder italienisches oder schweizerisches Phänomen.

Die Erneuerung Europas ist nötig. Aber sie wird niemals aus der bemühten Selbstbestimmung eines Europa als Nicht- oder gar Anti-Amerika erfolgen. Jeder Versuch, Europa gegen Amerika zu definieren, wird Europa nicht einigen, sondern teilen.

... Die Triebkraft europäischer Erneuerung muss jene angewandte Aufklärung sein, die Europa und Amerika verbindet – und immer mehr Menschen und Staaten in der Welt für sich durch Erfolg und Überzeugungskraft gewinnt. Die kantische Hoffnung auf eine Weltinnenpoltik ist die Lichtseite der Globalisierung. Dabei sind spezifisch europäische Ansätze und Errungenschaften sehr wohl zu bedenken. Sie können auch vorbildlich sein. Wir nennen nur einige.

Am 1. Mai 2004 wird die Europäische Union 25 Staaten umfassen. Fünfzehn lange – zu lange – Jahre nach dem ersten Schnitt durch den eisernen Vorhang, geht ein Traum in Erfüllung. Die klare Mehrheit der europäischen Staaten, die einander Jahrhundertelang blutig bekämpft haben, wird zum ersten mal gleichberechtigt ein und derselben, friedlichen politischen und wirtschaftlichen Gemeinschaft angehören. Das hat es nie zuvor gegeben in Europa. Das gibt es auf keinem anderen Kontinent.

Ein anderer, wichtiger europäischer Ansatz ist mit der Erweiterung verknüpft; das sind die politischen Kriterien, die der Europäische Rat 1993 in Kopenhagen für Beitrittskandidaten beschlossen hat. Diese „Kopenhagen-Kriterien“ fordern vor allem stabile demokratische Institutionen, Herrschaft des Rechts, Achtung der Menschenrechte und Schutz von Minderheiten. Hinzu kommen Regeln der Marktwirtschaft einschließlich der Unabhängigkeit der Zentralbank. Damit ist die EU weit über die Gründungsverträge hinaus zu einem Modell für die Verfassung der Freiheit geworden, dessen Übernahme sie folgerichtig von den Beitrittswilligen verlangt.

... Europa  hat eine reiche Vielfalt mehr oder minder gut funktionierender Varianten des demokratischen Kapitalismus entwickelt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Kernaufgabe zu erfüllen suchen, „eine dynamische Wirtschaft und die befreiende Wirkung der ökonomischen Eigentätigkeit zu vereinen mit dem Ziel einer alle einschließenden Gesellschaft angesichts der Tatsache, dass freie Märkte allein dies nicht leisten können.“

Solche Ansätze führen noch einmal zu Kant. Es ist die „weltbürgerliche Absicht“. So zu handeln, dass unser Tun als Prinzip einer allgemein das Recht verwaltenden Weltbürgergesellschaft gedacht werden kann. Der Weg zu diesem Ziel mag weit, ja das Ziel mag in seiner Fülle unerreichbar sein, aber es leitet das, was wir tun und was wir nicht tun. Nicht jede heute verfochtene Version der Europäischen Union und nicht jede Regierung in Washington ist solchen Maximen gefolgt. Sie beschreiben indes das Europa und Amerika, das wir wollen, und damit die gemeinsamen Zwecke beider.

 

* Gemeinsamer Text von T.G. Ash (Oxford/Stanford) und R. Dahrendorf in der SZ vom  5./6. Juli 2003

 

 

Seit Francis Bacon gilt, dass Wissen Macht sei, die nämlich, mit der wir die äußere und innere Natur beherrschen. Natur wird hier ganz abstrakt als "Dasein unter Gesetzen" verstanden. Wer diese Gesetze entschlüsselt, dem wird die Natur zu einem aufgeschlagenen Buch, in dem er lesen, am Ende sogar selber schreiben kann. Damit büßt sie womöglich ihren Zauber ein, bestimmt aber ihre mitunter bedrohliche Unverfügbarkeit. Menschliche Macht entspricht damit der Definition von Max Weber, der "Macht" als das Vermögen begriff, Handelnden die Prämissen ihres Tuns vorzuschreiben.  Ist Wissen zu einer Macht in dieser Bedeutung geworden, zieht es zwangsläufig das Interesse nicht zuletzt der politischen Macht auf sich.  Wissenspolitik besteht dann darin, "neue Erkenntnisse und technische Artefakte zu regulieren und zu kontrollieren, indem Regeln und Sanktionen formuliert werden, die für relevante Akteure und Organisationen den Umgang mit bestimmten Erkenntnissen mitbestimmen".

Freilich hat sich die Welt seit der Veröffentlichung von Bacons Novum Organum im Jahre 1620 gründlich verändert. Es sind Wissensformen entstanden, die im Gebiet der molekulargenetischen revolutionierten Biowissenschaften menschliche Naturbeherrschung bis an den Punkt einer möglichen "Selbstransformation" der Gattung" vorangetrieben haben. Es ist nun absehbar, dass die Biotechnologie Handlungsmöglichkeiten bereitstellt, die - über die vergleichsweise harmlose Bekämpfung bis dato noch als unheilbar geltender Krankheiten hinaus - mit Eingriffen in die menschliche Keimbahn auf nicht weniger als eine Optimierung der natürlichen Grundlagen sozialer Evolution zielen. Die Menschheit steht im Begriff, sich ihren genetischen Code selbst aufzusetzen.

Es geht [nun] darum das Subsystem "Wissenschaft", wie es sich im Ausdifferenzierungsprozess moderner Gesellschaften entwickelt hat, unter normative Kontrolle zu bringen. Bereits angelaufen ist das hochriskante Experiment, dass die postindustrielle Wissensgesellschaft ihre Zukunft nur noch mit Hilfe innovativer Technologien und Erkenntnisse gestalten können, die ein global operierender wissenschaftlich- industrieller Komplex bereitstellt. Wie dieser die einzelnen Gesellschaften übergreifende Laborversuch ausgehen wird, vermag gegenwärtig niemand zu prognostizieren. Ob das Geschehen durch eine Wissenspolitik überhaupt steuerbar ist, darüber bestehen Zweifel. Denn alle beteiligten Gesellschaften sind in ein Paradox verstrickt, von einem "faustischen Dilemma" heimgesucht, dem sie nicht entkommen können: sie müssen hoffen, das die möglichen Auswirkungen neuer Erkenntnisse kraft des sich weiterentwickelnden Wissens zu begreifen und mit Hilfe eben dieses Wissens auch planend zu steuern sind. Wissen muss vor den Folgen des Wissens schützen.

Schon in der Antike hatte sich diese Notlage im Mythos des Telephos verdeutlicht, demzufolge der Speer, der die Wunde schlägt, sie auch heilen muss.

Martin Bauer in der SZ vom 16.7.03 über Nico Stehr neues Buch: Wissenspolitik - Suhrkamp 2003

 



Bacon







Macht



















Bio- technologie

























Dilemma Experiment Fortschritt

 

 

Wirtschaftszyklen

Gesellschaft



Kondratieff




Basis- innovationen







Nefjodow




















Informations- technik










Psycho- soziale Gesundheit




immaterielle Faktoren

 

Der russische Ökonom Nikolai Kondratieff begründete in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Theorie der langen Wellen, die durch produktivitätsfördernde Basisinnovationen ausgelöst wurden. Er identifizierte die Dampfmaschine (1780 bis 1840), die Eisenbahn (1840 bis 1890) und die Elektrizität (1890 bis 1940) als Basisinnovation, die einer bis dahin stagnierenden, an der Realkostengrenze angelangten Wirtschaft wieder zu neuem Wachstum verhalf.  Einer seiner namhaften Adepten Leo A. Nefjodow identifizierte die beiden weiteren Konjunkturzyklen von 1940 bis 1980, getragen vom Auto und der individuellen Massenmobilität und die Informationstechnik als Treibfeder des fünften Kondratieff, die ihren Höhepunkt 2002 fand.

Eine lange Konjunkturwelle ist eben nicht allein ein ökonomischer, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Vorgang. Sie verändert die Art, wie sich eine Gesellschaft organisiert, um die neue Basisinnovation optimal zu nutzen. Dazu gehören eine neue Infrastruktur, neue Bildungsinhalte, neue Schwerpunkte in Forschung und Entwicklung, neue Führungs- und Organisationskonzepte in den Unternehmen. Hinter der Kondratiefftheorie steht also die Einsicht, dass die Wirtschaft langfristig nicht wegen niedriger Zinsen, hoher Staatsausgaben, der Geldmenge oder den Löhnen wächst, sondern weil eine Volkswirtschaft produktiver wird. In den letzten Jahrzehnten trug die Informationstechnik das Wirtschaftswachstum.

Der sechste Kondratieff-Zyklus hingegen wird sich vom derzeitigen deutlich unterscheiden. Künftig geht es nicht mehr vorrangig um die Informationsströme zwischen Mensch und Technik, sondern um die Informationsströme zwischen Menschen.  Um dieses Potential zu erschließen, bedarf es nach Nefjodow einer neuen Basisinnovation: der psychosozialen, ganzheitlichen Gesundheit. Sie erschließt die Produktivitätsreserven des Informationsarbeiters und bildet die für den wirtschaftlichen Erfolg in der Informationsgesellschaft entscheidenden Standortfaktoren: Kreativität, Zusammenarbeit, also immaterielle Faktoren in einer zunehmend immateriellen Wirtschaftswelt.

 

SZ vom 7. 7. 2003 - Dagmar Deckstein zum Büch von Händeler: „Die Geschichte der Zukunft“

 

Karl Otto Hondrich ist gerade dabei, seine Theorie der Gesellschaft, die sich in vielen Einzelstudien gebildet hat, systematisch zu formulieren. Jede Form sozialen Lebens zeichnet sich ihr zufolge durch fünf grundlegende Prinzipien aus.

Erstens: geben und erwidern (Prinzip der Reziprozität);

 in jeder Gesellschaft gibt es Regeln dafür, wie etwa Geschenke, Grüße oder Beleidigungen ausgeteilt und erwidert werden. So geraten Menschen in die partnerschaftliche Liebe, aber auch in den Krieg.

Zweitens: auf- und abwerten (Prinzip der Präferenz);

 in jeder Gesellschaft wird ständig bewertet und moralisiert und in der Regel das Eigene, schon Vertraute vorgezogen. Unsere Beziehungen sind Vorziehungen, die immer ein Zurücksetzen beinhalten. Als Korrektiv gegen daraus entspringende Feindseligkeit wirkt die Pflicht zur Toleranz gegenüber anderen, in der Wissenschaft die regulative Idee der Werturteilsfreiheit.

 Drittens: teilhaben und ausschließen (Prinzip der kollektiven Identität);

jede Gesellschaft zieht ihre Grenze, indem sie die einen einbezieht und die anderen ausschließt. Im Namen des Individuums, das sich unvergleichlich setzt, oder der Menschheit als Ganzes können wir gegen dieses Prinzip protestieren, aufheben können wir es nicht.

Viertens: verbergen und mitteilen (Tabu-Prinzip);

 keine Gesellschaft kommt ohne einen Code aus von dem, was mitteilbar ist und was verborgen bleiben soll. Selbst die Aufklärung, das Gegenprinzip, bringt neue Tabus hervor.

Fünftens: bestimmen und bestimmt werden (das Prinzip der fatalen Handlungsfolgen);

Handeln sieht sich immer mit ungewollten Folgen konfrontiert, die wiederum die weiteren Handlungsmöglichkeiten bestimmen. Früher, so Hondrich, nannte man dies Schicksal, „ein Begriff, der für den modernen Menschen zum Ärgernis geworden ist, weil er sich als ausschließlich selbstbestimmt betrachtet“.

„Wenn wir erkennen, dass wir – trotz unserer Unterschiede – alle diesen elementaren sozialen Prozessen ausgeliefert sind, dann verstehen wir uns über kulturelle Grenzen hinweg wahrscheinlich besser, als wenn wir bloß einem Toleranzgebot folgen, das aus einer bestimmten Kultur erwachsen ist.“



Hondrich





Geben und Erwidern






Auf- und Abwerten










Teilhaben und Ausschließen







Verbergen und Mitteilen





Bestimmen und bestimmt werden









Toleranz