BAROCK  
ALTE PINAKOTHEK IN MÜNCHEN

EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

ÜBER DEN GEIST DES BAROCKS 

in Bearbeitung

SAAL VII

RUBENS

IGNAZ GÜNTHER


ÜBER DEN GEIST DES BAROCKS 

VON WILHELM HAUSENSTEIN

"Mit einem Schlag zu sagen, was Barock sei, ist so verlockend wie unmöglich. Blick, Wort, Fingerzeig schwimmt suchend und verloren auf dem Schaumkamm einer Welle. Welle ist Meer. Das Meer ist alles. Es wirft sich aus sich selbst hervor, sinkt in sich zurück. Es spiegelt den Himmel, spiegelt Schiffe und Ufer, reißt Erde los und stäubt an die Wolken. Aber anfänglich, endlich und inmitten bleibt es in sich selbst gefaßt, mag es auch täglich mit Gewalt und List aus seinen Grenzen branden. Immer ist es das Meer - rasende Natur und rauschender Akkord der Schöpfung. Seine Allheit ist immer und als ein Besondres gegenwärtig. So ist Barock. Alles, schier alles ist es unfaßbar auf einmal und auf eigene Weise. Jedes Detail ist das Ganze. Scheint aber das Ganze mitunter nur Detail, allem Umfassenden zum Trotz bloß Bruchstück, so bleibt immerhin kaum etwas von allen Möglichkeiten der Kunst, das nicht erschöpft wurde.  Doch Zug um Zug regiert der Griff des Barock nie. Nichts in diesem Stil geschieht folgeweise. Alles ist auf einmal getan. Das Wesen des Barock ist die Gleichzeitigkeit seiner Handlungen. So wäre ein Wort gefunden? - Ja - ein Wort, das nichts vermag. Man muß es auflösen. Was alles ist gleichzeitig? Die maßlose Flüssigkeit dieses Stils; das Organische, Vegetabilische, tropische; das non plus ultra von Ausdruck; das erschreckend Wirkliche; das Preziöse und Vorgetäuschte; das Sinnliche und das Metaphysische; das Verliebte, Unziemliche, Skandalöse und das Entrückte; Fleischlichkeit und Geistlichkeit; Proletarier, Bettler, Krüppel, Mißgewachsene und Feudalität, Dynasten, Bischöfe, süße Nonnen; Jenseits und Diesseits; Renaissance und Gotik; Malerei, Plastik, Architektur - alle drei in allem, eins geworden, eins freilich zumal im Zeichen der ersten; Stil und die krasseste Unmittelbarkeit des Gegenständlichen. Mehr noch geschieht durch die barocke Simultaneität: Vernichtung der Grenzen wie zwischen Kunst und profanem Sein. Alles ist im Barock zugleich getan, vollends das Ganze zur höchsten Suggestivität gesteigert. Jeder Ausweg ist verlegt. Keine Bewegung, die vom Barock nicht vollzogen wäre, mit der die Räume nicht erfüllt würden. Du suchst darüberzuklettern, darunter hinzukriechen, vorbeizufliegen, durchzustoßen oder mit spitzem Scheitel und gewundener Wirbelsäule dich durchzuschrauben. Vielleicht, daß du es vermagst. Aber du wärest nichts als ein Nachahmer des Barock: jede Gebärde ist vorgemacht. Zuletzt gibt es auch keine Überlegung. Das Tempo, mit dem das Barock sich selbst und dich vollzieht, hat die Eile des Windes, die Plötzlichkeit einer Explosion."

 

 

 


PETER PAUL RUBENS

1577 - 1640

CHARKTERISIERUNG NACH WILHELM HAUSENSTEIN

"Die Spannung zwischen dem Völklichen und dem Vornehmen, zwischen dem Offenkundig-Gewöhnlichen und dem überschwenglich-Beschönigten, all diese barocke Doppelheit ist in der Kunst, ja auch im Leben des Rubens zur bestechenden Einheit, zur überwältigenden Verbundenheit geworden." 

Kunstgeschichte - 1928 - S. 300

"Katholik und Heide, Edelmann und Plebejer, Kavalier und Maler, Naturalist und schwärmender Barockdichter, der mit Formen, Farben, Kurven dichtet, wahr und rednerisch-pathetisch, mit dem Malerischen phantasierend, zumal in den Skizzen, die ja der Schlüssel zu seinem Wesen sind, im nähmlichen Augenblick aber voll von Wirklichkeit, ein Temperament voll umwälzender, voll schleudernder Heftigkeit und zugleich mit einem weise regierenden Sinn für Ordnung begabt, Revolutionär und Akademiker, Treib und Regel, Ausschweifung und Selbstbeherrschung, Schwere und Leichtigkeit, Fülle und Schwung, germanisch und romanisch, flämisch und lateinisch, Niederländer und Weltbürger im nämlichen Moment: mit solcher Verfassung ist Rubens wohl die vollständigste 'Synthese', der rundeste Zusammenschluß aller barocken Möglichkeiten."

Kunstgeschichte - 1928 - S. 302

Die LÖWENJAGD, 1621 - GEMÄLDE UND SKIZZE

"Man muß ihn in den Skizzen suchen"  (Wilhelm Hausenstein)




DAS GROßE JÜNGSTE GERICHT 1617

AUSSCHNITTE

Christus erscheint, um die Menschen zu richten. Die Gräber öffnen sich, die Toten stehen auf, um die Scheidung in Selige und Verdammte zu erwarten (Mt. 24 und 25). Das Gemälde wurde im Auftrag Herzog Wolfgang Wilhelms von Pfalz-Neuburg für den Hochaltar der Jesuitenkirche in Neuburg a.d. Donau geschaffen. Die nackten Gestalten erregten bald Missfallen. Nur wenige Jahrzehnte blieb das Bild - z. T. verdeckt - an seinem Platze.

 

Ist die Nacktheit Symbol der Natur, so steigert das Barock die Nacktheit zur Entblößung - die Entblößung zur Nudität. . . . eine Orgie von Intimität. . .  Du siehst nicht eine Schulter. Du siehst in die Höhle einer Achsel hinein. Du siehst nicht nur die reine Plastik eines Knies. Du siehst Politur und Elektrizität eines Knies. . . Du siehst das üppige, fleischig Modellierte, die Grübchen und in allem die Gefahr bezaubernder Gegenständlichkeit. Du siehst die Kehlen der Knie, die Eleganz der Knöchel und bist versucht, den seidenen Flor eines Strumpfs darüber zu ziehen. Du erkennst die beklemmende Gegenwärtigkeit reizender Ellenbogen. Kinn und Arm, Nasenflügel und Ohrläppchen sind rosa bemalt. Schatten sind rot wie bei Rubens. Ringsum ein Garten von Fleischfarben  - die um so mehr erregen, je weniger sie wahre Fleischfarbe sind. . . .

Hausenstein - Vom Geist des Barock  S. 25

Die Haut gestaltete Rubens mit den drei Grundfarben, der Trias aus Gelb, Rot und Blau. Im Menschen spiegeln sich damit die gleichen Farben wider, die auch den ganzen Kosmos der Farberscheinungen der Welt bilden.

 

 

Kreuzabnahme
(The Morgan Library & Museum)

Diese ersten Federskizze (primo pensiero) zeigt das Geschehen in äußerster Dynamik

 

 



RUBENS ALS NACHSCHÖPFER




Rubens nach Quentin Massys

 

 

Rubens nach Tizian (überlagernde Darstellung)