BENEDIKT XVI.
JOSEPH RATZINGER

 

 

 

THEMEN

Eine Seite von Theodor frey

"Einem statischen Begriff von Kultur, der festen Kulturgestalten voraussetzt, die letztlich konstant bleiben und nur nebeneinander stehen, nicht ineinander übergehen können, hat der Papst (Johannes Paul II. - in der Enzyklika 'Fides et Ratio') ein dynamisches und kommunikatives Verständnis der Kultur entgegengestellt. Er unterstreicht, daß die Kulturen, wenn sie 'tief im Humanen verwurzelt sind ..., das Zeugnis der typischen Öffnung des Menschen für das Universale und für die Transzendenz in sich' tragen. Deswegen sind Kulturen als Ausdruck des einen Wesens Mensch gezeichnet von der Dynamik des Menschen, die alle Grenzen überschreitet. Deshalb sind Kulturen nicht ein für alle Mal auf eine Gestalt fixiert; zu ihnen gehört die Fähigkeit zum Voranschreiten und zur Umformung, freilich auch die Gefahr des Verfalls. Sie sind auf Begegnung und gegenseitige Befruchtung hin angelegt."

Joseph Kardinal Ratzinger
in  "Glaube - Wahrheit - Toleranz" (S. 157 f.) 

 



THEMEN

 


Papst Benedikt XVI. 
Rückblicke

"Auf die Frage, wie sehen sie heute die Zukunft des Christentums, antwortete Papst Benedikt im Interview von Peter Seewald (Quelle: DIE ZEIT - Nr. 38/2016):

"Dass wir, nicht mehr deckungsgleich mit der modernen Kultur sind, die christliche Grundgestalt nicht mehr bestimmend ist, das ist offenkundig. Heute leben wir in einer positivistischen und agnostischen Kultur, die sich gegenüber dem Christentum zunehmend intolerant zeigt. Umso mehr müssen sich die Glaubenden darum bemühen, dass sie das Wertebewusstsein und das Lebensbewusstsein weiterhin formen und tragen."

Was sehen Sie als Ihre schwache Seite an?

"Vielleicht doch die klare, zielstrebige Regierungsführung und die Entscheidungen, die da zu fällen sind. Ich bin tatsächlich mehr Professor, der die geistigen Dinge überlegt und bedenkt. Das praktische Regieren ist nicht so meine Seite und ich würde ich sagen, ist eine gewisse Schwäche."

Kann man sich auf den Tod vorbereiten? "

Man muss es sogar. Nicht in dem Sinne, dass man jetzt schon bestimmte Akte. vollzieht, aber daraufhin lebt, dass man einmal ein letztes Examen vor Gott besteht.

Wie machen Sie das?

"Einfach in meiner Meditation. Dass ich immer wieder daran denke, dass es zu Ende geht. Dass ich in dem Bewusstsein lebe, das ganze Leben geht auf eine Begegnung zu."

 


27. Februar 2013

 

 

 

Papst Benedikt XVI. 
Seine Rücktrittserklärung am 11. 2. 2013

"Liebe Mitbrüder!

Ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch um euch eine Entscheidung von großer Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen. Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewißheit gelangt, daß meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.

Ich bin mir sehr bewußt, daß dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen.

Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, daß ich mein Unvermögen erkennen muß, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.

Im Bewußtsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, so daß ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird und von denen, in deren Zuständigkeit es fällt, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes zusammengerufen werden muß.

Liebe Mitbrüder, ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler. Nun wollen wir die Heilige Kirche der Sorge des höchsten Hirten, unseres Herrn Jesus Christus, anempfehlen. Und bitten wir seine heilige Mutter Maria, damit sie den Kardinälen bei der Wahl des neuen Papstes mit ihrer mütterlichen Güte beistehe. Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen."



CRISIS

CARITAS IN VERITATE

DESASTER 

PAPSTWAPPEN

DEUS CARITAS EST

JESUS VON NAZARETH

LIEBE UND LEID

ROM UND TEILHARD DE CHARDIN 

ZEITDIAGNOSE 

KAPLAN IN HEILIG BLUT - MÜNCHEN BOGENHAUSEN





 

Eberhard Schockenhoff , Moraltheologe, schreibt in der Aprilausgabe der „Stimmen der Zeit" über die  Dialoge mit den Piusbrüdern: „Wo es um den Glauben der Kirche und seine öffentliche Bezeugung geht, ist nicht Geheimdiplomatie, sondern größtmögliche Transparenz gefordert. Über die authentische Interpretation des Konzils kann nicht hinter verschlossenen Türen, sondern nur unter Beteiligung einer breiten kirchlichen Öffentlichkeit verhandelt werden." 

Dazu stellt Johannes Rösner in CiG 14/2010 folgende Fragen:
"Was aber wird eigentlich verhandelt und womöglich wegverhandelt, von den Aussagen des Konzils weichgespült oder gar derart umgedreht, dass die, die das Konzil in wesentlichen Punkten ablehnen, sich auf dialektische Weise als Sieger ausgeben können? . . .

Zur Gewissens- und Religionsfreiheit:

Gilt folgendes?

" Die Kirche kann Menschen, die Gott in anderen Religionen außerhalb des Christentums suchen und verehren, demnach nur deshalb religiöse Freiheit zugestehen, weil sie diese Menschen besser zu verstehen glaubt, als diese sich selbst verstehen können, und ihnen in der Botschaft des Christentums die Wahrheit verkündet, auf die sie im Verborgenen schon warten". . . . Alles, was Menschen außerhalb des Christentums glauben, denken oder zu erkennen meinen, kann aus dieser Perspektive nur als defizitär, als verschattet betrachtet werden.

Diese Perspektive hat das letzte Konzil jedoch, wie Schockenhoff erläutert, gerade nicht übernommen. Es versteht die Gewissens- und Religionsfreiheit vielmehr „als ein Recht, das unmittelbar aus der Würde entspringt, die jedem Menschen zukommt und die von der Kirche voraussetzungslos anerkannt wird, ohne dass sie dessen Weg der Wahrheitssuche in irgendeiner Weise vom Wahrheitsanspruch ihres eigenen Glaubens her zu bewerten versucht… Die Konzilserklärung anerkennt … die Religionsfreiheit als ein Menschenrecht, das in dem gemeinsamen Ausgangspunkt verankert ist, der die Religionen und alle Menschen untereinander verbindet: im freien, eigenverantwortlichen, immer auch irrtumsanfälligen Streben nach der Wahrheit." Daran ist strikt festzuhalten, wenn auch die platonische Sichtweise - wie Schockenhoff ihr zubilligt - binnenchristlich durchaus die persönliche Frömmigkeit ergänzen, dahingehend bereichern kann, dass eben alle Menschen irgendwie zu Christus als Wahrheit berufen seien.

Die Blickumkehr des Konzils hat öffentliche, gesellschaftliche Bedeutung in der pluralen Welt: „Während nach traditioneller Lehre nur die Wahrheit oder die geoffenbarte wahre Religion des (katholischen) Christentums rechtmäßige Anerkennung fordern darf, den anderen Religionsgemeinschaften dagegen allenfalls bürgerliche Toleranz um des innerstaatlichen Friedens willen zu erweisen ist, spricht das Konzil der menschlichen Person ein in ihrer Würde begründetes Recht auf religiöse Freiheit zu. Dieses Recht schützt nicht mehr nur die erkannte Wahrheit des Glaubens, über die dieser aus der Binnenperspektive urteilt, sondern den Weg zur Wahrheit, den jeder Mensch seiner Würde als Person entsprechend in eigener Verantwortung vor seinem Gewissen zu gehen hat."

Der Theologe Karlheinz Ruhstorfer weist darauf hin, "dass der Pluralismus unserer Gegenwart keineswegs zum Relativismus eines „Alles geht" hinneige, wie vielfach unterstellt wird. 'Vielmehr sind die postmodernen Denker stets in Sorge um die Wahrheit, wollen sie doch die Besonderheit der Vielen und die Möglichkeit des Anderen wahrnehmen. Der Zwischenraum … kommt ins Spiel. Zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Idee und Phänomen ereignet sich Wahrheit. Die absolute Wahrheit ist für die Menschen - auf dem Weg - unmöglich zu besitzen. Und doch bleibt der Mensch dabei durch die Relation oder Beziehung zum unmöglichen Absoluten bestimmt.'"

"Erkennen die Lefebvre-Leute diese Sicht an oder nicht? Das ist die Frage. Beharrt der Vatikan auf der vollgültigen Anerkennung des konziliaren Perspektivenwechsels? Damit steht und fällt auch das Zweite Vatikanische Konzil. Es ist also keine Kleinigkeit, was momentan mit den Traditionalisten diskutiert und entschieden wird."

 

Hier zum Beitrag in CiG . . .

TAM - QUO VADIS ECCLESIA ?


KÜNSTLER LEIDER UNBEKANNT!






 

 



CARITAS IN VERITATE

 

hier zum Text der ENZYKLIKA . . .

 

Auszüge aus dem Kommentar von Matthias Drobinski in der SZ vom 7.7.2009

 

"Papst Benedikts Schreiben heißt "Caritas in Veritate", Liebe in Wahrheit - und es ist eine Enttäuschung. Es fehlt ihr die visionäre Kraft, die Paul VI. 1967 in seiner Sozialenzyklika "Populorum progressio" entfaltete, die prophetische Intensität der Schreiben Johannes Pauls II. - und das in einer Zeit, in der beides so notwendig wäre wie lange nicht mehr.

Ja, es steht alles irgendwie drin, was die katholische Soziallehre entwickelt hat. Es stimmt ja, wenn Papst Benedikt schreibt, dass es nicht genügt, ein paar Stellschrauben der Wirtschafts- und Finanzpolitik zu ändern, sondern dass eine globalisierte Welt eine globale Kultur der Liebe, Achtsamkeit und der Solidarität braucht, dass der egoistische Lebensstil der Reichen sich dringend ändern muss.

Es ist auch gut, wenn er immer wieder betont, dass der Mensch unverfügbar ist und nicht zum Objekt von Wirtschaft, Politik, Medizin werden darf. Wenn die Christen das nicht sagen, wer sonst? Der Papst ist für eine globale Autorität und für den gerechten Welthandel, für Vollbeschäftigung, soziale Sicherung, Umweltschutz, gegen Hunger, Geburtenkontrolle, Atheismus und Sex-Tourismus. Er ist für die Fülle dessen, was die Welt aus seiner Sicht besser macht.

Nur kommt es seltsam unstrukturiert und unverbunden daher, manchmal gar als pflichtschuldig aufgeführtes Sammelsurium; . . . . Dabei kann Joseph Ratzinger strukturieren und formulieren wie kaum ein Zweiter; es handelt sich also nicht um ein sprachliches Problem, sondern um Erkenntnisse und Wertigkeiten.

Stark formuliert ist die Enzyklika, wo sie über das Verhältnis von Wahrheit und Liebe philosophiert, wenn sie erklärt, dass wirtschaftliche, politische und moralische Entwicklung zusammengehören, wenn sie über die "Kultur des Todes" redet und über das Naturrecht. Engagiert ist sie, wo sie die "planmäßige Förderung der religiösen Indifferenz" beklagt, den Relativismus und die "moralische Unterentwicklung". Doch sie bleibt unscharf, schwammig, routiniert, wenn er mehr Kontrolle der Finanzmärkte wünscht, Wirtschaftsreformen fordert, den Klimawandel mit einem lapidaren Halbsatz anspricht. . . .

Seit Pius XII. die Nachkriegs-Moderne nicht mehr verstand, ist kein Pontifex mehr so weltfremd gewesen wie Benedikt XVI. Der Welt fremd sein, ihr nicht in jeder Mode hinterherzujapsen, das ist durchaus eine Haltung, die christlichen Kirchen steht - und damit auch dem Papst. Benedikts Weltfremdheit hat der Welt einen großartigen Text gebracht: "Deus Caritas est", die Enzyklika über Gott, der die Liebe ist. Zunehmend aber werden die Grenzen dieses unpolitischen Papstes sichtbar, bei der Regensburger Rede wie beim Umgang mit den traditionalistischen Pius-Brüdern. Oder eben jetzt, wo ein Wort über die neuen Dinge dieser Welt notwendig gewesen wäre - und doch nur ein schwacher Aufguss des bereits Gesagten herausgekommen ist."



 

DESASTER 

 

Brief von Benedikt XVI. an die Bischöfe (nicht autorisierten Text)

Quelle Internetseite der FAZ


"Die Aufhebung der Exkommunikation für die vier von Erzbischof Lefebvre im Jahr 1988 ohne Mandat des Heiligen Stuhls geweihten Bischöfe hat innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche aus vielfältigen Gründen zu einer Auseinandersetzung von einer Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben. Viele Bischöfe fühlten sich ratlos vor einem Ereignis, das unerwartet gekommen und kaum positiv in die Fragen und Aufgaben der Kirche von heute einzuordnen war. Auch wenn viele Hirten und Gläubige den Versöhnungswillen des Papstes grundsätzlich positiv zu werten bereit waren, so stand dagegen doch die Frage nach der Angemessenheit einer solchen Gebärde angesichts der wirklichen Dringlichkeiten gläubigen Lebens in unserer Zeit. Verschiedene Gruppierungen hingegen beschuldigten den Papst ganz offen, hinter das Konzil zurückgehen zu wollen eine Lawine von Protesten setzte sich in Bewegung, deren Bitterkeit Verletzungen sichtbar machte, die über den Augenblick hinausreichen. So fühle ich mich gedrängt, an Euch, liebe Mitbrüder, ein klärendes Wort zu richten, das helfen soll, die Absichten zu verstehen, die mich und die zuständigen Organe des Heiligen Stuhls bei diesem Schritt geleitet haben. Ich hoffe, auf diese Weise zum Frieden in der Kirche beizutragen.
Eine für mich nicht vorhersehbare Panne bestand darin, daß die Aufhebung der Exkommunikation überlagert wurde von dem Fall Williamson. Der leise Gestus der Barmherzigkeit gegenüber vier gültig, aber nicht rechtmäßig geweihten Bischöfen erschien plötzlich als etwas ganz anderes: als Absage an die christlichjüdische Versöhnung, als Rücknahme dessen, was das Konzil in dieser Sache zum Weg der Kirche erklärt hat. Aus einer Einladung zur Versöhnung mit einer sich abspaltenden kirchlichen Gruppe war auf diese Weise das Umgekehrte geworden: ein scheinbarer Rückweg hinter alle Schritte der Versöhnung von Christen und Juden, die seit dem Konzil gegangen wurden und die mitzugehen und weiterzubringen von Anfang an ein Ziel meiner theologischen Arbeit gewesen war.  Daß diese Überlagerung zweier gegensätzlicher Vorgänge eingetreten ist und den Frieden zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört hat, kann ich nur zutiefst bedauern. Ich höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen. Betrübt hat mich, daß auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten. Um so mehr danke ich den jüdischen Freunden, die geholfen haben, das Mißverständnis schnell aus der Welt zu schaffen und die Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens wiederherzustellen, die - wie zur Zeit von Papst Johannes Paul II. - auch während der ganzen Zeit meines Pontifikats bestanden hatte und gottlob weiter besteht.
Eine weitere Panne, die ich ehrlich bedaure, besteht darin, daß Grenze und Reichweite der Maßnahme vom 21. 1. 2009 bei der Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt worden sind. Die Exkommunikation trifft Personen, nicht Institutionen. Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag bedeutet die Gefahr eines Schismas, weil sie die Einheit des Bischofskollegiums mit dem Papst in Frage stellt. Die Kirche muß deshalb mit der härtesten Strafe, der Exkommunikation, reagieren, und zwar, um die so Bestraften zur Reue und in die Einheit zurückzurufen. 20 Jahre nach den Weihen ist dieses Ziel leider noch immer nicht erreicht worden. Die Rücknahme der Exkommunikation dient dem gleichen Ziel wie die Strafe selbst: noch einmal die vier Bischöfe zur Rückkehr einzuladen. Diese Geste war möglich, nachdem die Betroffenen ihre grundsätzliche Anerkennung des Papstes und seiner Hirtengewalt ausgesprochen hatten, wenn auch mit Vorbehalten, was den Gehorsam gegen seine Lehrautorität und gegen die des Konzils betrifft. Damit komme ich zur Unterscheidung von Person und Institution zurück. Die Lösung der Exkommunikation war eine Maßnahme im Bereich der kirchlichen Disziplin: Die Personen wurden von der Gewissenslast der schwersten Kirchenstrafe befreit. Von dieser disziplinären Ebene ist der doktrinelle Bereich zu unterscheiden. Daß die Bruderschaft Pius' X. keine kanonische Stellung in der Kirche hat, beruht nicht eigentlich auf disziplinären, sondern auf doktrinellen Gründen. Solange die Bruderschaft keine kanonische Stellung in der Kirche hat, solange üben auch ihre Amtsträger keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche aus. Es ist also zu unterscheiden zwischen der die Personen als Personen betreffenden disziplinären Ebene und der doktrinellen Ebene, bei der Amt und Institution in Frage stehen. Um es noch einmal zu sagen: Solange die doktrinellen Fragen nicht geklärt sind, hat die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche und solange üben ihre Amtsträger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe frei sind, keine Ämter rechtmäßig in der Kirche aus.
Angesichts dieser Situation beabsichtige ich, die Päpstliche Kommission „Ecclesia Dei“, die seit 1988 für diejenigen Gemeinschaften und Personen zuständig ist, die von der Bruderschaft Pius' X. oder ähnlichen Gruppierungen kommend in die volle Gemeinschaft mit dem Papst zurückkehren wollen, in Zukunft mit der Glaubenskongregation zu verbinden. Damit soll deutlich werden, daß die jetzt zu behandelnden Probleme wesentlich doktrineller Natur sind, vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramts der Päpste betreffen. Die kollegialen Organe, mit denen die Kongregation die anfallenden Fragen bearbeitet (besonders die regelmäßige Kardinalsversammlung an den Mittwochen und die ein- bis zweijährige Vollversammlung), garantieren die Einbeziehung der Präfekten verschiedener römischer Kongregationen und des weltweiten Episkopats in die zu fällenden Entscheidungen. Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren - das muß der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muß auch in Erinnerung gerufen werden, daß das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muß den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.
Ich hoffe, liebe Mitbrüder, daß damit die positive Bedeutung wie auch die Grenze der Maßnahme vom 21. 1. 2009 geklärt ist. Aber nun bleibt die Frage: War das notwendig? War das wirklich eine Priorität? Gibt es nicht sehr viel Wichtigeres? Natürlich gibt es Wichtigeres und Vordringlicheres. Ich denke, daß ich die Prioritäten des Pontifikats in meinen Reden zu dessen Anfang deutlich gemacht habe. Das damals Gesagte bleibt unverändert meine Leitlinie. Die erste Priorität für den Petrusnachfolger hat der Herr im Abendmahlssaal unmißverständlich fixiert: „Du aber stärke deine Brüder“ (Lk 22, 32). Petrus selber hat in seinem ersten Brief diese Priorität neu formuliert: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die in euch ist“ (1 Petr 3, 15). In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen. Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.
Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit. Aus ihr ergibt sich dann von selbst, daß es uns um die Einheit der Glaubenden gehen muß. Denn ihr Streit, ihr innerer Widerspruch, stellt die Rede von Gott in Frage. Daher ist das Mühen um das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen - um die Ökumene - in der obersten Priorität mit eingeschlossen. Dazu kommt die Notwendigkeit, daß alle, die an Gott glauben, miteinander den Frieden suchen, versuchen einander näher zu werden, um so in der Unterschiedenheit ihres Gottesbildes doch gemeinsam auf die Quelle des Lichts zuzugehen - der interreligiöse Dialog. Wer Gott als Liebe bis ans Ende verkündigt, muß das Zeugnis der Liebe geben: den Leidenden in Liebe zugewandt sein, Haß und Feindschaft abwehren die soziale Dimension des christlichen Glaubens, von der ich in der Enzyklika „Deus caritas est“ gesprochen habe.
Wenn also das Ringen um den Glauben, um die Hoffnung und um die Liebe in der Welt die wahre Priorität für die Kirche in dieser Stunde (und in unterschiedlichen Formen immer) darstellt, so gehören doch auch die kleinen und mittleren Versöhnungen mit dazu. Daß die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Aber nun frage ich doch: War und ist es wirklich verkehrt, auch hier dem Bruder entgegenzugehen, „der etwas gegen dich hat“ und Versöhnung zu versuchen (vgl. Mt 5, 23f)? Muß nicht auch die zivile Gesellschaft versuchen, Radikalisierungen zuvorzukommen, ihre möglichen Träger - wenn irgend möglich - zurückzubinden in die großen gestaltenden Kräfte des gesellschaftlichen Lebens, um Abkapselung und all ihre Folgen zu vermeiden? Kann es ganz falsch sein, sich um die Lösung von Verkrampfungen und Verengungen zu bemühen und dem Raum zu geben, was sich an Positivem findet und sich ins Ganze einfügen läßt? Ich habe selbst in den Jahren nach 1988 erlebt, wie sich durch die Heimkehr von vorher von Rom sich abtrennenden Gemeinschaften dort das innere Klima verändert hat; wie die Heimkehr in die große, weite und gemeinsame Kirche Einseitigkeiten überwand und Verkrampfungen löste, so daß nun daraus positive Kräfte für das Ganze wurden. Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen. Aber ich denke, daß sie sich nicht für das Priestertum entschieden hätten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu Christus da gewesen wäre und der Wille, ihn und mit ihm den lebendigen Gott zu verkünden. Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten? Was wird dann werden?
Gewiß, wir haben seit langem und wieder beim gegebenen Anlaß viele Mißtöne von Vertretern dieser Gemeinschaft gehört - Hochmut und Besserwisserei, Fixierung in Einseitigkeiten hinein usw. Dabei muß ich der Wahrheit wegen anfügen, daß ich auch eine Reihe bewegender Zeugnisse der Dankbarkeit empfangen habe, in denen eine Öffnung der Herzen spürbar wurde. Aber sollte die Großkirche nicht auch großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist? Sollten wir nicht wie rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus der Enge herauszuführen uns mühen? Und müssen wir nicht zugeben, daß auch aus kirchlichen Kreisen Mißtönendes gekommen ist? Manchmal hat man den Eindruck, daß unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht; auf die man ruhig mit Haß losgehen darf.  Und wer sie anzurühren wagte - in diesem Fall der Papst -, ging auch selber des Rechts auf Toleranz verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Haß bedacht werden.
Liebe Mitbrüder, in den Tagen, in denen mir in den Sinn kam, diesen Brief zu schreiben, ergab es sich zufällig, daß ich im Priesterseminar zu Rom die Stelle aus Gal 5, 13 - 15 auslegen und kommentieren mußte. Ich war überrascht, wie direkt sie von der Gegenwart dieser Stunde redet: „Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Das ganze Gesetz wird in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und zerreißt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt.“ Ich war immer geneigt, diesen Satz als eine der rhetorischen Übertreibungen anzusehen, die es gelegentlich beim heiligen Paulus gibt. In gewisser Hinsicht mag er dies auch sein. Aber leider gibt es das „Beißen und Zerreißen“ auch heute in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit. Ist es verwunderlich, daß wir auch nicht besser sind als die Galater? Daß uns mindestens die gleichen Versuchungen bedrohen? Daß wir den rechten Gebrauch der Freiheit immer neu lernen müssen? Und daß wir immer neu die oberste Priorität lernen müssen: die Liebe? An dem Tag, an dem ich darüber im Priesterseminar zu reden hatte, wurde in Rom das Fest der Madonna della Fiducia unserer Lieben Frau vom Vertrauen - begangen. In der Tat - Maria lehrt uns das Vertrauen. Sie führt uns zum Sohn, dem wir alle vertrauen dürfen. Er wird uns leiten - auch in turbulenten Zeiten. So möchte ich am Schluß all den vielen Bischöfen von Herzen danken, die mir in dieser Zeit bewegende Zeichen des Vertrauens und der Zuneigung, vor allem aber ihr Gebet geschenkt haben. Dieser Dank gilt auch allen Gläubigen, die mir in dieser Zeit ihre unveränderte Treue zum Nachfolger des heiligen Petrus bezeugt haben. Der Herr behüte uns alle und führe uns auf den Weg des Friedens. Das ist ein Wunsch, der spontan aus meinem Herzen aufsteigt, gerade jetzt zu Beginn der Fastenzeit, einer liturgischen Zeit, die der inneren Läuterung besonders förderlich ist und die uns alle einlädt, mit neuer Hoffnung auf das leuchtende Ziel des Osterfestes zu schauen.
Mit einem besonderen Apostolischen Segen verbleibe ich
im Herrn Euer
Benedikt XVI.
Aus dem Vatikan, am 10. März 2009”

 

 

Während die Demokratie die Freiheit des Glaubens fordert, verlangt die Kirche Gehorsam

Werner Becker ,emeritierter Professor für Philosophie in Gießen und Frankfurt a./M., schreibt am 25. 2. 2009 in WELT-ONLINE

"Eines können selbst seine schärfsten Kritiker Papst Benedikt XVI. nicht absprechen: dass es nicht doch so etwas wie einen roten Faden in seinen für viele schwer verständlichen Äußerungen und Aktionen gäbe. Denn nicht erst als Papst, sondern bereits als der für die Glaubenslehre zuständige Kurienkardinal hatte er sich der Aufgabe verschrieben, die Substanz christlicher Katholizität unter Bedingungen der modernen Welt zu verteidigen und zu bewahren. Zugleich aber war er sich mit seinem Vorgänger, Johannes Paul II., darin einig, an der politischen Botschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Bejahung der Menschen- und Grundrechte freiheitlicher Demokratie, festzuhalten. Dennoch registriert er hellsichtiger als jener, dass sich die Kirche damit in ein Dilemma manövriert hat. Sie ist nämlich in einen unlösbaren Konflikt mit der liberalen Glaubensfreiheit, des für religiöse Gemeinschaften wichtigsten Menschen- und Grundrechts in der Demokratie, geraten.  . . .

Im Liberalismus gilt das Grundrecht der Glaubensfreiheit, wie alle anderen Grundrechte auch, als persönliche Entscheidungs- und Wahlfreiheit des Einzelnen.

 . . .  Legt man nun dem Grundrecht der Religions- und Glaubensfreiheit diesen Begriff persönlicher Freiheit zugrunde, wird schnell klar, dass sich keine Religion damit befreunden kann, vor allem aber keines der christlichen Bekenntnisse. Im Mittelpunkt fast aller Religionen stehen göttliche Instanzen, die ihren Anhängern Maximen einer bestimmten Lebensführung vorschreiben. Im Christentum nimmt der dreieinige Gott die Rolle der höchsten Instanz ein. Unbedingter Gehorsam gegenüber seinen Geboten ist oberste Pflicht jedes Christenmenschen.

. . . Würden die Kirchen [die liberale] Wahlfreiheit bejahen, müssten sie sich ebenfalls als Produzenten und Anbieter eines Marktes für spirituelle Weltanschauungsartikel verstehen. Man kommt allerdings kaum um die Einsicht herum, dass sich Kirchenvertreter in der Tat seit langem aufführen, als wären sie von der Art solcher Produzenten spiritueller Angebote. Und fraglos gibt es unübersehbare Spuren solcher Marktgesinnung in den reduzierten Ansprüchen an christliche Gläubigkeit.  . . .

Auch für diejenigen, die versuchen, der Vermarktungstendenz, als Folge der pluralistischen Glaubensfreiheit, Einhalt zu gebieten, bleibt es bei jenem Dilemma von liberaler Wahlfreiheit und christlichem Gehorsam: Unterm Schirm staatlich garantierter Glaubensfreiheit entspringen religiöse Überzeugungen dem Willen des Menschen; im Selbstverständnis der Religion regiert demgegenüber allein der Wille Gottes: im Katholizismus in Gestalt der priesterlichen Austeilung der Kirchensakramente, im Protestantismus durch Akte göttlicher Gnade.

. . .

Trotz aller dieser Unvereinbarkeiten war es für beide Konfessionen unabweisbar, auf Basis der Glaubensfreiheit ihren Frieden mit der freiheitlichen Demokratie zu machen. Dies erfolgte allerdings um einen hohen Preis: um den Preis jenes unlösbaren Dilemmas zwischen dem Grundrecht der persönlichen Glaubensfreiheit und der religiösen Pflicht zu göttlichem Gehorsam. . . . Doch ein theologisch so reflektierter Papst wie Benedikt XVI. macht sich, sowenig wie sein Vorgänger Johannes Paul II., irgendwelche Illusionen hinsichtlich der Unvermeidbarkeit jenes Dilemmas. Beide versuchten und versuchen, die beiden Seiten des Dilemmas durch eine Art Gleichgewichtspolitik auszutarieren. Deren Zweck war und ist, die Reinheit und Einheit des Kirchendogmas immer dann zu betonen und zu stärken, wenn sie den Eindruck haben, beides verkomme, unter dem Einfluss der weltlichen Glaubensfreiheit, zu Weltanschauungsangeboten auf dem Markt der spirituellen Bedürfnisse.

Genau gegen diese Folgen führt der Papst heute einen gleichsam heroischen Kampf. Doch er kämpft letztlich so aussichtslos wie Cervantes' Don Quijote gegen die Windmühlen. Spricht doch alles dafür, dass es kein Zurück mehr gibt im Prozess zunehmender Vermarktung des Religiösen und Spirituellen unter dem Gesetzesschirm der Glaubensfreiheit. Das Hinzutreten des Islams zu den traditionellen Konfessionen sowie dem Judentum wird das Denken in den ökonomischen Kategorien von Angebot und Nachfrage auf dem Markt für spirituelle Bedürfnisse, durch die damit einhergehende Vermehrung des Pluralismus, eher noch verstärken.

 

 

BEURTEILUNG DER SITUATION VON KURT FLASH

Unter dem Titel "Kein Betriebsunfall - Die Kircheneinheit und der Papst" schreibt der emeritierte Philosoph Kurt Flasch in der SZ 18.2.2009

" [Papst Benedikt] selbst und seine Verteidiger sagen, er habe nur die Einheit der Kirche wiederherstellen wollen, indem er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft Pius X. aufhob.  . . . Nach dem jetzigen Gnadenerweis ist die Einheit der Kirche mehr gestört als zuvor.  Dem Papst fehlt das Augenmaß dafür, was er mit seinen Reden und Taten bewirkt. Er fühlt sich bestärkt durch seine gute Absicht und seine theologische Kompetenz. Die Welt, zu der er spricht, nimmt er nur ungenau in den Blick. Niemand korrigiert ihn.   . . . Es ist seine Amtspflicht, die Einheit der Kirche zu fördern. Aber welchen Begriff von Einheit legt er dabei zugrunde? Hier liegt das eigentliche Problem. Es ist ein traditionalistisches, ein romzentriertes Konzept von Kircheneinheit. Die Einheit mit afrikanischen Christen, mit der Befreiungstheologie und mit deutschen Querdenkern lag ihm weniger im Sinn als die Versöhnung mit den Traditionalisten der Piusbruderschaft. Dafür mochte er glauben, gute Gründe zu haben, die auch das Zweite Vatikanische Konzil nicht beseitigt hat: Die vom Papst immer wieder vorgebrachte Verurteilung des Relativismus ist nur eine andere Formulierung dafür, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gibt.  . . . Für Juden und Muslime betet er großherzig um Erleuchtung, damit sie seine christliche Wahrheit erkennen. . . . Wer Pius IX. und Pius X. heiligspricht, gehört zu den Piusbrüdern, er mag sonst sagen, was er will. Er teilt mit diesen und mit einer langen römisch-katholischen Tradition den Antirelativismus, die Konzeption von Sünde, Taufe und einzig wahrer Kirche. Daher die Nähe. Daher das Interesse, an der Wiedervereinigung. . . . Das Zweite Vatikanische Konzil hat Neues gelehrt in Bezug auf die Religionsfreiheit und die Auslegung der Bibel, aber es hat den Primat des Bischofs von Rom und den Jurisdiktionsprimat des Papstes nicht angerührt. . . . Eine gewaltige Inszenierung  ließ die Neuerungen . . . größer erscheinen als sie wirklich waren.  . . . 

 

 

Was der Vatikan hätte wissen können! Auf den Internetseiten der Piusbruderschaft Deutschland ist folgende Stellungsnahme zu lesen. 

Könnte man sich nicht ein friedliches Nebeneinander von Neuer und Alter Messe vorstellen?

"
Nein. Beide verhalten sich zueinander wie Feuer und Eis. Die Alte Messe ist katholisch und predigt das Christkönigtum; die Neue Messe ist ökumenisch und demokratisch. Eine Koexistenz ist auf Dauer nicht vorstellbar. Das ist der Grund, warum einerseits im Raum der "konziliaren" Kirche die Alte Messe so sehr unterdrückt und verfolgt wird, und warum andererseits die Priesterbruderschaft St. Pius X. sich weigert, die Neue Messe anzuerkennen. Erzbischof Lefebvre nannte die Neue Messe einen "illegitimen Ritus"; denn sie ist eine Mischung aus katholischen und protestantischen Elementen, sie ist keine wirklich katholische Messe mehr. Langfristig wird einer der beiden Riten verschwinden müssen. Der katholische wird es nach den Worten Unseres Herrn sicher nicht sein."

WIDERSTAND

Mit einer am Samstag, 31.01.2009 gestarteten Petition fordern zahlreiche
Theologinnen und Theologen sowie Christinnen und Christen aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz die uneingeschränkte Anerkennung der Beschlüsse
des II. Vatikanischen Konzils. Damit reagieren sie auf die vor wenigen Tagen
erfolgte äußerst problematische Aufhebung der Exkommunikation von
Bischöfen der traditionalistischen Bruderschaft Pius X.

Die Petition kann ab sofort auf der Webseite
www.petition-vaticanum2.org
unterzeichnet werden. Nach Abschluss der Aktion wird das Ergebnis dem
Vatikan übergeben sowie den Bischofskonferenzen, dem Zentralkomitee der
Deutschen Katholiken sowie der Presse bekannt gegeben.

Wortlaut der Petition:

Die am 24. Januar 2009 bekannt gewordene päpstliche Aufhebung der
Exkommunikation von Bischöfen der traditionalistischen Bruderschaft Pius
X. bedeutet für die Unterzeichnenden die Wiederaufnahme von Personen,
die offen als Gegner der mit dem II. Vatikanischen Konzil begonnenen
Reformen aufgetreten sind und dies immer noch tun.

Im Blick auf die antisemitischen Äußerungen und die Leugnung der
nationalsozialistischen Judenvernichtung durch Weihbischof Richard
Williamson und seine Anhänger teilen wir die Empörung unserer Schwestern
und Brüder jüdischen Glaubens. Darüber hinaus stellen wir fest, dass die
Einstellung der Pius-Bruderschaft zum Judentum insgesamt nicht den
Anforderungen des Konzils an den jüdisch-christlichen Dialog entspricht.
Wir begrüßen die diesbezüglichen Aussagen der Deutschen
Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken sowie
die klaren Stellungnahmen der Französischen Bischofskonferenz und
weiterer Bischöfe.

Die Unterzeichnenden werten es als klare Richtungsanzeige, dass Papst
Benedikt XVI. diese Aufhebung in direkter zeitlicher Nähe zum
symbolträchtigen 50. Jahrestag der Ankündigung der Einberufung eines
Konzils durch Papst Johannes XXIII. vollzogen hat. Diese
Rückwärtswendung lässt die Rückkehr von Teilen der römisch-katholischen
Kirche in eine antimodernistische Exklave befürchten.

Durch diese Rückwärtswendung wird es zugelassen, dass Teile der
römisch-katholischen Kirche ? neben vielem anderen ? offen Geist und
Buchstaben bedeutender Dokumente des II. Vatikanischen Konzils ablehnen
dürfen, so das Ökumenismusdekret "Unitatis redintegratio", die Erklärung
zu den nichtchristlichen Religionen "Nostra Aetate", die Erklärung zur
Religionsfreiheit "Dignitatis humanae" sowie die pastorale Konstitution
über die Kirche in der Welt von heute "Gaudium et spes". Welche
verhängnisvollen Auswirkungen dies für die Glaubwürdigkeit der
römisch-katholischen Kirche haben dürfte, ist in seinen Ausmaßen derzeit
noch nicht absehbar. Dieser Preis ist eindeutig zu hoch!

Bei allem Respekt vor dem Bemühen des Papstes um die Einheit der Kirche
erscheint es uns besonders empörend, dass das erneute Zugehen des
Vatikans auf die schismatische Traditionalistenbewegung offenbar ohne
jede Vorbedingung erfolgt ist. Noch im Juni 2008, zum 20. Jahrestag der
Exkommunikation Lefebvres, wies die Priesterbruderschaft eine
Aufforderung des Heiligen Stuhls zur theologischen und
kirchenpolitischen Aussöhnung ab und kam der Aufforderung Roms nicht
nach, eine Fünf-Punkte-Erklärung mit Bedingungen für eine mögliche
Wiedereingliederung in die römische Kirche zu unterzeichnen.

Eine Rückkehr in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche kann
nur möglich sein, wenn die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils
uneingeschränkt in Wort und Tat anerkannt werden, wie auch im Motu
Proprio "Summorum Pontificum" zum Tridentinischen Ritus gefordert wird.

Solange der Vatikan nur um die Rückkehr der "verlorenen Schafe" am
traditionalistischen Kirchenrand bemüht ist, nicht aber auch andere
Exkommunikationen aufhebt, Lehrbeanstandungsverfahren reformorientierter
Theologinnen und Theologen überprüft sowie nicht zum internationalen
Dialog mit Reformkreisen bereit ist, hat das römisch-katholische
Kirchenschiff schwere Schlagseite.

Essen, den 28. Januar 2009

V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Norbert Scholl, Angelhofweg 24b, 69259
Wilhelmsfeld


Der Versuch von Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller ist fehlgeschlagen, auf Regensburger ProfessorInnen wegen der Unterzeichnung der Petition Druck auszuüben. Prof'in Sabine Demel, Prof. Burkhard Porzelt und Prof. Heinz-Günter Schöttler müssen nicht das vom Bischof geforderte Glaubensbekenntnis und einen Treueeid ablegen. Sie müssen sich auch nicht von der Petition distanzieren. Vielmehr erklärten sie dem Bischof von Regensburg ihre Bereitschaft, im Gespräch ihre Sorge für die Kirche („Sentire cum Ecclesia") zu verdeutlichen.

 

hier mehr . . .

 

Ab sofort finden Sie den sehr wichtigen Vortrag von Prof. Dr. Peter Hünermann, den er am 9. Februar 2009 in Tübingen gehalten hat, mit freundlicher Genehmigung des Herder-Verlages auf unserer Webseite: Peter Hünermann: Excommunicatio – Communicatio. Versuch einer Schichtenanalyse der aktuellen Krise

 

hier mehr . . . 

 

 

 

 

 

DIE NEUE ENZYKLIKA 

SPE SALVI

"IN GOTT ALLEIN, MEINE SEELE, SUCHE DIE RUH, DENN WAS ICH HOFFE, KOMMT NUR VON IHM."

(Aus Psalm 61 - Übertragen von Romano Guardini)


ALLEGORIE DER HOFFUNG - SPES MEA IN DEO PS. 61

J.B. ENDERLE IN DER PFARRKIRCHE ST. ULRICH IN SEEG

 

 

ZUM PAPSTWAPPEN

 




























 

 

In einem dreigeteilten Wappenschild ist der „Freisinger Mohr“ zu sehen. Der gekrönte Mohrenkopf ist seit 1316 durch den Freisinger Bischof Konrad III. als Wappen des alten Fürstbistums Freising bezeugt und blieb bis zur Säkularisation 1802/1803 fast unverändert erhalten.

Die Geschichte des Dorfes Thalkirchen [München] hängt eng zusammen mit der von Sendling, das bereits 782 als Bajuwarenniederlassung beurkundet ist. Erwähnt ist der Name Thalkirchen erst 1268. Die Siedlung aber, die sich auf einer Hangterrasse auf halber Höhe zwischen Isar und dem oberhalb liegenden Sendling entwickelte, ist wesentlich älter. Hier unten, in Thalkirchen, stand die Pfarrkirche von Sendling, für die bereits 1249 ein eigener Pfarrer bezeugt ist. Der Pfarrsitz selbst befand sich oben auf der Höhe von Mittersendling, wo lange eine Hofmark der Kirche bestand. In der ältesten Beschreibung der Diözese Freising unter Bischof Konrad III. [der Sendlinger 1314 - 1322] von 1315 findet sich Thalkirchen mit sechs Filialen aufgeführt: Solln, Pullach, Neuhausen, Schwabing, die beiden Sendling. Die Sendlinger Pfarrkirche zu Thalkirchen erweist sich somit als die Urpfarrei sämtlicher Orte auf dem linken Isarufer südlich von Schwabing, aus der sich, beginnend 1169 mit St. Peter in München, alle übrigen Pfarreien herauslösten. Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Maria am Fraunbergplatz beherrscht noch heute das Bild des Ortes unterhalb des Sendlinger Hanges.

Textauszug des Artikels des Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Die Bischöfe des Erzbistums München - Freising im 20. Jahrhundert:

Franz Joseph von Stein (1898 - 1909)

Franziskus Kardinal von Bettinger (1909 . 1917)

Michael Kardinal von Faulhaber (1917 - 1952)

Joseph Kardinal Wendel (1952 - 1960)

Julius Kardinal Döpfner (1961 - 1976)

Joseph Kardinal Ratzinger (1977 -1982)

Friedrich Kardinal Wetter (seit 1982)

 

Ein besonders charakteristisches Element des neuen Papstwappens ist der sogenannte „Korbiniansbär“ (Bischof Korbinian verbreitete im 8. Jahrhundert in Altbayern den christlichen Glauben und wird als Patron der Erzdiözese verehrt). Der Bär symbolisiert als „Lastträger Gottes“ auch die Bürde des Amtes. 

Das dritte Element, die Muschel, hat einen mehrfachen Symbolwert. Sie bezieht sich zunächst auf eine berühmte Legende um den heiligen Bischof und Kirchenlehrer Augustinus (354 bis 430). Als dieser am Meeresstrand entlangging, um über die Unergründlichkeit des Dreifaltigen Gottes nachzudenken, traf er auf einen Knaben, der mit einer Muschel Meerwasser in eine kleine Grube schüttete. Als Augustinus ihn nach dem Sinn seines Tuns fragte, bekam er zur Antwort: „Ich schöpfe das Meer in diese Grube.“ So ist die Muschel das Symbol für das Eintauchen in das unergründliche Meer der Gottheit. Sie steht aber auch im Zusammenhang mit dem Theologen Joseph Ratzinger und dem Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn. 1953 promovierte er bei Professor Gottlieb Söhngen an der Universität München mit einer Dissertation über „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“ zum Doktor der Theologie.
Als „Pilgermuschel“ weist das Symbol ferner auf einen zentralen Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils, das „pilgernde Gottesvolk“ hin, als dessen Hirte sich Erzbischof Ratzinger sah und jetzt auch Benedikt XVI. sieht. Als Erzbischof hatte er das Symbol bewusst auch als „Jakobsmuschel“ in sein Wappen aufgenommen. Sie fand sich im Wappen des Schottenklosters in Regensburg, wo sich jetzt das Priesterseminar dieser Diözese befindet. Damit weist sie auf eine Lebensstation des Papstes und sein Wirken als Theologielehrer hin. Von 1969 bis zu seiner Ernennung als Erzbischof von München und Freising im Jahre 1977 lehrte er an der Universität Regensburg Dogmatik und Dogmengeschichte.

entnommen der Internetseite der Erzbistums München und Freising

 

 



KAPLAN IN
HEILIG BLUT
MÜNCHEN-
BOGENHAUSEN























 

Bei einer Hochzeit vor dem Eingang zur Sakristei von St. Georg (1951)

Beim 75. Geburtstag von Pfarrer Blumenschein (1954)

Aus einem Interview von Rosel Termolen für die SZ (1977) mit Prof. Ratzinger:

Ratzinger Kaplanzeit in der Pfarrei Heilig Blut begann 1951mit einer "Ausleihe". Er wurde nach Moosach weitergeschickt. ... Nach vier Wochen endlich Bogenhausen

"Prälat Blumenschein war ein Original, aber auch ein herausragender Seelsorger, der mit seiner schlichten Gläubigkeit die vorwiegend intellektuellen Mitglieder seiner Pfarrei mehr beeindruckte als er es mit intellektuellen Reden gekonnt hätte."

"Die Jugend in Bogenhausen war ungemein aktiv. Die Pfadfinder, die Pfarrjugend und die Heliand-Gruppe beschlagnahmten mich sofort. Sie hatten das alte Leichenhaus von St. Georg als Jugendheim ausgebaut - und wenn man sich's heute auch nicht mehr vorstellen kann: es war schön!"

Ratzingers Tageslauf war reichlich ausgefüllt. Sechs bis sieben Beichthören, sieben Uhr Messe, um acht Uhr Unterrichtsbeginn - denn Ratzinger war zugleich Religionslehrer an der Gebeleschule am Herkomerplatz. Es ergab sich auch, dass er am Sonntag bei der Frühmesse und beim Kindergottesdienst predigen musste:

"Was ich eigentlich nicht beabsichtigte: Die Erwachsenen fühlten sich von den Kinderpredigten oft mehr angesprochen als von den Ansprachen, die ich für die sorgfältig präpariert hatte."

 

Im Jahre 2000 führte Peter Seewald auf dem Montecassino einige Tage lang ein Gespräch mit Kardinal Ratzinger über den Glauben. Darin erinnert sich Ratzinger auch an seine Kaplanszeit in München. Seewald fragte, ob er sich vorstellen kann, dass auch ein Papst vom Zweifel oder gar vom Unglauben befallen wird?

 

LIEBE UND LEID

Rede von Papst Benedikt XVI. in Auschwitz am 28. Mai 2006 (Auszüge)

hier der gesamte Text in deutscher Sprache .....

An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich -ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.

An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen. Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden? In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse.  ...

Papst Johannes Paul II. stand hier als Sohn des polnischen Volkes. Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes, und gerade deshalb muss ich, darf ich wie er sagen: Ich konnte unmöglich nicht hierher kommen. Ich musste kommen. Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen – als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte.  ...

Dazu bin ich auch heute hier: die Gnade der Versöhnung zu erbitten – von Gott zuerst, der allein unsere Herzen auftun und reinigen kann; von den Menschen, die hier gelitten haben und schließlich die Gnade der Versöhnung für alle, die in dieser unserer Stunde der Geschichte auf neue Weise unter der Macht des Hasses und der vom Hass geschürten Gewalt leiden. ...

Im letzten müssen wir bei dem demütigen, aber eindringlichen Schrei zu Gott bleiben: Wach auf! Vergiss dein Geschöpf Mensch nicht! ... Wir stoßen diesen Ruf an Gott, diesen Ruf in unser eigenes Herz hinein, gerade auch in dieser unserer gegenwärtigen Stunde aus, in der neue Verhängnisse drohen, in der neu alle dunklen Mächte aus dem Herzen des Menschen aufzusteigen scheinen – auf der einen Seite der Missbrauch Gottes zur Rechtfertigung blinder Gewalt gegen Unschuldige, auf der anderen Seite der Zynismus, der Gott nicht kennt und den Glauben an ihn verhöhnt.

Wir rufen zu Gott, dass er die Menschen zur Einsicht bringe, damit sie erkennen, dass Gewalt keinen Frieden stiftet, sondern nur wieder Gewalt hervorruft – eine Spirale der Zerstörungen, in der alle am Ende nur Verlierer sein können. ...

Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; ... Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören – ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht und endgültig durch den neuen, selbst gemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden.“

 

Während der des Besuches der Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau ist am Himmel ein leuchtender Regenbogen erschienen.

Im Alten Testament war der Regenbogen nach der Sintflut ein Zeichen Gottes an Noah, dass es keine weitere Flut zur Auslöschung der Menschheit mehr geben werde.

 

Zur Frage "Warum konnte Gott das geschehen lassen?" ist es hilfreich wieder einmal nachzulesen, was Hans Jonas in seinem Vortrag "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" zur Hiobfrage gesagt hat. Hier das Ende seines Vortrages.

 

 

JESUS

 

Joseph Ratzinger - Benedikt XVI.: „Jesus von Nazareth".

Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung

(Verlag Herder Freiburg 2007

Auszüge aus den Anmerkungen aus evangelischer Sicht

Von Ulrich H. J. Körtner, Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. 

"Auch wenn sein Werk den Titel „Jesus von Narazareth" trägt, hat Joseph Ratzinger doch in Wahrheit ein Buch über Jesus Christus geschrieben."

"Wie schon bei seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est" beweist dieser Papst einmal mehr sein treffsicheres Gespür für die Fragestellungen, die hoch an der Zeit sind. In seiner Enzyklika hat Benedikt XVI. programmatisch die Liebe als Wesen Gottes und damit die Besonderheit des christlichen Gottesbildes im Vergleich mit den anderen Religionen herausgestellt. Die Bedeutung von Ratzingers Jesusbuch liegt darin, daß es auf Kernfragen des Glaubens eingeht, die alle Kirchen betreffen. Momentan ist viel von der Wiederkehr der Religion und von einem angeblichen Megatrend Spiritualität die Rede. Nicht die in vergangenen Jahrzehnten beklagte Geistvergessenheit der Kirchen und ihre Christuszentriertheit ist heute das ökumenische Problem der Kirchen, sondern ein Christentum ohne Christus, wie es kürzlich Michael N. Ebertz formuliert hat. Die Rede von Gott und vom Geist verflüchtigt sich zu einer diffusen Spiritualität.

Das Christentum unterscheidet sich nun einmal von allen sonstigen Formen von Religion durch das Bekenntnis zu Jesus Christus als Heilsbringer. Eben darum wurden und werden die an ihn Glaubenden Christen genannt. Dieses Bekenntnis aber schließt den Glauben an den von Jesus verkündigten Gott ein, der wiederum der Gott Israels ist. Nicht eine vage Spiritualität oder Gottoffenheit, sondern das Christusbekenntnis ist das entscheidende Erkennungsmerkmal, an dem das Christentum auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erkannt wird. Von hier aus ist die Identität von Glaube und Kirche zu bestimmen.

Das erfordert freilich auch Redlichkeit auf seiten der Kirchen, wenn es darum geht, die eigene Lage einzuschätzen. Keine Schönfärberei! Auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen, gilt es neu zu fragen: Was bedeutet Christus für diese Welt, und was heißt es, ein Christ zu sein? Genau das sind die Fragen, die Ratzinger stellt und die sein Buch so lesenswert machen.

Die große Frage, die Ratzinger durch das ganze Buch hindurch begleitet, lautet, was Jesus eigentlich gebracht hat, „wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht" (73).  In diesen schlichten Sätzen tritt der innere Zusammenhang, der zwischen der Enzyklika „Deus caritas est" und Ratzingers Jesusbuch besteht, klar zutage.
. . . 

Bezeichnenderweise endet Ratzingers Jesusbuch mit einer Verteidigung des Konzils von Nicäa und seines trinitarischen Dogmas von der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater (407). Damit ist auch der „Konstruktionspunkt" dieses Buches benannt: „Es sieht Jesus von seiner Gemeinschaft mit dem Vater her, die die eigentliche Mitte seiner Persönlichkeit ist, ohne die man nichts verstehen kann und von der her er uns auch heute gegenwärtig wird" (12).

Ratzingers biblische Hermeneutik (also die Kunst und die Lehre vom Verstehen der Heiligen Schrift), die er im Vorwort erläutert, vertritt das Programm einer „kanonischen Exegese" (18), . . . welche einzelne Bibeltexte nicht nur im Kontext der jeweiligen Einzelschrift, sondern im Zusammenhang des gesamtbiblischen Zeugnisses auslegt. Kanonische Exegese ist zugleich ein Beispiel für eine leserorientierte Bibelauslegung, welche nicht nur die Rolle der Autoren, sondern auch der Leserinnen und Leser würdigt, die Zusammenhänge erkennen und herstellen können, welche den Autoren selbst gar nicht bewußt gewesen sein müssen. Diese Form der Hermeneutik ist aufgeschlossen gegenüber der alten Lehre vom mehrfachen Schriftsinn und ihrer allegorischen oder typologischen Auslegungsmethode.

Kanonische Hermeneutik bedeutet bei Ratzinger kirchliche Hermeneutik, für die die Autoren der biblischen Schriften und die Leserinnen und Leser durch Gott als den eigentlichen Autor der Heiligen Schrift zum „gemeinsamen Subjekt des Gottesvolkes" (19) werden, das mit der Kirche, deren Vollgestalt nach den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils bekanntlich in der römisch-katholischen präsent ist („subsistit"). Dieses Subjekt meldet sich als „das Wir der Kirche" (273) beständig in Ratzingers Jesusdarstellung zu Wort. Diese betont nicht nur die innere Einheit des vielstimmigen Christuszeugnisses, sondern auch die nahtlose Übereinstimmung zwischen den biblischen Texten und den Zeugnissen der Kirchenväter, mit denen sich wiederum die Kirche und ihr Glied Ratzinger im Einklang befinden.

Im Buch liest sich das so: „Das Volk Gottes - die Kirche - ist das lebendige Subjekt der Schrift; in ihr sind die biblischen Worte immer Gegenwart. Freilich gehört dazu, daß dieses Volk sich selbst von Gott her, zuletzt vom leibhaftigen Christus her, empfängt und sich von ihm ordnen, führen und leiten läßt" (16). Wie aber soll die Schrift zum wirklichen Gegenüber der Kirche als Auslegungsgemeinschaft werden, wenn diese beständig ihr Subjekt ist? Und wie hat man sich die Ordnung, Führung und Leitung der Kirche und Christus zu denken?

Ratzinger verweist auf die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanums über die Offenbarung „Dei Verbum", zu der er, damals noch Theologieprofessor in Tübingen, in der zweiten Auflage des „Lexikons für Theologie und Kirche" eine Einleitung und einen aufschlußreichen Kommentar zu ihren ersten beiden Kapiteln verfaßt hat. Darin hat Ratzinger seinerzeit den theologischen Fortschritt des Konzils begrüßt, der darin liege, daß das Lehramt dem göttlichen Wort untergeordnet und sein Dienstcharakter betont wird. Der erste Dienst des Lehramtes sei der Dienst des Hörens. Gleichwohl bleibe die Funktion der authentischen Bibelauslegung auf das Lehramt beschränkt. Immerhin hat Ratzinger seinerzeit bedauert, daß ein Konzil, welches sich ausdrücklich als Reformkonzil verstand, der traditionskritischen Funktion der Heiligen Schrift nicht genügend Ausdruck verliehen habe. Und was die historisch-kritische Exegese betreffe, so führe an ihr auch für die katholische Kirche kein Weg mehr vorbei, doch müsse sich das Ja zur kritischen Wissenschaft mit der Treue zur kirchlichen Überlieferung und gegenüber der Unverletzlichkeit des Dogmas verbinden.


Diese Grundsätze sucht Ratzinger selbst zu beherzigen, wenn er „nach dem Angesicht des Herrn" sucht. (Jesus wird durchgängig als „Herr" tituliert.) Man darf dem Autor bescheinigen, tatsächlich kein Buch gegen die moderne Exegese geschrieben zu haben. Sein Ja zur historisch-kritischen Methode und seine Treue zur kirchlichen Überlieferung führen aber dazu, daß er in historischen Fragen konservative Auslegungspositionen bevorzugt. Ratzingers Grundsatz, daß er „den Evangelien traue" (20), bedeutet, ihnen weitaus mehr historische Zuverlässigkeit zuzugestehen als dies üblicherweise in der heutigen Exegese konfessionsübergreifend der Fall ist. Erstaunlich ist insbesondere, wie hoch das Johannesevangelium als historische Quelle für eine zuverlässige Darstellung des historischen Jesus geschätzt wird. In dieser Frage wird zum Beispiel sogar der evangelische Neutestamentler Martin Hengel von Ratzinger noch übertroffen (262ff). Daß sich Ratzinger, wie er gelegentlich besorgt fragt (47), mit seiner kirchlichen Auslegung zu weit von den biblischen Texten und den gesicherten Erkenntnissen historisch-kritischer Exegese entfernt, läßt sich leider nicht durchgängig verneinen.

Die von Ratzinger in Anspruch genommene Lehre vom vierfachen Schriftsinn (19) steht in der Gefahr, Auslegungsebenen, die vergangene oder heutige Leser wählen, um den Text auf sie selbst und ihre Lebenswelt zu beziehen, mit vermeintlichen Bedeutungsebenen zu verwechseln, die dem Text unterstellt werden, faktisch aber gar nicht vorhanden sind. Diese Schwierigkeit durchzieht auch Ratzingers Jesusbuch. Er sucht in den Texten des Neuen Testaments den gegenwärtigen Christus, der beständig in die Gegenwart hinein spricht. Dabei aber vermengt Ratzinger immer wieder vermeintliche Aussageabsichten des historischen Jesus mit seinen eigenen Kombinationen von Bibeltexten, die dem irdischen Jesus so keineswegs vor Augen gestanden haben müssen. Der Bibelleser Ratzinger macht sich und seinen Lesern seine eigene Rolle in diesem Lektürevorgang, nämlich seine eigene Konstruktionsleistung, nicht hinreichend bewußt. Ratzinger möchte die historisch-kritische Methode nicht verwerfen, sondern organisch weiterführen und so zur eigentlichen Theologie werden lassen (18). Wenn sich aber exegetische Urteile über den historischen Quellenwert neutestamentlicher Schriften aus systematisch-theologischen Interessen speisen, werden grundlegende Prinzipien der historisch-kritischen Exegese außer Kraft gesetzt oder auf den Kopf gestellt.

Was die Benutzung von Fachliteratur betrifft, so betont der Verfasser, keine Vollständigkeit anzustreben (409). Aufschlußreich ist allerdings, welche Autoren er zitiert - und welche nicht. Die Namen von Edward Schillebeeckx, aber auch von Kurienkardinal Walter Kasper - beide Autoren gewichtiger Werke zur Christologie - sucht man vergebens; übrigens auch denjenigen des evangelischen Theologen Martin Kähler, der schon im 19.Jahrhundert die These vertreten hat, der wahre geschichtliche Christus sei kein anderer als der biblische der neutestamentlichen Evangelien, wogegen der historische Jesus der liberalen protestantischen Theologie lediglich ein Phantasieprodukt moderner Exegeten sei. Wie Ratzinger wollte schon Kähler „den Versuch machen, einmal den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ,historischen Jesus' im eigentlichen Sinne darzustellen" (20). Der „Riß zwischen dem ,historischen Jesus' und dem ,Christus des Glaubens'" (10) mag sich, wie Ratzinger sich erinnert, im katholischen Bereich erst seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vertieft haben, in der evangelischen Theologie und Exegese ist das Problem jedoch schon seit der Aufklärung virulent, brennend aktuell.

Ratzingers Jesusdarstellung ist in starkem Maße johanneisch geprägt, wobei die johanneische Christologie ganz im Sinne der Dogmen von Nicäa und Chalcedon interpretiert wird. Daß der Autor dem Bekenntnis und der Gestalt des Petrus dabei eine besondere Rolle zumißt (334ff, bes. 345f), wird niemanden überraschen. „Der Jesus des vierten Evangeliums und der Jesus der Synoptiker", so ist Ratzinger überzeugt, „ist ein und derselbe: der wahre historische Jesus" (143). Letztlich werden die Synoptiker also vom Johannesevangelium aus gelesen. Das ist exegetisch nicht unproblematisch.

Die Einheit von Schrift und Tradition, von Dogma und Exegese sowie der kirchliche Charakter von Ratzingers Jesusdarstellung kommen auch in seinem Interesse an kultisch-liturgischen Elementen in den neutestamentlichen Evangelien zum Ausdruck. So betont er den liturgischen Charakter des Johannesevangeliums (279) und die Rolle des jüdischen Festkalenders für die johanneische Theologie (255, 280, 362). „Die großen Ereignisse des Lebens Jesu stehen in innerem Zusammenhang mit dem jüdischen Festkalender; es sind sozusagen liturgische Ereignisse" (354). Wie selbstverständlich bezeichnet Ratzinger den Tag des Einzugs Jesu in Jerusalem als Palmsonntag (135, 229, 336 u.ö.). Auch in liturgisch-sakramentaler Hinsicht wird also die Kirche - das wahre Gottesvolk - als Subjekt der Heiligen Schrift verstanden.

Die Identifikation der (katholischen) Kirche mit dem Volk Gottes hat verständliche Kritik hervorgerufen. Wird nicht der Israelvergessenheit des Christentums erneut Vorschub geleistet? Wo bleibt der Dialog mit dem Judentum und wo das Bekenntnis zur bleibenden Erwählung Israels? Die ekklesiologische Verengung des Begriffs „Volk Gottes" auf die Kirche und Ratzingers Rede vom „neuen Israel" (143) sind in der Tat problematisch. Gleichwohl leistet gerade Ratzingers Jesusbuch einen substantiellen Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog. Zu den Höhepunkten seines Werkes gehört das Gespräch mit dem jüdischen Gelehrten Jacob Neusner über den Rabbi Jesus (134ff) und dessen Tora-Auslegung in der Bergpredigt. Ratzinger bescheinigt Neusner, bei seiner Interpretation der Bergpredigt die entscheidende Differenz zwischen Judentum und Christentum viel klarer erkannt und benannt zu haben als dies zumeist im christlich-jüdischen Dialog geschieht. Jesu vollmächtige Auslegung der Tora sprengt den Rahmen des Judentums, weil er sich selbst als die Tora versteht (143). Die Benennung der damit aufbrechenden Grunddifferenz zwischen Judentum und Christentum ist keineswegs als Antijudaismus zu denunzieren, sondern geht bei Ratzinger mit tiefem Respekt vor dem Judentum einher.

Das Werk ist streckenweise in einem predigtartigen Stil verfaßt. Immer wieder stellt der Autor Bezüge zur Gegenwart her. Im Zusammenhang mit der synoptischen Erzählung von der Versuchung Christi verweist Ratzinger beispielsweise auf das Problem des Welthungers und die säkularen Heilsverheißungen des Marxismus (60). An anderer Stelle kritisiert er „eine säkularistische Umdeutung" des Reich-Gottes-Gedankens und seine Politisierung, die es besonders auch in Kreisen der katholischen Theologie zu beklagen gebe (82ff). Kritisiert wird ein individualistisches Menschenbild, das Stellvertretung nicht mehr begreifen könne (194). Wiederholt spricht Ratzinger von „Bedrohungen unseres gegenwärtigen Christentums" (286).

Man muß dieser Gegenwartskritik nicht in allem beipflichten. Zustimmung verdienen aber zum Beispiel seine Bemerkungen zum interreligiösen Gespräch. Daß man sich jedes normativen Urteils über andere Religionen enthalten solle, weil alle Wege auf die gleiche Weise zum Heil führen, sei ein törichter Gedanke: „Wird jemand deshalb selig und von Gott als recht erkannt werden, weil er den Pflichten der Blutrache gewissenhaft nachgekommen ist? Weil er sich kräftig für und im ,Heiligen Krieg' engagiert hat? Oder weil er rituelle Waschungen und sonstige Observanzen eingehalten hat? Weil er seine Meinungen und Wünsche zum Gewissensspruch erklärt und so sich selbst zum Maßstab erhoben hat? Nein, Gott verlangt das Gegenteil" (123). In der Tat wünscht man sich im interreligiösen Dialog mehr Klarheit, die keineswegs zu Lasten des Respekts vor fremden religiösen Überzeugungen gehen muß. Respekt und Sachkritik schließen einander nicht aus.

Auch Ratzingers Kritik an manchen Auswüchsen feministischer Theologie ist berechtigt. Im Rahmen seiner Auslegung des Vaterunsers geht er auf die Frage ein, ob Gott nicht auch Mutter sei und ob nicht die Anrede Gottes als Vater zu einer sexistischen Vermännlichung Gottes führe (173f). In wohltuender Klarheit macht Ratzinger auf den Unterschied zwischen Metaphern und Gottesnamen aufmerksam. Wohl gibt es in der Bibel weibliche Metaphern und Vergleiche für Gott. Doch weder im Alten noch im Neuen Testament wird Gott als Mutter angeredet. Die religionsgeschichtlichen und theologischen Gründe, auf die Ratzinger diesen Umstand zurückführt, sind überzeugend.

Ratzingers Jesusbuch ist kein geschlossenes Ganzes. Noch fehlen die Kindheitsgeschichten Jesu, vor allem aber seine Passion und Auferstehung. In Anbetracht seines vorgerückten Alters und der Sorge, sein Werk nicht mehr vollenden zu können, hat er sich entschieden, zunächst nur einige Kapitel zu veröffentlichen. Der Untertitel dieses ersten Teils „Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung" täuscht ein wenig darüber hinweg, daß es sich um eine Zusammenstellung unterschiedlicher Einzelteile handelt, die keineswegs streng biographisch-chronologisch angeordnet sind. Ratzingers Jesusbuch haftet durchaus etwas Fragmentarisches an, aber man ahnt doch schon, wie das Ganze gedacht ist. Nicht nur seinen Leserinnen und Lesern, sondern auch seinem Autor ist zu wünschen, daß das Werk noch zu seinem Abschluß gelangt.

 

 

ROM UND
TEILHARD
DE CHARDIN

2 X ROM UND TEILHARD

 

I.             I.    KARD. JOSEPH RATZINGER

bezog sich auf dem SYMPOSIUM: JOHANNES PAUL II.  – 25 Jahre Pontifikat“

am 9.Mai 2003 ausdrücklich auf

Teilhard de Chardin, Romano Guardini und Josef Pieper

Er interpretierte die Enzykliken Johannes Pauls und führte aus:

„ Anthropozentrik ist beim Papst zugleich Christozentrik und umgekehrt. Gegenüber der Meinung, was der Mensch sei, könne nur aus den primitiven Fo des Menschseins sozusagen von unten erklärt werden, ist der Papst der Überzeugung, dass das, was der Mensch ist, nur vom vollkommenen Menschen her erfasst werden kann und dass von dort her der Weg des Menschseins zu erkennen ist. Er hätte sich dafür auf Teilhard de Chardin berufen können, der einmal so formuliert hat: ‚Die wissenschaftliche Lösung des menschlichen Problems bietet keineswegs ausschließlich das ausschließliche Studium der Fossilien, sondern eine aufmerksame Betrachtung der Eigenschaften und Möglichkeiten des Menschen von heute, die den Menschen von morgen bestimmen werden.’ ....

Die These Guardinis, dass den Menschen nur kennt, wer Gott kennt, findet in dieser Einschmelzung der Anthropologie in die Gottesfrage eine klare Bestätigung. ...“

Am Ende des Vortrag referiert er über das Verhältnis von Glaube und Vernunft und bezieht sich auf Josef Pieper:

„Josef Pieper hat einmal den Gedanken geäußert, dass in der ‚letzten Epoche der Geschichte, unter der Herrschaft von Sophistik und korrupter Pseudophilosophie, die wahre Philosophie sich in die uranfängliche Einheit mit der Theologie zurückbegeben könnte’, dass also am Ende der Geschichte ‚die Wurzel aller Dinge und die äußerste Bedeutung der Existenz – das heißt doch: der spezifische Gegenstand des Philosophierens – nur noch von denen in den Blick genommen und bedacht wird, welche glauben’. Nun, wir stehen – so weit wir sehen können – nicht am Ende der Geschichte. Aber wir stehen in der Versuchung, der Vernunft ihre wahre Größe zu verweigern. Und da sieht es der Papst mit Recht als Aufgabe des Glaubens an, die Vernunft neu zum Mut der Wahrheit zu ermutigen. Ohne Vernunft verfällt der Glaube; ohne Glaube droht die Vernunft zu verkümmern. Es geht um den Menschen. Aber damit der Mensch erlöst werde, brauchen wir den Erlöser – brauchen wir Christus, den Menschen, der Mensch und Gott in einer einzigen Person ist – ‚unvermischt und ungetrennt.’“


II.
            KARD. WALTER KASPER

Auf dem THEOLOGISCHES SYMPOSIUM VOR DEM 48. INTERNATIONALEN EUCHARISTISCHEN KONGRESS

vom 10. bis 17. Oktober 2004 IN GUADALAJARA (MEXIKO)

bezog sich Walter Kasper ( PRÄSIDENT DES PÄPSTLICHEN RATES FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN) 

ausführlich auf Teilhard de Chardin.

 

Hier ein Auszug:

Der Ruf um die Parusie und deren hoffnungsvolle Erwartung rückt die Eucharistie in eine universal- kosmische Dimension.

Brot und Wein sind Gaben der Schöpfung und Frucht der menschlichen Arbeit; indem sie in das eucharistische Geschehen eingehen, ereignet sich an ihnen in gewissem Sinn schon jetzt die eschatologische Verwandlung aller Wirklichkeit.

Deshalb spielen in der eucharistischen Liturgie Lichter, Gewänder, Musik und alles, was menschliche Kunst aufzubieten hat, eine wichtige Rolle.

Dies alles ist keine äußerliche Prunksucht und kein billiger Triumphalismus; damit soll vielmehr zum Ausdruck gebracht werden, daß in der Feier der Eucharistie die himmlische Welt in unsere Welt hereinragt und gegenwärtig ist. 

. . .

In der ostkirchlichen Liturgie und Theologie ist dieser Aspekt besonders lebendig.(1)

Im Westen ist er dagegen in dieser Hinsicht nachkonziliar leider puristisch und kulturell anspruchslos geworden.

Wir haben vergessen, daß Kult und Kultur zusammengehören und daß die Eucharistie den eschatologischen Lobgesang aller Wirklichkeit vorwegnimmt.

Weil die Eucharistie Vergegenwärtigung der »missa coelestis« ist, ist sie auch »missa mundi«, sie ist Vorwegnahme der himmlischen Verherrlichung Gottes und der eschatologischen Vollendung der Welt. In ihr ist die Welt im Lob des Schöpfers wieder eins und d.h. heil geworden. Diese universal-kosmische Dimension der Eucharistie und der Liturgie insgesamt gilt es heute wieder neu zu entdecken.(2)

In moderner Gestalt finden sich solche Gedanken bei P. Teilhard de Chardin vor allem in Die Messe über die Welt, eine Schrift, welche er 1923 während eines Forschungsaufenthaltes in der chinesischen Ordos-Wüste schrieb.(3)

In einer kirchlichen Situation, da ein einseitig individualistisches Verständnis die viel umfassendere Lehre der Tradition verhüllte, entdeckte er neu die kosmische Dimension und Ausstrahlung der Eucharistie.

Dabei verwechselte er die Transsubstantiation im eigentlichen Sinn des Wortes nicht mit der universalen Gegenwart des Logos; aber die Eucharistie gibt sozusagen die Richtung der kosmischen Bewegung an und nimmt sie voraus: die Vergöttlichung der Welt.

Diese universal-kosmische Dimension gilt es gegenüber individualistischen Verkürzungen wie gegenüber der neuerlichen Reduktion der Eucharistie auf eine verengte Gemeindeperspektive wieder zurückzugewinnen.“

 

 (1) Nach Y. Spiteris, Ecclesiologia ortodossa, Bologna 2003 finden sich in der gegenwärtigen orthodoxen Ekklesiologie zwei Tendenzen; die eine, welche die Kirche und die Liturgie unter protologischem Gesichtspunkt als Ikone der praeexistenten himmlischen Kirche sieht (I. Karmiris), und die andere, welche sie als irdische Ikone der eschatologischen himmlischen Kirche betrachtet (J. Zizioulas). Beide Tendenzen bringen in unterschiedlicher Weise die universal kosmische Dimension zur Geltung.

 

(2) J. Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Freiburg i. Br. 2000, 20–29.

 

(3) P. Teilhard de Chardin, Lobgesang des Alls, Olten-Freiburg i. Br. 1961, 13–42.

 

 

III.    ENZYKLIKA SPE SALVI

In Christ in der Gegenwart wird auf folgendes hingewiesen:

"Benedikt XVI.  klammert die biologischen Realitäten evolutiver Selbstgesetzlichkeit aus. Auf einen Disput mit den Naturwissenschaften läßt sich die Enzyklika nicht ein. Es wäre wohl auch nicht der angemessene Ort. Allerdings bleibt es für viele Gläubige eine bedrängende, offene Frage, wie eine nicht-determinierte evolutive Welt und Menschwerdung im dauernden Prozeß kreativer "Selbstorganisation" mit dem Christusgeschehen zusammengehen kann. Die dynamischen Hoffnungsperspektiven etwa eines Teilhard de Chardin oder der Prozeßtheologie, die vielen Christen Horizonte im Glaubensbewußtsein geöffnet haben, spiegeln sich in dieser Enzyklika nicht wieder. Was - zum Beispiel - ist mit den nicht-personalen, über-personalen, nicht-belebten Dimensionen des Universums als Schöpfung Gottes? Haben diese keine Dignität, keine Entsprechung, keine Hoffnung in Gott, auf Gott? Welche  Hoffnung gibt es für die unendlichen Räume und Zeiten "vor" uns und "nach" uns, die jede Anschauung sprengen? Wie nah, wie fern ist das Unermeßliche, Unerklärliche des Kosmos unserem Gott? Das sind ja ernste, schwerwiegende Themen, die viele Menschen umtreiben." (rö.)

ZUR ENZYKLIKA SPE SALVI . . .

 

 

 ZEITDIAGNOSE

 

Zeichnung  'Er verließ das Gebirge"  TAM

WEH EUCH, 

wenn ihr reich seid . . .
wenn euch alle Menschen loben . . . 
die ihr jetzt lacht . . .

Benedikt XVI. schreibt dazu im Hinblick auf Nietzsche in seinem Jesusbuch:

"Die Wehrufe sind keine Verdammungen; sie sind kein Ausdruck von Hass und Neid oder Feindseligkeit. Es geht nicht um Verurteilung, sondern um Warnung, die retten will."

"Friedrich Nietzsche hat seine zornige Kritik des Christentums an diesem Punkt angesetzt. Nicht die christliche Lehre sei es, was man kritisieren müsse: Die Moral des Christentums müsse man als 'Kapitalverbrechen am Leben' bloßstellen."


Die Vision der Bergpredigt erscheint als Religion des Ressentiments, als der Neid der Feigen und Untüchtigen, die dem Leben nicht gewachsen sind. ... Dem weiten Blick Jesu wird eine saftige Diesseitigkeit entgegengestellt - der Wille, die Welt und die Angebote des Lebens jetzt auszuschöpfen, den Himmel hier zu suchen und sich dabei von keinen Skrupeln hemmen zu lassen. Vieles von alledem ist ins moderne Bewusstsein eingegangen und bestimmt weithin das Lebensgefühl von heute."
"Angesichts des Missbrauchs ökonomischer Macht, angesichts der Grausamkeiten eines Kapitalismus, der den Menschen zur Ware degradierte, sind uns die Gefährdungen des Reichtums aufgegangen und verstehen wir wieder neu, was Jesus mit der Warnung vor dem Reichtum, vor der den Menschen zerstörenden Gottheit Mammon meinte, die große Teile der Welt in ihrem grausamen Würgegriff hält. 

Ja, die Seligpreisungen stehen unserem spontanen Daseinsgefühl entgegen. Sie verlangen 'Bekehrung' - eine innere Umkehr von der spontanen Richtung, in die wir gehen möchten. Aber in dieser Umkehr kommt das Reine und Höhere zum Vorschein, ordnet sich unser Dasein recht."

Joseph Ratzinger Benedikt XVI. Jesus von Nazareth S. 128/129

 

Das Christentum — meinte Friedrich Nietzsche — habe dem Eros Gift zu trinken gegeben; er sei zwar nicht daran gestorben, aber zum Laster entartet. 

Damit drückte der deutsche Philosoph ein weit verbreitetes Empfinden aus: 

Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben? 

Stellt sie nicht gerade da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren läßt?

 

Benedikt XVI. in "DEUS CARITAS EST"

Lassen sich die Fragen nach der Existenz Gottes und nach einer eventuellen Offenbarung seines Willens rational erörtern? 

 

Und wenn ja, ist es berechtigt, sie auf sich beruhen zu lassen?
Was steht auf dem Spiel? 
Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen - in dieser Antwort steht Robert Spaemann in seinem Buch
"Das unsterbliche Gerücht - Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne" (Klett-Cotta)" mit Friedrich Nietzsche und Richard Rorty überein.

Nur, dass Robert Spaemann die Existenz Gottes und die Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft verteidigt. Mit Wittgenstein hält Spaemann es für den Aberglauben der Moderne, dass uns die Naturgesetze die Welt erklären, während sie doch selbst das Erklärungsbedürftigste in der Welt sind.

 

 

Interessant ist was Papst Benedikt XVI. zur Taufe Jesus durch Johannes in seinem Jesusbuch (S. 45ff.) sagt:

"Die Ikone der Taufe Jesu zeigt das Wasser wie ein flüssiges Grab, das die Form einer dunklen Höhle hat, die ihrerseits das ikonographische Zeichen für den Hades, die Unterwelt, die Hölle ist. Das Hinabsteigen Jesu in dieses flüssige Grab, in dieses Inferno, das ihn ganz umschließt, ist so Vorvollzug des Abstiegs in die Unterwelt: "hinabgestiegen in die Wasser, hat er gebunden den Starken" sagt Cyrill von Jerusalem."

"Das Eintreten in die Sünde der anderen ist Abstieg ins "Inferno" . . . mit-liedend, um-leidend und damit umwandelnd, die Türen der Tiefe umstoßend und aufstoßend. Sie ist Hinabsteigen ins Haus des Bösen, Kampf mit dem Starken, der den Menschen gefangen hält (und wie sehr sind wir alle in der Tat gefangen von den Mächten, die uns namenlos manipulieren!)."

 

 

Der Münchner Bildhauer Josef Alexander Henselmann (*1963 in München), der Enkel des Josef Henselmann (*1898 † 1987), gestaltete das Portal zum Thema der ersten Enzyklika des Papstes Deus Caritas est.

 

theodor frey

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