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Ödipus
Sophokles
Übersetzung
von Hölderlin
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Beispiel:
Vers 1224 ff
Ihr im Lande
Thebe Bürger, sehet diesen Ödipus,
Der berühmte Rätsel löste, der vor allen war ein Mann.
Der nicht auf der Bürger Eifer, nicht gesehen auf das Glück,
Wie ins Wetter eines großen Schicksals er gekommen ist,
Darum schauet hin auf jenen, der zuletzt erscheint, den Tag,
Wer da sterblich ist, und preiset glücklich keinen, eh denn er
An des Lebens Ziel gedrungen, Elend nicht erfahren hat.
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Wolfgang Schadewaldt
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Peter Handke 2003 |
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"Aber wenn
man
Kam zum Licht,
Ist das Zweite
dieses:
Wieder dorthin gehen,
Von woher man kam, auf's Schnellste!"
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"Ungeboren bleiben sticht jeden
sonstigen Sinn!
Und das Abgehn, möglichst
gleich nach der Geburt,
dorthin, wo man herkam: das zweitbeste Blatt!" |
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"Groundings"
Marthaler
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Zu Beginn sitzen sie
mit Koffern vor einem hydraulischen Vorgang, die Weltkarte zu ihren Füßen,
in einem Seminarraum mit Sechziger-Jahre-Appeal, den Anna Viebrocks
Bühnenbild herbeizitiert. Vor ihnen voluminöse Clubsessel, die als
Schleudersitze dienen. Wer darin Platz nimmt und das Abschiedsdefilee der zu
Krokodilstränen gerührter Kollegen hinter sich hat, brettert durch eine
Wand aus Presspappe und ab in den Orkus. Die Senator-Lounge wird zum
Fegfeuer, Destination Hölle, man wartet auf den verspäteten Flieger und
vertreibt sich die Zeit in dieser finalen Warteschleife mit clownesker
Weiterbildung und Liedern, vom Beresinalied bis zu Bob Dylans "Mr.
Tambourine". Jürg Kienberger wühlt dazu in der Orgeltastatur wie ein
römischer Priester in Tiereingeweide. ... Die Firmengeschichte der Swissair
wird satirisch abgewedelt, dann sucht man gemeinsam die beste Apotheke
zwecks Dämpfung der berufsbedingten Psychosomatik, um endlich eine
Krisensitzung einzuberufen.
Stephanie Carp hat
aus Sitzungsprotokollen, Werbeslogans, Medienberichten und Fachliteratur das
Stück virtuos zusammen gezimmert.
Roger
de Weck über die Schweizer: "Der Ordnungssinn - jener Firnis, den
die Ausländer sehen - verdeckt bloß die Radikalität. Die Schweizer
sorgen deshalb für Ordnung, weil sie wissen, wie rasch bei ihnen ein
Konflikt ausartet, sobald er ausbricht. Die Ordnung ist Korsett,
korsettiert sind Fleisch und Blut und andere Säfte, Leben, Anarchie,
Leidenschaft, Amok. Die Schweizer sind dermaßen rücksichtslos in ihrem
Streben, daß sie Maß halten müssen in ihrem Tun. Und dann verwandeln
sie sich in Extremisten des Maßhaltens."

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Alkestis
Euripides
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Das
Drama kommt auf Zehenspitzen, schleichend wie anderswo der Tod. Auf der
Bühne ist es zuerst einmal still. Nur von Ferne hört man das Krächzen der
Krähen und manchmal, ganz leise, eine zarte Musik. - "So ruhig und
leer ist's vor dem Palast? So still und so stumm in den Hallen Admets?"
- Der Raum ist ins Dunkel getaucht. Jossi Wieler hat die Tragödie,
aufgeschrieben vor knapp 2500 Jahren, in die gutbürgerliche Welt von heute
geholt: eine sehr genaue und dichte Inszenierung.
Alkestis,
die an Stelle ihres Mannes Admetos in den Tod geht, wird am Ende von
Herkules ins Leben zurückgeholt. Admetos muß aber ganz schön schlucken,
wenn er seine Frau wieder hat, und Alkestis am Ende mit paralysiertem Blick
ins Publikum starrt. Eine große Ernüchterung. Kein Ausweg. Nicht einmal
Veränderung.
Wieler
schaut das Stück durch die Lupe der bürgerlichen Kultur des 20.
Jahrhunderts an, und dabei tritt ganz groß und klar ein Familiendrama
hervor - eine Geschichte von Vätern und Söhnen, Schuld und
Entschuldbarkeit, Kälte und Geld. Sie handelt vor allem davon, daß sich
jeder selbst der Nächste ist. Jossi Wieler kratzt an der schicken Fassade,
bis sie anfängt zu bröckeln. Buchstäblich: Da werden Tassen und Gläser
zerbrochen und eine Lampe wird lose (oder war es ein Kurzschluß?).
Jens
Kilians Bühne erinnert an eine Wohnhalle mit Saloncharakter. (die
Atmosphäre blendend umschreibend). Und auch schauspielerisch ist die
Inszenierung ein Fest.
nach
der Rezension in der SZ von Christine Dössel
Das Göttliche
zeigt sich in mancher Gestalt.
Es vollenden die Götter, was keiner geahnt.
Wovon wir geträumt, das verwirklicht sich nicht.
Was unmöglich uns schien, das ist möglich für Gott.
So hat es auch hier sich bewiesen!
(Schlußchor aus
Alkestis)
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Hekabe
Euripides
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Regie:
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Dieter Dorn
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Bühne:
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Jürgen Rose
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Licht:
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Max Keller
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Musik:
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Jörg
Widmann
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Hekabe:
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Gisela Stein
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Peanuts
Fausto
Paravidino
(*1976)
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Buddy
Ser? Was-ser?
Was Wasser? Ach Wasser, willst du Wasser? War es das, was du sagen wolltest?
Piggy
Ja.
Buddy
Ich kann dir
keins geben. Tut mir leid, wenn's nach mir ginge, würde ich dir was geben,
aber ich kann nicht. Ja, ich weiß, keiner würde es erfahren, deshalb
könnte ich dir eigentlich auch was geben, aber weißt du ... ich kann nicht
alles machen, worauf ich Lust habe. Außerdem hab ich keine Lust. Du meinst
vielleicht, dass ich nett bin und dass du das ausnutzen kannst, das machen
viele, aber, ich bin vielleicht besser erzogen als der, der vorhin da war,
trotzdem... ich will diesen Job gut machen. Ja, ich glaub daran. Manchmal
ist es nicht einfach, aber... ich kann dir keins geben. Dir geht's schlecht,
du hast Durst, aber ich kann nicht. Es gibt Salzwasser, das darf ich dir
geben, aber ich glaub nicht, dass du das willst. das will niemand. Auch weil
dir nachher der Mund austrocknet und du noch mehr Durst bekommst, danach
fühlt man sich schlechter, ich weiß nicht, ob du's schon mal probiert
hast. Vielleicht hättest du es gern, aber ich kann's die nicht raten.
Trotzdem, es ist deine Entscheidung. Willst du
Salzwasser? -
Pause -
Das hab
ich mir gedacht. Ich versteh, dass du mich nicht gerade für einen guten
Menschen hältst, weil ich dir nichts gebe, aber wenn du in meiner Lage
wärst, würdest du mich verstehen. Weißt du, manchmal muss man auch zu
harten Mitteln greifen, um die Demokratie gegen ihre Bürger zu verteidigen,
wenn sie bedroht ist. Das sagen sie uns, wenn wir ein bisschen schlecht
drauf sind. Aber meistens geht's uns ganz gut. Wir haben Höhen und Tiefen,
wir alle.

Charles
M. Schulz hat seine "Peanuts" seit 1965 auch fürs Fernsehen
geschaffen. Im Mittelpunkt steht Charlie Brown, der ewige Pechvogel, ein
leidenschaftlicher Baseballspieler, der seine Mannschaft aber noch nie zu
einem Sieg geführt hat. Dann gibt es da noch Lucy, ein resolutes Mädchen,
das Charlie immer wieder gnadenlos auf seine Schwächen hinweist, deren
Bruder Linus mit seiner Schmusedecke, Schroeder, der Beethoven-Liebhaber,
der allen Annäherungsversuchen Lucys stoisch die Stirn bietet, und natürlich
Snoopy, der Wunder-Beagle.
 
Aus
Charlie Brown ist bei Paravidino ein gewöhnlicher Name wie Buddy geworden,
Minus ist Linus, Schroeder hat sich in Schkreker verwandelt.
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Wittenbrink's
Liederabende
Die
Welt wird schöner mit jedem Tag
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Stephan Zinner - Caroline Ebner
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Metamorphosen
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Tanja Schleiff
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OVID
METAMORPHOSEN
XV. BUCH - Pythagoras
Alles
verändert sich nur, nichts stirbt. Herüber, hinüber
Irrt
der belebende Hauch, und in andre beliebige Glieder
Ziehet
er ein und geht aus Tieren in menschliche Leiber
Und
Getier von uns und besteht so ewige Zeiten.
Wie
das geschmeidige Wachs, zu neuer Gestalt sich bequemend,
Weder
verbleibt, wie es war, noch hält an den selbigen Formen.
Was
war, das bleibet dahinten;
Was
nicht war, das wird, und jede Minute verjüngt sich.
Keines
verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend
Schafft
die Natur stets neu aus anderen andere Formen,
Und
in der Weite der Welt geht nichts - das glaubt mir - verloren;
Wechsel
und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden
Heißt
nur anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen
Nicht
mehr sein wie zuvor. Sei hierhin jenes versetzet,
Dieses
vielleicht dorthin: im Ganzen ist alles beständig.
Unter
dem selbigen Bild - so glaub' ich - beharrt auf die Dauer
Nichts
in der Welt.
Weil
ich auf offener See nun treib' und die Segel den Winden
Gab zum Blähn: nichts ist von Bestand in der Weite des Weltalls.
Rings ist Fluß, und jedes Gebild ist geschaffen zum Wechsel.
Selber die Zeit auch gleitet dahin in beständigem Gange,
Anders nicht als ein Strom; denn Strom und flüchtige Stunde
Stehen im Lauf nie still. Wie Woge von Woge gedrängt wird,
Immer die kommende schiebt auf die vordere, selber geschoben,
Also fliehen zugleich und folgen sich immer die Zeiten,
Unablässig erneut; was war, das bleibet dahinten;
Was nicht war, das wird, und jede Minute verjüngt sich.
Gegen das Licht auch siehst du die Nacht aus dem Meere sich heben,
Aber der finsteren Nacht nachfolgen die glänzenden Strahlen.
Anders erweist sich der Himmel gefärbt, wen alles ermüdet
Liegt im Schoße der Ruh, und wenn hell auf schneeigem Rosse
Lucifer kommt, und anders, wenn früh die pallantische Göttin,
Kündend den Tag, Schein wirft in die Welt, die harret des Phöbus.
Rot ist auch Sols Schild, wenn er steigt vom Grunde der Erde,
Morgens zu sehn und rot, wenn er sinkt vom Grunde der Erde,
Doch in der Höh ist er hell, weil droben sich breitet des Äthers
Reinere Luft und ferne sich hält von der trübenden Erde.
Nie auch bleibt die Gestalt der bei Nacht sichtbaren Diana
Völlig dieselbe und gleich; denn stets ist kleiner als morgen
Heute das Bild, wenn die Scheibe sich dehnt, doch engt sie sich, größer.
Wie, und siehest du nicht in vier abwechselnde Formen
Treten das Jahr, nachahmend den Gang von unserem Leben?
Saftreich ist es und zart, ganz ähnlich dem Alter des Knaben,
In dem erwachsenden Lenz. Dann strotzen die neuen Gewächse,
Kraft noch missend und Halt, und ergötzen mit Hoffnung den Landmann.
Dann blüht alles umher, und fröhlich im Schmelze der Blumen
Prangt das Gefild, doch fehlt noch festes Beharren dem Laube.
Tüchtiger geht nach dem Lenz nun über das Jahr in den Sommer,
Rüstigem Jüngling gleich; denn es ist kein anderes Alter
Reicher in Fülle der Kraft, keins heißer in drängendem Streben.
Danach folget der Herbst, der ohne das Feuer der Jugend
Reif dastehet und mild und zwischen dem Greis und dem Jüngling
Mäßig in Mitten sich hält, schon grau an den Schläfen gesprenkelt.
Schaurig mit wankendem Schritt kommt endlich der greisende Winter,
Völlig der Haare beraubt, und trägt er sie, weiß an dem Haupte.
An uns selber erfährt ja auch rastlose Verwandlung
Immer der Leib, und was wir gewesen und sind, wir verbleiben
Morgen es nicht. Einst war ein Tag, wo im Schoße der Mutter
Nur als Samen und Keim zukünftiger Menschen wir wohnten.
Bildende Hand anlegte Natur, und daß vom gedehnten
Leibe der Mutter umspannt die lebendige Bürde gezwängt sei,
Wollte sie nicht und ließ sie heraus an die ledigen Lüfte.
Jetzo gebracht ans Licht lag ohne Vermögen der Säugling;
Bald auf vieren bewegt' er nach Sitte der Tiere die Glieder,
Und er begann allmählig mit noch unsicheren Knieen
Wankend zu stehen und half durch schwache Versuche den Sehnen.
Stark dann wird er und rasch, und über die Strecke der Jugend
Geht er, und ist dann auch vollendet der mittleren Jahre
Dienstzeit, geht's abwärts auf der Bahn hinfälligen Alters.
Dieses zerrüttet und macht zunichte der früheren Jahre
Rüstige Kraft, und Milon der Greis sieht weinend die Arme,
Die, den herkulischen gleich, von straff sich spannenden Muskeln
Hatten gestrotzt ehdem, schlaff hängen in nichtiger Ohnmacht.
Weinend im Spiegel erblickt auch Tyndarus' Tochter des Alters
Runzeln und fragt bei sich, warum zweimal sie entführt sei.
Du, aufzehrende Zeit, und du, mißgünstiges Alter,
Ihr bringt alle Verderb, und benagt vom Zahne des Wechsels
Macht ihr alles gemach im schleichenden Tode vergehen.
Ohne Bestand sind auch, die wir Elemente benennen.
Was für Wechsel sie trifft, - merkt auf - ich will es verkünden.
Vier Grundstoffe bewahrt, die alles erzeugen, des Weltalls
Ewiger Bau. Zwei haben Gewicht: mit der Erde die Welle,
Die gehn nieder zum Grund, von der eigenen Schwere gezogen.
Ebensoviel sind ohne Gewicht und streben zur Höhe,
Frei vom Drucke: die Luft und, reiner als jene, das Feuer.
Daraus, wenn sie getrennt auch sind, nimmt seine Entstehung
Alles, in sie fällt alles zurück. Das zersetzete Erdreich
Löst sich in flüssiges Naß, und das flüchtig gewordene Wasser
Schwindet in Dunst und Luft, und wieder, enthoben der Schwere,
Schwingt sich die dünneste Luft in die Höhe zum feurigen Aether.
Dann geht wieder der Weg rückwärts in der nämlichen Folge.
Denn in die trägere Luft geht über verdichtetes Feuer;
Wasser entsteht aus der Luft; zum Erdreich ballt sich die Welle.
Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend
Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen,
Und in der Weite der Welt geht nichts - das glaubt mir - verloren;
Wechsel und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden
Heißt nur anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen
Nicht mehr sein wie zuvor. Sei hierhin jenes versetzet,
Dieses vielleicht dorthin: im Ganzen ist alles beständig.
Unter dem selbigen Bild - so glaub' ich - beharrt auf die Dauer
Nichts in der Welt.
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Die Rückseite
der Rechnungen
Stück von Kerstin Specht
über
Marielusie
Fleißer
mit
Doris Schade
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Sie schrieb
gegen ihr eigenes Vergessen: Marieluise Fleißer.
Jetzt erlebt sie eine
zweite Renaissance. Die erste war noch zu ihren Lebzeiten, als ihre
"Söhne" Rainer
Werner Fassbinder, Franz
Xaver Kroetz und der kürzlich verstorbene Martin Sperr sie wieder
entdeckten und ihre Stücke erneut in die Spielpläne aufgenommen wurden -
ja, sogar in Ingolstadt. Ingolstadt - die Stadt, in der sie vor einem
Jahrhundert geboren wurde und vor einem viertel Jahrhundert starb. Die
Stadt, in der sie hochgeachtet und verachtet wurde, setzte ihr ein
weiteres Denkmal: Ein Stück über die Fleißer wurde in Auftrag gegeben.
Es entstand Kerstin Spechts "Marieluise". Aus der Arbeit an
diesem Stück entwickelte die Autorin den Monolog
"Die Rückseite der Rechnungen", der nun an den
Kammerspielen unter der Regie von Regina Wenig zur Aufführung gelangt.
Specht behandelt hierin aber nicht die bloße Biographie der Autorin; es
werden lediglich biographische Eckpunkte gesetzt. Es ist kein Bericht über
die Ingolstädterin, sondern "Ein Bericht zu Marieluise Fleißer".
Der Boden der Realität wird verlassen, eine künstlerisch ausgestaltete
Figur wird geschaffen. Und diese steht neben der Autorin Fleißer, sie
wird ihr auf dem Theater zur Seite gestellt.
Unsicher betritt Doris Schade den Raum. Kalt bleckt er ihr entgegen. Kaum
Mobiliar: ein Sessel, ein Schrank, ein Schreibtisch, auf dem ein Glas
Wasser und ein Aquarium stehen. Letzteres hebt sich ab, will sich nicht so
recht einfügen. Das Aquarium bleibt der einzige nicht funktionale
Gegenstand im Raum, der durch graue Wände gekennzeichnet ist. Sie nimmt
alles in Augenschein, dann beginnt sie zu erzählen - von ihrer Kindheit:
"Ich mache selbst Theater". Puppentheater: Untergang der
Titanic. Sie erzählt von ihrer Internatszeit, von ersten Begegnungen mit
Männern, Soldaten. Es herrscht Krieg. Und heimlich schreibt sie unter der
Bettdecke; flüchtet in eine Unterwasserwelt, schreibt sich frei. Doris
Schade besitzt ein großes Gespür für die Feinheiten des Textes. Durch
austarierte Gestik und Mimik schafft sie es Kontakt mit dem Publikum zu
halten.
Brecht - der Stein im Schuh, der die Ingolstädterin nicht mehr gehen lässt.
Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Kreise zieht, so hält Brecht die
Fleißerin in seinem Bann. Wenn sie von ihm spricht, versinkt Doris Schade
im etwas zu großen, schwarzen Ledersessel. Die Beine sind zu kurz um den
Boden zu erreichen. Es hat etwas Naives, wenn sie auf der Lehne mit
ausgestreckten Beinen sitzt und von diesem Mann schwärmt, von dem sie nie
losgekommen ist. Er verhalf Fleißer zum großen Durchbruch und
verursachte als Regisseur ihrer "Pioniere in Ingolstadt" einen
Skandal, durch den sie sich den Hass ihrer Heimatstadt zuzog. Zu ihm
flieht sie und vor ihm flieht sie; unter anderem in die Arme des Tabakhändlers
und Donauschwimmers Bepp Haindl. Und sie ist wieder dort, wo sie
aufgebrochen war: in Ingolstadt, "angespuckt von der Welt". Sie
hat kaum mehr Zeit zu schreiben - sie ist jetzt Geschäftsfrau - und wenn,
dann auf die Rückseite der Rechnungen. Dann: Schreibverbot. Schade dreht
sich im Kreis. Ein Tanz mit der Donau. "Ich tanze in die Ärmel einer
Zwangsjacke."
"Wen ich einmal sehe, den weiß ich", schrieb Marieluise
Fleißer.
Wenn man das Stück betrachtet, bleibt das Gefühl, es gibt da noch etwas.
Die Fleißer gesehen durch die Brille der Autorin, interpretiert auf der Bühne,
gibt ihr Geheimnis nicht preis trotz intimer Erzählung. Die Zuschauer
folgen Doris Schade. Und das nicht wegen der Geschichte, sondern der
Person der Fleißerin wegen. Das Stück erschöpft sich nicht in der nüchternen
Biographie, es entkleidet den Mythos nicht, sondern trägt dazu bei. Man
taucht ein in die Tiefe einer Seele; doch dort tut sich eine neue Welt
auf.

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Schiller
Don
Karlos
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Für
dumm verkauft: "Don Karlos" an den Kammerspielen
"Jetzt
gib mir einen Menschen, gute Vorsicht." Im dritten Akt seines "Don
Karlos" lässt Friedrich Schiller König Philipp jenen Stoßseufzer gen
Himmel schicken. Wir schließen uns dem Flehen an. Aber es hilft nichts. Auf
der Bühne der Münchner Kammerspiele führen uns bis zum bitteren Ende nur
aufgemotzte Winzlinge ihre aufdringlichen Faxen vor. Das Theater verkauft
sein Publikum für dumm und liefert mit der Premiere des "Dramatischen
Gedichts" das Stück über politischen Zwang und Ideale der Freiheit,
über Jugend, Liebe und Revolte, über Männerfreundschaft und den Dualismus
der Macht den seichten, unernsten Gesetzen der Comedy aus.
Karlos:
ein lispelnder Batman. Elisabeth: eine schlecht sprechende Giraffe. Posa:
ein blasser Westentaschendiplomat. Eboli: eine alberne Travestiecharge.
Philipp: ein verklemmter Popanz. Alle anderen Hoffinsterlinge: so grau wie
ihre Anzüge. Die Bühne: ein scheußlich schwarzer Raum mit hohen, schweren
Vorhängen. Und der Regisseur: einer, der Schiller einfach nicht gewachsen
ist; der nicht kenntlich machen kann, warum er ausgerechnet das Stück
inszenieren muss; der Politik und Privates nicht auf die Reihe kriegt; der
nach dem Griff in den ausgebeulten Gagkoffer der selbsternannten,
selbstverliebten, selbstgerechten Stück-Erneuerer nur noch den Einfall hat,
das Ganze in dem heute zu einem Museum umfunktionierten Königspalast
spielen zu lassen. So schlecht und langweilig wie diese Aufführung aber ist
kein Museum der Welt. Die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung sollte
wegen Rufschädigung eine einstweilige Verfügung erwirken.
Ein
trauriger Triumph der Schäbigkeit und Schamlosigkeit des billigen Theaters,
das man so doch nicht billigend in Kauf nehmen darf. Die erste Verszeile des
"Don Karlos" - "Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu
Ende" - ist, wie die Eingangsszene überhaupt, gestrichen. Das passt,
denn: Die gute Zeit der Kammerspiele ist längst Geschichte.
Kürzlich
ließ Intendant Frank Baumbauer überraschend selbstkritisch verlauten:
"Wir müssen besser werden." Nur muss er endlich damit anfangen,
zuerst naturgemäß bei sich.
SABINE
DULTZ
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Gadamer
- Zitat:
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Das
Zitat stammt aus dem Werk von Hans-Georg Gadamer (ich
hatte das Glück ihn noch persönlich bei einem Vortrag in München zu hören
und zu erleben) „Die Aktualität des Schönen – Kunst als Spiel, Symbol
und Fest“, das in der gelben Reclam Reihe Nr. 9844 erschienen ist. Der
Text ist eine überarbeitet Fassung der Vorlesungen, die während des
Salzburger Hochschulwochen 1974 von Gadamer gehalten wurden.
Ich beginne mit der Wiedergabe auf Seite 44. Gadamer bezieht sich auf die
Kunst der Gegenwart, die es ausdrücklich ablehnt, Sinnorientierung zu
geben. Gadamer führt dazu aus:
„Ich setze dem entgegen, dass das Symbolhafte, und insbesondere das
Symbolische der Kunst, auf einem unauflöslichen Wechselspiel von Verweisung
und Verbergung beruht. Das Werk der Kunst, in seiner Unersetzlichkeit, ist
nicht nur ein bloßer Sinnträger – so dass der Sinn auch anderen Trägern
aufgeladen werden könnte. Der Sinn eines Kunstwerks beruht vielmehr darauf,
dass es da ist. Um jede falsche Konnotation zu vermeiden, sollten wir daher
das Wort ‚Werk’ durch ein anderes Wort ersetzen, nämlich durch das Wort
‚Gebilde’. Das bedeutet etwa, dass der transitorische Vorgang des
davoneilenden Redestromes im Gedicht auf eine rätselhafte Weise zum Stehen
kommt, ein Gebilde wird, so wie wir von einer Formation eines Gebirges
sprechen. Das ‚Gebilde’ ist vor allen Dingen nichts, von dem man meinen
kann, dass es jemand mit Absicht gemacht hat (wie das mit dem Begriff des
Werkes noch immer verknüpft ist). Wer ein Kunstwerk geschaffen hat, steht
in Wahrheit vor dem Gebilde seiner Hände nicht anders als jeder andere. Es
ist ein Sprung zwischen Planen und Machen einerseits und dem gelingen. Nun
‚steht’ es, und damit ist es ein für allemal ‚da’, antreffbar für
den, der ihm begegnet, und einsehbar in seiner ‚Qualität’. Es ist ein
Sprung, durch den sich das Kunstwerk in seiner Einzigkeit und
Unersetzbarkeit auszeichnet. Es ist das, was Walter Benjamin die Aura des
Kunstwerkes genannt hat und was wir alle kennen, etwa in der Empörung über
das, was man Kunstfrevel nennt. Die Zerstörung hat für uns noch immer
etwas von religiösen Frevel. Diese Überlegung soll uns vorbereiten, uns über
die Tragweite dessen klarzuwerden, dass es nicht bloße Offenlegung von Sinn
ist, die durch die Kunst vollbracht wird. Eher schon wäre zu sagen, dass es
die Bergung von Sinn ins Feste ist, so dass er nicht verfließt oder
versickert, sondern in der Gefügtheit des Gebildes festgemacht und geborgen
ist. Wir verdanken am Ende die Möglichkeit, uns dem idealistischen
Sinnbegriff zu entziehen und sozusagen die Seinsfülle oder Wahrheit, die
uns aus der Kunst anspricht, in der Doppelwendung von Aufdecken, Entbergen,
Offenlegen und von Verborgenheit und Geborgensein zu vernehmen, dem
Denkschritt, den Heidegger in unserem Jahrhundert getan hat. .......“
"Die symbolische Repräsentation,
die Kunst leistet, bedarf keiner bestimmten Abhängigkeit von vorgegebenen
Dingen. Gerade darin liegt vielmehr die Auszeichnung der Kunst, daß das,
was in ihr zur Darstellung kommt, ob reich oder arm an Konnotationen oder
ein reines Nichts derselben, uns zum Verweilen und zur Zustimmung bewegt wie
ein Wiedererkennen. Es wird zu zeigen sein, wie sich gerade von dieser
Charakteristik her die Aufgabe ausnimmt, die die Kunst aller Zeiten und die
Kunst von heute für jeden von uns stellt. Es ist die Aufgabe, das, was da
sprechen will, hören zu lernen, und wir werden uns eingestehen müssen, daß
Hörenlernen vor allem meint, sich aus dem alles einebnenden Überhören und
Übersehen zu erheben, das eine immer reizmächtigere Zivilisation zu
verbreiten am Werk ist."
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