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Nathan
der Weise
von Gotthold Ephraim
Lessing
Es
spielten am 7.12.2003 im Residenztheater: Marina Galic, Barbara Melzl, Katja Uffelmann, Richard
Beek, Rainer Bock, Peter Herzog, Oliver Nägele, Christian Nickel,
Helmut Stange, Rudolf Wessely
Regie
Elmar Goerden
Bühne Silvia Merlo, Ulf Stengl
Kostüme Lydia Kirchleitner
Was
ist Toleranz? Wann
ist tolerantes Verhalten sinnvoll? Wie überzeugend ist Toleranz als
Grundlage menschlichen Verhaltens?
Das sind die Fragen, die
Lessings Nathan bewegen. Die Szene ist Jerusalem, schon immer ein
vermintes Gelände, auf dem Gotteskrieger aus aller Welt ihren
Einflussbereich abgesteckt haben und nun einen brüchigen Frieden
halten. Auf den Linien des Waffenstillstands bewegt sich Nathan, der
global agierende Geschäftsmann, und setzt sein Geld und seine so auf-
wie abgeklärte Intelligenz ein, um nicht zwischen den Fronten zerrieben
zu werden. In diese Fronten kommt Bewegung, als ein christlicher Soldat
durch Jerusalem stolpert, vom Sultan aus zunächst unverständlichen Gründen
begnadigt wird und daraufhin Nathans Tochter aus dem Feuer rettet. Der
rohe Schwabe lernt von Nathan die Gesetze des menschlichen Miteinander
und würde gerne von seiner Tochter Recha die Liebe lernen, doch so
einfach entlässt der Autor seine Figuren nicht aus dem orientalischen Märchen:
Recha und der Tempelherr sind am Ende Bruder und Schwester, einander
verbunden und doch kein Paar. Lessing integriert sie in eine
multikulturelle Kleinfamilie, patriarchalisch organisiert, unfruchtbar
und mit der Hoffnung auf ein Zusammenleben, das sich auf die Kraft der
Argumente gründet und den Glauben, man müsse nur eine gemeinsame
Sprache finden, um alle Unterschiede aus dem Weg in eine bessere Zukunft
zu räumen. Die Rede ist von Interessen und von der Versöhnung von
Interessen.
  
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Let’s
Lessing
Elmar
Goerden beschwingt den Schulbuch-Klassiker „Nathan der
Weise“ am Münchner Residenztheater
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"Erst
heißt es, dass sie gar nicht ihres Vaters leibliche
Tochter sei und also auch keine Jüdin, sondern ein Kind
christlicher Eltern, dessen sich der Jude Nathan
angenommen hat. Dann erfährt Recha, dass der Gefangene
des Sultans, der sie aus einem brennenden Haus gerettet,
woraufhin sie sich unsterblich in ihn verliebte, dass
dieser Tempelherr ihr eigener Bruder ist, Sohn eines
verschollenen Bruders des mohammedanischen Sultans, der
eine Deutsche geheiratet hat, Recha folglich die
christlich getaufte, von einem Juden erzogene Nichte eines
Moslems – uff! In den Kinder kreuzen und versöhnen sich
drei Religionen, deren Trinität, so Aufklärer Lessing,
man als edlen Wettstreit verstehen müsse.
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Das
operettenhafte Finale, wenn „unter stummer Wiederholung
allseitiger Umarmungen“ der Vorhang fällt, ist oft belächelt
worden: als naiv-harmonistischer Wunsch eines
toleranzduseligen Gesundbeters und Märchenonkels, der als
milder Pauker des Humanismus mit seinem „dramatischen
Gedicht“ aus dem Jahr 1779 zum Schulbuchklassiker
avancierte. In der Tat erinnert der „Nathan“ mit
seinen schier endlosen rhetorischen Grundlinienduellen an
den schulischen Frontalunterricht und füllt, da ungekürzt
nicht unter drei Stunden zu spielen, bequem einen
gymnasialen Vormittag – mit oder ohne Kruzifix und
kopfbetuchtem Lehrkörper. Was Glaubensfreiheit angeht, können
wir alle natürlich nie genug nachsitzen, also: Hefte
raus, Aufsatz: „Wie aktuell ist Nathan vor dem
Hintergrund des religiösen Fundamentalismus?“ Aber was
soll uns der Peacenik und Gutmensch Lessing mit seinem
Friede-Freude-Eierkuchen-Pathos, da der Nahe Osten brennt,
Terror die Welt erschüttert und Friedenspläne scheitern?
Wir brauchen eine Road Map, keine Moralpredigt. Wirkt der
unbeirrte Glaube an den Sieg der Vernunft nicht geradezu
frivol, wenn doch die Gegenaufklärung auf dem Vormarsch
ist? Dann aber kann man das Ideendrama auch nicht retten,
indem man es wie Regisseur Elmar Goerden als flauschige
Kriminalkomödie mit dem Flower-Power-Appeal der eigenen
Sixties-Kindheit erzählt?
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Doch,
man kann, denn Goerdens Findungen sind keine aufgepappten
Aktualisierungen, keine Reverenz an die Retro-Mode,
sondern sie lassen uns die Figuren neu und nah erleben und
bringen Lessings Text statt zum Dozieren wieder zum
Sprechen. Und den kennt Goerden wie kein anderer. 1999
hatte er, noch in Stuttgart, mit seinem Projekt
„Lessings Traum von Nathan dem Weisen“ das Stück auf
seinen heutigen Gehalt abgeklopft. Diese intellektuelle
Vorarbeit erlaubt es ihm nun, leicht und spielerisch mit
dem Text umzugehen, ohne ihn zu verändern. Für Lessings
orientalisierendes Märchen-Lametta hat Goerden eine
schlagende Lösung gefunden.
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Das
Stück spielt nun in einer Lounge am Ben-Gurion-Airport.
Vorn zwei Barcelona-Chairs, getrennt durch einen Pflanzkübel
mit symbolträchtig stacheligen Kakteen. Getönte
Panoramascheiben filtern im Bühnenbild von Silvia Merlo
und Ulf Stengl die Regenbogenfarben, in denen hinten eine
Eloxalfassade schillert. Deren psychedelisches
Relief-Muster erinnert an die OP-Art von Vasarély und
dient als Zeichen dafür, dass die Wahrheit manchmal nur
eine optische Täuschung ist. Ein Monitor zeigt die
Abflugzeiten, dazwischen sendet ein Nachrichtenkanal, am
unteren Rande der ewige „Crawl“ der Börsendaten.
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Easy
Listening tönt aus den Boxen, sanfte Fahrstuhlmusik –
der Flughafen als letzter Ort, an dem sich die Religionen
friedlich-gleichgültig begegnen können, zugleich
globales Überall der amerikanischen Universalkultur. Es
sind moderne Nomaden, deren Wege sich hier kreuzen,
Reisende in einer Zeitschleife. Zunächst der Kaufmann
Nathan, ein global player der Geschäftswelt und also ein
Vielflieger mit Trolley und einer Plüsch-Robbe als
Mitbringsel für seine Recha. In seinem weißen
Freizeithemd erinnert Rudolf Wessely eher an einen
Kibbuz-Verwalter. Alles an ihm scheint darauf abgestimmt,
um keinen Preis aufzufallen, er ist die zum Lebensprinzip
gewordene Assimilation und dabei so verliebt in seine
Wasserfall-Eloquenz, dass er sich lieber mit einem
weiteren Redeschwall übergießt, als sich gar vom
emporgereckten Po der Daja ins Schwitzen bringen zu
lassen. Barbara Melzl spielt sie schnutig-vulgär als
blondinenwitzige Hausschlampe.
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Nathan
hat halt nur Augen für seine Recha. Marina Galic ist ein
neurotisch-schwärmerisches Hippie-Mädchen, dass
entdeckt: Es gibt auch andere Männer außer Papi. Eben
ihren Retter, den Tempelherrn, ein Fallschirmspringer und
also gefallener Engel, der seinen Fallschirm in einer
Plastiktüte herumträgt und die Mülleimer nach Essbarem
durchforstet. Christian Nickel ist ein traumatisierter
Gotteskrieger, der schon mal Desinfektionsmittel säuft,
als wolle er seine räudige Seele damit reinigen, immer
ein „Kaufe nix!“ auf den schmalen Lippen.
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Und
da ist der von Oliver Nägele als neureicher Geldsack
gespielte Saladin, ein öliger Waffenschieber, im
Schlepptau seine Schwester Sittah, bei Katja Uffelmann
sein schattenhaftes besseres Selbst. Mit einer Sprühflasche
bewässert er die Sukkulenten im Trog – und seine
Ressentiments. Immer wieder sind Detonationen zu hören,
vor der großen Szene von Saladin und Nathan fällt der
Strom aus. Sittah arrangiert die Barcelona-Chairs nun so,
dass sie an das Sofa der „Friedman“-Talkshow erinnern,
und Nathan, der gelernte Krisenmanager, der immer in die
Stromstoß-Gestik eines Louis de Funès verfällt, wenn er
nach einer rettenden Idee sucht, beginnt die Erzählung
der Ringparabel mit dem rhetorischen Furor des Michel
Friedman. Den als Gastgeschenk mitgebrachten Fresskorb hat
er abgestellt, man nippt an bunten Drinks, und der zunächst
gelangweilte Saladin macht Entspannungsübungen, bevor er
geläutert in Tränen zerfließt und sich –
Nervennahrung – über eine Schachtel Pralinen hermacht.
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Wie
sie so da sitzen, erinnern sie an das „Odd Couple“ aus
dem Kino, Jack Lemmon und Walter Matthau: hier der
moralische Saubermann Nathan, da der ideologische Messie
Saladin. Kein Wunder, dass der schon bei Lessing harmlose
Bösewicht, der christliche Patriarch, bei Rainer Bock nur
ein pomadiger Jogger ist, der „Bene, ciao!“ ins Handy
sülzt, wenn er mit dem Vatikan telefoniert. Doch als
Nathan endlich erzählt, wie er bei einem Pogrom Frau und
Kinder verlor, bringt der sonst so patente Durchwurschtler
das nur über die Lippen, indem er zuvor eine Hand voll
Herztabletten mit einem kräftigen Schluck aus dem
Flachmann hinunterspült.
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Das
Märchenfinale schließlich inszeniert Elmar Goerden als
ironisches Hollywood-Happy-End. Der Schampus ist kühl
gestellt, hinter der Panoramascheibe glitzern die Lichter
der nächtlichen Stadt wie Diamanten auf schwarzem Samt:
aus dem rat pack des Orients ist ein glad pack geworden.
Alle tanzen, da Helmut Stanges Klosterbruder wie ein
Crooner zum Mikro greift, um Nat King Coles „Unforgettable“
mehr zu krächzen als zu schmalzen. Doch der Patriarch hat
als Tanzpartner nur den Kaktus. Das nennt man dann wohl
poetische Gerechtigkeit."
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CHRISTOPHER
SCHMIDT in der SZ
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„Macht
Liebe glücklich?“ – Nein, sie zerfetzt wie ein Blumenstrauß, der
über einen Tisch gezogen wird. Man sieht, in Stephan Rottkamps
Inszenierung von „Miss Sara Sampson“ in den Münchner Kammerspielen
werden Fragen nicht nur mit Worten, sondern mit Bildern beantwortet.
Vielen. Guten. Das Bühnenbild von Robert Schweer bietet den
idealen Ort dafür: Aus einer kleinen, nur mit einer Kerze beleuchteten
Liebesgrotte für Sara und Mellefont mit armseligen
Tapeten wächst sie die ganze Zeit hindurch heran zu einer riesigen
Kathedrale des Selbstbetrugs, in deren Mitte am Ende die
Heldin wie eine Idiotin geschminkt zum Liegen kommt.
„Ich habe die Liebe von der Wollust zu unterscheiden gelernt“, meint
Mellefont gegenüber von Marwood, seiner ehemaligen Geliebten, die
drei Mal wiedersprechen muss. „Nein!“ „Doch!“ Drei Mal, der Rest
bleibt undiskutiert. An Robert Dölle, der den Begehrten gibt, wird
gezerrt, in ihn wird sich viel verliebt, aber er ist ein Mann, nur ein
Mann, und dem muss man, vielmehr Fräulein, verzeihen, denn schließlich
verliebt sich Fräulein ständig in den Falschen und er kann nichts dafür,
dass er der Falsche ist.
Die andere Seite der Liebe ist die des Vaters zu seiner Tochter, die
verraten wurde und dennoch bereit ist, der Verlorenen nachzureisen und
ein Meer Blumen entgegenzustrecken. Der Diener des Vaters Waitwell soll
Sara nur einen Brief überreichen, der ihr sagt, dass alles wieder gut
ist, sie mit Mellefont eingeladen ist, glücklich in der Familie
zu sein. Caroline Ebner und Jochen Noch schaffen in einer
schauspielerischen Leistung, die zu gut ist, um sie einfach so glauben,
wie sie zu sehen ist, die wahrscheinlich komischste Szene des Stückes
und verpacken darin zugleich den bewegendsten Moment. Der Zuschauer darf
einem heiligen Moment des Theaters beiwohnen. Aber auch sonst ist er
nicht allein gelassen. Es scheint als vergehe keine Minute ohne
Regieeinfall oder ohne dass einer aus dem fünfköpfigen Ensemble das
Beste seines Könnens zeigen dürfte, auch im Umgang mit den Gästen,
einem Kind, das Marwood Mellefont als seines vorführt und sich so entrückt
natürlich verhält, dass man in diesem Moment nicht mehr glaubt im
Theater, sondern tatsächlich auf einer grünen Picknickwiese zu sein.
Und der andere Gast ein Pony, das - jeder gute Vater weiß das, so auch
Hans Kremer – die Tochter zur Versöhnung stimmen soll.
In all dieser Verspieltheit bleibt noch genug Raum für den Schmerz, den
Nina Kunzendorf als Marwood Sara machen muss, indem sie ihr eröffnet,
dass sie beide nacheinander auf den Gleichen hingefallen sind und alles
an ihr tötet bis auf die Hoffnung. Stille im Gefühlsdom und der Glaube
an die unendliche Macht des Theaters.
Willibald Spatz
25. November 2003
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