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     Eine Seite von Theodor Frey 

Diözesanmuseum in Freising     

"Der Mensch muß zweimal geboren werden, einmal natürlich und sodann geistig. . . . Der Geist ist nicht unmittelbar, er ist nur, wie er sich aus sich gebiert; er ist nur als der wiedergeborene. . . . Das Kind ist nur erst Geist an sich, noch nicht realisierter Geist, nicht als Geist wirklich, hat nur die Fähigkeit, das Vermögen, Geist zu sein, als Geist wirklich zu werden; so kommt die Wahrheit an es zunächst als ein Vorausgesetztes, Anerkanntes, Geltendes, - d. h. es kommt die Wahrheit notwendig zuerst als Autorität an den Menschen. . . . Dieses, wie der Mensch das Sinnliche zu lernen hat — auf die Autorität, weil es da ist, weil es ist, hat er sich's gefallen zu lassen; die Sonne ist auch da, und weil sie da ist, muß ich mir's gefallen lassen -, so die Lehre, die "Wahrheit. Sie kommt aber nicht durch sinnliches "Wahrnehmen, durch Tätigkeit der Sinne, sondern durch Lehre an uns als ein Seiendes, durch Autorität. "Was im menschlichen Geist, d. i. in seinem wahren Geist ist, wird ihm damit zum Bewußtsein gebracht als ein Gegenständliches; oder was in ihm ist, wird entwickelt, so daß er es weiß als die Wahrheit, in der er ist. In solcher Erziehung, Übung, Bildung und Aneignung handelt es sich nur um Angewöhnung an das Gute und Wahre. Es ist insofern da nicht darum zu tun, das Böse zu überwinden, denn das Böse ist an und für sich überwunden. Es handelt sich nur um die zufällige Subjektivität. Mit der einen Bestimmung des Glaubens, daß das Subjekt nicht ist, wie es sein soll, ist zugleich die absolute Möglichkeit verknüpft, daß es seine Bestimmung erfülle, von Gott zu Gnaden angenommen werde. Dies ist die Sache des Glaubens. Das Individuum muß die Wahrheit der an sich seienden Einheit der göttlichen und menschlichen Natur ergreifen, und diese Wahrheit ergreift es im Glauben an Christum; Gott ist so nicht mehr ein Jenseits für dasselbe, und das Ergreifen jener Wahrheit ist der ersteren Grundbestimmung entgegengesetzt, daß das Subjekt nicht sei, wie es sein soll. Das Kind, insofern es in der Kirche geboren ist, ist in der Freiheit und zur Freiheit geboren. Es ist kein absolutes Anderssein mehr für dasselbe; dieses Anderssein ist als ein Überwundenes, Besiegtes gesetzt."

G.W.F. Hegel - Vorlesungen über die Philosophie der Religion II - Suhrkamp - S. 323






Hl. Michael aus dem Weihenstephaner Altar
Meister der Blutenburger Apostel
München, um 1489

 

 

 






 

 






ERASMUS GRASSER
* 1450 in Schmidmühlen / Oberpfalz  † 1518  in München



 

 

 




 

 

Wolfhart Pannenberg beschreibt in seiner "Problemgeschichte der neueren
evangelischen Theologie" (1997) die Position Hegels: (s. 260 ff.)

„ ,Gott [ist] absolut an die Spitze der Philosophie zu stellen ... als das einzige principium essendi und cognoscendi'. . . . "Hegel behauptete . . . , daß unsere Begründungen dem Gedanken Gottes als der alles begründenden Wirklichkeit dann nicht widersprechen, wenn sie nur auf den ersten Blick als das Tun menschlicher Reflexion erscheinen, in Wahrheit aber Nachvollzug eines Tuns Gottes selbst sind und sich am Ende als solcher Nachvollzug herausstellen. Das setzt voraus, daß im Denken des Gottesgedankens eine Umkehrung unserer von endlichen Gegebenheiten ausgehenden Begründungen erfolgt.

Bei dieser . . . Philosophie im Sinne Hegels handelt es sich nicht nur um einen abstrakten Gedanken, sondern um eine Diagnose der menschlichen Grundsituation in der Welt  . . . . Dieses Bedürfnis hat seinen Grund darin, daß der Gegenstand der Philosophie im Sinne Hegels, Gott, in der Welt nicht vorhanden ist. Nur das Endliche und Einzelne ist vorhanden, nicht aber das Unendliche und Ganze. Die isolierten Einzeldinge und beschränkten Verhältnisse stehen für sich da mit ihren Gegensätzen gegeneinander. Das ist die 'Entzweiung', von der Hegel sagt, ihre Erfahrung sei 'der Quell des Bedürfnisses der Philosophie'. Es handelt sich dabei zunächst um die Entzweiung zwischen dem Bewußtsein des Endlichen und dem Unendlichen oder Absoluten, sodann aber und als Folge daraus auch um die Entzweiung der endlichen Realitäten untereinander und mit sich selber; denn das Endliche hat, indem es verselbständigt ist, seine Einheit im Unendlichen und Ganzen verloren und fällt darum in Gegensätze auseinander. Aber dabei kann es für den denkenden Menschen sein Bewenden nicht haben: 'Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung
verloren haben und Selbständigkeit gewinnen, entsteht das Bedürfnis der Philosophie'. Der Mensch hält es nämlich nicht aus in der Zerrissenheit der endlichen Inhalte ohne das Bewußtsein der Einheit eines sie zusammenhaltenden Sinnzusammenhangs. Der denkende Mensch verlangt nach Einheit und Sinn. Hegel nennt das das Bedürfnis nach Philosophie. Er hätte ebensogut vom Bedürfnis nach Religion oder vielmehr nach Gott, nach Frieden mit Gott, nach Teilhabe an Gott sprechen können. Es ist die Erfahrung der Entfremdung oder der Heimatlosigkeit der Menschen in der Welt, . . . dessen Heimatlosigkeit das Ergebnis der säkularen Kultur der Neuzeit mit ihrer Industrialisierung und Bürokratisierung ist. Heimatlosigkeit des Geistes wird von der modernen Welt produziert, weil sie von aller religiösen Sinngebung abstrahiert und sich ausschließlich an die endlichen Inhalte unserer alltäglichen Arbeit und unserer Bedürfnisse hält. Hegel hat insbesondere den Niedergang
der Religion und der Kunst unter solchen Bedingungen verabsolutierter Endlichkeit und Äußerlichkeit treffend beschrieben: 'Mit der Entfernung des ganzen Systems der Lebensverhältnisse von ihr [also von der Kunst und der Religion] ist der Begriff ihres allumfassenden Zusammenhangs verloren und in den Begriff entweder des Aberglaubens oder eines unterhaltenden Spiels übergegangen' .
Zum Phänomen der entzweiten Welt gehört sodann auch die Trennung von Religion und Verstand, von Glauben und Wissenschaft 'in ganz abgesonderte Gebiete . . . , für deren jedes dasjenige keine Bedeutung hat, was auf dem andern vorgeht' . Es gehört dazu ferner
auch, so ließe sich im Zeitalter der positiven Wissenschaften hinzufügen, die Zersplitterung der Wissenschaften untereinander, ohne Wahrnehmung der Frage nach dem inneren Zusammenhang alles Wissens, sowie die Trennung von Wissenschaft, Staat und Religion.
Hegels Darstellung einer entzweiten Welt, die aus der Verselbständigung des Endlichen gegenüber dem Unendlichen hervor geht, hat ihre Gültigkeit auch als Diagnose der gegenwärtigen Verfassung des Bewußtseins. Der Sachverhalt hat sich seit Hegel sogar noch
erheblich verschärft." 








 





Geburt Christi mit Adam und Eva von Karl Caspar, München 1933





 

 

Das Ich sucht im Geflecht von Tun, Empfinden und Denken ein Viertes, etwas, das die drei Seiten des Elements "Ich" zu binden vermag, das Orientierung gibt in einem Anderen. Kenn ich auch die Seiten des Ichs, es fehlt doch das, was sie zueinander binden könnte. Das Ich ist für das Ich die Mitte des Daseins, das spürt, dass die Mitte des Seins woanders ist. Diese Mitte wird gesucht im Einen, das dem Ich den Zugang zum Urgrund und Zielgrund seiner Dreiheit erhoffen lässt.

Mit dem Bewusstsein des eigenen Ichs entstanden in unzähligen Entfaltungsprozessen immer auch die Erfahrungen einer ursprünglichen Einheit. Angestoßen durch unsere Triebe, werden, im Sehen, Hören, Spüren, Schmecken und Riechen, im künstlerischen Gestalten, im Not wendenden Tun und im denkenden Ordnen, die Gestalten der Einheit immer aufs Neue gesucht.

Und suchen wir die äußerste Nähe, so zeigt sich damit auch der Weg zur innersten Weite.  Das Ich kann dann den Klang ahnen, dem Wort lauschen, das Licht schauen, das uns aus der Mitte entgegen kommt. Das Zusammenfallen des Getrennten wird uns als möglich angekündigt. 

Im Ich ist die Hoffnung verankert, im Strudel des Daseins nicht nur verloren zu sein. Dies Hoffnung wird in Gesten, Bildern, Tönen zur Anschauung gebracht. Es werden in allen Sprachen Gestalten, die wir im Denken sind. Und auch im fortwährenden Experimentieren, in den Regeln der Wenn - Dann Beziehungen, geschieht ein stetiges Eindringen in die gesuchte Gestalt. In allem bilden wir das Nicht - Verfügbare, das uns Bedingende, in uns nach und geben ihm Namen, Namen, die das Unauslöschliche bannen, das Unfassbare festhalten möchten, Namen, die unsere Sprachen dafür kennen.







RUPPRECHT GEIGER
*1908 in München † 6. Dezember 2009


 

 

Hegel in der EINLEITUNG zu seiner "Philosophie der Religion"

 nach dem Manuskript von 1824

"Der Gegenstand der Religion selbst ist der höchste, der absolute, (das, was schlechthin wahrhaft ist,) (was die Wahrheit selbst ist): die Region, in der alle Rätsel der Welt, alle Widersprüche des Gedankens, alle Schmerzen des Gefühls gelöst sind - die Region der ewigen Wahrheit und der ewigen Ruhe, der absoluten Wahrheit selbst. Das, wodurch der Mensch sich vom Tier unterscheidet, ist das Bewußtsein, der Gedanke, und alle davon ausgehenden Unterschiede der Wissenschaften, Künste, und der unendlichen Verschlingungen der menschlichen Verhältnisse, Gewohnheiten und Sitten, Tätigkeiten und Geschicklichkeiten, Genüsse, finden ihren letzten Mittelpunkt in dem Einen Gedanken Gottes; er ist der Ausgangspunkt von allem und das Ende von allem; von ihm nimmt [alles] seinen Anfang, und in ihn geht alles zurück. (Er ist der eine und einzige Gegenstand der Philosophie; mit ihm sich zu beschäftigen, in ihm alles zu erkennen, auf ihn alles zurückzuführen, sowie aus ihm alles Besondere abzuleiten und alles allein zu rechtfertigen, insofern es aus ihm entspringt, sich in seinem Zusammenhang mit ihm erhält, von seinem Strahl lebt und seine Seele hat. Die Philosophie ist daher Theologie, und die Beschäftigung mit ihr oder vielmehr in ihr ist für sich Gottesdienst.) Dieser Gegenstand ist allein durch sich selbst und um seiner selbst willen; er ist dies sich schlechthin Genügende, Unbedingte, Unabhängige, Freie, sowie der höchste Endzweck für sich. . . . Die Beschäftigung mit ihm kann keinen anderen Endzweck weiter haben, als ihn selbst; sie ist selbst die freieste, in ihr der Geist entbunden; sie ist es, in der [der] Geist aller Endlichkeit entladen und über alle versichert und bewährt [ist] -die Beschäftigung [mit] dem Ewigen. Wir müssen und dürfen eben darum selbst ein Leben mit und in dem Ewigen betrachten, und insofern wir dieses Leben empfinden, ein Gefühl desselben zugleich haben, so ist die Empfindung Auflösung alles Mangelhaften und Endlichen; sie ist (Empfindung der) Seligkeit, und nichts anderes unter Seligkeit [zu] verstehen. Weil Gott so das Prinzip und der Endpunkt, Wahrheit von allem und jedem Tun, Beginnen und Bestreben ist. . . Alle Menschen haben daher von Gott ein Bewußtsein, von der absoluten Substanz, als der Wahrheit wie von allem, so von ihnen selbst, von allem ihren Sein und Tun, und sehen diese Beschäftigung, Wissen, Fühlen von Gott als ihr höheres Leben, ihre wahre Würde an-als den Sonntag ihres Lebens. Die endlichen Zwecke, der Ekel an den beschränkten Interessen, der Schmerz dieses Lebens - wenn auch nur einzelne Momente, selbst unglückliche Momente - der Kummer, Mühen und Sorgen dieser Sandbank der Zeitlichkeit, das Bedauern, Mitleiden - alles dieses fühlt sich wie ein Traumbild  verschweben zu einer Vergangenheit; wie die Psyche, die aus den Fluten der Vergessenheit schöpft, und ihr anderes zeitliches Wesen zu einem Schein verschwebt, der Ihr weder bange macht, noch von dem sie weiter abhängig ist. (Wie wir auf der höchsten Spitze eines Gebirges, von allem bestimmten Anblick des Irdischen entfernt, in den blauen Himmel uns hineinsehen und mit Ruhe und Entfernung alle Beschränkungen der Landschaften und der en Welt übersehen), so ist es mit dem geistigen Auge, daß der Mensch in der Religion, enthoben der Härte dieser Wirklichkeit, sie nur als einen fließenden Schein betrachtet, der in dieser reinen Region nur im Strahl der Befriedigung und der Liebe seine Schattierungen, Unterschiede und Lichter, zur ewigen Ruhe gemildert, abspiegelt. Es ist dem Menschen in diesem Anschauen und Gefühl nicht um sich selbst zu tun, nicht um sein Interesse, Eitelkeit, Stolz seines Wissens und Begehens, sondern um diesen seinen Inhalt allein - die Ehre Gottes kundzutun und seine Herrlichkeit zu offenbaren. Dies ist die allgemeine Anschauung, Empfindung, Bewußtsein oder wie wir es nennen wollen - der Religion. "







 

 

 



 

 

Theodor Frey

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