Pinakothek der Modernes

KÜNSTLER/WERKE

 BEUYS  

 

 

 

 

 

  BEUYS  

 

 

 

 

 

JOSEPH BEUYS 1921 -1986

 

Die 44 Basaltsteine in der Pinakothek der Moderne in München (1983) sind wohl nicht die einzige Installation mit dem Titel "Das Ende des 20. Jahrhunderts". Beim Berliner "Ende" mit der Jahreszahl 1982/1983 sind es 21 Steine und zwischen ihnen liegt auch eine Brechstange.
Bei der documenta 7 in Kassel hat Beuys 1982 die Aktion 7000 Eichen arrangiert. Er stapelte 7000 Basaltsteine so, dass sie keilförmig auf eine erste gepflanzte Eiche zeigte. Nach und nach sollten in der Stadt 7000 Eichen gepflanzt werden, denen je ein Stein an die Seite gestellt werden sollte. Aus diesem Bestand stammen wohl die Steine.

Beuys selbst kommentierte: "Es kam mir darauf an, dass jedes einzelne Monument aus einem lebenden Teil besteht, eben dem sich ständig in der Zeit veränderndem Wesen Baum, und einem Teil, der kristallin ist und also eine Form, Masse, Größe, Gewicht beibehält".

 



 



Das Werk "Das Ende des 20. Jahrhunderts" entbehrt des lebendigen Teils, entfernt sich damit vom Gedanken des ökologischen Umbaus der Gesellschaft. Die Steine alleine wirken pessimistischer. Sie sind umgefallen und angebohrt, angefressen. Ein angedeuteter Kreis - mir kommen immer die archaischen Steinkreise in den Sinn - ist zerstört, die Zeit ist außer Rand und Band. 44 Einzelteile liegen herum, man könnte ? lägen sie nicht im Museum ? über sie stolpern, sie sind anstößig. Also genügend Anregungen über Niedergang, Zerstörung, Verlust und Schwerkraft zu reflektieren. Aber auch über Möglichkeiten, sie harmonisch in einer natürlichen Umwelt neu hineinzustellen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auf den weißen Museumswänden Werke, Videos oder ähnliches angebracht werden, die diesen Bezug zum Natürlichen, Lebendigen wieder herstellen könnten.
Die Installation ist für mich eine Umkehrung des traditionellen Denkmalkults. Anstatt ein Denkmal aufzurichten hat Beuys hier mit umgeworfenen Steinen ein Objekt des "Denk mal nach" geschaffen. Ich glaube, wenn ich dieses immer wieder versuche, komme ich dem von Beuys propagierten ästhetischen Konzept, der das Leben und die Welt des Menschen als Werk auffasst, an dem jeder Mensch mitwirkt, am nächsten.


"Letter from London - Joseph lässt herzlich grüssen - Information "
Neue Entdeckung einer Schiefertafel im Januar 2010



 


Ich entschloss mich bei meinem Rundgang das "Ende" an den Anfang zu setzen und die große schwarze Tafel ("Ohne Titel") von Joseph Beuys aus dem Jahre 1972 genauer zu betrachten. Die eingeschwärzte Sperrholzplatte - mit Kreide beschriftet- gleicht einer Schultafel. Nicht gerade einladend, da Erinnerungen an Belehrungen aufkommen. Da wehrt sich was!


Trotzdem habe ich die Lust verspürt, auszuprobieren, ob es mir als Laien möglich ist, etwas damit anzufangen, vielleicht sogar den Inhalt ansatzweise zu entschlüsseln. Zuerst war überraschend, dass es war nicht schwer die Texte zu lesen. Beuys schreibt klar aber etwas altertümlich. Aber alles könnte schnell wieder abgewischt werden. Und bevor dies geschieht, fang ich mit meinen Überlegungen an.

Der größte Teil der Tafel ist mit einer blasenförmige Form ausgefüllt. Am Rand die Hinweise: "800 Milliarden" (unten links) und "Bruttosozialprodukt 1972" (oben links). In der Mitte der Blase der Begriff "Bürokratie". Rechts oben zeigt diese organische Form einen sehr kleinen, aber scharfen Einschnitt, auf den ein Pfeil gerichtet ist mit dem Text: "Anteil des Arbeiters" -"1972".

Beuys bezieht sich wohl auf die politische Situation in der BRD ( Ich erinnere mich, dass bereits die Verwendung dieser Abkürzung verdächtig war!) Es war die Zeit der Studentenproteste und des Machtwechsels. In den studentischen Kreisen (dazu gehörte ja auch ich!) bildete sich eine Protestbewegung gegen den bestehenden Muff unter den Talaren, den Vietnam-Krieg und die gesellschaftlichen Missstände (Armut, Rassismus). Leitbild war die Politisierung und Demokratisierung aller Lebensbereiche und die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Die universitäre Protestszene verlagerte sich auf die Strasse und setzte - wenn auch vergeblich - auf den Solidarisierungseffekt mit den Arbeitnehmern. Die Kritik der "Neuen Linken" richtete sich auch gegen die Verdrängung der NS-Vergangenheit und das Meinungsmonopol des Axel-Springer-Verlages. Der Mordanschlag auf Rudi Dutschke löste eine Welle von Demonstrationen in allen größeren Städten der BRD aus.

1969 wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt. Er traf die Erwartungen vieler Bürger - vor allem auch der ?Mittelschicht - mit seiner Devise: " Wir wollen mehr Demokratie wagen". Die Rechte von Betriebsräten wurden erweitert, das Rentenreformgesetz brachte Rentenerhöhungen, die Leistungen des Kindergeldes und der Krankenversicherung wurden erhöht. Zusätzlich wurde die Stellung der Frauen verbessert. Der Name des Mannes war jetzt nicht mehr automatisch Familienname. Eine umfassende Reform des Bildungssystems sollte die Chancengleichheit garantieren.

Ich vermute, dass Beuys diese politische und auch seine persönliche Situation von 1972 im Sinn hatte, als er die Tafel gestaltete. Beuys gründete 1971 in Düsseldorf die "Organisation für direkte Volksabstimmung", die es ihm ermöglichen sollte, seinen "erweiterten Kunstbegriff" auf der geistigen Grundlage der Ideen der sozialen Dreigliederung und des anthroposophischen Kunstverständnisses zu propagieren. Vom 30.6.1972 bis 8.10.1972 war Beuys im Informationsbüro der ?Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung? auf der Documenta 5 zugegen. Zur Documenta-Zeit ist dann wohl auch dieses Werk entstanden (Dazu ist auch das Plakat von Hans. D. Baumann ein interessantes Zeitdokument!).


Das sehr kleine Segment der Blase zeigt an, dass er der "Anteil des Arbeiters" an den Früchten dieses Fortschritts als gering ansah. In die Blase schrieb er noch den Satz: "Der Arbeiter der nach Luft schnappt". Dieser Text weist auf eine kleine Blase außerhalb der großen hin, in die ein kleines Strichmännchen seinen Kopf steckt. Vielleicht sah er den Arbeiter im Vergleich mit den Angestellten und Beamten (Mittelstand) als Verlierer, als Ausgegrenzte an. Der zentrale Begriff "Bürokratie" in der Blase könnte darauf hindeuten.

Im oberen Teil der Tafel sind zwei Säulen von je vier Kugeln dargestellt. Die linke Gruppe beginnt mit der großen Kugel (bezeichnet mit dem Begriff "Zentralismus"), aus der die immer kleiner werdenden Kugeln hervorgehen. Die rechte Gruppe ist umgekehrt angeordnet. Sie ist beschriftet mit "aktive treuhänderische Verwaltung" und an der Basis mit "so kommt der Schneemann zum Stehen!". Diese vier Kugeln schauen auch aus wie ein Schneemann. Vielleicht steht dieses Wintersymbol auch mit dem schlittenartige Gefährt am untersten Rand der Tafel in Verbindung.

Beuys bezieht sich auf der Tafel auf ein Ereignis vom 8.10.72 (Ende der Documenta 5): "heute nacht stärkster Sternschnuppenfall seit 1932". Die Sternschnuppen sind durch Striche angedeutet. Hoffungen (Utopien), deren Erfüllung in solchen Nächten erwünscht werden, sollen sich ja bewahrheiten.

Zwei Tage später, am 10. Oktober 1972 besetzt Beuys und 54 Studienbewerber und Studenten das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf, um dafür zu kämpfen, dass nicht zugelassenen Studenten zugelassen würden. Einen Tag später erhält er die Kündigung.

Interessant ist auch der Bezug des Bruttosozialproduktes 1972 auf das Bruttosozialprodukt mit der inversen Zahl 1927. Dies wird dadurch unterstrichen, dass die Zahlen kreuzweise verbunden sind. Im Jahre 1927 begann eine Zeit von Straßenkämpfen rivalisierender politischer Gruppierungen. Die Agressoren der ersten Zeit sind die extremen Linken, später dann die Nazis. Adolf Hitler intensivierte zu dieser Zeit seine Propagandatätigkeit für die NSDAP. Hat hier Beuys einen Bezug zu 1972 herstellen wollen? (Übrigens 1927 wurde auch das Versandhaus "Quelle" gegründet, die Pflichtversicherung gegen Arbeitslosigkeit sowie der Kündigungsschutz für werdende und stillende Mütter eingeführt!)

Links oben auf der Tafel befindet sich noch ein Kreis mit einem Segment, das mit 1/3 bezeichnet, aber nicht maßstabsgerecht eingezeichnet ist. Es macht weit weniger als ein Drittel aus. Hier sehe ich einen Bezug zur großen Blase (Bruttosozialprodukt 1972) bei der aber das Segment noch unendlich viel kleiner ausfällt und auf den "Anteil des Arbeiters" hinweist. Deutet dies darauf hin, das Beuys sagen wollte: "Die Lage der Arbeiter, die nach Luft schnappen hat sich weiter verschlechtert."

Zu Beuys' Kritik am System des Kapitalismus passt auch ein Zitat in "Was ist Geld? Eine
Podiumsdiskussion" (hrsg. von Rainer E. Rappmann und Michaela Meyer) (1991):
"Die Macht des Geldes muss gebrochen werden. Das heißt aber noch nicht, dass das Geld abgeschafft werden muss, sondern die Bedeutung des Geldes als einem Wirtschaftswert. Denn das ist die exakte Bedeutung und Antwort auf die Frage: Was ist Geld heute? Heute ist Geld ein Wirtschaftswert, es ist eine Ware, die handelbar ist. Man kann damit spekulieren, man kann damit Parteien kaufen, man kann da alles mögliche mit machen, das haben wir ja gesehen."

Nach 1972 nimmt Beuys 1973 am 1. Jahreskongress der "Aktion Dritter Weg" teil.
1976 kandidiert Beuys zur 8. Bundestagswahl für die Partei AUD
(Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher), er erhält immerhin 600 Stimmen, was ihn überaus freut.
1978 erscheint erstmals sein "Aufruf zur Alternative" in der Frankfurter Rundschau. In diesem umfangreichen Manifest formuliert er seine Ideen und Forderungen. Diese Gedanken sind später auch in das Parteiprogramm der Grünen eingeflossen.
1979 erfolgt die Gründung der Partei die "Grünen", an der Beuys maßgeblich beteiligt war.
1980 planten die Grünen anfangs die nächste Bundestagswahl mit Beuys auf ihrer Landesliste. Bei der entscheidenden Abstimmung scheiterte Beuys aber, da er vielen Parteimitgliedern nicht geheuer war. Dies verbittert Beuys, der sich daher um so stärker der Arbeit seiner "Freien Internationalen Universität" widmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 













 

 

 

 

 

 












 

 

 

 

 

 












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