DAS JAHR
IN DER SEEGER KIRCHE
ST. ULRICH




EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Foto von Heinrich Scherbaum jun.



Aufgang von der Friedhofsstiege zur erleuchteten Kirche als Sinnbild der Auferstehung vom Dunkel ins Licht

 

 

 

 

5. FASTENSONNTAG IM JAHRESKREIS (A)

Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben
Joh 11, 3-7.17.20-27.33b-45

In jener Zeit 3sandten die Schwestern des Lazarus Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank. 4Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. 5Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus. 6Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. 7Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. 17Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. 20Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. 21Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. 22Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. 23Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag. 25Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, 26und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? 27Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. 33bJesus war im Innersten erregt und erschüttert. 34Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! 35Da weinte Jesus. 36Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! 37Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? 38Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. 39Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. 40Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. 43Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen! 45Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

 

 

WEITUNGEN 

Hinweis auf das wundervolles Werk: 
"Lazarus, oder: Die Feier der Auferstehung", das Franz Schubert 1820 komponierte.

Rüdiger Görner über dieses Fragment (Ausschnitt) : Quelle

"Soll man die Toten ruhen lassen, den Verstorbenen Seligkeit zusprechen? Darf man an ihre Erweckung glauben? Oder hat die Auferstehungstheologie nicht etwas zutiefst Unseliges?
Wer an die Auferstehung glaubt, will und kann sich mit dem Tod als terminus ultimus nicht abfinden. Vielmehr setzt er auf das Ende des Endes, auf Überwindung der Negation des Lebens.

Im Neuen Testament gilt sie als die gesteigerte Wundertat Jesu, die Auferweckung des Lazarus. Man kann sie als das Vorspiel zur Auferstehung oder Selbsterweckung von Jesus deuten. Das elfte Kapitel des Johannes-Evangeliums bezeichnet eine unerhörte Begebenheit: Die Kraft des Glaubens kann den natürlichen Lauf der Dinge beeinflussen. Martha, die glaubensstärkste der beiden Schwestern des verstorbenen Lazarus, identifiziert sich bereits so sehr mit der Lehre des Jesus von Nazareth, daß sie zu wissen glaubt, ihr Bruder werde "auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage". Aber Jesus überbietet diese eschatologische Sicht noch, indem er diese Hoffnungsperspektive in die Gegenwart holt und sich selbst, sein Hiersein mit unaufhörlichem Leben gleichsetzt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben." . . .


In der Dichtung führt die Spur in Heine Pariser Matratzengruft und ins zweite Buch seines großen "Romanzero"-Zyklus, in dem die Lazarus-Thematik Zentrum der ,Lamentationen‘ ist. Noch Rilke stellte sich der Lazarus-Thematik; so etwa in seinem Gedicht "Auferweckung des Lazarus" (1913), das betont, dieses Wunder sei – ganz gegen die ursprüngliche Intention von Jesus – notwendig gewesen, weil diese und jene Ungläubigen "Zeichen brauchten" von der Besonderheit des Nazareners. Beinahe schweren Herzens, so macht uns Rilke glauben, habe sich Jesus daher entschlossen, "das Unerlaubte an der ruhigen Natur zu tun".  In einem späten Bruchstück kam Rilke noch einmal auf dieses Motiv zurück: "Lazar, da er aufstand, Lazar hatte …". Hatte was? Eben das bleibt in Rilkes poetischem Notat genauso offen wie schon 1820 bei Schubert.

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Auch der "Lazarus" ist so vollendet oder unvollendet wie Schubert "Unvollendete". Gehen wir einmal davon aus, daß der zweite Teil dieser musikalischen Kontemplation abgeschlossen war, dann bleibt als gewichtigster Umstand zu bedenken, daß Schubert den dritten, den Erweckungsteil vermutlich mit voller Absicht nicht vertonte. Schuberts musikalische Arbeit an der "Lazarus"-Thematik betonte dessen Klage und die Klage über seinen Tod. 

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"Auferstehung" war nicht Schuberts Thema.  . . .


Denkbar auch, daß er spürte, in der Musik, seiner Musik weiterzuleben, und daß im Heiligen der Kunst, in jedem Klang etwas Auferstehung von der tödlichen Stille sei. Das Besondere der "Lazarus"-Komposition ist jedoch, daß Schubert in ihr das Transitorische, Transzendierende ganz und gar in die Musik zu verlagern verstand. Man hat darauf verwiesen, daß sich Schubert im Umkreis seiner Komposition des "Lazarus" mit den "Hymnen an die Nacht" des Novalis, wie überhaupt mit Novalisschen Dichtungen auseinandergesetzt hat.  Deren Duktus und geistigen Gestus ("Hinüber wall ich ohne Pein …") implizieren genauso das Eingehen in den Übergang, das Überschreiten der Schwelle, wobei dieses Überschreiten durch die Sinnlichkeit von Wort und Ton, die sich erhält, auch wenn Vergeistigung beabsichtigt ist, im Bereich des diesseitigen Lebens verankert bleibt. Das eben ist das Besondere im Zusammenspiel von Wort und Ton: Daß beide einander dabei helfen, über sich selbst hinauszugehen und dabei doch immer wieder auf sich selbst echohaft zurückweisen.

Dabei vergeht das eine im anderen und ersteht neu. So gehört, wäre Schuberts "Lazarus" auch das klingende Sinnbild jener faszinierenden, aber letzlich unergründlichen Symbiose von Sprache und Musik, vorgetragen als vielstimmige Elegie und früherer Schwanengesang, als Kaddisch und Aufforderung, den Spuren des Lazarus nachzuhören, und sei es, um zu verhindern, was später Heines Lazarus für sein eigenes Ende prophezeien sollte: "Keine Messe wird man singen,/Keinen Kadosch wird man sagen,/Nichts gesagt und nichts gesungen/Wird an meinen Sterbetagen."


Rüdiger  Görner
Univ.-Prof. Dr. Rüdiger Görner, Direktor des „Institute of Germanic Studies“ der Universität London

 

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