Der geschaffene Tod des Geschöpfs ist das Vorzeichen auf die Offenbarung des übergeschöpflichennLebens. Der Tod, jedem geschaffenen Ding ein rechter Vollender zu seiner ganzen Dinglichkeit, rückt unmerklich die Schöpfung ins Vergangene und macht sie so zur stillen, ständigen Voraussage des Wunders ihrer Erneuerung.Lebens. Der Tod, jedem geschaffenen Ding ein rechter Vollender zu seiner ganzen Dinglichkeit, rückt unmerklich die Schöpfung ins Vergangene und macht sie so zur stillen, ständigen Voraussage des Wunders ihrer Erneuerung.

Franz Rosenzweig  - Der Stern der Erlösung - S. 173

Der Tod ist die uns zugewandte Seite jenes Ganzen, dessen andere Seite Auferstehung heißt.r Tod ist die uns zugewandte Seite jenes Ganzen, dessen andere Seite Auferstehung heißt.

Romanoo GuardiniGuardini

Herr, dir in die Hände, sei Anfang und Ende, sei alless
gelegt.

Eduard Mörike

 

 

 

 

Ethik des Sterbens

Von der Erlösung zur Fülle des Seins

Das Totengebet des Judentums

Gespräch mit dem Tod
von Ernst Hoferichter

TOD



Georg Trakl

Gesang  zur  Nacht



Vom Schatten eines Hauchs geboren

Wir wandeln in Verlassenheit

Und sind im Ewigen verloren,

Gleich Opfern unwissend, wozu sie geweiht.

 

Gleich Bettlern ist uns nichts zu eigen,

Uns Toren am verschlossnen Tor.

Wie Blinde lauschen wir ins Schweigen,

In dem sich unser Flüstern verlor.

 

Wir sind die Wandrer ohne Ziel,

Die Wolken, die der Wind verweht

Die Blumen, zitternd in Todeskühle,

Die warten, bis man sie niedermäht.

Ethik des Sterbens I

Im Zeitalter der Hochleistungs-, fast sogar Allmachtsmedizin müssen alle Beteiligten, also sowohl die Ärzte und das Pflegepersonal aus auch die Patienten und ihre Angehörigen, nicht zuletzt Politiker und Medien jenes wieder lernen, was man lieber verdrängt: eine Kunst des Sterbens, die die Endlichkeit des Menschen existenziell, in der eigenen Lebensführung und Lebenserwartung, anzuerkennen versteht.

Ein Arzt sollte keine falschen Hoffungen wecken. ... Statt die ärztliche Ohnmacht angesichts der Übermacht des Todes mit  einem „therapeutischen Aktivismus“ zu überspielen oder aber ins andere Extrem, in Resignation, zu verfallen, ist es ehrlicher und auch würdiger, die Erwartungen von Patienten und Angehörigen auf Allmacht zurückzuweisen. Allerdings setzt dies eine wichtige Fähigkeit voraus, die hohe Kunst „Nein“ zu sagen.

Das große medizinethische Vorbild Hippokrates darf vielerorts, aber nicht überall zum Maßstab dienen. Er verbot nämlich dem Arzt, sich mit dem Sterbenden zu beschäftigen: Asklepios ging, wenn Thanatos kam. Bis vor kurzem war es gängige Praxis, Sterbende aus den Krankenzimmern zu verbannen und ins Badezimmer oder einen Abstellraum zu verlegen. Das Leitprinzip des Patientenwohl gebietet anderes. Wenn der Sterbeprozess unwiderruflich eingesetzt hat, fallen lebensverlängernde Maßnahmen zwar unter den Aspekt der Vergeblichkeit. Trotzdem werden Ärzte und das Pflegepersonal nicht aus jeder Betreuung entlassen. Die Aufgabe bleibt, quälende Symptome wie Schmerzen, Durst, Übelkeit und Atemnot zu bekämpfen.

Außer den körperlichen sind freilich auch die seelischen Schmerzen zu lindern: Angst, Unruhe, Vereinsamung, Resignation und Depression. Statt die Menschen an den sprichwörtlichen Schläuchen sterben zu lassen, drängt sich eine Sterbebegleitung auf, die die Schmerzlinderung um jene nachdrücklich soziale Betreuung erweitert.

Mit ihren hochspezialisierten Ärzten und Geräten ist eine moderne Klinik auf Macht organisiert: auf Macht über Krankheit, am liebsten sogar den Tod.

 

Otfried Höffe – Universität Tübingen in der SZ vom 10. 7.2003

Ethik des Sterbens II

Die Untersuchungen zur Praxis der Sterbehilfe in Holland zeigen, dass die meisten Ärzte ihr Euthanasiefälle nicht melden, also keine Rechenschaft über ihr Handeln ablegen wollen und im Gegensatz zu den Fakten eine natürliche Todesursache bescheinigen. Darüber hinaus melden Ärzte umso weniger ihr Euthanasiefälle, je häufiger sie solche durchführen. Folglich muß man feststellen, dass praktisch alle Sorgfaltskriterien, an die die Lebensbeendigung geknüpft ist, rigoros übergangen werden. Freiwilligkeit, Selbstbestimmung und subjektiv erlebtes Leiden spielen eine untergeordnete Rolle. Der schwerkranke Patient ist dem Arzt ausgeliefert, wenn die Angehörigen nicht einschreiten oder gar den Arzt beeinflussen.

Durch die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe und der sich damit zunehmend einschleichenden gesellschaftlichen Akzeptanz wird die mit diese Praxis idealisierte "Freiheit zum Tode" letztlich zu einer "Unfreiheit zum Leben " pervertiert. Bei einer derartigen Legalisierung geraten zwangsläufig mehr und mehr Menschen, die trotz psychischer oder organischer Leiden und unheilbarer Krankheit weiterleben oder ihre moribunden Angehörigen am Leben lassen wollen, in einen Rechtfertigungszwang.

Befürworter begründen ihre Forderungen nach aktiver Sterbehilfe häufig damit, dass es die einzige Hilfe sei, die sie einem unheilbar  Schwerkranken in seiner aussichtslosen Situation noch geben könnten. Diese Form der "Sterbehilfe" kann aber schon faktisch keine echte Hilfe sein, weil sie primär nicht das Leiden, sondern den kranken Mitmenschen selbst beseitigt. Eben so wenig ist sie die einzige Hilfe, weil Sterbende in Wirklichkeit nicht das "erlösende Gift", das heißt wirklich den Tod wollen, sondern etwas ganz anderes, nämlich menschliche Zuwendung und wirksame Schmerzmittel.

Die mittlerweile gut belegten Erfahrungen der Hospize und der Palliativmedizin zeigen: Je mehr menschliche Zuwendung und effektive Schmerzstillung die Kranken erfahren, desto mehr nehmen sie ihren bevorstehenden Tod an und versuchen, die ihnen noch verbleibende Zeit so erfüllt wie möglich zu (er)leben. In gleichem Maße nimmt der Wunsch nach einer vorzeitigen ärztlichen Beendigung des Lebens ab.

So gesehen ist die Palliativmedizin aktive Lebenshilfe; eine aktive Sterbehilfe ist nicht erforderlich und ethisch nicht zu rechtfertigen.

Fuat S. Oduncu  und Wolfgang Eisenmenger (beide Universität München) in der SZ vom 17.7.2003l

Ethik des Sterbens III

"Die Angleichung der Ethik und der Psychologie des Sterbens an den Stand der medizinischen Technik ist so überfällig, wie es 1789 die Angleichung der bürgerlichen Freiheiten an den Stand der so genannten Produktivkräfte war. ... So starr, zäh und überfällig die Gesellschaft an ihren Gewohnheiten festhält, man kann sich darauf verlassen, dass sie, bevor sie zu Bruch geht, sich biegen wird. Die Politik der letzten zehn Jahre hat vorgeführt und wird weiter vorführen, wie für unverrückbar gehaltene Grundsätze plötzlich ersetzt werden können durch solche, die gestern noch unaussprechlich waren. So wird bei gleichbleibender demoskopischer Kurve die Ethik von Leben und Sterben ähnliche Veränderungen durchmachen wie die Militär- und die Sozialdoktrin der Bundesrepublik angesichts der veränderten Weltlage."

Wolfgang Schivelbusch (Kulturhistoriker) in der SZ vom 15.10.2003

Ethik des Sterbens IV

Zu den irritierenden Erfahrungen des menschlichen Lebens gehört, dass nicht selten Wünsche besser nicht verwirklicht würden. Viele Wünsche entpuppen sich im Augenblick ihrer Erfüllung als Schrecken. Was die Phantasie sich noch in schönster Unschuld ausgemalt hat, bekommt nicht selten einen höchst grausamen Zug, sobald es sich mit den Wirrnissen, der Härte, der Sperrigkeit und Beharrlichkeit von Realitäten auseinandersetzen muss, weil es selber in sie hineindrängt. Politische Utopien, die von Terrorregimes durchgesetzt wurden, Vertröstungen auf das Paradies, die religiöse Phantasten nicht mehr nur dem Jenseits überlassen wollen, Phantombilder der eigenen Existenz, denen ein Individuum verzweifelt und vergeblich nachläuft – sie alle zeugen von der Ambivalenz unserer besten Träume.

Es war nicht zuletzt der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der diese verstörende Eigenschaft unserer Vorstellungswelt aufgenommen und den souveränen Umgang mit ihr zu einem entscheidenden Merkmal erklärt hat, an dem sich das Gelingen eines selbstbestimmten Daseins entscheidet.

Derselbe Freud nun hat den Wunsch nach Unendlichkeit als einen der vorzüglichsten unter unseren uneingestandenen Bestrebungen identifiziert. Es sei dem Menschen nicht vergönnt, zu seinem Tod ein aufrichtiges Verhältnis zu unterhalten, notiert er; die Vorstellung, nicht mehr zu sein, sei skandalös. Im Grunde, lautet ein berühmtes Wort, sei jeder von seiner eigenen Unsterblichkeit überzeugt. Dieser Wunsch ist noch nicht verwirklicht, vielleicht nie erfüllbar. Seine pragmatische Fassung freilich lässt sich längst erkennen und macht sich bemerkbar in dem unausgesetzten Bemühen, das Lebensende mit Hilfe der Apparatemedizin immer weiter hinauszuschieben.

Es muss daher nicht wundernehmen, dass im Maße der Realisierung dieses Bedürfnisses jetzt auch das Schreckensszenario deutlicher wird, dem eine Menschheit sich ausgesetzt sieht, die es schafft, sich selbst in ihren Exemplaren von Generation zu Generation besser zu erhalten. Weniger die Angst vor dem apokalyptischen Vermögen, sich selbst auszulöschen, wäre dann ausschlaggebend, als vielmehr die bedrohliche Vorstellung, die Menschen könnten das Talent besitzen, sich selbst unbegrenzt zu bewahren.

Vor diesem Hintergrund und angestoßen durch demographische Überlegungen zu alternden Gesellschaften ist die Euthanasiediskussion jüngst wieder entflammt. Im Grunde, heißt es, müsse die Lebensdauer zurück in die Verfügungsgewalt des Menschen gebracht werden. Wolfgang Schivelbusch (SZ vom 15. Oktober) hat so argumentiert und für ein „säkularisiert-rationales Paradigma des Sterbens“ plädiert.

Diesem Gedanken folgend entwickelt er ein Bild künftigen Sterbens, dessen Elemente trotz des wahrnehmbaren Willens zur nüchternen Analyse ebenso abstoßend wie abstrus gezeichnet sind. Es lohnt nicht zu entscheiden, ob es sich hier um die kalte Zerstörung eines Tabus handelt oder um etwas krause Formen von Zynismus. Es ist beides, und allein die gutwillige Lesart, dieser Zynismus sei eine logische Konsequenz jenes Tabubruchs, mag davor schützen, den Text in eine Reihe zu setzen mit gesellschaftlich geächteten Euthanasieprogrammen früherer Tage, die zunächst mit Hilfe der fatalen Melange aus Mitleid und Menschenwürde Verständnis zu wecken versuchten für die Tötung auf Verlangen, bevor in einem nächsten, nicht mehr gehemmten Schritt die ungeforderte Tötung unheilbar Kranker angegangen wurde.

Die Formel für das, worum es Schivelbusch geht, lautet: „Angleichung der Ethik und der Psychologie des Sterbens an den Stand der medizinischen Technik“. Der Mensch soll auf der Höhe seiner Fähigkeiten und Errungenschaften auch sterben können – und diese nicht nur dazu nutzen, quälend lang den definitiven Abschied hinauszuzögern. In derselben Weise, wie er selbstbestimmt und souverän sein Leben führt, soll er auch sein Ende in die Hand nehmen dürfen, unter Zuhilfenahme pharmakologischer Produkte oder von Apparaten aus dem Gerätepark eines Krankenhauses.

Schivelbusch räumt konsequent auf mit den in dieser Sichtweise ohnehin kaum nachvollziehbaren Einschränkungen, das Tötungsverlangen auf Situationen zu beschränken, die nach menschlichem Ermessen ausweglos sind, also auf Gründe, die als nachvollziehbar angesehen werden von denen, die helfen sollen, ihm zu entsprechen. Wer aber nur den unheilbar Kranken ernst nimmt in seinem Wunsch zu sterben, hat eines nicht verstanden: Selbstbestimmung ist kein Grenz-, sondern ein Grundwert.

Man kann für den Augenblick unbeachtet lassen, ob eine Ethik, wie Schivelbusch es will, sich einfach am Faktischen zu orientieren vermag, nach klassischer Terminologie also das Sollen sich am Sein ausrichtet. Viel interessanter sind die Folgerungen, die aus einer solchen Adaption gezogen werden, das, was der Autor „Sterbepädagogik nach dem Modell der Sexualerziehung“ nennt.

Hier wird endgültig deutlich, dass die Sache einer mindestens absonderlichen, wenn nicht gefährlichen Tendenz verfällt. Denn über dem Bemühen, Menschen daran zu gewöhnen, dass der Tod eine höchst natürliche Angelegenheit sei, die hinauszuzögern „ungesund“ ist (von welchem Zeitpunkt an wäre der Wille weiterzuleben denn krank, und wer gibt dafür die Kriterien?) – über diese erzieherischen Maßnahmen hinaus entwickelt Schivelbusch Ansätze einer ausgefeilten Manipulationstechnik, vor denen er für einen Moment selber zurückschreckt: „Denkbar ist, dass der Appell zum süßen und ehrenvollen Sterben einmal anstatt militärisch an die Jungen gerontologisch an die Alten gerichtet und – sofern genügend sozialer und moralischer Druck vorhanden ist – ähnlich konformistisch befolgt werden könnte wie 1914.“

Was als ein gleichermaßen unfreiwillig komischer wie unwahrscheinlicher Fall unter Anspielung auf Todesverzückung und Todeserotik geschildert wird, enthüllt den Kern des Problems: die fahrlässige Identifikation von sozialer und moralischer Wirklichkeit, die über die Anpassung der Ethik an die Medizintechnik gerechtfertigt sein soll. Der Tod des Einzelnen wird spätestens hier instrumentalisiert, um ein gesellschaftliches Dilemma aufzulösen: die Altersstruktur. Und es zieht sich konsequent eine Linie von der Souveränität der letzten Entscheidung, der legitimierten Tötung auf Verlangen, bis zur Pflicht, nun auch mit dem eigenen Sterben das Gemeinwohl nicht zu gefährden, ja es vorwegnehmend zu stabilisieren. Die Pädagogik des Sterbens bekommt erst dann ihren Sinn, wenn es scheinbar gute Argumente gibt, den „freiwilligen“ Tod als ein akzeptiertes Massenphänomen zu inszenieren, das reguliert, was durch den Stand der modernen Technik und ihrer lebensverlängernden Funktion aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Von dem angeblich gerade gewonnenen Selbstverständnis, „Eigentümer“ des Leben zu sein, bleibt angesichts der Größe der zu lösenden Aufgabe nicht viel übrig. Wer mehrere nachfolgende Generationen im Rücken spürt, die vorgeben, nicht sinnvoll und ausschöpfend leben zu können, solange man selber noch lebt, und zur Belastung des Sozialwesens geworden ist, der wird es angesichts der Verantwortung, über das eigene Ende entscheiden zu müssen, schwer haben, sein Recht auf „Eigentum“ am Leben zu verteidigen. Ihm wird es als seine Schuld erscheinen, wenn andere Lebenszeit, Kraft und Arbeit aufwenden müssen, um ihn zu finanzieren oder gar zu pflegen. Hinter dieser aufgeklärten Haltung dem Tod gegenüber steckt eine terroristische Form des Hedonismus, die Robert Spaemann in ihrer letzten Konsequenz ausformuliert hat: „Leiden muss um jeden Preis beseitigt werden. Und wo es nicht anders beseitigt werden kann als durch Beseitigung der Leidenden, da ist eben diese angezeigt.“ Damit das nicht zu grausam erscheint, soll diese Arbeit freilich der Betroffene selbst erledigen.

 

Es gibt ein Motiv, das hinter der Euthanasiedebatte immer wieder aufscheint, angesichts dessen die aufgezeigten Folgen sich als hilfloser Versuch verstehen ließen, es durchzuhalten: die Humanisierung des Sterbens. Wann ist der Tod menschlich? Wenn man nicht eingreift und einen Leidenden ohne Aussicht auf Linderung dahinsiechen lässt, wenn man einen Komatösen Jahrzehnte an die Apparate fesselt, wenn man teure Operationen ansetzt, die das Leben allenfalls um ein paar Wochen verlängern? Oder wenn man den Sterbenskranken davon erlöst, indem man die Kabel zu den Lebenserhaltungssystemen kappt?

Die Frageform macht deutlich, was angezeigt ist: dass wir etwas nicht wissen. Und vielleicht nie wissen werden. Wer je so entscheiden musste, kennt die Schwere des Wegs zu einem endgültigen Votum. Aber er wird auch die Anstrengung, die Auseinandersetzungen, das Abwägen und Zögern, den Zweifel und möglicherweise die späte Erleichterung nicht missen wollen, von denen zu entlasten uns die Medizintechnik versprechen könnte. Aber welche Art von Entlastung wäre das?

Die alte Sterbenskunst erinnert, anders als moderne Todestechniken, daran, dass durch den Tod dem Leben eine Aufgabe zuwächst. Dass wir endliche Wesen sind, macht jedes Leben einmalig, unvergleichlich, verletzbar und gibt ihm Würde. Selten ist etwas wirklich wiederholbar, kaum etwas revidierbar. Es ist die Größe dieser Aufgabe, die uns fordert und überfordert, die uns Verantwortung aufbürdet und Respekt abnötigt und von der am Ende besser zu sagen wäre, man habe sich gemüht, als man habe sie erledigt. Der Tod bleibt das Ärgernis in der Aufgabe, die das Leben stellt. Wohl deswegen ist das Problem des Lebens weniger zu lösen als zu ertragen. Wer sollte denn im Ernst die Vollmacht erteilen, nicht mehr leben zu lassen, was noch leben könnte? Und wer sollte, wenn diese aus guten Gründen nicht gegeben werden kann, dazu überreden – und sei es im Namen einer „Sterbenspädagogik“?

 

Nicht „alt“, aber „weise“ verdient daher genannt zu werden, was überliefert ist: dass dem Menschen Anfang und Ende des Lebens unverfügbar bleiben sollen, solange sie nicht einmal mit dem, was dazwischen ist, souverän zurechtkommen. Manchmal hat das Lassen-Können gegenüber dem Tun einen Vorrang, was hier bedeutet, dass Sterbehäuser der Vorrang vor den fatalen Auswirkungen der Medizintechnik eingeräumt werden sollte. Es ist gut, nicht immer das letzte Wort haben zu wollen, schon gar wenn es wirklich endgültig wäre. Auf dass auch künftig noch zu sagen ist, einer habe das Zeitliche gesegnet.

Jürgen Werner (lehrt Philosophie und Rhetorik an der Privaten Universität Witten) in der SZ vom 21.10.2003

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ethik des Sterbens V

Unsere Rede vom Sterben, unser Schweigen vom Tod


Das organisierte Ende (Auszug)

¸¸Die letzten Monate, Wochen, Stunden eines Menschenlebens zählen zu den dichtesten Momenten der Biographie. Ein innerer, oft schmerzhaft tragischer emotionaler Reichtum teile sich der Umwelt nur bruchstückhaft mit. Oft verbinden sich, so Schlaudraff, die Ambivalenz des Betroffenen und die Unsicherheit der Angehörigen zu einer gefährlichen Mischung. Die ¸¸Kraft des gemeinsamen Schweigens" sei weitgehend unbekannt, Anspruchsdenken und Hilflosigkeit verstärkten sich gegenseitig. Dies könnte den Boden bereiten für die Freigabe der Euthanasie: ¸¸Weil unsere Gesellschaft den Tod nicht zulassen kann, wird sie ihn eines Tages zuteilen."

Je näher das Lebensende tritt, je rascher dem Sterbenden alle Macht entgleitet, desto vielfältiger sind die Interessensgruppen, die sich seiner bemächtigen: Ärzte, Sozialdienste, Pfleger, Seelsorger, Köche, Therapeuten jeder Couleur kümmern sich um ihn - sofern das erwartete Sterben von Krankenhausmauern umgrenzt wird. Und auch die Angehörigen sollen, wie die Trauerbegleiterin Chris Paul forderte, auf ihrem Recht bestehen, ¸¸ein Stolperstein zu sein". Der Mensch in seiner größten Angewiesenheit bräuchte offenbar Kräfte, die jedes Maß sprengen, um hier Widerstand zu leisten, um trotzig, vielleicht auch ungerecht auf seiner und nur seiner Art des Sterbens zu beharren. So betrachtet, ist die Formel vom selbstbestimmten Sterben nie eine größere Fiktion gewesen als heute."

 

ALEXANDER KISSLER I  Quelle: Süddeutsche Zeitung  I  Nr.78, Freitag, den 02. April 2004

Ethik des Sterbens VI
 
 

Das Leben von Personen beruht nicht nur auf der Verbindung des genetischen Codes mit der Einheit der bewussten Erinnerung. Die Einzigartigkeit ihrer Geschichte zeigt sich auch in Gefühlen und dem leiblichen Ausdruck, in Willensakten, ethischen Urteilen und sinnlichen Wahrnehmungen. Personalität ist nicht nur eine Eigenschaft unter anderen. Eine Person, so sagt Scheler, ist ‘die konkrete Einheit von Akten verschiedenartigen Wesens.’ Jeder Mensch ist auf seine besondere Weise eine Einheit in der Vielfalt seiner Ausdrucksmöglichkeiten. Nicht nur im bewussten Denken, sondern in jeder von ihnen teilt sich der ganze Mensch mit. Der Ausfall einzelner Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten kann zwar den Verhaltensspielraum schwerwiegend einschränken; doch daraus zu schließen, dass jemand, der keine rationalen Interessen artikulieren kann, keine Person ist, wäre völlig verfehlt. Seine Würde beruht auf der Einheit leiblicher und seelischer Akte. Doch das Leben ist zerbrechlich. Krankheit und Tod sind unvermeidlich. Der Prozess des Sterbens gehört selbst noch zum Leben. Deshalb beinhaltet das Recht auf ein menschenwürdiges Leben auch das auf einen menschenwürdigen Tod. Obwohl sich der Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe durch die moderne Technik oft nicht eindeutig definieren lässt, beruht er letztlich auf dem Motiv: Lässt man einen Menschen sterben, weil man ihn achtet, - oder tötet man ihn, weil man nur noch einen schmerzempfindlichen Körper sieht. Die Einsicht, dass eine Person eine unteilbare Einheit in der Vielfalt leiblicher und seelischer Ausdrucksmöglichkeiten ist, könnte die gegenwärtige Debatte um den Schutz des Lebens aus ihrer Verengung befreien.

Was ist der Mensch?

oder: von der Bedeutung des Geistes und seinen Grenzen

 Autorin: PD Dr. Regine Kather

 

 

 

 

Gespräch mit dem Tod

von Ernst Hoferichter

 

 

 

 

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