GERECHTIGKEIT

Gerechtigkeit besteht im Miteinanderleben

Den Anderen
als Anderen gelten lassen

Da anerkennen, wo man nicht lieben kann

Dem Anderen, der nicht ist wie ich, dennoch das Seinige zugestehen

KLUGHEIT

MAß
Mäßigung

TAPFERKEIT

Gegen jeden Fundamentalismus, gegen jede Indifferenz: Lebenswelt und Politik unterliegen demselben Wahrheitsanspruch. Eine philosophische Skizze der Demokratie

Von Julian Nida-Rümelin


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Die Konflikte, die es zu vermeiden oder jedenfalls zu mäßigen gilt, betreffen praktische Fragen, das heißt, sie treten dort auf, wo der Erfolg eigenen Handelns vom Handeln anderer abhängig ist, wo es um Interaktion geht. Es sind die praktischen Implikationen unserer Meinungen, die zur Mäßigung anhalten. Mäßigung durch die Aufgabe von Wahrheitsansprüchen, Mäßigung durch die subjektivistische Relativierung eigener und fremder Meinungen.

Diese Mäßigung tritt in zwei Grundformen auf: einer, die man als ¸¸existentielle", und einer, die man als ¸¸spielerische" oder ¸¸postmoderne" bezeichnen könnte. Für die existentielle steht Thomas Hobbes, der vor dem Hintergrund der europäischen Glaubenskriege im 17. Jahrhundert den zivilen Frieden durch die Konzentration aller Gewaltmittel in einer Hand und das Ende konkurrierender Wahrheitsansprüche in der Politik sichern wollte. Die spielerische Variante dagegen sichert den zivilen Frieden durch Indifferenz. Der linksliberale amerikanische Philosoph und Intellektuelle Richard Rorty steht dafür ebenso wie der eher konservative französische Denker François Lyotard.

Es gibt eine dritte Variante der Mäßigung, die in den westlichen Demokratien im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte zur dominierenden geworden ist. Sie beruht auf der Annahme, dass praktische Konflikte, jedenfalls in der Politik, vermutlich auch in der Lebenswelt, bloße Interessenkonflikte sind. Die großen Leidenschaften der Vergangenheit wie Ehre, Loyalität und Religion lösen sich auf, und es bleibt das aufgeklärte, langfristig kalkulierende und strategisch eingesetzte Eigeninteresse.

Der Markt etabliert sich als die angemessene Form des Interessenausgleichs, und der zivile Friede stellt sich in Gestalt einer umfassenden Entpolitisierung, die letztlich auch die Nationalstaaten im globalen Markt auflöst. Wahrheitsansprüche haben auf dem Markt nichts verloren. An ihre Stelle treten Anbieter und Nachfrager materieller und immaterieller Güter.

Der Rechtspositivismus, also die These, dass das gesetzte Recht unabhängig von ethischen Normen sei und dass es aus sich selbst heraus verpflichtet, ist die elaborierteste Form der Stiftung zivilen Friedens durch Neutralität gegenüber konkurrierenden Wahrheitsansprüchen. Es war die historische Erfahrung der NS-Diktatur, die in Europa der Einsicht zum Durchbruch verhalf, dass gesetztes Recht ohne ethische Bindung seinen Verpflichtungscharakter verliert.

Wenn zwei Personen darüber streiten, ob etwas der Fall ist, müssen sie sich, um sich überhaupt verständigen zu können, in den meisten anderen Fragen einig sein. Sie müssen die Begriffe in der gleichen Bedeutung verwenden, dies ist aber nur möglich, wenn sie sich auch über das Bestehen der meisten Sachverhalte einig sind, wie die jüngste Entwicklung der Sprachphilosophie gezeigt hat. Diese beiden Formen der Einigkeit - die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke und das Bestehen von Sachverhalten betreffend - lassen sich nicht voneinander trennen.

Unsere lebensweltliche Kommunikation würde kollabieren, wenn wir nicht annehmen könnten, dass die Mitglieder unserer Sprachgemeinschaft sich an die Regel der Wahrhaftigkeit halten, das heißt, nur das behaupten, von dem sie überzeugt sind, dass es zutrifft. Ohne Wahrhaftigkeit und Vertrauen keine Verständigung, keine Sprachgemeinschaft, keine erfolgreiche Interaktion.

Dieser Konsens umfasst die Grundregeln des Begründens sowohl von Urteilen wie von Handlungen. Im Wittgensteinschen Sinne kann man von unterschiedlichen Begründungsspielen reden, die unsere alltägliche Praxis der Verständigung und der Interaktion bestimmen.

Die Regeln der miteinander vernetzten Begründungsspiele angemessen zu beschreiben ist eine schwierige Aufgabe, der sich die zeitgenössische politische Theorie erst seit wenigen Jahrzehnten intensiv widmet. Liberalistische Theoretiker legen dabei den Schwerpunkt auf die Vernünftigkeit jeder einzelnen Bürgerin und jedes einzelnen Bürgers, während kommunitaristische Theoretiker den Gemeinschaftswerten die zentrale Rolle zurechnen. Den Kommunitarismus sollte man dabei als eine Korrektur liberalistischer Überspanntheiten sehen, er taugt nicht als Alternative, weil die Selbstverantwortung des Individuums, die bürgerlichen Freiheitsrechte und die Einhegung kollektiver Loyalitäten durch den modernen Rechts- und Sozialstaat das eigentliche normative Fundament der entwickelten Demokratie darstellen.

Wie der Menschenrecht-Diskurs der vergangenen Dekaden zeigt, ist dieses normative Fundament kompatibel mit einem weiten Spektrum von religiösen und weltanschaulichen Bindungen und kulturellen Traditionen. Der philosophische und politische Liberalismus hat dementsprechend eine universalistische Orientierung, es kann für ihn keine Teilnehmerbegrenzung des Begründungsspiels geben: Alle können und möglichst viele sollen mitspielen. Der Kommunitarismus dagegen begrenzt die Teilnehmerzahl auf diejenigen, die bereit sind das gleiche Spiel zu spielen, weil sie die gleichen Werte teilen, die selbst wiederum in einer geteilten Lebensform wurzeln.

Die Lebenswelt moderner multikultureller Gesellschaften ist allerdings gerade dadurch geprägt, dass sich die einzelne Person nicht lediglich einer Gemeinschaft zurechnet, sei sie regional, ethnisch oder kulturell verfasst, sondern vielfältige Bindungen und Loyalitäten zu integrieren sucht. Da einfache auf Tradition beruhende Vorgaben immer mehr zurücktreten, bedarf es der Urteilskraft und der Ich-Stärke, um in dieser Vielfalt nicht orientierungslos zu werden und die eigene Integrität zu verlieren.

Die Fähigkeit das eigene Handeln und Urteilen gegenüber Anderen zu begründen, ist nicht nur für die alltägliche Lebenspraxis unverzichtbar, sondern zugleich Grundlage der demokratischen politischen Ordnung: Politisches Handeln bedarf der öffentlichen Rechtfertigung und der öffentlichen Kontrolle. Es werden Gründe angeführt, und diese müssen aus der Perspektive jedes Bürgers nachvollziehbar sein oder anders gesprochen, sie müssen die Bürgerschaft als ganze zum Adressaten haben. Auch wenn die Meinungen darüber geteilt sind und geteilt bleiben, was jeweils als guter Grund für eine politische Entscheidung gelten kann, so unterscheidet sich die Demokratie doch gerade darin von anderen politischen Ordnungen, dass sie dem politischen Handeln Begründungspflichten auferlegt und damit die lebensweltlich verankerten Urteile der Bürgerschaft mit der politischen Sphäre verbindet.

Ist dieses hier skizzierte Begründungsspiel, das Lebenswelt und Politik gleichermaßen umfasst, ohne Wahrheitsansprüche zu haben? Schon begrifflich ist dieser Weg nicht gangbar. Wenn ich eine Meinung begründe, begründe ich, warum ich glaube, dass diese Meinung zutreffend ist. Das gilt für ethische und empirische Meinungen gleichermaßen. Wir würden gar nicht verstehen, was eine Person tut, die am Begründungsspiel teilnimmt, wenn sie nicht davon überzeugt ist, dass ihre Meinung zutrifft oder wenigstens wahrscheinlich zutrifft.

Auch die beste Begründung eines Urteils kann nicht ausschließen, dass es irrig ist: Wahrheit kann nicht mit idealer Begründbarkeit identifiziert werden. Aber es gibt auch kein sicheres Fundament, keinen gegenüber unseren Überzeugungen und unserer lebensweltlichen Begründungspraxis externen Standpunkt von dem aus sich sicheres Wissen bestimmen ließe. Wir können uns irren auch unter idealen epistemischen Bedingungen.

Dieser unaufgeregte Realismus ohne Metaphysik stellt sich gegen jede Form von Fundamentalismus, von Letztbegründung, von privilegiertem Zugang zur Realität. Dieser Realismus ist tolerant, weil er um die Möglichkeit des Irrtums weiß. Da er keinen externen Standpunkt definiert, ist er inklusiv: Alle können am Begründungsspiel teilnehmen.

Da politisches Handeln in der Demokratie gegenüber jedem Bürger begründet werden muss, kann nur das in das politische Begründungsspiel eingeführt werden, was öffentlicher Vernunft zugänglich ist. Die deliberative Demokratie wägt diejenigen Gründe ab, die für politisches Handeln relevant sind. Öffentliche Vernunft macht die Essenz der Demokratie aus. Öffentliche Vernunft verlangt nach Transparenz und Inklusion: Nach Durchsichtigkeit der Argumente und nach politischer Teilhabe der gesamten Bürgerschaft.

Zugleich aber sperrt sich dieser Realismus gegen den Verlust an Rationalität der Meinungsbildung und Realitätsgehalt der Überzeugungen, die den Konstruktivismus in fast allen seinen Spielarten begleiten. Realität ist eben nicht lediglich Konstruktion. Politische Wahrhaftigkeit ist ganz ohne Wahrheit nicht zu haben. Ohne politische Wahrhaftigkeit keine demokratische Legitimation. Ohne Wahrheit keine Irrtümer, kein Abwägen von Gründen. Der öffentliche Vernunftgebrauch wäre seines Sinnes entleert, und die deliberative Praxis der Demokratie könnte nur als großes Illusionstheater überleben.

Der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin wechselte in diesem Sommersemester von der Universität Göttingen auf einen Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München. Am 21. Juli hielt er seine Antrittsvorlesung, aus der wir hier Auszüge abdrucken.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Freitag, den 23. Juli 2004