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Geöffnetes Sein



RAUM
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Geöffnetes Sein

Mythos des Paradieses

Augenblick der Geburt

Das Ewige im Werden



Dualität

 

Ich

 

 
Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene
Nur unsre Augen sind 
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren Ausgang.
[...]
Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,
den reinen Raum vor uns, in den die Blumen
unendlich aufgehn.  Immer ist es Welt
und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine,
Unüberwachte, das man atmet und
unendlich weiß und nicht begehrt.
 
Rainer Maria Rilke
Duineser Elegien
Die achte Elegie
 
In der Stille
zwischen den Tönen,
in der Leere
zwischen den Formen,
in den Träumen
zwischen dem Wachen,
kann die Grenze 
erfahrbar werden.

Gelänge es 
das Dazwischen zuzulassen,
sich in das Dazwischen fallen zu lassen,
die Grenzen zur Einheit öffneten sich
und uns könnte geschenkt werden,
was längst verloren geglaubt.

Erkennbar ist für uns,
daß alles mit Allem verbunden ist,
daß im Geflecht des Seins
bereits geringste Veränderungen,
die Richtung im Ganzen beeinflussen,
daß die Wirklichkeit offen ist
für unendliche Möglichkeiten.
Und daß dies für uns erfahrbar ist,
gibt bereits Werte für unser Sein,
auch wenn uns Maß und Ziel 
des Ganzen
noch verschlossen bleiben.


Die Gestalt der Einheit 
ist im Werden.
 

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Wir haben nie "den reinen Raum vor uns". Das Wort  meint nicht den physikalischen Raum, der den Dingen; auch nicht den psychischen, der den Akten und Gefühlen zugeordnet ist; ebensowenig den geistigen, in welchem der Sinn auf- leuchtet. Vielmehr den Ort des Einfachhin-Seienden, den Ort einfachhin, in dem alles Eines ist - und ebendamit den Zustand, in welchen das "Hiesige" gelangt, sobald es die Bewegung "hinüber" vollzieht; die Freiheit vom Hier oder Da.

[...]

Wir aber sind so gefesselt, daß wir diese Unendlichkeit - die Überzähligkeit" des "Erlebnisses" - für gewöhnlich nicht bemerken. Nur in bestimmten flüchtigen Erfahrungen werden wir vorübergehend inne, worum es geht;

[...]

Dann wird diese Fülle näher zu Gefühl gebracht, und durch jede Bestimmung erwächst dem Offenen ein weiterer Name. Es ist das "Reine", von keinem Begehren noch Gebrauch Befleckte .. Das "Unüberwachte, das man atmet und unendlich weiß"

[...]

Das Kind hat eine ursprüngliche Beziehung zum Offenen. In seiner frühesten Zeit lebt es ganz in der auf dieses zugehenden kreatürlichen Bewegung.

[...]

Es lebt blinkend ins Offene hinaus, und ist eben damit wahrhaft innerlich, atmend, in Allem seiend.

[...]

Sobald man aber "nah dem Tod" ist, oder dieser schon begonnen hat, sieht man ihn nicht mehr, sondern "starrt hinaus", ins Offene. Dann ist der Mensch nur noch Kreatur [...]

wir kehren [dem Freien] den Rücken und wenden uns "der Schöpfung", dem raum- zeitlichen Konkreten zu. Von seinem Licht sehen wir bloß "die Spiegelung", den geheimnisvollen Abglanz auf den Dingen; es selbst schauen wir nie, denn nicht irgend ein Ding, sondern wir selbst stehen im Wege.

[...]

Umgewendet zu sein gegen die große Wesensrichtung; Beobachtender zu sein, der vor den Gestalten steht und sie untersucht; Begehrender, der die Dinge will und greift; immer "gegenüber zu sein / und nichts als das" - das ist die Eingeschlossenheit des Daseins und das ist "Schicksal".




Romano Guardini

über die achte Elegie in "Rainer Maria Rilke -

Deutung des Daseins"