|
|
EDWIN ERICH DWINGER 1898 -1981
|
|
||||
|
VORWORT BIOGRAPHIE EINSCHÄTZUNGEN LITERATUR DWINGER UND SEEG WERKE DWINGER HEUTE |
||||||
Verwendung einer Zeichnung von Emil Stumpp 1931
|
EINE SEITE VON THEODOR FREY |
||
|
|
||
|
Übersicht |
|
|
"Es
ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht weiß" |
||||||||||
|
|
||||||||||
|
23. April 1898 |
Edwin Erich Dwinger wird als Sohn eines Offiziers der Kaiserlichen Marine und einer Russin (Tochter russischer Einwanderer) in Kiel geboren |
||||||||||
|
Als Quelle wir
vorwiegende benutzt: zit.
C S. x |
Bei
einem mehrmonatigen Heimaturlaub lernte Edwin Erich Dwingers Vater die
Tochter russischer Einwanderer kennen, die 1868 nach Ostpreussen
ausgewandert und nach Kiel weitergezogen waren. Während der langen
Abwesenheit von Dwingers Vater sprach seine Mutter auch russisch mit
ihrem Sohn, so dass das Kind mit der russischen Sprache vertraut wurde
und die Kultur und Lebensform Russlands kennen lernte.
|
||||||||||
|
Besuch der Oberealsschule (Alte Hebbelschule an der Waitzstrasse in Kiel) |
|||||||||||
|
|
|||||||||||
|
1910 |
Sommerferien bei seinem Onkel in Hamburg auf seiner Reitschule |
||||||||||
|
"Das Glück der Erde" |
|
||||||||||
|
1914 |
Seine Mutter stirbt. Dwinger tritt als Freiwilliger einem Dragonerregiment der deutschen Wehrmacht bei. Um aufgenommen zu werden, macht er sich um ein Jahr älter. |
||||||||||
|
1915 |
Er wird an die Front versetzt. Seine Mutter muß nicht mehr miterleben, wie er gegen ihr Heimatland kämpft. Beim ersten Kampfeinsatz (Schlacht um Mitar) wird er schwer verwundet und gefangen genommen. |
||||||||||
|
Damit beginnt sein Leben in den "Hinterhöfen des Krieges - auf denen ohne Frontbericht gestorben wird. Er hält seine Erlebnisse unmenschlichen Leidens in Tagebuchaufzeichnungen fest. 14 Jahre später verarbeitet er diese in der Tetralogie "Die Deutsche Passion". Auf die Frage eines Kameraden, warum er alles notiere antwortete Dwinger:
|
|||||||||||
|
1915
- 1920 |
Stationen seiner Gefangenschaft waren: Riga, Moskau (steht kurz vor einer Beinamputation, die aber noch abgewendet werden konnte, lernt Bruno Brehm kennen), Ugrieschkaja, Nishni Nowgorod, Lager Totzkoje an den südwestlichen Ausläufern des Uralgebirges - 24 000 Gefangene hausen dort in Erdbaracken), Samara, Ufa, Irkutsk. Sommer 1916 nach Transbaikalien (in den Lagern Dauria und Tschita) 1917 Revolution in Russland, Übernahme des Lagers durch die Bolschewisten November 1917 Kosaken erstürmen Lager - Fluchtversuche - Angebot in die "Weiße Armee" einzutreten 1919 Weiterer Fluchtversuch - Gefangennahme - wieder im Lager Tschita - als Fähnrich einer weißrussischen Einheit zugeteilt - nach Westen zu den Einheiten des Generals Koltschak nach Omsk (Erlebnisse finden sich im Buch: "Zwischen Weiß und Rot") - Gegenrevolution wird niedergeschlagen 1920 Dwinger (22 Jahre alt) wechselt die russische Uniform gegen eine deutsche, die ihm ein Kamerad für diesen Zweck aufbewahrt hatte - Gefangennahme - Transport nach Irkutsk - Flucht nach Westen - Omsk - Ufa - Smolensk - Litauen
|
||||||||||
|
1917 Oktoberrevolution in Rußland Bei Dwinger setzt sich im Laufe der Zeit zunehmend die Überzeugung durch, dass mit der bolschewistischen Revolution die im Volk vorhandene Nächstenliebe und Bruderliebe ausgemerzt wurde und sich der russische Charakter zum negativen gewandelt hat.
|
|||||||||||
|
Zwischen den Weltkriegen |
Dwinger hatte sich in der russischen Gefangenschaft Tuberkulose zugezogen. Da er glaubte, dass das norddeutsche Klima seiner Gesundheit nicht zuträglich war, hat er sich entschlossen die Krankheit in einem Sanatorium im Westallgäu auzuheilen. |
||||||||||
|
1921 |
Übersiedlung ins Allgäu - Kauf eines Bauernhofs in Tanneck (Westallgäu) |
||||||||||
|
"Als
ihm eines Tages ein kleiner Bauerhof in der Nähe des Sanatoriums zum
Kauf angeboten wird benutzt er diese Gelegenheit, die einengende Wände
der Heilanstalt zu verlassen, aber dennoch in der Nähe der ärztlichen
Pflege zu bleiben."
Ein Teil seines Lebensunterhalts verdiente er durch Pferdezucht und Reitunterricht.
|
|||||||||||
|
1926 |
Veröffentlichung seines ersten Romans "Korsakoff" |
||||||||||
|
1929 |
Veröffentlichung des ersten Teils der Triologie "Die deutsche Passion" unter dem Titel "Die Armee hinter Stacheldraht". |
||||||||||
|
|
Dwinger
selbst sagte. "Die Armee machte mich über Nacht
berühmt." Host Friedrich List beurteilt in seinem Buch "Dwinger, der Chronist unserer Zeit" (1952) dieses Werk so:
|
||||||||||
|
1929
- 1931 |
Auf einer Griechenlandfahrt lernt er 1929 die erst 16 jährige Tochter des Nobelpreisträgers Wien, Waltraut Wien kennen und verlobt sich nach der Rückkehr. Hochzeit 1931
|
||||||||||
|
"In
„
Zwischen Weiß und
Rot (1930)
beleuchtete er die chaotischen Zustände in diesem Bürgerkrieg und den
Zusammenbruch der Weißen Armeen. In seinen Schilderungen verhehlte
Dwinger nicht, daß er aus Liebe zu Rußland, der Heimat seiner Mutter,
zum glühenden Antikommunisten geworden war. Wir
rufen Deutschland (1932)
malte das Unverständnis und die Fremdheit aus, mit der die Heimkehrer
aus russischer Kriegsgefangenschaft und Bürgerkrieg Deutschland
empfanden, das gekennzeichnet war durch »Versailles und polnischen
Gewaltfrevel, deutsche Ohnmacht und Selbstzerfleischung, das
Wetterleuchten des Bolschewismus, Ruhreinbruch und Inflation«.(1)
Der »tragische
Zwiespalt der Heimgekehrten, die sich den Weg zu dem Deutschland ihrer
Sehnsucht erkämpfen müssen«, stand im Mittelpunkt dieses letzten
Teils der »Sibirischen Trilogie«." Quelle:
„Kultur
und Kalkül - Der Eugen
Diederichs Verlag
1930–1949“ |
|||||||||||
|
1931(mit 33 Jahren) |
Kauf
des Hedwigshofes auf dem Sulzberg (Gemeinde Seeg) |
||||||||||
|
|
Im
Nachwort seines 1966 herausgegebenen Buches "Die 12
Gespräche 1933 -1945" berichtet Dwinger von seiner "Zitierung
vor die Spruchkammer". Er bezeichnet dies als "komisches
Kapitel" und als "diesen tiefsten Ausfluß deutschen
Masochismus". [ Ist diese Einschätzung im
Wissen um das im Nationalsozialismus geschehene zu rechtfertigen?]
|
||||||||||
|
1930 - 1936 |
Aus dem Einkommen der "Armee hinter Stacheldraht" finanziert Dwinger Reisen, die ihn und seine Frau in die Türkei, nach Griechenland, Nordafrika und in die USA führten. Einen beträchtlichen Teil steckte er in die Erweiterung des Hedwigshofes. Auszeichnung
mit dem "Dietrich-Eckart-Preis"
(1935). Dwinger wird auf seine politische Zuverlässigkeit von den Nationalsozialisten geprüft (1935) und aufgrund seiner früheren Werke "Die Armee hinter Stacheldraht", "Zwischen Weiß und Rot" und "Wir rufen Deutschland" eine einwandfreie Gesinnung attestiert.
|
||||||||||
|
|||||||||||
|
1936 |
Es
erscheint das Buch "Und Gott schweigt?", welches sich
hauptsächlich mit der politischen und wirtschaftlichen Seite des
Kommunismus befasst und in dem er zur Bekämpfung der Gefahr aus dem
Osten aufruft.
|
||||||||||
|
1936 (Sept. - Nov.) |
Dwinger erhält von den "Münchener Neuesten Nachrichten" den Auftrag, vom Spanischen Bürgerkrieg als Korrespondent zu berichten. Er erlebt den Krieg aus seiner Sicht - im Gegensatz zu Hemmingway - "auf der richtigen Seite" und wird auch von Franco empfangen und hält die Eindrücke im "Tagebuch einer Frontreise" fest.
Madridfront,
1936 - Foto von Erich Andres (1905 - 1992) |
||||||||||
|
1937 |
Erscheinen des Buches "Ein Erbhof im Allgäu" |
||||||||||
|
|
Besprechung des Lyrikers Konrad Weiss (1880 - 1940) in den "Münchener Neuesten Nachrichten"
|
||||||||||
|
|
|||||||||||
|
1937 - 1939 |
|
||||||||||
|
|
IM "Erbhof im Allgäu" schreibt Dwinger (S. 142 ff.):
|
||||||||||
|
1939
- 1945 |
Dwinger wird zum SS-Obersturmführer ernannt. Dieser Rang war nicht durch besondere Dienste für die SS zustande gekommen, sondern war ihm lediglich als Titel für seine "Verdienst für die Reiterei" (Ehrenführer) verliehen worden. Er erlebte den Einzug der deutschen Truppen in Polen teilweise als Berichterstatter. Zum aktiven Dienst wurde er schon wegen seines Alters und der Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg nicht eingezogen. Nach dem Polenfeldzug schließt sich Dwinger der 10. Panzerdivision des befreundeten Generals Guderian an. Die Erlebnisse veröffentlicht er unter dem Titel "Panzerführer". September
1941: Dwinger erhält mit einem besonderen Ausweis des Reichsführers
Himmler die Gelegenheit die deutsche Front in Russland zu besuchen. Er
verbringt mehrere Wochen in der Gesellschaft hoher Offiziere und
Funktionäre hinter der Front. Die Aufzeichnungen werden in
"Wiedersehen mit Sowjetrussland" verarbeitet. Vor allem stellt er
dar, wie der Kommunismus das russische Volk entwürdigt hat und welche
Pläne nach der Vernichtung des Kommunismus sich verwirklichen ließe.
|
||||||||||
|
1941 |
Dwinger "Rede zum Tage des Buches im Ausland" Quelle:
Chronologie Dwinger von Gerd Simon
|
||||||||||
|
1946 |
Vor der Spruchkammer : hier mehr zu den Seeger Zeugen... |
||||||||||
|
|
"Es kam natürlich auch der SS-General zur Sprache, obwohl ich nie mehr als Obersturmführer gewesen war. Hätte ich jemals das geringste für die SS getan, wäre ich zu jedem Führer-Geburtstag einen Rang gestiegen, denn das war bei den Ehrenführern das übliche. Bei meinem Namen wäre wie bei Hanns Johst der General das gemäße gewesen, so aber behielt ich bis zum letzten Tag den zweitniedrigsten Rang des Obersturmführers. ... Der 'Reichskultursenator' war der letzte harte Brocken, er wurde dadurch weitgehend zerkaut, daß selbst 'Staatsrat' Gründgens längst wieder ein berühmter Mann war, dem niemand deswegen auch nur noch das geringste nachtrug." Aus "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) - Seite 225: |
||||||||||
|
1951 |
"General Wlassow. Eine Tragödie unserer Zeit"
General Wlassow besuchte am 24. April 1945(Kriegsende 8. Mai 1945) besucht Hitler auf dem Hedwighof in Seeg. |
||||||||||
|
1957 |
Veröffentlichung des utopischen Kriegsromans "Es geschah im Jahre 1965" |
||||||||||
|
|
In diesem beschreibt Dwinger einen atomaren Weltkrieg und erregt wegen seiner drastischen Schilderungen einer nuklearen Katastrophe großes Aufsehen. Der Roman endet so:
1962: |
||||||||||
|
1966 |
Publikation der "Die zwölf Gespräche 1933-1945" |
||||||||||
|
|
|
||||||||||
|
17.12.
1981 |
Edwin
Erich Dwinger stirbt in Gmund am Tegernsee |
||||||||||
|
|
Seine Grabstätte befindet sich auf dem Seeger Friedhof.
|
||||||||||
|
|
|||||||||||
|
Einar Schleef brachte am Deutschen Theater in Berlin Verratenes Volk nach Texten von Milton, Friedrich Nietzsche, Dwinger und Alfred Döblin zur Aufführung. Texte aus der "Armee ohne Stacheldraht" von Edwin Erich Dwinger, später aus Alfred Döblins "November 1918". Gefangenschaft in Rußland. Schleef zelebrierte seine kriegerische Homoerotik. Soldaten, gefesselt, küssen einander brennende Zigaretten aus den Mündern. Sie vergewaltigen reihum einen Kameraden.
|
||||||
|
|
Süddeutsche Zeitung 31.5.2000
|
|||||
|
In Lexikas |
Aus
"Der"Große Herder", 1954, Bd. 3, Sp. 129 Aus
"Meyers Enzyklopädisches Lexikon", 5. Aufl. 1973, Bd. 7 S. 357 |
||||||
|
von Adolf Frise,
(Vergleich mit Carossa und Ernst Jünger) Neue Rundschau
|
"Werk
und Gestalt Edwin Erwin Dwingers haben weder im Bereich der Dichtung
ihre Keimzelle noch münden sie in diese ein; sie stehen in der Spanne
zwischen Wort und Tat, fanatisch den Erneuerungen der Welt zugewandt,
mit denen der vergangene Krieg begann."
|
||||||
|
Gerd
Simon |
Dwinger gehörte wie Beumelburg und der Präsident der Reichsschrifttumskammer Johst zu den SS-Barden, die mit Himmlers Unterstützung „frei gestellt“ wurden, um im besetzten Russland „Eindrücke“ zu sammeln für Dichtungen, von denen die tonangebenden Nationalsozialisten sich wohl mehr oder weniger eine Art ‚Nibelungen-Epos’ versprachen. Dwinger kommt im Drang, sein früh abenteuerliches Leben zu verarbeiten, zur Dichtung. Als Sohn eines Marineoffiziers an der Waterkant groß geworden, landet er im 1. Weltkrieg 16jährig in einem Dragonerregiment an der Ostfront, wird verwundet und gerät in russische Gefangenschaft. Er erlebt dort die Oktoberrevolution mit, kämpft in Sibirien gegen die Sowjets und gerät erneut in Gefangenschaft. Aus dieser zurückgekehrt, lässt er sich 1920 im Allgäu als Landwirt nieder. Dwinger ist schon eine gewisse Berühmtheit, als Goebbels ihn in den >Reichskultursenat< beruft. In der Folge hat er nicht nur mit Goebbels, sondern auch mit Himmler zu tun, der ja wie er gelernter Landwirt ist. Den 2. Weltkrieg begleitet er literarisch zunächst mit Legitimationsdichtungen. Himmler beruft ihn in seine Umgebung als eine Art „Hofberichterstatter“. Vom Oberkommando der Wehrmacht erhält er den Auftrag, an einem Film über den Ostkrieg mitzuwirken. Dwingers Liebäugelei mit dem russischen Dissidenten General Wlassow führt dann zu einer Entfremdung zur SS. Nach
dem Krieg wird Dwinger unter öffentlichen Protesten als simpler
Mitläufer entnazifiziert. Seine
Behauptung, er habe Verbindungen zum Widerstand gehabt, nimmt ihm kaum
jemand ab.
|
||||||
|
Karl Schlögel "Erich Edwin Dwinger und der deutsche Ostkomplex" Europas
Osten in der Wahrnehmung der Deutschen
Schlögel behandelte einige Fragen, die sein Oeuvre, sein künstlerischer und politischer Werdegang, seine Rezeption und das Vergessen seiner Person aufgewerfen.
|
Edwin Erich Dwinger, als Sohn eines deutschen Marineoffiziers und einer Russin am 23.4.1898 in Kiel geboren, gestorben am 17.12.1981 in Gmund am Tegernsee, ist eine Monumentalgestalt der deutschen Trivialliteratur. Sein Werk ist überaus umfangreich, es spielt in drei verschiedenen Epochen – Weimarer Republik, Drittes Reich, Nachkriegs-Westdeutschland. Seine Bücher haben Riesenauflagen erlebt und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Dwinger wurde zeitweilig als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er war ein Parteigänger der nationalbolschewistischen und extremen Rechten. Seine Themen sind dem „europäischen Bürgerkrieg“ entnommen. Zudem lassen sich alle Topoi deutscher Faszination durch “den Osten” an diesem “Chronisten seiner Zeit” - von “Armee hinter Stacheldraht” (1929) bis zu den “12 Gesprächen” (1966) - zeigen. Das Seltsame ist: Mit dem Mann und seinem Werk hat sich bisher niemand (sieht man von seiner Randexistenz bei Klaus Theweleit ab) auseinandergesetzt. Das sagt nicht nur über ihn etwas aus, sondern auch über die Germanistik und Geschichte im Deutschland nach Hitler.
Literatur von
Schlögel: "Sibirien ist eine deutsche Seelenlandschaft. Rußland
als Projektionsfläche deutscher Träume und Albtärume im zwanzigsten
Jahrhundert: Die Romane von Edwin Erich Dwinger".
In
der Frankfurter Rundschau 12 03 2002 schreibt Karl
Schlögel unter dem Titel: Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt. Wofür der eine fast gesteinigt wird, dafür wird der andere über den grünen Klee gelobt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Vor allem aber ist es eine Schande. Wo der eine als Tabubrecher und Praeceptor der Nation gefeiert wird, wird der andere als gefährlicher Revisionist abgestempelt. Andreas Hillgruber, der Kölner Historiker, eine der internationalen Kapazitäten der Forschung zum Zweiten Weltkrieg, hatte 1986 in seinem Essay Zweierlei Untergang nichts anderes getan als was Günter Grass jetzt in seiner Novelle Im Krebsgang versucht hat: die Tragödie der deutschen Vertriebenen am Ende des Zweiten Weltkrieges zur Sprache zu bringen. Hillgruber war sich der Riskanz seines Unternehmens vollständig bewusst und schrieb einen nachdenklichen und sorgfältig formulierten Text. Ihm ging es nicht um einen Tabubruch, sondern um das Problem, wie man eine Sprache findet für etwas, wo einem die Sprache stockt: für eine geschichtliche Katastrophe, die im Schatten einer anderen geschah und über die zu sprechen fast unmöglich geworden war, weil sie allzu leicht als Apologie verstanden werden konnte, sei es als Vergeltung, als "logisches Resultat" der deutschen Verbrechen oder als "das andere Kriegsverbrechen", das mit den eigenen verrechnet werden konnte. Maßgebliche moralische Autoritäten der späten Bundesrepublik sind damals über Hillgruber hergefallen und haben ihn des Revisionismus bezichtigt, was im Zusammenhang des deutschen Historikerstreits so etwas wie eine moralische Exkommunikation war. Niemand hat sich seither bei ihm dafür entschuldigt. Dafür ist es jetzt auch zu spät, denn Andreas Hillgruber ist bereits 1989 verstorben. . . . Der dramatische Stoff, aus dem das Verstummen, das Schweigen der Deutschen gemacht ist, wird [von Grass] nicht einmal angefasst. Das wäre eine Geschichte vom heillosen Ineinander von schlechtem Gewissen und Kränkung, von Verstocktheit und Gebrochenheit, von Selbstgerechtigkeit und Revanchegelüsten, von Verklemmtheit, auch von Feigheit gegenüber den neuen Zeiten, kurz: es wäre der ziemlich komplizierte Bericht vom Innenleben der so tief gefallenen Nation geworden, und wie sie sich wieder rappelt. Über weite Strecken eine Phänomenologie des Sichfügens ins selbstverschuldete, aber eben nicht nur selbstverschuldete Unglück. Vielleicht wäre dabei auch herausgekommen, dass es historische Konstellationen gibt, in denen eine Sprache, die nicht einmal ausreicht das Unglück der einen zu fassen, erst recht nicht dazu taugt, auch noch das Unglück der anderen zu erfassen. Es tritt dann ein, was Wittgenstein wohl im Sinne gehabt hat, als er sagte: Wovon man aber nicht sprechen kann, soll man schweigen. Was nichts anderes ist als das Eingeständnis, dass es historische Erfahrungen gibt, für deren - literarische, künstlerische, wissenschaftliche - Bewältigung die Zeit noch nicht gekommen ist. Aber bei Grass kommen die bundesrepublikanischen Geh- und Beschreibungsversuche, an denen es nicht fehlt, und die lehrreich genug sind, nicht vor. Denken wir - idealtypisch - an Edwin Erich Dwingers in hoher Auflage verkauften Roman Wenn die Dämme brechen, der von der Eroberung Ostpreußens und der Flucht handelt. Dwinger, der mit Armee hinter Stacheldraht weltberühmt geworden war und zuvor schon in Spanien, Polen und nach 1941 auch im Russlandfeldzug dabei gewesen war, hatte nicht nur über Flucht und Vertreibung geschrieben, sondern diese als Bühne für etwas ganz anderes verwendet: für eine Mobilmachung gegen den alt-neuen Feind im Kalten Krieg, den Bolschewismus. Die Geschichte der Vertreibung wird lediglich benutzt für eine aktuelle, tagespolitische Botschaft. Die Vertriebenen werden, wie es so heißt, instrumentalisiert - und sie haben es mit sich geschehen lassen, solange sie damit gut fuhren. Die Hochzeit solcher Literatur war vorbei als der Kalte Krieg zu Ende ging. Der Wind hatte sich gedreht. Der Ausgleich mit den Staaten des Ostblocks ließ jede Erinnerung an die Geschichte der Vertreibung als Störung der Neuen Ostpolitik erscheinen. Eine ganze Generation, die in den sechziger Jahren das Schweigen über den Holocaust gebrochen hatte, übte sich nun in ein anderes Schweigen ein: Flucht und Vertreibung waren von nun an nur noch die Sache von "ewig Gestrigen". Es war obsolet geworden, vom größten "Bevölkerungstransfer" der Geschichte zu sprechen. Es gab keine Zeit, bald auch keine Anteilnahme mehr für diese andere Geschichte, und in der Tat blieben die Vertriebenen unter sich, irgendwie mit Misstrauen beobachtet. Die Kultur des Verdachts und der Verdächtigung gegen alles, was mit Vertreibung, mit Verlust des deutschen Ostens zu tun hatte, gehörte zu dem was man als "politische Kultur" der späten Bundesrepublik bezeichnen kann. ... Vielleicht wird es aber einfach nur still, weil aus der Vergangenheit Geschichte wird und endlich die Arbeit getan werden kann, zu der wir im Getümmel der Rechthaberei und im Eifer derer, die immer schon wussten, wie es war, bisher nicht gekommen sind: die Geschichte von Umsiedlung und Vertreibung in Europa aufzuschreiben und zu erzählen. Nicht im Krebsgang, auch nicht als der Igel, der immer schon da ist, sondern der Reihe nach und mit allen Verwicklungen. Einfach so. Es ist schwierig genug."
|
||||||
|
THOMAS KÖHLER (Münster) in seinem Vortrag „Der Ruhrkampf als völkische Erweckung" |
Vom 12.–13. September 2008 fand im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/IV in Dortmund die Tagung „Die Entdeckung des Ruhrgebiets in der Literatur“ statt, geplant und ausgerichtet vom Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt Dortmund, der Stadtbibliothek Duisburg und der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets Bochum. THOMAS KÖHLER (Münster) blieb in seinem Vortrag "Der Ruhrkampf als völkische Erweckung. Edwin Erich Dwingers Roman ‚Der Glaube an Deutschland’ und Erlebnisschilderungen von Freikorpskämpfern über den ‚Grenzkampf im Westen’“ im Rahmen der historischen Epoche der Weimarer Republik. Köhler konzentrierte sich auf Analyse und Dechiffrierung durch die Literatur generierter Geschichtsbilder anhand der in den Werken Edwin Erich Dwingers (1898–1981) und Ernst von Salomons (1902–1972) evozierten Instrumentalisierung und Überhöhung des Ruhrkampfes zum heroischen Kampf gegen den Kommunismus. |
|
HELMUT HÖGE in der taz vom 15.3.2003, Seite 13-14, |
Bis auf SchussweiteSchriftsteller in Uniform:Während Jaroslav Hasek im "Schwejk" den Partisanenkampf in den Alltag tragen wollte, träumte Edwin Erich Dwinger in seinen Romanen von einem neuen Soldatentypus
"In den Dreißigerjahren wurden zwei Kriegsschriftsteller berühmt: ein halbrussischer Fähnrich der preußischen Kavallerie, Edwin Erich Dwinger, und ein tschechischer Unteroffizier des KuK-Heeres: Jaroslav Hasek. Ihre "Frontfeuilletons" könnten nicht unterschiedlicher sein. Dwingers Trilogie "Die Deutsche Passion" feiert den soldatischen Mann und beschwört die Treue zwischen Führern und Gefolgschaft. Während Hasek in den "Abenteuern des braven Soldaten Schwejk" die List und den Überlebenswillen der kleinen Frontschweine preist. Sein Antimilitarismus hat noch bei dem alten Offiziersliteraten Ernst Jünger Bestrafungsreflexe ausgelöst: "Dass dieser Hanswurst der Anarchie auch in Deutschland das Entzücken der Kenner hervorgerufen hat, ist das Symptom eines Zustandes, der einer anderen Behandlung bedarf als der literarischen", schrieb er. Dem humorlosen Dwinger war Jünger immer ein Vorbild. Hasek und Dwinger sind sie sich persönlich mehrmals nahe gekommen - bis auf Schussnähe! Der Prager Bohemedichter Hasek desertierte 1916 an der russischen Front und schloss sich zunächst der tschechischen Legion an. Dann trat er zur Roten Armee über, die ihn im ukrainischen Städtchen Bugulma als Ortskommandanten einsetzte. Im sibirischen Irkutsk, wo man ihn noch heute in guter Erinnerung hält, war er dann als Armeekommissar nicht nur Herausgeber dreier Zeitungen (auf Ungarisch, Mongolisch und Deutsch), sondern auch für die in den sibirischen Lagern internierten Kriegsgefangenen verantwortlich. Zu diesen zählte der schon 1914 an der Front verwundete junge deutsche Fähnrich Dwinger. Als 1917 die Lager geöffnet wurden, schloss er sich den konterrevolutionären Truppen des Generals Koltschak an. Diese rückten erst bis zum Ural vor, flüchteten jedoch vor den Roten bis hinter den Baikalsee zurück, wo Dwinger sich mit einigen anderen deutschen Kriegsgefangenen den Rotarmisten ergab. Damit war wieder "Kommissar Gaschek" für sie verantwortlich. Hasek setzte die Deutschen in den Zug. Zurück in ihre Heimat. Auch er selbst fuhr wenig später nach Hause. Das Zentralkomitee in Moskau hatte ihn angefordert, damit er in Böhmen die dortige KP auf Vordermann bringe. Kaum war er wieder in Prag, mit seiner sibirischen Frau, erlahmte seine Parteidisziplin. Er saß nur noch in Kneipen, wo er vor allem am "Schwejk" schrieb, den er jedoch nicht mehr beenden konnte. 1923, im Alter von 40 Jahren, starb er. Dwinger veröffentlichte als Erstes seine sibirischen Lagererinnerungen, dann einen blutrünstigen Bericht über den vergeblichen Kampf der Koltschak-Truppen und schließlich einen Roman über eine von ihm nach der Heimkehr eingerichtete Anlaufstelle auf einem Gutshof in Ostpreußen, wo seine Kameraden sich bei leichter Landarbeit erholen und neu orientieren sollten. In Dwingers Rehalager für Sibirientraumatisierte ist noch nicht entschieden, wohin die Reise geht. Deswegen sind in ihren "Talking Cures" noch alle Argumente - von links bis rechts - erlaubt. . . . Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion dreht sich diese Geschichte noch einmal. Auch Dwingers Karriere nahm 1941 eine neue Kurve: Himmler ernannte ihn den SS-Obersturmbannführer zum Chefideologen des Ostfeldzugs - dann fiel er jedoch in Ungnade, als er sich für eine größere Autonomie der überrollten russischen Minderheiten einsetzte, weil er meinte, nur mit ihnen könne der jüdisch-russische Bolschewismus besiegt werden. Seine Frau konnte Dwinger deswegen nach dem Krieg als einen halben Widerständler hinstellen. Über das traurige Schicksal der von den Deutschen gegen die kommunistischen Partisanen eingesetzten Kosaken und des umgedrehten Generals Wlassow schrieb er zuletzt auch noch zwei dicke Romane - als Epitaphe. Man könnte vielleicht sagen, dass Dwinger selbst den Bürgerkrieg sich nur als einen soldatischen Kampf vorstellte, während es bei Hasek genau umgekehrt war: Der Kampf gegen das Militär und alles Militärische ist ein Bürgerkrieg. Heute, da die meisten Staaten ihren Soldaten ein Leben als "Bürger in Uniform" versprechen - ein Leben, nicht den Tod -, spiegelt sich der Gegensatz zwischen Partisanenkampf und Soldatentum zum einen in fortwährenden "Schwejkiaden" und zum anderen in immer wiederkehrenden "Heydrichiaden" wider.
|
|
|
Sarkowicz
Hans / Literatur
in Nazi-Deutschland. September 2000, S. 136 - 138 |
Im Vorwort stellen die Autoren die weiterführende Frage, welchen konkreten Einfluss die jeweiligen Schriften und Bücher auf die Leser, auf andere Schriftstellen und die nachfolgenden Generationen hatten. Dies zu beurteilen maßen sich die Autoren in nicht an. "Was lösten beispielsweise Dwingers Tod in Polen, Ettinghofers Verdun oder Zöberleins Glaube an Deutschland an Emotionen aus? Millionenfach wurden sie gekauft, in Tornister mitgeschleppt und 'verschlungen'. Dienten Bücher wie etwa Dwingers übles antipolnisches Machwerk Soldaten und NS-Funktionären dazu, ihre Politik, in diesem Fall das brutale Vorgehen in Polen, zu rechtfertigen?" Sie beziehen sich hierbei auf das Werk Der Tod in Polen (1940), in dem Dwinger die Antideutschen Ausschreitungen 1939 in Bromberg als ' typische Reaktion minderwertiger Charaktere' charakterisiert , 'die damit selbst die polnische Nation aus der Reihe der Kulturvölker löscht.' Sie nehmen auch kurz Stellung zu Dwingers nach 1945 aufgestellten Behauptung, dass auch seine Bücher bei den Bücherverbrennungen dabei gewesen seien. Sie halten dies für möglich, denn: "Welche Bücher wirklich auf dem Scheiterhaufen brannten, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen." Die Autoren weisen auf den "außergewöhnlichen kommerziellen Erfolg" der Triologie Die deutsche Passion hin, "den die nationalistisch orientierte Kritik mit zum Teil euphorischen Rezensionen begleitete. Aber auch die kommunistische Presse glaubte an Dwingers 'objektive' Berichterstattung. Über Zwischen Weiß und Rot schrieb Johannes R. Becher 1931 in der Zeitschrift Literatur und Weltrevolution, daß der Roman 'wider Willen des Verfassers zu einem großartigen Bekenntnis zum Bolschewismus wird'. Dwinger wollte aber gerade auf die Gefährdung der bürgerlichen Ordnung durch den Kommunismus aufmerksam machen und für eine 'Synthese aus Kollektivismus und Individualismus' werben. Solche eine neue nationale Gemeinschaft beschrieb er in Wir rufen Deutschland. Mit diesem heftig umstrittenen Roman legte er ein indirektes Bekenntnis zum nationalsozialistischen Staat ab." "Zur raffinierten Werbung für den NS-Staat wurde Und Gott schweigt ...? (Jena 1936), die Geschichte eines jungen Kommunisten, der 1933 aus dem Deutschen reich in die Sowjetunion emigriert und dort angesichts der 'kommunistischen Wirklichkeit' zum Nationalsozialismus 'konvertiert'. Das Buch wurde mit dem Wunsch Dwingers veröffentlicht, daß es 'dem deutschen Volke zur Waffe in jenem Kampf werden [möge], den wir als den entscheidenden unseres Jahrhunderts erwarten müssen". Die Autoren zitieren auch aus Dwingers Weimarer Rede Der Bolschewismus und die Weltkultur (in: Rudolf Erckmann: Dichter und Krieger.. Hamburg 1943: " Es gab tatsächlich keinen Zweifel mehr, diesen Menschen hatte man durch eine Propaganda, die in ihrer ungeahnten Totalität schlechthin alles umfaßte, unmerklich das ursprüngliche Gehirn operativ herausgeredet, sie konnten wahrscheinlich überhaupt nicht mehr selbständig denken, sondern das millionenmal Gehörte nur noch triebhaft tun . . . Das also wird aus einer Ideologie, wenn der primitive Russe und der Jude sich zu ihrer Verwirklichung anschickt . . . Wir aber wollen dies Land des Ostens seiner Urbestimmung zurückführen, die immer nur jene war, Brot zu beschaffen, nicht nur für unser eigenes Volk, sondern für die Gemeinschaft aller bedrängten Völker Europas!" Abschließend weisen die Autoren auf Dwingers ihrer Meinung nach erfolglosen Versuch hin ( Die zwölf Gespräche 1933-1945 , 1966) , sich als Widerstandskämpfer dazustellen. "Er distanzierte sich zwar deutlich vom Nationalsozialismus, aber nicht vom nationalistisch bestimmten Kampf gegen den Kommunismus."
|
|
|
„Kultur
und Kalkül - 1930–1949“ Dissertation
|
In Florian Triebels Dissertation wird auch die Verbindung von Dwinger mit dem Eugen Diederichs Verlag (EDV) eingehend untersucht. Hier Auszüge, die sich mit Dwinger befassen:
Eugen Diederichs schloß mit Dwinger, der sich später als erfolgreichster Autor des Unternehmens erweisen sollte, „im Juli 1929 einen Vertrag über ein Buch mit dem vorläufigen Titel ›Sibirisches Tagebuch‹. ... In Hans Grimm hatte Dwinger zwar einen Mentor gefunden, der sich anerboten hatte, seinen Hausverlag Albert Langen in München dafür zu interessieren. Dessen Lektorat hatte den Text jedoch mit der Begründung abgelehnt, die »Häufung von Greuelszenen, diese widerwärtigen sexuellen Partien« riefen nur Ekel hervor. Überdies hatte die Verlagsleitung die Darstellung als »nicht so überzeugend echt und bisweilen allzu literatenhaft«(1) beurteilt. Ähnliche Bedenken gegenüber den Werken Dwingers spiegelten sich auch in zeitgenössischen Bewertungen wider. Auch wenn er in seiner Gesamtdarstellung der Literatur der Gegenwart grundsätzlich lobende Erwähnung für das Buch fand, schrieb Waldemar Oehlke im abschließenden Resümee:»Dwinger gehört zu den Erzählern, die man nicht um der Kunstform willen liest (die auch nicht besonders hoch steht), sondern [wegen] des Inhalts als solche[m]«.(2) In einer anderen Überblicksdarstellung faßte Norbert Langer sein Urteil in die milderen Worte, Dwingers Darstellung bleibe »einfach und darum herzensnah«.(3)" 1 Andreas Meyer, Zwischen Bauhausbüchern und ›Volk ohne Raum‹, Teil 2,B 13. 2 Waldemar Oehlke, Literatur der Gegenwart (1942), S. 142. 3 Norbert Langer, Die Deutsche Dichtung (1941), S. 40. "Mit wenigen Ausnahmen konzentrierte die Verlagsleitung ihre Werbemaßnahmen auf die erfolgverheißenden Neuerscheinungen einzelner Autoren. Hierzu gehörte vor allem Edwin Erich Dwinger, für dessen Bücher nicht nur Einzelprospekte erschienen, sondern für dessen Werke und Lesereisen vom Verlag auch Plakate gedruckt und an die Leseabende veranstaltenden Sortimente versandt wurden.(1)" 1 Vgl. DVA, Akzidenzenmappe ›20.2.30 – 12.1.32‹. "Edwin Erich Dwingers drei Bände der Deutschen Passion erschienen zeitgleich mit einer Reihe weiterer Weltkriegs-Romane von konservativ- nationalen Autoren in anderen Verlagen, die als Reaktion auf Erich Maria Remarques Im Westen nicht Neues den deutschen Buchmarkt nach 1929 überschwemmten. Die nationalen Literaten befürchteten, die Deutungshoheit über den verlorenen Krieg an die pazifistische Linke um Erich Maria Remarque und Arnold Zweig zu verlieren. Ihre mit nationalistischen und völkischen Ideen durchtränkten Weltkriegs-Epen schilderten im Gegensatz zu Remarque und Zweig nicht so sehr die Schrecken und Wirrnisse des mechanisierten Krieges für den Einzelnen. Sie beschworen vielmehr den Korpsgeist der Soldaten im Feld und die an der Front bis zur Selbstaufopferung gelebten ›deutschen Tugenden‹. Die in der Nachkriegsgesellschaft der Weimarer Republik verbreitete ›Frontkämpfer-Ideologie‹, die den tapferen, ritterlichen, im Feld unbesiegten deutschen Soldaten verherrlichte, wurde durch diese Epen unterstützt und in Teilen mitgeformt. " "Die Deutsche Passion Dwingers fügten sich nicht nahtlos in die Phalanx der national-konservativen Weltkriegsromane ein. Anders als diese handelte der erste Band seiner Trilogie Die Armee hinter Stacheldraht nicht von den Kämpfen selbst, sondern vom Schicksal der in Rußland gefangengenommenen deutschen Soldaten. In ihr zeichnete Dwinger in drastischen Bildern die Nöte und Schrecken der deutschen Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft. Deren Darstellung brachte Dwinger zunächst sogar wohlwollende Kritiken der pazifistischen Linken ein, die diese Passagen als Anklage gegen den Krieg im allgemeinen lasen.(1)" 1 Vgl. zum Beispiel die Urteile über die Armee hinter Stacheldraht, die der EDV in Auszügen im Prospekt: Edwin Erich Dwinger (Januar 1930), DVA, Prospektsammlung, abdrucken ließ. Neben Kritiken nationaler und konservativer Blätter fanden sich darunter auch kriegsablehnende Zitate. (»Wenn man Dwinger liest, ist es genau so wie wenn man Remarque liest« [Vossische Zeitung]; »Ein hohes Verdienst am Werke des Friedens« [Das Reichsbanner],aber auch: »Dwingers Werk ist kein Buch des Pazifismus« [Der Jungdeutsche]). Edwin Erich Dwingers "Damit griffen diese Kritiker jedoch zu kurz. Das eigentliche Ziel Dwingers in Armee hinter Stacheldraht und dem zweiten Band Zwischen Weiß und Rot war – neben der Verdammung des russischen Bolschewismus – die Darstellung einer ›deutschen Schicksalsgemeinschaft‹, die sich aus unterschiedlichsten Charakteren in der Notlage der Kriegsgefangenschaft formte. Diese Gemeinschaft schloß die Widerwilligen und ›Unbrauchbaren‹ aus, die sich entweder später reumütig der Gemeinschaft anschlossen oder als Außenseiter elend zugrunde gingen. Es lag nahe, das literarische Vorbild auf die sich zuspitzende politische und soziale Situation am Ende der Weimarer Republik zu transponieren. Aus seinen Büchern ließ sich also die Forderung herauslesen, in der aktuellen Notsituation des gesamten deutschen Volkes eine ähnliche ›Schicksals- und Volksgemeinschaft‹, einen »Frontsoldatenstaat«(1) zu bilden. Wie sich im abschließenden Band der Trilogie zeigt, treffen solche Interpretationen Dwingers Intentionen, da er in Wir rufen Deutschland (1932) seine Charaktere eine grundsätzliche Kritik an Staat und Gesellschaft äußern ließ. Dwingers sehr erfolgreiche dreibändige Deutsche Passion war also bei weitem keine bloße romantische Verklärung des Soldatentums im Ersten Weltkrieg. Vielmehr forderte sein Epos, neben einer Anklage die bolschewistische Herrschaft, zur nationalen Selbstbesinnung und Formierung einer ›Volksgemeinschaft‹ in der aktuellen Notzeit auf. Die Schuld für die Schwäche und Not Deutschlands schob er dem politisch-gesellschaftlichen System der Weimarer Republik zu.(2) Diese Gedankengänge trugen Dwinger neben nationalistischen auch sozial engagierte Züge, was ihn in die Nähe der Nationalrevolutionäre und der Ideen des TAT-Kreises rückte." 1 Wolfram Wette, Ideologien, Propaganda und Innenpolitik, S. 51–58. 2 Wolfram Wette, Ideologien, Propaganda und Innenpolitik, S. 114–115, betont den Zusammenhang zwischen der ökonomischen und politischen Krise des Weimarer ›Systems‹ und der Renaissance der Kriegsliteratur nach 1929. "Wichtigster Autor des belletristischen Verlagsprogramms blieb weiterhin Edwin Erich Dwinger. Wie in der Sibirischen Trilogie ließ er in der Fortsetzung des Romans Die letzten Reiter die Freiwilligen des Reiterkorps Mansfeld nach Deutschland zurückkehren. Unter dem Titel Auf halbem Wege (1939) schilderte der Autor ihre Teilnahme am Kapp-Putsch und an den Ruhrkämpfen, in seinen Augen die ersten Etappen auf dem Weg zur nationalen Einigung Deutschlands. Zentrales Thema dieses und der weiteren in diesen Jahren erschienenen Werke Dwingers blieb der Kampf gegen den Bolschewismus. In seinem »Tatsachenbericht« Und Gott schweigt …? (1936) lieferte er eine Anklage gegen die »inneren Hohlheiten des Systems in Moskau«, die er aus der Sicht eines 1933 nach Russland geflohenen Deutschen vortrug. Großspurig verkündete der EDV zum Erscheinen: »Dieses Buch ist berufen, eine Waffe zu werden in dem Kampfe, der Europas Grundlagen bedroht und für seine Zukunft entscheidend ist.« " " Bei rigoroser Auslegung hätten selbst die Werke Edwin Erich Dwingers geächtet werden können, da er in der Sibirischen Trilogie zwar einen ›aufrechten Antibolschewismus‹ vertrat, aber dennoch in seinen Schilderungen der russischen Bevölkerung sympathische Züge verlieh. (Dwingers Name taucht auf einer ›schwarzen Liste‹ auf, welche die Namen derjenigen Schriftsteller umfaßte, die im Mai 1933 politisch belastet waren; sein Name wurde jedoch später gestrichen. Die Liste war mit ›vertraulich‹ gekennzeichnet und ›An alle Redaktionen im Hause‹ gerichtet; der oder die Verfasser oder Herausgeber konnten nicht ermittelt werden.) "Mit seinem Freikorpsroman Die letzten Reiter zerstreute Erich Edwin Dwinger letzte Zweifel an seiner deutschen und mit dem Nationalsozialismus konformen Gesinnung." Joseph Goebbels kommentierte in seinen Tagebüchern an wenigen Stellen seine aktuelle Lektüre. Durchweg positiv äußerte er sich darin über Titel und Autoren des EDV: Dies galt für ... Erich Edwin Dwingers Tod in Polen
|
|
|
DWINGER UND SEEG |
|||||||
|
1931 |
Kauf des Hedwigshofes auf dem Sulzberg (Gemeinde Seeg) |
||||||
|
|
Im
Nachwort seines 1966 herausgegebenen Buches ""Die 12
Gespräche 1933 -1945" berichtet Dwinger von seiner "Zitierung
vor die Spruchkammer". Er bezeichnet dies als "komisches
Kapitel" und als "diesen tiefsten Ausfluß deutschen
Masochismus". [ Ist diese Einschätzung im
Wissen um das im Nationalsozialismus Geschehene zu rechtfertigen?]
|
||||||
|
|
|||||||
|
1934 |
Im
Bundesarchiv findet sich in der Personalakte Dwinger mit
unleserlicher Unterschrift (Postbote in Seeg) ohne Datum ein
Schriftstück an den NSDAP Kreis Marktoberdorf. Der Verfasser stellt
Dwinger die Frage, warum er nicht Mitglied der NSDAP sei. Die Antwort
von Dwinger lautet:
|
||||||
|
|
||||||
|
Aus "Ein Erbhof im Allgäu"
|
||||||
|
Aus "Ein Erbhof im Allgäu"
|
||||||
|
Dreißiger Jahre |
Im Buch "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) berichtet Dwinger über seine Gespräche mit Captain Raber von der CIC, dessen Aufgabe es war in den besetzten Ländern nach bedeutenden Mitgliedern des gegnerischen Regimes sowie nach Kriegsverbrechern zu fahnden. Am Beispiel einer Seeger Begebenheit beschreibt Dwinger, in welcher Weise ihm seine beiden Titel (SS-Führer und Kultursenator) nützlich waren. Sogleich ist dies ein Beispiel der Willkür im totalitären Staat.
Karl Wahl äußert sich in seiner Rede vom 8. Mai 1941 über die "göttlichen Vorsehung", die Hitler dazu auserkoren habe, ein Strafgericht über alle Völker durchzuführen. Quelle:
Schulfunk Bayerischer Rundfunk |
||||||
|
1938 |
Bau der Villa am Sulzberg
|
||||||
|
In der Zeit des Krieges |
Aus "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) - Seite 186:
|
||||||
|
1945 |
24.
April: General
Wlassow (Kriegsende 8. Mai 1945) besucht Dwinger am Sulzberg. |
||||||
|
|
Sein ältester Sohn (10 Jahre alt) meldet ihn:
Oktober
1945: Rückkehr aus dem Internierungslager auf den Hedwigshof, der
unter Sequester der Spezial-Branch gestellt wurde. |
||||||
|
Vor der Spruchkammer |
|||||||
|
|
"Dann marschierten die Reihe meiner Zeugen auf, sie füllte fast den halben Saal. Es kam als erster mein guter Pfarrer, der Geistliche Rat Knaus, der mich als Christoporus des Allgäus hinstellte. Es kam mein Leibhändler Peter Stocker, der mich damals zu seiner Rettung gerufen, es kam der abgesetzte Altbürgermeister, es kam ein Dutzend letzter Söhne, mehrere der Schippe entsprungene Schwarzhörer. Es kam sogar der Abwehrbeamte, der meine 'Komplexüberwachung' geleitet hatte."
Der
Zeuge
Pfarrer
Karl Knaus
(1886 - 1961) Aus "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) - Seite 225 ff. |
||||||
|
|
|
||||||
|
1961 |
Dwinger bietet in Zeitungsanzeigen seine "Reitschule Hedwigshof" an und stellt hier "schöne Zimmer, beste Verpflegung, Reitbahn, Almgelände, Musikreiten und Grillbar" in Aussicht. |
||||||
|
1966/1967 |
Publikation
der "Die zwölf Gespräche 1933-1945" |
||||||
|
seit 1977 |
[ Wann ist Dwinger nach Gmund übergesiedelt?] 30 Jahre gibt es inzwischen die Bildungsstätte Seeg von
Albrecht und Silvia Ostertag. Das Landhaus von Dwinger ist umfassend
umgebaut worden.
|
||||||
|
17.12.
1981 |
Edwin Erich Dwinger stirbt in Gmund am Tegernsee |
||||||
|
|
Seine Grabstätte befindet sich auf dem Seeger Friedhof.
|
||||||
|
Axel
W. Claesges: Edwin Erich Dwinger. Ein Leben in Tagebüchern.
Nashville, Tenn: Univ. Diss. 1968. |
||||||
|
Ingeborg
Schuldt-Britting:
Der Dichter
Georg Britting und
sein Werk Georg
Wurzer: Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten
Weltkrieg, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005
|
||||||
|
|
|
|||||
Quelle: Wikipedia |
||||
|
|
||||