EDWIN

ERICH

DWINGER

1898  - 1981

 

 
 

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 Verwendung einer  Zeichnung von Emil Stumpp 1931

EINE SEITE VON THEODOR FREY

Nachfragen - Anregungen - Kommentierungen . . .






1

Premiere war am 26.04.2011, 20 Uhr, Reaktorhalle München

Raphael Dwinger, ein junger Schauspieler aus München, wird zum Nestbeschmutzer. Gemeinsam mit dem Regisseur Tobias Ginsburg begibt er sich in die Abgründe deutscher Familiengeschichte: Sein Großvater Edwin Erich Dwinger war Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg, Bestsellerautor im Dritten Reich und Propagandaschriftsteller von Goebbels und Himmlers Gnaden.

Eineinhalb Jahre arbeiten Raphael und sein Freund Tobias über Edwin Erich Dwinger, über Schuld und Verantwortung, Täter- und Opferschaft in der eigenen Familie. Aus den Ergebnissen dieser Recherche – mehreren hundert Stunden Interviews, NS-Literatur und anderem historischen Bild- und Textmaterial – entsteht ein dokumentarischer Theaterabend.

 

 


tam 
nach der "Nestbeschmutzung"


BIOGRAPHIE

Übersicht

1898 -1914 1914 - 1921 1921 -1931 1931 - 1939 1939 - 1945 1945 - 1981
Kindheit 
und Jugend
1. Weltkrieg und Gefangenschaft Rückkehr und
  Übersiedlung ins Allgäu
Seeg und 
NS- Zeit
2. Weltkrieg Nachkriegszeit

 

VORWORT

"Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht weiß" 
 
Peter Esterhazy


Bei der Bearbeitung von Themen meines Heimatortes Seeg bin ich unweigerlich auch auf den Namen 
Edwin Erich Dwinger gestoßen, denn er lebte ab 1931 auf dem Hedwigshof am Sulzberg in der Gemeinde Seeg. Zunächst wollte ich nur eine kurze Biographie auf den Internetseiten veröffentlichen, doch bei der Beschäftigung mit seiner Person und seiner Zeit wurde mir immer mehr bewusst,  welch glückliche Zeit ein Nachweltkriegsgeborener bis heute erleben durfte. Welch andere Zeiten dagegen erlebten und erlitten unsere Väter und Großväter. Dwinger , 1898 geboren,  ist dafür ein Beispiel. Einiges was uns heute in seinem Denken und Verhalten unverständlich ist,  ja  auf eindeutige Ablehnung stößt,  kann sich aus der Kenntnis seiner Biographie vielleicht etwas erhellen. Für uns ist aus den Irrtümern und Verfehlungen oft mehr Gewinn zu ziehen,  als aus tadellose Lebensgestaltungen. Deshalb habe ich versucht Aspekte seines Lebens und seiner schriftstellerischen Tätigkeit zusammen zu stellen.

Zu dem, was wir aus unserer  Geschichte lernen können und müssen,  hier der  Schluss der Rede, die Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 gehalten hat:

"Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden. Es gibt keine endgültige errungene moralische Vollkommenheit - für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft Gefährdungen immer von neuem zu überwinden.
Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren.

Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß

     gegen andere Menschen
     gegen Russen oder Amerikaner
     gegen Juden oder Türken
     gegen Alternative oder Konservative,
     gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. 
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

     Ehren wir die Freiheit.
     Arbeiten wir für den Frieden.
     Halten wir uns an das Recht.

Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.

Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge."


Gustav Seibt schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom 26.2.2007 über die Wirksamkeit der Erfahrungen von Flucht und Entwurzelung. Ich meine, dass Dwingers Leben und Schreiben in diesem Zusammenhang bedacht werden sollte. Vom 16 bis zum 22 Lebensjahr erlebte er die Schrecknisse von Krieg, Gefangenschaft, Flucht, Entwurzelung in Russland. Erfahrungen die sich in sein Leben tief einprägten.

"Luftkrieg, Flucht und Vertreibung sind unterschiedliche Vorgänge, aber sie haben ein gemeinsames Resultat: die Obdachlosigkeit. Wer ausgebombt und wer vertrieben wird, verliert sein Dach über dem Kopf.  ... Nie können Menschen wissen, wie fest sie wirklich in ihrem Boden wurzeln und wie sicher ihre Häuser sind.  Immer besteht die Möglichkeit, dass sie sich auf der Straße, im Offenen, auf der Flucht und in Lebensgefahr wiederfinden. Auch in diesem Augenblick ist das die Lage von Millionen Menschen auf dem ganzen Planeten."

Wer über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachdenkt, "müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihren überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? ...

Brand und Flucht gehen der Nachkriegsgesellschaft voraus und haben sie in ihrem Kern bestimmt. ... Die oft beobachtete Geschichtslosigkeit Deutschlands nach 1945 dürfte hier mindestens ebenso ihre Ursache haben wie in verdrängter Schuld und der Einebnung sozialer Unterschiede. ... Wer immer nur 'Aufrechnung' fürchtet und derart elementare Tatsachen nur politisch-ideologisch betrachten will, verkennt die Macht von Erfahrungen und Erinnerungen, die auf jeden Fall wirksam bleiben. Das Gefühl für die Heimat stand, jedenfalls in den Dichtungen der Menschheit, immer neben der Erinnerung an Flucht und Entwurzelung. Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?"

 

ZUM SEITENANFANG

 

BIOGRAPHIE  

23. April 1898

Edwin Erich Dwinger wird als Sohn eines Offiziers der Kaiserlichen Marine und einer Russin, Tochter russischer Einwandere [?], in Kiel geboren

 

"Auch die Geschichte Dwingers von seiner russischen Abstammung, die er auch im privaten Kreis aufrecht erhielt, erweist sich als reines Gedankengebilde. Seine Mutter war nicht Kind russischer Eltern (diese Großeltern sollen gar ehemalige Großgrundbesitzer gewesen sein), sondern hatte polnische Vorfahren, wie der Kieler Forscher Hartwig Molzow nachweisen konnte."

Quelle:  Dr. Geor Wurzer, Dwinger und Russland - Eine Hassliebe - aus den Materialien zur "Netzbeschmutzung"


Als Quelle wir vorwiegende benutzt: 

Axel W. Claesges: Edwin Erich Dwinger. Ein Leben in Tagebüchern. Nashville, Tenn: Univ. Diss. 1968.

zit. C S. x

__________________________

Claesges besuchte 1967 Dwinger auf seinem Landhaus in Seeg und zeichnete die Gespräche auf Tonband auf. Die auf diesen Internetseiten verwendeten Zitate sind mit (Tonbandprotokoll)
gekennzeichnet.


"Die Familie Dwinger hatte seit mehreren Generationen Land in der Nähe von Kiel besessen. Als solide holsteinische Bauern hatten sie mit Fleiss und Stolz ein Bauerngut erarbeitet, das dem jeweiligen Erben ein sicheres Einkommen versprach. Traditionsgemäß übernahm der älteste Sohn den Bauernhof. ... Es war ebenso traditionsgemäß, dass einer, oft mehrer der folgenden Söhne, Berufssoldaten beim kaiserlichen Heer oder der Marine wurde. Der Vater von ... Dwinger hatte sich ... für die Marine des deutschen Kaisers entschieden. " 
(C S. 4ff.)

Bei einem mehrmonatigen Heimaturlaub lernte Edwin Erich Dwingers Vater die Tochter russischer Einwanderer kennen, die 1868 nach Ostpreussen ausgewandert und nach Kiel weitergezogen waren. Während der langen Abwesenheit von Dwingers Vater sprach seine Mutter auch russisch mit ihrem Sohn, so dass das Kind mit der russischen Sprache vertraut wurde und die Kultur und Lebensform Russlands kennen lernte.

"Vom Großvater her die Landwirtschaft, vom Vater her die Seefahrt, so hat eigentlich beides in mir die Spuren hinterlassen, so dass ich dann später selbst sehr viel zur See gefahren bin; und ich kann fast sagen, außer Australien war ich wohl mit Schiffen in der ganzen Welt. ... Es war mir natürlich immer eine besondere Freude, wenn ich, zum Beispiel, in Kamakura in Japan vor dem großen Buddhabild stand, genau an der Stelle, von der ich Bilder hatte, wo auch mein Vater gestanden war." 
(Tonbandprotokoll C. S. 7))

 

Besuch der Oberealsschule (Alte Hebbelschule an der Waitzstrasse in Kiel) 

 

"Ich war zweifellos nicht unintelligent, aber ich war ausgesprochen faul. Und zu Weihnachten, wenn ich mein Zeugnis heimbrachte, dann gab's eigentlich nur zwei Dinge: eine Bemerkung 'Die Versetzung des Schülers erscheint zweifelhaft' war für mich schon gro0artig; aber es stand auch sehr oft darin 'Die Versetzung erscheint ausgeschlossen.' Aber ich muß dazufügen, ich bin nie sitzengeblieben. Mir genügte immer das letzte Vierteljahr, um die Sache noch glatt zu schaffen."
(Tonbandprotokoll C. S. 8)

 

1910

Sommerferien bei seinem Onkel in Hamburg auf seiner Reitschule


Seine Pferdeliebe fand seinen Niederschlag im Reiterbrevier

"Das Glück der Erde"


Bereits damals entwickelte sich seine Liebe zu den Pferden, die sein ganzes Leben lang andauerte.

Dwinger 27 Jahre später als stolzer Reiter.
Aus seinem Buch "Ein Erbhof im Allgäu"

Unter Mitarbeit seiner Frau Waltraut und des Photographen Hanz Retzlaff veröffentlichte er 1937 dieses Buch, in dem er den Ablauf der Jahreszeiten auf dem Hedwigshof während der vier Jahreszeiten festhält.

 

1914 
(16 Jahre)

Seine Mutter stirbt. Dwinger tritt als Freiwilliger einem Dragonerregiment der deutschen Wehrmacht bei. Um aufgenommen zu werden, macht er sich um ein Jahr älter. 

1915 

Er wird an die Front versetzt. Seine Mutter muß nicht mehr miterleben, wie er gegen ihr Heimatland [?] kämpft. Beim ersten Kampfeinsatz (Schlacht um Mitar) wird er schwer verwundet und  gefangen genommen. 

Damit beginnt sein Leben in den "Hinterhöfen des Krieges - auf denen ohne Frontbericht gestorben wird. Er hält seine Erlebnisse unmenschlichen Leidens in Tagebuchaufzeichnungen fest. 14 Jahre später verarbeitet er diese in der Tetralogie "Die Deutsche Passion". Auf die Frage eines Kameraden, warum er alles notiere antwortete Dwinger:

"Damit die Menschheit einmal erfährt, was im zwanzigsten Jahrhundert möglich war ! und es in künftigen Kriegen vermeiden kann."

(Armee hinter Stacheldraht S. 37)


1915 - 1920  

Stationen seiner Gefangenschaft waren: Riga, Moskau (steht kurz vor einer Beinamputation, die aber noch abgewendet werden konnte, lernt Bruno Brehm kennen, Ugrieschkaja, Nishni Nowgorod, Lager Totzkoje an den südwestlichen Ausläufern des Uralgebirges ( 24 000 Gefangene hausen dort in Erdbaracken), Samara, Ufa, Irkutsk.

Sommer 1916 nach Transbaikalien (in den Lagern Daurija und Tschita)

1917 Revolution in Russland, Übernahme des Lagers durch die Bolschewisten

November 1917 Kosaken erstürmen Lager - Fluchtversuche - Angebot in die "Weiße Armee" einzutreten 

Im Januar 1918 bereits als Austauschinvalide nach Deutschland (lt. Dr. Georg Wurzer)

Seine eigene Legende:

1919 Weiterer Fluchtversuch - Gefangennahme - wieder  im Lager Tschita - als Fähnrich einer weißrussischen Einheit zugeteilt  - nach Westen zu den Einheiten des Generals Koltschak nach Omsk (Erlebnisse finden sich im Buch: "Zwischen Weiß und Rot")  - Gegenrevolution wird niedergeschlagen

1920 Dwinger (22 Jahre alt) wechselt die russische Uniform gegen eine deutsche, die ihm ein Kamerad für diesen Zweck aufbewahrt hatte - Gefangennahme - Transport nach Irkutsk - Flucht nach Westen - Omsk - Ufa - Smolensk - Litauen 

Dr. Georg Wurzer schreibt: "Der Eindruck seiner Werke ist großartig und gleichzeitig erschütternd: Sohn einer russsichen Mutter, dann Gefangener in russischen Lagern im Ersten Weltkrieg, in denen er fast unglaubliche Qualen zu erdulden hatte, im Anschluss daran Freiwilliger auf Seiten der antikommunistischen weißen Streitkräften im russischen Bürgerkrieg und schließlich abenteuerliche Rückkehr nach Deutschland. Betrachtet man die Realität, wie sie sich aus den langjährigen Studien in vielen deutschen und russischen Archiven ergibt, so zeigt sich ein weit schlichteres Bild. So war Dwinger zwar tatsächlich Kriegsgefangener in Russland im Ersten Weltkrieg, doch er verbrachte beinahe die ganze zeit seiner Gefangenschaft in erträglichen Verhältnissen im Lager Daurija an der mongolischen Grenze. Von hier aus gelangte er bereits im Januar 1918 als Austauschinvalide nach Deutschland zurück und war nicht den Gefahren des Kampfes zwischen Weiß und Rot ausgesetzt".

Quelle:  Dr. Geor Wurzer, Dwinger und Russland - Eine Hassliebe - aus den Materialien zur "Netzbeschmutzung"

 

1917 Oktoberrevolution in Rußland

Bei Dwinger setzt sich im Laufe der Zeit zunehmend die Überzeugung durch, dass mit der bolschewistischen Revolution die im Volk vorhandene Nächstenliebe und Bruderliebe ausgemerzt wurde und sich der russische Charakter zum negativen gewandelt hat.


Zwischen den Weltkriegen

Dwinger hatte sich in der russischen Gefangenschaft Tuberkulose zugezogen. Da er glaubte, dass das norddeutsche Klima seiner Gesundheit nicht zuträglich war, hat er sich entschlossen die Krankheit in einem  Sanatorium im Westallgäu auszuheilen. 

1921

Übersiedlung ins Allgäu - Kauf eines Bauernhofs in Tanneck (Westallgäu)

"Als ihm eines Tages ein kleiner Bauerhof in der Nähe des Sanatoriums zum Kauf angeboten wird benutzt er diese Gelegenheit, die einengende Wände der Heilanstalt zu verlassen, aber dennoch in der Nähe der ärztlichen Pflege zu bleiben." 
(C S. 122)
[Offene Fragen: Tanneck im Allgäu 1921 bis ....?. Wo liegt das? ]

"Das Allgäu ist ideal für das Schreiben und die Landwirtschaft. Es schneitt im November, und der Schnee bleibt bis zum Ende März liegen. Dann ist das Vieh in den Stallungen, da gibt's nichts zu tun, und ich kann schreiben."
(Tonbandprotokoll C. S. 122)

Ein Teil seines Lebensunterhalts verdiente er durch Pferdezucht und Reitunterricht.

"Ich kaufte damals meistens, wie man sagt einen 'Verbrecher', für 200 Mark, mit dem kein Mensch etwas anfangen konnte. Aber aus Erfahrung von der Kavalleriezeit her und mit viel Güte machte ich diese Pferde in zwei, drei Monaten absolut reitbar und verkaufte sie dann für teures Geld."
(Tonbandprotokoll C. S. 133)

"Ich bin erst Landwirt und dann Schriftsteller. Und das hat mir über die Schwere der Zeit hinweggeholfen. Nicht materiell, sondern überhaupt als Mensch. Die Fülle der Erlebnisse und der Gesichte verdichtet sich erst hier in der Weite der Landschaft. Hier erhalte ich die Distanz zu der Vergangenheit, die der Abgeklärtheit. Und es kommt der Augenblick, wo das Gebrüll in den Ställen, das Kalben einer Kuh und das Wiehern der Pferde mir wichtiger scheint als der ganze Lauf des Weltgeschehens."
(List, Edwin Erich Dwinger, der Chronist unserer Zeit, Anhang - zit. in  C. S. 134)

1926

 Veröffentlichung seines ersten Romans "Korsakoff"

1929

Veröffentlichung des ersten Teils der Triologie "Die deutsche Passion" unter dem Titel "Die Armee hinter Stacheldraht".

Dwinger selbst sagte. "Die Armee machte mich über Nacht berühmt." 
Noch im  Jahre 2000 hat Einar Schleef 
am Deutschen Theater in Berlin Texte aus der "Armee ohne Stacheldraht" im Schauspiel "Verratenes Volk" verarbeitet. Hier mehr ... 

Host Friedrich List beurteilt in seinem Buch "Dwinger, der Chronist unserer Zeit" (1952) dieses Werk so:

" Die Welt begann aufzuhorchen. Dwinger eröffnete mit diesem Buch die Reihe der wertvollen Kriegslieteratur, die aus dem Dokumentarischen heraus geboren wurde, keine Mischung von Dichtung und Wahrheit, sondern Realismus, so hart, wie die Wirklichkeit des Leidens war ...  So geht dieses Buch hinaus, wird in viele Sprachen übersetzt, selbst ins Russische ... und es erhebt sich zu einer gewaltigen, gültigen Anklage gegen den Krieg, ein Denkmal für die Opfer aller Nationen, die dem Gott der Vernichtung und Zerstörung anheimfielen. 

Mit der Armee hinter Stacheldraht beginnt das Schaffen  ... Dwingers als Chronist seiner Zeit. ... Er schöpft nun aus dem eigenen erleben, er benötigt keine erfundenen Helden, keine Menschen, die als seine geistigen Kinder die Erscheinungen einer aus den Fugen geratenen bürgerlichen Welt dokumentieren, er lässt die Menschen paradieren, die ihm während dieser Jahre begegneten, die Stillen, die ihr Schicksal wie eine unlösbare Bürde trugen, die auflehnenden Menschen, die gegen das Fatum ankämpften mit dem Mut der Verzweiflung und der Angst. Dwinger benötigt keine literarische Inspiration, wie er kein Literat und Romancier ist, er greift in das pulsierende Leben hinein und wirft das Bild der Zeit unverzerrt und klar auf den Hintergrund einer hoffenden Menschheit."

(List S. 20,21)

 

1929 - 1931

Auf einer Griechenlandfahrt lernt er 1929 die erst 16 jährige Tochter des Nobelpreisträgers Wien, Waltraut Wien kennen und verlobt sich nach der Rückkehr. Hochzeit 1931.

"Gemeinsam hatten sie zwei Söhne und eine Tochter. Die Ehe wurde 1945 geschieden. Seine zweite Frau hieß Ellen [1907 - 2004] und war zuvor mit Giselher Wirsing [deutscher Volkswirt, Journalist und Autor im nationalsozialistischen Deutschland und der Bonner Republik] verheiratet." Quelle: Wikipedia


Der wissenschaftliche Nachlass des Physikers und Nobelpreisträgers Wilhelm  Wien (1864-1928) zählt zu den wichtigsten Beständen im Archiv des Deutschen Museums. Wilhelm Wien starb bereits 1928 mit 64 Jahren. Er erhielt 1911 den Nobelpreis für die Arbeiten zur  Wärmestrahlung.

1930/1932

"In „ Zwischen Weiß und Rot (1930) beleuchtete er die chaotischen Zustände in diesem Bürgerkrieg und den Zusammenbruch der Weißen Armeen. In seinen Schilderungen verhehlte Dwinger nicht, daß er aus Liebe zu Rußland, der Heimat seiner Mutter, zum glühenden Antikommunisten geworden war. Wir rufen Deutschland (1932) malte das Unverständnis und die Fremdheit aus, mit der die Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft und Bürgerkrieg Deutschland empfanden, das gekennzeichnet war durch »Versailles und polnischen Gewaltfrevel, deutsche Ohnmacht und Selbstzerfleischung, das Wetterleuchten des Bolschewismus, Ruhreinbruch und Inflation«.(1) Der »tragische Zwiespalt der Heimgekehrten, die sich den Weg zu dem Deutschland ihrer Sehnsucht erkämpfen müssen«, stand im Mittelpunkt dieses letzten Teils der »Sibirischen Trilogie«." 
1
Verlagsanzeige: Herbstneuerscheinung 1932, in: Die TAT, 24. Jg. H. 7(Oktober 1932), U 2.

Quelle: „Kultur und Kalkül - Der Eugen Diederichs Verlag  1930–1949“  
Dissertation von Florian Triebel  
Hier mehr ... 

1931(mit 33 Jahren)

Kauf des Hedwigshofes auf dem Sulzberg (Gemeinde Seeg)
Dwinger und Seeg
: hier mehr ...

Im Nachwort seines 1966 herausgegebenen Buches "Die 12 Gespräche 1933 -1945" berichtet Dwinger von seiner "Zitierung vor die Spruchkammer". Er bezeichnet dies als "komisches Kapitel" und als "diesen tiefsten Ausfluß deutschen Masochismus". [ Ist diese Einschätzung im Wissen um das im Nationalsozialismus geschehene zu rechtfertigen?]
Dabei  geht er auch auf den Vorwurf ein, dass Hitler im das "schöne Gut" geschenkt hätte.

" Ich hatte nämlich einen Grundbuchauszug mitgenommen, aus dem sich sein ehrlicher Kauf eindeutig erwies, zudem bereits im fast vergessenen Jahr 1931! Denn ich war im Grunde immer Landwirt vom Beruf, habe das Bücherschreiben nur als Nebenberuf betrieben."

 

1930 - 1936

Aus dem Einkommen der "Armee hinter Stacheldraht" finanziert Dwinger Reisen, die ihn und seine Frau in die Türkei, nach Griechenland, Nordafrika und in die USA führten.  Einen beträchtlichen Teil steckte er in die Erweiterung des Hedwigshofes. 

Auszeichnung mit dem  "Dietrich-Eckart-Preis" (1935). 
Ernennung zum Reichskultursenator und Obersturmführer in einer 
SS-Reiterstandarte.

Dwinger wird auf seine politische Zuverlässigkeit von den Nationalsozialisten geprüft (1935) und aufgrund seiner früheren Werke "Die Armee hinter Stacheldraht", "Zwischen Weiß und Rot" und "Wir rufen Deutschland" eine einwandfreie Gesinnung attestiert.

 

 

So wurde 1935 in einem deutschen Propagandaplakat  die Angst vor dem  Bolschewismus dargestellt.


1936

Es erscheint das Buch "Und Gott schweigt?", welches sich hauptsächlich mit der politischen und wirtschaftlichen Seite des Kommunismus befasst und in dem er zur Bekämpfung der Gefahr aus dem Osten aufruft. 

" [Diese Geschichte ist]  aus dem wahrheitsgetreuen Bericht eines jungen Kommunisten entstanden, der im Sommer 1933 nach Sowjetrussland emigrierte. Sie hat darum auch kein anderes Ziel, als über seine Erlebnisse sachlich zu berichten - möge sie dem deutschen Volke zur Waffe in jenem Kampfe werden, den wir als den entscheidenden unseres Jahrhunderts erwarten müssen."

Und Gott schweigt S. 3


In diesem Buch nimmt Dwinger auch erstmals Stellung zu Hitlers 
3. Reich und rechtfertigt die totalitäre Staatsform, die er als einzige erfolgreich dem Kommunismus Einhalt gebieten kann. "Als berufenste Weltmacht für diesen Unternehmen eignet sich natürlich das neuerstandene Deutschland am besten."

(C. S. 174)

1936 (Sept. - Nov.)

Dwinger erhält von den "Münchener Neuesten Nachrichten" den Auftrag, vom Spanischen Bürgerkrieg als  Korrespondent zu berichten. Er erlebt den Krieg aus seiner Sicht - im Gegensatz zu Hemmingway -  "auf der richtigen Seite" und wird auch von Franco empfangen und hält die Eindrücke im  "Tagebuch einer Frontreise" fest.

 

Madridfront, 1936 - Foto von Erich Andres (1905 - 1992)
Deutsche Journalisten an der Madridfront: 
sitzend Dr. Colin Roß, Helmut Kurth, rechts in Lederweste Edwin Erich Dwinger im Dorf Yunkos.

1937

Erscheinen des Buches "Ein Erbhof im Allgäu"

Besprechung des Lyrikers Konrad Weiss (1880 - 1940) in den "Münchener Neuesten Nachrichten"

" Einst war er Soldat, jetzt ist er Bauer," das ist eine der kurzen Selbstbesinnungen in diesem Buche, die ein wenig vom erstaunen des Lebens über sich selbst enthalten. Auch gibt es Stellen über Pflicht de Bauern gerade im heutigen politischen Tage. Also ist das Buch keine Dichtung? Nein. Und auch kein Vergnügen? Zum mindesten nicht im üblichen Sinne des älteren Bauernschrifttums. Aber es ist ein rechter und voller Genuss für den Leser, der etwas rechtes vom Lande wissen will, und noch mehr für den, der selber vom Lande ist. Wer aus einer Ackergegend kommt, lernt hier die Schönheit der Wiesenhöfe kennen, samt den besonderen Gesichtspunkten der Hochlage im Allgäu. Der Hofherr des Hedwigshofes ist stolz auf sein Bauernwesen. Die Siloeinrichtung, die Düngungsarbeit, das Heumachen mit den Heintzen [siehe Foto im Titel], die Rodung und Urbachmachung, die Viehzucht und noch ein Stück Pferdedressur, da ist im Laufe des Jahres der Stolz und das wechselnde Thema."

(Josef Wulf, Literatur und Dichtung im Dritten Reich. 
Eine Dokumentation, 1963, S. 354)

 

 

Die Mannschaft (Berlin: Limpert, 1937), Bd. 2.

 

1937 - 1939 

IM "Erbhof im Allgäu" schreibt Dwinger (S. 142 ff.):

"So geht der Winter hin, jetzt muß der Hofherr allerdings oft fort, nicht den ganzen Winter kann er so leben, in vielen Städten verlangt man ihn zu hören. Da ist er denn oftmals viele Wochen fern, aber er ist es immer sehnsüchtigem herzen, wenn auch aus der ländlichen Stille heraus Leben und Anblick der Stadt nie ermüdend wirken, sondern im rechten Maß verwunderlich bereichernd. So hindert eines den Überdruß am anderen, ist das ganze ein atmender Kreis aus zwei Sektoren, die sich gegenseitig immer wieder frische Farben geben. Kehrt er dann aber zurück, ist es ihm immer eine Heimkehr in einem Sinne, der mehr als dieses schlichte Wort umfaßt
 . . . "

 

1939 - 1945
(Kriegszeit)

Dwinger wird zum SS-Obersturmführer ernannt. Dieser Rang war nicht durch besondere Dienste für die SS zustande gekommen, sondern war ihm lediglich als Titel für seine "Verdienst für die Reiterei" (Ehrenführer) verliehen worden. Er erlebte den Einzug der deutschen Truppen in Polen teilweise als Berichterstatter. Zum aktiven Dienst wurde er schon wegen seines Alters und der Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg nicht eingezogen.

Nach dem Polenfeldzug schließt sich Dwinger der 10. Panzerdivision des befreundeten Generals Guderian an. Die Erlebnisse veröffentlicht er unter dem Titel "Panzerführer".

September 1941: Dwinger erhält mit einem besonderen Ausweis des Reichsführers Himmler die Gelegenheit die deutsche Front in Russland zu besuchen. Er verbringt mehrere Wochen in der Gesellschaft hoher Offiziere und Funktionäre hinter der Front. Die Aufzeichnungen werden in "Wiedersehen mit Sowjetrussland" verarbeitet. Vor allem stellt er dar, wie der Kommunismus das russische Volk entwürdigt hat und welche Pläne nach der Vernichtung des Kommunismus sich verwirklichen ließe. 

" Und überall, so weit das Auge schweifte, wogendes Korn! Mag es jetzt weitergehen wie es will, dachte ich dankbar, die haben wir jedenfalls erreicht! Diese tausende Quadratkilometer wogenden Korns, die wir in diesem Sommer durchfuhren, die sind das uns nie wieder entreißbare Brot unseres Volkes . . . Und ist das nicht eigentlich der tiefste Sinn dieses Feldzuges, den eigenen Kindern hier für alle Zeit das Brot wiederzugewinnen, jenes teure Brot, das dieser Staat doch nur in Zehntausenden zermalmender Tanks verwandelte, in Hunderte von Eisenwerken zur Aufstellung unzähliger mörderischer Geschütze."

"Wiedersehen mit Sowjetrussland"  S. 163-164

1941

Dwinger "Rede zum Tage des Buches im Ausland"

Quelle: Chronologie Dwinger von Gerd Simon

Verweis auf Führerrede auf dem Nürnberger Reichstag. Sprach aus,„was uns für immer zu Todfeinden des heutigen Ostens macht.“

„Ein kommunistischer Sieg über Deutschland bedeutet die Bolschewisierung Europas.“ „…folgte der ersten Erhebung im Jahre 33 zur Errettung des eigenen Volkes die zweite Erhebung zur Verteidigung des gesamten Abendlandes…“ 

„Ihnen im Ausland kommen täglich Zeitungen zu Gesicht, in denen einst ‚deutsche’ Schriftsteller sich darüber gehässig verbreiten, dass man ihre Werke aus der dt Buchwelt

ausmerzte – sie haben eben bei allem Intellekt bis heute noch

nicht erkannt, dass wir ihren publizistischen Tod nur ein wenig verfrühten, dass sie zwischen den ungeheuren Mahlsteinen der neuen Fronten ohnedies zermahlen, in jenem Pulverhaufen ohnedies verbrannt worden wären … und in dem in kurzer Zeit alles verbrannt wäre, wenn das grösste Volk Europas sich nicht erhoben hätte, um der langsamen Vergiftung endgültig Einhalt zu gebieten!“ „… ob es der Gedanke vom bäuerlichen Blut ist, oder der von der rassischen Erneuerung unseres Volkes, der von der Feierabendgestaltung durch die Kulturgemeinden, oder jener von Führer und Gefolgschaft in den Betrieben – dort wird er [der Kritiker] erst in seiner ganzen Tiefe erfassen, dass die Erweckung dieser Gedanken unsere Rettung ist, und dass sie wahrhaftig im letzten Augenblick zu uns kam!“

 

1946

Vor der Spruchkammer : hier mehr zu den Seeger Zeugen...

 "Es kam natürlich auch der SS-General zur Sprache, obwohl ich nie mehr als Obersturmführer gewesen war. Hätte ich jemals das geringste für die SS getan, wäre ich zu jedem Führer-Geburtstag einen Rang gestiegen, denn das war bei den Ehrenführern das übliche. Bei meinem Namen wäre wie bei Hanns Johst der General das gemäße gewesen, so aber behielt ich bis zum letzten Tag den zweitniedrigsten Rang des Obersturmführers. ...

Der 'Reichskultursenator' war der letzte harte Brocken, er wurde dadurch weitgehend zerkaut, daß selbst 'Staatsrat' Gründgens längst wieder ein berühmter Mann war, dem niemand deswegen auch nur noch das geringste nachtrug."

Aus "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) - Seite 225: 

Wohl zwischen 1947 und 1955 verfasst

"Das war Theresienstadt"

Raphael Dwinger, der Enkel Dwingers, und Tobias Ginsburg (Inszenierung, Text und Recherche für das Dokutheater "Nestbeschmutzung") fanden im Oktober 2009 im Nachlass einen undatierten und unveröffentlichten Text, der an das Literaturarchiv "Monacensia" in München übergeben wurde.

Er schildert darin in grausamen, unerträglichen Details was angeblich den Deutschen nach der Befreiung von Theresienstadt im Mai 1945 durch Juden angetan worden sei. Dieser Text aus der Feder des Mannes, der auf Einladung Himmlers die Verbrechen gegen Juden und Partisanen gesehen hat, wirft ein bezeichnetes Licht auf seine Einstellung und Persönlichkeit. 

 

1957

Veröffentlichung des utopischen Kriegsromans "Es geschah im Jahre 1965"

In diesem beschreibt Dwinger einen atomaren Weltkrieg und erregt wegen seiner drastischen Schilderungen einer nuklearen Katastrophe großes Aufsehen. Der Roman endet so:

"Ach Liebste", sagte er darauf. "Das gilt doch alles nicht mehr, was noch vor diesem Kriege galt. - Denn was in ihm geschah, ging einfach über unsere Kraft, ging über jede Menschenkraft hinaus . . . Nun gelten neue Gesetze, gelten neue Werte . . . " ... Wir müssen eben neue Maßstäbe finden, denkt auch er, um dieser Zeit gerecht zu werden . . Mit diesem Gedanken umarmt er sie, schließt er ihren Mund in einem Kuß.

In diesem Augenblick fängt über ihnen das Radio zu schnarren an, ruft gleich darauf eine feierliche Stimme in den kahlen Raum: "In Berlin wurden die beiden deutschen Staaten vereinigt - gleichzeitig 'Die Vereinigten Staaten von Europa' konstituiert . . . "

1962: 
Die Kubakrise war eine äußerst ernste Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion. Auslöser war die Stationierung US-amerikanischer, nuklearer Mittelstreckenraketen in Italien und der Türkei im Jahre 1959, gefolgt von der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba 1962. Die Kubakrise wird als Höhepunkt und gleichzeitig als Wendepunkt in der Geschichte des Kalten Krieges angesehen. Niemals zuvor war ein Atomkrieg so wahrscheinlich wie zu diesem Zeitpunkt.

1957

Veröffentlichung des utopischen Kriegsromans "Es geschah im Jahre 1965"

In diesem beschreibt Dwinger einen atomaren Weltkrieg und erregt wegen seiner drastischen Schilderungen einer nuklearen Katastrophe großes Aufsehen. Der Roman endet so:

"Ach Liebste", sagte er darauf. "Das gilt doch alles nicht mehr, was noch vor diesem Kriege galt. - Denn was in ihm geschah, ging einfach über unsere Kraft, ging über jede Menschenkraft hinaus . . . Nun gelten neue Gesetze, gelten neue Werte . . . " ... Wir müssen eben neue Maßstäbe finden, denkt auch er, um dieser Zeit gerecht zu werden . . Mit diesem Gedanken umarmt er sie, schließt er ihren Mund in einem Kuß.

In diesem Augenblick fängt über ihnen das Radio zu schnarren an, ruft gleich darauf eine feierliche Stimme in den kahlen Raum: "In Berlin wurden die beiden deutschen Staaten vereinigt - gleichzeitig 'Die Vereinigten Staaten von Europa' konstituiert . . . "

1962: 
Die Kubakrise war eine äußerst ernste Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion. Auslöser war die Stationierung US-amerikanischer, nuklearer Mittelstreckenraketen in Italien und der Türkei im Jahre 1959, gefolgt von der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba 1962. Die Kubakrise wird als Höhepunkt und gleichzeitig als Wendepunkt in der Geschichte des Kalten Krieges angesehen. Niemals zuvor war ein Atomkrieg so wahrscheinlich wie zu diesem Zeitpunkt.

1966

Publikation der  "Die zwölf Gespräche 1933-1945" 

 

 

17.12. 1981
mit 83 Jahren

Edwin Erich Dwinger stirbt in Gmund am Tegernsee 

Seine Grabstätte befindet sich auf dem Seeger Friedhof.

 

 

 

ZUM SEITENANFANG

 

 

DWINGER HEUTE

2000

Einar Schleef brachte am Deutschen Theater in Berlin Verratenes Volk nach Texten von Milton, Friedrich Nietzsche,  Dwinger und Alfred Döblin zur Aufführung.

Texte aus der "Armee ohne Stacheldraht" von Edwin Erich Dwinger, später aus Alfred Döblins "November 1918". Gefangenschaft in Rußland. Schleef zelebrierte  seine kriegerische Homoerotik. Soldaten, gefesselt, küssen einander brennende Zigaretten aus den Mündern. Sie vergewaltigen reihum einen Kameraden. 

 

Süddeutsche Zeitung 31.5.2000

"Dann trat der Satan in Einar Schleefs Gestalt auf und zitierte Nietzsche, gefolgt von einer halben Stunde ekstatischen Rezitationstheaters. Eine elf Mann starke Truppe in lausigen Militärmänteln fixierte den Bühnenhimmel und skandierte Dwinger in stampfenden Chorrhythmen. "Die Wüste vor mir ist lichtkalt wie eine Mondlandschaft.“ Edwin Erich Dwinger erinnert sich an eine Kriegsgefangenschaft, ein Text über die sibirische Kälte des Krieges. Da hatte Schleef seine Hauptdarsteller also zusammen: Satan, Nietzsche, Vater Krieg. Nach einer zweiten Pause saß dann, wie vorher Inge Keller, Jutta Hoffmann als Rosa Luxemburg an der Rampe. Nach einem zweistündigen Vorspiel begann ein dreieinhalb Stunden durchhängender Theaterabend, obwohl mit Jutta Hoffmann die Schauspielkunst ins DT zurückgekehrt war. Die Zeit um 1918 war ausgebrochen: Kriegsende, Hungerjahre, Untergang der Monarchie, Novemberrevolution, Scheidemann, Ebert, Liebknecht. Und Rosa natürlich."

 

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EINSCHÄTZUNGEN

In Lexikas

Aus "Der"Große Herder",  1954, Bd. 3, Sp. 129

Aus "Meyers Enzyklopädisches Lexikon", 5. Aufl. 1973, Bd. 7 S. 357

von Adolf Frise,

(Vergleich mit Carossa und Ernst Jünger)

Neue Rundschau
44, 1, 1933, 840-50

 

"Werk und Gestalt Edwin Erwin Dwingers haben weder im Bereich der Dichtung ihre Keimzelle noch münden sie in diese ein; sie stehen in der Spanne zwischen Wort und Tat, fanatisch den Erneuerungen der Welt zugewandt, mit denen der vergangene Krieg begann."

Adolf Frise, Journalist, Kritiker und Herausgeber der Werke Robert Musils, wurde 1910 in Euskirchen (Rheinland) geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München, Berlin und Heidelberg. Danach lebte er in Berlin, wo er als freier Mitarbeiter der Vossischen und der Frankfurter Zeitung, der Neuen Rundschau, der Literatur und der Tat literarische Essays und Erzählungen schrieb. In diese Zeit fielen die entscheidenden Begegnungen mit bekannten Schriftstellern wie Hans Carossa, Gottfried Benn und Robert Musil. Der erste Briefwechsel mit Robert Musil geht auf den Januar 1931 zurück. Im Dezember des gleichen Jahres erschien seine Besprechung des "Mann ohne Eigenschaften" und im Juni 1933 die zweite über die weitere Folge des Romans. Im April 1935 veröffentlichte er den Essay "Robert Musil oder vom Grenzschicksal der Kunst". Zu Kriegsbeginn wurde er ständiger Mitarbeiter der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Berlin und nach seiner Einberufung zum Militär war er bis zum Kriegsende Nachrichtensoldat. Nach 1945 arbeitete er als Redakteur an Tages- und Wochenzeitungen, 1956 bis 1975 als Kultur-Redakteur am Hessischen Rundfunk. 1951 bis 1957 Arbeit an der ersten Edition einer Musil-Gesamtausgabe, 1967 bis 1980 Arbeit an neuen weiteren Musil-Editionen: Tagebücher, Gesammelte Werke, Briefe. Im Juni 1979 wurde Adolf Frise zum Ehrenpräsidenten der Internationalen Robert-Musil-Gesellschaft gewählt. Am 2. Mai 2003 starb Adolf Frise in Frankfurt am Main.

 

Gerd Simon
unter Mitwirkung
von Ulrich Schermaul


Philologiehistorischer Forschungs-
auftragsdienst

 (Universität 
Tübingen)

Dwinger gehörte wie Beumelburg und der Präsident der Reichsschrifttumskammer Johst zu den SS-Barden, die mit Himmlers Unterstützung „frei gestellt“ wurden, um im besetzten Russland „Eindrücke“ zu sammeln für Dichtungen, von denen die tonangebenden Nationalsozialisten sich wohl mehr oder weniger eine Art ‚Nibelungen-Epos’ versprachen.

Dwinger kommt im Drang, sein früh abenteuerliches Leben zu verarbeiten, zur Dichtung. Als Sohn eines Marineoffiziers an der Waterkant groß geworden, landet er im 1. Weltkrieg 16jährig in einem Dragonerregiment an der Ostfront, wird verwundet und gerät in russische Gefangenschaft. Er erlebt dort die Oktoberrevolution mit, kämpft in Sibirien gegen die Sowjets und gerät erneut in Gefangenschaft. Aus dieser zurückgekehrt, lässt er sich 1920 im Allgäu als Landwirt nieder.

Dwinger ist schon eine gewisse Berühmtheit, als Goebbels ihn in den >Reichskultursenat< beruft. In der Folge hat er nicht nur mit Goebbels, sondern auch mit Himmler zu tun, der ja wie er gelernter Landwirt ist.

Den 2. Weltkrieg begleitet er literarisch zunächst mit Legitimationsdichtungen. Himmler beruft ihn in seine Umgebung als eine Art „Hofberichterstatter“. Vom Oberkommando der Wehrmacht erhält er den Auftrag, an einem Film über den Ostkrieg mitzuwirken. Dwingers Liebäugelei mit dem russischen Dissidenten General Wlassow führt dann zu einer Entfremdung zur SS.

Nach dem Krieg wird Dwinger unter öffentlichen Protesten als simpler Mitläufer entnazifiziert. Seine Behauptung, er habe Verbindungen zum Widerstand gehabt, nimmt ihm kaum jemand ab.

Karl Schlögel

"Erich Edwin Dwinger und der deutsche Ostkomplex"

Europas Osten in der Wahrnehmung der Deutschen
auf dem Deutschen Historikertag 2004
14.-17.9.2004 in Kiel

 

Schlögel behandelte einige Fragen, die sein  Oeuvre, sein künstlerischer und politischer Werdegang,  seine Rezeption und das Vergessen seiner Person aufwerfen.

 

 

Edwin Erich Dwinger, als Sohn eines deutschen Marineoffiziers und einer Russin am 23.4.1898 in Kiel geboren, gestorben am 17.12.1981 in Gmund am Tegernsee, ist eine Monumentalgestalt der deutschen Trivialliteratur. 

Sein Werk ist überaus umfangreich, es spielt in drei verschiedenen Epochen – Weimarer Republik, Drittes Reich, Nachkriegs-Westdeutschland. Seine Bücher haben Riesenauflagen erlebt und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Dwinger wurde zeitweilig als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er war ein Parteigänger der nationalbolschewistischen und extremen Rechten. Seine Themen sind dem „europäischen Bürgerkrieg“ entnommen. Zudem lassen sich alle Topoi deutscher Faszination durch “den Osten” an diesem “Chronisten seiner Zeit” -  von “Armee hinter Stacheldraht” (1929) bis zu den “12 Gesprächen” (1966) - zeigen. 

Das Seltsame ist: Mit dem Mann und  seinem Werk hat sich bisher niemand (sieht man von seiner Randexistenz bei Klaus Theweleit ab) auseinandergesetzt. Das sagt nicht nur über ihn etwas aus, sondern auch über die Germanistik und Geschichte im Deutschland nach Hitler. 

 

Literatur von Schlögel: "Sibirien ist eine deutsche Seelenlandschaft. Rußland als Projektionsfläche deutscher Träume und Albtärume im zwanzigsten Jahrhundert: Die Romane von Edwin Erich Dwinger". 
In: F.A.Z. vom 7.Mai 1998, S.44

 

In der Frankfurter Rundschau 12 03 2002 schreibt Karl  Schlögel unter dem Titel:
Die Sprache des Krebses -
Der neue Grass und die Erinnerung an die Vertreibung

Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt. Wofür der eine fast gesteinigt wird, dafür wird der andere über den grünen Klee gelobt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Vor allem aber ist es eine Schande. Wo der eine als Tabubrecher und Praeceptor der Nation gefeiert wird, wird der andere als gefährlicher Revisionist abgestempelt. Andreas Hillgruber, der Kölner Historiker, eine der internationalen Kapazitäten der Forschung zum Zweiten Weltkrieg, hatte 1986 in seinem Essay Zweierlei Untergang nichts anderes getan als was Günter Grass jetzt in seiner Novelle Im Krebsgang versucht hat: die Tragödie der deutschen Vertriebenen am Ende des Zweiten Weltkrieges zur Sprache zu bringen.

Hillgruber war sich der Riskanz seines Unternehmens vollständig bewusst und schrieb einen nachdenklichen und sorgfältig formulierten Text. Ihm ging es nicht um einen Tabubruch, sondern um das Problem, wie man eine Sprache findet für etwas, wo einem die Sprache stockt: für eine geschichtliche Katastrophe, die im Schatten einer anderen geschah und über die zu sprechen fast unmöglich geworden war, weil sie allzu leicht als Apologie verstanden werden konnte, sei es als Vergeltung, als "logisches Resultat" der deutschen Verbrechen oder als "das andere Kriegsverbrechen", das mit den eigenen verrechnet werden konnte. Maßgebliche moralische Autoritäten der späten Bundesrepublik sind damals über Hillgruber hergefallen und haben ihn des Revisionismus bezichtigt, was im Zusammenhang des deutschen Historikerstreits so etwas wie eine moralische Exkommunikation war. Niemand hat sich seither bei ihm dafür entschuldigt. Dafür ist es jetzt auch zu spät, denn Andreas Hillgruber ist bereits 1989 verstorben. . . .

Der dramatische Stoff, aus dem das Verstummen, das Schweigen der Deutschen gemacht ist, wird [von Grass] nicht einmal angefasst. Das wäre eine Geschichte vom heillosen Ineinander von schlechtem Gewissen und Kränkung, von Verstocktheit und Gebrochenheit, von Selbstgerechtigkeit und Revanchegelüsten, von Verklemmtheit, auch von Feigheit gegenüber den neuen Zeiten, kurz: es wäre der ziemlich komplizierte Bericht vom Innenleben der so tief gefallenen Nation geworden, und wie sie sich wieder rappelt. Über weite Strecken eine Phänomenologie des Sichfügens ins selbstverschuldete, aber eben nicht nur selbstverschuldete Unglück.

Vielleicht wäre dabei auch herausgekommen, dass es historische Konstellationen gibt, in denen eine Sprache, die nicht einmal ausreicht das Unglück der einen zu fassen, erst recht nicht dazu taugt, auch noch das Unglück der anderen zu erfassen. Es tritt dann ein, was Wittgenstein wohl im Sinne gehabt hat, als er sagte: Wovon man aber nicht sprechen kann, soll man schweigen. Was nichts anderes ist als das Eingeständnis, dass es historische Erfahrungen gibt, für deren - literarische, künstlerische, wissenschaftliche - Bewältigung die Zeit noch nicht gekommen ist.

Aber bei Grass kommen die bundesrepublikanischen Geh- und Beschreibungsversuche, an denen es nicht fehlt, und die lehrreich genug sind, nicht vor. Denken wir - idealtypisch - an Edwin Erich Dwingers in hoher Auflage verkauften Roman Wenn die Dämme brechen, der von der Eroberung Ostpreußens und der Flucht handelt. Dwinger, der mit Armee hinter Stacheldraht weltberühmt geworden war und zuvor schon in Spanien, Polen und nach 1941 auch im Russlandfeldzug dabei gewesen war, hatte nicht nur über Flucht und Vertreibung geschrieben, sondern diese als Bühne für etwas ganz anderes verwendet: für eine Mobilmachung gegen den alt-neuen Feind im Kalten Krieg, den Bolschewismus. Die Geschichte der Vertreibung wird lediglich benutzt für eine aktuelle, tagespolitische Botschaft.  Die Vertriebenen werden, wie es so heißt, instrumentalisiert - und sie haben es mit sich geschehen lassen, solange sie damit gut fuhren.

Die Hochzeit solcher Literatur war vorbei als der Kalte Krieg zu Ende ging. Der Wind hatte sich gedreht. Der Ausgleich mit den Staaten des Ostblocks ließ jede Erinnerung an die Geschichte der Vertreibung als Störung der Neuen Ostpolitik erscheinen. Eine ganze Generation, die in den sechziger Jahren das Schweigen über den Holocaust gebrochen hatte, übte sich nun in ein anderes Schweigen ein: Flucht und Vertreibung waren von nun an nur noch die Sache von "ewig Gestrigen". Es war obsolet geworden, vom größten "Bevölkerungstransfer" der Geschichte zu sprechen. Es gab keine Zeit, bald auch keine Anteilnahme mehr für diese andere Geschichte, und in der Tat blieben die Vertriebenen unter sich, irgendwie mit Misstrauen beobachtet. Die Kultur des Verdachts und der Verdächtigung gegen alles, was mit Vertreibung, mit Verlust des deutschen Ostens zu tun hatte, gehörte zu dem was man als "politische Kultur" der späten Bundesrepublik bezeichnen kann.

 ...

Vielleicht wird es aber einfach nur still, weil aus der Vergangenheit Geschichte wird und endlich die Arbeit getan werden kann, zu der wir im Getümmel der Rechthaberei und im Eifer derer, die immer schon wussten, wie es war, bisher nicht gekommen sind: die Geschichte von Umsiedlung und Vertreibung in Europa aufzuschreiben und zu erzählen. Nicht im Krebsgang, auch nicht als der Igel, der immer schon da ist, sondern der Reihe nach und mit allen Verwicklungen. Einfach so. Es ist schwierig genug."

 

 

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THOMAS KÖHLER (Münster)  in seinem Vortrag „Der Ruhrkampf als völkische Erweckung"

Vom 12.–13. September 2008 fand im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/IV in Dortmund die Tagung „Die Entdeckung des Ruhrgebiets in der Literatur“ statt, geplant und ausgerichtet vom Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt Dortmund, der Stadtbibliothek Duisburg und der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets Bochum.

THOMAS KÖHLER (Münster) blieb in seinem Vortrag "Der Ruhrkampf als völkische Erweckung. Edwin Erich Dwingers Roman ‚Der Glaube an Deutschland’ und Erlebnisschilderungen von Freikorpskämpfern über den ‚Grenzkampf im Westen’“ im Rahmen der historischen Epoche der Weimarer Republik. Köhler konzentrierte sich auf Analyse und Dechiffrierung durch die Literatur generierter Geschichtsbilder anhand der in den Werken Edwin Erich Dwingers (1898–1981) und Ernst von Salomons (1902–1972) evozierten Instrumentalisierung und Überhöhung des Ruhrkampfes zum heroischen Kampf gegen den Kommunismus.

 

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HELMUT HÖGE

in der  taz  vom 15.3.2003, Seite 13-14,

Bis auf Schussweite

Schriftsteller in Uniform: 
Während Jaroslav Hasek im "Schwejk" den Partisanenkampf in den Alltag tragen wollte, träumte Edwin Erich Dwinger in seinen Romanen von einem neuen Soldatentypus

 

"In den Dreißigerjahren wurden zwei Kriegsschriftsteller berühmt: ein halbrussischer Fähnrich der preußischen Kavallerie, Edwin Erich Dwinger, und ein tschechischer Unteroffizier des KuK-Heeres: Jaroslav Hasek. Ihre "Frontfeuilletons" könnten nicht unterschiedlicher sein.

Dwingers Trilogie "Die Deutsche Passion" feiert den soldatischen Mann und beschwört die Treue zwischen Führern und Gefolgschaft. Während Hasek in den "Abenteuern des braven Soldaten Schwejk" die List und den Überlebenswillen der kleinen Frontschweine preist. Sein Antimilitarismus hat noch bei dem alten Offiziersliteraten Ernst Jünger Bestrafungsreflexe ausgelöst: "Dass dieser Hanswurst der Anarchie auch in Deutschland das Entzücken der Kenner hervorgerufen hat, ist das Symptom eines Zustandes, der einer anderen Behandlung bedarf als der literarischen", schrieb er. Dem humorlosen Dwinger war Jünger immer ein Vorbild.

Hasek und Dwinger sind sie sich persönlich mehrmals nahe gekommen - bis auf Schussnähe! Der Prager Bohemedichter Hasek desertierte 1916 an der russischen Front und schloss sich zunächst der tschechischen Legion an. Dann trat er zur Roten Armee über, die ihn im ukrainischen Städtchen Bugulma als Ortskommandanten einsetzte. Im sibirischen Irkutsk, wo man ihn noch heute in guter Erinnerung hält, war er dann als Armeekommissar nicht nur Herausgeber dreier Zeitungen (auf Ungarisch, Mongolisch und Deutsch), sondern auch für die in den sibirischen Lagern internierten Kriegsgefangenen verantwortlich.

Zu diesen zählte der schon 1914 an der Front verwundete junge deutsche Fähnrich Dwinger. Als 1917 die Lager geöffnet wurden, schloss er sich den konterrevolutionären Truppen des Generals Koltschak an. Diese rückten erst bis zum Ural vor, flüchteten jedoch vor den Roten bis hinter den Baikalsee zurück, wo Dwinger sich mit einigen anderen deutschen Kriegsgefangenen den Rotarmisten ergab. Damit war wieder "Kommissar Gaschek" für sie verantwortlich. Hasek setzte die Deutschen in den Zug. Zurück in ihre Heimat.

Auch er selbst fuhr wenig später nach Hause. Das Zentralkomitee in Moskau hatte ihn angefordert, damit er in Böhmen die dortige KP auf Vordermann bringe. Kaum war er wieder in Prag, mit seiner sibirischen Frau, erlahmte seine Parteidisziplin. Er saß nur noch in Kneipen, wo er vor allem am "Schwejk" schrieb, den er jedoch nicht mehr beenden konnte. 1923, im Alter von 40 Jahren, starb er.

Dwinger veröffentlichte als Erstes seine sibirischen Lagererinnerungen, dann einen blutrünstigen Bericht über den vergeblichen Kampf der Koltschak-Truppen und schließlich einen Roman über eine von ihm nach der Heimkehr eingerichtete Anlaufstelle auf einem Gutshof in Ostpreußen, wo seine Kameraden sich bei leichter Landarbeit erholen und neu orientieren sollten. In Dwingers Rehalager für Sibirientraumatisierte ist noch nicht entschieden, wohin die Reise geht. Deswegen sind in ihren "Talking Cures" noch alle Argumente - von links bis rechts - erlaubt.

. . .

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion dreht sich diese Geschichte noch einmal. Auch Dwingers Karriere nahm 1941 eine neue Kurve: Himmler ernannte ihn den SS-Obersturmbannführer zum Chefideologen des Ostfeldzugs - dann fiel er jedoch in Ungnade, als er sich für eine größere Autonomie der überrollten russischen Minderheiten einsetzte, weil er meinte, nur mit ihnen könne der jüdisch-russische Bolschewismus besiegt werden. Seine Frau konnte Dwinger deswegen nach dem Krieg als einen halben Widerständler hinstellen. Über das traurige Schicksal der von den Deutschen gegen die kommunistischen Partisanen eingesetzten Kosaken und des umgedrehten Generals Wlassow schrieb er zuletzt auch noch zwei dicke Romane - als Epitaphe.

Man könnte vielleicht sagen, dass Dwinger selbst den Bürgerkrieg sich nur als einen soldatischen Kampf vorstellte, während es bei Hasek genau umgekehrt war: Der Kampf gegen das Militär und alles Militärische ist ein Bürgerkrieg. Heute, da die meisten Staaten ihren Soldaten ein Leben als "Bürger in Uniform" versprechen - ein Leben, nicht den Tod -, spiegelt sich der Gegensatz zwischen Partisanenkampf und Soldatentum zum einen in fortwährenden "Schwejkiaden" und zum anderen in immer wiederkehrenden "Heydrichiaden" wider.

 

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Sarkowicz Hans / 
Alf Mentzer: 

Literatur in Nazi-Deutschland. 
Europa Verlag, Hamburg/Wien,

 September 2000, S. 136 - 138

Im Vorwort stellen die Autoren die weiterführende Frage, welchen konkreten Einfluss die jeweiligen Schriften und Bücher auf die Leser, auf andere Schriftstellen und die nachfolgenden Generationen hatten. Dies zu beurteilen maßen sich die Autoren in nicht an. 

"Was lösten beispielsweise Dwingers Tod in Polen, Ettinghofers Verdun oder Zöberleins Glaube an Deutschland an Emotionen aus? Millionenfach wurden sie gekauft, in Tornister mitgeschleppt und 'verschlungen'. Dienten Bücher wie etwa Dwingers übles antipolnisches Machwerk Soldaten und NS-Funktionären dazu, ihre Politik, in diesem Fall das brutale Vorgehen in Polen, zu rechtfertigen?" Sie beziehen sich hierbei auf  das Werk Der Tod in Polen (1940),  in dem Dwinger die Antideutschen Ausschreitungen 1939 in Bromberg als ' typische Reaktion minderwertiger Charaktere' charakterisiert , 'die damit selbst die polnische Nation aus der Reihe der Kulturvölker löscht.'

Sie nehmen auch kurz Stellung zu Dwingers nach 1945 aufgestellten Behauptung, dass auch seine Bücher bei den Bücherverbrennungen dabei gewesen seien. Sie halten dies für möglich, denn:  "Welche Bücher wirklich auf dem Scheiterhaufen brannten, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen." 

Die Autoren weisen auf den "außergewöhnlichen kommerziellen Erfolg" der Triologie Die deutsche Passion hin, "den die nationalistisch orientierte Kritik mit zum Teil euphorischen Rezensionen begleitete. Aber auch die kommunistische Presse glaubte an Dwingers 'objektive' Berichterstattung. Über Zwischen Weiß und Rot schrieb Johannes R. Becher 1931 in der Zeitschrift Literatur und Weltrevolution, daß der Roman 'wider Willen des Verfassers zu einem großartigen Bekenntnis zum Bolschewismus wird'. Dwinger wollte aber gerade auf die Gefährdung der bürgerlichen Ordnung durch den Kommunismus aufmerksam machen und für eine 'Synthese aus Kollektivismus und Individualismus' werben. Solche eine neue nationale Gemeinschaft beschrieb er in Wir rufen Deutschland. Mit diesem heftig umstrittenen Roman legte er ein indirektes Bekenntnis zum nationalsozialistischen Staat ab."

"Zur raffinierten Werbung für den NS-Staat wurde Und Gott schweigt ...? (Jena 1936), die Geschichte eines jungen Kommunisten, der 1933 aus dem Deutschen reich in die Sowjetunion emigriert und dort angesichts der 'kommunistischen Wirklichkeit' zum Nationalsozialismus 'konvertiert'. Das Buch wurde mit dem Wunsch Dwingers veröffentlicht, daß es 'dem deutschen Volke zur Waffe in jenem Kampf werden [möge], den wir als den entscheidenden unseres Jahrhunderts erwarten müssen".

Die Autoren zitieren auch aus Dwingers Weimarer Rede Der Bolschewismus und die Weltkultur (in: Rudolf Erckmann: Dichter und Krieger.. Hamburg 1943:

" Es gab tatsächlich keinen Zweifel mehr, diesen Menschen hatte man durch eine Propaganda, die in ihrer ungeahnten Totalität schlechthin alles umfaßte, unmerklich das ursprüngliche Gehirn operativ herausgeredet, sie konnten wahrscheinlich überhaupt nicht mehr selbständig denken, sondern das millionenmal Gehörte nur noch triebhaft tun . . . Das also wird aus einer Ideologie, wenn der primitive Russe und der Jude sich zu ihrer Verwirklichung anschickt . . . Wir aber wollen dies Land des Ostens seiner Urbestimmung zurückführen, die immer nur jene war, Brot zu beschaffen, nicht nur für unser eigenes Volk, sondern für die Gemeinschaft aller bedrängten Völker Europas!"

Abschließend weisen die Autoren auf Dwingers ihrer Meinung nach erfolglosen Versuch hin ( Die zwölf Gespräche 1933-1945 , 1966) sich als Widerstandskämpfer dazustellen. "Er distanzierte sich zwar deutlich vom Nationalsozialismus, aber nicht vom nationalistisch bestimmten Kampf gegen den Kommunismus."

 

 

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„Kultur und Kalkül - 
Der Eugen Diederichs Verlag 

1930–1949“ 

Dissertation 
von Florian Triebel, München

 

hier zum Volltext der Dissertation . . .

In Florian Triebels Dissertation wird auch die Verbindung von Dwinger mit dem Eugen Diederichs Verlag (EDV) eingehend untersucht. Hier Auszüge, die sich mit Dwinger befassen:

 

Eugen Diederichs schloß mit Dwinger, der sich später als erfolgreichster Autor des Unternehmens erweisen sollte, „im Juli 1929 einen Vertrag über ein Buch mit dem vorläufigen Titel ›Sibirisches Tagebuch‹. ...  In Hans Grimm hatte Dwinger zwar einen Mentor gefunden, der sich anerboten hatte, seinen Hausverlag Albert Langen in München dafür zu interessieren. Dessen Lektorat hatte den Text jedoch mit der Begründung abgelehnt, die »Häufung von Greuelszenen, diese widerwärtigen sexuellen Partien« riefen nur Ekel hervor. Überdies hatte die Verlagsleitung die Darstellung als »nicht so überzeugend echt und bisweilen allzu literatenhaft«(1) beurteilt. Ähnliche Bedenken gegenüber den Werken Dwingers spiegelten sich auch in zeitgenössischen Bewertungen wider. Auch wenn er in seiner Gesamtdarstellung der Literatur der Gegenwart grundsätzlich lobende Erwähnung für das Buch fand, schrieb Waldemar Oehlke im abschließenden Resümee:»Dwinger gehört zu den Erzählern, die man nicht um der Kunstform willen liest (die auch nicht besonders hoch steht), sondern [wegen] des Inhalts als solche[m]«.(2)  In einer anderen Überblicksdarstellung faßte Norbert Langer sein Urteil in die milderen Worte, Dwingers Darstellung bleibe »einfach und darum herzensnah«.(3)"

1 Andreas Meyer, Zwischen Bauhausbüchern und ›Volk ohne Raum‹, Teil 2,B 13.

Waldemar Oehlke, Literatur der Gegenwart (1942), S. 142. 

Norbert Langer, Die Deutsche Dichtung (1941), S. 40.

"Mit wenigen Ausnahmen konzentrierte die Verlagsleitung ihre Werbemaßnahmen

auf die erfolgverheißenden Neuerscheinungen einzelner Autoren. Hierzu gehörte vor allem Edwin Erich Dwinger, für dessen Bücher nicht nur Einzelprospekte erschienen, sondern für dessen Werke und Lesereisen vom Verlag auch Plakate gedruckt und an die Leseabende veranstaltenden Sortimente versandt wurden.(1)"

 1 Vgl. DVA, Akzidenzenmappe ›20.2.30 – 12.1.32‹.

"Edwin Erich Dwingers drei Bände der Deutschen Passion erschienen zeitgleich mit einer Reihe weiterer Weltkriegs-Romane von konservativ- nationalen Autoren in anderen Verlagen, die als Reaktion auf Erich Maria Remarques Im Westen nicht Neues den deutschen Buchmarkt nach 1929 überschwemmten. Die nationalen Literaten befürchteten, die Deutungshoheit über den verlorenen Krieg an die pazifistische Linke um Erich Maria Remarque und Arnold Zweig zu verlieren.  Ihre mit nationalistischen und völkischen Ideen durchtränkten Weltkriegs-Epen schilderten im Gegensatz zu Remarque und Zweig nicht so sehr die Schrecken und Wirrnisse des mechanisierten Krieges für den Einzelnen. Sie beschworen vielmehr den Korpsgeist der Soldaten im Feld und die an der Front bis zur Selbstaufopferung gelebten ›deutschen Tugenden‹. Die in der Nachkriegsgesellschaft der Weimarer Republik verbreitete ›Frontkämpfer-Ideologie‹, die den tapferen, ritterlichen, im Feld unbesiegten deutschen Soldaten verherrlichte, wurde durch diese Epen unterstützt und in Teilen mitgeformt. "

"Die Deutsche Passion Dwingers fügten sich nicht nahtlos in die Phalanx der national-konservativen Weltkriegsromane ein. Anders als diese handelte der erste Band seiner Trilogie Die Armee hinter Stacheldraht nicht von den Kämpfen selbst, sondern vom Schicksal der in Rußland gefangengenommenen deutschen Soldaten. In ihr zeichnete Dwinger in drastischen Bildern die Nöte und Schrecken der deutschen Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft. Deren Darstellung brachte Dwinger zunächst sogar wohlwollende Kritiken der pazifistischen Linken ein, die diese Passagen als Anklage gegen den Krieg im allgemeinen lasen.(1)"

1 Vgl. zum Beispiel die Urteile über die Armee hinter Stacheldraht, die der EDV in Auszügen im Prospekt: Edwin Erich Dwinger (Januar 1930), DVA, Prospektsammlung, abdrucken ließ. Neben Kritiken nationaler und konservativer Blätter fanden sich darunter auch kriegsablehnende Zitate. (»Wenn man Dwinger liest, ist es genau so wie wenn man Remarque liest« [Vossische Zeitung]; »Ein hohes Verdienst am Werke des Friedens« [Das Reichsbanner],aber auch: »Dwingers Werk ist kein Buch des Pazifismus« [Der Jungdeutsche]). Edwin Erich Dwingers 

"Damit griffen diese Kritiker jedoch zu kurz. Das eigentliche Ziel Dwingers in Armee hinter Stacheldraht und dem zweiten Band Zwischen Weiß und Rot war – neben der Verdammung des russischen Bolschewismus – die Darstellung einer ›deutschen Schicksalsgemeinschaft‹, die sich aus unterschiedlichsten Charakteren in der Notlage der Kriegsgefangenschaft formte. Diese Gemeinschaft schloß die Widerwilligen und ›Unbrauchbaren‹ aus, die sich entweder später reumütig der Gemeinschaft anschlossen oder als Außenseiter elend zugrunde gingen. Es lag nahe, das literarische Vorbild auf die sich zuspitzende politische und soziale Situation am Ende der Weimarer Republik zu transponieren. Aus seinen Büchern ließ sich also die Forderung herauslesen, in der aktuellen Notsituation des gesamten deutschen Volkes eine ähnliche ›Schicksals- und Volksgemeinschaft‹, einen »Frontsoldatenstaat«(1) zu bilden. Wie sich im abschließenden Band der Trilogie zeigt, treffen solche Interpretationen Dwingers Intentionen, da er in Wir rufen Deutschland (1932) seine Charaktere eine grundsätzliche Kritik an Staat und Gesellschaft äußern ließ. Dwingers sehr erfolgreiche dreibändige Deutsche Passion war also bei weitem keine bloße romantische Verklärung des Soldatentums im Ersten Weltkrieg. Vielmehr forderte sein Epos, neben einer Anklage die bolschewistische Herrschaft, zur nationalen Selbstbesinnung und Formierung einer ›Volksgemeinschaft‹ in der aktuellen Notzeit auf. Die Schuld für die Schwäche und Not Deutschlands schob er dem politisch-gesellschaftlichen System der Weimarer Republik zu.(2) Diese Gedankengänge trugen Dwinger neben nationalistischen auch sozial engagierte Züge, was ihn in die Nähe der Nationalrevolutionäre und der Ideen des TAT-Kreises rückte."

1 Wolfram Wette, Ideologien, Propaganda und Innenpolitik, S. 51–58.

2 Wolfram Wette, Ideologien, Propaganda und Innenpolitik, S. 114–115, betont den Zusammenhang zwischen der ökonomischen und politischen Krise des Weimarer ›Systems‹ und der Renaissance der Kriegsliteratur nach 1929.

"Wichtigster Autor des belletristischen Verlagsprogramms blieb weiterhin Edwin Erich Dwinger. Wie in der Sibirischen Trilogie ließ er in der Fortsetzung des Romans Die letzten Reiter die Freiwilligen des Reiterkorps Mansfeld nach Deutschland zurückkehren. Unter dem Titel Auf halbem Wege (1939) schilderte der Autor ihre Teilnahme am Kapp-Putsch und an den Ruhrkämpfen, in seinen Augen die ersten Etappen auf dem Weg zur nationalen Einigung Deutschlands. Zentrales Thema dieses und der weiteren in diesen Jahren erschienenen Werke Dwingers blieb der Kampf gegen den Bolschewismus. In seinem »Tatsachenbericht« Und Gott schweigt …? (1936) lieferte er eine Anklage gegen die »inneren Hohlheiten des Systems in Moskau«, die er aus der Sicht eines 1933 nach Russland geflohenen Deutschen vortrug. Großspurig verkündete der EDV zum Erscheinen: »Dieses Buch ist berufen, eine Waffe zu werden in dem Kampfe, der Europas Grundlagen bedroht und für seine Zukunft entscheidend ist.«  "

" Bei rigoroser Auslegung hätten selbst die Werke Edwin Erich Dwingers geächtet werden können, da er in der Sibirischen Trilogie zwar einen ›aufrechten Antibolschewismus‹ vertrat, aber dennoch in seinen Schilderungen der russischen Bevölkerung sympathische Züge verlieh. (Dwingers Name taucht auf einer ›schwarzen Liste‹ auf, welche die Namen derjenigen Schriftsteller umfaßte, die im Mai 1933 politisch belastet waren; sein Name wurde jedoch später gestrichen. Die Liste war mit ›vertraulich‹ gekennzeichnet und ›An alle Redaktionen im Hause‹ gerichtet; der oder die Verfasser oder Herausgeber konnten nicht ermittelt werden.)

"Mit seinem Freikorpsroman Die letzten Reiter zerstreute Erich Edwin Dwinger letzte Zweifel an seiner deutschen und mit dem Nationalsozialismus konformen Gesinnung."

Joseph Goebbels kommentierte in seinen Tagebüchern an wenigen Stellen seine aktuelle Lektüre. Durchweg positiv äußerte er sich darin über Titel und Autoren des EDV: Dies galt für ... Erich Edwin Dwingers Tod in Polen

 

 

"Das Leben und Werk des Schriftstellers Edwin Erich Dwinger im Kontext seiner Zeit"

Bei der Kulturwissenschaftliche Fakultät der Europa-Universität Viadrina (Prof. Dr. Karl Schlögel - Leitung Dr. Georg Wurzer)) läuft das Habilitationsprojekt (Abschluss 2012) unter dem Titel "Das Leben und Werk des Schriftstellers Edwin Erich Dwinger im Kontext seiner Zeit"

In der Habilitationsarbeit geht es um die erste aus neu erschlossenen Quellen gearbeitete Biographie eines der einflussreichsten Autoren der deutschen (Trivial) Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.




Nestbeschmutzung

Ein Dokumentartheater- projekt von Fake[to] Pretend in Kooperation mit der SchauBurg – Theater der Jugend München, der Bayerischen Theater- akademie August Everding und der Hochschule für Musik und Theater München


Premiere am 26.04.2011
Reaktorhalle München

 

"Raphael Dwinger, ein junger Schauspieler aus München, wird zum Nestbeschmutzer. Gemeinsam mit dem Regisseur Tobias Ginsburg begibt er sich in die Abgründe deutscher Familiengeschichte: Sein Großvater Edwin Erich Dwinger war Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg, Bestsellerautor im Dritten Reich und Propagandaschriftsteller von Goebbels und Himmlers Gnaden.

Quelle: Pressefoto des Projektes

Eineinhalb Jahre arbeiten Raphael und sein Freund Tobias über Edwin Erich Dwinger, über Schuld und Verantwortung, Täter- und Opferschaft in der eigenen Familie. Aus den Ergebnissen dieser Recherche – mehreren hundert Stunden Interviews, NS-Literatur und anderem historischen Bild- und Textmaterial – entsteht ein dokumentarischer Theaterabend."

HIER MEHR . . .

"Befand sich der Soldat Dwinger im russischen Bürgerkrieg Zwischen Weiß und Rot, so befindet sich der Autor Dwinger bis heute in einer Grauzone zwischen trivialliterarischem Bestsellerautor mit soldatischem Impetus und nationalsozialistischem Propagandaschriftsteller von Himmlers und Goebbels Gnaden. Dennoch fehlt bis heute eine ausführliche, den Maßstäben kritischer Geschichtsschreibung genügende Biographie dieser kontroversen Figur. Bezeichnenderweise fand der Großteil der biographisch-historischen bzw. literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Dwinger im Ausland statt. Der Historiker Karl Schlögl bemerkt hierzu spitz: „Das Seltsame ist: Mit dem Mann und seinem Werk hat sich bisher niemand (sieht man von seiner Randexistenz bei Klaus Theweleit ab) auseinandergesetzt. Das sagt nicht nur über ihn etwas aus, sondern auch über die Germanistik und Geschichte in Deutschland nach Hitler." Es sagt hingegen auch einiges aus, dass Dwinger in Deutschland und in Österreich nach wie vor publiziert und gelesen wird (mehrere seiner Werke erschienen bis in die späten siebziger Jahre hinein in Neuauflagen im Bastei-Lübbe-Verlag)"

Quelle: Pressemappe des Projektes


"Der schlimmste Moment [für Raphael Dwinger bei der Recherche zum Dokumentartheaterstück 'Nestbeschmutzung'] war, als ich den Text 'Theresienstadt' gelesen habe. Da war ich wirklich geschockt. Meine erste Reaktion war, dass ich meinen Namen ablegen werde. . . . Dann kamen immer wieder solche Momente, kleinere Geschichten, über die SS-Stammrolle, dass er immer wieder befördert wurde, dass er im Warschauer Ghetto war und Massaker gesehen hat, wobei ich heute gar nicht mehr genau weiß, ob ich davon gewusst hatte, oder nicht. Merkwürdig, wie Erinnerungen so verschwimmen."

Interview mit Raphael Dwinger in der SZ Nr. 112 vom 16.5.20011) Seite R9
von Jovana Reisinger




 



 
 

DWINGER UND SEEG

1931

Kauf des Hedwigshofes auf dem Sulzberg (Gemeinde Seeg)

Im Nachwort seines 1966 herausgegebenen Buches ""Die 12 Gespräche 1933 -1945" berichtet Dwinger von seiner "Zitierung vor die Spruchkammer". Er bezeichnet dies als "komisches Kapitel" und als "diesen tiefsten Ausfluß deutschen Masochismus". [ Ist diese Einschätzung im Wissen um das im Nationalsozialismus Geschehene zu rechtfertigen?]
Dabei  geht er auch auf den Vorwurf ein, dass Hitler im das "schöne Gut" geschenkt hätte.

" Ich hatte nämlich einen Grundbuchauszug mitgenommen, aus dem sich sein ehrlicher Kauf eindeutig erwies, zudem bereits im fast vergessenen Jahr 1931! Denn ich war im Grunde immer Landwirt vom Beruf, habe das Bücherschreiben nur als Nebenberuf betrieben."

 




1934

Im Bundesarchiv  findet sich in der Personalakte Dwinger mit unleserlicher Unterschrift (Postbote in Seeg) ohne Datum ein Schriftstück an den NSDAP Kreis Marktoberdorf. Der Verfasser stellt Dwinger die Frage, warum er nicht Mitglied der NSDAP sei. Die Antwort von Dwinger lautet:

Ihm "sei von maßgebender Stelle immer empfohlen worden, wegen seiner schriftstellerischen Arbeit, nicht in die NSDAP einzutreten. Das wäre schon vor der Machtübernahme gewesen."



Aus "Ein Erbhof im Allgäu"


Unter Mitarbeit seiner Frau Waltraut und des Photographen Hanz Retzlaff veröffentlichte er 1937 dieses Buch, in dem er den Ablauf der Jahreszeiten auf dem Hedwigshof während der vier Jahreszeiten festhält.

Selten geht Dwinger in diesem Buch auf die Umgebung ein. Den Ort Seeg erwähnt er nicht und spricht nur vom nahegelegenen Markt. Hier eines der wenigen Beispiele, wo er die Umgebung beschreibt und Neuschwanstein erwähnt.

"Nach [dem] abendlichen Stallgang geht es auf die Bank an der Kapelle, die des Hofherrn liebster feierabendlicher Platz ist. Meist stellt sich auch um diese Zeit dei Hausfrau ein, irgend etwas zum Nähen für die Kinder ergibt sich immer, sie tut es gerne im Schatten der beiden mächtigen Kastanien. So sitzen denn beide auf der weißen Bank, lassen den Blick auf den fast grenzenlosen Wäldern ruhn, die den ganzen Süden bis ans Hochgebirge überziehen. Bei klaren Tagen steigen aus den dunklen Kulissen die Zinnen eines Schlosses auf, es ist das berühmte Neuschwanstein, des Königs Märchenburg, die sich dort aus wundersamer Felslandschaft in den Himmel hebt. Und der Hofherr träumt über diese Burg hin, wiederum ist ein Arbeitstag zu Ende - nichts Schöneres aber könnte er sich denken, jetzt ist er Bauer, das ist ein guter Zusammenklang. Im übrigen aber weiß er längst, daß nur Arbeit einen Feierabend schenkt, nur strenge Tagesarbeit abends Festgefühle bringt - kann es zudem wohl eine schönere Arbeit geben, als die in solcher Landschaft, als die an solcher grünender Erde."

(Erbhof: S. 80)

 

 

Aus "Ein Erbhof im Allgäu"


Hier eine Aufnahme, auf der  in der Ferne (rechts hinten) Seeg zu erkennen ist.

Dreißiger Jahre

Im Buch "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) berichtet Dwinger über seine Gespräche mit Captain Raber von der CIC, dessen Aufgabe es war in den besetzten Ländern nach bedeutenden Mitgliedern des gegnerischen Regimes sowie nach Kriegsverbrechern zu fahnden. Am Beispiel einer Seeger Begebenheit beschreibt Dwinger, in welcher Weise ihm seine beiden Titel (SS-Führer und Kultursenator) nützlich waren. Sogleich ist dies ein Beispiel der Willkür im totalitären Staat. 

" Die erste Möglichkeit trat bei einem Volksentscheid auf, in dem meine Gemeinde als schwärzeste Bayern entschied.
 [ Welcher, Wann?  12. November 1933 (Völkerbundsaustritt),  19. August 1934 (Reichspräsidentschaft), die Reichstagswahlen vom 29. März 1936, die  Volks- abstimmung und Wahl zum Großdeutschen Reichstag vom 10. April 1938 (Annexion Österreichs)]  

 Ich glaube sogar, wir hatten die meisten Neinstimmen von ganz Deutschland. Sie können sich vorstellen, was daraufhin passierte: Der Kreisleiter kam angebraust, in seinem Schatten die Gestapo! Mein Leibviehhändler seit 10 Jahren, der brave Stocker, kam mit seinem Motorrad den Berg heraufgekeucht. Sie müssen sofort herunterkommen, man will den Bürgermeister einsperren, unseren Pfarrer sogar nach Dachau bringen,. Ich kam natürlich, es gelang mir auch, die Herren zu bestimmen, die Aktion zwei Stunden aufzuschieben - schließlich war ich SS-Führer, schließlich war ich Kultursenator . . . Ich raste also nach Augsburg, zu unserem Gauleiter Wahl, einem vernünftigen Manne, einem der besten von allen. Wenn Sie in Ihrem Gau nächstes Mal nicht ein noch schwärzeres Resultat, damit in Berlin als Gauleiter endgültig ausgespielt haben wollen, rate ich Ihnen, diese Aktion noch in dieser Stunde abzustoppen, sie mit einem sofortigen Telefongespräch aufzuheben. In dem Falle verspreche ich Ihnen in die Hand, daß unser Ergebnis das nächste Mal besser wird. Er war vernünftig genug. meinem Rat zu folgen: der Bürgermeister wurde zwar abgesetzt, aber nicht eingesperrt, unser guter Pfarrer sogar im Amte belassen, so daß wir noch zwanzig Jahre treue Freunde blieben!"


Karl Wahl (Schwaben), nicht datiert. (Bayerische Staatsbibliothek, [[histlexbay:44990:Bildarchiv Hoffmann]]

 

Karl Wahl äußert sich in seiner Rede vom 8. Mai 1941 über die "göttlichen Vorsehung", die Hitler dazu auserkoren habe, ein Strafgericht über alle Völker durchzuführen.

1938

Bau der Villa am Sulzberg

In der Zeit des Krieges

Aus "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) - Seite 186: 

" Als schließlich der unglückselige Krieg begann, ging es mit meinen Möglichkeiten  erst richtig an. Als erstes holte ich meinen alten Leibviehhändler von der Front, er brachte mir laufend die Namen letzter Söhne von Bauern meines Bezirks, die ich daraufhin auch ohne Ausnahme auf ihre Höfe zurückbrachte. Mein Gutsbüro war schließlich nur noch eine Hilfsstelle, in der jeden Tag ein paar mit ihren Sorgen vorsprachen. Die Tochter eines Nachbarn hatte sich mit einem französischen Kriegsgefangenen eingelassen, man wollte ihr die Haare scheren, sie danach wie üblich zu schwerer Strafe in das KZ nach Dachau bringen. Den Bauern entlaufene Gefangene brachte ich ihnen ohne Strafe zurück, bei Anzeigen gegen Schwarzhörer ausländischer Sender bewog ich die Denunzianten zur Rücknahme. Bei den häufigen Schwarzschlachtungen kleiner Bauern, die anders ihre Ostarbeiter nicht ernähren konnten, gelang mir meist die Unterdrückung des Prozesses. Ich verschaffte meinen Bauern Maschinen, die es im Grunde nicht mehr geben durfte, besorgte ihnen den kaum noch zu bekommenden Kunstdünger, bewegte unsere überlasteten Krankenhausärzte zu sofortigen Operationen, wenn der normale Weg zur Katastrophe geführt hätte."


1945

24. April: General Wlassow (Kriegsende 8. Mai 1945) besucht Dwinger am Sulzberg. 

Sein ältester Sohn (10 Jahre alt) meldet ihn:

"Onkel Andrew ist gekommen mit vielen Offzieren."

" Die Amerikaner stehen etwa 40 Kilometer von hier, sind im zügigen Vormarsch auf das berühmte Reduit. [Damit ist wohl der  Obersalzberg -  heute mit Dokumentationszentrum gemeint]."


29. April 1945:
Besetzung des Füssener Bezirks durch die Amerikaner. Colonel Snyder, Chef der Abwehr kommt zu Dwinger. 

Oktober 1945: Rückkehr aus dem Internierungslager auf den Hedwigshof, der unter Sequester der Spezial-Branch gestellt wurde.

1946

Vor der Spruchkammer

 "Dann marschierten die Reihe meiner Zeugen auf, sie füllte fast den halben Saal. Es kam als erster mein guter Pfarrer, der  Geistliche Rat Knaus, der mich als Christoporus des Allgäus hinstellte. Es kam mein Leibhändler Peter Stocker, der mich damals zu seiner Rettung gerufen, es kam der abgesetzte Altbürgermeister, es kam ein Dutzend letzter Söhne, mehrere der Schippe entsprungene Schwarzhörer. Es kam sogar der Abwehrbeamte, der meine 'Komplexüberwachung' geleitet hatte."

 

Der Zeuge Pfarrer Karl Knaus (1886 - 1961)

"Schließlich kam als letzter Zeuge mein Mündel Mischka, ein Halbrusse, den ich mir im Jahre 1933 aus dem Waisenhaus geholt hatte. Er sagte neben anderem unter Eid aus, daß er im Dritten reich, solange er bei mir gewesen - und das war bis etwa Mitte des Krieges - täglich die Flaggenparade durchgeführt habe, aber nur mit dem alten Schwarz-weiß-rot, das die Nazis die Judenflagge nannten. 'Eine Hakenkreuzflagge', setzte er hinzu, 'habe er nie gesehen.' "

Aus "Die 12 Gespräche 1933 - 1945" (1966) - Seite 225 ff. 

 

Ein Film von Jutta Neupert

"Von braunen Flecken und weissen Westen. 
Entnazifizierung in Bayern"


Zum Inhalt:

"Denazification is a must!", stellte der amerikanische General Clay im November 1946 klar. Die US-Militärregierung verstand unter Entnazifizierung zunächst eine Art innenpolitische Abrüstung Deutschlands von der NS-Herrschaft. Ein aberwitziges Unterfangen, nicht zuletzt, weil die deutsche Bevölkerung nach ihrer anfänglichen Begeisterung für den Staat Adolf Hitlers sich nun selbst in Schutt und Trümmern als Opfer des NS-Regimes betrachtete. Die lapidare Bemerkung eines deutschen Politikers, es sei doch kaum einer ohne braune Spritzer im Dritten Reich weggekommen, traf den Nerv der Zeit. Noch 1947 hielten über die Hälfte der Befragten in der amerikanischen Besatzungszone den Nationalsozialismus für eine gute, aber schlecht ausgeführte Idee. Die Vorreiterrolle der politischen "Säuberung" übernahmen die Amerikaner in ihrer Besatzungszone und damit auch in Bayern.

In ihrer Dokumentation zeichnet Jutta Neupert die Bemühungen der amerikanischen Militärregierung nach. Sie beschreibt die Befindlichkeiten in der Bevölkerung und die Übernahme der Entnazifizierung durch deutsche Stellen. Bedenkliche Urteile kommen durch die Spruchkammern zustande, beachtliche Karrieren sind für ehemalige Parteigenossen nach einer Durststrecke von einigen Monaten Berufsverbot wieder möglich. Die Deutschen bezeichneten die eidesstattlichen Bescheinigungen, die den Betroffenen vor den Spruchkammern reinwuschen, als "Persilscheine". Wenn auch Zweifel an der politischen Läuterung weiter Teile der Bevölkerung bleiben, so gelingt es dennoch, ein demokratisches Staatswesen auf bayerischem Boden zu etablieren."


Pressetext zur Veranstaltung im Bayerischen Staatsarchiv am 16.4.2007

 

1961

Dwinger bietet in Zeitungsanzeigen seine "Reitschule Hedwigshof" an und stellt hier "schöne Zimmer, beste Verpflegung, Reitbahn, Almgelände, Musikreiten und Grillbar" in Aussicht.

Quelle: Spiegel

1966/1967

Publikation der  "Die zwölf Gespräche 1933-1945" 
Verkauf des Hedwigshofes nach 35 Jahren.
Besuch von Axel Walter Claesges auf dem "Landhaus Dwinger". 
Tonbandprotokolle, die Claesges für seine Doktorarbeit von 1968 verwendete. 

seit 1977

[ Wann ist Dwinger nach Gmund übergesiedelt?]

30 Jahre gibt es inzwischen die Bildungsstätte Seeg

von Albrecht und Silvia Ostertag. Das Landhaus von Dwinger ist umfassend umgebaut worden.

Sie ist gegründet worden als ein Ort initiatischer Übung, ein Ort der Meditation und der künstlerischen Praxis.

 

Leitwort der Bildungsstätte

 

Zwei Aufträge hat der Mensch:

Die Welt zu gestalten im Werk,

und aus dem Wesen zu reifen  

auf dem WEG.

Kein Segen auf dem Werk

ohne Reife –

Keine Reife ohne Bewährung

im Werk.

 

                           Karlfried Graf Dürckheim

 

"Was für ein Glück hatten wir, in den Bereichen und in einer Weise arbeiten zu dürfen, die unserem innersten Anliegen entsprochen haben und in denen wir so viele reiche Begegnungen erleben durften, die uns inspiriert und beglückt haben, die uns herausforderten und wachsen ließen! Was für ein Segen hat uns begleitet, der uns, soweit wir das zu sehen vermögen, vor katastrophalen Folgen all unserer Fehler in unserem Tun bewahrt hat! Was für ein Segen hat uns begleitet, der uns in den Entwicklungen unserer Kursteilnehmer soviel Ernte unserer Arbeit hat erfahren lassen! Wirklich: Sollten wir jammern, wenn das Schicksal uns nun diese Epoche unseres Lebens zu beenden weist? Nein, unser Abschiedsgefühl ist in der Tat ein ganz und gar rundes und dankbares – wissend, dass wir Kontakte vermissen werden, und wissend, dass die Verbundenheit, die im gemeinsamen glücklichen Üben und leidvollen Ringen und in den damit verbundenen Momenten tiefen Zusammenklangs entstanden ist, unauslöschlich inunseren Seelen weiterlebt und weiterwirkt."

 SILVIA OSTERTAG 
1942 - 2011

 

 

17.12. 1981
mit 83 Jahren

Edwin Erich Dwinger stirbt in Gmund am Tegernsee

Seine Grabstätte befindet sich auf dem Seeger Friedhof.

 

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LITERATUR

Axel W. Claesges: Edwin Erich Dwinger. Ein Leben in Tagebüchern. Nashville, Tenn: Univ. Diss. 1968. 
hrsg. v. Jörg Thunecke: Leid der Worte. Panorama des literarischen Nationalsozialismus,  Bonn: Bouvier 1987. (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft; 367) ISBN 3-416-01930-X 
Horst Friedrich List: Edwin Erich Dwinger, der Chronist unserer Zeit. Freiburg im Breisgau u.a. Diekreiter 1952. 
Armin Mohler u. Karlheinz Weißmann: Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch, 6., vollst. überarb. u. erw. Aufl. Graz: Ares 2005. ISBN 3-902475-02-1 
Helmut Müssener: Becher und Dwinger. In: Kürbiskern. München 1982, 2, S. 125-137. 
Sarkowicz Hans / Alf Mentzer: Literatur in Nazi-Deutschland. Europa Verlag, Hamburg/Wien, September 2000, S. 136 - 138

Ingeborg  Schuldt-Britting: Der Dichter  Georg Britting und sein Werk
Die kulturelle Szene Münchens im literarischen Leben des Dritten Reichs

Georg Wurzer: Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten Weltkrieg, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005

"Im Deutschen Reich etwa trugen die militaristisch-nationalistisch gefärbten, vermeintlichen Tatsachenberichte eines Edwin Erich Dwinger zur Aversion gegen die neuen sowjetischen Machthaber wie gegen Russland überhaupt bei. Das tatsächliche Schicksal der Gefangenen trat dahinter zurück. Dieser Prozess kulminierte in der unhaltbaren, doch bis weit über 1945 hinaus überlieferten Schätzung, wonach in russischem Gewahrsam 40 Prozent der deutschen Gefangenen des Ersten Weltkriegs verstorben seien. 

[Rüdiger Overmans: Einleitung, in: Ders. (Hg.): "In der Hand des Feindes". Geschichtsschreibung zur Kriegsgefangenschaft von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg, Köln 1999, 11 f.] 

Auf der Gegenseite hielt die Sowjetunion selbst noch 1941/1942 an ihrem Glauben an eine grenzüberschreitende Arbeitersolidarität gegen den Klassenfeind Faschismus fest, die sie in ihrer Propaganda gegen die Wehrmacht nutzen wollte."

 

 

Reichlich merkwürdig reagierte Rudolf Alexander Schröder im ‚Dritten Reich' auf die Vereinahmung seiner "Vaterlands"-Hymne durch die Nationalsozialisten. Er reist 1936 erstmals zum sogenannten "Lippoldsberger Dichtertreffen", das Hans Grimm auf seinem Wohnsitz im Weserbergland bis 1939 jährlich veranstaltet. Unter der Ägide des Verfassers des berühmt-berüchtigten Romans "Volk ohne Raum" und Gallionsfigur der ultrakonservativen Rechten versammeln sich Autoren wie Rudolf G. Binding, Edwin Erich Dwinger, Ernst von Salomon und Hermann Claudius, um aus ihren Werken zu lesen.

Quelle: radiobremen.de

 

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WERKE

  • Das große Grab. Sibirischer Roman, 1920

Bereits hier schildert er seine Kriegsgefangenenerlebnisse. "Später unterschlug er dieses Buch oft, da es seine abenteuerliche Biographie Lügen strafte. "

Quelle:  Dr. Geor Wurzer, Dwinger und Russland - Eine Hassliebe - aus den Materialien zur "Netzbeschmutzung"

  • Korsakoff. Die Geschichte eines Heimatlosen, 1926

  • Das letzte Opfer, Roman, 1928

  • Die Armee hinter Stacheldraht. Das Sibirische Tagebuch, 1929

  • Zwischen Weiß und Rot. Die russische Tragödie 1919-1920, 1930

  • Die zwölf Räuber, Roman, 1931

  • Wir rufen Deutschland. Heimkehr und Vermächtnis. 1921-1924, 1932

  • Die Gefangenen, Schauspiel, 1933

  • Der letzte Traum. Eine deutsche Tragödie, 1934

  • Wo ist Deutschland?, Schauspiel, 1934

  • Die letzten Reiter, 1935

  • Auf halbem Wege, Roman, 1939

  • Der Tod in Polen. Die volksdeutsche Passion, 1940

Dieses Buch wurde zum Beispiel für die weltanschauliche Schulung im Juli 1940 mit folgendem Hinweis verwendet: "Zu betonen ist: Nicht nur der Pöbel verursachte diese Verbrechen, sondern auch die polnische Intelligenz nahm Anteil, und auch die Vertreter der Kirche duldeten sie. Schlußfolgerungen: Die Hauptschuldigen: England(Juda). Jede noch so harte deutsche Maßnahme im Osten ist gerechtfertigt, Erziehung zur Härte im Denken und Fühlen! gez. Woelfart"


Mehr zum sogenannten "Bromberger Blutsonntag"  und die nationalsozialistische Propaganda auf  Wikipedia . . .


Dazu Johannes Löhr im Merkur-online: 

"Raphael Dwinger wusste, dass der Großvater im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels und SS-Chef Heinrich Himmler geschrieben hatte. „Aber es hieß immer: Das waren nicht seine Ansichten, er hatte halt eine Familie zu ernähren.“ Als der junge Dwinger sich jedoch zusammen mit dem jüdischen Regisseur Tobias Ginsburg, „die Bücher vorknöpfte“, bröckelte das Bild immer mehr. Besonders den Roman „Der Tod in Polen“ fand Dwinger junior unerträglich - der sei unter anderem zur weltanschaulichen Schulung für SS-Angehörige verwendet worden."

  • Panzerführer. Tagebuchblätter vom Frankreichfeldzug, 1941

  • Wiedersehen mit Sowjetrussland. Tagebuch vom Ostfeldzug, 1942

  • Dichter unter den Waffen. Ein Kriegsalmanach Deutscher Dichtung NSDAP - Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (Hrsg.) Portraitphotographien mit Kurzbibliographien, Kurzbiographien und Schaffensproben der bekanntesten Dichter der Zeit: Dwinger u.a. Leipzig: Poeschel-Trepte, 1941

  • Wenn die Dämme brechen ... Untergang Ostpreußens, 1950

  • General Wlassow. Eine Tragödie unserer Zeit, 1951

  • Sie suchten die Freiheit... Schicksalsweg eines Reitervolkes, 1952

  • Hanka. Roman eines Jägers. 1953

  • Das Glück der Erde. Reiterbrevier für Pferdefreunde, 1957

  • Es geschah im Jahre 1965, 1957

  • Die zwölf Gespräche, 1933 - 1945 1966

 Quelle: Wikipedia