geb. am 4. Juni 1879 in Eberbach (Württemberg) -  gest. am 9. April 1945 in Ustersbach bei Augsburg

EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

"Wenn ich heute stürbe, völlig uneins mit dem herrschenden Geist meines Volkes, 
ich würde nicht verzweifelt sterben, und wäre das nicht doch auch ein Zeugnis? … 
Ich habe Schwierigkeiten und lebe unter einer Wolke. 
Aber ich habe eine unfehlbare Methode: 
Wenn die Schwierigkeiten zu gross werden, 
stürze ich mich in die Unbegreiflichkeit Gottes. Sie birgt mich. 
Nicht sie allein natürlich, sondern die Gnade Gottes. 
Sie trägt mich auch in diesem Abgrund."

ZU AUSSAGEN ÜBER DIE TRINITÄT BEI THEODOR HAECKER

"In seinem Wirkungskreis München erinnert nichts mehr an ihn; nirgendwo findet sich eine Gedenktafel; 
keine Straße wurde nach ihm benannt".
Das sollte nicht so bleiben! 
Haecker hatte seinen Münchner Wohnsitz in der
Möhlstraße 34.

 

1894 bis 1898 war Haecker in einer Esslinger Wollfirma tätig. [1901- 03 Vorlesungen in Literatur, Philosophie, Nationalökonomie, Staats- und Gesellschaftswissenschaften ohne Hochschulreife in Berlin] Er wurde Mitarbeiter an den "Meggendorfer Blättern", dessen Verleger Ferdinand Schreiber ein Schulkamerad von ihm war. Da er das Gymnasium vorzeitig verlassen hatte, holte Haecker 1905 in München das Abitur nach und besuchte Vorlesungen an der Universität [u.a. bei Max Scheler]. Er wurde im Verlag Ferdinand Schreiber dessen Stellvertreter und engster Mitarbeiter und 1941, nach dem Tod Schreibers, Hauptschriftleiter. 

Haecker übersetzte und deutete Werke von Sören Kierkegaard und Jon Henry Newman, unter dessen Einfluss er 1921 zum Katholizismus konvertierte. Als Kulturkritiker arbeitete er wegweisend mit an den Zeitschriften "Der Brenner" und "Hochland". Als Gegner des Nationalsozialismus erhielt er 1936 Rede- und 1938 Publikationsverbot [für eigenständige Veröffentlichungen, er publizierte bis 1941 noch im Hochland]. 

Quelle: Bautz - Biographisch - Bibliographisches Kirchenlexikon

"Das Eckhaus an der Höchlstraße / Möhlstraße wurde 1907 für Lilian und Philipp Schenk von Stauffenberg errichtet. 1927 wurde die Villa im Stil der "Neuen Sachlichkeit" für die neuen Besitzer, die Familie von Verlagsbuchhändler Ferdinand Schreiber, als Verlagshaus umgebaut. Ab 1928 lebte hier im Dachgeschoss der Villa der Religionsphilosoph Theodor Haecker, einer der radikalsten Kulturkritiker während der Zeit des "Dritten Reichs" und Hauptschriftleiter des Schreiberverlags. Schreibers selbst wohnten in der Pienzenauerstraße 44 im Bogenhauser Herzogpark und waren Nachbarn von Ernst "Putzi" Hanfstaengel, dem mit Hitler befreundeten Aktivisten und Politiker. 1944 erlitt die Villa einen Totalbombenschaden. Durch Innenausbau der Villa wurde in der Nachkriegszeit dringend benötigter Wohnraum geschaffen und seit 1946 ist die Villa ein reines Wohnhaus mit mehreren Mietsparteien."

 

 

"Seit 1942 nahmen die Bombenangriffe auf München zu. Zeitweise waren bis zu 2000 alliierte Bomber im Einsatz. Regelmäßig machte sich Delp, kaum dass Entwarnung gegeben war, in einem Arbeitsanzug auf den Weg, suchte zerstörte Häuser auf, half bei der Bergung von Verschütteten. Dem ausgebombten Theodor Haeckerer gehörte zu den regelmäßigen Zuhörern des Predigers Delp – vermittelte er eine provisorische Unterkunft in der Nähe von St. Georg. In einem Brief vom 8. Mai 1944 schrieb er: "es war schrecklich. So viel Feuer auf einmal: auch in nächster Nähe von uns...In der Stadt brennt es immer noch...die schönsten Kirchen, die schönsten Häuser, alles ist dahin. Ganze Straßen und Quadrate sind einfach abgebrannt. So viele Freunde stehen mit nichts da...".

Quelle: Kreisauer Kreis

"Jeden Dienstag scharte Theodor Haecker einen kleinen Kreis von Freunden um sich im Weinhaus Schwarzwälder in München – ein fester Stammtisch Gleichgesinnter, die meisten auch Mitarbeiter der katholischen Monatsschrift „Hochland“, die der Verleger Carl Muth herausgab, bis sie 1941 verboten wurde. Konrad Weiß gehörte dazu. . .. Er war ein Landsmann aus dem Württembergischen von Haecker, der aus der Nähe von Esslingen stammt. Sie hatten ihre je eigene Dialektfärbung nie aufgegeben, so wenig wie die Vorliebe für die Weine aus Württemberg, Baden und Franken inmitten der Bierstadt München. 

Und was da alles beredet worden ist, das Hochpolitische so gut wie die Münchener Lokalpolitik, vor allem aber die geistige Entwicklung – durch die Zeiten der Weimarer Republik und dann seit dem Jahr 1933, dessen Heraufkommen Haecker vor allem mit größter Besorgnis angekündigt hatte – die Perversion abendländischer Kultur – Vergil, Vater des Abendlandes! – Ja, Haecker hatte den Freunden das Hakenkreuz gedeutet als Symbol des Antichrist, dem Zeichen des Tieres in der Apokalypse zugeordnet, die letzte deutsche Schmach, dem Kreuz Christi unversöhnlich und haßerfüllt entgegengesetzt. . . .

Zu Beginn des Sommersemsters 1942 rief Carl Muth bei Haecker an; er habe einige recht aufgeschlossene Medizinstudenten kennengelernt, von der Front abgeordnet, in einer Studentenkompanie zusammengefaßt zum Weiterstudium. Die könnten so manches berichten – vor allem von der Ostfront, vom bösen Kriegswinter 1941/42, als der Vormarsch zum Stillstand gekommen war. Ob er den jungen Menschen einen Vortrag halten könne. . . .
Auf dem Weg an der Universität vorbei, hinter dem Siegestor, geht die Ludwigstraße in die Leopoldstraße über – breit angelegt, die Prachtstraße von München – von der Feldherrnhalle am Odeonsplatz mit dem ewigen Gedenken für die Toten des 9. November 1923, bis zum Kriegsbeginn das gewaltige Zeremoniell am 9. November mit der ‚Blutfahne‘ – die Straße zieht weiter zur Münchener Freiheit. Die Häuser an der Leopoldstraße, prächtige Bauten, die Hinterhöfe mit gewerblicher Nutzung. Dort auch das Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer, wo sich die Gruppe traf – auch heute am 10.Juli. An der Haltestelle wartete ein junger Mann in Uniform. . . . Hans Scholl aus Ulm begrüßte ihn, das vertraute schwäbische Idiom, fast heimisch. Die paar Schritte durch die Toreinfahrt hin zum Atelier, nüchtern, voller Entwürfe, Blaupausen. Vielleicht dreißig Leute, vollbesetztes Haus gewissermaßen. Stimmengewirr. Vorstellung. Namen, die Theodor Haecker, konzentriert auf seinen Vortrag, nur am Rande zur Kenntnis nahm - Willi Graf, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Hans Leipelt, später machte Hans Scholl mit der Schwester Sophie bekannt. Es war dumpf im Raum, ein heißer Julitag, nur die Oberlichter der Fenster waren ausgeklappt. Und dann hockten sie auf den Tischen und den wenigen Stühlen und hörten zu, still, gesammelt, der monotonen Stimme von Haecker, zwei Stunden wohl, hungrig nach solch geistiger Kost, Sehnsucht nach verachteter und verfemter Deutung der Geschichte, Deutung der Geschichte durch die offiziellen Vertreter, die selbst Geschichte machten, denen die Geschichte das Antlitz zugewandt hatte, die glaubten, vom Mantel der Geschichte berührt worden zu sein, als der große nationale Aufbruch 1933 über die Deutschen hereingebrochen war – jetzt endlich hat die Geschichte der Deutschen angefangen – 1933. Das aber, bei Haecker klang anders, einfach, ja schlicht, aber klar und entschieden:. . .: „Alle Geschichte ist Geschichte des Weges zum Heil oder des Abfalls vom Heil, des Weges zu Gott oder des Abfalls von Gott“. Aufstieg und Niedergang der Reiche, also die Profangeschichte, ist eingefügt in die Heilsgeschichte. Und er betonte immer wieder: „Die letzte Ordnung der Geschichte ist Heilsgeschichte.“ 

Ach, wann hatte er zuletzt vor Studenten gesprochen – über dieses Thema – es ist lange her. Damals in Freiburg, im Sommer 1935, eingeladen von der Theologischen Fachschaft. Sein Buch war noch druckfrisch. Sie haben ihn gestört, niedergebrüllt – nicht der Großteil der Hörer – , nein: die Aktivisten des nationalsozialistischen Studentenbundes, die Angehörigen der NS-Kameradschaften . . .  

Nie konnte er vergessen, was ihn in jenem Sommer 1935 besonders betroffen machte, das war nicht diese studentische Gemeinheit. Ach, die waren Opfer einer schlimmen Erziehung. Marionetten eher. Getroffen war er, als ihm geschrieben wurde, der Philosoph Martin Heidegger habe in der Vorlesung des Sommersemesters 1935 „Einführung in die Metaphysik“ sein kleines so erfolgreiches Buch „Was ist der Mensch?“ – mehrere Auflagen in Folge – ins Lächerliche gezogen. Abwegige Dinge seien solche Produkte. Diese Art von Schriftstelllerei sei in sich gewichts- und bedeutungslos. Frage da doch einer, obgleich er nicht fragen wolle und nicht fragen könne. Denn er wisse ja schon die Antwort im voraus. Die zentrale Frage, wer und was der Mensch sei, „das ist für die Philosophie nicht irgendwo an den Himmel geschrieben. Gefährlich sei ein solches Buch, das von der Frankfurter Zeitung als ‚ein außerordentliches, großartiges und mutiges Buch‘ angepriesen werde, daß eine Lähmung jeder Leidenschaft des Fragens eingetreten sei. „Dieser Zustand“, habe Heidegger gegen ihn ausgeführt, „bringt es mit sich, daß alle Maßstäbe und Halltungen sich verwirren und die meisten nicht mehr wissen, wo und wozwischen die eigentlichen Entscheidungen fallen müssen, wenn anders mit der Größe des geschichtlichen Willens, die Schärfe und Ursprünglichkeit des geschichtlichen Wissens sich verbinden soll.“ Dabei hatte er noch nicht einmal seinen Namen genannt! Ja, wo und wozwischen die eigentlichen Entscheidungen! Diese Erinnerung hatte ihn jäh eingeholt in diesen Sommerstunden 1942. 

Haecker fand wieder in die Wirklichkeit des 10. Juli 1942 zurück, weil er die nicht nachlassende Aufmerksamkeit der Hörenden verspürte. Manche hatten sein Buch auf den Knien und lasen darin wie in einer Partitur. Eine unglaublich gespannte Stille. Erschöpft kam er zum Ende, bat um Nachsicht, daß er nicht diskutieren könne, aber er sei müde geworden und müsse nach Hause. Hans Scholl begleitete ihn bis zur Straßenbahnhaltestelle, schweigend nahmen sie den Weg. 

Was Theodor Haecker nie erfahren hat: noch am nämlichen Abend entwarfen Hans Scholl und Alexander Schmorell das 4. Flugblatt der Weißen Rose unter dem unmittelbaren Eindruck von Haeckers Lesung. 

Dann aber jene berühmte Lesung Haeckers am 4. Februar 1943 in Eickemeyers Atlier vor der verschworenen Gruppe (es waren 35 Personen versammelt) aus „Schöpfer und Schöpfung“ – die gewaltige Theodizee, wie das Leiden mit der Güte und Allmacht Gottes zu vereinbaren ist – Sophie Scholl vermittelte einen unmittelbaren anschaulichen Kommentar und eine treffende innige Charakterisierung: „Dies waren eindrucksvolle Stunden“, schrieb sie ihrem Freund Fritz Hartnagel. „Seine Worte fallen langsam wie Tropfen, die man schon vorher sich ansammeln sieht, und die in diese Erwartung hinein mit ganz besonderem Gewicht fallen. Er hat ein sehr stilles Gesicht, einen Blick, als sähe er nach innen. Es hat mich noch niemand so mit seinem Antlitz überzeugt wie er.“ 
. . .

Am Tage zuvor war die Niederlage von Stalingrad den Deutschen offiziell eingeräumt worden. In der Nacht auf den 4. Februar hatten die Studenten der Weißen Rose an Münchner Gebäuden die Parolen „Freiheit“, „Nieder mit Hitler“, „Hitler ist ein Massenmörder“ angebracht. Das letzte für die Gruppe todbringende Flugblatt wurde in diesen Stunden der Erschütterung konzipiert gegen die veröffentlichte Meinung. 

Theodor Haecker hatte seine Zuhörer in Bann geschlagen. Er habe manches Besondere verstanden und gehört, notierte Willi Graf ins Tagebuch. In der Tat: Schöpfer und Schöpfung. – Haecker hatte das Buch 1934 publiziert – Eine große Theodizee jetzt im Angesicht des Bösen in der Welt – welche Aktualität! – , die große Rechtfertigung Gottes, die der Mensch geben will, das Geschöpf. Wie kann dieser Gott eine Welt schaffen in Zeit und Raum, eine Welt, in der es Sünde und Schuld gibt, was dieser Gott voraussehen mußte, und all das Entsetzliche an Leiden und Tränen. An Greuel und Verwüstung. Und Haecker gibt seinen Hörern am 4. Februar unter der Signatur von Stalingrad die religiöse Antwort: in der unerschütterlichen Gewißheit der Erfahrung einer göttlichen Führung. So endete Haecker seine Lesung: „Gott Selber wird Sie überzeugen. Und Gott  i s t  die Liebe.“ 

Christoph Probst, Hans Scholl, Sophie Scholl hatten nur noch wenige Tage zu  leben. Roland Freislers 1. Senat, eiligst nach München transportiert, machte kurzen Prozeß. Professor Huber, Alexander Schmorell, Willi Graf und Hans Leipelt folgten später auf das Schafott.  

Es wurden Plätze, Institute, Schulen, Straßen nach der „Weißen Rose“ und den Mitgliedern benannt. Ist das Erinnerung genug? Muß diese Geschichte nicht beständig erzählt werden? Eine Geschichte des Scheiterns, eine Geschichte von der Wirklichkeit eines anderen, eines geheimen Deutschland, eine Geschichte von der Strahlkraft christlicher Überzeugung!"

 

Quelle:  Hugo Ott‚ Die Weiße Rose‘. Ihr Umfeld in Freiburg und München
Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Die Weiße Rose.Gesichter einer Freundschaft“

 

LITERATUR


Sönke Zankel: Theodor Haecker und die Juden
S. 29ff. 
in Niklas Günther/Sönke Zankel (Hrsg.), Abrahams Enkel - Juden, Christen, Muslime und die Shoa




Blessing, Eugen: Theodor Haecker. Gestalt und Werk - Nürnberg, Verleger: Glock und Lutz Erschienen: 1959.


Jakob Knab: Ein Mentor der "Weißen Rose"  in: Geschichte Quer; Heft 12 (2004) . . .

Geboren am  1951 in Waidhofen) ist Gründer und Sprecher der „Initiative gegen falsche Glorie“ und Lehrer für Englisch und Kath. Religionslehre am Jakob-Brucker-Gymnasium in Kaufbeuren.

"Knab hat sich als Kritiker des Traditionsverständnisses der Bundeswehr einen Namen gemacht. Er veröffentlichte Beiträge zur Geschichtspolitik, Erinnerungskultur und Traditionspflege. Er war maßgeblich daran beteiligt war, dass die ehemalige Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen am geschichtsträchtigen 9. November 1995 in Allgäu-Kaserne umbenannt wurde."

Quelle: Wikipedia

„Seine Worte fallen langsam wie Tropfen, die man schon vorher sich ansammeln sieht, und die in diese Erwartung hinein mit ganz besonderem Gewicht fallen. Er hat ein sehr stilles Gesicht, einen Blick, als sähe er nach innen. Es hat mich noch niemand so mit seinem Antlitz überzeugt wie er.“ 
Sophie Scholl an Fritz Hartnagel, 7. Februar 1943

„Haecker trennte das Christentum vom Judentum eben nicht vollständig ab, sondern betonte immer wieder die Herkunft des Christentums aus dem Judentum, also die Verbindung vom Alten mit dem Neuen Bund."
„Die Radikalität seines christlichen Standpunktes ermöglichte Haecker jedoch nicht nur eine strikte Ablehnung des Nationalsozialismus, sondern auch der rassistisch begründeten Judenfeindschaft."
Sönke Zankel: Theodor Haecker und die Juden s. 29 ff.
in Niklas Günther/Sönke Zankel (Hrsg.), Abrahams Enkel - Juden, Christen, Muslime und die Shoa

Auf die Frage "Was ist der das Ziel des Politischen?" antwortet Haecker: "Der Friede auf dem Grunde der Gerechtigkeit, so sehr, dass auch der Friede auf dem Grund der Liebe nur möglich und wahr ist, wenn sie, die Liebe, ein Übersein der Gerechtigkeit ist, also diese erst erfüllt, ehe sie überfließt."
Was ist der Mensch, Leipzig 1936, S. 70

 

 

"In ihm treffen sich Glauben, Denken und Sprache in bezwingender Weise. T. S. Eliot nannte ihn, den Gelehrten, Denker und Dichter, einen wahrhaft großen Menschen. An seinem inneren Weg, der 1921 zur Konversion in die katholische Kirche führte, stehen zeitlebens entscheidend Kierkegaard und John Henry Newman. Haecker hat auf den Spuren des Abendlandes gedacht: aus dem Geist der Antike (das große Vergil-Buch!), der Bibel, der Kirche.

Gegen „Gebrüll" von Blut und Boden, aber auch gegen manche philosophischen Zeitgenossen wie Heidegger und Scheler hat er ein eigenes, aus den europäischen Überlieferungen schöpfendes Bild vom Menschen gezeichnet.

Haeckers Verbindung zur Weißen Rose hätte ihn fast das Leben gekostet. Seine Tag- und Nachtbücher 1939-1945 gelten als „das historische Dokument der christlichen Existenz aus der Zeit ihrer tiefsten Bedrohung".

Heute, wo die „Identität Europas" zur Frage steht, muß Haecker dringend und neu gelesen werden. 

 

 

Menschenverführung - Menschenverachtung - Menschenvernichtung

27.10.2004 - Besuch des Dokumentationszentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg sowie der Ausstellung des Bilderzyklus von Alfred Hrdlicka zu den Ereignissen des 20. Juli 1944:
 "Wie ein Totentanz".



In der gewalttätigen NS-Architektur des Kongresshallen-Rohbaus entfaltet Alfred Hrdlicka (*1928 in Wien) in dreiundfünfzig Stationen seine Gedanken über Gewalt. Er sieht die Männer des 20. Juli weit mehr als Opfer denn als Helden. Die Bilder wirken gerade an diesem Ort  bedrückend.

 


Im Dokumentationszentrum wird die Bedeutung der Verwendung religiöser Motive bei den Massenaufmärschen  (Lichtkathedralen, Märtyrerverehrung, Auftritt der Führungspersonen (als Dreiheit),  Beschwörung der Vorsehung und des Herrgott)  deutlich. Hier verführte der Antichrist in einer sich "christlichen" verstehenden Gesellschaft und diese lies sich verführen.

Seit Jahren bewegt mich die Einträge von Theodor Haecker in seinen Tag- und Nachtbüchern:

" Heute wurde bekanntgegeben, daß ab 19. September jeder Jude auf der linken Seite seiner äußeren Kleidung einen gelben Stern, den Stern Davids, des großen Königs, aus dem Geschlecht der Menschensohn, Jesus Christus, die zweite Person der Trinität, dem Fleiche nach geboren ist, zu tragen habe. Es könnte die Zeit kommen, daß die Deutschen im Auslande auf der linken Seite ihrer Kleidung ein Hakenkreuz, also das Zeichen des Antichrist tragen müssen. " (13.9.1941)

" Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wie kann einer Gott sein und bleiben nach diesen Worten? ... Manche ungläubigen Interpreten haben gemeint, Christus habe mit diesen Worten Gott aufgegeben und also den Glauben an Ihn. Davon ist nichts in den Worten, also nichts von Atheismus, nichts von: es ist kein Gott, oder Gott ist tot. Nein: Gott ist! Aber er hat mich verlassen! Das freilich führt in ein ruheloses Meer von Gedanken, dem nur die Kraft und der Friede Gottes Ruhe gebieten können und - die Auferstehung." (Karfreitag 1942)

Hier ein Bild der Kongresshalle:

 


und hier ein Graffiti auf einer Hauswand unterhalb der Kaiserburg - ohne Kommentar!

 


Und die Hoffnung:

Zahlreiche Initativen der Stadt und aus der Bürgerschaft stellen sich der bohrenden Frage nach den Ursachen für Nürnbergs tiefe Verstrickung in das nationalsozialistische Unrechtsystem. Ein Beispiel: Im Jahr des sechzigjährigen Gedenkens an die verbrecherischen Rassengesetze (1995) leistete die Stadt mit der erstmaligen Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises einen Beitrag zur Durchsetzung der Menschenrechte als eines unteilbaren und universellen Prinzips.

Art 5: Verbot der Folter, grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Strafen und Misshandlungen.

Art 14: Recht auf Asyl im Falle der Verfolgung

Art 15: Anspruch auf Staatsangehörigkeit



Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, warnt vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus. Die Ablehnung des Antisemitismus müsse "Generation für Generation, Ort für Ort, Wege finden", um sich zu verwirklichen. Kasper verwies in dem Zusammenhang auf die vor 39 Jahren verabschiedete Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils "Nostra aetate", mit der der jüdisch-katholische Dialog begonnen habe. Es handele sich dabei um eine "nicht verhandelbare Option".

 

 

 

 

GOTTES LUST AN DER DREI ZAHL
THEODOR HAECKER SCHÖPFER UND SCHÖPFUNG


Soll die Sprache eine Brücke sein von Sein zu Sein, so muß sie dreifach sein: eine Sprache des Denkens, wo sie herkommt, weil sie dort zu Hause ist; ein Sprache des Fühlens, das sie braucht, wie das Fühlen das Denken; eine Sprache des Wollens, da dieses ohne sie nicht sich ausdrücken kann, die Sprache aber nichts ist ohne etwas, das sie ausdrückt. Und die Einheit ist die Liebe der Dreiheit.

 

Die Sprache ist Brücke vom Willen zum Denken und Fühlen und von ihnen zu ihm, und alle drei Brücken sind eine, denn die Sprache ist eins in sich selber, aber dreifach, und nur Schuld und Schwachheit trennen sie tragisch. Die Sünde aber trennt sie jenseits der Tragik in der Freiheit der Entscheidung.

 

Ist der Mensch gesund, so müssen in seinem Fühlen alle drei seein: es selber und das Denken und das Wollen; so müssen in seinem Denken alle drei sein: es selber und das Fühlen und das Wollen; so müssen in seinem Wollen alle drei sein: es selber und das Denken und das Fühlen.

 

In der Eins und in de Zwei ist niemals Vollkommenheit oder Friede möglich. Die sind erst in der Drei. . . . Jeder Dualismus ist Feindschaft, und zwar notwendig; zwischen Zweien, die bloß zwei sind, ist immer Krieg. Jeder Dualismus ist vital: ewiger Krieg; logisch: ewige Antithese. Wäre nur eins, so wäre soviel wie keins. Im Pantheismus ist weder Gott noch Mensch etwas. Wären nur zwei, sie wären von Ewigkeit her: Gott und der Teufel, die ewig miteinander ringen, insofern [wenn sie wahr währen] sind die dualistischen Religionen durchaus plausibel und natürlich viel tiefer und realistischer als jeder Monismus, der in sich zerrinnt, sich verflüchtigt und sinnlos wird. Die Mehrzahl ist eine geschöpfliche Erweiterung der Dreizahl, nicht der Einzahl oder Zweizahl.

 

Gewiß, es war von je und ist und wird sein die Aufgabe der Philosophie, der Metaphysik, die 'Einheit' des Seins zu suchen, wenn es sich auch herausgestellt hat, daß die wahre Einheit für den menschlichen Intellekt nur zu finden ist auf dem schmalen Grad, über Abgründe führenden Pfaden des 'distinguo'. [absondern, trennen, unterscheiden]

 

Das Gewaltigste in der Geschichte des menschlichen Geistes ist bislang de Kampf gewesen um das Dogma der Trinität kraft der Offenbarung Gottes: Patrologie, Christologie, Pneumatologie in der Einheit der Theologie. Dieses Dogma ist heute auch philosophisch die größte Kraft der Christen im Kampf der Weltanschauungen, und zwar in jedem Betracht, auch politisch.

 

Analogia trinitatis

Noch inniger und schauererregender  [als das Prinzip der Analogia entis] verknüpft dieses Prinzip die vergleichliche Schöpfung mit der Unvergleichlichkeit des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. ... Heute fängt an, von neuem zu leuchten das Dogma der Trinität. Die Gefahr ist, daß nur mit Begriffen gespielt wird. . . . Die Aufgabe ist, aus dem Innern und den eigenen Abgründen der Dinge selber her ihr Bild der Dreieinigkeit Gottes zu finden, so wie Er Selber es in sie gesenkt hat, im besonderen aber aus dem Wesen des Menschen selber, den Er ausdrücklich nach Seinem Bilde geschaffen hat, Er, der ebenso ausdrücklich ein trinitarischer Gott ist in der Fülle Seines Seins und Daseins.

 

Aufgabe . . . ist, zu erforschen und zu sagen, daß der Mensch, eben als Ebenbild Gottes, der ein trinitarischer ist, am schönsten, wahrsten und seligsten gemäß der Analogia trinitatis zu erkennen ist und mit dem Menschen und durch den Menschen auch die ganze Schöpfung, die durch und durch eine similitudo, eine Ähnlichkeit Gotte ist.

 

Alle drei [Fühlen, Denken, Wollen] sind im selben Sinne wesenhaft voneinander geschieden. Jedes der drei kann sich leider relativ leicht selbständig machen und den Ordo stören. Fausts 'Gefühl ist Alles', das ist sicherlich ein falscher Satz, aber er ist nicht falscher als der Satz des idealen Idealismus: 'Denken ist Alles, und wiederum nicht falscher als der Satz Schopenhauers oder anderer gefährlicherer Voluntaristen: 'Wollen ist Alles'. Erst alle drei zusammen sind in ihren geheimnisvollen, sicherlich von Gott her klar geordneten Beziehungen 'Alles' oder das Ganze des Menschen, kraft welches er quodammodo omnia ist.

 

Ach, und ein jedes dieser drei ist in sich gestört, kann immer von neuem in sich gestört werden, und durch dieses 'in sich' notwendig auch in seinen wunderbar in sich verwickelten, und durchaus noch nicht erforschten, Beziehungen zu den andern beiden und zu dem Ganzen selber, also dem einen Menschen, der also trinitarisch angelegt ist.

 

Spieler und Rolle

 

"Nicht nur im Theater, das die Menschen aus eingeborenem Drange schöpferisch in Bild und Sprache sich vorspielen, fällt in der überragenden Regel Wesen und Person des Schauspielers mit der Rolle, die er zu spielen hat, nicht zusammen, sondern auch im theatrum mundi, dessen Autor, Dramaturg und Regisseur in einem absoluten Sinn Gott selber ist, können, da Gott zwar die Freiheit selber wesenhaft agieren läßt - das eigentliche und größte Mysterium der Schöpfung und unmittelbaren Schöpfungsmacht Gottes -, aber doch unabänderlich Sein Stück spielt, können, sage ich, Spieler und Rolle tragisch oder komisch auseinanderklaffen; und das gibt die Komödien und Tragödien der Weltgeschichte oder ihre Possen, deren Zeugen und Mitspieler wir selber heute wie je sind. Nur im Drama des Gottmenschen selber ist die Identität des erhabenen Spielers selber und der Rolle selber, welche er zu spielen hatte."
Was ist der Mensch? S. 128 f.