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ALEXANDER KISSLER in der SZ
Wie Habermas und Ratzinger den Glauben rechtfertigen
"Als Jürgen Habermas im Oktober 2001, genau 33 Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen nahm, sprach er in seiner Dankesrede über das Verhältnis von Glauben und Wissen. Seitdem hält sich hartnäckig das Gerücht, der Philosoph des nachmetaphysischen Denkens habe sich der Religion angenähert. Er warb schließlich dafür, den „religiösen Gehalt“ der Moralbegriffe in eine säkulare Sprache zu „übersetzen“, ihn zu retten statt zu eliminieren. Nur so könne man „der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenwirken“. Kündigte sich damals tatsächlich eine neue Allianz an von Säkularismus und Religion? Diese Frage stand nun offen zur Debatte: In den Münchner Räumen der Katholischen Akademie Bayern traf Jürgen Habermas vor kleinem Publikum auf den denkbar kompetentesten Widerpart, auf Joseph Kardinal Ratzinger, den Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation. Habermas spitzte seine These weiter zu. Der liberale Verfassungsstaat sei auf die „säkularisierende Entbindung religiös verkapselter Bedeutungspotentiale“ dringend angewiesen. Diese „Transformation“ müsse so geschehen, dass dabei „der ursprünglich religiöse Sinn (...) nicht auf eine entleerende Weise deflationiert und aufgezehrt“ werde. Man darf also, konkret gesprochen, die Herkunft etwa der Menschenwürde aus der jüdisch-christlichen Tradition nicht preisgeben. Lobende Worte fand Habermas auch für die Glaubenspraxis. In den religiösen Gemeinden könne „etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist“, nämlich „Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“. Mit dieser modernitätskritischen Wendung knüpfte Habermas direkt an sein Hauptwerk an, die „Theorie des kommunikativen Handelns“. Schon 1981 fragte er, ob „wir uns nicht (...) der Verluste erinnern sollten, die der eigene Weg in die Moderne gefordert hat“. Die Moderne als Verlustgeschichte: Ratzinger hörte mit Wohlwollen, wie seine Diagnose vom Kollaps des menschlichen Selbstverständnisses in abgeschwächter Form bestätigt wurde. Schweigend nahm er das Lob der karitativen Praxis hin, zählt doch ein zum reinen „Sozialverband“ degeneriertes Christentum zu seinen größten Schreckbildern. Breit genug war hingegen die Straße des Unbehagens, auf dem die beiden einträchtig nebeneinander herzogen. Habermas hatte die Vorlage geliefert. Er warnte vor einer „entgleisenden Modernisierung“ durch eine unbeherrschte Globalisierung und vor der „Sackgasse hybrider Selbstbemächtigung“, in die sich die Vernunft nicht manövrieren dürfe. Die große Verheißung der Kritischen Theorie, dass die herrschaftsfreie Gesellschaft in der modernen potentiell enthalten sei, kommt Habermas nicht mehr über die Lippen. Vielleicht ist auch diese neue Düsternis eine Spätfolge des 11. September.
Ratzinger weitete das Szenario der Bedrohung aus. Einerseits sei Religion, sofern sie Terror zu legitimieren helfe, schwerlich eine „heilende und rettende Macht“, müsste also unter „Kuratel der Vernunft“ gestellt werden. Andererseits mehren sich ebenso dramatisch die Zweifel an der „Verlässlichkeit der Vernunft“. Durch und durch vernunftgeleitet, steige der Mensch „hinab in die Brunnenstube der Macht, an den Quellort seiner eigenen Existenz“ – und entwerfe sich selbst neu im genetischen Experiment. Um die Pathologien der Religion und der Vernunft zu überwinden, müssten beide aufeinander bezogen bleiben. Ein „universaler Prozess der Reinigung“ sei notwendig. Nicht anders argumentierte Habermas: Religion und säkulare Vernunft müssten sich in einem unabschließbaren „komplementären Lernprozess“ gegenseitig ernst nehmen. Gewiss ist die operative Übereinstimmung zwischen Habermas und Ratzinger echt, doch sie ist eben auch, zumindest von der Seite des Philosophen, zweckgebunden. Auf die Herausforderungen durch Globalisierung, Gentechnik und Terrorismus antworten beide Seiten mit Menschenrecht und Menschenwürde. Leicht stellt so sich Einverständnis her. Auch hat Habermas leise Abschied genommen vom politischen Universalismus und so die Distanz zu Ratzinger verringert. Ganz entspannt konnte der Präfekt als gemeinsame Grundüberzeugung festhalten, dass die säkulare Rationalität ebenso wie die Kultur des christlichen Glaubens „faktisch nicht universell“ seien – Islam und Hinduismus wüssten mit diesen Konzepten wenig anzufangen. Ein einziges Wort aber genügt, und die Kontrahenten flüchten durch entgegengesetzte Notausgänge. Johann Baptist Metz sprach das Skandalwort aus: Wahrheit. Habermas beharrt auf dem Diskusbegriff der Wahrheit, wonach diese das Ergebnis eines öffentlichen, gewaltlosen, gleichberechtigten und aufrichtigen Verfahrens sei. Ratzinger folgt jenem Christus nach, der sich selbst die Wahrheit nannte. Habermas ist Relativist, Ratzinger sieht im Relativismus eine neue Form von Intoleranz. Diese Gräben blieben bestehen – gottlob, denn eine weltanschauliche Globalisierung wäre der größte Triumph jenes Widergeistes, den beide recht herzlich verachten."
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Von Thomas Assheuer in der ZEIT
"Nun hat die Akademie zwei Antipoden an einen Tisch gebracht, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, Joseph Kardinal Ratzinger, päpstlicher Hüter über die katholischen Dogmen, und Jürgen Habermas, den „nachmetaphysischen“ Philosophen, der sich für „religiös unmusikalisch“ hält. Jeder kommt von einem anderen Stern, und dass sie überhaupt miteinander reden, gilt für manchen als Sensation. Über das konspirative Treffen vor kleinem Publikum herrschte striktes Stillschweigen, im offiziellen Programm der Akademie wurde die Zusammenkunft mit keinem Wort erwähnt. Gemessen an diesem Münchner Geheimhaltungs- aufwand, ist der Vatikan eine Plauderstube.
Aber was sollten sich ein Philosoph der Aufklärung und ein dogmatischer Kardinal, dessen Glaubenskongregation Nachfolgerin der Inquisition ist, zu sagen haben? Und worin sollten sie übereinkommen? Glaubt man Ratzingers älteren Schriften, dann ist die liberale, auf die Aufklärung zurückgehende Philosophie ein gefährlicher Aberglauben. Sie hat das göttliche Band zwischen Glauben und Wissen zerschnitten und duldet keine Wahrheit, die größer ist als sie selbst. Liberale Philosophen verwechseln subjektive Wünschbarkeiten mit dem kosmischen Sinn der Welt. Sie sind blind für eine Wahrheit, die ihrer Vernunft vorausliegt: für die vorpolitische Wahrheit der Religion.
Genau darüber, über diese „vorpolitischen moralischen Grundlagen“ der Demokratie, sollte Ratzinger mit Jürgen Habermas streiten – also mit einem Philosophen, für den rechtsstaatliche Demokratie und säkulare Vernunft durchaus in der Lage sind, ihre Normativität aus sich selbst zu schöpfen, ohne eine „Absicherung“ durch religiöse Überlieferung.
Aber ist die säkulare Vernunft, wie Ratzinger nicht ohne Süffisanz fragte, wirklich so segensreich, wie sie den Anschein erweckt? Die Humangenetik sei im Begriff, den Menschen auf ein industrielles Produkt zu erniedrigen. Und die vermeintlich allgültige säkulare Kultur treibe eine ungebändigte Weltgesellschaft aus sich hervor, obwohl viele Länder die westliche Vernunft ablehnten. „Die säkulare Kultur ist faktisch ebenso nicht-universal wie das Christentum.“ Muss also für die säkulare Vernunft nicht dasselbe gelten wie für eine terroristisch missbrauchte Religion? Muss sie nicht ebenfalls unter Aufsicht gestellt werden, und zwar unter Aufsicht des „Vorpolitischen“ – also unter Aufsicht der Religion?
Es war bei Ratzinger nicht ganz klar, ob die Religion die Rolle eines überdemokratischen Platzanweisers spielen soll oder nur die eines Korrektivs. Die Rolle eines „Kontrollorgans“ war für Habermas jedenfalls unannehmbar. Demokratische Verfahren, argumentierte er, seien nicht nur leere Prozeduren, sondern „normativ gehaltvolle Verfahren, die in kleiner Münze schon sittliche Motive enthalten“. Deshalb gebe es in der Demokratie keine „Lücke“, durch die eine „vorpolitische Substanz“ eindringen könne, im Übrigen sei sie auch gar nicht notwendig. Denn anders, als Ratzinger glaube, könne der Verfassungsstaat seinen Legitimationsbedarf aus einem „Argumentationshaushalt“ bestreiten, der von religiösen Überlieferungen unabhängig ist.
Das heißt für Habermas nun nicht, aus einer Gesellschaft von Teufeln ließe sich ein Staat machen. Eine Demokratie, die mehr sein will als ein bloßer Modus Vivendi, sei durchaus auf Motive und Tugenden angewiesen, die aus vorpolitischen Quellen stammen, aus religiösen Lebensentwürfen und substanziellen Überzeugungen. Diese enthielten aber nicht das oft beschworene „einigende Band“; der staatsbürgerliche Zusammenhalt entstehe vielmehr erst im demokratischen Prozess, nämlich wenn „substanzielle Werte“ in den Streit um die Deutung der Verfassung einflössen, beim Streit um Einwanderungspolitik oder Wehrpflicht.
Mit Genugtuung nahm Ratzinger zur Kenntnis, dass Habermas der Religion Sinngehalte zusprach, für die eine „ethisch enthaltsame“ Philosophie keine Sprache habe, ein Gespür für „Verfehlung und Erlösung“, Scheitern und Gelingen. Weniger diplomatisch gesagt: Nachdem die Religion zu einem schmerzhaften Anpassungsprozess an die Moderne genötigt wurde, ist für Habermas jetzt das säkulare Bewusstsein an der Reihe. Es „kommt nicht kostenlos in den Genuss der negativen Religionsfreiheit“ und müsse lernen, der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen. Dasselbe gelte für den säkularen Staat; auch er dürfe seine „säkularistische“ Weltsicht nicht aufspreizen und Religion ignorieren. Und mit einem Blick auf Hirnforschung und „Lebens“-Wissenschaft: „Naturalistische Weltbilder genießen keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen.“
Bei solchen Zugeständnissen war es schwer auszumachen, worüber die Kontrahenten überhaupt noch zu streiten gedachten. Habermas betrachtet die Religion wohlmeinend aus der Perspektive einer irrtumsanfälligen Freiheit; Ratzinger blickt vom Himmel einer katholischen Gesamtwahrheit skeptisch auf das Treiben der säkularen Vernunft. Und beide hoffen auf einen „doppelten Lernprozess“, in dem Vernunft und Religion wechselseitig aufeinander verwiesen sind. „Vernunft“, so Habermas, „ist für mich der Logos der Sprache. Deshalb würde es mir am leichtesten fallen, an den Heiligen Geist zu glauben.“
Es gibt Gründe in der Sache, warum sich heute ein katholischer Dogmatiker mit einem liberalen Philosophen an einen Tisch setzt. Jedenfalls fällt ihr Gespräch in eine Phase, in der die katholische Kirche eine auffällige Wandlung erlebt. Der Vatikan stellt sich erstmals seiner eigenen Schuldgeschichte; auch die Dauerkritik des Papstes am globalen Kapitalismus und sein Nein zum Irak-Krieg sind ein Hinweis darauf, dass der Vatikan nicht mehr nur nach der Erlösung der Schuldigen fragt, sondern nach Recht und Gerechtigkeit, gleichsam als eine massenmedial wirksame Autorität.
Aber auch die liberale Philosophie hat sich verändert. Sie ist, was den Verfassungsstaat angeht, politisch am Ziel. Doch ihre Vermutung, die Religion werde im Sog einer säkularisierten Moderne verschwinden, war falsch. Zwar wollte Habermas schon immer religiöse Gehalte in die Alltagssprache „retten“, aber er scheint doch zunehmend Zweifel zu haben, ob sich die „Sinnergien“ einer Mediengesellschaft tatsächlich allein aus sich selbst erneuern. Nicht zuletzt die Biowissenschaften haben diskursethische Gewissheiten erschüttert und Habermas gezwungen, die „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen als eine metaphysische Prämisse vorsichtig in Anspruch zu nehmen.
In dieser Lage wird die Religion zu einem natürlichen Gesprächspartner, und was die Einschätzung der Weltlage anging, fanden der katholische und liberale Universalismus ohnehin rasch zueinander. Ohne George W. Bush auch nur zu erwähnen, beschrieb Ratzinger in kardinalen Sätzen die amerikanische Hegemonie als „Recht des Stärkeren“, das dringend „gebändigt“ und der Stärke eines gemeinsamen Rechts unterworfen werden müsse. Natürlich wollte Habermas den römisch-utopischen Forderungen nach einem Weltrecht seine Zustimmung nicht versagen. Ratzinger freundlich zurück: „Im operativen Bereich sind wir uns einig.“ Danach konnte der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz, der sich im Publikum zu Wort meldete, endgültig nicht mehr verstehen, warum Habermas sich einen nachmetaphysischen Philosophen nenne."
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