DETERMINISMUS

 

 

     &          FREI  HEIT

NACH ERNST TUGENDHAT

ÜBER ERNST TUGENDHAT

VORTRAG AM 30.10.2006 
IN DER HOCHSCHULE FÜR PHILOSOPHIE  MÜNCHEN

MATERIALIEN ZUM THEMA

ZU DEN SEITEN VON THEODOR FREY

 

VORTRAG

 

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Ernst Tugendhat unterschied am Beginn seines Vortrages die Willensfreiheit von der Handlungsfreiheit. 
Dass meine Handlungen von meinem Willen abhängen, dass man tun kann was man will, nennt man Handlungsfreiheit. Das wirkliche Problem  ist aber nicht das, dass ich jetzt, wenn ich wollte, meine Hand heben könnte, sondern das Problem der
Verantwortlichkeit für mein Handeln. Wir können einander für unsere Handlungen verantwortlich machen, wir können einander und auch uns selbst Vorwürfe machen. Das setzt aber voraus, dass die Person nicht nur tun kann was sie will, sondern dass sie was sie will auch kontrollieren kann. Erst hier ist es sinnvoll von Willensfreiheit zu sprechen.

2

Wir können sagen, es hängt von mir abhängt ab, ob ich einem Wunsch nachgebe oder nicht, ob ich nach diesem oder einem anderen Wunsch handle. Dieses reflexive Wollen ist offenbar ein spezifisch menschliches Phänomen. Auch andere Tiere haben Handlungsfreiheit, auch sie können, wenn sie nicht gezwungen werden, ihre Glieder bewegen wie sie wollen. Aber wir glauben nicht ihnen Vorwürfe machen zu können, man zieht Tiere - und auch kleine Kinder - nicht zur Verantwortung. 

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Aristoteles unterschied zwischen sinnlichen und rationalen Wünschen. Die Fähigkeit zu Überlegen und nach Gründen zu handeln ist das, was den Menschen von den anderen Tieren unterschiedet. Diese Fähigkeiten stehen in einem Zusammenhang mit dem Zeitbewusstsein des Menschen. Wenn Menschen sich nicht explizit auf Zwecke und auf ihr künftiges leben beziehen würden, hätten sie kaum einen Anlass zu überlegen. Für John Locke ist das zentrale menschliche Phänomen das Vermögen, die Befriedigung der eigenen Wünsche suspendieren zu können um zu prüfen, ob sie gut sind. Tugendhat sagt dazu, dass es nur dann sinnvoll ist jemand verantwortlich zu machen, wenn vorausgesetzt wird, dass er die Fähigkeit zur Selbstkontrolle hat.

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Das zentrale Problem ist, ob der freie Wille mit dem kausalen Determinismus kompatibel ist. Dieses Problem ergibt sich nach Tugendhat nicht hinsichtlich des allgemeinen Phänomen des Wollens, sondern nur hinsichtlich des überlegten, reflexiven Wollens. Beim schlichten Wollen, dem aristotelischen sinnlichen Wollen verursacht der Determinismus kein Problem. Eine Handlung ist dann frei, wenn die Handlung vom eigenen Wollen bestimmt ist und nicht unter Zwang steht. Und dass das Wollen seinerseits vollständig kausal determiniert ist, erscheint Tugendhat unproblematisch. Es ist ein Fehler, das kausale Determiniertsein als Zwang anzusehen.
Wenn jedoch von Selbstkontrolle und Verantwortlichkeit gesprochen wird
, implizieren wir, dass das was man tut, nicht nur von den Wünschen der Person abhängt, sondern teilweise auch von ihr selbst. Und es ist dieses Phänomen so Tugendhat, von dem man meinen kann, dass es mit dem Determinismus nicht kompatibel sei. 

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Was heißt es aber, dass die Person selbst etwas will, fragt Tugendhat weiter und geht auf den der Freiheit entgegengesetzten Begriff des Zwanges ein. Er spricht die unterschiedlichen Sinngehalte des äußeren und inneren Zwangs an . Eine Person, die unter einem äußern Zwang steht, kann nicht so handeln wie sie will. Beim inneren Zwang jedoch ist die Person unfähig, ihre Wünsche zu suspendieren und so zu kontrollieren, also ihr Verhalten von ihren Überlegungen und von Gründen bestimmen zu lassen. Innerer Zwang verhindert nicht das freie Handeln, sondern nur die Freiheit des Willens.  Obwohl diese Person  frei handelt kann man sie für ihr Handeln nicht verantwortlich machen. Sie tut was sie will, aber sie kann ihr Wollen nicht kontrollieren.

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Reflektives Wollen steht in einem engen Zusammenhang mit dem Zeit- und Zukunftsbewusstsein des Menschen. Dieses hat zur Folge, dass Menschen immer in Handlungsspielräumen stehen. Er spricht den ersten Spielraum des Überlegens, des Abwägens von Gründen, der Wahl an. Man überlegt welches der beste Weg ist, der zu einem Ziel führt oder auch auf welches Ziel man sich ausrichten soll. Der zweite Spielraum liegt in der mehr oder weniger starken Aufmerksamkeit, Anspannung und Anstrengung ein bestimmtes Ziel zu erreichen.  Ich muß aktiv an dem Ziel festhalten um die widerstreitenden motivationalen Faktoren unter Kontrolle zu halten.  Beide Spielräume sind Ich-Spielräume und in beiden bin ich auf Gutes ausgerichtet. Bei beiden Spielräumen haben wir das Bewusstsein, es liegt an mir, dass ich richtig wähle und am Ziel festhalte und mich nicht ablenke lasse durch entgegengesetzte Gefühle und Motive. Beide Spielräume verlangen Ichstärke. Beide Spielräume sind auch Spielräume für Verantwortlichkeiten und Vorwürfe, in beiden handelt es sich um Willensfreiheit, um wollendes Verhalten zum eigenen Wollen.

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Tugendhat unterscheidet dann mehrer Stufen dieser Spielräume.  Die erste Stufe sieht er in der Notwendigkeit des Menschen sehen, sich um die Zukunft zu kümmern. Wir alle müssen in unserer Kindheit lernen, auf gegenwärtige Befriedigung zugunsten unseres künftigen potentiellen Wohls zu verzichten.
Die zweite Stufe besteht darin, alle Wünsche, ob gegenwärtige oder zukünftige
zu werten. Hier sieht Tugendhat das, was die antike Philosophie als Frage nach dem guten Leben bezeichnete. Die dritte  Stufe der Moral umschreibt er als Disposition wechselseitige Normen einzuhalten, sich an gemeinsamen Institutionen auszurichten oder als die Bereitschaft die Gründe anderer zu meinen eigenen Gründen zu machen. In der vierten Stufe wird thematisiert, dass das Individuum nicht nur die Werte einfach konventionell zu übernehmen braucht sondern danach fragen kann, was wirklich potentiell gut und was wirklich moralisch gut ist. 

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Die Rede von Verantwortlichkeit haben auf den jeweiligen Stufen einen anderen Sinn. Wie kannst du dich nur um die Folgen für dein weiteres Leben nicht kümmern (erste Stufe). Ist es nicht unverantwortlich, sich nur egoistisch zu verhalten (dritte Stufe). Beim vierten Schritt stehen wir vor der Frage des Sokrates, ist es nicht unverantwortlich nur so dahinzuleben, ohne sich über die eigenen Werte Rechenschaft zu geben.
Weiter sind die praktischen Verantwortlichkeiten von den theoretischen Verantwortlichkeiten zu unterscheiden. Während das Ziel der praktischen Überlegungen das Gute ist, ist das Ziel theoretischer Überlegungen das Wahre.  Die praktische Verantwortlichkeit in der vierten Stufe zeigt sich in der Frage, was wirklich, das heißt wahrhaft gut ist.

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Damit sieht Tugendhat die Grundlagen gelegt um das Problem des Determinismus anzugehen.  Er weist darauf hin, dass es bei der Willensfreiheit nicht nur mit meinem Wollen zu tun haben, sondern damit, dass ich mich zu meinem Wollen so oder so verhalten kann.  Ich kann meine unmittelbaren Wünsche suspendieren und ich kann mich und andere mich dafür verantwortlich machen, ob dies geschehen ist. 
In der Beurteilung, es lag an dir, wird impliziert,
dass der normale Kausalfluss von Motiven zu Handlungen unterbrochen ist und Ich an seine Stelle tritt. Gewiss gab es ursächliche Bedingungen für die Handlungen, aber gleichwohl wird die Art, wie ich mich innerhalb des Spielraums verhalten habe, als ausreichend angesehen, um mich für verantwortlich zu halten. 

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Der extreme Inkompatibilismus sagt, dass alle Ereignisse kausal in anderen Ereignissen gründen, das Ereignis des menschlichen Handelns aber im Handelnden selbst. Tugendhat kritisiert diese Auffassung, da Ereignisse nicht durch ein etwas, eine Entität, wie es der Handelnde wäre, als erster Beweger verursacht werden kann. Dem kann entgegnet werden, warum  soll es nicht auch eine andere Art von Kausalität geben. Tugendhat fragt, was soll es heißen, ein erster Beweger zu sein.  "Vom Menschen im Ganzen, von diesem psychologischen Wesen, kann man das gewiß nicht sagen. Dann bleibt nur, dass es sowas wie das Ich innerhalb dieses Wesens gäbe. Gibt es also in dem Menschen der ich bin, ein zweites Wesen, das man als Ich oder als das Selbst bezeichnen kann, gewissermaßen einen Kern von mir?" Auch wenn es so etwas gäbe, dann ist es nach Tugendhat absurd, dass es ein erster Beweger ist. Es müsste ja dann die einzelnen Willensakte oder Handlungen aus sich herausquellen lassen.

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Um den Kompatibilismus zu verstehen wendet sich Tugendhat zunächst den tatsächlichen Phänomenen zu, was es heißt Ich zu sagen. Für Menschen ist es sobald sie sprechen gelernt haben charakteristisch, dass sie sich nicht nur in Bewusstseinszuständen wie fühlen, wünschen, meinen usw. befinden, sondern dass sie ein Bewusstsein von diesen Zuständen haben. Dies wird in Sätzen wie, ich weiß, ich meine, ich wünsche, dass etwas so oder so ist, zum Ausdruck gebracht.  Im Bewusstsein von mir selbst gibt es in mehrfacher Hinsicht Spielräume. 

   Ich, der ich weiß, dass ich diesen Wunsch oder diese Meinung habe, weiß, dass ich auch andere Wünsche habe und auch andere Personen solche haben. Im 'Ichsagen' verbindet sich die Vielfalt meiner subjektiven Zustände zu einem einheitlichen Bewusstsein und das hat zur Folge, dass ich z.B. einen Wunsch im Lichte meiner anderen Wünsche sehen kann.

   Ich befinde mich latent in einer Schwebe zwischen Möglichkeiten, die dann in der Frage, im Zweifel und in der Überlegung explizit wird.

   Ich habe ein Bewusstsein, der Gleiche jetzt zu sein, wie der ich nachher sein werde und ich weiß, dass ich auch nachher Wünsche usw. haben werde.

   Ich kann mich wollend auf Ziele beziehen, die in der Zukunft liegen und ebenso auf solche, die auf Wertvorstellungen, wie ich sein will, aufbauen. Dies sind Ichwünsche im Vergleich zu den unmittelbaren Wünschen, die ich in mir habe in dem Sinne, dass ich sie spüre.

Bei diesen Spielräumen ist nicht von dem Ich die Rede, sondern nur von mir , als in verschiedenen Verhaltensweisen stehend. Als Ichsagende stehen wir in diesen Strukturen. Für mich ergeben sich Spielräume, so dass ich mich in einer Schwebe zwischen verschiedenen Faktoren befinde. Für diese Spielräume ist nicht nur charakteristisch, dass sie auf Ziele bezogen sind und auf Gutes ausgerichtet ist, sondern dass dieser Bezug auf ein eigentümliches Kann verweist, dass irrreduzibel zu sein scheint. Jeder glaubt von sich und jedem andern zu wissen, dass er, also jeweils ich, die Gründe so oder so gewichten kann.  Für Willensfreiheit ist grundlegend, dass man sagen kann, ich hätte auch anders können.

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Tugendhat wendete sich dann dem Problem des Determinismus zu. Er konstatiert, dass sich durch das 'Ichgeschehen' ein wirklicher 'Warumstopp' ergibt. Anstelle des Kausalflusses der Motive, werde ich verantwortlich gemacht, denn ich habe in den Kausalfluss eingegriffen oder hätte eingreifen können, indem ich die unmittelbaren Motive auf ein Ziel hin suspendieren konnte. Andererseits liegt es nahe, die Suspension ihrerseits als kausal bedingt anzusehen. "Man kann sich zur Veranschaulichung einen Bindfaden vorstellen, in dem ein Knoten angebracht ist. Der Bindfaden steht für das Fließen der Kausalität. Durch den Knoten, der für das Ichverhalten in den zwei Spielräumen steht, ist die Kausalität tatsächlich unterbrochen und durch meine Tätigkeit ersetzt. Und doch besteht auch der Knoten nur aus dem Bindfaden. Man kann zwar nicht beweisen, dass das Ichgeschehen kausal bestimmt ist, aber es scheint auch keinen Grund zu geben, die Art wie das Ichgeschehen abläuft, als nicht in sich kausal bestimmt anzusehen. Warum soll die Art, wie ich zwischen Gründen abwäge, also welches Gewicht ich dem gebe, was ich für gut halte, im Gegensatz zu meinen unmittelbaren Motiven nicht bestimmt sein und ebenso die Ichstärke, die mir im festhalten an einem Ziel zur Verfügung steht." 

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Tugendhat konstatiert, dass sich Warumstopp und Determinismus nicht widersprechen. Man muss die Vorstellung vermeiden, dass die Person sagen könnte, weil es bestimmt ist, brauche ich nicht abzuwägen oder mich anzustrengen. Das wäre das Missverständnis, das man Fatalismus nennt, demzufolge das Ergebnis unabhängig von meinem Aufwand determiniert wäre.  Der Kausalzusammenhang muss so verstanden werden, dass er durch das Ichgeschehen hindurchläuft. Die Gründe scheinen dabei immer Gründe für für den Überlegenden zu sein, also Gründe für mich sein. Dieses für mich und dieses, es liegt an mir, erscheint Tugendhat als etwas irrreduzibel Subjektives. Natürlich können wir auch von anderen sagen, sie seien verantwortlich, aber nur weil wir unterstellen, dass sie auch in einem Ichspielraum stehen. Wir stossen nicht auf ein akausales Ich, sondern darauf, dass wir beim Ichsagen in einer Perspektive stehen, die, das sie überhaupt nicht in eine objektive Sprache übersetzbar ist, von der Kausalität ebenso weit entfernt erscheint, wie von der Akausalität. Man muss die Möglichkeit offen lassen, dass das Geschehen innerhalb des Knotens eines Bindfadens sich nicht auf Kausalzusammenhänge reduzieren lässt. 

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Das grundsätzliche Festhalten am Kausalzusammenhang ist kein Dogmatismus, sondern folgt daraus, dass das einzige was man sich in einer objektiven Welt als Alternative vorstellen kann, der Zufall ist. der Kompatibilismus muss die Schwierigkeit anerkennen, das die Sprache der Innenansicht des Handelns in eine objektive Sprache der Kausalität nicht übersetzbar scheint. Der Inkompatibilismus ist als der Versuch anzusehen, diese Sprache der Innenansicht ein objektives Fundament zu geben, das keinen Sinn ergibt. Tugendhat meint natürlich eine intersubjektiv geteilte Innenansicht. Wir erhalten uns wechselseitig zueinander in der Weise, dass jeder unterstellt, dass der andere ebenso wie er selbst sich willentlich zu sich verhalten kann und das Vermögen hat, seine Wünsche auf Ziele hin zu suspendieren und das heißt verantwortlich ist. Nur dann ist sein Verhalten durch Vorwürfe kausal zu beeinflussen. Nur dann sind Vorwürfe sinnvoll. Man kann einer Person unterstellen, dass er hätte besser handeln könnte. Und das entspricht genau der Fähigkeit, im Blick auf ein Gut seine anderen Mittel suspendieren zu können. Der   Inkompatibilismus meint, durch den Determinismus werde diese Fähigkeit die Grundlage entzogen.  Tugendhat nimmt aber den Standpunkt ein, dass der Kausalzusammenhang die Handlung nicht unmittelbar bestimmt. Die Verantwortung liegt im Ichgeschehen, das lediglich seinerseits kausal fundiert ist oder wie Tugendhat vorsichtiger sagt, sein kann. 

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Der recht verstandene Determinismus führt nach Tugenhat nicht dazu zu bezweifeln, dass die Person in einem Spielraum stand. Es ist allerdings auch möglich, dass das Wollen der Person unter einem inneren Zwang stand und das heißt, nicht fähig war, ihr handeln durch Werturteile zu steuern. Hier zeigt sich, dass das Recht Vorwürfe zu machen begrenzt ist, aber nicht durch den Determinismus, sondern dadurch, dass  eine Person nur begrenzt die Fähigkeit haben kann, ihre unmittelbaren Wünsche zu suspendieren und nach Gründen zu handeln. Tugendhat sagt abschließend, dass diese Fähigkeit oft nicht so weit reicht wie man glaubt und das sollte dazu führen, "mit dem eventuell grausamen Instrument der Vorwürfe und Selbstvorwürfe nicht zu leichtfertig umzugehen." 

 

Der Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. In der anschließenden Diskussion, zeigte sich die Vitalität von Tugendhat und die Klarheit seines Denkens sehr eindrücklich.

 

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MATERIALIEN

" Die Freiheit eines Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will."

Jean Jacques Rousseau

 

 

 

 

MATERIALIEN

 

"Wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun." 

 (Wolfgang Prinz)

 

Frage an Wolfgang Prinz:

Wenn man das Ich als soziales Konstrukt erklärt und den Determinismus insofern erweitert, als auch die Alltagsintuitionen in ihm Berücksichtigung finden, kann man die Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Ansicht von unserem Ich und unseren alltagspsychologischen Intuitionen aufheben. Aber hat man damit verstanden, wie das Ganze funktioniert – wie wir etwa zu unseren Vorstellungen von uns selbst kommen? Ist darüber schon etwas bekannt?

Antwort von Wolfgang Prinz:

Nein. Die Biologen können erklären, wie die Chemie und die Physik des Gehirns funktionieren. Aber niemand weiß bisher, wie es zur Ich-Erfahrung kommt und wie das Gehirn überhaupt Bedeutungen hervorbringt.



Zahlreiche Experimente haben zu diesem Ergebnis geführt. Diese gehen so weit, dass es schon gelungen sei, einer Versuchsperson mittels eines Reizes in einer bestimmten Hirnregion dazu zu zwingen, den Arm zu bewegen, und die Versuchsperson ist anschließend der sicheren Überzeugung, sie habe den Arm aus freien Willen bewegt. Zwei wesentliche Grundlagen des Freiheitsbegriffs sieht Roth (Hirnforscher der Uni Bremen) hierdurch widerlegt: Zum einen der Glaube "Ich bin es, der das tut". Zum anderen das subjektive Gefühl einer Wahlmöglichkeit: Ich könnte auch anders handeln, wenn ich es wollte". Das Ich wurde im Gehirn nirgendwo gefunden, wohl aber ein Mechanismus, der sämtliche scheinbaren Willensakte vollständig determiniert. 

 

Wie reagieren Geisteswissenschaftler auf diese Provokation? .... 



Wilhelm Vossenkuhl (Philosoph Uni München): 

 
"Der Mensch ist so frei, wie er sich machen kann." 

"In den Theorien der Philosophiegeschichte wurde Freiheit nicht als Behauptung einer empirischen Tatsache begriffen, sondern als Postulat oder Norm. Die Experimente sind schon dadurch eingeschränkt, dass sie nur Minimalhandlungen untersuchen - die Freiheit, eine kleine Handbewegung zu machen -, nicht aber die komplexen Handlungsentscheidungen zwischen widersprüchlichen Gründen und Motiven, mit denen sich die Philosophie von der privaten Lebensplanung bis zur Staatstheorie beschäftigt. "


Klaus Lüderssen (Strafrechtler Uni Frankfurt) 

Für unser Rechtssystem sind die Entdeckungen der Hirnforschung jedoch dramatisch. ... Verbrecher wird man weiterhin bestrafen können, auch bei einem neuronal determinierten Tatverlauf, nur wird die Begründung dann nach Art des Maßregelrechts ausfallen müssen und insbesondere mit der "Gefährlichkeit" des Täters argumentieren. Er warnt vor der Überbewertung der experimentellen Resultate: "Wissen wir schon genug?" Zwischen den bisherigen experimentellen Resultaten und den "großen Thesen" der Hirnforschung über den Freiheitsbegriff liege eine Erklärungslücke. die mit vielen unzureichend reflektierten Annahmen gefüllt sei."


Gerhard Roth (Hirnforscher Uni Bremen)

"Auch und gerade indem sie das Gehirn als deterministische Maschine begreift, eröffne die Hirnforschung Möglichkeiten, die Freiheit im wohlverstandenen Sinn zu vergrößern. ... Im Unterschied zu allen Tieren ist das menschliche Gehirn zur langfristigen Handlungsplanung fähig. Es kann sich unzählige Alternativen vorstellen und ihre Konsequenzen gegeneinander abwägen. Auch wenn dieser Prozess des Abwägens determiniert ist, bedeute es einen Gewinn an Freiheit, sich mit der Frage "Hast Du auch alles gut durchdacht?" die Menge der Alternativen, die in den Entscheidungsprozess eingehen, zu vergrößern. Frei fühlen wir uns, wenn die bewussten und die unbewußten Teile unseres Gehirns zur selben Entscheidung konvergieren."

Bericht in der SZ (Mai 2004)

 

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