|
VORTRAG
|
|
1
Ernst
Tugendhat unterschied am Beginn seines Vortrages die Willensfreiheit
von der Handlungsfreiheit.
Dass meine Handlungen von meinem Willen abhängen, dass man tun kann was
man will, nennt man Handlungsfreiheit. Das wirkliche Problem ist
aber nicht das, dass ich jetzt, wenn ich wollte, meine Hand heben könnte,
sondern das Problem der Verantwortlichkeit
für mein Handeln. Wir können einander für unsere Handlungen
verantwortlich machen, wir können einander und auch uns selbst Vorwürfe
machen. Das setzt aber voraus, dass die Person nicht nur tun kann was sie
will, sondern dass sie was sie will auch kontrollieren kann. Erst hier ist
es sinnvoll von Willensfreiheit
zu sprechen.
2
Wir
können sagen, es hängt von mir abhängt ab, ob ich einem Wunsch nachgebe
oder nicht, ob ich nach diesem oder einem anderen Wunsch handle. Dieses
reflexive Wollen ist offenbar ein spezifisch
menschliches Phänomen. Auch andere Tiere haben Handlungsfreiheit,
auch sie können, wenn sie nicht gezwungen werden, ihre Glieder bewegen
wie sie wollen. Aber wir glauben nicht ihnen Vorwürfe machen zu können,
man zieht Tiere - und auch kleine Kinder - nicht zur Verantwortung.
3
Aristoteles
unterschied zwischen sinnlichen und rationalen Wünschen. Die Fähigkeit
zu Überlegen und nach Gründen zu handeln ist das, was den Menschen von
den anderen Tieren unterschiedet. Diese Fähigkeiten stehen in einem Zusammenhang mit dem Zeitbewusstsein
des Menschen. Wenn Menschen
sich nicht explizit auf Zwecke und auf ihr künftiges leben beziehen
würden, hätten sie kaum einen Anlass zu überlegen. Für
John Locke ist das zentrale menschliche Phänomen das Vermögen, die
Befriedigung der eigenen Wünsche suspendieren zu können um zu prüfen,
ob sie gut sind. Tugendhat sagt dazu, dass es nur dann sinnvoll ist jemand
verantwortlich zu machen, wenn vorausgesetzt wird, dass er die Fähigkeit
zur Selbstkontrolle hat.
4
Das
zentrale Problem ist, ob
der freie Wille mit dem kausalen Determinismus kompatibel ist.
Dieses Problem ergibt sich nach Tugendhat nicht hinsichtlich des
allgemeinen Phänomen des Wollens, sondern nur hinsichtlich des
überlegten, reflexiven Wollens. Beim schlichten Wollen, dem
aristotelischen sinnlichen Wollen verursacht der Determinismus kein
Problem. Eine Handlung ist dann frei, wenn die Handlung vom eigenen Wollen
bestimmt ist und nicht unter Zwang steht. Und dass das Wollen seinerseits
vollständig kausal determiniert ist, erscheint Tugendhat unproblematisch.
Es ist ein Fehler, das kausale Determiniertsein als Zwang anzusehen.
Wenn jedoch von Selbstkontrolle und Verantwortlichkeit gesprochen wird,
implizieren wir, dass das was man tut, nicht nur von den Wünschen der
Person abhängt, sondern
teilweise auch von ihr selbst.
Und es ist dieses Phänomen so Tugendhat, von dem man meinen kann, dass es
mit dem Determinismus nicht kompatibel sei.
5
Was
heißt es aber, dass die Person selbst etwas will, fragt Tugendhat weiter
und geht auf den der Freiheit entgegengesetzten Begriff des Zwanges
ein. Er spricht die unterschiedlichen Sinngehalte des äußeren
und inneren Zwangs
an . Eine Person, die unter einem äußern Zwang steht, kann nicht so
handeln wie sie will. Beim inneren Zwang jedoch ist die Person unfähig,
ihre Wünsche zu suspendieren und so zu kontrollieren, also ihr Verhalten
von ihren Überlegungen und von Gründen bestimmen zu lassen. Innerer
Zwang verhindert nicht das freie Handeln, sondern nur die Freiheit des
Willens. Obwohl diese Person frei handelt kann man sie für
ihr Handeln nicht verantwortlich machen. Sie tut was sie will, aber sie
kann ihr Wollen nicht kontrollieren.
6
Reflektives
Wollen steht in einem engen Zusammenhang mit dem Zeit- und
Zukunftsbewusstsein des Menschen. Dieses hat zur Folge, dass Menschen
immer in Handlungsspielräumen
stehen. Er
spricht den ersten Spielraum
des Überlegens, des Abwägens von Gründen, der Wahl
an. Man überlegt welches der beste Weg ist, der zu einem Ziel führt oder
auch auf welches Ziel man sich ausrichten soll. Der zweite Spielraum liegt
in der mehr oder weniger starken Aufmerksamkeit,
Anspannung und Anstrengung ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Ich muß aktiv an dem Ziel festhalten um die widerstreitenden
motivationalen Faktoren unter Kontrolle zu halten. Beide Spielräume
sind Ich-Spielräume und in beiden bin ich auf Gutes ausgerichtet. Bei
beiden Spielräumen
haben wir das Bewusstsein, es liegt an mir, dass ich richtig wähle und am
Ziel festhalte und mich nicht ablenke lasse durch entgegengesetzte
Gefühle und Motive. Beide Spielräume verlangen Ichstärke. Beide
Spielräume sind auch Spielräume für Verantwortlichkeiten und Vorwürfe,
in beiden handelt es sich um Willensfreiheit, um wollendes Verhalten zum
eigenen Wollen.
7
Tugendhat
unterscheidet dann mehrer Stufen dieser Spielräume. Die erste Stufe
sieht er in der Notwendigkeit
des Menschen sehen, sich um die Zukunft zu kümmern. Wir
alle müssen in unserer Kindheit lernen, auf gegenwärtige Befriedigung
zugunsten unseres künftigen potentiellen Wohls zu verzichten.
Die zweite Stufe besteht darin, alle Wünsche, ob gegenwärtige oder
zukünftige zu
werten. Hier
sieht Tugendhat das, was die antike Philosophie als Frage nach dem guten
Leben bezeichnete. Die dritte Stufe der
Moral
umschreibt er als Disposition wechselseitige Normen einzuhalten, sich an
gemeinsamen Institutionen auszurichten oder als die Bereitschaft die
Gründe anderer zu meinen eigenen Gründen zu machen. In der vierten Stufe
wird thematisiert, dass das Individuum nicht nur die Werte einfach
konventionell zu übernehmen braucht sondern danach fragen kann, was
wirklich potentiell gut und was wirklich moralisch gut ist.
8
Die
Rede von Verantwortlichkeit haben auf den jeweiligen Stufen einen anderen
Sinn. Wie kannst du dich nur um die Folgen für dein weiteres Leben nicht
kümmern (erste Stufe). Ist es nicht unverantwortlich, sich nur egoistisch
zu verhalten (dritte Stufe). Beim vierten Schritt stehen wir vor der Frage
des Sokrates, ist es nicht unverantwortlich nur so dahinzuleben, ohne sich
über die eigenen Werte Rechenschaft zu geben.
Weiter sind die praktischen Verantwortlichkeiten von den theoretischen
Verantwortlichkeiten zu unterscheiden. Während das Ziel der praktischen
Überlegungen das Gute ist, ist das Ziel theoretischer Überlegungen das
Wahre. Die praktische Verantwortlichkeit in der vierten Stufe zeigt
sich in der Frage, was wirklich, das heißt wahrhaft gut ist.
9
Damit
sieht Tugendhat die Grundlagen gelegt um das Problem des Determinismus
anzugehen. Er weist darauf hin, dass es bei der Willensfreiheit
nicht nur mit meinem Wollen zu tun haben, sondern damit, dass ich mich zu
meinem Wollen so oder so verhalten kann. Ich kann meine
unmittelbaren Wünsche suspendieren und ich kann mich und andere mich
dafür verantwortlich machen, ob dies geschehen ist.
In der Beurteilung, es lag an dir, wird impliziert, dass
der normale Kausalfluss von Motiven zu Handlungen unterbrochen ist und Ich
an seine Stelle tritt. Gewiss
gab es ursächliche Bedingungen für die Handlungen, aber gleichwohl wird
die Art, wie ich mich innerhalb des Spielraums verhalten habe, als
ausreichend angesehen, um mich für verantwortlich zu halten.
10
Der
extreme Inkompatibilismus sagt, dass alle Ereignisse kausal in anderen
Ereignissen gründen, das Ereignis des menschlichen Handelns aber im
Handelnden selbst. Tugendhat kritisiert diese Auffassung, da Ereignisse
nicht durch ein etwas, eine Entität, wie es der Handelnde wäre, als
erster Beweger verursacht werden kann. Dem kann entgegnet werden,
warum soll es nicht auch eine andere Art von Kausalität geben.
Tugendhat fragt, was soll es heißen, ein erster Beweger zu sein.
"Vom Menschen im Ganzen, von diesem psychologischen Wesen, kann man
das gewiß nicht sagen. Dann bleibt nur, dass es sowas wie das Ich
innerhalb dieses Wesens gäbe. Gibt es also in dem Menschen der ich bin,
ein zweites Wesen, das man als Ich oder als das Selbst bezeichnen kann,
gewissermaßen einen Kern von mir?" Auch wenn es so etwas gäbe, dann
ist es nach Tugendhat absurd, dass es ein erster Beweger ist. Es müsste
ja dann die einzelnen Willensakte oder Handlungen aus sich herausquellen
lassen.
11
Um
den Kompatibilismus zu verstehen wendet sich Tugendhat zunächst den
tatsächlichen Phänomenen zu, was es heißt Ich zu sagen. Für Menschen
ist es sobald sie sprechen gelernt haben charakteristisch, dass sie sich
nicht nur in Bewusstseinszuständen wie fühlen, wünschen, meinen usw.
befinden, sondern dass sie ein Bewusstsein von diesen Zuständen haben.
Dies wird in Sätzen wie, ich weiß, ich meine, ich wünsche, dass etwas
so oder so ist, zum Ausdruck gebracht. Im Bewusstsein von mir selbst
gibt es in mehrfacher Hinsicht Spielräume.
Ich, der ich weiß, dass ich diesen
Wunsch oder diese Meinung habe, weiß, dass ich auch andere Wünsche habe
und auch andere Personen solche haben. Im 'Ichsagen' verbindet sich die
Vielfalt meiner subjektiven Zustände zu einem einheitlichen Bewusstsein
und das hat zur Folge, dass ich z.B. einen Wunsch im Lichte meiner anderen
Wünsche sehen kann.
Ich befinde mich latent in einer
Schwebe zwischen Möglichkeiten, die dann in der Frage, im Zweifel und in
der Überlegung explizit wird.
Ich habe ein Bewusstsein, der Gleiche
jetzt zu sein, wie der ich nachher sein werde und ich weiß, dass ich auch
nachher Wünsche usw. haben werde.
Ich kann mich wollend auf Ziele
beziehen, die in der Zukunft liegen und ebenso auf solche, die auf
Wertvorstellungen, wie ich sein will, aufbauen. Dies sind Ichwünsche im
Vergleich zu den unmittelbaren Wünschen, die ich in mir habe in dem
Sinne, dass ich sie spüre.
Bei
diesen Spielräumen ist nicht von dem Ich die Rede, sondern nur von mir ,
als in verschiedenen Verhaltensweisen stehend. Als Ichsagende stehen wir
in diesen Strukturen. Für mich ergeben sich Spielräume, so dass ich mich
in einer Schwebe zwischen verschiedenen Faktoren befinde. Für diese
Spielräume ist nicht nur charakteristisch, dass sie auf Ziele bezogen
sind und auf Gutes ausgerichtet ist, sondern dass dieser Bezug auf ein
eigentümliches Kann verweist, dass irrreduzibel zu sein scheint. Jeder
glaubt von sich und jedem andern zu wissen, dass er, also jeweils ich, die
Gründe so oder so gewichten kann. Für Willensfreiheit ist
grundlegend, dass man sagen kann, ich hätte auch anders können.
12
Tugendhat
wendete sich dann dem Problem des Determinismus zu. Er konstatiert, dass
sich durch das 'Ichgeschehen' ein wirklicher 'Warumstopp' ergibt. Anstelle
des Kausalflusses der Motive, werde ich verantwortlich gemacht, denn ich
habe in den Kausalfluss eingegriffen oder hätte eingreifen können, indem
ich die unmittelbaren Motive auf ein Ziel hin suspendieren konnte.
Andererseits liegt es nahe, die Suspension ihrerseits als kausal bedingt
anzusehen. "Man kann sich zur Veranschaulichung einen Bindfaden
vorstellen, in dem ein Knoten angebracht ist. Der Bindfaden steht für das
Fließen der Kausalität. Durch den Knoten, der für das Ichverhalten in
den zwei Spielräumen steht, ist die Kausalität tatsächlich unterbrochen
und durch meine Tätigkeit ersetzt. Und doch besteht auch der Knoten nur
aus dem Bindfaden. Man kann zwar nicht beweisen, dass das Ichgeschehen
kausal bestimmt ist, aber es scheint auch keinen Grund zu geben, die Art
wie das Ichgeschehen abläuft, als nicht in sich kausal bestimmt
anzusehen. Warum soll die Art, wie ich zwischen Gründen abwäge, also
welches Gewicht ich dem gebe, was ich für gut halte, im Gegensatz zu
meinen unmittelbaren Motiven nicht bestimmt sein und ebenso die
Ichstärke, die mir im festhalten an einem Ziel zur Verfügung
steht."
13
Tugendhat
konstatiert, dass sich Warumstopp und Determinismus nicht widersprechen.
Man muss die Vorstellung vermeiden, dass die Person sagen könnte, weil es
bestimmt ist, brauche ich nicht abzuwägen oder mich anzustrengen. Das
wäre das Missverständnis, das man Fatalismus nennt, demzufolge das
Ergebnis unabhängig von meinem Aufwand determiniert wäre. Der
Kausalzusammenhang muss so verstanden werden, dass er durch das
Ichgeschehen hindurchläuft. Die Gründe scheinen dabei immer Gründe für
für den Überlegenden zu sein, also Gründe für mich sein. Dieses für
mich und dieses, es liegt an mir, erscheint Tugendhat als etwas
irrreduzibel Subjektives. Natürlich können wir auch von anderen sagen,
sie seien verantwortlich, aber nur weil wir unterstellen, dass sie auch in
einem Ichspielraum stehen. Wir stossen nicht auf ein akausales Ich,
sondern darauf, dass wir beim Ichsagen in einer Perspektive stehen, die,
das sie überhaupt nicht in eine objektive Sprache übersetzbar ist, von
der Kausalität ebenso weit entfernt erscheint, wie von der Akausalität.
Man muss die Möglichkeit offen lassen, dass das Geschehen innerhalb des
Knotens eines Bindfadens sich nicht auf Kausalzusammenhänge reduzieren
lässt.
13
Das
grundsätzliche Festhalten am Kausalzusammenhang ist kein Dogmatismus,
sondern folgt daraus, dass das einzige was man sich in einer objektiven
Welt als Alternative vorstellen kann, der Zufall
ist. der
Kompatibilismus muss die Schwierigkeit anerkennen, das die Sprache der
Innenansicht des Handelns in eine objektive Sprache der Kausalität nicht
übersetzbar scheint. Der Inkompatibilismus ist als der Versuch anzusehen,
diese Sprache der Innenansicht ein objektives Fundament zu geben, das
keinen Sinn ergibt. Tugendhat meint natürlich eine intersubjektiv
geteilte Innenansicht. Wir erhalten uns wechselseitig zueinander in der
Weise, dass jeder unterstellt, dass der andere ebenso wie er selbst sich
willentlich zu sich verhalten
kann und das Vermögen hat, seine Wünsche auf Ziele hin zu suspendieren
und das heißt verantwortlich ist. Nur dann ist sein Verhalten durch
Vorwürfe kausal zu beeinflussen. Nur dann sind Vorwürfe sinnvoll. Man
kann einer Person unterstellen, dass er hätte besser handeln könnte. Und
das entspricht genau der Fähigkeit, im Blick auf ein Gut seine anderen
Mittel suspendieren zu können. Der
Inkompatibilismus meint, durch den Determinismus werde diese Fähigkeit
die Grundlage entzogen. Tugendhat nimmt aber den Standpunkt ein,
dass der Kausalzusammenhang die Handlung nicht unmittelbar bestimmt.
Die Verantwortung liegt im Ichgeschehen, das lediglich seinerseits kausal
fundiert ist oder wie Tugendhat vorsichtiger sagt, sein kann.
13
Der
recht verstandene Determinismus führt nach Tugenhat nicht dazu zu
bezweifeln, dass die Person in einem Spielraum stand. Es ist allerdings
auch möglich, dass das Wollen der Person unter einem inneren Zwang stand
und das heißt, nicht fähig war, ihr handeln durch Werturteile zu
steuern. Hier zeigt sich, dass das Recht Vorwürfe zu machen begrenzt ist,
aber nicht durch den Determinismus, sondern dadurch, dass eine
Person nur begrenzt die Fähigkeit haben kann, ihre unmittelbaren Wünsche
zu suspendieren und nach Gründen zu handeln. Tugendhat sagt
abschließend, dass diese Fähigkeit oft nicht so weit reicht wie man
glaubt und das sollte dazu führen, "mit dem eventuell grausamen
Instrument der Vorwürfe und Selbstvorwürfe nicht zu leichtfertig
umzugehen."
Der
Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. In der anschließenden
Diskussion, zeigte sich die Vitalität von
Tugendhat und die Klarheit seines Denkens sehr eindrücklich.
zurück
zum Seitenanfang
|