BEETHOVEN
 

Eine Seite von Theodor Frey    

CREDO

CREDO




Fragen im 21. Jahrhundert

 




Beethovens inniges Bekenntnis

in der Missa solemnis

 

Ich glaube an den einen Gott, 

den allmächtigen

Vater, Schöpfer des Himmels

und der Erde, aller sichtbaren und

unsichtbaren Dinge.












Ich glaube an den

einen Herrn Jesus Christus, 

Gottes eingeborenen

Sohn. Er ist aus dem Vater

geboren vor aller Zeit. Gott von Gott,

Licht vom Lichte, wahrer Gott

vom wahren Gott. 

Gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater; durch ihn

ist alles geschaffen. Für uns Menschen

und um unsres Heiles willen ist er vom

Himmel herabgestiegen.

Er hat Fleisch angenommen durch den

Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau:

und ist Mensch geworden.

Gekreuzigt wurde er sogar für uns; unter

Pontius Pilatus hat er den Tod erlitten

und ist begraben worden.

Er ist auferstanden am dritten Tage,

gemäß der Schrift.

Er ist aufgefahren in den Himmel und

sitzet zur Rechten des Vaters. Er wird

wiederkommen in Herrlichkeit, Gericht

zu halten über Lebende und Tote: und

seines Reiches wird kein Ende sein.
















Ich glaube an den Heiligen Geist, den

Herrn und Lebensspender, der vom

Vater und vom Sohne ausgeht. Er wird

mit dem Vater und dem Sohne zugleich

angebetet und verherrlicht; er hat

gesprochen durch die Propheten. Ich

glaube an die eine heilige, katholische

und apostolische Kirche. Ich bekenne die

eine Taufe zur Vergebung der Sünden.

Ich erwarte die Auferstehung der Toten.

Und ein ewiges Leben. Amen.

 

Reicht es nicht aus, gleich an den einen

(guten/allmächtigen?) Gott zu glauben?

Hat nicht Jesus von Nazaret selbst - 

uns zum Beispiel - zum Vater um das

Geschehen des guten Willens gebetet?

Reicht es nicht, mit Jesus zu beten 

statt zu ihm?










Reicht es nicht Jesus als Vorbild im 

Glauben zu sehen, dem wir nachfolgen

sollen, in dessen Spur wir unseren Weg 

als Christen finden können?

Ist Jesus als Mittler notwendig, da er den

Gebeten der Menschen bei Gott Gehör

verschaffen kann?

Findet der einfache, sündbeladene Mensch

von sich aus keinen Zugang bei Gott, 

wie auch der "Normalmensch" am Hof des

Souveräns nicht darauf rechnen kann, 

ohne weiteres beim König vorgelassen 

zu werden?

Bedarf der "Verkehr des Menschen" mit 

Gott einer christologischen oder

ekklesiologischen Vermittlung oder 

geschieht er in dem allen Glaubenden

verheißenen Gottesgeist, in dem Gott

selbst die Menschen anrührt und für die

Gottesgemeinschaft öffnet?


Das CREDO beginnt kühn in Es, aus dem sich

das den Satz prägende B-dur entwickelt.

Credo, credo ruft der Chor mit einem den ganzen

Satz durchziehenden kräftigen Thema.

Die in Oktaven sich aufschwingende chromatische

Tonfolge für Patrem omnipotentem ( "den

allmächtigen Vater") kehrt in der Messe immer zum

Zwecke wieder die Allmacht Gottes zu preisen.

Heftige Spannungen tun sich auf, etwa zwischen

visibilium und invisibiliums ("aller sichtbaren und

unsichtbaren Dinge").




Bei Et incarnatus ("Er hat Fleisch angenommen")

verzögert sich das Tempo zu Adagio, während

sich die Tonart nach d-moll verklärt; die

ungewohnten harmonischen Schritte beruhen auf

der modalen Tonart: dorischem d-moll. Wenn die

vier Solostimmen anheben, werden die Streicher auf

wenige Spieler reduziert, und in Flöte, Klarinetten

und Fagotten erklingt eine geheimnisvoll flatternde

Musik, die den Heiligen Geist in seiner Gestalt als

Taube repräsentiert.

Et homo factus est ("und ist Mensch geworden")

ist von unvergleichlicher Wärme getragen, wie

überhaupt der ganze Abschnitt durch eine

unendliche Intimität sich auszeichnet.

Diese setzt sich im Crucifixus ("Gekreuzigt wurde er")

fort, wenn auch in einem ungleich dramatischeren

Sinn: die Gewalt der Hammerschläge meint die

Identifikation mit dem Schicksal des Gekreuzigten.

Das gleiche Bestreben der geheimen Identification

Bezeugen auch die gleichsam stammelnden et ...et

bei passus et sepultus est ("er hat den Tod erlitten

und ist begraben worden"), so als ringe

menschlicher Verbalausdruck um das Verständnis

des Glaubensmysteriums.

Das Wunder der Auferstehung kündet sich in einer

an Palestrina gemahnenden lydischen Modalität an,

eine Soloposaune verkündet die Eschatologie des

Jüngsten Gerichts. Nach der wiederholten

Verneinung in non erit finis (" wird kein Ende sein")

übernimmt das Eingangsthema die Funktion, die

Glaubensbestärkung zu unterstreichen.






Et vitam venturi ("Und das Leben der zukünftigen

Welt") ertönt in einer großen Doppelfuge (Allegretto),

somit auch eine äußere Balance mit In gloria Dei

Patris des vorangehenden Satzes erstellend. Ihre

Erfindungskraft und Ausdruckstiefe übersteigt noch

die Fuge im Gloria und schultert quasi das Finale

des Satzes, das Hauptthema noch nach dem

Schluß aufrechterhaltend.

 

Aus: Zeit und Ewigkeit - Die "Ränder" der Missa Solemnis

Eine subjektive Hörerfahrung von Michael Eidenbenz

hier der ganze Aufsatz . . .

"Beethovens "Missa solemnis" ist ein musikalisches Universum. ...

Ein Musikstück vor der und zur Zeit Beethovens setzt normalerweise auf den ersten Schlag des ersten Taktes ein. Allenfalls geht diesem ein abgesetzter Auftakt voran, der die metrische Betonung aber nur verstärkt. Nicht so Beethovens "Kyrie":

In feierlichem Forte setzt das volle Orchester mit einem D-Dur-Akkord ein — auf die 2, den "leichten" Teil des alla-breve-Taktes! Der Akkord wird über den Taktstrich gebunden und fügt sich erst durch den Auftakt zu seiner Wiederholung in den metrischen Fluss ein. ... Damit gewinnt die Musik inhaltliche Bedeutung: der "Kyrios", der hier angerufen wird, ist schon "vor der Zeit" da. Nicht in romantisch-diffusem Sinn "irgendwie und irgendwo schon immer", sondern nichts anderes als "vor" der Zeit, die exakt beginnt durch den demonstrativen Paukenschlag. Nicht "ahnungsvolles religiöses Gefühl" führt hier zur musikalischen Neuerung, sondern ein theologischer Kommentar zur Philosophie: Zwei Takte, ein Dur-Dreiklang und die Begrenzung menschlicher Wahrnehmung durch Zeit und Raum sind zum Thema gemacht! In solchen Dimensionen denkt die Missa solemnis! 

...

Doch zurück zu Anfang und Ende der Zeit. Beginnt das "Kyrie" "vor" der Zeit, so endet das "Gloria" "nach" ihr. Diese Stelle ist spektakulär und auf den ersten Blick verständlich: die "Gloria"-Fuge mit ihrem ekstatisch sich aufschraubenden Thema schliesst nach zweifacher Temposteigerung mit euphorisch geschmetterten Orchesterakkorden rhythmisch prägnant auf den ersten Viertel des letzten Takts. Nur der Chor "verfehlt" gleichsam den Schluss, sein letzter Ruf fällt über das Ende hinaus in den bereits zeitlosen Raum...

Und der Gedanke wird in der Folge weiterentwickelt: zum ersten mal meldet sich nun der Mensch in der ersten Person zu Wort: "Credo" — "ich glaube". Und hier geschieht das Erstaunliche: Ragte Gott über die Ränder der Zeit hinaus, so kommt der Mensch zu spät. Die ersten "Credo"-Takte stellen dies dar:

"Zeit" manifestiert sich musikalisch im Metrum und im Tempo. Wie das Metrum den Zeitbegriff relativieren kann, haben wir im Kyrie und im Gloria gesehen: durch synkopische Verunsicherungen beispielsweise. Nun erfolgt die Auflösung der Zeit durchs Tempo.

... 

Ohne dass ein eigentliches accelerando geschieht, ist jetzt alles auf vorandrängende Geschwindigkeit ausgerichtet: die eng sequenzierenden Amen-Rufe, das immer kurzatmiger werdende Thema und schliesslich auch der Orgelpunkt auf F, der vermeintlich das Ende ankündigt. Doch stattdessen geschieht eine letzte Steigerung: die Polyphonie ist bereits aufgehoben, durch verdoppelte Notenwerte hat der Themenkopf bereits mehrmals eine Richtungsumkehrung angedeutet, da hält plötzlich alles still im breiten Grave. Es ereignet sich sozusagen ein paradoxes Phänomen: die sich immer schneller drehende Zeit produziert zuletzt Langsamkeit. Als ob ein Tor durchschritten würde, als ob — das Bild ist hier am Platz — der Himmel sich öffnete, wird ein neuer, ein letzter Zustand erreicht. Die Themenkonturen lösen sich auf in schlichte aufsteigende Tonleitern, die letzte metrische Prägnanz in den Amen-Rufen des Chors verhallt wie Relikte vergangenen Wollens im ausgebreiteten, ziellosen Raum."

 

 

 

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                                        FIDELIO       MISSA SOLEMNIS