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Im
Jahr 1948 versuchte der berühmte Schauspieler Jean-Luis Barrault den
damals bereits achtzigjährigen Dichter Paul Claudel zu überreden, ihm
ein geheimnisvolles Theaterstück mit dem Titel Mittagswende zur Uraufführung
zu geben. Claudel hatte das Stück mehr als vierzig Jahre lang vor der Öffentlichkeit
behütet. Zu viel private Erinnerungen an eine Zeit, die lieber längst
vergangen sein sollte, steckten in diesem Text. Selbst Barrault errang nur
einen Teilsieg: Claudel erlaubte zwar die Uraufführung, aber er schrieb
das Stück noch einmal neu: jetzt als Allegorie jener neo-katholischen
Gedankenwelt, für die er als eine der führenden europäischen Geistesgrößen
Frankreichs verehrt wurde. Heute gilt das Stück längst als das heimliche
Meisterwerk Claudels, aber eben nicht in der späten Überarbeitung,
sondern in der Urfassung von 1905, die autobiographisch direkter, härter,
wesentlich weltlicher und damit auch komischer festhält, in welches
Liebesdrama Claudel als junger Konsul in China verstrickt war.
Auf
einer Schiffsreise nach China begegnen sich vier Menschen:
der
Sonderling Mesa,
auf der Rückkehr zu diplomatischen Diensten nach einem vergeblichen
Versuch, in den geistlichen Stand einzutreten;
Amalric,
Abenteurer und Lebemann;
Ysé,
die temperamentvolle und lebenshungrige Frau des
französischen
Geschäftsmannes De
Ciz und
Mutter von vier Kindern.
Die
Ehe der beiden ist nicht glücklich, und Amalric, dem sie schon früher
einmal begegnet ist, wirbt unverhehlt um sie. Schließlich spielt er sie
jedoch Mesa zu, der, bisher nie in Versuchung geführt, Ysé gegen alle
Vernunft nicht widerstehen kann. Der Einbruch der Liebe in sein Leben
erschüttert Mesa zutiefst. Zwischen den beiden entwickelt sich eine
Beziehung, in der das Anderssein der Partner Bedingung ist für das
Einssein und es zugleich ausschließt. Wie sich bewahren, wenn man sich
ganz hingibt, wie sich hingeben, wenn man sich bewahren will? Mesas Weg führt
von der Verbitterung eines Menschen, der von Gott, den er ganz zu besitzen
glaubte, abgewiesen wird, über die leidenschaftlichen Suche nach der
Liebe, die sich nicht gedulden will, bis hin zu der Einsicht, dass seine
Liebe zu Ysé zu seiner Liebe zu Gott wird und erst im Tod das Unmögliche
erreichbar ist.
Um 1900 kehrt Claudel über Palästina aus China nach Frankreich zurück,
in der festen Absicht, seine steile diplomatische Laufbahn abzubrechen und
Priester zu werden. Sein Ansinnen wird jedoch abgewiesen, er ist zum
Ordensstand nicht berufen - ein unerhörter Schlag für den radikalen Gläubigen.
Aufgewühlt, zurückgestoßen begegnet er nun auf der Rückreise nach
China der Frau, die hinter der zentralen Gestalt der Ysé steht. Sie
entfacht in ihm das, was man als "Mystik des Fleisches"
bezeichnen könnte: die Fortsetzung einer religiösen Krise in eine
erotische, und die gegenseitige Durchdringung der beiden.
Mit Frömmelei hat MITTAGSWENDE nichts, mit radikaler Selbstbefragung
alles zu tun: drei Männer und eine Frau, die sie alle drei verlässt, um
zu zweien doch wieder zurückzukehren, zu einem, um mit ihm zu sterben. In
drei Akten schildert Claudel das Geschehen: der erste auf der Überfahrt
nach China, im sengenden Mittagslicht, auf der Trennlinie zwischen Afrika
und Asien, vier Personen unentrinnbar ineinander verstrickt und gnadenlos
ausgesetzt; der zweite auf einem Friedhof in Hongkong, eine Liebesszene
von ungeheurer Radikalität; der dritte in einem verbarrikadierten
Kolonialhaus in Südchina während des Boxeraufstandes: drei Extrem-, drei
Grenzorte, aus denen es kein Entweichen gibt, es sei denn, das in den Tod.
Das Religiöse an diesem Stück ist seine anarchische Emotionalität, die
Unbedingtheit der bloßgelegten Beziehungen, die wie in einem Experiment
vorgeführt werden, aber von einem Autor, der sich nicht aus der Sache
heraushalten kann und der sich mit diesem Werk das Leben rettet.
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Nina
Kunzendorf spielt
am Samstag, den 3. 4. 04 die Ysé
in der Premiere von Claudels ¸¸Mittagswende" an den Kammerspielen
"Das ist doch ein Mysterium: Manchmal denkt man in einer
hochdramatischen Szene daran, was man am nächsten Tag einkaufen muss, und
kommt total präsent rüber. Und ein andermal glaubt man, ah, jetzt
hab" ich"s, das ist es, und die Zuschauer sind nicht sonderlich
gefesselt. Ein Mysterium, und wenn man nun schriebe, die Frau, die dies
sagte, sei selber eines, ein Mysterium also, man wüsste sich auf der
sicheren Seite, weil einem da sofort zahlreiche Kollegen aus allen möglichen
Ressorts dieser Zeitung in den Sinn kommen, von denen man sicher sein
kann, dass sie im Theater sitzen, immer dann, wenn Nina Kunzendorf spielt.
Dementsprechend wäre Nina Kunzendorf ein Star, ein Star an den
Kammerspielen. Sagt man ihr das oder fragt man sie, ob sie denn einer sei,
dann schaut sie einen an wie ein erstaunter Frosch, der sein Gegenüber für
total bekloppt hält, und meint: ¸¸Nö." Weil, das habe doch mit
Prominenz zu tun, und prominent sei sie nicht. Vielmehr habe sie einfach
Glück gehabt. Begann mit den richtigen Produktionen, mit ¸¸Klaus und
Edith" und mit ¸¸Alkestis" also, da war sie dann halt in einer
glücklichen Schiene drin, weil dann weitere glückliche Produktionen
kamen, wie in dieser Spielzeit der ¸¸Titus", den sie sehr gern mag.
Und jetzt kommt ¸¸Mittagswende" von Paul Claudel, inszeniert von
Jossi Wieler, der hat schon ¸¸Alkestis" gemacht.
Es gibt kaum eine Schauspielerin, die privat so sehr anders ist als das,
was sie auf der Bühne verkörpert. Das hat vielleicht damit zu tun, dass
Nina Kunzendorf immer die ¸¸Strahleweiber" spielen muss wie
beispielsweise in ¸¸Schlachten", schon auf der Schauspielschule in
Hamburg war sie eher auf die ¸¸alkoholisierten 40-Jährigen"
abonniert. Eigentlich stresst sie das, viel lieber wäre sie mal ein ¸¸Griesgram",
vielleicht in der vagen Hoffnung, dann nicht immer Männer an ihrer Seite
zu wissen, die so viel älter sind als sie. Sagt sie und grinst, weil als
Ysé, ihrer Rolle in ¸¸Mittagswende", zwischen Stephan Bissmeier
und Hans Kremer schwanken zu müssen, scheint ihr doch sehr viel Spaß zu
machen. Schauspielerisch, wohlgemerkt. Außerdem käme ihr, wenn sie nervös
sei, kein Lächeln über die Lippen, dann denkt sie, uh, alles versaut. Wäre
als Griesgram leichter.
Im Grunde hatte Nina Kunzendorf nie eine Bühnenjugend, Gretchen, Ophelia,
schon vorbei, bevor je gespielt. Und was ist geblieben: die Nervosität.
Das klingt ungerecht. Letztlich ist sie sich immer noch sicher, dass der
¸¸ganze Schwindel mal auffliegt". Als sie zwei Jahre in Mannheim
und zwei Jahre in Hamburg (da schon bei Frank Baumbauer) spielte, da lag
ihr der Gedanke von dem Schwindel noch viel näher, da hatte sie richtig
Angst. Doch mittlerweile vertraut sie ihrem Handwerk mehr, und an den
Kammerspielen, mit diesem Ensemble, macht ihr Theaterspielen so richtig
Spaß. ...
Das darf man ihr nicht sagen, sonst schaut sie wieder so wie vorhin. Wobei
sie natürlich schon zugibt, dass Theater viel mit Verzauberung zu tun
hat. ¸¸Aber deswegen macht man"s doch." So ist sie irritiert,
wenn sie in der Straßenbahn Gespräche über die Kammerspiele mithört,
aus denen vielleicht nicht die vollkommene Begeisterung heraustönt. ¸¸Ist
denn ,Titus" wirklich schon zu gewagt?" Es sei nicht wirklich zu
verstehen, wann etwas funktioniert und wann nicht. Als sie nach München
kam, nach einem Jahr Pause vom Theater, da dachte sie sich, nun gut, in
Hamburg gibt es auch zwei große Theater, wieso sollte das hier ein
Problem sein? Natürlich sei das ¸¸Fest des Lamms" nicht leicht,
¸¸Titus" ist auch nicht leicht, aber müsse es denn leicht sein?
Man dürfe nicht dem Publikum mit dem Hintern ins Gesicht springen. Aber
jetzt, weil Teile der Presse mit Schaum vor dem Mund den Winter ihres persönlichen
Missvergnügens in öffentliche Worte fassen, darf man da mutlos werden
und halbgare Sachen abliefern? Nein. ¸¸,Mittagswende" ist auch überhaupt
kein leichtes Stück."
Wird es funktionieren? Viele Male hat sie es gelesen, den Text, mit dem
sich Paul Claudel die Liebe seines Lebens von der Seele schrieb. Briefe
hat sie gelesen, die Claudel der Angebeteten schrieb, zehn Jahre, nachdem
deren fünfjährige Liaison vorbei und beide längst anderweitig
verheiratet waren. Briefe, die so klangen, als wäre die ganze Aufregung
des Herzens gerade einen Monat her. Claudel konstruiert hier ein Reise
nach China. Auf dem Schiff: Ysé, ihr Gatte de Ciz, der Aufreißer Amalric,
der weiche, zerrissene Mésa. Vier Menschen auf dem Weg ins Glück, in
eine Welt, die sie nicht begreifen. Ein Paradigma von Verantwortung, auch
gegen sich selbst, von Projektion, von Narzissmus. Motto: ¸¸Du und ich,
hingegeben, niedergeworfen, losgerissen, zerfleischt und verzehrt."
(Claudel) Am Ende tobt draußen die Welt, der Boxeraufstand, doch die
Figuren kreisen nur ¸¸um ihr eigenes vertanes Leben. So wie heute."
(Kunzendorf).
Schon wieder so ein Strahleweib. Als
Nina Kunzendorf den Text las, da ging ihr Ysé gewaltig auf den Wecker:
Eine Frau, die ¸¸einen Roulette-Tisch aufbaut und ein Spielchen
beginnt". Nö, danke. Und auf die Typen, die auf solche Weiber
stehen, auf die hat sie schon gar keine Lust. So. Aber Nina Kunzendorf ist
keine ¸¸Psychoschauspielerin", die sich ¸¸fünf Stunden in eine
Aufführung hineinkrampft und danach wieder drei Stunden
hinauskrampft", sie bleibt offenbar für ihre Umwelt erträglich. Das
Gegenteil wäre furchtbar. Da denkt sie lieber über die ¸¸48
Subtexte" nach, die man in diesem Dialogstück, das quasi ohne Ort
auskommt, mitspielen muss, damit es kein ¸¸wohltemperiertes
Konversationstheater" wird. Und jetzt mag sie das Stück, die
Fragilität, die mit ihm jeden Abend zu erwarten ist. Und wenn"s
wirklich nichts wird, dann hätte sie immerhin acht Wochen wunderbare
Lebenszeit gehabt, hat gelernt von den Kollegen und von Jossi Wieler. Aber
schade wäre es schon. Und so egoistisch ist sie eh nicht.
Schade ist ganz etwas anderes. Nina Kunzendorf spielt sehr gern Theater.
Noch lieber aber wohnt sie. Und das ist in München schwierig. Dazu kommt,
dass der ¸¸Herzensmensch" in Berlin wohnt, ihr Labrador Giada auch.
Nun geht sie, will aber nicht.
Werte Kollegen aus den anderen Ressorts, so schlimm wird es nicht. Denn
Nina Kunzendorf geht nicht an ein anderes Theater, sie wüsste gerade
ohnehin keines, von dem sie sich vorstellen könnte, es würde ihr dort so
gut gefallen wie an den Kammerspielen. Sie bleibt Gast, Dauergast, weil
sie in ihren Stücken, die weiter laufen, nach wie vor mitspielt, weil sie
im Herbst wieder eine Premiere in München machen wird. Nur will sie halt
wohnen, kochen, sich einen privaten Ort schaffen, nicht auf sündteuren 43
Quadratmetern in einer Arbeitersiedlung in der Nähe des
Prinzregentenplatzes hausen. Den Kammerspielen bleibt sie deshalb nicht
weniger verbunden, weil sie am Haus hängt, weil sie die Arbeit hier schätzt.
Und außerdem: ¸¸Verlassen" wäre jetzt ganz falsch; vielmehr liegt
ihr das Ankommen der Kammerspiele in dieser Stadt am Herzen."
EGBERT THOLL - Süddeutsche
Zeitung - Nr.79, Samstag, den 03. April 2004
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Der Inbegriff von Eros und Tod
von
Sabine Dultz im Münchner Merkur
Man kann einiges
gegen das Stück haben. Alles aber spricht für diese Aufführung. Mit
Jossi Wielers Inszenierung von Paul Claudels "Mittagswende" ist
den Münchner Kammerspielen eine Premiere gelungen, die die Zuschauer
zweieinhalb spannende Stunden lang einen tiefen Blick in die
widersprüchlichen und unerklärbaren Abgründe menschlicher Seelen werfen
lässt. Ein sensibler, großartiger Regisseur, vier ausgezeichnete
Schauspieler und eine Bühne von raffiniertester Einfachheit.
Claudel
(1868-1955), einer der großen französischen Autoren und sein halbes
Leben lang in diplomatischem Dienst zwischen New York, China und Hamburg,
wurde in Deutschland vor allem berühmt aufgrund seines Dramas "Der
seidene Schuh". In den letzten 30 Jahren spielte er hierzulande höchstens
nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Generation der 68er hatte den
Autor und seine wenn auch großen, doch aber vor Frömmigkeit triefenden
Dramen hinweggefegt. Nun scheint er wieder aktuell zu werden. Nach
kreischenden Klassiker-Zurichtungen und allerlei seichtem Tralala kommt
heute wieder psychologische Feinzeichnung zu ihrem Recht.
Moral
und Ehebruch
Claudel schrieb
"Mittagswende" 1905. Er bewältigte damit seine persönliche
Krise, in die er geraten war durch die Affäre mit einer verheirateten
Frau. Er war ihr auf einer seiner Schiffsreisen nach China begegnet. Der
Konflikt zwischen moralischem Anspruch und Ehebruch, religiöser Berufung
und dem Verfallensein der sinnlichen Liebe ist denn auch der zentrale
Punkt in seinem Stück, von dem es mindestens zwei Versionen gibt: jene,
die der Autor 1948 für die Pariser Uraufführung durch Jean-Louis
Barrault glättend erstellt hat, und die radikalere, so genannte
Urfassung, auf die man jetzt an den Kammerspielen zurückgriff.
Aber auch hier
ein Stück voller religiöser Symbole, Zeichen und Allegorien, das nur
anfangs dem Anschein nach eine Liebeskomödie sein könnte: eine Frau
zwischen drei Männern. Sie - der wohl auch schon zu Beginn des 20.
Jahrhunderts unzeitgemäße Inbegriff für Eros und Tod. Es ist vor allem
Claudels Frauenbild, das sein Drama heute ziemlich überholt und es
insgesamt fragwürdig erscheinen lässt. Die Männer dagegen - drei
unterschiedlichste Typen, aktuell zu jeder Zeit: der Erfüllung Suchende,
der Draufgänger und Abenteurer, der angeberische Geldmacher und
Verlierer. Alle sind sie zwischen 30 und 40, am "Scheitelpunkt"
ihres Lebens, sich der Unumkehrbarkeit ihrer Lage bewusst. Den Suez haben
sie, wie es heißt, bereits hinter sich. Schon die Namen, die Claudel
seinen Figuren gab, sind Programm. Mit Ysé´
erinnert er nicht nur an Isolde, sondern bezieht sich auf das griechische
"isos", die Gleichheit, das Abbild des
ewig Gleichen. Mesa
kommt von "mesos" und bedeutet so viel wie die Hälfte;
Amalric weist phonetisch auf das Entzweischneiden
hin und de Ciz
auf den Schnitt oder die Scheidung.
Im ersten Akt
aber ist das Quartett noch zusammen. Auf den weißen Planken des
Ozeandampfers, geblendet von der durch alle Spalten dringenden
Mittagssonne, taumeln die Figuren, als hätten sie den Boden unter den Füßen
verloren. Hangeln sich an den Wänden entlang, um auf dem bewegten Meer
Halt zu finden. Stemmen sich gegen den Boden, um standhaft zu bleiben -
nicht zuletzt gegenüber ihren in Wallung geratenen Gefühlen. Kaum, dass
sich die vier berühren. Ihre Blicke sprechen Bände. Ihr leiser Ton sorgt
für knisternde Stille. Ihre zeitlupenhaften Bewegungen signalisieren die
Ruhe vor dem Sturm.
Wunderbar Nina Kunzendorf als Ysé´ - lasziv, kokett; mit
herausfordernder Trägheit räkelt sie sich an der Bordwand wie ein Säugling
in seinem Bett; faszinierend in ihrer Schönheit. "Ein Allerletztes
in mir, das gab ich nicht preis" - das Geheimnis der Ysé´ bleibt
auch das Rätsel dieser Schauspielerin, der interessantesten im gesamten
Kammerspiele-Ensemble.
Arroganz
und Begierde
Ausgezeichnet
von Jossi Wieler geführt ist hier auch Hans Kremer, der als Weltenbummler
Amalric kaum wiederzuerkennen ist; ein lässiger Siegertyp im ersten, ein
harter Kerl im dritten Akt. Ebenso Jochen Noch, der den Ehemann De Ciz
spielt - dümmlich, protzend mit der schönen Frau, die er immer wieder
besitzanzeigend umfasst, aber zunehmend verunsichert und am Ende gar zu
bedauern, da er bar jeder Menschenkenntnis sich von Mesa in den sicheren
Tod schicken lässt.
Mesa ist unter
diesen geldgeilen Europäern der einzige, den anderes umtreibt: seine
Suche nach Gott. Hochmütig und introvertiert, zurückhaltend, den Blicken
der anderen ausweichend - so spielt ihn in gestriegelter Schlaksigkeit
Stephan Bissmeier; offenbar immer einen Kamm parat, um sich das glatte
Haar noch glatter zu kämmen: zwischen unsicherer Arroganz, lächerlicher,
später Jünglingshaftigkeit, eruptiven Ausbrüchen der Begierde und demütigem
Dialog mit Gott. Was beim Lesen des Textes so bleiern, so bekenntnishaft
erscheint, bekommt bei Bissmeier eine staunenswert schwebende, mitunter
das Komische streifende Leichtigkeit.
Das letzte Mal
an diesem Haus wurde Claudels "Mittagswende" 1960 aufgeführt,
inszeniert vom damaligen Intendanten Hans Schweikart, gespielt von Maria
Wimmer, Rolf Boysen, Peter Lühr und Alexander Kerst. Der Intendant war
mit sich selber unzufrieden, nach nur vier Vorstellungen setzte er das Stück
wieder ab. Dass "Mittagswende" heuer weit mehr als nur vier
Abende erleben wird, ist angesichts der hohen Qualität dieser
Jossi-Wieler-Inszenierung garantiert. Großer Beifall für alle.
Jossi Wieler
inszeniert Claudels ¸¸Mittagswende" an den Münchner Kammerspielen
von
JOACHIM KAISER
An
Paul Claudels bekenntnishaftes, ihm selbst später ein wenig peinliches,
gottselig schwärmerisch über Leichen gehendes Drama ¸¸Mittagswende"
erinnern sich ältere deutsche Theaterbesucher nicht ohne respektvolle
Angst.
Das 1905 entstandene, später umgearbeitete Stück wird selten aufgeführt.
Einst, im Jahr 1960, sah man es in den Münchner Kammerspielen - mit Maria
Wimmer, Peter Lühr, Alexander Kerst und Rolf Boysen - und erschrak vor
dem jugendstilhaften Überschwang des ehebrecherischen ¸¸Liebestod"-Rausches
im zweiten Akt: ¸¸Fühlst du ihn jetzt in deiner Brust, den Liebestod,
und diese Glut, die ein Herz entfacht, das sich verzehrt . . ."
Fremdelte aber auch mit der sakramentalen Üppigkeit des Finales, wo, kurz
bevor die Höllenmaschine explodiert, alles ¸¸schändliche Fleisch"
immerhin in der zumindest für glaubensfeste Seelen tröstlichen
Gewissheit erschaudert, ¸¸der Geist währt unauslöschlich" . . .
Wer mit solchen Erwartungen oder Befürchtungen die von Jossi Wieler
sorgsam klug und asketisch streng inszenierte neue
Kammerspiel-Inszenierung sah, musste zumindest während der ersten beiden
Akte ungläubige Überraschung empfinden. Befriedigt dank der ans Niveau
gewohnter KammerspielTradition anknüpfenden Aufführungs-Kultur, aber
enttäuscht wegen der durchdringenden Veränderung dramaturgischer,
dialogischer, heilsbezogener Gewichte.
Gewählt war die frühe Fassung von 1905, nicht die mit verstärkter
Glaubensgewissheit umgearbeitete aus den vierziger Jahren. Doch man
sollte, angesichts der Heftigkeit des Stoffes, Unterschiede der Fassungen
nicht überbewerten. In der späteren Fassung tritt das hymnische Element
noch stärker hervor. An der ¸¸Zumutung", an der Gewalt der Sache
ändern gewisse Unterschiede nicht allzu viel. Wenn der erfahrene Mesa
beispielsweise im späteren Text auf die Frage seiner geliebten Ysé: ¸¸Droht
irgendeine Gefahr?" raunend antwortet: ¸¸Der Weltuntergang droht ständig",
während er in der früheren Fassung resignierter reagierte: ¸¸Nein . .
. Öh . . . wer kennt sich in China aus."
Kein Zweifel: Dieser ferne Claudel-Text muss jeden Regisseur in einen viel
streichenden, heftig neu akzentuierenden Autor verwandeln. Anders geht es
nicht. Die wunderschöne Ysé ergibt sich also Akt für Akt einem neuen
Mann zur Liebe. Verstößt, schickt in den Tod, leidet, unterwirft sich.
Die Frau als Köder, um einen besonderen Mann zu Gott zu führen, der Vamp
als Werkzeug des Unheils wie des Heils. Man kann die Handlung nacherzählen
wie ein amoralisches Boulevard-Stück mit der Tendenz zum Abgrund. Aber
auch so, als ginge es hier um letzte, katholisch-universal Gottes Schöpfung
verherrlichende Dinge.
Der Regisseur Jossi Wieler setzte auf Reduktion. Man sprach während der
ersten beiden Akte leise, gefährlich leise, teils nobel beiläufig,
manchmal, als äußerten die Figuren Monologisches, mehr zu sich als zu
den Partnern hin. Die Witzigkeit des Dialogs verblüffte. Als wäre die
¸¸Mittagswende" von Noel Coward oder von einem leisen Giraudoux.
Wenn dann im dritten Akt doch Passionen laut wurden, wirkten sie eher als
Zutaten, kaum als Essenz des Ganzen.
Gott kam, sozusagen, überhaupt nicht vor in den ersten vierzig Minuten.
Diskret wich Wieler aller religiösen Erbaulichkeit, aber auch aller
Claudelschen Beschwörung aus. So ersparte er uns manche Peinlichkeit des
Stückes, aber auch Claudels Passion, die sich in deutscher Übersetzung
oft schrecklich rhetorisch ausnimmt.
Tugend ohne Gott
Hinreißend schön, fragil, in zarten, balletthaft durchstilisierten Posen
imponierte Nina Kunzendorf als Ysé. Im ersten Akt, die Beinhaltung ständig
graziös variierend, lehnte sie sich an die alle glühende Sonne
wegdunkelnden Schiffsvorhänge. Man bezeichnete sie als Königin, als
Kokette, frei, als aufrecht, draufgängerisch, geschmeidig, entschlossen -
und sie wirkte auch so auf die gehorsamen Männer, von welchen sie dann
doch früher oder später beherrscht wurde, weil ein Teil ihrer Seele
zugleich die Unterwerfung brauchte.
Wie ein Prügelmädchen bekannte sie: ¸¸Er behandelte mich, wie ich noch
nie behandelt wurde. Und ich bat ihn um Verzeihung, und dabei vergoss ich
heiße Tränen wie ein kleines Schulmädchen." Oder: ¸¸Und was läge
daran, wenn du mir weh tätest, vorausgesetzt, dass ich nur fühle, wie du
mich presst und ich dir untertan bin!" Ja, einer Frau falle es
leicht, nachzugeben, jählings ist sie ¸¸nichts als Verworfenheit,
Unterworfenheit . . ."
Jossi Wieler und Nina Kunzendorf mögen gespürt haben, dass eine
derartige seelische Bandbreite unspielbar sei. Darum verwandelten sie die
Ysé in eine Schwester der Wedekind"schen Lulu. Liebe wie grausam mörderisches
Verhalten hatten nun etwas vom Traum eines Engels. Man begriff die Männer,
wie sie diesem Engel verfielen. Aber die Ysé selbst blieb pretiöses Rätsel.
Zarte, keineswegs verhuschte, sondern sorgsam stilisierte Andeutungen.
Claudel wollte in diesem Drama zeigen, wie nicht nur das ¸¸Fleisch wider
den Geist" aufbegehrt - sondern auch ¸¸der Geist wider das
Fleisch". Hauptfigur ist eigentlich nicht die Ysé, sondern Mesa, der
Gott sucht, sich von Gott zurückgewiesen meint, und am Ende über die
Liebe doch zu ihm kommt. Darauf aber ließen sich Wieler und Stephan
Bissmeier nicht ein. Dieser Mesa - ist er nicht, wie er sich selber nennt,
ein ¸¸Gelber", ein ¸¸alter Chinese"? - hätte sich viel
fremder, ungewöhnlicher ausnehmen müssen im durchaus akzeptablen
Solisten-Quartett. Bissmeier sprach zu leise, zu undeutlich. In seiner
verzweifelten Gottsuche, aber auch in seinem kaum auffallenden ¸¸Lobgesang"
(vor dem Tod im dritten Akt) kamen AusrufungsZeichen gleichsam nicht vor,
als imponiere dem Schöpfer des Himmels und der Erde hauptsächlich
Diskretion.
Wenn Mesa und Ysé am Ende des zweiten Aktes den derben, gutartigen, dumm
ehrgeizigen ersten Ehemann Ysés, De Ciz (Jochen Noch ließ sich leicht düpieren)
wie in einem Intrigenstück auf eine tödliche Reise schicken, indem sie
ihn davor so warnen, dass er es nun gerade will - dann wurde so etwas eher
zur Hauptsache als der hier gänzlich verborgene Gott. Die relativ
spannungsarme Harmlosigkeit von Jochen Noch wie die derbe, problemlose
Courage des letzten erfolgreichen Liebhabers Amalric (Hans Kremer) waren
Konsequenz von Wielers vorsichtiger Reduktion.
Das Bühnenbild und die (für Ysé höchst kleidsamen) Kostüme stammten
von Anja Rabes. Lauter Andeutungen, wie sie einem modernen Publikum zu genügen
scheinen. Ein Letztes: Indem die Aufführung allen peinlichen, weil ins
Deutsche kaum akzeptabel übertragbaren religiösen Ekstasen (bis auf ein
paar späte Momente am Schluss) auswich, lief sie folgende, nicht leicht
beschreibbare Gefahr.
Wenn sehr leise parliert wird, durchdacht, unauffällig bedeutsam,
entsteht nämlich keineswegs ohne Weiteres die gesuchte ¸¸moderne"
zweite Natürlichkeit. Sondern eher ein vornehm versnobtes Idiom: Überlegen
vor sich hin redende Figuren, die ihre Leidenschaften verbergen, lieber süffisant
erscheinen möchten als betroffen. Um so betroffener freilich reagierte
mit lang anhaltendem Beifall das Münchner Premieren-Publikum.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.80, Montag, den 05. April 2004
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Meine
Bekehrung (1909)
von Paul Claudel (1868-1955)
Am 6. August 1868 wurde ich geboren. Meine Bekehrung vollzog sich am 25.
Dezember1886. Ich war also achtzehn Jahre alt.
...
Man entsinne sich nur jener traurigen Zeit der achtziger Jahre, jener
Epoche der Hochblüte der naturalistischen Literatur. Niemals schien das
Joch der Materie dauerhafter geschmiedet. Alles, was in Kunst,
Wissenschaft und Literatur einen Namen hatte, war irreligiös. Alle (sogenannten)
großen Männer des ausklingenden Jahrhunderts hatten sich durch
Feindseligkeit gegenüber der Kirche ausgezeichnet.
...
Mit achtzehn Jahren glaubte ich also, was die Mehrzahl der sogenannten
gebildeten Menschen jener Zeit glaubten. Der große Gedanke von
Individualismus und von der Fleisch gewordenen Wahrheit war in mir getrübt.
Ich eignete mir die monistische und mechanische Hypothese in ihrer ganzen
Strenge an; ich glaubte, alles sei "Gesetzen" unterworfen, und
diese Welt sei eine Verkettung von Ursachen und Wirkungen, welche die
Wissenschaft bereits übermorgen vollständig entwirren würde. All das
kam mir im übrigen sehr betrüblich und äußert langweilig vor.
...
Im übrigen führte ich ein unmoralisches Leben und verfiel nach und nach
in einen Zustand der Verzweiflung. Der Tod meines Großvaters, den ich
monatelang an Magenkrebs dahinsiechen sah, hatte mir einen tiefen
Schrecken versetzt; seitdem verließ mich der Gedanke an den Tod nicht
mehr.
...
Ein erster Schimmer der Wahrheit drang zu mir durch die Begegnung mit den
Büchern eines großen Dichters, dem ich hierfür ewigen Dank schulde; bei
der Formung meines Denkens hat er eine überragende Rolle gespielt: es war
Arthur Rimbaud.
...
Zum erstenmal wurde durch diese Bücher eine Bresche in mein materialistisches
Bagno geschlagen, sie vermittelten mir den lebendigen, beinahe physischen
Eindruck des Übernatürlichen.
...
So stand es um das unglückliche Kind, das sich am 25. Dezember 1886 in
Notre-Dame-de-Paris begab, um dort dem Weihnachtshochamt beizuwohnen.
Damals fing ich zu schriftstellern an und hatte die Vorstellung, ich könnte
in den katholischen Zeremonien, die ich mit dünkelhaftem Dilettantismus
betrachtete, ein geeignetes Reizmittel und den Stoff für ein paar
dekadente Übungen finden.
...
Ich selbst stand unter der Menge in der Nähe des zweiten Pfeilers am
Choranfang, rechts auf der Seite der Sakristei. Da nun vollzog sich das
Ereignis, das für mein ganzes Leben bestimmend sein sollte. In einem Nu
wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Ich glaubte mit einer so mächtigen
inneren Zustimmung, mein ganzes Sein wurde geradezu gewaltsam
emporgerissen, ich glaubte mit einer so starken Überzeugung, mit solch
unbeschreiblicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den
leisesten Zweifel offen blieb, dass von diesem Tage an alle Bücher, alles
Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu
erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochten. Ich hatte plötzlich das
durchbohrende Gefühl der Unschuld, der ewigen Kindschaft Gottes, einer
unaussprechlichen Offenbarung.
...
Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Er ist jemand, es ist ein ebenso
persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich. Tränen und Schluchzer
überkamen mich, un der liebliche Gesang des Adeste trug noch das seinige
zu meiner Erschütterung bei. Eine recht süße Erschütterung übrigens,
der sich dennoch ein Gefühl des Schauders, ja beinahe des Schreckens
zugesellte! Denn meine philosophischen Überzeugungen blieben
unangetastet. Gott achtete ihrer nicht und überließ sie ihrem Schicksal;
sie zu ändern, sah ich keinen Anlaß; die katholische Religion kam mir
nach wie vor wie ein Sammlung törichter Anekdoten vor; ihre Priester und
Gläubigen flößten mir immer noch den gleichen Widerwillen ein, der sich
bis zu Haß, ja bis zu Ekel steigerte. Das Gebäude meiner Ansichten und
Kenntnisse brach nicht zusammen, an ihm entdeckte ich keinen Fehler. Es
war nur eines geschehen, ich war aus ihm herausgetreten! Ein neues,
gewaltiges Wesen mit schrecklichen Forderungen an den jungen Menschen und
Künstler, der ich war, hatte sich offenbart; doch ich verstand nicht, es
mit irgendetwas von dem, was mich umgab, in Einklang zu bringen. Der
zustand eines Mannes, den man mit einem Griff aus seiner Haut reißt und
in einen fremden Körper in einer ihm unbekannten Welt verpflanzt, ist der
einzige Vergleich, der annähernd diesen Zustand völliger
Fassungslosigkeit veranschaulichen könnte.
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