SEEG                                                        IM ALLGÄU

VON THEODOR
ALBERTUS MAGNUS
FREY

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Christoph 
von Schmid

Geboren am 15.8.1768
in Dinkelsbühl

Gestorben am 3.9.1854 
in Augsburg

Kaplan in Seeg 
von März 1795 - Dezember 1796

  THEODOR FREY
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APOSTOLISCHE REISE

Unter dem Datum
'25 July 1794, also nicht ganz ein Jahr bevor Schmid die Kaplanstelle in Seeg antrat, schreibt er aus Nassenbeuren an Pfarrer JAKOB SALAT einen langen, höchstinteressanten, ernsten und witzigen  Brief, den der Herausgeber dieser Briefe, Josef Sellmair, als den 'Glanzpunkt' dieses Schriftverkehrs bezeichnet.

 

Jakob Salat (1766-1851) war mit Schmid Schüler Johann Michael Sailers in Dillingen. Ab 1802 war er Professor der Moral- und Pastoraltheologie am Lyzeum in München. 1808 Professor der Philosophie in Landshut.

In seiner Biographie über Schelling kommt Xavier Tilliette zu keiner positiven Einschätzung von Salat. Er schreibt:

"Schellings aggressivster und giftigster Feind ... war seit der Münchner Zeit der Gymnasiumsdirektor Kejetan Weiller, gemeinsam mit seinem nicht weniger listigen und heuchlerischen Gehilfen Jakob Salat."

Den 25 July 1794

Liebster Pfarrer!

Muß Dich doch auch wieder einmal besuchen in Deinem trauten, niedlichen Pfarrhäuschen! - Aber, was Henkers ist das? Auf einmal befällt mich eine Verlegenheit. Ich stehe so schüchtern und demüthig an der Thüre, nehm' den Hut bald in die Hand, bald unter den Arm, stehe auf den Zehen etc. und kann nicht dazu kommen, anzuklopfen -.

...

Denn so lange, bis Dich irgend ein Bedürfniß nöthiget herauszukommen, mag ich nicht an Deiner Thüre stehen. Wie wärs, wenn ich ganz leise, leise (wenigstens zehnmal leiser als mir das Herz klopft) anklopfte, und dann mit einer tiefen Verbeugung zu stottern anfienge "Alldieweilen eben heute dero hohes Namensfest einzustellen geruht - kann nicht unterlassen - - -" und dann nach und nach, wie ich besagter würde, in einem Schwall von Entschuldigungen, von wegen meines langen Nichtschreibens ausbräche? Pfui doch! Life is too short, to be long about the forms of it - Also reiß ich die Thür mit einem mal auf, stürz hinein, und falle Dir (der Himmel verhüt es, daß Du nicht eben, wie ich fürchte, mit dem Rücken gegen die Türe gekehrt an Deinem Schreibtisch sitzst, in welchem Falle ich Dich von hinten anstellen müßte) geradzu um den Hals: ...

 

Dies sind Auszüge aus der Einleitung. Im folgenden erzählt er über seine Beschäftigung mit Lessing und Kant, um dann unter Ziffer 11 einen ausführlichen Reisebericht über eine Reise ins Allgäu zu geben.

11.
Ohnlängst machte ich auch eine Reise ins Allgäu. Es war aber weder eine müßige, noch eine neugierige, noch eine eitele, noch eine milzsüchtige, noch eine nothgedrungene, noch eine simple, noch eine empfindsame: sondern (if you please) - eine Art, die Sterne
[Laurence Sterne 1713 - 1768;  englischer Schriftsteller - A Sentimental Journey Through France and Italy ist eins der frischesten und unvergänglichsten Charakterbilder des 18..  Jahrhunderts] ganz außer Acht ließ - eine apostolische Reise. Denn ich predigte auf dem Ulrichstag in Seeg. [Der Namenstag des Heiligen Ulrich ist 4. Juli , seinem Sterbetag 973 in Augsburg]. Es war eine der vergnügtesten meines Lebens.

Das Allgäu ist und bleibt doch ein herrliches, interessantes Land. Welch eine mannigfaltigkeit von malerischen, schönen und wildromantischen Naturszenen! Ich wäre darüber bald nicht nur zum Dichter (das ich die Ehre habe schon zu sein) sondern auch noch zum Maler geworden. Welch ein Durcheinander von schönen Hügeln, an denen bald einige Hütten hangen, bald einige ober im Gebüsch und Obstbäumen wie vergraben liegen; ganz unten fast mit jedem Schritte sich andere zeigen, andere verschwinden, als wollten sie Verstecken mit Dir spielen, und dann die Hügel alle mit einem überschwänglichen Reichthum von Gras und Kräutern überkleidet, und mit schönen, großen, grasenden Rindern umgürtet! Und weiterhin dann die höheren, ganz hinauf mit finstern Tannen bewachsenen Berge, mit den mächtigen Ruinen alter Ritterburgen gekrönt [hier dachte er wohl an die Ruinen Freyberg -Eisenberg, südlich von Seeg], und dann erst noch weiterhin, aber dennoch in frappierender, beängstigender Nähe des Hochgebirges, diese ungeheuren, himmelnahen Felsenmassen, von Wolken, auf die ihre Spitzen stolz herabsehen, umflossen, und auf das bizarrste gezackt, gespalten usw. und grau und alt wie die Erdkugel!

Die Leute sind ein ehrlicher, starker Schlag Menschen. Es begegnen dir dort an einem Tage so blühende, harmonische Gesichter, wie Du hier herum z.B. die Woche durch kaum eines siehst. Die Dörfer bestehen größtenteils aus schönen, zweystöckigen, gemauerten Häusern, die mit ihren platten, hölzernen Dächern und ihrer blendenden Weiße (besonders von Thurm und Kirche, das fast allgemein ist, auch mit Holz, das immer eine ganz unvergleichliche graue Atlasfarbe hat, gedeckt sind) der Gegend umher noch ein helleres, freundlicheres Aussehen geben.

Die Bergluft ist so frisch und that meiner Lunge so wohl, daß ich (obwohl ich ein schlechter Anatomiker bin) ihre Gränzen an meiner schwarzen Weste herum auf ein Haar hin mit dem Finger hätte abzeichnen können. Den Frühling, von dem ich mich hier schon verabschiedet, fand ich dort wieder, und es ist, als wenn die schöneren Zeiten des Jahres alle, so wie sie uns verlassen, nach einander da hinein wandern. Die rauheren kommen von da zu uns heraus. -

Das Land hat den Schein von hoher Landeskultur. Doch nur den Schein. Wenn ich jedes Eckchen am Wege, jedes spannengroße Winkelchen zwischen Zäunen mit hohem Gras besetzt sah, so schrieb ich das anfangs dem Fleiße der Einwohner zu. Es ist aber bloß die Wohltätigkeit des Bodens. In diesen Gegenden müßte die Stallfutterung Wunder thun! Einzelne versuchten sie auch schon. Der Erfolg übertraf auch hier alle Erwartungen. Da die Leute meist zerstreut wohnen, und jeder sein Gütchen, unvermischt und abgesondert von den andern um sich herum hat, wäre sie auch leicht einzuführen.- Das Anbauen von Winterfrüchten würde ich ihnen aber verbieten usw. usw. -

Sonst soll sich der republikanische Geist (nicht so fast weil er Bergbewohnern ohnehin eigen seyn pflegt, sondern gewisser anderer Ursachen halber) mächtig unter ihnen zu regen anfangen. Sie haben ihren Fürsten auch bey dem Domcapitel verklagt. Doch, denk ich, haben sie an dem Domdechan den rechten Mann gefunden. Seine Einsicht und Tätigkeit wird die Misheligkeiten zur beyderseitigen Zufriedenheit in Frieden beyzulegen wissen.

Dann bringt er noch Gedanken zur Revolution und zum Evangelium aufs Papier um zu schließen:

 

Es ist mir ein Bedürfniß, wieder einmal, und zwar bald, etwas von Dir zu hören. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, daß ich mit aller Liebe, Freundschaft und Hochachtung sey

Dein Stophel 

aus Nassenbeuren

Quelle: Christoph von Schmid - Erinnerungen und Briefe, Hrsg. Hans Pörnbacher, 1968 by Kösel- Verlag S. 217 f.

 



KAPLAN 
IN SEEG

Christoph Schmid war eindreiviertel Jahre Kaplan 
bei Michael Feneberg in Seeg. 
Seine erste Taufhandlung war am 10. März 1795, 
seine letzte am 9. Dezember 1796.


In den Erinnerunge
n aus meinem Leben (Bd. 3 Berufsleben hrsg. von Albert Werfer 1855)
schreibt Christoph von Schmid ausführlich über seine Kaplanzeit in Seeg.

Der Text ist im Folgenden in Originalschreibweise und Originalumbruch wiedergegeben. 

Seite 98

   5. Die Kaplanstelle zu Seeg

      Professor Feneberg
[>] war auf sein Ansuchen Pfar-
rer zu Seeg im Allgäu geworden. Es ist von ihm
in diesen Blättern schon öfter die Rede gewesen,
als einem in jeder Hinsicht verehrungswürdigen,

Feneberg, Johann Michael 1751-1812

Geb. in Marktoberdorf, verlor Vater mit dreizehn Jahren, 1769 Eintritt in das Jesuitennoviziat in Landsberg, studierte mit Sailer in Ingolstadt zwei Jahr Philosophie; 1785-1793 Gymnasialprofessor in Dillingen.
1793 - 1805 Pfarrer in Seeg; 1805 - 1812 Pfarrer in Vöhringen (Kreis Neu Ulm); Grab an der Südseite der alten Vöhringer Pfarrkirche.


Zur Grabplatte . . .


Seite 99

frommen, wohlwollenden, menschenfreundlichen, kennt-
nißreichen, in allen Fächern der Wissenschaften be-
wanderten und im Unterrichts- und Erziehungs-
wesen ausgezeichneten Manne.

         Am schönsten hat Sailer in dessen Biographie [>] 
ihn dargestellt und einen Hauptzug seines Charak-
ters mit einem Worte bezeichnet, indem er ihn einen
wahren Nathanael
[>] , eine Seele ohne Falsch nannte.

          Bald nach Antritt seines Pfarramtes hatte er,
indem er auf ein entferntes Filial ritt, das Unglück
daß sein Pferd stürzte, er den Fuß brach und der
Fuß abgenommen werden mußte. Die Geschichte
dieser bedauernswerthen Begebenheit ist bekannt und
in mehreren Erbauungsschriften für Kranke und
Leidende als ein Beispiel des Vertrauens auf Gott
und heldenmäßiger Geduld aufgenommen worden.

          Da nun Feneberg bei seiner großen, weitum-
fassenden Pfarrei einen zweiten Kaplan nöthig hatte,
so richtete er sein Augenmerk auf mich. Er war
schon in Dillingen immer sehr wohlwollend, ja
freundschaftlich gegen mich gesinnt; auch ich hatte
für ihn, den Veteranen des Schulwesens und den
Verfasser der Fragen für Kinder über biblische Ge-
schichte, die größte Achtung und wegen seines wohl-
wollenden, treuherzigen Charakters das herzlichste
Zutrauen. Er schrieb daher an meinen gegenwär-
tigen Pfarrer, seinen Jugendfreund, und an mich,
und so wurde ich Kaplan in Seeg.

J.M. Sailer: "Aus Fenebergs Leben" München,  bey Jgnaz Joseph Lentner, Buchhändler zum schönen Thurme. 1814

Im  Neuen Testament ist Nathanael ein Galiläer, der von Jesus berufen wird, ihm als Jünger nachzufolgen (Joh.1,45-50; 21,2). In der Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass er gleichzusetzen ist mit Bartholomäus (Natanaël Bar-Tolmai) aus Apg 1,13 und den synoptischen Evangelien. Somit wäre Nathanael Bartholomäus, einer der zwölf Apostel Christi. In den Schriftrollen vom Toten Meer wird mit "Nathanael" der erste Engel bezeichnet, der von Gott geschaffen wurde. Nathanael bedeutet so viel wie Gott hat gegeben/Geschenk Gottes.

Unglück am 30. Oct. 1793
Fußabnahme 15.Nov.1793

Seite 100

          Diese Pfarrei liegt im Allgäu, einer sehr rauhen
Gegend, nahe an den Vorbergen der Tyroler-Alpen,
über die das mit Schnee bedeckte Hochgebirge der
Schweiz hervorragt. Das Pfarrdorf Seeg, eigent-
lich See-Egg, liegt auf einem Hügel und an zwei
Seen; mehr als 80, sage achtzig Weiler, einzelne
Bauernhöfe und Mühlen gehören dahin in die
Pfarrei und nehmen einen Raum von zwölf Stund-
den im Umfange ein. Kern und Roggen gedeiht
hier nicht, sondern nur Gerste und Haber und auch
Flachs; die Wiesen und die Viehweiden sind vorzüg-
lich gut. Der Feldbau aber ist sehr mühsam; an den
vielen Hügeln kann man von dem Pfluge keinen Ge-
brauch machen, sondern de Acker muß mich Hacken
bearbeitet werden. Die Leute sind aber sehr arbeit-
sam und gewinnen dem Boden hinreichende Nah-
rung ab. Was an Getreide fehlt, wird durch Flachs-
bau und Viehzucht ersetzt.

     So arbeitsam die guten Leute waren, so christ-
lich gesinnt, so sittlich gut waren sie auch. An
Sonn- und Festtagen standen die von der Pfarr-
kirche entferntesten schon Morgens um drei Uhr
auf und fütterten ihr Vieh, um zur rechten Zeit
in den Gottesdienst zu kommen. Im Winter sah
ich sie Morgens gegen fünf Uhr mit Fackeln
aus den bergen hervorkommen; ein starker Mann
ging voraus, um durch den tiefen Schnee den
Weg zu bahnen, der oft Wochen hindurch von

Seite 101

keinem Fuße betreten wird. Sie setzten einen Ehren-
punkt darein, niemals den Gottesdienst versäumt
zu haben oder zu spät gekommen zu seyn. Sie
hörten die Predigt immer mit der größten Aufmerksamkeit an und betheten unter dem Hochamte
mit sichtbarer, ungeheuchelter Andacht. Da sie so
andächtig  und fleißig waren, betheten und arbeite-
ten, so waren sie auch tugendhaft und zufrieden.
Vieles mochte auch dazu, daß sie nicht leicht ver-
dorben werden, der Umstand beitragen, weil sie weit
von einander entfernt wohnten, und daher fast nur
auf ihr häusliches Leben und den Umgang mit
wenigen Nachbarn beschränkt sind; da hingegen in 
volkreichen Städten das Verderben leichter einreißt.

     Die Kirche zu Seeg ist so groß, als für eine
Pfarrei von mehr als 2000 Seelen nöthig ist und
auch sehr schön. Die drei Altarblätter, auf deren
Lehrreiches Sailer, als er am Kirchweihfeste da
predigte, aufmerksam machte, sind dadurch den Pfarr-
angehörigen noch merkwürdiger geworden. Auf dem
Seitenaltare rechts zeigt Maria ihr göttliches Kind, 
den zu unserem Heile Mensch gewordenen Sohn
Gottes, und weiter unten erblickt man den heiligen
Ulrich, der sein Bisthum Augsburg und auch die 
Pfarrei Seeg dem obersten Hirten Jesus Christus
empfiehlt und ihm die Herzen aller dahin gehörigen
Christen übergibt. Auf dem andern Seitenaltare
links erblickt man Jesus Christus, wie er von

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Johannes getauft und zu seinem heiligen Berufe,
die Menschen zu lehren und selig zu machen, ein-
geweiht wird und wie der Himmel sich über ihm
aufthat, von dem die Stimme der Vaters erscholl:
"Dieser ist mein geliebter Sohn." Auf dem Hoch-
altare erscheint Jesus Christus in der Herrlichkeit
des Himmels von seinen Aposteln und Heiligen und
Völkern aus allen Jahrhunderten und Himmels-
strichen umgeben, eine Herrlichkeit, zu der auch wir
bestimmt sind.

     Auf dem Choraltare sind noch vier Engel von
schöner Bildhauerarbeit mit Kreuz, Anker und zwei
Rauchfässern, die auf Glaube, Hoffnung, Glut der
Liebe und Weihrauch des Gebethes hindeuten.

     Nebst der Hauptkirche befinden sich in der Pfar-
rei noch zwei kleinere Kirchen etwa eine Stunde
weit in Lengenwang und Rückholz. Bei jeder ist
zur Aushülfe in der Seelsorge ein Geistlicher an-
gestellt.

     Ueberdies haben die frommen, eifrigen Pfarr-
angehörigen nächst ihrer Wohnungen noch viele
kleine Kapellen erbaut; in ei
lf derselben darf auch
Messe gelesen werden, damit alte Leute, denen der
Weg in die Kirche zu weit wäre, doch hier dem
heiligsten Opfer beiwohnen können.

     Und da hat Pfarrer Feneberg die schöne An-
ordnung getroffen, daß bei jeder heiligen Messe nach
dem Evangelium ein Ausspruch desselben oder

Seite 103

ein Wort oder eine That eines Heiligen, dessen
Name auf den Tag traf, den Anwesenden gesagt 
wurde.

     An schönen Frühlingstagen z.B. erinnerten
wir daran, daß Jesus Christus uns auffordere,
auf die Vögel unter dem Himmel zu blicken, die
der himmlische Vater ernähre und auf die Blu-
men des Feldes, die Er schöner schmücke als Sa-
lamo gekleidet war in aller seiner Pracht. Zur
Zeit der Aerndte, wenn nach langem Regen die 
Sonne wieder hell und warm schien, oder wenn
nach langer Dürre ein milder Regen die Felder
erfrischte,
[so] machten die Worte Jesu, der himm-
lische Vater lasse seine Sonne scheinen, Er lasse
regnen, einen besonders erfreulichen und tröstlichen
Eindruck auf die Landleute. Die kurzen Anreden
durften aber nebst der Messe nicht länger währen,
als eine halbe Stunde, damit die Leute nicht von
ihrer Arbeit abgehalten würden. Indessen merkten
sie sich die wenigen Worte besser als eine lange
predigt.

     Hier kann ich eine Verlegenheit, in die ich bei
einer solchen Veranlassung kam, nicht unerwähnt
lassen. Der Benefiziat Erhardt in Lengenwang,
eine fromme heiligmäßige Seele, war krank. Ich
befand mich bei ihm, um seine Obliegenheiten, die
er als Seelsorger hatte, zu erfüllen und ihm in
seiner Krankheit beizustehen. Mein lieber Freund

  

Seite 104

 und Mitkaplan Bayer schrieb mir, ich möchte am
Antoniustage anstatt seiner nach Hirchbüchel, einem
anderthalb Stunden weit entfernten Filialort gehen,
weil es ihm wegen eines gefährlichen Kranken
nicht wohl möglich sey. Ich machte mich Früh
Morgens auf den weg. Ich dachte, daß ich dort
nichts zu thun habe, als Messe zu lesen und nach dem Evangelium wie gewöhnlich einige Worte zu
sagen. es fiel mir indessen auf, daß eine Menge
Leute von allen Seiten her der Antoniuskapelle zu-
wanderte. Als ich dort herkam, sagte der Bauer,
der die Stelle des Meßnerns vertrat, ich möchte mit
ihm in seinen Garten nächst der Kapelle gehen, um
zu sehen, ob mir die Kanzel recht stehe. Alles Gras
im Garten sey abgemäht, damit die Zuhörer da
bequem Platz finden. Erst jetzt wurde ich inne,
daß ich hier eine ausführliche Predigt vor vielem
Volke zu halten habe. Kaplan Bayer hatte nicht
daran gedacht, daß ich im vorigen Jahre noch nicht
sein Mitkaplan war; er meinte, ich wisse es schon,
daß dort zu predigen und eine feierliche Messe zu lesen
sey. Ich kniete vor dem Altare, der außen an der
Kapelle errichtet war, nieder, um da zu bethen,
und meine Gedanken zu sammeln. Die Geschichte
des heiligen Antonius von Padua war mir zwar
bekannt und ich ehrte ihn als einen großen Hei-
ligen, allein das Wichtigste auszuwählen, zu ordnen
und so darzustellen, daß die Zuhörer es leicht über-

  

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sehen, fassen und behalten konnten, war keine ge-
ringe Aufgabe. Auf dem Altare war das Bild des
heiligen Antonius, wie er gewöhnlich gemalt wird,
aufgestellt; man hatte es aus der Kapelle genom_men und hieher versetzt. Antonius hat in dem
Bilde die heilige Schrift offen vor sich liegen, hält
in der einen Hand eine Lilie und mit der andern das
ihm erscheindende Jesuskind. Ich erinnerte mich, eine
predigt Winkelhofers im Manuscripte gelesen zu
haben, in der er eine ähnliche Abbildung des heiligen
Antonius auslegt. Die heilige Schrift, sagt er
darin, enthält die Offenbarung und die Geschichte
der Erbarmungen Gottes, wie der Vater im Him-
mel uns und die ganze Welt erschaffen, der Sohn
Gottes in die Welt gekommen, uns sündige Men-
schen zu erlösen und wie der heilige Geist uns
heiligen will. Diese Wohlthaten Gottes sollen wir
uns recht zu Nutzen machen, wie Antonius, der
die heilige Schrift so fleißig gelesen, betrachtet und
sich angeeignet hat, daß er sie, wenn sie verloren
gegangen wäre, aus seinem Gedächtnisse hätte
wieder herstellen können. Die Lilie deutet darauf,
daß wir rein und heilig leben sollen, wie Antonius
nach dem Willen Gottes alles Böse gemieden und 
nur Gutes gethan hat. Das Jesuskind, der Mensch
gewordene Sohn Gottes, der dem Antonius er-
scheint und an dem Antonius sich hält, lehrt uns,
daß wir nur in stetem, vertrautem Umgang mit

  

Seite 106

Jesus, in dem allein Heil ist, und in dem sich die
Gnade und Menschenfreundlichkeit Gottes am lieb-
lichsten offenbart, heilig leben und getrost sterben
können.

     Diese drei Punkte machte ich denn zum Inhalte
meiner Predigt, und das zahlreiche Volk hörte mit
sichtbarer Andacht und Aufmerksamkeit zu. So sind
auch Gemälde - Bücher für alle frommen Christen,
besonders für solche Zuhörer, die nicht lesen können.
Gut ist es, wenn de prediger vieles Heilsame und
Nützliche gelesen hat, daß er zu gelegener Zeit das
Nothwendige aus dem Schatze seines Gedächtnisses
hervornehmen kann.

     Ueberhaupt soll der Prediger alle Umstände und besonders, was die Zuhörer vor Augen haben, wohl
benützen. Dazu fand ich noch eine weitere Veran-
lassung. Der grüne Rasenplatz, auf dem die Pre-
digt gehalten wurd, war von Bäumen umgeben,
an denen die reichlichen Früchte bereits sichtbar
waren; unter ihnen stand aber auch der Kanzel
gegenüber ein dürrer Baum ohne alle Früchte. Da-
von nahm ich den Schluß der Predigt. "In dieser
Welt," sagte ich, "fällt der Unterschied zwischen
guten und bösen Menschen nicht immer sehr in die
Augen. Im Winter sah dieser dürre, unfruchtbare
Baum aus, wie die guten, fruchtbaren Bäume;
allein erst im Frühlinge und Sommer wurde de
Unterschied offenbar. So wird auch die Zeit kom-
  

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men, in der ein heuchlerischer Mensch, ein falscher
Christ, der kein christliches Leben in sich hat, so
erschint, wie er in der That ist. Man vergaß, die-
sen verdorrten Baum umzuhauen und in das Feuer
zu werfen. Allein einem bösen Menschen ein glei-
ches Schicksal zu bereiten, wird der gerechte Gott nicht vergessen. Laßt uns das Leben eines wahren
Christen im Herzen haben und gute Früchte bringen!"

                                    ----------------------------------


     Sogleich nach dem Antritte seiner Pfarrei machte
Feneberg es sich zur Angelegenheit, die ihm anver-
traute, zahlreiche christliche Gemeine näher kennen
zu lernen, um sein predigtamt nach ihrer Fassungs-
kraft, ihrer bereits erworbenen Kenntniße unserer hei-
ligen Religion und ihrem sittlichen Zustande ein-
zurichten.

     Unter Anderem legte er ein Familienbuch an und
besuchte nach und nach die 86 Filiale
[n] und so viel
möglich auch die einzelnen Häuser. Er zeichnete die
Namen des Hauses und des Besitzers, des Haus-
vaters und der Hausmutter und aller Kinder auf und
bemerkte, wo sie in den Pfarrbüchern, in den Trau-
ungs-, Tauf- und Sterbelisten zu finden seyen.

     Er fand so Gelegenheit, den Bewohnern man-
ches erbauliche und nützliche Wort zu sagen und
die Gespräche mit ihnen machten ihm selbst viele

  

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Freude. Er fand unter ihnen recht viel fromme
und verständige Leute.

    Diese Familienbuch ersparte auch viele Mühe,
Zeit und langes Nachsuchen. Wenn z.B. ein Tauf-
schein verlangt wurde, so durfte man nur das Fa-
milien- und das Taufregister aufschlagen und konnte
ihn augenblicklich ausstellen. Auch war es bei Ehe-
verlobungen sehr leicht zu finden, ob wegen Ver-
wandtschaften etwa ein Ehehinderniß statt finde.
Auch ein Stammbaum, der hie und da wegen Erb-
schaften vom weltlichen Amte gefordert wurde, war
leicht zu verfassen. Ich fand ein solches Familien-
buch nur in Würtemberg, wo ich nach vielen Jah-
ren Pfarrer geworden, eingeführt, und es leistete
mir sehr gute Dienste.

     Feneberg hatte von der Pfarrei mit ihren 86
Filialen eine Karte entworfen und sie an der Thüre
des allgemeinen Speise- und Wohnzimmers aufge-
hängt. Jedes Weiler, jeder Bauernhof, jedes Wäld-
chen, jeder einzeln im Felde stehende Baum, jeder 
Steg über ein Bächlein war darauf angemerkt.
Wir zwei Kapläne konnten uns bei Krankenbesuchen
leicht zurecht finden, auch sehen, in welcher Ord-
nung sie vorzunehmen seyen, um den Weg nicht
etwa zweimal machen zu müssen.

     Das Besuchen der Kranken, wenn es mehrere
gab, brauchte viele Zeit. Wenn wir Morgens nach
der heil. Messe ausgingen, hatten wir zu thun, um

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bis zu Tisch zurückzukommen: nach Tisch kamen wir
oft erst am dunkeln Abend zurück.

     Wenn Jemand schnell gefährlich krank wurde,
so brachte man im Winter einen Holzschlitten und
im Sommer ein Pferd.

     Einmal als ich aufsaß, sagte der Knacht zu mir,
die Riemen des Steigbügels besehend: "Auf diesem
Sattel sind Sie auch schon einmal gesessen." Ich
 fragte ihn, woran er dieses erkenne? "Ei," sagte
er, "um den Bügel höher zu hängen, hat man ein neues Loch einbohren müssen."

     Gerade, wenn die Witterung am schlimmsten
war, es heftig stürmte, regnete und schneite, traf
es sich sehr oft, daß zu Nacht um eilf oder zwölf
uhr an der Hausglocke geschellt wurde und der
Kaplan, an dem eben die Reihe war, manchmal
über eine Stunde weit zu einem Kranken gerufen
wurde, um ihm die heiligen Sterbesakramente zu
reichen. Ich tadelte die Leute oft, daß sie nicht
am Tage, sondern erst um Mitternacht kämen. Erst
in der Folge erkannte ich, daß bei dem schlechtesten
Wetter sich die Krankheit verschlimmere.

     So mühevoll in einer so weit ausgedehnten
Pfarrei der Krankendienst, so anstrengend bei einer
so großen Seelenzahl das mehrer Stunden lange
Beichthören an Sonn- und Festtagen und noch vie-
les Andere war, so muß ich doch bekennen, daß die
Tage, die ich da zubrachte, wohl die glücklichsten

Seite 110

meines Lebens gewesen. Religion und Tugend wa-
ren bei dem steten Umgange mit dem Gottesfürch-
tigen Pfarrer und meinem frommen Mitgehülfen
in der Seelsorge das Element, in dem ich lebte.
Alle eiteln Zerstreuungen waren hier fern; niemals
war ich ein besserer Mensch, auch nirgends zufrie-
dener, ja seelenvergnügter.

     Der ehrwürdige Feneberg gewann wegen seiner
Redlichkeit und Treuherzigkeit, seiner wohlwollenden,
liebevollen Gesinnung mein Zutrauen, das er von 
jeher hatte, mit jedem Tage mehr. In wissenschaft-
licher  Hinsicht, als in der Theologie, der Kenntniß
der heiligen Schrift, der Seelsorge, dem Unterrichts-
und Erziehungswesen, habe ich Vieles von ihm ge-
lernt; ebenso in der Astronomie, Erdkunde, Geschichte,
vorzüglich in der Philologie. Auf Veranlassung
Fenebergs entstand in Seeg eine kleine Lehranstalt
für Knaben, die studiren wollten, worunter sich auch
der Sohn eines angesehenen, ausgezeichneten, hohen
taatsbeamten befand. Außer dem Latein wurde
auch in derErdbeschreibung, der Geschichte, Natur-
kunde unterrichtet. Auch mir wurde ein und das 
andere Lehrfach zugetheilt. Ich erinnere mich noch,
daß mir die Fabeln de Phädrus Gelegenheit ga-
ben, zu lehren und zu lernen. Die deutsche Pfarr-
schule zu Seeg wurde dabei nicht vernachläßigt.
Nur war der Unterricht sehr schwierig, weil die
Kinder eine, ja anderthalb Stunden weit in die

Seite 111

Schule zu gehen hatten und deshalb, zumal bei
Schnee und großer Kälte, viele entschuldbare Schul-
versäumnisse vorkamen. Jedoch wirkte ich fpr diese
Schule so viel mit, als ich konnte.

Feneberg hatte auch eine ausgewählte Bibliothek,
in der sich aus allen Fächern der Wissenschaft einige
der vorzüglichsten Werke befanden. Er hat mit mir
das ganze neue Testamnet in griechischer Sprache
durchgelesen. Mit meinem Freund Zech, der sich
bei Feneberg eine Zeit lang aufhielt und später
Kanonikus an der alten Kapelle zu Regensburg 
wurde, las ich Italienisch und Englisch. In der
italienischen Sprache war er mein und in der eng-
lischen ich sein Lehrer. Wir durchlasen mit einan-
der einige der vorzüglichsten Schriften im Originale.
Dr. Fröhlich, in der Folge Medizinalrath in Würtem-
berg, der sich manchmal acht bis vierzehn Tage in Seeg
aufhielt, machte mit mir fast täglich Wanderungen
in die Gebirge, wo er mit mir botanisirte und ich
auch in der Geognosie, der Bildung der Erdschich-
ten Vieles von ihm lernte. In Füßen, wohin ich 
öfter kam, lernte ich einen Klostergeistlichen, Pater
Basilius, kennen. Er war ein wahres Genie, und
hatte längere Zeit in Rom zugebracht und war der
italienischen und französischen Sprache wie seiner 
Muttersprache mächtig. Er fand vergnügen an dem
Umgange mit mir und für Feneberg hette er eine
hohe Verehrung. Merkwürdig ist es, daß Pater


Seite 112

Basilius den Telegraphen schon viel Jahre vor
den Franzosen erfunden hat. Seine Mitbrüder ach-
teten wenig darauf; die Maschine wurde indeß doch
in der Bibliothek aufgestellt. Erst als einmal über
Tisch die Nachricht von der französischen Erfindung
des Telegraphs aus den Zeitungen vorgelesen wurde,
da fing einer der Klostergeistlichen an: "Mein, hat
unser Pater Basilius nicht einmal auch ein solches
Ding gemacht." "ja, ja," sagte Basilius, "ein
solches Ding hat er gemacht." Er gab nun eine
Probe, was diese Maschine leisten könne, worüber
dann alls sich höchlich verwunderten. Er erfand
nun noch eine andere Form eines Telgraphs, den
er den Frauenzimmer-Telegraph nannte. Dieser
glich einem aufrecht stehenden Klavier. Die Tasten
waren mit 24 Buchstaben des lateinischen Alpha-
beths bezeichnet. Wenn man eine Taste mit dem 
Finger niederdrückte, erschien oben eine dem lateini-
schen Buchstaben ähnliche Figur. Basilius wechselte
auch öfter mit mir Briefe. Einmal schrieb er mir
einen Brief  in solchen telegraphischen Zeichen, den
ich in eben diesen Zeichen beantwortete. Auch theilte
er uns die damals berühmteste Literaturzeitung von
Jena, Posselts Annalen, die Minerva von Archen-
holz und andere interessante Schriften mit.

                           _____________________

Allgemeine Literatur-Zeitung 1795 -1803

Die Allgemeine Literatur-Zeitung erschien von 1785 bis 1849. Sie gilt als eines der wichtigsten Rezensionsorgane der Goethezeit. Diese Wertschätzung ist einerseits den prominenten Beiträgern wie Kant, Fichte, Schiller oder Schlegel geschuldet; andererseits begründen die zahlreichen hochrangigen Werke aller Fachrichtungen, die hier im Spiegel der zeitgenössischen Kritik erscheinen und nicht zuletzt die Tatsache, daß das Besprechungsorgan, dessen Redaktion 1804 von Jena nach Halle umzog, konsequent Kants Lehre zugrundelegte den Ruhm dieses Periodikums. Anonymität der Rezensenten, Vollständigkeitsanspruch und Unparteilichkeit bildeten die Grundlage des Konzepts der Zeitschrift. Sie erschien täglich außer sonntags, zum Teil sogar zweimal pro Tag und wurde von Supplementen, Intelligenz- und Ergänzungsblättern sowie einem systematisch angelegten Repertorium und sogenannten Revisionen begleitet.

Ernst Ludwig Posselt (1763 - 1804)
Historiker, Jurist, Publizist
stud. Rechts- und Staatswissenschaft und
Geschichte in Göttingen und Straßburg
1795: gibt die Europäischen Annalen heraus
1796: Legationsrat, Hofrat, Historiograph des
markgräflich-badischen Hauses
(Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv Marbach)

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Die Minerva - Ein Journal historischen und politischen Inhalts 
war eine deutsche Monatszeitschrift, die 1792  in Hamburg von dem ehemaligen preussischen Offizier Johann Wilhelm von Archenholz gegründet wurde. Sie bestand bis 1858 und wurde vor allen vom Bildungsbürgertum und liberalen Mitgliedern des Militärs gelesen.

 

Die Zeitschrift ist online Verfügbar.
Auch die Ausgaben der Seeger Zeit sind nachlesbar.

Interessant ist z.B. einige Artikel aus dem Jahre 1796 zu lesen, um einen Eindruck von dieser Zeit zu erlangen.

In Seeg gab es "einen traurigen Abschied". Feneberg zu verlassen, fiel ihm sehr schwer. "Wenn er nur nicht so bestimmt und fest gesagt hätte: Du mußt fort, ich glaube nicht, daß ich es hätte über das Herz bringen können, von ihm zu gehen"

(An Salat, 21. dezember 1796, Sellmair S. 218)

 

BESUCH VON SCHELLING 

"Schelling hielt sich inkognito - wenigstens fast - im Gasthof Prinz Karl in einem Vorort [von Augsburg - 1836- Christoph von Schmid war damals 68 Jahre] auf. Im Juli hatte seine ohnehin schon lange Krankheitsgeschichte eine Fortsetzung bekommen: eine fiebrige Schleimhautentzündung. Die Genesung und die Arbeit rechtfertigten eine relative Abgeschiedenheit, ja fast schon ein Versteck. ...[Schelling] ging nur selten aus. Eines Abends jedoch brach der kleine, in seinem Mantel gehüllte Mann unerkannt wie Nikodemus auf, um den Domherrn von Augsburg, Christoph Schmid, der auch Märchen für Kinder geschrieben hat, einen Besuch abzustatten. Als dessen Neffe Albert Werfer über das Zusammentreffen berichtete, fragte er sich, worüber der tiefsinnige Denker und der treuherzige Verfasser der Ostereier und Rosa von Tannenburg sich wohl hätten unterhalten können. Das fragen wir uns auch. Doch ganz im Innersten hatte sich Schelling seine Kinderseele bewahrt, und außerdem fühlte er sich insbesondere von allen Aspekten des kirchlichen Lebens angezogen. Diese Zeit des Refugiums in Augsburg belegt und bestätigt jedenfalls die Wende oder Evolution, die in seinem denken stattfand."

Quelle: XAVIER TILLIETTE: Schelling. Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2004 S. 377 f.

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Auch Schelling und Sailer trafen sich

"In die Reihe der ... hohen Besucher ist noch der fromme Prälat Johann Michael Sailer (1803) aufzunehmen. Jakob Salat, ein ausgemachter Feind Schellings, bestritt ausdrücklich diesen durch Eduard von Schenk belegten Besuch, und zwar mit dem Hinweis, daß er selbst, aktiv mit Jena verbunden, davon nichts gewußt habe. Doch in einem von Sailers Briefen, in dem an den Grafen Westerhold, erinnerte er sich an diese Begegnung: 'Ich besuchte (am 5. oder 6. April) Schelling (in Jena) und fand ein anziehendes Gesicht voll Geist mit einem Paar scharfsehender Augen. Der Leib sei das Organ des Geistes, der Geist Gottes.' In Landshut wurde Sailer Schüler und freund, Siegmund Zimmer, zu einem aktiven Befürworter von Schellings Ideen." 

Quelle: XAVIER TILLIETTE: Schelling. Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2004 S. 128

 














Porträtpastell Schellings von Friedrich Tieck, (1802)
Die Jahre um die Jahrhundertwende sind die fruchtbarsten in Schellings schriftstellerischer und publizistischer Tätigkeit

 

 

LEKTÜRE VON KANT

Unter dem Datum
'25 July 1794, also nicht ganz ein Jahr bevor Schmid die Kaplanstelle in Seeg antrat, schreibt er aus Nassenbeuren an Pfarrer JAKOB SALAT einen langen, höchstinteressanten, ernsten und witzigen  Brief, den der Herausgeber dieser Briefe, Josef Sellmair, als den 'Glanzpunkt' dieses Schriftverkehrs bezeichnet.

 

Den 25 July 1794

Liebster Pfarrer!

 

8. Kants Buch über Religion hab ich gelesen. Ich stimme Deinem Urteil bei. »Es ist ein Schatz trefflicher Bemerkungen.« Freylich kann ich vieles, vieles, so wie es da liegt, nicht für paare Müntze nehmen. Indeß kann ich auch dieß, und so mit beynahe alles, nach meiner Art brauchen. Nebenbey machten mir die Funken seines großen Verstandes, die überall hervorsprülien, sehr viel Vergnügen und da Vergnügen zu wenig sagt, Geisteswollust. Auch über die Prologomenen hab ich mich gewagt. Ich denke ich verstand die Hauptsache nemlich was Kant sagen wolle, ob allemal dem also sey, ist eine andere Frage? Einiges, wie zum Beyspiele die Categorien - obwohl er sagt, diese Dinger seyen schon in meinem Kopfe, kann ich sie doch nicht so recht in demselben hineinbringen, und darinnen finden. Ich werde (so bald ich bey Kasse seyn werde) Reinholds Versuch darüber lesen. Auch die Einfälle, die ich noch nicht recht wahr finden kann, dünken mich doch darum bewundernswürdig schön, schwachsinnig, neu und böse, welches denn immer der Charakter des Genies - zum Guguck, da läuten sie mir schon wieder in den Rosenkranz, der diesmal (und auch sonst manchmal) ein wahrer Dornenkranz für mich ist.


 

 

 

 

Grabplatte an  der alten Vöhringer Pfarrkirche

 

WERKE



Werke im Gutenberg Projekt . . .


So beginnt "Rosa von Tannenburg". Es ist nicht schwer darin die Gegend um Seeg - vielleicht die Burg Falkenstein - wiederzuerkennen. Besonders wenn man den Brief einer "Apostolischen Reise" kennt.

"An den südlichen Grenzen Schwabens, in jenen malerischen Gegenden voll blühender Täler und waldiger Berge, hinter denen sich in blendendweißer Pracht die Schneegebirge der Schweiz erheben, stand vor uralter Zeit, auf einer hohen, mit Tannen bewachsenen Felsspitze das ansehnliche Schloß Tannenburg. Noch Jahrhunderte, nachdem es zerstört worden, machten die zerfallenen Türme und die bemoosten Mauern, zumal wenn sie von der untergehenden Sonne gerötet oder von dem Mondlichte blaß beleuchtet waren, einen eigenen Eindruck auf das Gemüt des Wanderers. Er segnete in seinem Herzen die edlen Menschen, die ehemals hier gewohnt und weit umher die Gegend beglückt hatten, und setzte, von dem schauerlichen Gefühle de Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ergriffen, seinen Stab weiter."

 

 

 

 

Der Abend im Gebirge

Glutrot malen
Abendstrahlen
Wald und Hain
Und des kahlen
Bergs Gestein.

Gottes Frieden
Fühlt hienieden
Schon die Brust –
Abgeschieden
Eitler Lust.

Und nun schweiget
Alles – zeiget
Heiligtum;
Tauschwer neiget
Sich die Blum’.

Heil’ge Stille,
Ach! Erfülle
Auch mein Herz!
Sänft’ge, stille
Lust und Schmerz.






Märzabend von Andreas Sammet

 

 

LIEDTEXTE

"Beim letzten Abendmahle"

"Komm Heiliger Geist auf uns herab"

"Am Pfingstfest um die dritte Stunde"

"Ihr Kinderlein kommet" (1811) Melodie: Johann Abraham Peter Schulz 1794

Wie lieblich schallt durch Busch und Wald

 






 

 

WEITERE HINWEISE
    Christoph von Schmid

 

 

 

 

Ernst Ludwig Posselt

Auszug aus der Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" vom 9.06.2004
über
Ernst Ludwig Posselt von Kurt Oesterle

Der Redakteur in Flammen

" Solche Nachrichten, zumal aus Frankreich, beschleunigen den Puls von Ernst Ludwig Posselt.  Ohne Zögern greift der 32-jährige Amtmann im badischen Gernsbach zur Feder und schreibt seinem Verleger Johann Friedrich Cotta am 9. April 1795 nach Tübingen, er möge ihm „die nun erschienene höchst wichtige Schrift von Condorcet“ beschaffen, „die ich für Sie übersezen werde, und die ich zu lesen mit der gespanntesten Ungeduld wünsche“. Cotta besorgt Posselt das Verlangte, in „reißender Schnelligkeit“ ist die Arbeit getan, und kein Jahr später das Buch ausgeliefert: Entwurf eines historischen Gemähldes der Fortschritte des menschlichen Geistes.

...

Indes: Kein Verleger ohne Kalkül respektive Kalkulation. Cotta hat bereits investiert, um auf dem neuen Markt für zeitpolitische Bücher aus Frankreich dabei zu sein. Das Verlagsprogramm des Tübingers, der das heruntergewirtschaftete Familienunternehmen mit Schillers (und bald darauf Goethes) Werken, aber auch mit ein paar radikaldemokratischen Schriften wieder in Schwung bringen will, nennt etliches zu diesem Thema. Da hat es nahe gelegen, dass Cotta den viel gelesenen historischen Schriftsteller, Publizisten und Redner Ernst Ludwig Posselt zur Mitarbeit lädt, der mit den französischen Verhältnissen vertraut und für seine freie Schreib- und Denkart teils berühmt, teils verhasst ist. Auf seinen Vorschlag hin beschließt Cotta, eine Zeitschrift zu gründen, deren Chefredakteur Posselt sein soll. Die so entstandene Monatsschrift Europäische Annalen kommt bald in den Ruf, das beste politische Journal im deutschsprachigen Raum zu sein.

In der ersten Nummer vom Februar 1795 hält Posselt Rückschau auf das Jahr 1794, das Jahr der terreur, das auch Condorcet den Tod gebracht hat und nun „hinabgerollt“ ist. Posselt begreift, dass seither die Revolution auf der Kippe steht, dass ihre Zukunft und damit die Zukunft der Demokratie in ganz Europa ungewiss ist – auf den roten folgt der weiße Terror – und dass sie selbst beim republikanisch gestimmten Bürgertum ihre Faszination zu verlieren droht. Um Zweifel und Ängste wegzuwischen, versucht er, seine Leser mit der eigenen Begeisterung anzustecken. Hat er schon vor Jahren gejubelt: „Drüben überm Rhein ist das Land der Freiheit“, so preist er jetzt die „ungeheuren Thaten“ der Gegenwart, erschauert vor den „Stürzen von Extrem zu Extrem“, staunt über die „Gährung der physischen und moralischen Welt“. Die Brüche und Jähheiten der Epoche prägen seinen Stil. „Wie scheußlich reich ist diese Zeit!“, ruft er aus und ist sich sicher: „Kein denkendes Wesen kann daran zweifeln, dass die neueste Geschichte einst in der Weltgeschichte einen jener grosen Abschnitte bilden wird, wie in der Vorwelt die Noachische Flut.“

Er selbst ist noch ein Kind des Ancien Régime. 1763 wird Ernst Ludwig Posselt als Sohn eines höheren Beamten in Durlach bei Karlsruhe geboren. In den Genuss bester Bildung gekommen, bezieht er, 17 Jahre alt, die Universität Göttingen, studiert Politik, Recht und Diplomatie; mit 20 ist er Doktor. Der Aufstieg dieses Hochbegabten verläuft glatt und schnell. Als er 21 ist, erlebt seine Vaterstadt Karlsruhe ihn als Advokaten und Gymnasiallehrer. Im Jahr darauf erhält er einen Ruf nach Göttingen; Rhetorik soll er dort lehren und Latein, das er, glaubt man dem Biografen Ludwig Schubart, wie seine Muttersprache beherrscht. Auch der Autor Posselt findet früh Verleger, die ihn gern drucken, gleich, ob mit einer Hommage An Sterne’s Geist, mit Arbeiten zum Westfälischen Frieden, zum amerikanischen Freiheitskrieg oder über die staatstheoretische Frage, ob die antihabsburgische Bündnispolitik „evangelischer Kurhöfe“ rechtmäßig sei.

1785 tritt der junge Mann mit der ersten eigenen Zeitschrift hervor: dem Wissenschaftlichen Magazin für Aufklärung, das „über alle menschlichen Wissenszweige in gefälliger Form“ berichten soll. Es bleibt ein kurzlebiges Unterfangen, so wie Jahre später das Archiv für ältere und neuere vorzüglich Teutsche Geschichte, Staatsklugheit und Erdkunde. Doch Posselt gelingt es, bei derlei Unternehmen sich als Intellektueller allmählich selbst zu finden und zu erfinden. Der Typus, den er verkörpern will, ist in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Öffentlichkeit entsteht erst und ernährt ihren Mann bislang schlecht. Das hat auch Posselt erfahren müssen, bevor er sich mit Cotta zusammentut, der ihn gerecht entlohnt. Sein Biograf Schubart erwähnt, Posselt habe am Ende seines Lebens das stattliche Vermögen von 50.000 Gulden besessen, das sich aus dem väterlichen Erbe, vor allem aber aus den Honoraren für seine Revolutionsschriften in Buch- und Artikelform speiste.

Wie er sich zwischen seinen Lebensentwürfen nur schwer entscheiden kann, so schwankt er nicht minder, bei allem konstitutionellen Reformeifer, zwischen dem politisch Alten und Neuen. Noch 1789, im Jahr des Bastille-Sturms, widmet er seinen Anti-Mirabeau, eine Apologie des preußischen Staats, dem drei Jahre zuvor verstorbenen Friedrich dem Großen, den er nicht nur für einen aufgeklärten Monarchen, sondern, wie viele Intellektuelle der Zeit, für einen Aufklärer hält. Den übrigen Fürsten rät er: „Seid gerecht, seid menschlich: Wir folgen Euch, lieben Euch, verehren Euch – aber vergöttern Euch nicht mehr.“ Erst durch die leidenschaftliche Vertiefung (ja Versenkung, Verstrickung) in die Revolution sowie die berufliche Bindung an Cotta gewinnen Posselts Leben und Denken eine eindeutige Richtung. Jetzt fing, wie Ludwig Schubart schreibt, seine „glänzende Periode“ an."