| SEEG IM ALLGÄU |
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VON THEODOR |
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ELEMENTE BEZIEHUNGEN |
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BEWEGUNGEN GESTALTEN |
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Geboren
am 15.8.1768 Gestorben
am 3.9.1854 Kaplan
in Seeg |
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Unter
dem Datum
Jakob Salat (1766-1851) war mit Schmid Schüler Johann Michael Sailers in Dillingen. Ab 1802 war er Professor der Moral- und Pastoraltheologie am Lyzeum in München. 1808 Professor der Philosophie in Landshut. In seiner Biographie über Schelling kommt Xavier Tilliette zu keiner positiven Einschätzung von Salat. Er schreibt: "Schellings aggressivster und giftigster Feind ... war seit der Münchner Zeit der Gymnasiumsdirektor Kejetan Weiller, gemeinsam mit seinem nicht weniger listigen und heuchlerischen Gehilfen Jakob Salat." |
Den 25 July 1794 Liebster Pfarrer! Muß Dich doch auch wieder einmal besuchen in Deinem trauten, niedlichen Pfarrhäuschen! - Aber, was Henkers ist das? Auf einmal befällt mich eine Verlegenheit. Ich stehe so schüchtern und demüthig an der Thüre, nehm' den Hut bald in die Hand, bald unter den Arm, stehe auf den Zehen etc. und kann nicht dazu kommen, anzuklopfen -. ... Denn so lange, bis Dich irgend ein Bedürfniß nöthiget herauszukommen, mag ich nicht an Deiner Thüre stehen. Wie wärs, wenn ich ganz leise, leise (wenigstens zehnmal leiser als mir das Herz klopft) anklopfte, und dann mit einer tiefen Verbeugung zu stottern anfienge "Alldieweilen eben heute dero hohes Namensfest einzustellen geruht - kann nicht unterlassen - - -" und dann nach und nach, wie ich besagter würde, in einem Schwall von Entschuldigungen, von wegen meines langen Nichtschreibens ausbräche? Pfui doch! Life is too short, to be long about the forms of it - Also reiß ich die Thür mit einem mal auf, stürz hinein, und falle Dir (der Himmel verhüt es, daß Du nicht eben, wie ich fürchte, mit dem Rücken gegen die Türe gekehrt an Deinem Schreibtisch sitzst, in welchem Falle ich Dich von hinten anstellen müßte) geradzu um den Hals: ...
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11. Das Allgäu ist und bleibt doch ein herrliches, interessantes Land. Welch eine mannigfaltigkeit von malerischen, schönen und wildromantischen Naturszenen! Ich wäre darüber bald nicht nur zum Dichter (das ich die Ehre habe schon zu sein) sondern auch noch zum Maler geworden. Welch ein Durcheinander von schönen Hügeln, an denen bald einige Hütten hangen, bald einige ober im Gebüsch und Obstbäumen wie vergraben liegen; ganz unten fast mit jedem Schritte sich andere zeigen, andere verschwinden, als wollten sie Verstecken mit Dir spielen, und dann die Hügel alle mit einem überschwänglichen Reichthum von Gras und Kräutern überkleidet, und mit schönen, großen, grasenden Rindern umgürtet! Und weiterhin dann die höheren, ganz hinauf mit finstern Tannen bewachsenen Berge, mit den mächtigen Ruinen alter Ritterburgen gekrönt [hier dachte er wohl an die Ruinen Freyberg -Eisenberg, südlich von Seeg], und dann erst noch weiterhin, aber dennoch in frappierender, beängstigender Nähe des Hochgebirges, diese ungeheuren, himmelnahen Felsenmassen, von Wolken, auf die ihre Spitzen stolz herabsehen, umflossen, und auf das bizarrste gezackt, gespalten usw. und grau und alt wie die Erdkugel! Die Leute sind ein ehrlicher, starker Schlag Menschen. Es begegnen dir dort an einem Tage so blühende, harmonische Gesichter, wie Du hier herum z.B. die Woche durch kaum eines siehst. Die Dörfer bestehen größtenteils aus schönen, zweystöckigen, gemauerten Häusern, die mit ihren platten, hölzernen Dächern und ihrer blendenden Weiße (besonders von Thurm und Kirche, das fast allgemein ist, auch mit Holz, das immer eine ganz unvergleichliche graue Atlasfarbe hat, gedeckt sind) der Gegend umher noch ein helleres, freundlicheres Aussehen geben. Die Bergluft ist so frisch und that meiner Lunge so wohl, daß ich (obwohl ich ein schlechter Anatomiker bin) ihre Gränzen an meiner schwarzen Weste herum auf ein Haar hin mit dem Finger hätte abzeichnen können. Den Frühling, von dem ich mich hier schon verabschiedet, fand ich dort wieder, und es ist, als wenn die schöneren Zeiten des Jahres alle, so wie sie uns verlassen, nach einander da hinein wandern. Die rauheren kommen von da zu uns heraus. - Das Land hat den Schein von hoher Landeskultur. Doch nur den Schein. Wenn ich jedes Eckchen am Wege, jedes spannengroße Winkelchen zwischen Zäunen mit hohem Gras besetzt sah, so schrieb ich das anfangs dem Fleiße der Einwohner zu. Es ist aber bloß die Wohltätigkeit des Bodens. In diesen Gegenden müßte die Stallfutterung Wunder thun! Einzelne versuchten sie auch schon. Der Erfolg übertraf auch hier alle Erwartungen. Da die Leute meist zerstreut wohnen, und jeder sein Gütchen, unvermischt und abgesondert von den andern um sich herum hat, wäre sie auch leicht einzuführen.- Das Anbauen von Winterfrüchten würde ich ihnen aber verbieten usw. usw. - Sonst
soll sich der republikanische Geist (nicht so fast weil er Bergbewohnern
ohnehin eigen seyn pflegt, sondern gewisser anderer Ursachen halber)
mächtig unter ihnen zu regen anfangen. Sie haben ihren Fürsten auch
bey dem Domcapitel verklagt. Doch, denk ich, haben sie an dem Domdechan
den rechten Mann gefunden. Seine Einsicht und Tätigkeit wird die
Misheligkeiten zur beyderseitigen Zufriedenheit in Frieden beyzulegen
wissen.
Es
ist mir ein Bedürfniß, wieder einmal, und zwar bald, etwas von Dir zu
hören. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, daß ich mit aller Liebe,
Freundschaft und Hochachtung sey Dein Stophel aus
Nassenbeuren Quelle: Christoph von Schmid - Erinnerungen und Briefe, Hrsg. Hans Pörnbacher, 1968 by Kösel- Verlag S. 217 f.
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KAPLAN |
Christoph
Schmid war eindreiviertel Jahre Kaplan |
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5. Die Kaplanstelle zu Seeg |
Feneberg,
Johann Michael 1751-1812
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frommen,
wohlwollenden, menschenfreundlichen, kennt-
Am schönsten hat Sailer in dessen Biographie [>]
Bald nach Antritt seines Pfarramtes hatte er,
Da nun Feneberg bei seiner großen, weitum- |
J.M.
Sailer: "Aus
Fenebergs Leben"
München, bey Jgnaz Joseph Lentner, Buchhändler zum schönen
Thurme. 1814 |
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Diese
Pfarrei liegt im Allgäu, einer sehr rauhen
So arbeitsam die guten Leute waren, so christ- |
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keinem
Fuße betreten wird. Sie setzten einen Ehren-
Die Kirche zu Seeg ist so groß, als für eine |
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Johannes
getauft und zu seinem heiligen Berufe,
Auf dem Choraltare sind noch vier Engel von
Nebst der Hauptkirche befinden sich in der Pfar-
Ueberdies haben die frommen, eifrigen Pfarr-
Und da hat Pfarrer Feneberg die schöne An- |
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ein
Wort oder eine That eines Heiligen, dessen
An schönen Frühlingstagen z.B. erinnerten
Hier kann ich eine Verlegenheit, in die ich bei
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und
Mitkaplan Bayer schrieb mir, ich möchte am
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sehen,
fassen und behalten konnten, war keine ge- |
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Jesus,
in dem allein Heil ist, und in dem sich die
Diese drei Punkte machte ich denn zum Inhalte
Ueberhaupt soll der Prediger alle Umstände und besonders, was die
Zuhörer vor Augen haben, wohl |
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men,
in der ein heuchlerischer Mensch, ein falscher
Unter Anderem legte er ein Familienbuch an und
Er fand so Gelegenheit, den Bewohnern man- |
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Freude.
Er fand unter ihnen recht viel fromme
Diese Familienbuch ersparte auch viele Mühe,
Feneberg hatte von der Pfarrei mit ihren 86
Das Besuchen der Kranken, wenn es mehrere |
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bis
zu Tisch zurückzukommen: nach Tisch kamen wir
Wenn Jemand schnell gefährlich krank wurde,
Einmal als ich aufsaß, sagte der Knacht zu mir,
Gerade, wenn die Witterung am schlimmsten
So mühevoll in einer so weit ausgedehnten |
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meines
Lebens gewesen. Religion und Tugend wa-
Der ehrwürdige Feneberg gewann wegen seiner |
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Schule
zu gehen hatten und deshalb, zumal bei Feneberg
hatte auch eine ausgewählte Bibliothek,
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Basilius
den Telegraphen schon viel Jahre vor |
Allgemeine Literatur-Zeitung 1795 -1803 Die Allgemeine Literatur-Zeitung erschien von 1785 bis 1849. Sie gilt als eines der wichtigsten Rezensionsorgane der Goethezeit. Diese Wertschätzung ist einerseits den prominenten Beiträgern wie Kant, Fichte, Schiller oder Schlegel geschuldet; andererseits begründen die zahlreichen hochrangigen Werke aller Fachrichtungen, die hier im Spiegel der zeitgenössischen Kritik erscheinen und nicht zuletzt die Tatsache, daß das Besprechungsorgan, dessen Redaktion 1804 von Jena nach Halle umzog, konsequent Kants Lehre zugrundelegte den Ruhm dieses Periodikums. Anonymität der Rezensenten, Vollständigkeitsanspruch und Unparteilichkeit bildeten die Grundlage des Konzepts der Zeitschrift. Sie erschien täglich außer sonntags, zum Teil sogar zweimal pro Tag und wurde von Supplementen, Intelligenz- und Ergänzungsblättern sowie einem systematisch angelegten Repertorium und sogenannten Revisionen begleitet. Ernst
Ludwig Posselt (1763 - 1804)
Die
Minerva - Ein Journal historischen und politischen Inhalts
Die
Zeitschrift ist online Verfügbar. Interessant ist z.B. einige Artikel aus dem Jahre 1796 zu lesen, um einen Eindruck von dieser Zeit zu erlangen. |
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In Seeg gab es "einen traurigen Abschied". Feneberg zu verlassen, fiel ihm sehr schwer. "Wenn er nur nicht so bestimmt und fest gesagt hätte: Du mußt fort, ich glaube nicht, daß ich es hätte über das Herz bringen können, von ihm zu gehen" (An Salat, 21. dezember 1796, Sellmair S. 218) |
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"Schelling hielt sich inkognito - wenigstens fast - im Gasthof Prinz Karl in einem Vorort [von Augsburg - 1836- Christoph von Schmid war damals 68 Jahre] auf. Im Juli hatte seine ohnehin schon lange Krankheitsgeschichte eine Fortsetzung bekommen: eine fiebrige Schleimhautentzündung. Die Genesung und die Arbeit rechtfertigten eine relative Abgeschiedenheit, ja fast schon ein Versteck. ...[Schelling] ging nur selten aus. Eines Abends jedoch brach der kleine, in seinem Mantel gehüllte Mann unerkannt wie Nikodemus auf, um den Domherrn von Augsburg, Christoph Schmid, der auch Märchen für Kinder geschrieben hat, einen Besuch abzustatten. Als dessen Neffe Albert Werfer über das Zusammentreffen berichtete, fragte er sich, worüber der tiefsinnige Denker und der treuherzige Verfasser der Ostereier und Rosa von Tannenburg sich wohl hätten unterhalten können. Das fragen wir uns auch. Doch ganz im Innersten hatte sich Schelling seine Kinderseele bewahrt, und außerdem fühlte er sich insbesondere von allen Aspekten des kirchlichen Lebens angezogen. Diese Zeit des Refugiums in Augsburg belegt und bestätigt jedenfalls die Wende oder Evolution, die in seinem denken stattfand." Quelle: XAVIER TILLIETTE: Schelling. Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2004 S. 377 f. hier zu meiner Schellingseite . . .
Auch Schelling und Sailer trafen sich "In die Reihe der ... hohen Besucher ist noch der fromme Prälat Johann Michael Sailer (1803) aufzunehmen. Jakob Salat, ein ausgemachter Feind Schellings, bestritt ausdrücklich diesen durch Eduard von Schenk belegten Besuch, und zwar mit dem Hinweis, daß er selbst, aktiv mit Jena verbunden, davon nichts gewußt habe. Doch in einem von Sailers Briefen, in dem an den Grafen Westerhold, erinnerte er sich an diese Begegnung: 'Ich besuchte (am 5. oder 6. April) Schelling (in Jena) und fand ein anziehendes Gesicht voll Geist mit einem Paar scharfsehender Augen. Der Leib sei das Organ des Geistes, der Geist Gottes.' In Landshut wurde Sailer Schüler und freund, Siegmund Zimmer, zu einem aktiven Befürworter von Schellings Ideen." Quelle: XAVIER TILLIETTE: Schelling. Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2004 S. 128 |
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Grabplatte an der alten Vöhringer Pfarrkirche |
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So
beginnt "Rosa von Tannenburg". Es ist nicht schwer darin die
Gegend um Seeg - vielleicht die Burg Falkenstein - wiederzuerkennen.
Besonders wenn man den Brief einer "Apostolischen
Reise" kennt.
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Der
Abend im Gebirge |
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| LIEDTEXTE | |
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"Beim letzten Abendmahle" "Komm Heiliger Geist auf uns herab" "Am Pfingstfest um die dritte Stunde" "Ihr Kinderlein
kommet" (1811) Melodie: Johann Abraham Peter Schulz
1794 |
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| WEITERE HINWEISE | |
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Indes: Kein Verleger ohne Kalkül respektive Kalkulation. Cotta hat bereits investiert, um auf dem neuen Markt für zeitpolitische Bücher aus Frankreich dabei zu sein. Das Verlagsprogramm des Tübingers, der das heruntergewirtschaftete Familienunternehmen mit Schillers (und bald darauf Goethes) Werken, aber auch mit ein paar radikaldemokratischen Schriften wieder in Schwung bringen will, nennt etliches zu diesem Thema. Da hat es nahe gelegen, dass Cotta den viel gelesenen historischen Schriftsteller, Publizisten und Redner Ernst Ludwig Posselt zur Mitarbeit lädt, der mit den französischen Verhältnissen vertraut und für seine freie Schreib- und Denkart teils berühmt, teils verhasst ist. Auf seinen Vorschlag hin beschließt Cotta, eine Zeitschrift zu gründen, deren Chefredakteur Posselt sein soll. Die so entstandene Monatsschrift Europäische Annalen kommt bald in den Ruf, das beste politische Journal im deutschsprachigen Raum zu sein.
In der ersten Nummer vom Februar 1795 hält Posselt Rückschau auf das Jahr 1794, das Jahr der terreur, das auch Condorcet den Tod gebracht hat und nun „hinabgerollt“ ist. Posselt begreift, dass seither die Revolution auf der Kippe steht, dass ihre Zukunft und damit die Zukunft der Demokratie in ganz Europa ungewiss ist – auf den roten folgt der weiße Terror – und dass sie selbst beim republikanisch gestimmten Bürgertum ihre Faszination zu verlieren droht. Um Zweifel und Ängste wegzuwischen, versucht er, seine Leser mit der eigenen Begeisterung anzustecken. Hat er schon vor Jahren gejubelt: „Drüben überm Rhein ist das Land der Freiheit“, so preist er jetzt die „ungeheuren Thaten“ der Gegenwart, erschauert vor den „Stürzen von Extrem zu Extrem“, staunt über die „Gährung der physischen und moralischen Welt“. Die Brüche und Jähheiten der Epoche prägen seinen Stil. „Wie scheußlich reich ist diese Zeit!“, ruft er aus und ist sich sicher: „Kein denkendes Wesen kann daran zweifeln, dass die neueste Geschichte einst in der Weltgeschichte einen jener grosen Abschnitte bilden wird, wie in der Vorwelt die Noachische Flut.“
Er selbst ist noch ein Kind des Ancien Régime. 1763 wird Ernst Ludwig Posselt als Sohn eines höheren Beamten in Durlach bei Karlsruhe geboren. In den Genuss bester Bildung gekommen, bezieht er, 17 Jahre alt, die Universität Göttingen, studiert Politik, Recht und Diplomatie; mit 20 ist er Doktor. Der Aufstieg dieses Hochbegabten verläuft glatt und schnell. Als er 21 ist, erlebt seine Vaterstadt Karlsruhe ihn als Advokaten und Gymnasiallehrer. Im Jahr darauf erhält er einen Ruf nach Göttingen; Rhetorik soll er dort lehren und Latein, das er, glaubt man dem Biografen Ludwig Schubart, wie seine Muttersprache beherrscht. Auch der Autor Posselt findet früh Verleger, die ihn gern drucken, gleich, ob mit einer Hommage An Sterne’s Geist, mit Arbeiten zum Westfälischen Frieden, zum amerikanischen Freiheitskrieg oder über die staatstheoretische Frage, ob die antihabsburgische Bündnispolitik „evangelischer Kurhöfe“ rechtmäßig sei.
1785 tritt der junge Mann mit der ersten eigenen Zeitschrift hervor: dem Wissenschaftlichen Magazin für Aufklärung, das „über alle menschlichen Wissenszweige in gefälliger Form“ berichten soll. Es bleibt ein kurzlebiges Unterfangen, so wie Jahre später das Archiv für ältere und neuere vorzüglich Teutsche Geschichte, Staatsklugheit und Erdkunde. Doch Posselt gelingt es, bei derlei Unternehmen sich als Intellektueller allmählich selbst zu finden und zu erfinden. Der Typus, den er verkörpern will, ist in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Öffentlichkeit entsteht erst und ernährt ihren Mann bislang schlecht. Das hat auch Posselt erfahren müssen, bevor er sich mit Cotta zusammentut, der ihn gerecht entlohnt. Sein Biograf Schubart erwähnt, Posselt habe am Ende seines Lebens das stattliche Vermögen von 50.000 Gulden besessen, das sich aus dem väterlichen Erbe, vor allem aber aus den Honoraren für seine Revolutionsschriften in Buch- und Artikelform speiste.
Wie er sich zwischen seinen Lebensentwürfen nur schwer entscheiden kann, so schwankt er nicht minder, bei allem konstitutionellen Reformeifer, zwischen dem politisch Alten und Neuen. Noch 1789, im Jahr des Bastille-Sturms, widmet er seinen Anti-Mirabeau, eine Apologie des preußischen Staats, dem drei Jahre zuvor verstorbenen Friedrich dem Großen, den er nicht nur für einen aufgeklärten Monarchen, sondern, wie viele Intellektuelle der Zeit, für einen Aufklärer hält. Den übrigen Fürsten rät er: „Seid gerecht, seid menschlich: Wir folgen Euch, lieben Euch, verehren Euch – aber vergöttern Euch nicht mehr.“ Erst durch die leidenschaftliche Vertiefung (ja Versenkung, Verstrickung) in die Revolution sowie die berufliche Bindung an Cotta gewinnen Posselts Leben und Denken eine eindeutige Richtung. Jetzt fing, wie Ludwig Schubart schreibt, seine „glänzende Periode“ an."