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Die Anregung zur Diskussion gab der Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 24./25.4.2004, verfasst von Burkhard Müller |
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Ernst
Reif
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Selten hat ein Beitrag bei der SZ eine derartige Flut von Reaktionen hervorgerufen. Dies zeigt die Brisanz der aufgeworfenen Thematik. Eine erste Stellungnahme in der SZ erfolgte vom kath. Fundamentaltheologen Jürgen Manemann. Seine Einwände sind in den Diskussionsbeiträgen mit eingearbeitet. Inzwischen wird die Thematik auch im TAGESSPIEGEL (Berlin) heftig diskutiert. Bisher sind erschienen Artikel von:
Die
Diskussion wird auch in der SZ weitergeführt. Am 1.6.2004 ist ein Artikel von Detlef Horster erschienen, der Sozialphilosophie an der Universität Hannover lehrt. Er vertritt die Ansicht, dass alle unsere Werte christlich geprägt sind. (mehr ...) Am 26.8.2004 hat Hans Maier die Diskussion weitergeführt und gefragt: "Lebt die moderne Zivilisation jenseits des Christentums? Ermöglicht das Christentum erst die Moderne? |
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Thesen: |
Diskussionsbeiträge: |
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Der Dekalog (Du sollst nicht lügen, nicht töten ..... ) ist nichts spezifisch christliches, er gilt noch in den unähnlichsten Gesellschaften, die sonst gleichfalls nicht funktionieren würden. |
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Die Achtung der Persönlichkeit des Anderen, die Bereitschaft, sich in die Anforderungen eines hochorganisierten Gemeinwesens zu fügen, Toleranz gegen abweichende Meinungen, der Wunsch seine Fähigkeiten auf die bestmögliche Weise zu entwickeln und einzusetzen sind sehr erfreuliche Tugenden, haben aber mit dem Christentum nichts zu tun! |
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Das Christentum hat zu seinem Glutkern die Verheißung, jede einzelne Seele sei der Ewigkeit teilhaftig - im Guten oder Schlechten, zu Himmel oder Hölle. Deshalb muss das ewige Schicksal der Seele so wichtig werden, dass ihr irdisches darüber in Bedeutungslosigkeit versinkt. |
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Wo immer das Christentum nicht nur Stärke , sondern auch Macht besaß, ist es als Zwangsveranstaltung aufgetreten. Die Inquisitoren meinten es vollkommen ernst, wenn sie einen Ketzer verbrannten, um seine Seele zu retten. Alles was heute als Freiheitsrechte des Individuums gilt, musste mit Gewalt gegen die Christen durchgesetzt werden. |
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Das Liebesgebot eignet sich nicht als tragender Teil unserer Gesellschaft, wenn man es wirklich seinem vollen Anspruch nach, Modell linke Backe/rechte Backe, umsetzen wollte. |
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Liebe gehört ganz und gar dem einzelnen Menschen, dem, der sie schenkt und dem, der sie empfängt. Jeder hat, wenngleich in unterschiedlichem Maß, die angeborene Begabung zu beidem - Christen nicht mehr und nicht weniger als alle anderen auch. |
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Das Christentum besteht im wesentlichen aus dem Mumm, sein ganzes Leben danach auszurichten, dass nach dem Tod die Ewigkeit kommt. Alles andere am Christentum hört, wenn dieses Zentrum vernichtet ist, auf, christlich zu sein und wird etwas völlig Anderes, das sich von seinem Ursprung abwendet. |
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Europa hat die Nabelschnur der Religion, die es durch die tausendjährige Schwangerschaft des Mittelalters getragen hat, endgültig durchtrennt. Es ist zur Welt gekommen. Europa ist haargenau, als was es von Amerika und Islam verleumdet wird: der gottlose Kontinent. Seine Heiden sind Heiden, und seine Christen sind es auch. Abendland? Gute Nacht! |
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Der Dekalog ist nicht genuin christlich sondern jüdisch (Altes Testament). |
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Was hält Gemeinwesen zusammen?
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Was sind christliche Werte und welche werden als solche wahrgenommen?
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„Der
christliche Faktor“
von Alexander Kissler in der SZ vom 28.4.2004 (Auszüge) |
„Die Wiederkehr der religiösen Frage trifft die westlichen Gesellschaften unvorbereitet. Jahrzehntelang war das ¸¸nachmetaphysische Denken" die Geschäftsgrundlage aller Debatten. Und nun das: Millionen Kinobesucher wollen die letzten Stunden im Leben Jesu miterleben, Wochenmagazine verkünden das Comeback des ¸¸Schmerzensmannes", linke Zeitungen grübeln über ¸¸Religiosität als Anker", Künstler arbeiten sich an den Zehn Geboten ab. Auch der Streit um einen Gottesbezug in der europäischen Verfassung, die mögliche Aufnahme der Türkei in die EU und die Frage nach der Zulässigkeit religiöser Symbole im staatlichen Raum geben den Stimmen Auftrieb, die wie der italienische Schriftsteller Claudio Magris fordern, den ¸¸überragenden Anteil des Christentums an der Kultur Europas" gesamteuropäisch zu bekräftigen. Die entscheidenden Fragen lauten: Kann eine Gesellschaft ihre eigene religiöse Herkunft und die mehr oder weniger großen Restbestände des Glaubens dazu verwenden, ihre Identität neu zu begründen? Und wie begegnet ein aufgeklärtes Denken jenen Kräften, für die die Aufklärung eben auch eine Verfallsgeschichte sein kann? ...Eine säkulare Gesellschaft müsse ¸¸der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenwirken", indem sie ¸¸moralische Empfindungen" durch eine ¸¸rettende Formulierung" aus der religiösen in die säkulare Sprache übersetze. Folglich ist selbst die von allen religiösen Begründungsansprüchen emanzipierte Gesellschaft auf einen religiösen Urtext angewiesen, den sie übersetzen und pflegen muss und nie vernichten darf. Hinter dieser so vielstimmig postulierten Angewiesenheit scheint die Hoffnung zu stehen, allein die europäischste aller Religionen, das Christentum, könne einen disparaten, fast gesichts- und geschichtslosen Kontinent neu formieren....Seit der Bewusstseinsrevolution des elften Jahrhunderts, seit Berengar von Tours, Anselm von Canterbury und Franz von Assisi gilt das Individuum ¸¸endgültig als gott- und vernunftunmittelbar" - so der Berliner Philosoph Oswald Schwemmer....Spätestens im frühen 20. Jahrhundert war dann der religiöse Urtext zwar nicht aufgebraucht, doch er hatte die Kirchen verlassen und sich über den Alltag ausgebreitet. Darum kann die Säkularisierung begriffen werden als rücksichtslose Selbstkritik des Christentums.Die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung liegen zutage. Die christliche Selbstaufklärung ist an dem Punkt angelangt, an dem nurmehr Eingeweihte den religiösen Kern sehen. Eine Religion, die in den Katakomben begann, zur Staatsreligion ausschlug und die Zivilreligion anbahnte, ist esoterisch geworden.Ihr zweischneidiger Triumph besteht darin, dass ihre Sprache und ihre Botschaft kaum noch verstanden, kaum noch benötigt werden von mündigen, selbstbewussten Individuen, deren Mündigkeit und Selbstbewusstsein das Resultat innerchristlicher Reformprozesse ist. Noch die heftigste Schmährede wider das Christentum zehrt von christlichen Voraussetzungen. Doch unumkehrbar bleibt der Rückzug der ehemals religiös begründeten Ansprüche ans Dasein ins Innere des Subjekts. Eine Ahnung der ursprünglichen Sehnsucht entlädt sich oft nur in Nostalgie - wenn am Weihnachtsbaum die Lichter brennen. Mit solchen Fragmenten, mit Bewusstseinssplittern und Wissensresten lässt sich kein Land, erst recht kein Europa bauen. Darum kann die Zukunft des Kontinents nicht christlich formuliert werden. Wie aber verhält es sich mit der Rückbindung europäischer Werte an ihren Ursprung?...Das Christentum trifft heute auf ein Glaubenssystem, den Islam. [...] Der Islam scheint anders als das Christentum gegen seine eigene Historisierung immun zu sein. Mohammed ist das ¸¸Siegel der Propheten", er will jede bisherige Offenbarung überbieten und abschließen. Die Verkündigung des Korans durch den Engel Gabriel im siebten Jahrhundert ist der alleinige Referenzpunkt, an den jede Deutung zurückkehren muss, während der jüdisch-christliche Gott, der durch die Zeiten hindurch immer anders zu immer anderen Personen sprach, schon durch die Art seiner Selbstmitteilung ein historischer und damit ein kritisierbarer Gott ist. Deshalb gibt es keine Tradition islamischer Selbstkritik, keine Fragmentierung und Privatisierung des religiösen Wissens, und deshalb könnte der Islam theoretisch dazu taugen, die Geschichte eines Kontinents neu zu erzählen.Für Derrida (Französischer Philosoph) ist der Islam ¸¸eine radikale Kritik an dem, was die gegenwärtige Demokratie (. . .) an den Markt (. . .) bindet". Zumindest der orthodoxe Islam kollidiert mit einem Menschenbild, das bisher typisch für Europa galt und dessen Prinzipien spätestens seit dem elften Jahrhundert Selbstbestimmung, Gewissensfreiheit, Menschenwürde lauten. Die gemeinsame Erinnerung, dass diese Prinzipien in und aus einer christlichen Kultur entstanden sind, ist nicht der Auftakt zum Glaubenskrieg. Nur im kollektiven Gedächtnis einer zweitausendjährigen Geschichte sind die Gewinne, aber auch die Verluste verzeichnet, die es gekostet hat, den Prinzipien des Hebräers auch gegen dessen Repräsentanten zum Durchbruch zu verhelfen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine anziehende, im besten Sinne alteuropäische Errungenschaft, die zu verteidigen sich lohnt.“ |
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„Das
Christentum ermöglicht die Moderne“ Fragen: Bleibt das Christentum oder kehrt es zurück? Schreitet das Säkulare fort oder gibt es die Wiederkehr der Religion? Leben "das Christentum" und die "Moderne" denn in verschiedenen Welten oder sind sie nicht seit jeher ineinander verschränkt? Erklären sich nicht viele Züge der westlichen "Moderne" aus der Dialektik von "Kirche" und "Welt"? |
Thesen: Das Christentum ist in seinem Ursprung und in seiner Wirkung selbst ein Element der "Entdivinisierung" der Welt. |
Historisch löst es die im Altertum ganz selbstverständliche Einheit von Religion und Politik auf, es überwindet die antiken Staatskulte, es gibt die Politik als Feld des Menschen frei. Durch seinen welttranszendenten Gottesbegriff durchbricht es den Bann religiös-politischer Immanenz. "Politik wird im christlichen Äon zu "Menschenwerk". Ihre eigene, nicht mehr mit Religion und Kult verwobene Geschichte beginnt. Die abendländischen Kaiser verlieren im Mittelalter seine numinosen, aus archaischen Quellen stammenden Qualitäten, indem sie zum Anwalt der Kirche werden. Aus der Geblütsheiligkeit wird ein Amtscharisma. Es entwickelt sich eine Kultur der Verantwortung. Das Christentum macht politisches Handeln rechenschaftspflichtig vor Gott und dem Gewissen. Der moderne Verfassungsstaat baut auf diesem Fundament auf. Ein responsible government entsteht, in dem die Herrschenden den Beherrschten verantwortlich werden. Der weltjenseitige Gott, die Kirche als Hüterin des "Gottesgedächtnisses", Politik "unter Gott" in dem präzisen Sinn, dass Gottesbezug den großen Vorbehalt, die Grenze für alles menschliche Handeln bildet, Verantwortung als Einstehen für das Unwiderruflich-Geschehene- das sind die vom Christentum geschaffenen "neuen Konditionen" für die Politik. Allzu nahe lag auch in christlichen Zeiten die Versuchung, auch in christlichen Zeiten Himmel und Erde immer wieder kurzzuschließen. Aus der "Welt unter Gott", für die der Mensch Verantwortung trägt, wurde immer wieder ein rigoroses "Gott mit uns", das den Menschen als "Werkzeug Gottes" instrumentalisierte und vor Verantwortung freistellte. (Vgl. Sendungsbewusstsein von G.W. Bush!) |
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Die modernen Totalitarismen (politische Religionen - Nationalsozialismus, Leninismus, Maoismus ...) wollen den Staat "redivinisieren", Staat und Kirche wieder vereinigen. |
Die "Redivinisierung" ist nur möglich durch eine radikale Absage an das Christentum (Hermann Heller). Wo die christliche Scheidung der Gewalten in Frage gestellt wird, da wird der Staat zum Alleinherrscher ohne Appellationsinstanz, zur selbstbezogenen Macht, gegen die sich der einzelne nur unter Aufbietung aller Kräfte des Willens und des Intellekts zu wehren vermag. Die Rollenverteilung zwischen Kirche und Staat muss nicht für alle Zeiten unveränderlich sein. Weltliche Wirkungen des Christentums sind im westlichen Verfassungsstaat in viele Sachstrukturen von Poiltik, Gesellschaft, Wirtschaft eingegangen. Die Kirche kann sich heute unbelasteter ihrem eigentlichen Auftrag zuwenden: in einer profanen Welt von Gott als dem "ganz Anderen" zu sprechen und das Gottesgedächtnis als Grenze aller absoluten weltlichen Entwürfe wachzuhalten. |
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„Die Kirche muß eine Kirche der Compassion (des Mitleids) werden, wenn sie ihrer Selbstprivatisierung entgehen will"
Fragen: Kann die Kirche ihre Identität strikt exklusiv bestimmen, geleitet von der Absicht, sich immer nur unter Gleich- gesinnten aufzuhalten? Wie sieht der produktive Widerspruch aus, den die Kirche in unserer säkularen oder postsäkularen Welt und ihrer von allen Falten eines ungleichzeitigen Bewußtseins ausgebügelten Gegenwart schuldet?
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Thesen: Diie elementare Gleichheit aller Menschen auf den sich alle modernen freiheitlichen Demokratien verpflichtet sind, ist eindeutig biblisch fundiert. |
"Das Christentum beansprucht diesen Gleichheitssatz auch in seiner moralischen Wendung: Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nicht angeht. Das Christentum verweist so auf eine Autorität, die allen Menschen zugänglich und zumutbar ist, auf die Autorität der Leidenden, der ungerecht und unschuldig Leidenden. Für mich ist die "Seele" der Kirche, die besondere Sensibilität, ihre politische Mystik der Compassion: eine Kirche der Mitleidschaft als lebendiger Ausdruck ihrer Gottesleidenschaft. Sie verlangt die Bereitschaft zu einem Blickwechsel, zu jenem Blickwechsel, zu dem die biblischen Traditionen und insbesondere auch die Jesusgeschichten die Menschheit eingeladen haben, dazu nämlich, uns selbst immer auch mit den Augen der anderen, vorweg der leidenden und bedrohten anderen anzuschauen und diesen Blick wenigstens um ein Geringes länger standzuhalten, als es unsere spontanen Reflexe der Selbstbehauptung erlauben mögen. Das ist in meinen Augen die biblische Anleitung zur mystischen Selbstrelativierung, zum "Verlassen des Ich" - aber eben nicht als ein Verschwinden des Ich in der gestaltlosen Leere eine subjektlosen Universums, sondern als das immer tiefere Hineinwachsen in jenen mystischen Bund zwischen Gott und den Menschen, in dem das Ich nicht mystisch aufgelöst, sondern moralisch beansprucht wird, einen Bund, der sich in einer Mystik der offenen Augen erfährt und bewährt. Dieser Geist der Compassion will Inspiration und Motivation sein für eine neue Politik des Friedens. Fremdes Leid - bis hin zum Leid des bisherigen Feinde - wahrzunehmen und beim eigenen Handeln in Betracht zu ziehen, ist heute die Voraussetzung einer verheißungsvollen Friedenspolitik. Der biblische Monotheismus ist kein abstrakter, kein metahistorischer Monotheismus, sondern ist eine leidempfindliche Rede von Gott, eine Gottesrede, die sich nur über die Leidensfrage, über das Eingedenken des fremden Leids ihrer selbst vergewissern kann. Diese verletzbare Gottesrede wäre in den Traditionen aller drei großen monotheistischen Religionen anzurufen und einzuklagen. ... Der Geist der Compassion macht die Autorität der Leidenden zum unhintergehbaren Kriterium aller Kultur- und Religionsdialoge. Was wäre, wenn die weltweit über eine Milliarde Katholiken aller in ihren unterschiedlichen Lebenswelten das Experiment dieser Compassion wagen würden, wie klein und unscheinbar auch immer, so dass dieses Experiment über moralische Appelle hinaus immer mehr eindringt in die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens, und wenn es dabei bald zu eine Ökumene der Compassion unter allen Christen käme: Was wäre? Würde das nicht ein neues Licht auf die in den Stürmen der Globalisierung leidvoll zerrissene Welt werfen? |
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Von 1962 bis 1965 war er offizieller Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils, ernannt von Papst Johannes XXIII. Sein späterer Widerspruch zu Rom führte zu einer Distanzierung von der Amtskirche. 1980 musste er sein Amt als ordentlicher Professor der Dogmatik an der Universität Tübingen aufgeben. Bis 1996 unterrichtete er dort weiter als fakultätsunabhängiger ordentlicher Professor für Ökumenische Theologie. Hans Küng befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit ethischen Fragen. Er fragt in seinen neuesten Büchern zum Projekt «Weltethos» nach einem gemeinsamen Koordinatensystem aller Völker und Religionen. Küng ist Präsident der Stiftung Weltethos.
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Auszüge: Interview mit Hans Küng über den Ethos der Menschheit
Sie haben als einer der ersten von Weltethos gesprochen. Was genau meinen Sie damit? Das Weltethos ist das Minimum, das es an moralischen Standards oder Maßstäben braucht, damit die Menschen in einem Büro oder in einer Schulklasse, in einem Universitätsinstitut oder in einer Fabrik zusammenleben können. Es ist das Gemeinsame im Ethos der Menschheit, also eine Grundübereinstimmung von verbindenden Werten, unverrückbaren Maßstäben und persönlichen Grundhaltungen. Dazu gehören die vier Forderungen, die schon vor Tausenden von Jahren begründet wurde, als die Menschen lernten, miteinander umzugehen, nicht zu töten, nicht zu lügen, nicht zu stehlen und zwei weitere Grundsätze. Der erste ist die «Goldene Regel»: Man soll anderen nichts antun, von dem man nicht möchte, dass es einem selbst angetan würde. Der zweite Grundsatz - für mich eigentlich der erste - besagt: Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden. Das Ziel dieser Bemühungen heißt Weltfrieden. Aber kann dieser Frieden erreicht werden, indem man auf höherer Ebene Religionskonferenzen abhält? Darf ich das ein wenig zurechtrücken? Es stimmt natürlich, dass die Gespräche über das Gemeinsame auf höherer Ebene stattfinden und dass es seine Zeit braucht, bis so etwas auf der Strasse ankommt. Ich würde aufgrund meiner eigenen Erfahrung sagen: Es ist innerhalb von zehn Jahren möglich, dass eine Wahrheit zum Allgemeingut wird. Ich denke da an einen Satz wie «Kein Weltfriede ohne Religionsfriede» - den habe ich 1974 zum erstenmal in einem Epilog zu meinem Buch «Christentum und judäische Religion» formuliert. Dieser Satz ist heute in aller Munde, und viele Leute zitieren ihn, ohne zu wissen, woher er stammt. Aber wie sieht die Praxis aus? Es geht doch um die Probleme von jedermann. In jeder gemischten Schulklasse, in Büros, in multinationalen Konzernen, in Universitäten, überall sind heute Leute aus verschiedenen Kulturen und Religionen dabei, die sich trotzdem verstehen sollen und die natürlich einige gemeinsame Standards haben müssen: Wenn es in einer Kultur erlaubt wäre zu lügen, dann könnte man nicht zusammenarbeiten. Kindergärtnerinnen, die ich kenne, finden es wichtig, dass schon Kinder im Vorschulalter lernen, ethische Regeln zu verstehen und anzuwenden. |
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Im Unterschied
zu den USA stehen die Sterne in der EU-Fahne nicht für die
Mitgliedstaaten, sondern für eine Reihe von
Werten. Der Kreis der zwölf goldenen Sterne symbolisiert unter
anderem die Einheit. Und natürlich
die „Solidarität und Harmonie zwischen den europäischen Völkern“.
Das passt alles wunderbar ins gutmenschliche Selbstbild der Europäischen
Union, die sich ja immerfort rühmt, vor allem eine Wertegemeinschaft
zu sein. |
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(Emeritus
der Uni Heidelberg)
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"Alle Fragen an den Fundamentalismus laufen am Ende auf eine einzige hinaus: Ist das Ziel ein Glaube, der sich ausdrücken will im Medium der Vernunft – oder geht es um blindes Annehmen eines Unbegriffenen? Das Denken kann ja den Glauben in einer zweifachen Weise verfehlen: indem es ihn in Erkenntnis aufzulösen strebt – oder indem es ihm jede intellektuelle Annäherung verweigert. Wer sich im gefundenen Satz beruhigt, übersieht oft den Kontext. Die alten Theologen nannten dies „hairesis“ – Häresie: die „Herausnahme“ einer Teilwahrheit aus dem Ganzen, dem „kat’holon“. Im Zerbröckeln eines traditionalen Christentums wird heute die persönliche Entscheidung, die individuelle Zuwendung zum Gottesglauben immer wichtiger. Anderseits führen die Spannungen, in denen der in die Einzelheit verwiesene Christ lebt, oft zu unerträglichen seelischen Belastungen. Der Fundamentalismus ist kein Ausweg. Er spiegelt eine Festigkeit vor, die nicht wirklich existiert. Wie holt man Menschen heraus aus solch trügerischen Sicherheiten? Wie befreit man sie von der Illusion, den Willen Gottes (im Unterschied zu anderen) genau zu kennen? Ich denke an die Weisheit des großen Seelenführers und Ordensgründers Benedikt von Nursia in seiner Regel (einem Grundbuch Europas!): Noch vor der Arbeit kommt das Beten – aber vor beiden, dem Beten und dem Arbeiten, steht das große Hören (mit „aufgerissenen Ohren“) auf Gottes Wort. Und manchmal meine ich, wenn ich Fernsehbilder des betenden amerikanischen Präsidenten sehe: Es wäre gut, wenn er vorderhand erst einmal schwiege, nachdächte, hinhörte – lange vor dem Beten, noch länger vor dem Tun." |
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Nikolaus
Knoepffler, |
"Das heutige Europa in seinem Bekenntnis zur Demokratie hat seine Wurzeln nicht im Christentum. Es ist damit aber gerade nicht unchristlich. Vielmehr zeigt die Geschichte des heutigen Europa, dass es gerade Christen waren, die mit ihrem Engagement dieses Europa miterbaut haben. Das entstehen der heutigen polnischen Demokratie mit ihrem Bekenntnis zu Menschenwürde und Menschenrechten wird immer mit dem Wirken von Papst Johannes Paul II. verbunden bleiben." ... Die heutige Türkei umfasst ein Gebiet, das über ein Jahrtausend als christlicher Urboden galt. Hier finden die ersten christlichen Konzilien statt. Hier befanden sich gewaltige christliche Klöster. Heute dominiert der Islam. Gelingt es den Grundwerten und Prinzipien des heutigen Europas in ähnlicher Weise in Einklang zu bringen wie dies mit dem Christentum gelungen ist, dann ist eine Wertegemeinschaft möglich. Wenn dagegen eine theokratischer Islam so stark ist, dass er die Politik beherrschen und das "europäische Grundbekenntnis" bedrohen könnte, ist für die Türkei kein Platz im heutigen Europa. Was ist aber dann der Boden, auf dem die heutigen Wertgrundlagen Europas erwachsen sind? Es ist die durch die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geläuterte Aufklärung, die in Deutschland mit dem Namen Immanuel Kant verbunden ist." |
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Detlef
Horster, |
Auf welche Werte beziehen wir uns seit über 200 Jahren und worüber besteht unter den Beitrittsländern Einigkeit? "Es sind die Werte der europäischen Aufklärung. Die Gleichheit bildet den Kern der europäischen Aufklärungs-Moral. Dieser Anspruch auf Gleichheit ist so evident, dass jede ungleiche Teilung begründet werden müsste. ... Die Herkunft der Gleichheitsidee aus dem Juden- und Christentum kann nachgezeichnet werden. Die Fundstellen in der der Bibel betreffen das Buch der Weisheit, wo es heißt, dass alle Menschen den 'gleichen Eingang zum Leben' haben, und 'gleich ist auch der Ausgang'. ... Paulus sieht im ersten Korintherbrief keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Völkern. ...'Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.' ... Das Gleichheitsprinzip liegt sowohl der goldenen Regel wie dem zentralen Moralprinzip der Aufklärungsphilosophie, dem kantischen kategorischen Imperativ, zugrunde. Der kategorische Imperativ hat seine Wurzeln in der goldenen Regel, die erstmals im Alten Testament im Buch Tobit aufzufinden ist: ' Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu!' Die Formulierung im Neuen Testament lautet: ' Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen (Lk.) Und: ' Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen.' (Mk.) ...Kant hat sich aber nachweislich an der goldenen Regel orientiert. Freiheit und Autonomie sind ebenfalls Basisbegriffe aller Moralkonzepte der Aufklärung; auch sie stammen aus christlicher Tradition. ... Die Freiheit des Christenmenschen wird bereits im 1. Buch Mose gesehen, in dem zu lesen ist, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde schuf. Für die Freiheit bedeutet das, dass der Mensch einen annähernd freien Willen habe wie Gott, der 'alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt'. ... Alle unseren grundlegenden Werte stammen aus dem Christentum. Allerdings muß man auch konstatieren, dass diese Gleichheitsidee und ihre sozialen Umsetzung mühsam erkämpft wurden gegen die im 19. Jahrhundert versuchten Bemühungen, Gleichheit durch naturrechtlich gestützte Ungleichheitskonstruktionen zuzuschütten." |
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Kommentar in Christ in der Gegenwart Nr. 43/2004 |
[Die Diskussion] "wird begleitet von einer absurden Polemik der Europäer gegen sich selbst: Die EU sei kein 'christlicher Club' tönt es auf etlichen Kanälen dieses Zivilisationskreises, der ohne Christentum sein zivilisatorisches Niveau überhaupt nicht erreicht hätte. Nicht die Türkei muß uns das Fürchten lehren. Vielmehr: naive Selbstvergessenheit, blasierte Selbstverleugnung, dümmlicher Selbsthaß. ... Wichtiger als Flirtphantasien mit einem nicht-islamistischen asiatischen Islam wären Dialoge mit der europäischen Orthodoxie. Nicht ein starker Islam macht Europa schwach, sondern Europas dürftiges religiöses Bewußtsein. Gegen Selbstverleugnung helfen populistische Volksunterschriften- Aktionen freilich am allerwenigsten."
siehe dazu auch die Ausführungen von Ulrich Beck über Globalisierung ... |
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Gott hat zu allen Kulturen in allen Zeiten entsprechend ihrem Verständnis gesprochen.
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Zu der Frage, ob
Europa sich auf die christlichen Grundwerte berufen soll, ist eigentlich müßig:
Viel mehr müßte sich jeder Mensch sich auf die grundlegenden göttlichen
Gebote beziehen. |
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Die Religion als System ist mehr als problematisch!
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Zu diesem
Komplex der christlichen Werte und Traditionen erhebt sich als |
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