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Ein Denker universaler Zusammenhänge
Auszüge
aus Tilman Spenglers Nachruf im Tagesspiegel vom 30.4.2007
"Carl
Friedrich von Weizsäcker war ein Meister des klaren Denkens,
der einfachen Formulierung und des Konditionalsatzes im
Konjunktiv II. Die Theorie der Zeit war ihm auch eine praktische
Verpflichtung. Seine Biografie verknüpft mehr (sympathische und
weniger sympathische) Heroen des deutschen und des
internationalen Geisteslebens im vergangenen Jahrhundert als die
irgendeines anderen Denkers. Es war eine der seltenen
Biografien, in der die vorgebliche Trennung zwischen den zwei
Kulturen, der natur- und der geisteswissenschaftlichen und auch
der künstlerischen, schlicht aufgehoben war. Das Denken
richtete sich auf universale Zusammenhänge" . .
.
"Nicht
jedem war es vergönnt, als 17-Jähriger von Stefan George nach
seinem Berufswunsch gefragt zu werden. Carl Friedrich von Weizsäcker
antwortete schlicht: „Philosoph.“ Und erzählte diese
Begebenheit wenige Wochen später seinem Freund und Mentor
Werner Heisenberg, der ihn daraufhin ermahnte, zunächst ein
„anständiges Fach“ zu lernen. ". . .
"Heisenberg
... brachte ihn 1935 einmal mit Martin Heidegger zusammen,
von Weizsäckers Onkel Viktor, einer der großen Vordenker der
psychosomatischen Medizin, war mit von der Partie, und das Gespräch
ging über den Faktor der Subjektivität in der Physik und in
der Medizin. Heidegger gab damals den späteren Carl Friedrich
von Weizsäcker und fasste die Thesen von Heisenberg und Onkel
Viktor in eine für ihn verständliche Sprache und meldete
Bedenken an, worauf der immer noch sehr junge, nämlich 24-jährige
Carl Friedrich dem Existenzialphilosophen die bohrende
Frage
stellte . . .:
„,Was aber, Herr Heidegger, wenn die Mathematik auch unabhängig
vom Menschen wahr ist?‘ Darauf blickte Heidegger kurz zu mir
hoch und antwortete: ,Darüber müsste ich nachdenken.‘“ ...
"Der Diskurs war eine protestantisch und selbstredend an
Kant geschulte Rede, sie verhandelte nach wie vor die ersten und
die letzten Dinge, das Entstehen des Kosmos und sein Ende, doch
sie warf ein überaus wichtiges Augenmerk auf jenen Bereich, den
Kant der praktischen Philosophie zuordnete."
"Carl Friedrich von Weizsäcker gab ... die wichtigen
seiner intellektuellen Antworten in einem Institut, das ihm die
Max-Planck-Gesellschaft 1970 in Starnberg einrichtete. Man kann
ohne Übertreibung sagen, dass hier, 30 Jahre bevor das Wort
„Globalisierung“ seine Runde machte, die theoretische, wenn
man das denn in den Wirtschaftswissenschaften so sagen kann,
Grundlage gefunden wurde. In Starnberg nannte man es damals höflich
„die internationale Arbeitsteilung“." . . .
"Im Gedächtnis bleibt der stets so kluge, nie
furchterregende ältere Herr, der einen stets in den
Konditionalsatz trieb und der zudem eine angenehm befremdliche
Liebe zu Kalauern hatte."

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Ein aufgeklärter Mystiker
in
der Süddeutschen Zeitung vom 30.4./1.5. schreibt Klaus Podak:
"Dem
Astronomen, Physiker, Philosophen, Friedensforscher, dem durch
und durch religiös gestimmten Menschen Carl Friedrich von Weizsäcker
ging es um: das All, die Sterne, die Natur, die
Entwicklungsgeschichte von allem, um Sein und Zeit. Um den
Menschen ging es ihm, der ein Teil dieses Ganzen ist, der alles,
anschauend, denkend, zu verstehen versucht.
Carl Friedrich von Weizsäcker wollte etwas, das den meisten
Wissenschaftlern und Philosophen unserer Zeit als etwas ganz und
gar Unmögliches gilt. Er arbeitete unermüdlich an einer vollständigen
Erklärung der Welt durch eine einzige Theorie.
Er suchte, ganz so wie Albert Einstein und sein Mentor Werner
Heisenberg, die Weltformel, die alles bedeutete. Sie wäre die
Erlösung der Menschheit, im Denken wenigstens, die endlich
gefundene Gewissheit: Eines ist Alles, Alles ist Eins. . . .
'Philosophie", sagte er 1992 bei den Bamberger Hegelwochen,
"Philosophie ist doch vermutlich zunächst einmal die
Frage, ob man verstanden hat, was man tut, ob man verstanden
hat, was man redet.'
Eine andere, von ihm oft vorgetragene Charakterisierung der
Philosophie hieß 'Weiterfragen'. Das weist auf Philosophie als
ein Geschehen, als ein Element der Unruhe, das nie
stillzustellen ist. An jeden vermeintlichen Abschluss eines
Erkenntnisvorgangs kann man die ewigen Kinderfragen stellen:
"Aber warum denn? Warum so? Warum nicht anders?"
Man
sieht sofort, dass es bei einem solchen Verfahren niemals zu
einem endgültigen Abschluss des Philosophierens und der
Theoriebildung kommen kann. Das ist ein in Weizsäckers Denken
eingebauter Widerspruch: der Wille zur allumfassenden Theorie
gegen den Stachel des Weiterfragens.
Doch dieser Widerspruch bezeichnet zugleich eine Chance. Er stört
und zerstört die Beruhigung bei einer Lösung, die keine ist -
wie sich im Weiterfragen erweist. Das Ziel steht immer vor
Augen. Aber indem man sich ihm nähert, entfernt es sich,
angetrieben von diesem unabschließbaren Fragen. Das Ziel ist
der Horizont, der sich auch immer wieder entzieht, wenn man sich
ihm nähern will. Doch bei dieser Verfolgung des Horizonts
durchmisst man die Welt.
Der gestirnte Himmel und die Bergpredigt aus dem Neuen Testament
waren die Triebkräfte seiner Jugend. Dann begegnete er dem
Menschen, der seinem erwachsenen Leben die Bahn bestimmte. . .
.[Heisenberg]
Heisenbergs
berühmte Unbestimmtheitsrelation. Sie besagt, grob vereinfacht,
dass man nicht Ort und Impuls (die Geschwindigkeit) eines
atomaren Teilchens gleichzeitig erfassen kann: entweder nur den
Ort oder nur die Geschwindigkeit.
Was man aber misst, hängt ganz und gar von der Entscheidung des
beobachtenden Experimentators ab. Der Beobachter (das Subjekt)
entscheidet durch die Wahl seines Verhaltens, was als objektiv
erscheint.
Zusammengefasst: Subjekt und Objekt sind in der Welt der
atomaren Teilchen untrennbar ineinander verflochten. Dieser
aufregende, irritierende Befund musste einen philosophisch
bewegten Kopf unentrinnbar faszinieren. Welt und Theorie über
die Welt bedingten sich wechselseitig.
Alles, was Carl
Friedrich von Weizsäcker philosophisch-physikalisch bis hin zu
seinen letzten Schriften als Geheimnis der Wirklichkeit
umkreiste, hat seinen Grund in dieser rätselhaften
Wechselwirkung. Sie machte die kühnsten Spekulationen möglich.
In einer der Studien,
die er in seinem Buch "Die Einheit der Natur"
systematisch geordnet hat, ist zu lesen: 'Was wir Atome nennen,
sind selbst formal kaum mehr etwas anderes als gewisse sich
durchhaltende Gesetzmäßigkeiten in der Entscheidung einfacher
experimenteller Alternativen. Das ist nun eine These über die
begriffliche Struktur der heutigen Elementarteilchenphysik. Wenn
sie wahr ist, dann steht, von dieser Physik aus gesehen, aber
nichts der Behauptung im Wege - die allerdings auch nicht aus
ihr folgt - dass, wenn ich einmal klassische Begrifflichkeit
benutzen darf, die Substanz, das Eigentliche des Wirklichen, das
uns begegnet, Geist ist.'
Das Eigentliche des Wirklichen, sozusagen die Wirklichkeit der
Wirklichkeit, ist Geist - eine ungeheuerliche Spekulation, ein
spekulativer Traum, mit außerordentlicher Behutsamkeit mutig
vorgetragen. Die Welt eines kruden Materialismus wäre, wenn
sich das bewahrheiten ließe, mit einem Schlag erledigt.
Spätere Überlegungen nähern sich diesem revolutionären Traum
immer wieder, vorsichtig, ein wenig indirekt. Da heißt es dann,
Materie sei wahrscheinlich nichts anderes als Information. Das
ist, dem gängigen Denken ein wenig akzeptabler zubereitet,
dieselbe Sache.
Da kommt dann alles
zusammen, die Kindererfahrung der gewaltigen, unnennbaren Schönheit
des gestirnten Himmels, die Suche nach Gott, der selbst Geist
ist, in alles eingesponnen das menschliche Ich, das sich
versteht und auflöst als Teil des großen Ganzen, kaum noch
sagbar. Darin gründete sich auch sein tief empfundener
Pazifismus und seine gesunde Skepsis gegen die Politik."
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Zum Tod des Physikers und
Philosophen schreibt Michael Hampe in der Neuen Züricher
Zeitung
"Die
Einheit der Physik und die Einheit der Natur sollten für ihn
argumentativ ausweisbar und nicht lediglich Slogans sein. Das
zwang ihn als Physiker zur Philosophie. Er wurde sich jedoch als
Mitarbeiter des Atombombenprogramms im Nazireich auch deutlich
der Gefahren bewusst, die dem Erkenntnisfortschritt mit dem
technischen Fortschritt auf dem Fusse folgen. Das brachte ihn
zur Friedenspolitik.
.
. .
Weizsäcker
war mit 24 Jahren als junger Wissenschafter am
Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem alt genug,
um ab 1936 von den Versuchungen und Gefahren des Regimes berührt
zu werden. Als der Chemiker Otto Hahn 1938 von der gelungenen
Uranspaltung berichtete, war Weizsäcker und seinem Freund, dem
Philosophen Georg Picht, klar, was die Konsequenzen dieser
Entdeckung waren: «1. Wenn Atomwaffen möglich sind, wird
es jemanden auf der Erde geben, der sie baut. 2. Wenn
Atomwaffen gebaut sind, wird es jemanden auf der Erde geben, der
sie kriegerisch einsetzt. 3. Also wird die Menschheit die
moderne Technik nur überleben können, wenn es gelingt, die
Institution des Krieges zu überwinden.» Diese Einsichten haben
Weizsäcker nicht daran gehindert, ein Jahr später selbst im
Atomprogramm der Nationalsozialisten mitzuarbeiten.
Weizsäckers
Institut war damals am Wettlauf um die Bombe beteiligt. Die Lage
der deutschen Kernforscher im Nazireich war brisant. . . . Er
selbst sagte über diese Zeit in einem Interview: «. . . eine
grosse Schwierigkeit, wenn man nachträglich unser Verhalten
unter den Nazis interpretieren will, lag darin, dass wir
wussten, wenn wir die Wahrheit sagen, sind wir am nächsten Tag
eingesperrt und am übernächsten Tag tot. Wir mussten also
versuchen, uns geeignet zu äussern. Und wir sagten: Wenn wir an
einer Waffe arbeiten, dann werden wir nicht eingezogen, und dann
werden wir nicht ins Gefängnis gebracht. Nachdem wir zwischen
1939 und 1941 an der Atomwaffe gearbeitet hatten, habe ich mir
hinterher gesagt: Ein solches Risiko will ich nicht noch einmal
in meinem Leben eingehen.»
Als
Heisenberg und Weizsäcker 1941 klar wurde, dass die Amerikaner
das Wettrennen um die Kernwaffe gewinnen werden, scheinen die
beiden bei Bohr im besetzten Dänemark versucht zu haben, mit
dem Bluff, die Deutschen hätten bald die Bombe, die Amerikaner
abzuschrecken. Vielleicht allein aus humanitären und
patriotischen Motiven und nicht infolge einer Regimetreue
wollten Heisenberg und Weizsäcker verhindern, dass die
Amerikaner mit einem Atombombenabwurf über Deutschland den
Krieg für sich entscheiden. Die Drohung mit einer deutschen
Bombe, die im Vergeltungsschlag eingesetzt werden könnte, hätte
dann das «Gleichgewicht des Schreckens» antizipiert, mit dem
sich später die USA und die Sowjetunion gegenseitig in Schach
hielten. Von Bohr erhofften sich die beiden deutschen Physiker
eine Weitergabe ihrer vagen, aber euphorischen Erfolgsmeldungen
über das deutsche Atomprogramm. Diese Meldungen sollten den USA
die Gefahr einer atomaren Vergeltung deutlich machen. Weizsäcker
erfuhr dann vom ersten Abwurf der Atombomben über Japan im
englischen Internierungslager Farm Hall, in das zehn Mitglieder
des deutschen Uranvereins gebracht worden waren.
Das
bis heute brisante Problem der Kernwaffen hat Weizsäcker zu
einem lebenslangen friedenspolitischen Engagement motiviert,
dessen bekanntestes Resultat die von ihm vor fünfzig Jahren
initiierte «Göttinger Erklärung» von achtzehn Kernphysikern
war, sich niemals «an Herstellung, Erprobung oder Einsatz von
Atomwaffen zu beteiligen». . . .
Das Problem, ob die Institution des Krieges überwunden werden
kann, war für Weizsäcker letztlich allerdings «eine Frage an
die Religion», die sich ihm als Christ so stellte: Kann die
Lehre der Bergpredigt weltweit soziale Realität werden? Weizsäcker
hat keine Gelegenheit ausgelassen, die evangelische Kirche auf
ihre Mitverantwortung für die Kriegsverhinderung hinzuweisen.
Dass
die Folgelasten der modernen Wissenschaft enorm sind, es jedoch
unmöglich ist, der Forschung aus Furcht vor gefährlichen
Konsequenzen präventiv Erkenntnisgrenzen zu setzen, war Weizsäcker
wie wenigen anderen bewusst. Die Frage, wie mit dem Problem
umzugehen sei, dass Erkenntnisfortschritt nicht notwendigerweise
von moralischer Reife und politischer Klugheit begleitet wird,
bewog Weizsäcker zur Gründung des Max-Planck-Instituts zur
Erforschung der Lebensbedingungen der
wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, das er zusammen
mit Jürgen Habermas von 1970 bis 1980 leitete. Weizsäcker ging
nach Starnberg, nachdem er seit 1957 in Hamburg als
Philosophieprofessor gelehrt hatte. Das Starnberger Institut war
keine Rückzugsfestung, in der man sich vor der damaligen
Studentenrevolte verschanzte. Vielmehr wurden in ihm sozial- und
technikphilosophische, umwelt- und sicherheitspolitische
Probleme in einer Weise aufeinander bezogen, dass seine Arbeit
quasi als Einlösung der Forderung nach Übernahme öffentlicher
Verantwortung der Wissenschaft gelten konnte.
Der
Kernphysiker Weizsäcker konnte die von ihm im Zweiten Weltkrieg
begonnenen Arbeiten nach der Internierung in England praktisch
bruchlos als Abteilungsleiter am Max-Planck- Institut für
Physik in Göttingen seit 1946 fortsetzen. Seine
Forschungsergebnisse waren bedeutend. .
. .
In
seiner Interpretation von Bohrs Quantentheorie sah Weizsäcker
Bohr in den Spuren Kants wandeln, obwohl jener die Schriften des
Königsberger Philosophen wohl nie gelesen hatte. Tatsächlich
strebte Weizsäcker in einer Reihe von gedankenreichen Skizzen
selbst eine an Schelling und Goethe erinnernde Naturphilosophie
an, die das Verhältnis von gewusster Natur und wissender
menschlicher Subjektivität als das einer gegenseitigen
Bedingung begreift, die in einem «Kreisgang» zu explizieren
sei: Wir können die Natur nur
erkennen, weil sie uns hervorgebracht hat. Aber was wir in ihr
erkennen, sind auch Strukturen unser selbst, vor allem die
Asymmetrie der Zeit, die schon vielen Philosophen als Kern
unserer Subjektivität erschienen ist." |
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