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Karl Schlögel
Im Raume lesen wir die Zeit
München 2003
Auszüge aus der Einleitung ____________
Die Migranten als Avantgarde der globalen Modernisierung |
"Geschichte
spielt nicht nur in der Zeit,
sondern auch im Raum.
Gewöhnlich folgt die Geschichtsschreibung der Zeit, ihr Grundmuster ist die Chronik, die zeitliche Sequenz der Ereignisse. Diese Dominanz des Zeitlichen in der geschichtlichen Erzählung wie im philosophischen Denken hat sich ... fast eine Art Gewohnheitsrecht erworben. ... Was geschieht, wenn man geschichtliche Vorgänge immer auch als räumliche und örtliche denkt und beschreibt. Es nimmt die Einheit von Ort, Zeit und Handlung ernst. ... Topographisch zentrierte Geschichtsschreibung leitet sich primär aus dem Gegenstand ab und nicht aus der Absicht, eine »trockene Geschichte« mit ein bißchen Lokalkolorit oder Aroma zu versehen. Aber man schreibt ein Buch nicht, um Mißverständnisse abzuwehren, auch nicht allein der Selbstverständigung wegen. Es geht in erster Linie um die Erprobung historiographischer Möglichkeiten, um eine Revue darstellerischer Mittel, die uns erlauben, Geschichte auf der Höhe der Zeit zu schreiben, das heißt: auf der Höhe des 20. Jahrhunderts mit all seinen Schrecken, Diskontinuitäten, Brüchen und Kataklysmen. ... Wir treiben wieder Erdkunde, wenngleich nicht in einem altbackenen Sinne, denn auch die alte Erdkunde, die einmal für die »tote Natur« zuständig war, gibt es nicht mehr. Schillers Diktum von »Hart im Raume stoßen sich die Gegensätze« kommt wieder zu Ehren, ein kräftiger Schuß Materialismus kommt in die so lange um Virtuelles und Simulacra kreisenden Diskurse. Unter unseren Augen entsteht ein neuer Raum, eine neue Ordnung der Welt, während die Begriffe und die Sprache, die sie erfassen sollen, noch nicht bereitstehen. Die Zeit ist günstig, eine große, in Deutschland verschwundene und vom nazistischen Diskurs kontaminierte theoretische Tradition zurückzugewinnen. Raum ist nicht identisch mit dem nazistischen Diskurs über »Lebensraum«, »Volk ohne Raum«, »Ostraum« usf. Es gibt eine Genealogie des Raumdenkens, die älter ist und mit dem Nazismus nicht das Geringste zu tun hat. Sie ist bezeichnet durch die Namen von Alexander von Humboldt, Carl Ritter, Friedrich Ratzel und Walter Benjamin, die freilich selten in einem Atemzug genannt werden. Es ist die geschichtliche Situation nach 1989 und nach dem 11.September 2001, die dafür gesorgt hat, daß die räumlichen Aspekte des Politischen schärfer gesehen und neu bedacht werden. Wer will, kann das als spatial turn bezeichnen, aber wichtiger als die Arbeit an einer aparten Geschichte des Raums ist etwas anderes: die Erneuerung der geschichtlichen Erzählung selbst. Sie wird, bereichert um die Wahrnehmung von Raum und Zeit, die kulturalistischen Engführungen hinter sich lassen und eine Zivilisationsgeschichte ansteuern, und sie wird, nachdem der alte geographische Determinismus sich längst erledigt hat, das Denken der komplexen räumlichen Umgebungen und Zusammenhänge des Politischen wiederaufnehmen. Mehr noch: es deutet sich längst an, daß die Räumlichkeit und Verräumlichung menschlicher Geschichte zum Punkt der Reorganisation, zur Neu- Konfiguration der alten Disziplinen – von Geographie bis Semiotik, von Geschichte bis Kunst, von Literatur bis Politik – werden wird. Die Quellen des spatial turn sprudeln reichlich, und der von ihnen gespeiste Strom ist mächtig – mächtiger als die Dämme und Barrieren der Disziplinen. Kartenlesen: Dies ist kein Kapitel über die Geschichte der Kartographie, sondern eine Serie von Studien und Übungen darüber, was Karten als Formen der Repräsentation von Raum leisten und was nicht. Karten erscheinen hier gleichsam als eine andere »Phänomenologie des Geistes«, als »Zeit, in Karten gefaßt«. Für Historiker sind Karten in der Regel Hilfsmittel, während sie in Wahrheit doch viel mehr sind: Weltbilder, Abbildungen von Welt, Projektionen von Welt, für die alles gilt, was für historische Texte in der Regel auch gilt: die Kriterien der Quellen- und Ideologiekritik. Karten bilden Macht ab und sind Machtinstrumente. Jede Zeit hat ihre eigene Kartenvorstellung, ihre eigene kartographische Rhetorik, ihr eigenes kartographisches Narrativ. Es gibt nichts, was sich nicht kartographisch abbilden ließe: Krieg, Belagerung, Flucht, Pilgerwege, imperiale Herrschaft, der Geltungsbereich kultureller Werte. Aber der größte Vorzug kartographischer Repräsentation – die Abbildung des Nebeneinander und der Gleichzeitigkeit – ist offenbar auch deren Schranke: Karten bleiben statisch, können Bewegung höchstens andeuten, nicht abbilden. Karten bilden nicht nur ab, sondern konstruieren und projektieren Räume und machen so aus Räumen erst Territorien. ... Augenarbeit: Wir leiden nicht an einem Mangel an Bildern, sondern eher an einer Flut der Bilder. Das Auge muß sich gleichsam rüsten, sich in Stellung bringen, um noch unterscheiden und lesen zu können. Es geht also nicht nur um ein Plädoyer für den Gebrauch der Sinne, sondern um die Frage, wie sie geschärft werden können für die geschichtliche Wahrnehmung. Man könnte ein Geschichtsstudium streckenweise auch als Schulung der Sinne und als Augentraining absolvieren – mit Städten und Landschaften als Dokumenten. Etwas zur Anschauung bringen können ist nicht die Sache von ein paar literarischen oder rhetorischen Tricks, sondern hat zunächst einmal die Anstrengung, sich eine Sache anzusehen, zur Voraussetzung. Alles bekommt dann ein anderes Aussehen und beginnt zu uns zu sprechen: Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, die Grundrisse von Häusern. Was sonst nur als Hilfsmittel in Gebrauch ist – Kursbücher, Adreß- und Telephonbücher –, gewinnt eine ganz neue Aussagekraft, sobald sie als Dokumente sui generis behandelt und befragt werden. Sie eröffnen uns die Räume von Städten, die untergegangen sind, und führen uns die großen und komplexen Bewegungen vor, die längst angehalten oder stillgestellt sind: Choreographien des Menschenverkehrs, Drehbücher menschlicher Vergesellschaftung. Wir nehmen erstaunt zur Kenntnis, daß es einen Zusammenhang zwischen Triangulation und Daktylographie, zwischen der Vermessung der Erdoberfläche und der Körpermessung gibt – zwei Aspekte von Inbesitznahme und Herrschaft. "
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Die Migranten als Avantgarde der globalen Modernisierung |
Die Migranten als Avantgarde der globalen Modernisierung Es war Vilém Flusser, der aus Mitteleuropa nach Lateinamerika vertriebene Emigrant, der darauf bestanden hatte, in den Migranten nicht nur die passiven Opfer zu sehen, die sie oft genug waren, sondern auch die Akteure, als die sie immer noch nicht erkannt sind. «Wir, die ungezählten Millionen von Migranten (seien wir Fremdarbeiter, Vertriebene, Flüchtlinge oder von Seminar zu Seminar pendelnde Intellektuelle), erkennen uns dann nicht als Aussenseiter, sondern als Vorposten der Zukunft.» Hier kündet sich die Geburt eines neuen Geschlechts an, das aus dem «Zusammenbruch der Sesshaftigkeit» hervorgeht und sich anschickt, die Reflexe, die der Mensch sich in der Kultur der Sesshaftigkeit und des Ackerbaus antrainiert hat, abzustreifen. Veränderte BalanceAuch bei Vladimir Nabokov, einem Flüchtling der Oktoberrevolution, finden wir so gar keinen jammernden oder larmoyanten Ton, sondern eher die Arroganz des durch Emigration von allem und zu allem frei gewordenen Migranten. Der Migrant als neuer Typ! Nomadentum nicht als Schicksal, sondern als Chance! Vieles spricht dafür, dass dem so ist und dass dieses Lob des Nomaden nicht bloss ein Versuch ist, aus der Not des Flüchtlings die Tugend des zu allem freien Nomaden zu machen. Der neue Mensch ist unterwegs, und er scheint überall am Werk, wo sich in den letzten Jahren etwas getan hat. Die Zimmerleute und Ölarbeiter in den Golfstaaten kommen aus dem indischen Bundesstaat Kerala oder anderen Rekrutierungsgebieten in pakistanischen Städten. Thai-Arbeiter findet man in den Ölländern am Golf, auf den Baustellen von Singapur, in den Fabriken von Taiwan, in den Klubs von Tokio und Yokohama. Schon heute sind die amerikanischen, kanadischen oder australischen Universitäten ohne den Zufluss von chinesischen oder koreanischen Talenten nicht mehr vorstellbar. Schon heute stellen Inder eine überwältigende Zahl der Unternehmer in Silicon Valley. Tausende von skilled transients aus den Ländern der früheren Sowjetunion haben ihren Weg in die internationale intellektuelle Zirkulation genommen, Zehntausende von jüdischen Wissenschaftern aus der früheren UdSSR sind in Israel «geparkt». Die Migration hat Folgen für die Aufnahmeländer, sie verändert die ethnische, sprachliche, kulturelle Balance. Migranten sind beweglich. Sie sind - wie das Beispiel der Hugenotten, der Juden, der Armenier, der Inder in Ostafrika oder der Hongkong-Chinesen zeigt - die Avantgarde der Innovation und Modernisierung. Refugee mentality ist ein Plus, nicht ein Defekt. Die Migranten sind es vor allem, die Innovationen, risikoreiche Unternehmen initiieren. Auf sie ist die Rolle, die Max Weber den Protestanten bei der Entstehung des modernen Kapitalismus zugeschrieben hatte, übergegangen. In ihnen mischt sich die Situation des Neu-und-ganz-von-unten- anfangen-Müssens, des Traditionsbruchs, mit dem Improvisierenkönnen, mit der Fähigkeit, eine Zeitlang in Provisorien leben zu können. Nachkriegs-Westdeutschland, aber auch Korea mit seinen Millionen von Kriegsflüchtlingen sind Beispiele für gelungene Modernisierung, die auf Entwurzelung basiert. Innovation, Improvisationsfähigkeit, ethnisch und kulturell bedingte Kohäsion der jeweiligen Diaspora, Elastizität, Anpassungsfähigkeit und Durchsetzungskraft und nicht zuletzt Vielsprachigkeit - all das macht die Migranten zu den idealen Agenten sozialer und kultureller Modernisierung. Schon heute sind sie das Rückgrat der wachsenden Gemeinde von transnationals, ohne die die global cities mit ihrer globalen Ökonomie nicht funktionieren würden. Migranten verdienen Geld, viel Geld. Die Geldtransfers machen in einigen Staaten wie zum Beispiel Pakistan heute schon einen grossen Teil des Nationaleinkommens aus. Erst recht nicht unterschätzen darf man die molekularen kulturellen Transfers und Modernisierungseffekte, die mit jeder neuen Reise, mit jeder Rückkehr nach Hause, mit jedem neuen mitgebrachten Geschenk bewirkt werden. Sie sind die Zersetzer auch der Milieus, aus denen sie kommen. Sie kommen aus den Städten, in denen sie arbeiten, zurück in die Dörfer, die sie verlassen haben. Aber sie werden nichts so lassen, wie es war, als sie fortgingen. Wider die alten HierarchienDas patriarchalische System, das seit Urzeiten geherrscht hat, bröckelt und stürzt, je länger die Abwesenheit des Familienoberhaupts andauert, unweigerlich ein. Die Migration unterminiert unweigerlich die alten Hierarchien und Autoritäten. Sie setzt die Herkunftskultur dem Vergleich und dem Druck der Ankunftskultur aus und zwingt die Migranten, sich in beiden zu bewegen und zu Bürgern der Welt im buchstäblichen Sinne zu werden. Die modernen Verkehrsverhältnisse haben Pendelbewegungen und eine Art ubiquitärer Existenz möglich gemacht, die es erlauben, je nach Lage der Dinge, der Konjunktur den Lebensmittelpunkt zu wählen - und sei es die Wahl zwischen Hongkong und Kalifornien. So steht am Ende ein nach Millionen zählender neuer Phänotyp, der mühelos in beiden Welten lebt. Es ist kein marginales Phänomen. Man sehe sich nur in seiner Umgebung und unter seinen Bekannten um: Die transnationale Pendelbewegung, die wie selbstverständliche Kommunikation selbst über grosse Entfernungen hinweg, ist Teil unserer Alltagsroutine geworden, so sehr wie die gemischten Gesellschaften in unseren Grossstädten. Es braucht nicht romantisiert zu werden, was schon da ist, und es bedarf keines Kitsches, um die Reibungen, die damit gegeben sind, zu entschärfen. Je mehr die Welt in Bewegung und die Menschenströme im Fluss sind, desto wichtiger ist der Halt, der in stabilen und festen Institutionen liegt. Das Lob der Migranten ist daher ohne Lob der Ordnung nicht zu haben.
Studium der Philosophie, Osteuropäischen Geschichte, Soziologie und Slavistik an der Freien Universität Berlin und der Staatlichen Lomonossov-Universität in Moskau, 1982 Promotion, 1990-1994 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, seit 1996 als solcher an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt 2004; Georg-Dehio-Preis des Deutschen Kulturforums östliches Europa 2004. Veröffentlichungen u.a.Hrsg., Wegzeichen. Die Krise der russischen Intelligenz, 1990 Der Große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917-1941, 1994 Berlin Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche im 20. Jahrhundert, 1998 Moskau lesen. Die Stadt als Buch, erw. Neuausgabe 2000 Promenade in Jalta und andere Städtebilder, 2001 Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang, 2002 Petersburg. Das Laboratorium der Moderne 1909-1921, 2002 Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, 2003 Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte, 2005 Gefördertes ForschungsvorhabenMoskau 1937. Terror und Normalität. Ein Jahr im Leben der sowjetischen Hauptstadt
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