THEATER

 

 

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THEODOR FREY    
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AUSGEWÄHLTE SCHAUSPIELE

NORA  I BRAND  -   IBSEN
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HILDA  - MARIE DIAYE
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ZUR ÜBERSICHT DER DRAMATIKER UND DICHTER

Marielusie Fleißer im Stück von Kerstin Specht

 

 

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G

Vom offenen Geheimnis

K

Kunstsplitter

Z

Zeitsplitter

 


  THEATER IN MÜNCHEN


 

 



Wie sich der Sonne Scheinbild in den Dunstkreis

Malt, eh' sie kommt, so schreiten auch den großen

Geschicken ihre Geister schon voran.

Und in dem Heute wandelt schon das Morgen!

Schiller

 

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IBSEN 

"Ich glaubte die Wahrheit sein Schönheit an sich"

"Den Lebenseiligen hat Ibsen viel Aufmerksamkeit gewidmet, ihre Wege begleitet, ihre Schritte verfolgt und manches Mal versucht, in ihren Herzen und traurigen Seelen ein Licht anzuzünden. Das schreckliche Licht der Erkenntnis und das unerträgliche Licht der Wahrheit. So manche Figur starb in diesem Licht oder zog sich lichtscheu wieder ins Dunkel des Inneren zurück. Genau dahin hat Ibsen seine literarische Reise unternommen. Hier ruhen all seine Motive, tief im Inneren der vereinsamten Menschen sind sie bei ihm zu Hause."

"Mit seiner analytischen Technik trat Ibsen mitten hinein in die historische Krise des modernen Dramas. Seine Weltbeschreibung schockierte und brachte Stürme gegen sich auf.  Er brachte das Verdrängte zum Vorschein, die Kreuzungs- und Knotenpunkte irregewordener Lebens- und Familiengeschichten. "

"Vor den 'Umrissen einer düsteren, in gleichmäßigen Regen getauchten Fjordlandschaft' sitzt man bei Ibsen in den schönen Stunden beisammen. Und dann beginnt ein jeder, von der Vergangenheit zu sprechen - immer mehr von der Vergangenheit als von der Gegenwart, denn alles liegt im Vergangenen beschlossen, scheinbar versiegelt und wird nun wieder wie ein dunkler Schatz gehoben. Dann wird die Zeit selbst sichtbar und die immer wieder so benannten 'langen Jahre' und das 'verpfuschte Leben'."

Yvanne Gebauer in der SZ  vom 9.10. 2006 bei der Vorstellung des Buches von Aldo Keel: Ibsen für Eilige, Aufbau Verlag, Berlin 2006. 221 Seiten



Bisher gesehen

EIN VOLKSFEIND                                     

HEDDA GABLER

WENN DIE TOTEN ERWACHEN

DIE FRAU VOM MEER

BAUMEISTER SOLNESS

BRAND

 

Regie:

Thirza Bruncken (2000)

Elmar Goerden (2001)  -  Amelie Niermeyer (1995)

Peter Zadek (1991)

Thomas Langhoff (1989)

Peter Zadek (1983)

Thomas Langhoff (2006)

IBSEN

NORA

18.1.2004 Schaubühne am Lehninerplatz Berlin in den Kammerspielen in der Maximilianstraße

 

Regie  Thomas Ostermeier

 

Bühne  Jan Pappelbaum
Kostüme  Almut Eppinger
Musik  Lars Eidinger

 

Anne Tismer (Nora)

Jörg Hartmann (Rechtsanwalt Helmer)
Lars Eidinger (Doktor Rank)
Jenny Schily (Frau Linde)
Agnes Lampkin (Au-pair-Mädchen)
Kay Bartholomäus Schulze (Rechtsanwalt Krogstad)

 

 

Artikel aus der Berliner Morgenpost Online vom 13.04.2003

Von Reinhard Wengierek

Atemlos


Sie fasst dein Herz und lässt es nicht mehr los: Anne Tismer, das Wunder der Schaubühne


Nora sehen wir kommunistisch." Ganz selbstverständlich gibt Anne Tismer diesen Satz zu Protokoll. Tatsächlich steht im Kommunistischen Manifest, die Bourgeoisie würde "kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig lassen als die gefühllose bare Zahlung". Es sei dahingestellt, ob Henrik Ibsen das Pamphlet von Marx und Engels kannte, als er "Nora" 1879 schrieb. Doch spielt Geld in dem Stück eine Hauptrolle. Und am Geld zerbricht letztlich Noras Ehe.

In der Schaubühne ist Anne Tismer die Nora (Regie Thomas Ostermeier): Auf den ersten Blick eine Society-Barbie im Designer-Chic. Doch entpuppt sich das Weibchen als Frau mit bitterernsten Ansprüchen jenseits von Prada und Penunze. Übermächtig ihr Verlangen nach Herzensglück; sie wird krank, als es ausbleibt.

Anne Tismer ist eine Schauspielerin, deren Figuren sich traumverloren entrücken können und trotzdem imstande sind, nüchtern Realitäten zu kalkulieren. Tismer ist eine Schauspielerin für enorme Spannungsbögen und faszinierende Ambivalenzen. Was auch mit ihrer Herkunft zu tun haben mag:
1963 in behütete Wohlhabenheit hineingeboren, war es ihr frühzeitig wichtig, nicht auf diese Sicherheit zu bauen, sondern selbst für "festen Boden unter den Füßen" zu sorgen:
"Ich habe zwei Semester Jura und Sinologie absolviert, um Diplomatin zu werden und reisen zu können. Ich wollte unter Leute; schon während der Hamburger Schulzeit empfand ich das ewige Alleinsein am Schreibtisch beim Lernen als zermürbend."

Dennoch keimten Zweifel an einer Diplomaten-Zukunft. "In meiner Schülertheatergruppe hatte ich eine Freundin, die Schauspielerin werden wollte und schon einige Aufnahmeprüfungen hinter sich hatte. Ich fragte, ob sie mit mir Rollen einstudiert. Dabei dachte ich nie, dass mich irgendeine Schule nimmt. Ich dachte nur, es ist auf jeden Fall genau das Gegenteil von "allein am Schreibtisch sitzen'".

Also Schauspielerei. Eine Bewerbung weit weg von Hamburg in Wien am Max-Reinhardt-Seminar. Heimlich. Hat gleich geklappt. Dann der Berufseinstieg: An einem 99-Plätze-Theater in der Wiener Drachengasse. Später das Herumziehen in der deutschen Provinz. Als Muse von Jürgen Kruse, einem Skandal-Regisseur mit surrealen Bühnen-Séancen. Im Kruse-Theater zwischen Freiburg und Bochum galt sie als "Oberhexe des Manierismus" (Kritiker). Immerhin, das Hochraffinierte, das Kapriziös-Exorbitante, das Nixen- und Nymphenhafte zählt auch zu Tismers Talenten. Doch sie weiß, wann Schluss sein muss mit Manien. Also auf zu neuen Ufern.
Wieder zog Anne Tismer ein Jahrzehnt lang herum. Doch jetzt im Festspiel-Starbetrieb zwischen Wien, Zürich, Salzburg mit berühmten, aber immerfort wechselnden Regisseuren (Bondy, Castorf, Marthaler, Stein) und Kollegen (Lohner, Sander, Voss). Und in schönen, großen Rollen.

Alles bestens, müsste man meinen. Wären da nicht die zwei Seelen, ach, in Tismers Brust: Die ums Gesicherte besorgte, die aufs Ungesicherte neugierige. Dazu die Befürchtung, sich im einen oder anderen zu verlieren. Etwa im Herumziehen. In der unstimmigen Balance zwischen Ruhe und Bewegung, Vertrautheit und Fremdsein. "Ich stieß mich daran, an irgendeinem Theater immer "die von Draußen' zu sein."

Also festen Boden, festes Dach. Also Berlin. "Hier lassen mich die Nachbarn in Ruhe, ich mag Distanz, bin Einzelgängerin." Die Metropole und die Kreuzberger Kiezigkeit. "Berlin ist meine Stadt. Hier habe ich das Gefühl, angekommen zu sein." Schon wegen der Schule für die halberwachsene Tochter von Ehemann Robert Hunger-Bühler. Vor allem aber wegen der Schaubühne. "Als ich ein paar Arbeiten von Thomas Ostermeier gesehen hatte, wollte ich nirgendwo anders hin. Vollkommen geplättet war ich von seiner Inszenierung "Personenkreis', einem drastischen Report über sozial Deklassierte. Doch nie hätte ich mich getraut, mich selbst zu bewerben." Sagt eine, die von Peter Stein auf Händen getragen wurde. "Als dann Ostermeiers Angebot für ein Engagement kam, sagte ich sofort "ja'. Damit bin ich sehr glücklich." - Glücklich mit der Einheitsgage, jenem Rest kollektivistisch-revolutionärer Romantik, mit der Schaubühnen-Vorliebe für kommunistische Theorie sowie der Lust, immer wieder Ideale oder Utopien auszuforschen.

Kritiker schreiben über die Glückliche, auf der Bühne sei oft etwas Unheimliches um sie. Man wisse nie, was sie als nächstes tun wird. Für ihre Nora, eingeladen zum Berliner Theatertreffen, kriegt sie den Schauspiel-Preis 2003 des Deutschen Kritikerverbandes.

Anne Tismer sagt, es ginge in "Nora" um die "unmenschliche Ordnung", in der auch wir heute leben. Dabei ist es die ewige menschliche Unordnung. Daran geht Nora, eine verstörend Naive, knallharte Extremistin, anrührende Idealistin in einem rasenden Crescendo zugrunde: In der Wut über ihre Geld- und Gefühlsverhältnisse stürzt sie sich - entsetzlich komisch -in ein Großaquarium mit Goldfischen, steckt wassertriefend eine Pistole in den Mund, um sie - blitzschneller Sinneswandel - auf ihren ihr fremd gewordenen Mann zu richten. Peng, peng! Er fällt tot zu Boden, sie fällt in sich wie ein nasser Sack.

Dieses Aufbäumen und wie von Sinnen immer tiefer Stürzen in Ausweglosigkeit, diesen Zerfall von Lebenslust in Zerstörungsfrust spielt die Tismer wie außer Atem in zwei Stunden voller Schrecken und Schönheit. Angesichts solcher Wirkungsmacht - jede Vorstellung ist ausverkauft - befremdet, dass diese Schauspielerin sich selbst eher für "schwer", "unfrei", "autistisch" hält. Immer diese Selbstzweifel, nicht zu genügen. Und dann doch immer wieder Großartigkeit.

Vermutlich sind es diese Erdungen in Skepsis und Angst, innere Widerhaken, über die Anne Tismer hinaus muss. Um zu jener souveränen Leichtigkeit zu finden, mit der sie abgründigste Brüchigkeiten ihrer Figuren offenbart. Und uns unheimlich fest ans Herz fasst.

So sind die Wunder der Schauspielkunst.

 


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IBSEN

BRAND


Brandstifter unter Biedermännern

Thomas Langhoff inszeniert am Residenztheater Ibsens Gottsucher-Stück "Brand"

"Ist das jetzt großartig oder grauenhaft?", fragt mitten im fünften Akt der Schulmeister. Das steht natürlich nicht im Text. Aber Robert Joseph Bartl, der den Lehrer spielt, als sei er ein Clown, setzt diesen Satz dennoch mit glutäugiger Ironie ans Ende jener Szene, in der Brand, der gottbeseelte Eiferer, seine Gemeindeschelte mit einigem Fanatismus ins Publikum schleudert und ihn das aufgeputschte Dorfvolk auf den Schultern abträgt. Bartl dürfte so manchem Premierenbesucher aus der Seele gesprochen haben.

Denn es bleibt auch nach dieser Aufführung im Münchner Residenztheater ein durchaus zweifelhaftes Unternehmen, das Stück "Brand" wieder aus der Versenkung zu holen. Thomas Langhoff, der ausgewiesene Ibsen-Spezialist, aber tat es. Und da sich Ibsens frühes Drama von 1866 (in der "Faust"-nahen Vers-Übersetzung von Christian Morgenstern) um die Themen Schuld, Erbsünde und absolute Identität mit sich und Gott dreht, da von Dornenkrone die Rede ist und die Titelfigur als Prediger, Heilsversprecher und Märtyrer daherkommt, kam dem Regisseur - obwohl doch eher atheistisch orientiert - der Abend vor Karfreitag als Premierentermin gerade recht. In diesem Fingerzeig Langhoffs allerdings steckt genau ein Funken jener Unaufrichtigkeit, die Ibsens Pastor Brand als billige Gottgefälligkeit geißelt.

Doch das nur am Rande. Was mag Langhoff und das Bayerische Staatsschauspiel tatsächlich dazu bewogen haben, dieses Stück zu spielen? Wohl kaum die Tatsache, dass hier in sechs Wochen mit "Baumeister Solness" schon der nächste Ibsen über die Bühne geht. Eher die zeitkritische Nähe des Dramas zu unserer Gegenwart; der Zorn, der sich dagegen richtet, dass sich die Menschen Gott auf ihr bequemes Maß zurechtstutzen; aber auch, dass sie anfällig sind für den Fanatismus eines Hass- und Heilspredigers wie Brand. Vor allem aber - und das ist Langhoffs Fach - die Beziehung der Eheleute und ihre Liebe, die der Pfarrer seinem Credo "Alles oder nichts" hingibt. Brand, sein Name ist Brand. Es brennt in ihm. Ein Held im Glauben, gefürchtet in seiner Unerbittlichkeit, bewundert in seinem Mut und der Fähigkeit, den Menschen ins Herz zu schauen. Erbarmungslos und selbstgerecht, ausgestattet mit dem Pathos des Wollens - so tritt dieser Brand an, gegen die Beliebigkeit zu kämpfen. So opfert er das Leben seines Kindes, das seiner Frau und sein eigenes. In Stefan Hunstein hat Langhoff einen Brand, der klug mit den - wenn auch gewaltig zusammengestrichenen - Texttiraden umzugehen weiß; der sich die schnelle und wohlfeile Aktualisierung dieser Figur versagt; der sie in ihrem Gotteskriegertum, ihrer Faschismus-Nähe, aber auch in ihrer Traurigkeit zur Diskussion stellt.

Hunsteins Pfarrer ist ein Brandstifter unter den Biedermännern. Wie eine sich selbst verzehrende Fackel steht er immer wieder kerzengerade und unangefochten in diesen ewigen Eisbrocken, mit denen Stefan Hageneier sehr poetisch und symbolistisch die Bühne ausgestattet hat. Aber auch Hunstein kommt nicht ungefährdet über Ibsens Monologberge hinweg. Am besten ist er daher immer in den sehr scharf geführten, direkten Auseinandersetzungen. Etwa mit dem Landrat, von dem der großartige Rainer Bock eine sehr treffende, komische, weil übliche Politiker-Type zeichnet. Oder mit dem Propst, dem der ausgezeichnete Ulrich Beseler gefährliche Jovialität verleiht. In solchen Streit-Dialogen offenbart sich Langhoffs ganzer Reichtum der Schauspielerführung. Am schönsten allerdings in den Eheszenen. Sie und vor allem Agnes sind der Kern dieser Inszenierung: der dritte und vierte Akt, im Pfarrhaus, ein mehrere Jahre umfassender Zeitraum, mit kurzen Blackouts als jeweilige Zäsur. Über den Tod des Kindes und Brands Verbot, über diesen Verlust zu trauern, ja, dass er sie am Weihnachtsabend zwingt, einer Bettlerin Taufkleid, Mäntelchen und alle anderen Erinnerungsstücke herzuschenken - darüber kann Agnes nicht hinweg. Beim "Gute Nacht"-Sagen wartet sie noch einmal auf Trost von Brand. Sein Blick aber ist nur in die Ferne gerichtet.

Dass Agnes sich hier in den Tod verabschiedet hat, erfährt der Zuschauer einen Akt später. Eine junge Schauspielerin stellt sich in dieser Rolle erstmals in München vor: Stephanie Leue. Wunderbar in ihrer altmodischen Verhärmtheit und Genügsamkeit, ihrer trostlosen Fraulichkeit, ihrem plötzlichen Aufleuchten, wenn sie sich das tote Kind vergegenwärtigt. Wie sie sich, leicht gebeugt, nach innen gekehrt, allmählich loslöst von Brand, um ihre Liebe zu ihm zu retten, sehr unspektakulär und immer ganz bei sich - das ist das Herzstück der Aufführung und das Glanzstück des Abends. Das lässt einen den wenig gelungenen Anfang und die musikalische Berieselung getrost vergessen. Und auch darüber hinwegsehen, dass fürs Finale Langhoff nicht mehr eingefallen ist, als Ibsens ausführlichen Fantastereien und Traumerscheinungen zu streichen und Stefan Hunstein unverständlich brabbelnd durch die Eisgletscher humpeln zu lassen. Und kein Theatergott, der - wie von Ibsen gewollt - eine Lawine schickt.


VON SABINE DULTZ

 

 

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Gerhart Hauptmann

1912

VOR 

SONNEN-

 UNTERGANG

 

Ausschnitt aus einem Foto von Andreas Pohlmann

Helene - Julia Jentsch  

Hoffmann - Michael Neuenschwander  

Carl William - Murali Perumal   

Alfred Loth - Stephan Bissmeier  

Regie:   Thomas Ostermeier   

Licht: Max Keller

 

"Es kann einem bei dieser überraschend dringlichen Version von 
    'Vor Sonnenaufgang'   
so manches Licht aufgehen. Bevor es dunkel wird." (Tagesspiegel)

 

Weblog Menschenrechte

"Ein gerechtes Ziel lässt sich nicht mit ungerechten Mitteln erreichen"
(Petra Kelly)  

 

Zu attac - münchen ...

Julia Jentsch und Stephan Bissmeier

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 Marie NDiaye                                                                                                                                                           Hilda
Vereinnahmung
Juliane Köhler total Thomas 
Loibl
Hilda muß ihre Identität aufgeben, um ganz in ihrer Arbeit aufzugehen, die ihr Privatleben immer weiter vernichtet;

gesehen in:

Das Kunstseidene Mädchen (Irmgard Keusch)

Frank ist die Arbeitskraft des wilden Kapitalismus, für den Markt nur interessant, solange seine Arbeitsfähigkeit intakt ist, aber schutzlos, sobald er sich verletzt;

gesehen in:

Das Spiel vom Fragen
(Peter Handke)
Regie Elmar Goerden
Parzival

Hedda Gabler (Ibsen) Madame Lemarchand hat es nicht nötig zu arbeiten, doch ihre Beschäftigungslosigkeit mündet in ein Gefühl der eigenen Überflüssigkeit. Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia
(Botho Strauß)
Drei mal Leben (Yasmina Reza)

 Torquato Tasso
 
(Goethe)

Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia
(Botho Strauß)

"Ein Kobold, ein Gespensterchen, ein zappliger Irrwisch - aber mit Nylonbeinen: eine oxydgebleichte Salontussi im Glitzermieder, wohlgefüllt mit apfelrundem Weiberfleisch, gemacht, die Männer zu kirren. Aber dann zischt und knurrt und faucht ihr Mundwerk, das aufklappend vorstößt, männliche Jammerlappigkeit kaltweg nieder. Das bebt und lodert und ballt die Fäustchen und schraubt sich in den Haß mit flatternder Bauchdecke, immer auf dem Sprung, - ja wohin? Aus sich heraus. Exaltation." So beschreibt Michael Skasa die hochbegabte Schauspielerin.

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Onkel Wanja

Deutsch von Werner Buhss

Ein Theatersommerfest, so beschwingt, dass man federnden Schritts das Theater verläßt

Es spielen
Helga Grimme
Sunnyi Melles
Elisabeth Rath
Anna Schudt
Rainer Bock
Thomas Holtzmann
Stefan Hunstein
Helmut Stange

Regie
Barbara Frey

Barbara Frey über Tschechow

Weitere Arbeiten von Barbara Frey am Bayerischen Staatsschauspiel

Endspiel von Beckett

Phädra von Racine

Tschechow

Sunnyi Melles spielt Tschechow, zum esten Mal. Und zum ersten Mal steht sie damit, als Jelena auf der Bühne des Residenztheaters. Mit dem Herzklopfen, das ihr stets die "Symbiose mit dem Publikum" verursacht. Es ist ein Zusammentreffen von Neuem und Bekannten. Obwohl sie im Dornschen Theaterkosmos das letzte Mal in "Cymbelin" zu sehen war, in den Kammerspielen, bevor diese Ende 1999 wegen Renovierung geschlossen wurde, fühlt sie sich dem Ensemble zugehörig. Das hängt mit Dorn und Ruckhäberle zusammen, die den jetzigen Auftritt auch einfädelten, aber auch mit Kollegen, die sie von früher kennt. Thomas Holtzmann etwa, der nun ihren Professoren-Gatten spielt. Oder Helmut Stange, der einst ihr Sprechlehrer war.  ...

Mit Barbara Frey sieht sie sich am Beginn einer neuen, wunderbaren Freundschaft, einer vielleicht wiederholten Zusammenarbeit. ... Sie liebt die Probenarbeit mit Barbara Frey. Die die acht Schauspieler in Einklang brachte, mit viel Musikalität ungeahnte, neue Dinge aus Melles zu Tage förderte, die stets die Individualität zuließ, ja förderte, diese aber auch einbaute in die Achterseilschaft.

Die Zeit läuft dem Professor Alexander davon, weshalb die Neckereien mit seiner so viel jüngeren Frau in einer Wolldeckenschlacht ausartet, bis Jelena nachts allein zu schollernden Rachmaninoff- Akkorden einen eckigen Verzweiflungstanz vollführt. Sunnyi Melles macht aus ihrem Bühnencomeback das komödiantisch übersteuerte Furioso einer Zappelphilippine, und doch gelingt ihr das Porträt einer hochnervösen Frau, die ihre Sehnsüchte nicht zu leben wagt. Im blassblauen - blassrosa - blassgrauen Seidenfähnchen zu knöchelhohen Sneakers staks und stiefelt sie über die Bühne und verzaubert alle mit dem androgynen Charme eines Weibsteufelkumpel- weibchens. Einmalig ihre Schlangenmenschennummer, als sie hinterm Rücken den Lippenstift aus der Handtasche angelt, um sich die Lippen nachzuziehen. Gerade versucht sie tollpatschig und wie ein scheuendes Heißblut Astrows Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch der, bei Stefan Hunstein ein vernagelter Öko-Stoffel, fällt über sie her wie über einen knusprigen Grünkernbratling, bis sie wie abgefressen vom Steh-Quickie davon humpelt. ...

aus der SZ von 28./29. Juni 2003 von Christopher Schmidt

 

Barbara Frey über Tschechow

 

Das Allererste, was mir einfällt auf die Frage, warum mich Tschechow so fasziniert, ist, dass er so unglaublich genau ist in seinem Blick auf die Menschen. Er franst nicht aus, sondern bleibt immer ganz dicht dran. Darin besteht seine Ähnlichkeit mit Beckett. Wie Beckett beschreibt Tschechow die Unfähigkeit zum Nihilismus. Das ist ja das alte Missverständnis: Bei beiden geht es nicht um den Nihilismus, sondern um die Unmöglichkeiten, ihn zu leben. Zum anderen ist mir Tschechow so nah, weil er - wahrscheinlich weil er ja Arzt war - Tod und Krankheit ganz genau kennt, die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des Lebens und die Kostbarkeit, die es darum besitzt.

Für mich ist Tschechow extrem präsent im Alltag. Ich bin regelrecht infiziert von ihm, weil ich gar nicht glauben kann, dass es ihn nicht mehr geben soll, so vital, wie er ist, und sich immer wieder von Neuem revitalisiert. Er ist uns zugleich ganz nah und trotzdem ganz weit weg. 1904 ist er gestorben, und in einer Hinsicht ist er wirklich von gestern. Darin, dass er vollkommen unzynisch ist und nicht locker-flockig nihilistisch daherkommt, wie das heute üblich ist. Und dann liebe ich ihn natürlich, weil seine Stücke solche Schauspielerbrocken sind, einfach toll zu spielen. Auch die Nebenrollen sind ja ganz genau und intelligent geschrieben. Er hat so viel Material für Schauspieler und umgekehrt. Und es gibt großartige Frauenrollen bei Tschechow, im Gegensatz zu Beckett, Figuren, die in die Moderne vorausweisen. Bei ihm bringen sich die Frauen eben nicht mehr um wie bei Tolstoi oder Fontane, sondern sind im Aufbruch. Vielleicht, weil wir selbst aufgebrochen sind, erkennen wir erst rückblickend diesen Aufbruch der Frauen bei Tschechow.

Tschechow ist nie gleichgültig - illusionslos, aber nie gleichgültig. Er gibt den Menschen niemals auf, lässt ihn niemals abstürzen. Auch die, die sich in seinen Stücken umbringen, werden von ihm nicht verlassen, er bleibt bei ihnen. Was ihn mit Shakespeare verbindet, ist eine Art anthropologische Konstante. Man wird immer über Tschechow sprechen, ich kann mir nicht vorstellen, dass er irgendwann nicht mehr aktuell ist, weil er sich erhebt über Modeströmungen. Er war ein Meister der Miniatur, auch das scheint mir wichtig - ihm lag die kleine Form, Erzählungen, Briefe, nicht der Roman. Er hatte nicht den langen Atem von Tolstoi - das macht ihn modern, geradezu filmisch mit seiner Schnitt-Technik. Sein aushaltender Blick auf die Menschen vergeht nicht. Wenn es so wäre, würde ich aufhören, Theater zu machen.

Barbara Frey, geboren 1963 in Basel, inszenierte in der Spielzeit 2002/03 ¸¸Onkel Wanja" am Bayerischen Staatsschauspiel in München.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2004

 

Michael Thalheimer über Tschechow

 

Was mich an Tschechow fasziniert? Na Tschechow! Jean-Louis Barrault hat einmal etwas sehr Kluges über Tschechow gesagt. Er sollte den ¸¸Kirschgarten" beschreiben und meinte: Der erste Akt - der Kirschgarten soll verkauft werden. Der zweite Akt - der Kirschgarten wird verkauft. Der dritte Akt - der Kirschgarten ist verkauft. Der vierte Akt - der Kirschgarten ist verkauft worden. Der Rest - das Leben. Das scheint mir anwendbar auf alle Stücke von Tschechow. Tschechow ist der unglaublichste und beste Beobachter der menschlichen Existenz. Es ist bei ihm immer, als seien da lauter große Kinder auf der Bühne, und man hat als Regisseur das Gefühl, selbst wieder Kind zu sein.

Was mir an Tschechow so gut gefällt, ist seine unbedingte Liebe zu den Figuren, die er nie bloßstellt, und trotzdem zeigt er die komplette Lächerlichkeit ihrer Existenz, den Versuch, das Leben in den Griff zu bekommen und dabei zu scheitern. Das meinte ich mit dem Kinder-Vergleich. Er zeigt das alles: Träumen, Kämpfen, Sehnsucht, Philosophieren, Sich-Verlieben, Sich-Duellieren, Essen, Trinken, Sterben. Zwei Zitate fallen mir ein zu Tschechow. Das eine ist der Titel eines Romans von Milan Kundera: ¸¸Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", das andere ein Beckett-Zitat. Samuel Beckett hat einmal über Tschechow gesagt: ¸¸There was never a smile like his". Tschechow ist in meinen Augen ein Wegbereiter Becketts, ein Avantgardist, der den Naturalismus auf der Bühne überwunden hat. Das ist das, was mir eineinhalb Jahre nach meiner Beschäftigung mit den ¸¸Drei Schwestern" im Urlaub spontan zu Tschechow einfällt.

 

Michael Thalheimer, geboren 1965 in Münster bei Frankfurt am Main, inszenierte in der Spielzeit 2002/03 die ¸¸Drei Schwestern" am Deutschen Theater Berlin.

 Quelle: Süddeutsche Zeitung,  15. Juli 2004

 

Luk Perceval über Tschechow

 

Olga Knipper, Tschechows Frau, sagte nach seinem Tod aus, dass unmittelbar nach seinem letzten Atemzug die Champagnerflasche, die neben seinem Bett auf dem Nachtkästchen stand, sich aus dem Nichts und mit einem plötzlichen Knall öffnete und der Korken wie eine Rakete durch die Luft flog. Dieses Bild habe ich stets vor Augen, wenn ich an Tschechow denke. Trauer und Fröhlichkeit in ein und demselben Moment vereinigt - typisch für den Schriftsteller, der seine oft aussichtslosen Observationen der Wirklichkeit ¸¸Komödien" nannte. Typisch auch für seine Figuren: Verdammt und eingeklemmt zwischen Traum und Wirklichkeit und gebückt unter der Erkenntnis, dass es keinen Ausweg gibt.

Aber es ist nicht allein seine geniale Beobachtungsgabe und sein Sinn für Ironie und Widerspruch, die Tschechow unsterblich machen. Auch nicht die ¸¸Wiedererkennbarkeit" von Menschen und Situationen. Immer wieder aufs Neue habe ich bei der Arbeit an seinen Werken das Gefühl, als ob die Figuren aus meinem unmittelbaren Familienkreis kämen. Ein Gefühl des Wiedererkennens, das jeder Regisseur, jeder Leser, jeder Zuschauer hat. Nicht umsonst lässt er mit der nötigen Selbstironie in der ¸¸Möwe" den Erfolgsautor Trigorin mit einem Notizblock herumlaufen, damit er alles, was ihm auffällt und brauchbar erscheint, aufschreibt.

Nicht umsonst hatte Tschechow oft Konflikte in erster Linie mit weiblichen Zuschauern, die sich in seinen Stücken ¸¸gebraucht" fühlten (im Sinne eines Gebrauchtwagens). Dank dieser höchstpersönlichen und privaten Randbemerkungen ist sein Werk eine Chronik unseres kollektiven Unterbewusstseins, belebt von Figuren, die wir alle irgendwann einmal getroffen haben. Aber es ist nicht nur dieser Spiegel der Selbsterkenntnis, der Tschechow so einzigartig und einmalig macht. Es ist sein ¸¸Nicht-Urteil", es sind seine ¸¸Nicht-Held / Nicht- Opfer"-Personen. Der Blick, der Geist und das Herz eines solchen Schöpfers sind erfüllt mit einer ungeheuerlichen Empathie, einer Liebe für seine Mitmenschen mit der Kraft einer sich selbst entkorkenden Champagnerflasche.

 Luk Perceval, geboren 1957 in Lommel (Belgien), inszenierte zuletzt in der Spielzeit 2003/04 ¸¸Onkel Wanja" am Het Toneelhuis Theater Antwerpen.

 Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2004

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Marielusie Fleißer

im Stück von Kerstin Specht


Doris Schade

 

Marieluise Fleißer

 

Sie schrieb gegen ihr eigenes Vergessen: Marieluise Fleißer. Jetzt erlebt sie eine zweite Renaissance. Die erste war noch zu ihren Lebzeiten, als ihre "Söhne" Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz und der kürzlich verstorbene Martin Sperr sie wieder entdeckten und ihre Stücke erneut in die Spielpläne aufgenommen wurden - ja, sogar in Ingolstadt. Ingolstadt - die Stadt, in der sie vor einem Jahrhundert geboren wurde und vor einem viertel Jahrhundert starb. Die Stadt, in der sie hochgeachtet und verachtet wurde, setzte ihr ein weiteres Denkmal: Ein Stück über die Fleißer wurde in Auftrag gegeben. Es entstand Kerstin Spechts "Marieluise". Aus der Arbeit an diesem Stück entwickelte die Autorin den Monolog "Die Rückseite der Rechnungen", der nun an den Kammerspielen unter der Regie von Regina Wenig zur Aufführung gelangt.

Specht behandelt hierin aber nicht die bloße Biographie der Autorin; es werden lediglich biographische Eckpunkte gesetzt. Es ist kein Bericht über die Ingolstädterin, sondern "Ein Bericht zu Marieluise Fleißer". Der Boden der Realität wird verlassen, eine künstlerisch ausgestaltete Figur wird geschaffen. Und diese steht neben der Autorin Fleißer, sie wird ihr auf dem Theater zur Seite gestellt.

Unsicher betritt Doris Schade den Raum. Kalt bleckt er ihr entgegen. Kaum Mobiliar: ein Sessel, ein Schrank, ein Schreibtisch, auf dem ein Glas Wasser und ein Aquarium stehen. Letzteres hebt sich ab, will sich nicht so recht einfügen. Das Aquarium bleibt der einzige nicht funktionale Gegenstand im Raum, der durch graue Wände gekennzeichnet ist. Sie nimmt alles in Augenschein, dann beginnt sie zu erzählen - von ihrer Kindheit: "Ich mache selbst Theater". Puppentheater: Untergang der Titanic. Sie erzählt von ihrer Internatszeit, von ersten Begegnungen mit Männern, Soldaten. Es herrscht Krieg. Und heimlich schreibt sie unter der Bettdecke; flüchtet in eine Unterwasserwelt, schreibt sich frei. Doris Schade besitzt ein großes Gespür für die Feinheiten des Textes. Durch austarierte Gestik und Mimik schafft sie es Kontakt mit dem Publikum zu halten.

Brecht - der Stein im Schuh, der die Ingolstädterin nicht mehr gehen lässt. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Kreise zieht, so hält Brecht die Fleißerin in seinem Bann. Wenn sie von ihm spricht, versinkt Doris Schade im etwas zu großen, schwarzen Ledersessel. Die Beine sind zu kurz um den Boden zu erreichen. Es hat etwas Naives, wenn sie auf der Lehne mit ausgestreckten Beinen sitzt und von diesem Mann schwärmt, von dem sie nie losgekommen ist. Er verhalf Fleißer zum großen Durchbruch und verursachte als Regisseur ihrer "Pioniere in Ingolstadt" einen Skandal, durch den sie sich den Hass ihrer Heimatstadt zuzog. Zu ihm flieht sie und vor ihm flieht sie; unter anderem in die Arme des Tabakhändlers und Donauschwimmers Bepp Haindl. Und sie ist wieder dort, wo sie aufgebrochen war: in Ingolstadt, "angespuckt von der Welt". Sie hat kaum mehr Zeit zu schreiben - sie ist jetzt Geschäftsfrau - und wenn, dann auf die Rückseite der Rechnungen. Dann: Schreibverbot. Schade dreht sich im Kreis. Ein Tanz mit der Donau. "Ich tanze in die Ärmel einer Zwangsjacke."

"Wen ich einmal sehe, den weiß ich", schrieb Marieluise Fleißer. Wenn man das Stück betrachtet, bleibt das Gefühl, es gibt da noch etwas. Die Fleißer gesehen durch die Brille der Autorin, interpretiert auf der Bühne, gibt ihr Geheimnis nicht preis trotz intimer Erzählung. Die Zuschauer folgen Doris Schade. Und das nicht wegen der Geschichte, sondern der Person der Fleißerin wegen. Das Stück erschöpft sich nicht in der nüchternen Biographie, es entkleidet den Mythos nicht, sondern trägt dazu bei. Man taucht ein in die Tiefe einer Seele; doch dort tut sich eine neue Welt auf.

 

 

Die Zeit läuft dem Professor Alexander davon, weshalb die Neckereien mit seiner so viel jüngeren Frau in einer Wolldeckenschlacht ausartet, bis Jelena nachts allein zu schollernden Rachmaninoff- Akkorden einen eckigen Verzweiflungstanz vollführt. Sunnyi Melles macht aus ihrem Bühnencomeback das komödiantisch übersteuerte Furioso einer Zappelphilippine, und doch gelingt ihr das Porträt einer hochnervösen Frau, die ihre Sehnsüchte nicht zu leben wagt. Im blassblauen - blassrosa - blassgrauen Seidenfähnchen zu knöchelhohen Sneakers staks und stiefelt sie über die Bühne und verzaubert alle mit dem androgynen Charme eines Weibsteufelkumpel- weibchens. Einmalig ihre Schlangenmenschennummer, als sie hinterm Rücken den Lippenstift aus der Handtasche angelt, um sich die Lippen nachzuziehen. Gerade versucht sie tollpatschig und wie ein scheuendes Heißblut Astrows Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch der, bei Stefan Hunstein ein vernagelter Öko-Stoffel, fällt über sie her wie über einen knusprigen Grünkernbratling, bis sie wie abgefressen vom Steh-Quickie davon humpelt. ...

aus der SZ von 28./29. Juni 2003 von Christopher Schmidt

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Schöne Bescherungen

von Alan Ayckbourn


Mit: Jochen Noch, Katharina Schubert, Gundi Ellert, Michael Wittenborn, Stephan Bissmeier, Caroline Ebner, Stephan Merki, Annette Paulmann, Robert Dölle

Regie Karin Beier
Bühne Jens Kilian


Es weihnachtet sehr im Haus von Belinda und Neville Bunker: bevor steht nicht die eine Bescherung, sondern die vielen schönen Bescherungen, die Familienmitglieder einander zu machen pflegen. Onkel Harvey will den kleinen Nichten und Neffen Gewehre schenken, damit sie für das Leben gewappnet sind, Onkel Bernard möchte mit seinem alljährlichen Puppentheater beeindrucken, das außer ihn niemanden mehr interessiert, und die alkoholsüchtige Phyllis versucht, ein Weihnachtsessen zu zaubern mit einem Talent, das schon am Instantkaffee scheitert. Höhepunkt dieses grotesken Familienfestes ist die Ankunft von Clive, dem neuen jungen Freund von Rachel, Belindas älterer Schwester. Der Fremde wird zur Projektionsfigur so mancher Hoffnungen der Frauen und so mancher Ängste der Männer. Es zeigt sich, daß die schwangere Pattie sich von ihrem arbeitslosen Eddie gar nicht mehr beachtet fühlt, daß Belinda und Neville in ihrem Ehealltag schon längst keine Intimität mehr kennen und Phyllis ihre sexuellen Bedürfnisse mit Alkohol ertränkt, während Rachel noch zögert, mit ihrem neuen Freund ins Bett zu gehen. Die jüngere Schwester kommt ihr schließlich zuvor: Belinda und Clive werden bei einem unzweideutigen Rendezvous unterm Weihnachtsbaum von der ganzen Familie überrascht. Kaum ertappt, macht Clive gute Miene zum bösen Spiel und mimt im Auftrag der Familie für die Kinder den Weihnachtsmann. Als Clive sich schließlich aus dem Haus stehlen will, macht Harvey von seiner Schußwaffe Gebrauch, und das Fest der Familie endet beinahe tödlich. "Die Komödie ist die zur rechten Zeit unterbrochene Tragödie", so definiert Alan Ayckbourn seine Stücke, die von einer großen Tragikomik geprägt sind. Der englische Autor analysiert mit bissigen Humor und feinsinniger Beobachtung das alltägliche Netzwerk unserer Beziehungen. Er deckt die verfänglichen Wünsche und vergeblichen Sehnsüchte unserer bürgerlichen Mittelstandswelt auf, in der sich ein jeder in eine andere Welt hineinphantasiert und zugleich in der realen ängstlich verharrt oder gar die eigene Lebenslüge mit Gewalt gegen vermeintliche Angreifer verteidigt.

 

WOYZECK       GEORG BÜCHNER

"Und der Engel nahm das Räuchergefäß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde. Und da geschahen Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben. Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen hatten sich gerüstet und hoben an.   Offb. 8,5 f.

 

siehe Messiaen . . .

zur Aufführung im Residenztheater München . . .

 

Collage unter Verwendung des Pressefotos von Thomas Dashuber

Hier Kritiken zur Aufführung . . .