EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

Eine Kirche ist soviel als einen neuen Himmel erschaffen

"Die Rokokokirche! Sie ist wohl für jeden, der aufgewachsen ist in diesem Land vor den Bergen, der erste, mittelbare Anstoß, sich mit dem Barock und seiner Frömmigkeit auseinander zu setzen.  . . . man wird gerührt von so viel Jubel und Beglückung und lernt eine ganz eigene geistliche Geographie erspüren. Wie es hinübergeht nach Reichsschwaben bis Birnau und Zwiefalten; wie es hineinleuchtet in die Täler Tirols; wie es gegen Linz und Steyr hin ausfließt, sagen wir bis Wilhering oder bis zum Bibliothekssaal von Admont.  . . .
Bernhard Rupprecht [ Die bayerische Rokoko-Kirche, 1959] hat nun dieses Phänomen . . . begriffen von ihren zwei ganz verschiedenen Seinsweisen her: im direkten Sinn als gebaute Architektur, im indirekten als bildhafte Vorstellung der 'Kirche' als Idee. 'Eine Kirche ist soviel als einen neuen Himmel erschaffen', hat der Dießener Festprediger von 1740 ['Ich seh’ einen neuen Himmel offen', hat der Festprediger gejubelt, als 1739 das Barockjuwel im Pfaffenwinkel feierlich eröffnet wurde].  Stiltypisch erscheint so ein untrennbares Ineinander von Architektur, Stuckornament und großem Fresko, so daß die Architektur am Bild teilhat, das Bild am gebauten Raum, immer wieder die eine Seinsweise umschlägt in die andere. 

"Man darf getrost behaupten, das Münchner Barock habe sich in keinem Werk so ganz und gar, so überschwenglich und auch so präzis erfüllt wie in jener Kirche zu Sankt Johannes Nepomuk."

Wilhelm Hausenstein, Liebe zu München, S. 33

Die Asamkirche trägt den Namen "von den beiden Brüdern Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, deren erster Architekt, im übrigen Plastiker und Dekorateur (insbesondere Stukkator), aber auch Maler gewesen ist und insofern die enzyklopädische Haltung barocker Meisterschaft, die Vollmacht über das 'Gesamtkunstwerk' exemplarisch bestätigt hat.  . . . Die schöpferische Fruchtbarkeit der Brüder hat sich doch kaum irgendwo si mächtig ausgelebt wie in der Münchner Kirche, die, nach dem äußeren Format eher klein, kapellenhaft, den triumphalen Pomp des Asamschen Barock durch die strömende Begeisterung der architekturalen Führung wie des plastischen Dekors zu seiner bewegtesten, aber auch intensivsten Größe erhob."

"Die Erbauung der Kirche gehört den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts an: einem Augenblick, da die zwei, in den Vierzig stehend, die Summe ihrer Erfahrungen zu ziehen vermochten, ohne den Scheitel ihrer schöpferischen Kraft andererseits schon überschritten zu haben."

"Gleichwohl ist deutlich zu ersehen und zu verspüren, daß das Ganze seine rhetorische Kraft noch am Einzelnen tätig werden läßt; daß der ungeheure sphärische Schwung des Gesamten auch im Detail seine beinahe schwindelerregenden Bewegungen fortsetzt. Die Tragweite auch der Einzelheiten weist dann freilich sofort auch wieder ins Ganze zurück - von dessen regsamer Geschmeidigkeit allein schon der Grundriß, lebendig wie ein organisches Wesen, einen guten Begriff vermittelt."

Wilhelm Hausenstein, Liebe zu München, S. 33, 34, 35

 

 


Kirche des Johannes von Nepomuk - München Sendlingerstraße

"Es handelt sich bei diesem Stil nicht nur um Verwirklichung im Bild. Kaum zu bestimmen, wo im Barock Bild, Platik, Bauwerk aufhört und das Dasein beginnt. Die Kirche des Johannes von Nepomuk in München wächst aus einem Grund von Felsen. Einerlei, daß inmitten der Sendlinger Gasse diese Felsen künstlich sind. Sie bedeuten den allegorischen Stand der Kirche auf dem Fels. Sie bedeuten zugleich den Übergang der Kirche zur Wirklichkeit, zum Bereich der ungeformten Natur, zum Tag, zum Volk. Zwiefache Überwindung der Abstände. Die Allegorie der Kirche auf dem Fels wird naturalisiert; so handgreiflich naturalisiert, als es überhaupt geschehen kann. Allegorie und Bildwerk werden verschmolzen. Allegorie und Bildwerk werden. miteinander verklammert, zugleich in die Unmittelbarkeit der Gasse hereingezogen: zwischen Gasse, dem Alltag, dem Bürger und dem Urgedanken der Kirche Petri bleibt nicht ein Millimeter Zwischenraum. Das Barock ist ein Stil: es verschlingt das Leben. Ein Stil!  Die Gewalt des Wortes sei ermessen: trotz aller Naturalisation bleibt die Atmosphäre einer Form, und in der Sekunde, in der die Naturalisation ihr Höchstmaß erreicht, Alles in den Ablauf gemeinen Daseins hineingerissen wird, treibt sie ihre Spirale in die Sphäre waghalsiger Formalität hinauf. Die Kunst der Verführung ist bis zu ihrer letzten Vollkommenheit gediehen. Entblößung und Verhüllung sind nicht mehr zu unterscheiden. Das gemeine Leben weiß nicht mehr, wie ihm geschieht: ist es selbst die Kunst? Die Kunst weiß nicht, wie ihr geschieht: ist sie das Leben? Die Unterscheidung hört auf."

Wilhelm Hausenstein - Vom Geist des Barock, 1924, S. 117 ff.

 

 







"Das Auge erzittert: jählings zerschneidet die vorgereckte Hand eines goldenen Skeletts mit goldener Schere einen goldenen Lebensfaden, und der löcherige Blick des Todes ist schier boshaft vor lauter Ausdruck, wie die ruckhafte, die einfallende Gebärde des aus dem kuttenfarbenen Mauergrab herfahrenden Geripps willkürlich und hinterhältig ist."

Wilhelm Hausenstein, Liebe zu München, S. 37